Sexismus im Literaturbetrieb

Wer im deutschen Literaturbetrieb das Thema Sexismus angeht, muss schlimme Erfahrungen machen. Dana Buchzik berichtet in der taz. Auszug:

Als man mir anbot, für die Welt einen Artikel über die männlich dominierte Longlist des Buchpreises 2014 zu schreiben, war ich überzeugt, gegen etwaige Shitstorms gut gerüstet zu sein. Es würde ausreichen, den Blick in den Kommentarspaltenabgrund zu vermeiden, glaubte ich. Das tatsächliche Ausmaß der Beleidigungen und Drohungen, auch seitens Kollegen, das dem Text folgte, hat meinen Blick auf das Feuilleton und seine Debattenkultur dann sehr verändert. (…)

Einer jener etablierten Kritiker schrieb anlässlich meines Textes, er könne „im Absurditätsgrad der Behauptungen: ,Im Literaturbetrieb werden Frauen unterrepräsentiert und diskriminiert‘ und ,Die Erde ist eine Scheibe‘ keinen Unterschied erkennen“. Ein Schelm, wer die Tatsache, dass ebenjener Kritiker für Zeit.Online 6 Werke weiblicher Autoren und 48 Werke männlicher Autoren besprochen hat, voreilig Unterrepräsentation nennt! (…)

Die Reaktionen auf meinen Artikel waren wie aus dem Klischeebilderbuch abgepaust. Mich erreichten zahllose Nachrichten und Erklärungen von Männern, auch Journalistenkollegen, die behaupteten, dass mein Artikel jeder Wahrheit entbehre und nur gedruckt worden sei, weil die armen Verleger auf ihre Reichweite aufpassen müssten. Oder sie gingen gleich dazu über, persönlich zu werden: Von einem Mitglied der Buchpreisjury richtete man mir aus, dass ich mich vorsehen solle und dass ich schon sehen werde, was bei so einem Verhalten herauskomme. Man drohte mir, mich fertigzumachen. Man könne mich ganz leicht öffentlich diffamieren. Mir Steine in den Weg legen. Meine Karriere beenden, ehe sie überhaupt begonnen habe.

Ich schätze viele dieser Kollegen nach wie vor; es sind kluge, feinsinnige Menschen. Um ihre Ausfälle nachvollziehen zu können, muss man vor allem begreifen, dass im Literaturbetrieb Konkurrenzkampf nicht unbedingt auf der Leistungsebene stattfindet.

American Life in Poetry: Column 519

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Many of us have built models from kits—planes, ships, cars. Here’s Robert Hedin, a Minnesota poet and the director of The Anderson Center at Tower View in Red Wing, trying to assemble a little order while his father is dying.

Raising the Titanic

I spent the winter my father died down in the basement,
under the calm surface of the floorboards, hundreds

of little plastic parts spread out like debris
on the table. And for months while the snow fell

and my father sat in the big chair by the Philco, dying,
I worked my way up deck by deck, story by story,

from steerage to first class, until at last it was done,
stacks, deck chairs, all the delicate rigging.

And there it loomed, a blazing city of the dead.
Then painted the gaping hole at the waterline

and placed my father at the railings, my mother
in a lifeboat pulling away from the wreckage.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by Robert Hedin from his most recent book of poems, The Light Under the Door, (Red Dragonfly Press, 2013). Poem reprinted by permission of Robert Hedin and the publisher. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

Netzfund

Bildschirmfoto 2015-04-25 um 06.51.29

Verstehe ich richtig?  Ich habs mal von Bing übersetzen lassen, aber sie wollten sich nicht festlegen:

die Armeen von Jesus marschieren entlang
der Armeen von Jesus töten alles falsch
Lob das Blut von Jesus He es für uns vergossen werden
sein ein guter Soldat und schützen Götter als

Aber He! Gegenprobe bei Google ergibt auch nicht viel mehr Klarheit:

