Bertram Reinecke schrieb einen Kommentar zu Nora Bossongs Artikel über die „Mitte“ und die Lyrik (Dichter, traut euch ins Zentrum). Aber mehreren Zeitungen war er wohl zu randständig, sie lehnten ab oder wollten einen anderen Text. Liest man Bertram Reineckes kurzen ersten Satz: „Wer gehofft hatte, dass die Auszeichnung Jan Wagners mit dem deutschen Buchpreis endlich wieder dem Gedicht breitere Öffentlichkeit verleiht, sah sich getäuscht.„, versteht man warum sie ihn nicht nehmen. Stand nicht in fast jeder Zeitung, mit der Auszeichnung für einen Gedichtband statt eines Romans stünde endlich wieder die Lyrik im Rampenlicht etc. pp., sah man sie nicht fast schon abheben? Wer so frech anfängt, kann nicht verlangen, daß man ihm auch noch zuhört. – Jetzt erschien er in erweiterter Form da, wo heute eben die Debatten geführt werden, im Netz. Lyrikzeitung dokumentiert Anfang und Schluß – wer Essays von Bertram Reinecke gelesen hat, weiß schon, daß man auch die Fußnoten mitlesen muß, die verweisenden Zahlen bleiben hier stehen, Fußnotenverweis ohne Fußnotentext. Wir verweisen auf das Original beim Magazin Signaturen.
Wer gehofft hatte, dass die Auszeichnung Jan Wagners mit dem deutschen Buchpreis endlich wieder dem Gedicht breitere Öffentlichkeit verleiht, sah sich getäuscht. Zwar wurde über Wagner geschrieben, aber das Thema Lyrik wurde oft schnell durch die abgedroschene Story vom Erfolg und seinen Neidern ersetzt. Wenn sich mit Nora Bossong auch eine Lyrikerin, die es besser wissen sollte, an diesem Spiel beteiligt, gibt das zu denken.
Oberflächlich betrachtet, macht ihr Text bescheidene Vorschläge, in Wahrheit sät sie Misstrauen gegen jedes andere Kriterium als das des Erfolgs. Sie unterhöhlt damit die Glaubwürdigkeit jener, denen es bei der Lyrik stattdessen um Inhalte geht.
Sie behauptet etwa, der Erfolg Wagners habe die Solidarisierung der Lyriker untereinander als der per se Erfolglosen durchbrochen. So mag sich mancher Lyriker-Kreise vorstellen. Wer nur einmal ein mittelgroßes Poesiefestival besucht, wird eines Besseren belehrt. Nicht nur wird er sofort erleben, dass Lyriker nach wie vor oft solidarisch miteinander umgehen, sondern ebenfalls, dass die Lyrik keine verschworene Gemeinschaft auf ein gemeinsames Ziel hin ist. Hartnäckig, wenn auch freundlich wird dort um Positionen gerungen. Kurz: Eben weil es in der Lyrik um Kriterien geht, um Normen und Menschen, die gegenseitige Positionen kritisch ernst nehmen, steht die reine Verkäuflichkeit hier hintan und solche Festivals sind keineswegs die Rückzugsoase mit Wohlfühlfaktor für bedrohte Tierarten, zu der Nora Bossong sie stilisiert. Die Solidarität, die sie wie einen Klüngel beschreibt, kommt nicht von der Abwesenheit des Erfolgs sondern aus der zusätzlichen Anwesenheit von etwas anderem: dem Ringen um gute Literatur. Eher ist es anders herum: Nora Bossong geht mit einem Publikum, das die Heterogenität der Gegenwartslyrik als zu schwierig ignoriert, eine Wohlfühlallianz ein, indem sie ihm zuruft: „Ihr braucht Euch darum nicht zu kümmern, lest lieber etwas Wagner, da habt ihr alles“. Nur solch einem Publikum kann man ja weismachen, dass es irgendetwas für die Lyrik als Ganzes heißt, wenn einer einen Preis bekommt. Für wie schläfrig hält Nora Bossong denn die Lyrikszene? Hätte dieses Zerbrechen des Konsenses der Erfolglosen nicht spätestens seit Günter Grass‘ „Eintagsfliegen“ eintreten müssen? Was ist diesmal anders? Dass sich eine Jury, die sich bisher durch