Berliner Hörspielfestival

Der britische Komponist Dom Bouffard wählt für sein Hörstück »WW1« (hr 2015; Ursendung Mi., 21 Uhr, hr 2 Kultur) Lyrik aus der Zeit des Ersten Weltkriegs als Bezugspunkt und bettet die Gedichte in seine Komposition ein.

(…)

Ein bewegendes Zeugnis der Notwendigkeit von Kunst gerade unter den schlimmsten und menschenverachtendsten Umständen stellt »›Mein Herz schlägt zurück‹ – Die Lange Nacht der Gedichte aus Ravensbrück« (DKultur 2013; Sa., 0 Uhr, DKultur & 23 Uhr, DLF) dar, zusammengestellt von Jürgen Nendza und Eduard Hoffmann. (…) Um armenische Literaturgeschichte geht es in Daniel Guthmanns und Stepan Gantralyans Feature »›Und es brennt mein Herz tagelang‹ – Der armenische Dichter Jeghische Tscharenz« (NDR/SWR 2015; Sa., 18 Uhr, DKultur) … / Rafik Will, junge Welt

Fußnote zum Verständnis der Zeitungsmeldung: „Um armenische Literaturgeschichte“ ist sehr allgemein ausgedrückt. Die „allgemeine“ Geschichte hat auch den armenischen Dichter nicht ausgelassen. Geboren 1897 in Kars, das seit 1878 zum Russischen Reich gehörte und 1921 an die Türkei „fiel“. „Fallen“ ist ein vielseitig verwendbares Propagandawort. Über den Russisch-Türkischen Krieg von 1877/78 schreibt „Der Große Ploetz“ (Ausgabe 1998): „Rußland erhält in Asien Teile Armeniens mit Kars, Ardahan und Batum, in Europa den 1856 verlorenen Teil von Bessarabien,für den Rumänien mit der Dobrudsha (…) entschädigt wird.“ Das DDR-Pendant „Weltgeschichte in Daten“ (1973): „Rußland erhält das 1856 verlorene Gebiet zurück und annektiert Kars und Batum.“

Im Zusammenhang mit dem Völkermord an den Armeniern in der Türkei meldete er sich als Freiwilliger zur russischen Armee. Er schrieb über den Krieg und den Mord an seinem Volk. „Im Juni 1937 wurde Jeghische Tscharenz im Zuge des Großen Terrors verhaftet. Am 27. November 1937 kam er im Gefängnis des NKWD ‚unter ungeklärten Umständen‘ zu Tode.“ (Wikipedia). Das DDR-Lexikon „Literaturen der Völker der Sowjetunion“ von 1967 (laut Widmung mir von meinem besten Schulfreund geschenkt „zur Erinnerung an Deinen 18. Geburtstag“, ach ja!) verschweigt die Umstände seines Todes, das heißt es deutet sie lediglich an in der Unvollständigkeit der Lebensdaten: „1897 Karsa – 1937“. Wahrscheinlich konnte ich das 1967 noch nicht entziffern, dazu brauchte es etliche Jahre des Selbststudiums nicht in der DDR veröffentlichter Schriften. Nur eine düstere Andeutung im Lexikon: „In den letzten Gedichten T.‘ zeigt sich eine nihilist. Einstellung zur armen. Geschichte.“ Der Nihilismus wird vernichtet, die Welt wird positiv.

Ohrenreize

In einem Essay zur „Poetologie des Alltagslebens“ sprach Peter Rühmkorf von den Ohrenreizen, „nach deren Pfeifenton wir tanzen“, und erörterte jene Stilmittel, derer sich seine liedhaften Gedichte, genauso aber auch seine Briefe bedienen, insofern „gewisse Silbenwiederholungen, Zweiklänge, Reime und gelegentlich auch bloße Assonanzen einen heimlichen Schwingboden unserer Seele in Bewegung setzen“. Rühmkorfs Briefe an Reich-Ranicki sind gespickt mit lockenden Zurufen, Wortbildungen für den heimlichen Schwingboden : „Alfanzereien“, „Nonplusgehtnichtmehr“, „Kritikalien“, „Hauchestförmiges“, „Millimü“, „Leckerfetzigkeiten“, „Ffffchchchcht“, „Tollitäten“. / Volker Breidecker, Süddeutsche Zeitung 13.4.