Die Armeen von Jesus entlang marschieren
Die Armeen von Jesus töten alles falsch
Lobet das Blut Jesu Er vergossen für uns
Seien Sie ein guter Soldat und Schutz Gottes ass

Hmm. Google-Suche nach „Jesus ass“ führt zur Bibel:

Tell ye the daughter of Sion, Behold, thy King cometh unto thee, meek, and sitting upon an ass, and a colt the foal of an ass.
– King James Bible „Authorized Version“, Cambridge Edition

Worauf saß Jesus, als er nach Jerusalem ritt? „upon an ass, and a colt“. Alles klar? Nein. Was sagt denn Luther dazu? Matthäus 21,2:

und reitt auff einem esel / und auff einem füllen der lastbaren eselin

Aber wieso reitet er auf einem Esel und einem Fohlen? Um das zu verstehen, muß man sich an die Theologie wenden. Die berichtet, daß 1. Matthäus an der Stelle beglaubigen will, daß Jesus der in der hebräischen Bibel angekündigte Messias ist – denn die Formel von Esel und Füllen kommt beim Propheten Zacharias 9,9 vor; und 2. daß Matthäus das Hebräisch des Alten Testaments mißverstanden hat und eine poetische Wiederholungsformel auf zwei Tiere verteilt. Das Original sagt eigentlich, der König reitet auf einem Esel, dem Fohlen der Eselin nach Jerusalem. Wenn man nichts versteht, muß man eben schmissige Lieder singen, alle Falschen töten und Gott den Arsch retten.

Gothic

Es ist alles nachvollziehbar, aber es ist auch immer ein bisschen strange. Den Duktus des Märchenhaften, des Folklorischen, auch Mythischen nehmen diese Gedichte häufig auf: »Von meinen siebenundneunzig früheren Leben / weiß ich nur noch zwei: // Ich war Kiesel in einem Flussbett / dicht am Polarkreis […] // Dann hatte ich eine Eisenwarenhandlung / in einem Vorort von Birmingham— […] // Dem Kiesel der ich nicht mehr bin / rinnen Tränen übers Gesicht« (Steinherr: Licht). Eine übernatürliche Macht ist hier im Spiel, dunkel, rätselhaft. Man gewinnt den Eindruck, man sei inmitten eines Gothic Novels der schwarzen Romantik. / Paul-Henri Campbell, Fixpoetry

Ludwig Steinherr
Nachtgeschichte für die Teetasse

Lyrikedition 2000
2015  ·  124 Seiten  ·  19,90 Euro
ISBN: 978-3-86906-695-0

Cognac & Biskotten

Der Tiroler Literaturclub Cognac & Biskotten präsentiert am Freitag, 24.4.2015, die 37.Ausgabe seines Literaturmagazins zum Thema „Armut“ im Rahmen von „Innsbruck liest 2015“. Die Zeitlos hat Chefredakteur Thomas Schafferer getroffen, um die Hintergründe der neuen Ausgabe der „Literarischen Straßenzeitung“, die als Beilage des 20er erscheint, zu erfahren.

Was zeichnet Cognac & Biskotten besonders aus?

Das Magazin sieht jedes Mal anders aus, sprich das Trägermedium worauf die Texte abgedruckt werden, ändert sich. Gerade unsere kombinierende Verbindung von Thema, Format und Präsentationsort ist, wie ich vermute, wohl weltweit einzigartig. Unser Gesamtkunstwerk soll aber immer auch einen Alltagsbezug haben. Wir verwenden daher auch Alltagsgegenstände, wie Plastiksackerln oder Lineale als Trägermedien und veranstalten an Orten, die nicht per se mit Literatur zu tun haben, aber dafür mit dem Alltag der Menschen zu tun haben.
Die spektakulärste Ausgabe unseres Magazins wurde unter dem Motto „Haltestellen & Lebensläufe“als „Die literarische Straßenbahn“ realisiert, die ein halbes Jahr durch Innsbruck und ins Stubaital gefahren ist.

