Ein ukrainisches Gedicht

Die ukrainisch-deutsche Schriftstellerin und Bachmann-Preisträgerin Katja Petrowskaja erinnert sich an den ukrainischen Nationaldichter Taras Schewtschenko. 

Ich möchte Ihnen ein Gedicht vom Taras Schewtschenko vorlesen. Als ich Anfang Januar in Kiew gewesen bin und all die feiernden Menschen sah, habe ich oft an die Verzweiflung Schewtschenkos gedacht. Er gilt als der ukrainische Nationaldichter. Es sagt sich so einfach: „Nationaldichter“.

Man kennt Goethe, Byron, Puschkin. Schewtschenko war der einzige in dieser Reihe, der als Leibeigener geboren wurde. Von Kindheit an war er hochbegabt und sein „Besitzer“ hat ihm die Möglichkeit gegeben, Malerei zu erlernen, dabei war Schewtschenko buchstäblich ein Sklave im russischen Imperium des neunzehnten Jahrhunderts.

Es waren der russische Dichter Wassilij Schukowskij und der Maler Karl Brullow, die Schewtschenko freigekauft haben. Er hat aber politische Gedichte gegen den Zaren verfasst und wurde dafür zum Strafdienst in der zaristischen Arme verurteilt. Sein ganzes Leben lang hat er Prosa und Tagebücher auf Russisch geschrieben und Gedichte auf Ukrainisch.

Wir mussten in der Schule viele Freiheitsgedichte von ihm auswendig lernen, ich mochte sie nicht und habe für mich ein anderes ausgesucht. Es war eines der tragischsten Gedichte des Bandes „Kobsar“ und nun erinnert mich dieses Gedicht an „Sonett Nummer 66“ von William Shakespeare: „tired will all these for restfull death I cry.“

Vielleicht ist es die unpathetische ukrainische Variante dieser Verzweiflung. Schewtschenko schrieb das Gedicht 1860 in Sankt Petersburg kurz von seinem Tod. Es geht um die vollkommene Einsamkeit eines Menschen, der am Ende seines Lebens steht, auf nichts mehr wartet, niemanden mehr hat, an keinen Frühling mehr glaubt, an kein Wiedersehen mit seiner Heimat, nicht einmal daran, dass die Hoffnung wiederkehrt. / DLR

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