Jan Kuhlbrodt ist ein Autor

…, der Grenzen nicht mühsam überschreitet, sondern sie gleich ignoriert. Die Grenze zwischen Lyrik und Prosa ohnehin, aber auch die zwischen Fußnoten und Haupttext, Historiographie, Fiktion und Autobiographie. Und auch vor Buchdeckeln macht er nicht Halt: Ob Kuhlbrodt Blogeinträge schreibt, Rezensionen, Reden, Erzählungen, Lyrik: immer greifen die Texte in andere, anderswo erschienene hinein und verzahnen sich miteinander, nicht zuletzt durch die in allen Texten neben dem Autor Jan Kuhlbrodt präsenten Person Jan Kuhlbrodt. So entsteht ein vielfältiges Ganzes. Sicher ist dabei, auf welchen Wegen und in welchen Gangarten auch immer die Leser mit diesem Autor unterwegs sind, dass der Weg früher oder später am Leipziger Völkerschlachtdenkmal vorbeiführt, dem Bauwerk, an dem Kuhlbrodt immer wieder und immer wieder neu das Verhältnis von Eigenem und Fremden, Geschichte und Gegenwart durchspielt.

Nicht anders verhält es sich mit dem soeben erschienen Band „Kaiseralbum“ (Völkerschlachtdenkmal: S. 28 FN 43), einem Band, der ebenso Teil dieses vielfältigen Gesamtwerkes wie auch sein Spiegel im Kleinen ist. Denn es sind in der Tat vielfältige Texte, die hier versammelt werden: Wir reisen im 13. Jh. mit Kaiser Friedrich durch Europa, gehen im 20. Jh. mit Kuhlbrodt auf eine Bildungsreise nach Rom, besuchen Chemnitz, Frankfurt und natürlich Leipzig (oder besser: die Umgebung von Leipzig), drei Orte, die für die Biographie des Autors von entscheidender Bedeutung sind. / Dirk Uwe Hansen, Signaturen

Jan Kuhlbrodt: Kaiseralbum. Berlin (Verlagshaus J. Frank) 2015. 100 Seiten. 13,90 Euro.

Trotz ist auch Trost

Zum Beispiel begegnet das lyrische Ich auf einer Hiddenseefähre dem Görlitzer Mystiker Jakob Böhme. Und wie Böhme sucht Sielaff in seinen Texten die Signaturen.

Ein solches Vorgehen erfordert Mut, weil es sich dem Diskurs der Gegenwart entgegenstellt. Denn das Gegenwärtige, das sich selbst überhöht, ist ein Ausschlussphänomen. Trotzig formuliert also der Dichter:

Will nach euch werfen mein kaputt zerbrochnes Glas
Ihr sollt nicht glauben, dass ich hätte nicht gestört.

So endet das Dritte Lied der 13 Lieder des Prinzen.

Diese trotzige Haltung wird im Band nicht überlagernd, aber ist als Grund spürbar. Als wollte das lyrische Ich, nichts aufgeben, keinen Gedanken, kein Gemälde, kein Lied, nur weil wir annehmen, es herrsche die Zeit. Trotz ist auch Trost.

Im ersten Zyklus des Bandes spielt Sielaff mit dem Reim, aber es ist kein Spiel, das allein seiner Rehabilitation dient. Manche Reime ergeben sich in den Rhythmus der Texte, auch nahtlos in die Semantik. Manche aber wirken auch wie Störgeräusche, wie etwas, dass sich gegen die Vereinheitlichung im Gleichklang stemmt. Das wirkt zum Teil irritierend, aber immer auch anregend. / Jan Kuhlbrodt, Signaturen

Volker Sielaff: Glossar des Prinzen. Gedichte. Wiesbaden (luxbooks) 2015. 120 Seiten. 19,80 Euro.

Gestorben

Einer der größten tunesischen Dichter, Ahmed Loghmani, starb am Sonntag, d. 19.4., im Alter von 92 Jahren. Sein erster Gedichtband, „cœur sur une lèvre“ (Herz auf einer Zunge), 1966, gilt als bedeutender Beitrag zur Poesie in klassischem Arabisch. Beim Sturz seines Gönners 1987 fiel er in Ungnade, und der Dichter, der für seine Oden auf Präsident Habib Bourgiba bekannt wurde, zog sich aus dem öffentlichen Leben zurück.