Hermlin und Trakl

ARTus-Kolumne »SO GESEHEN« Nr. 674 • 25 . April 2015

von Walter G. Goes (ARTus) • Bergen auf Rügen

Zum 100. Geburtstag des Dichters Stephan Hermlin

ARTus-Z- 674 Hermlin
Zeichnung: ARTus

 

Dem Dichter Stephan Hermlin (13.4.1915–6.4.1997) bin ich bis heute zu großem Dank verpflichtet. Das im Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1975 verlegte kleine Trakl-Bändchen, versehen mit einer Auswahl von Gedichten des in der DDR bis dato arg vernachlässigten Autors, war ihm, Hermlin, zu danken.

Er war es, der den kulturpolitischen Zensuraposteln immer wieder Tabu-Autoren wie Joyce, Proust, Nietzsche und eben auch Georg Trakl abtrotzte, der unentschuldbare Literatur-Versäumnisse der schmählich agierenden Zensur entriss, so gesehen für die Leser in der DDR zugänglich machte.

Der mir damit legal vorliegende 120-Seiten-Band mit der Nummer 614 aus Reclams Universal-Bibliothek wurde zu meiner unentbehrlichen Tag- und Nachtlektüre und bildete alsbald die Vorlage für das an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee einzureichende Diplom. Ich las betroffen Gedichte, die universale Bilder des Krieges, Bilder des Verfalls aufscheinen ließen und die doch auch uns, immer noch… als Schatten einholten.

Im Nachwort fanden sich von Hermlin lakonische, fast empathielose und vielleicht von daher um so mehr Fragen stellende Sätze über einen Dichter, der mit 27 Jahren sein Leben beendete, weil er den Krieg, mitten in ihn hineingestellt, nicht mehr leben konnte, nicht mehr leben wollte und der seine Ausweglosigkeit in die Worte fasste: »Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.«

Ich konnte Stephan Hermlin 1979 meine Diplomarbeit per Post zukommen lassen, einen bibliophil aufgemachten Band mit Zeichnungen zu Trakl-Gedichten. Er revanchierte sich »mit freundschaftlichem Dank« am 2. November 1979 mit den Gesammelte(n) Gedichte(n) eigener Hand, die der Hanser Verlag in München verlegt hatte. Womöglich hielt ich ein illegal die Grenze passiert habendes Buch in Händen? Wie schrecklich!

Es sollten noch viele Bücher auf diesen und anderen Vertriebswegen folgen.

Erstmals persönlich bin ich Stephan Hermlin auf Rügen begegnet, im Theater Putbus, auf »einer literarischen Veranstaltung am Mittwoch, dem 29. April 1987«. Als Beleg hat sich eine reguläre Einladungskarte erhalten, die ich wohl vom damaligen Verlagsleiter des Reclam-Verlages Hans Marquardt erhielt, der meinen als Diplomvorlage benutzten Trakl-Band über sein Verlagsprogramm, wohl auch nicht ohne Schwierigkeiten, realisieren konnte. ARTus

Die Kolumne „So gesehen“ von Walter G. Goes erscheint in der Ostsee-Zeitung, Ausgabe Rügen. Siehe auch pomlit-Archiv.

Letztes Gedicht

Jörg Sundermeier schreibt bei Jungle World einen Nachruf auf Günter Grass und geht darin besonders auf eins der letzten Gedichte des Autors ein,

der unter dem Titel »Was nicht geschrieben wurde« ein Gedicht über Subhash Chandra Bose abliefert, »dessen Strophenfall die schwarze Göttin Kali diktierte«.