die Bevorzugung von Romanen profiliert hat, zur Lyrik „herabbeugt“? Warum sollte jemand gerade diesen Preis, bloß weil er Nora Bossongs Geschmack entgegenkommt, begrüßen wie das Manna vom Himmel? Ist das nicht eher eine der Artenschutzmaßnamen, an denen Nora Bossong auf der Bühne offenbar so leidet? Natürlich sind Literaturbeamte, die sich für Lyrik nur noch dienstlich interessieren und deswegen nur Indifferentes zu ihrem Gegenstand zu sagen wissen, ein Problem. Ich weiß nur nicht, warum Nora Bossong deren Meinung wichtig ist und warum sie darin ein Problem der Lyrik sieht, die ja in anderen Foren gut ohne diese Beamten auskommt. Und gerade auf der Bühne könnte man ja zeigen, dass der Lyriker weniger schützenswert als vielmehr durchaus bissig sein kann. Das muss man sich natürlich auch trauen.
Mit Nora Bossong kann man offenbar über Wagners Lyrik nicht diskutieren, wenn man sich nicht sofort von ihr anhängen lassen will, man führe eine Neiddebatte: „Prompt gibt es denn auch Distanzierungen. Wagners Texte seien so konventionell, dass sie zeitgenössische Dichtung überhaupt nicht widerspiegelten.“ „Prompt“ – als hätten sich die Lyriker das eigens ausgedacht, um ihm zu schaden. Es ist aber so: Wagner gilt vielen schon seit jeher als konventionell, und jeder der es wissen wollte, wusste es. Es hat vor dem Preis bloß kaum einen interessiert. Kurz lässt sie drei LyrikerInnen zu Wort kommen: Sabine Scho nennt ihn restaurativ, Yevgeniy Breyger wirft ihm einen metaphysischen Essentialismus vor, Mara Genschel findet ihn konventionell … Und wischt dann alle Argumente mit der Autorität ausgerechnet Jan Wagners vom Tisch. (Natürlich muss es den bösen Zauberer geben, wenn doch der gestiefelte Kater seine Existenz so fest behauptet!) Der meint über seine Kritiker: „Zu glauben, dass eine auf den ersten Blick zugänglichere Oberflächenstruktur bedeutet, es sei keinerlei Abgründigkeit vorhanden, ist ein Missverständnis.“ Nicht nur bleibt Bossong einen Beweis für seine Behauptung schuldig, das Zitat redet gar nicht zur Sache. Denn auch einem Nietzsche wird man Abgründigkeit zubilligen. Jemand, der sich dieser Schreibweise bediente, schriebe heute dennoch recht konservativ. Das Beispiel stellt bereits eines klar. Natürlich kann auch ein Dichter der wie Wagner mit konventionell verständlichen Mitteln arbeitet, ein guter Dichter sein.² Erst Nora Bossong unterstellt, dass alle, die Wagner konventionell finden, ihm damit gleichzeitig die Qualität absprechen. Das ist schlicht falsch. Weil sie Lyriker so wenig ernst nimmt, sei hier zum Beweis Medienfrau Wiebke Porombka zitiert, die in ihrer Eloge, ebenfalls in der ZEIT, an den Gedichten „klassische Formen“ bemerkte und betont: „Wagner ist kein Avantgardist“. Für sie ist also Verständlichkeit eher mit dem Althergebrachten im Bunde. Man kann ja sogar Jan Wagner als einen bis zum Abwinken würdigen Preisträger empfinden, sein Werk schätzen, und dennoch ist der Gedanke schwer von der Hand zu weisen, er würde im Moment der Glorie etwas überschätzt. Der Rechtfertigung hingegen bedarf Nora Bossong, die es anders sieht. Sie müsste an Jan Wagners Texten zeigen können, woran es liegt, dass er momentan so viel mehr Gedichtbände verkauft als Lyriker mit verwandtem Ansatz, sagen wir x mal mehr als Norbert Hummelt oder y mal mehr Bücher als Lutz Seiler. Das Ressentiment, welches ihre Rhetorik ausbeutet und perpetuiert, trifft also nicht nur Avantgardisten oder unbekannte Dichter, sondern alle Richtungen.