/ tunivisions.net

American Life in Poetry: Column 517

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

The Dalai Llama has said that dying is just getting a new set of clothes. Here’s an interesting take on what it may be like for the newly departed, casting off their burdens and moving with enthusiasm into the next world. Kathleen Aguero lives in Massachusetts.

Send Off

The dead are having a party without us.
They’ve left our worries behind.
What a bore we’ve become
with our resentment and sorrow,
like former lovers united
for once by our common complaints.
Meanwhile the dead, shedding pilled sweaters,
annoying habits, have become
glamorous Western celebrities
gone off to learn meditation.

We trudge home through snow
to a burst pipe,
broken furnace, looking
up at the sky where we imagine
they journey to wish them bon voyage,
waving till the jet on which they travel
first class is out of sight—
only the code of its vapor trail left behind.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by Kathleen Aguero from her most recent book of poems, After That, (Tiger Bark Press, 2013). Poem reprinted by permission of Kathleen Aguero and the publisher. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

Nasty, brash and haughty

IN OCTOBER 1865, a 22-year-old wordsmith living on Ashburton Place, behind the Massachusetts State House, filed what has to be one of the nastiest book reviews ever published. The volume before him was “an insult to art,” a brash and haughty Henry James told readers of The Nation, a then-months-old New York weekly. Written in free verse, each line beginning “in resolute independence of its companions, without a visible goal,” the book demonstrated, according to James, “the efforts of an essentially prosaic mind to lift itself, by a prolonged muscular strain, into poetry.”

The poet himself James found downright distasteful. “Mr. Whitman,” he harrumphed, “is very fond of blowing his own trumpet.”

Walt Whitman’s “Drum-Taps,” a collection of Civil War-themed poems, was first published 150 years ago this month, just a few weeks after General Robert E. Lee’s surrender at Appomattox and the assassination of Whitman’s idol, President Abraham Lincoln. With scenes from the army camps, paeans to Manhattan and the American flag, and stories of wartime America from a variety of perspectives, it traced the whole arc of a war with which Whitman had been intimately involved. But the poet’s ambitions were grander still — Whitman evoked a vision of the country he thought the newly reunited states should aspire to become. / Richard Kreitner, Boston Globe

Strähnen – Stränge – Fäden

Ein Buch gegen die Wertigkeiten, die den Literaturbetrieb gemeinhin ausmachen: Aber nein, es muss kein Jahrhundertroman sein, heißt es dazu im neuen Buch von Gerhard Jaschke. Es muss noch nicht einmal ein Roman sein. „Kurumba oder Die nicht geschriebenen Sätze“ ist wohltuend unaufgeregt, wenn es um die Abwehr solcher Erwartungshaltungen geht. Das Buch ist ein schlichtes Protokoll einer anderen literarischen Existenz. Diese ist nicht am Rand des literarischen Marktes angesiedelt und definiert sich auch nicht gegen ihn, sondern setzt sich selbst aus einem anderen Zentrum, nämlich von dort, wo Gerhard Jaschke seit Jahrzehntenlebt und schreibt.

Das Biotop der Wiener Zeitschrift „Freibord“, die Jaschke viele Jahre lang herausgegeben hat, ist eine der Nährsubstanzen, von der das Buch lebt. Autorinnen und Autoren, die dazugehörten (von Joe Berger über Hermann Schürrer bis Werner Herbst) oder dazugehören und der Austausch mit ihnen werden in „Kurumba“ wie selbstverständlich vorausgesetzt. Das schreibende Ich ist in eine spezielle Wiener Szene eingebunden. Mit ihr verbindet sich keine hochfahrende Erwartung, sondern eine pragmatische Sicht des eigenen Tuns. Am Schreiben zweifelt man nicht, und vor dem Schreiben resigniert man nicht. Es ist eine Aufgabe, die man übernommen hat und weiterführt. Auch mit Kurumba. Punktum.