Bose, den man auch »Netaji«, also »Führer«, oder, so behauptet es Grass, »Führerlein« nannte, bildete mit Hilfe der Nazis um 1942 eine »Indische Legion«, die formell der Waffen-SS unterstellt war. In Kalkutta, wo Grass sich mehrfach aufhielt (was er in seinem schrecklichen Buch »Zunge zeigen« auch in Text und Bild dokumentierte), wird Bose sehr verehrt. Grass nun, schreibt Grass, wollte ihm ein Theaterstück oder einen Roman widmen, sammelte immer wieder Material dafür, aber: »Daraus wurde nichts. Doch immer noch tickt, was nie zu Papier kam.« (In diesem letzten Satz ist Grassens Sprachkunst zur Gänze enthalten). So blieb es bei dem Langgedicht »Netajis Weltreise«. Darin wird Boses Leben nacherzählt und Gandhi als Widerpart und »dürrer Guru« beschrieben: Boses Reisen durch die Welt und nach Deutschland, die Briten (»die khakifarbenen Herrn«) und der Kampf gegen ihre »wohlgenährten Bataillone«, dann schließlich Boses mutmaßlicher Tod im August 1945. Da »war Japans Sonne schon im Pazifik versunken,/weil atomare Pilze, zwei,/bewiesen hatten, wie total/der Zukunft Zukunft heißen wird.« Das Gedicht schließt mit Mahnung und Warnung: »Doch heut noch lebt er in Bengalen als Legende./Erzählt und auch besungen wird/das Wunder seiner Wiederkehr./Denn frisch geblieben ist der Wahn,/der ihn weltweit getrieben,/Stets sucht er Auslauf, findet neue Bahn.«

Somit ist Grass, der als Lyriker debütierte, mit einem Gedicht abgetreten.

Das Gedicht erschien in »Freipass. Schriften der Günter und Ute Grass Stiftung«, Band 1, herausgegeben von Volker Neuhaus, Per Øhrgaard und Jörg-Philipp Thomsa.

Deutsche Buchpreise

Deutsche Buchpreise gehen gewöhnlich an dicke Romane. Normalerweise handeln sie von Familien und von dem, was diese Familien mit den Nationalsozialisten oder in der DDR erlebt haben, bestenfalls mit ihrer Fremdheit in dem, was Roland Koch weiland „Leitkultur“ nannte, um eine Landtagswahl zu gewinnen. Umso ungewöhnlicher ist, dass der Preis der Leipziger Buchmesse in diesem Jahr erstmals an einen Lyrikband ging, nämlich an Jan Wagners Regentonnenvariationen. Tatsächlich ist der 1971 geborene Wagner unter den Lyrikern der Gegenwart kein Unbekannter, sondern hat für seine Bände seit dem 2001 erschienenen Debüt Probebohrung im Himmel bereits etliches Lob und einiges an Preisen eingefahren. Dabei liegt er durchaus im Trend einer Gedichtkunst, die sich von dem verabschiedet hat, was Robert Gernhardt 1990 das „mürrische Parlando“ der seinerzeitigen Gegenwartslyrik nannte. Deren form- und farblose Zeilen wirkten in ihrer Pathosverweigerung häufig wie in Stücke beliebiger Länge gehackte Prosasätze.

Stattdessen hat sich eine Art von Dichtung durchgesetzt, die sich wieder traditionellen Gedichtformen und dem Reim annähert, ohne diese aber unverändert zu reproduzieren, als hätte es keine Nachkriegslyrik gegeben. Das Ergebnis sind Gedichte, die beinahe Sonette sind, gewöhnliche wie ungewöhnliche Reime, die sich mit Assonanzen und Konsonanzen mischen. Doch wo Durs Grünbein staatstragend und bierernst dichtet, wo Raoul Schrott antike Vorbilder nach eigenem Gusto zurechtbiegt, zeichnet Jan Wagners Verse häufig eine bewundernswerte Leichtigkeit im Umgang mit der Tradition aus. Ein spielerischer Unterton, der aber – anders als Gernhardt – nicht die deutliche Pointe sucht, die dann auch einmal auf Kosten des lyrischen Ichs geht, sondern einfach die Worte als Material verwendet, aus dem er Bilder baut.

So gesehen, sind Wagners Regentonnenvariationen die neueste Folge einer gelungenen Serie – die sechste nach dem bislang letzten Band Die Eulenhasser in den Hallenhäusern (2012), in dem er sich als Herausgeber dreier „vergessener“ (fiktiver) Dichter tarnte. Und wie bereits in früheren Bänden gibt es deutliche thematische Schwerpunkte. Der Titel lässt an Gartenidyllen à la Hermann Hesse denken, und tatsächlich stehen Tiere und Pflanzen im Mittelpunkt vieler Gedichte – Esel, Morcheln, Schwalben, Maulbeeren. Wagners Blick idyllisiert sie aber nicht, sondern sie sind vor allem Anlässe für eine genaue Beobachtung, die über das körperliche Objekt hinausführt. (…)

Aber nicht alle Kritiker sind auf Wagners Lyrik gut zu sprechen. Eine „Eingeweideschau“ nannte Georg Diez die Regentonnenvariationen auf „Spiegel Online“: „Hier feiert jemand das ganz, ganz Kleine, das Superprivatistische, die Landlust und Versenkung, Verklärung, Verkitschung der Natur.“ Wagners Gedichte als Weltflucht zu denunzieren, funktioniert aber nur dann, wenn man übersieht, worauf die in ihnen beobachteten Dinge verweisen. Ebenso gut könnte man Stilllebenmalern des 17. Jahrhunderts vorwerfen, sie hätten ihre Energie an das Abpinseln von Blumen, Lebensmitteln und Totenschädeln verschwendet, während um sie herum der Dreißigjährige Krieg tobte.

Literatur ist zudem weder per se Verweigerung der Wirklichkeit noch deren pflichtgemäße Aufarbeitung, die zufällig zwischen Buchdeckeln statt im ZDF-Dokudrama stattfindet, sondern ein Gefäß, in dem gleichermaßen Raum für Sprachartistik wie für die Reflexion gesellschaftlicher Veränderungen ist. Wer von Wagners Lyrik oder der Prosa Peter Handkes eine demokratisch geläuterte Variante des sozialistischen Realismus einfordert, liegt ebenso daneben wie jemand, der meint, Literatur müsse sich immer und überall der Aufnahme politischer Themen verweigern. Bestenfalls kann sie ohnehin beides, wie Peter Weiss‘ Ästhetik des Widerstands, wie Dietmar Daths Für immer in Honig oder die Romane Irmtraud Morgners beweisen. Diese Beispiele zeigen aber auch, worauf Diez hinauswill: auf eine Kritik am deutschen Gegenwartsroman, genauer, auf die Preisverleihungspolitik deutscher Jurys im Hinblick auf diesen. Eine solche Kritik an einem Lyrikband festzumachen, ist ein Kategorienfehler und ebenso wohlfeil, wie den pauschalen Niedergang der Literatur anhand der lieblos dahingeranzten Stapelware bei den Thalias und Hugendubels dieser Welt auszumachen. Wenn man die Regentonnenvariationen schon vereinnahmen will, dann doch wohl für die Hoffnung, dass die Preisrichter in Leipzig und anderswo sich in Zukunft für ein viel weiteres Spektrum öffnen – dass sie nicht nur verkaufsträchtige Romane prämieren, sondern verstärkt auch Erzählbände, Essays und eben Lyrik. Allein dafür hätte sich die Diskussion um Wagners Gedichtband gelohnt. / Stefan Höppner, literaturkritik.de

Jan Wagner: Regentonnenvariationen. Gedichte.
Hanser Berlin, Berlin 2014.
104 Seiten, 15,00 EUR.
ISBN-13: 9783446246461

Babelsprech: Lyrik von jetzt

22 junge Dichterinnen und Dichter aus vier Ländern trafen sich vom 9. – 12.4.2015 in Bern zur 2. Babelsprech – Konferenz.
Sie diskutierten über Positionen und Entwicklungen aktueller Lyrik, hörten Gastvorträge, verfassten und besprachen eigene Lyrik, und lasen an zwei Abenden im Rahmen von „Aprillen – Berner Lesefest“.