Anstatt einer Gattungsbezeichnung gibt Jaschke seinem Buch den Untertitel „Strähnen – Stränge – Fäden“. /  Die Presse

Gerhard Jaschke 
KURUMBA oder Die nicht geschriebenen Sätze 
Strähnen – Stränge – Fäden. 180 S., geb., €18 (Sonderzahl Verlag, Wien)

Poetopie

pass auf – die ungeduldigen Wörter entwischen dir vorzeitig aus dem Mund

Hansjürgen Bulkowski

Vom Eischlupf

Vom Eischlupf, der neue, von Dagmara Kraus herausgegebene Band, beinhaltet sechs Gedichte von Miron Białoszewski, die im polnischen Original abgedruckt und von insgesamt 16 Autor/innen nachgedichtet werden. Jedes Original wird durch 7 bis 16 variantenreiche Nachdichtungen begleitet. In den Varianten kann man einen Bogen erkennen. Von den spielfreudigen, ja in ihrer Spielfreudigkeit am meisten der Idee des Originals ähnelnden Texten, wie z.B. bei Konstantin Ames, Christian Filips, Kenah Cusanit, Norbert Lange, Peter Dietze und Ulf Stolterfoht, geht es hin zu den Versuchen, die eher eine sinngemäße Annäherung und Übersetzung wagen (Sophie Reyer, Kerstin Preiwuß, Przemek Zybowski). Beide Versuche sind berechtigt, beide entfernen und nähern sich zugleich dem Original – und hier wird deutlich, warum es manchmal mehrerer Übersetzungen bedarf, um das komplexe Ganze eines Gedichts in eine neue Zielsprache zu übertragen, seine Arbeitsweise, sein Spiel, sein ironisch-absurdes Konstrukt zu vermitteln. / Adrian Kasnitz, Fixpoetry

Miron Białoszewski  ·  Dagmara Kraus (Hg.)
Vom Eischlupf

Nachdichtungen
Mit einem unveröffentlichten Brief des Dichters. 
Leipzig: Reinecke & Voß, 2015  ·  70 Seiten  ·  10,00 Euro
ISBN: 978-3-942901-16-1

Kroatische Lyrik

Kroatien – den meisten von uns fallen zu diesem Land sonnige Küsten an der Adria ein. Manche erinnern sich auch an den Krieg in den neunziger Jahren. Viele werden feststellen, dass sie eigentlich wenig über das Land wissen. An Literatur und Gedichte werden die wenigsten denken. Dabei hat Kroatien eine sehr reiche lyrische Szene: Ivana Bodrožić Simić, Branko Čegec oder Vesna Parun sind nur einige wichtige zeitgenössische kroatische Dichter, deren Lyrik ins Deutsche übersetzt wurde.

Tina Stroheker und Dragica Horvat stellen sie in der zweisprachigen Lesung vor. / Göppinger Kreisnachrichten

Mittwoch, 22. April ab 19.30 Uhr in der Stadtbücherei im Schloss Eislingen

Poesie als Störfall

Genschel setzt auf die große Verweigerung, auf die Abwehr aller gefälligen Literaturrituale, auf Poesie als Störfall. Den einzigen Weg für eine widerständige Poesie sieht sie im Gekritzel, im Durchstreichen der dichterischen Aura, in der Destabilisierung der Textautorität. Ihre Graphomanie setzt dabei auf einen extremen Minimalismus, auf die immer stärkere Skelettierung der Texte, bis fast nur noch das Weiß einer Heftseite als „Referenzfläche“ zurückbleibt.

Als 2008 ihr Debüt Tonbrand Schlaf in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung erschien, wurden ihre Gedichte vorschnell als selbstbezügliche Marotten und epigonale Aufwallungen im Gefolge Thomas Klings abqualifiziert. Seither arbeitet Mara Genschel an der Sabotage aller Üblichkeiten. Wenn sie zu einer Lesung eingeladen wird, müssen die Veranstalter mit sehr eigenwilligen Auftritten rechnen, langen Schweigepausen, gestischen Schrägheiten, koketten Performances. Bei einem Festival für experimentelle Literatur im österreichischen Linz bestand ihre Lesung mehr aus herausfordernden Blicken ins Publikum als aus der Darbietung von Gedichten. (…)

Übernimmt sie nun die Rolle der provokativen Hofnärrin im konfliktscheuen Lyrikbetrieb? Oder gleicht Mara Genschel doch eher einem angriffslustigen „Samurai“, wie Ann Cotten im Materialband behauptet? Sie erprobt jedenfalls eine ungewöhnliche Exit-Strategie, wie sie auch Bertram Reinecke in seinem einleitenden Essay zum Materialband empfiehlt: „Den Literaturbetrieb schwänzen.“ / Michael Braun, Zeit online*

Bertram Reinecke (Hrsg.): Mara Genschel Material
Verlag Reinecke & Voß, Leipzig 2015; 100 S., 12,00 €

*) Wird das nur später gedruckt oder reservieren sie auch bei der Zeit das Randständige  für das WWW?