Babelsprech ist eine Initiative zur Entwicklung und Stärkung junger deutschsprachiger Lyrik und hat eine breit angelegte Diskussion über die Möglichkeiten junger deutschsprachiger Lyrik zum Ziel, sowie die bessere Vernetzung junger Dichter und Dichterinnen in deutschsprachigen Ländern und die Stärkung der öffentlichen Wahrnehmung .

Im September 2013 trafen sich erstmalig junge deutschsprachige Dichterinnen und Dichter aus Deutschland, der Schweiz, Österreich und Italien zu einer Konferenz in Lana, Südtirol. Aus diesem ersten Babelsprech – Treffen hat sich eine Bewegung entwickelt, die AutorInnen arbeiten seither länderübergreifend zusammen, eine zentrale Rolle spielt hier das Forum www.babelsprech.org. Auf dem Portal vernetzen sich die AutorInnen, diskutieren über Lyrik und präsentieren ihre eigenen Texte.

Das Resultat der Konferenzen und künstlerischen Zusammenarbeit ist die Anthologie «Lyrik von Jetzt 3», die im kommenden Herbst im Wallstein Verlag erscheint, und die die Stimmen der nächsten Generation deutschsprachiger Dichtung versammelt, die in den nächsten Jahren von Bedeutung sein werden.

Babelsprech ist eine Initiative der Literaturwerkstatt Berlin und des Literaturhauses Wien, in Kooperation mit Literatur Lana, Kaufleuten Zürich, dem Robert Walser-Zentrum, Aprillen – Berner Lesefest sowie dem Wallstein Verlag.

Das Projekt wird gefördert von der Kulturstiftung des Bundes (Deutschland), vom Bundeskanzleramt Österreich, Sektion Kunst, von Pro Helvetia – Schweizer Kulturstiftung, sowie von der Kulturstiftung Liechtenstein.

Babelsprech-Konferenz 2015 in Bern fand statt in Zusammenarbeit mit der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V., mit der freundlichen Unterstützung der Thüringer Staatskanzlei sowie der Kulturverwaltung des Landes Berlin, des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst, des Ministeriums für Justiz, Kultur und Europa des Landes Schleswig-Holstein, sowie der Stadt und des Kantons Bern.

Ingolds Einzeiler

Jene geben sich als Muttersöhne aus und werden schwer und übergross und leben noch ein Weilchen weiter.

Felix Philipp Ingold

Gute Zeit für Lyrik?

Peter Voß fragt Jan Wagner
Gute Zeiten für Lyrik?
Jan Wagner ist Lyriker, Sprachspieler und Naturbeobachter. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ sieht in ihm „einen der virtuosesten Lyriker, die wir gegenwärtig haben“. In seinen Gedichtbänden widmet er sich den kleinen alltäglichen Dingen und wurde dafür jüngst mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. 
  44:52 min

Die Größe dieser Gedichte

Was Welt ist, findet bei Schultens ihren Ausdruck, und zwar dort, wo sie uns am entfremdetsten zu sein scheint.

Der, ich sag mal, „lyrische Skandal“, ohne den die Größe dieser Gedichte nicht wäre, besteht nun aber darin, daß jedes Gebilde für sich von enormer Schönheit ist. Zu der gehört, bis auf wenige Ausnahmen, ihre stilistische Vollkommenheit. In dieser Weise, für Kunstwerke der Gegenwart, ist mir das bisher allein bei Ligeti begegnet: Es wird, quasi, von Anfang an nicht mehr experimentiert. Das sind keine Versuche; selbst von hohem „Talent“ – nur! – zu sprechen, wäre eine Blasphemie. Und dabei haben wir es nicht etwa mit einer „hauptberuflichen“ Dichterin zu tun, sondern einer Frau, die ziemlich hart und entschieden nicht nur im „Alltags“beruf, dem einer Managerin, „ihren Mann“ „steht“ (:! ah! diese verräterischen Idiome!), sondern überdies alleinerziehende Mutter eines kleinen Kindes ist. Doch, das gehört hierher. Denn es sagt etwas über lebenswirkliche Widersprüche, die solche Lyrik wahrscheinlich erst möglich machen, ihre conditio sind: über persönlich harte, heftige Bedingungen:

wer hat mein zittern mit nur einem schnitt
der quantenscharfen kante von mir abgetrennt
und war nicht seele darin die jetzt schwebt

/ Alban Nikolai Herbst, Die Dschungel Anderswelt (aus Volltext 4/2015)

Katharina Schultens
gorgos portfolio 
64 Seiten
>>>> kookbooks 2014

Poetische Schöpfungsgeschichte

Die große Suchbewegung Dorothea Grünzweigs, eine der beachtenswertesten deutschen Dichterinnen, die seit über 25 Jahren in Finnland lebt und mit leiser Zurückhaltung auftritt, also selten im hiesigen Literaturbetrieb, geht mit einer ihr eigenen kraftvollen Ruhe weiter. Imgleichen Zuge,wie sie sich entfalten, verdichten ihre sprachlichen Möglichkeiten sich in Form einer poetischen Landgewinnung – oder besser noch: einer hingebungsvollen Landverschenkung, kaum dass in Versen, Worten und Lauten inmitten des Sprachflusses entdeckt ist, was so zuvor nicht da war.

(…)

Auch der Name des neuen Bandes „Kaamos Kosmos“ lädt ein zur poetologischen Meditation über die Kraftfelder des Grünzweig’schen Sprach- und also Weltraums, und man gerät in der Konstellation der beiden Worte fast schon hinein in eine poetische Schöpfungsgeschichte: Denn lauscht man dem samischen Wort „kaamos“ nach, das die Polarnacht als „kurze Zeit“ (vermutlich des Lichts) bezeichnet und im winterlichen Alltag der Finnen große lebenspraktische Wichtigkeit besitzt, wird auch jener dunkle Raum erahnbar, noch schweigsam, noch ungestaltet, noch ungeordnet, in dem auch das Wort Chaos nicht allzu fern echot; und wie es klanglich bereits hinüberfließt und dann eindringt in das Wort „Kosmos“ – aus dem einen heraus kann erst ein wohlgeordneter Kosmos entstehen und im Lichte seiner Schönheit erkannt werden. Nicht voller und gegenwärtiger kann die üppige Pracht sein: Waldwildnis, Schnee und Eis, Füchse und Maiglöckchen, Trauerschnäpper, Chatrooms und Schmerztabletten.

In dieser sprachlich konkreten Experimentalanordnung wird ein umfassend sprach-metaphysisches Prinzip anschaulich und hörbar, welches als Poeto-Osmose bezeichnet werden könnte und die 75 Gedichte des Bandes wunderbar ernst und heiter, so unverstellt wie intim durchatmet; ein Prinzip, das die fundamentale Eigenschaft von Sprache und Schweigen als Welt(an)verwandlung zwischen den buchstäblichen und symbolischen Grenzen von A bis O auf organische Weise versinnbildlicht. „wollens nicht wissen/ die fließende welle als lebensraum/ nur in die anschauung kommen/ ins wasser spüren seine gegenwart“ und dort sich entgrenzen „zurück ins element/ zurück zum fluss uns ihm einverleiben/ zu ihm gehören uns in ihm verlieren“.

(…) Ihr hoher Ton ist jeder pseudoesoterischen Spiritualität und falschem Pathos unverdächtig. Vielmehr knüpft sie an frühromantische Traditionen eines Novalis an, sucht im Sprachspielerischen auch eine Befreiung vom erhabenen Überbau, lauscht den Kirchen- und Kinderliedern, den theologischen Zitaten ebenso wie der Alltagssprache die körperlichen Quellgründe ab. Besonders das heimatgebende Fremde der finnischen Sprache offenbart die für Grünzweig elementare Kraft des Lautlichen, ihre fruchtbare Produktivität, wo plötzlich geschwisterliche Beziehungen entstehen zum Deutschen oder zum schwäbischen Dialekt der gebürtigen Korntalerin. / Andreas Kohm, Badische Zeitung 14.2.