#maragenschel, #referenzfläche, #literaturbetrieb, #verweigerung

Christine Busta

In den 1950er-Jahren hat sie sich ihren Platz in der ersten Reihe der österreichischen Lyrik erschrieben, in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre geriet sie gegenüber den dominierenden Tendenzen der sprachexperimentellen und der politischen Lyrik ins Abseits und wurde als sprachkonservative Traditionalistin wahrgenommen. Liest man ihr Werk heute neu, könnte man in ihren besten Gedichten durchaus Strukturparallelen mit den lakonisch verknappten Versen von Elfriede Gerstl oder auch des frühen Rainer [sic] Kunze erkennen.

Die am 23.April 1915 – vor 100 Jahren also – geborene Christine Busta hat die Wörter und die Grammatik der Alltagssprache nie aufgebrochen, doch sie konnte überraschende Metaphern und Wortneubildungen wie „Brotstern“, „Nimmergrün“ oder „Amselstumm“ schaffen. Jedenfalls verstand sie sich nicht als jenes Monument gegen die Avantgarde, als das sie gelegentlich von Moderne-Verweigerern verehrt wurde. Geschadet hat ihr mit Sicherheit auch, dass sie aufgrund ihrer produktiven Anverwandlung christlicher Bildwelten als katholische Dichterin rezipiert wurde – vereinnahmt von kirchlichen Kreisen, in denen ihre Gedichte allzu leicht zu Predigtzitaten verkamen, und punziert von jenen, die mit katholischen Traditionen nichts am Hut haben wollen.

Beiden Seiten sollte eine Selbstdefinition Christine Bustas in Gedichtform zu denken geben, die sich in dem aus dem Nachlass herausgegebenen Band „Der Atem des Wortes“ findet: „Ich bin eine durch/das Christentum/gebrochene Heidin.//Aber ich bin für diese/Brechung dankbar.“ Die belebte, ja geradezu personalisierte Natur kann als eine poetische Konkretisierung dieser „heidnischen“ (naturreligiösen) Einstellung gelesen werden.

Ein Schock war das Bekanntwerden von Christine Bustas Involvierung in den Nationalsozialismus durch einen 2008 im Sonderzahl-Verlag erschienenen Materialienband, in dem auch Texte aus dem Busta-Nachlass im Innsbrucker Brenner-Archiv präsentiert wurden. Busta war NSDAP-Mitglied und aus der katholischen Kirche ausgetreten, und noch am 20.Juli1944 schrieb die damals 29-Jährige an ihren Mann, den Musiker Max Dimt, einen glühenden Nationalsozialisten: „Eben erfuhr ich im 22-h-Nachrichtendienst vom Anschlag auf den Führer, und Du darfst mir’s glauben, dass ich dem Himmel danke, dass er fehlging. Es wäre wohl unausdenkbar, wenn jetzt seine Hand vom Steuer sänke!“ Zitiert man diese Briefstelle, muss man aber zugleich darauf hinweisen, dass Busta nie dumpfe Blut-und-Boden-Lyrik geschrieben oder Preisgedichte auf den Führer und den Anschluss verfasst hat, wie sie sich im „Bekenntnisbuch österreichischer Dichter“ von Gertrud Fussenegger, Josef Weinheber oder Franz Tumler finden. / Cornelius Hell, Die Presse

#christinebusta, #attentat

Gestorben

Roland Links, einer der wichtigsten Verleger der DDR, starb am vergangenen Dienstag im Alter von 84 Jahren. Das teilte der Verlag seines Sohnes, der Berliner Christoph-Links-Verlag, mit. Links wurde am 1.3. 1931 in Kotzman (Kreis Czernowitz) geboren. Seit 1954 war er Lektor im Verlag Volk und Welt, dem führenden DDR-Verlag für internationale Literatur. Er begründete legendäre Reihen wie (mit Paul Wiens und Marianne Deichfuß) die Lyrikreihe „Antwortet uns!“ und die Reihe „Spektrum“. Von 1979 bis 1990 leitete er die Verlagsgruppe Kiepenheuer in Leipzig, bis 1992 war er Geschäftsführer des Leipziger Insel-Verlags. Links hat nach 1989 die Fusion des ost- und westdeutschen Buchhändlerverbands zum Börsenverein des Deutschen Buchhandels vorbereitet. / dpa/EB

DSCI5419
#rolandlinks