Dorothea Grünzweig: Kaamos Kosmos.
Gedichte Wallstein Verlag, Göttingen
2014. 144 Seiten, 19,90 Euro.

American Life in Poetry: Column 518

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Several years ago, Judith Kitchen and I published an anthology of poems about birds, and since then I keep finding ones I wished we’d known about at the time. Here’s one by Barbara Ellen Sorensen, who lives in Colorado.

Pelican

Under warm New Mexico sun,
we watched the pelican place
himself down among the mallards
as if he had been there all along,
as if they were expecting the large,
cumbersome body, the ungainliness.
And he, sensing his own unsightly
appearance, tucked his head close
to his body and took on the smooth
insouciance of a swan.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright © 2013 by Barbara Ellen Sorensen from her most recent book of poems Compositions of the Dead Playing Flutes, (Able Muse Press, 2013). Poem reprinted by permission of Barbara Ellen Sorensen and the publisher. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

Pulitzer Prizes 2015

The 2015 Pulitzer Prize Winners

Poetry

For a distinguished volume of original verse by an American author, Ten thousand dollars ($10,000).

Awarded to „Digest,“ by Gregory Pardlo (Four Way Books), clear-voiced poems that bring readers the news from 21st Century America, rich with thought, ideas and histories public and private.

Digest
By Gregory Pardlo
Four Way Books

From Epicurus to Sam Cook, the Daily News to Roots, Digest draws from the present and the past to form an intellectual, American identity. In poems that forge their own styles and strategies, we experience dialogues between the written word and other art forms. Within this dialogue we hear Ben Jonson, we meet police K-9s, and we find children negotiating a sense of the world through a father’s eyes and through their own.

— from the publisher

Gregory Pardlo’s first book, Totem, received the American Poetry Review/ Honickman Prize in 2007. His poems have appeared in American Poetry Review, Boston Review, The Nation, Ploughshares, Tin House, as well as anthologies including Angles of Ascent, the Norton Anthology of Contemporary African American Poetry, and two editions of Best American Poetry. He is the recipient of a New York Foundation for the Arts Fellowship and a fellowship for translation from the National Endowment for the Arts. An associate editor of Callaloo, he is currently a teaching fellow in Undergraduate Writing at Columbia University.

Finalists

Also nominated as finalists in this category were: „Reel to Reel,“ by Alan Shapiro (University of Chicago Press), finely crafted poems with a composure that cannot conceal the troubled terrain they traverse; and „Compass Rose,“ by Arthur Sze (Copper Canyon Press), a collection in which the poet uses capacious intelligence and lyrical power to offer a dazzling picture of our inter-connected world.

Jury

Bonnie Costello, professor of English and American literature, Boston University (Chair)
Cornelius Eady, professor of literature and writing, University of Missouri, Columbia
David Orr, poetry columnist, The New York Times

Books, Drama and Music

FICTION – „All the Light We Cannot See“ by Anthony Doerr (Scribner)

DRAMA – „Between Riverside and Crazy“ by Stephen Adly Guirgis

HISTORY – „Encounters at the Heart of the World: A History of the Mandan People “ by Elizabeth A. Fenn (Hill and Wang)

BIOGRAPHY – „The Pope and Mussolini: The Secret History of Pius XI and the Rise of Fascism in Europe“ by David I. Kertzer (Random House)

GENERAL NONFICTION – „The Sixth Extinction: An Unnatural History“ by Elizabeth Kolbert (Henry Holt)

MUSIC – „Anthracite Fields“ by Julia Wolfe (G. Schirmer, Inc.)

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