Um Argumente geht es Nora Bossong freilich nicht, sondern um verhohlenes Bashing derjenigen, die sich dem Angesagten nicht unterwerfen. Dazu stellt sie als nächstes eine schwache Kolumne von Diez in eine Reihe mit den klügeren Rezensenten Wagners. Warum macht sie sich hier plötzlich die Mühe zu argumentieren, zumindest Michael Brauns richtige Beobachtung zu wiederholen, Diez hätte über die Weidenkätzchen die düstere Thematik des von ihm kritisierten Gedichtes vergessen? (Dass Jan Wagner eine Kontrastfigur verwendet, wie man sie schon im evangelischen Gesangbuch findet, weist ihn aber nicht automatisch als besonders unkonventionellen Dichter aus.) Warum hat sie nicht vorher bei den interessanten Stimmen genauer zugehört? Sie tut implizit so, als hätten alle Wagnerkritiker nicht mehr auf der Pfanne als Diez. Der Rückgriff auf Brauns Argument ist deswegen bemerkenswert, weil der Kontext seines Beitrags zu Wagners „Im Brunnen“ eher das Gegenteil des von Bossong Angezielten nachweisen soll. Braun zeigt eher, dass Wagner ein durchaus schwierigerer Dichter ist, als mancher annimmt, indem er darlegt, welche Anspielungen auf antike Bildungsgüter Wagner lesenswert machen.³ Nora Bossong möchte gar keine Klarheit in diesen Fragen, sondern vor allem ihr missliebige Meinungen an der Dummheit eines Einzelnen haftbar machen. Da ist Nora Bossong nicht die einzige. Auch bei Braun hatte Diezens Gerede schon die Ehre, exemplarisch für die Wagnerkritik einzustehen. Ein Argument, etwa so schlagkräftig wie die Behauptung, Wagner müsse schlecht sein, wenn er eine so schwache Verteidigerin hat wie Bossong. (Immerhin redet Braun ansonsten wirklich über Poesie. Oh, dass man es loben muss!)
Pappkameraden erschlagen ist freilich leichter, als mit klugen Leuten zu streiten. Diese Art der Verunglimpfung ist in deutschen Feuilleton eher schon die Regel als die Ausnahme. Walter Delabar, auch er könnte es als Literaturprofessor besser wissen, mag zwar Wagner ebenfalls nicht, macht aber wiederum gerade dafür gleich die ganze Szene haftbar. Auch sein Argument erinnert an die Täter-Opfer-Umkehr: Man liest so viel über schlechte Lyrik in der Zeitung, also muss die Lyrik schlecht sein und nicht etwa die Berichterstattung. Man stelle sich vor, so würde über Bürger mit Migrationshintergrund geschrieben: „In der Zeitung steht viel über kriminelle Ausländer, Ausländer sind also schlecht.“ Als Lyriker muss man derlei Verunglimpfungen offenbar hinnehmen, ja sie sind so üblich, dass viele sie kaum mehr bemerken und sie als Selbstzweifel internalisieren.
(…)
Nora Bossongs Text pfeift, was die Spatzen seit jeher pfeifen, und tut als wäre es neu. Die Schnapsidee, dass schwierige Lyrik die Verbreitung der Gattung hemme, begleitet ja nicht erst die Jan Wagner-Debatte von Anfang an. (Wenn auch zögerlicher klingt das schon in den ersten Artikeln an, z.B. taz vom 12.3.). Die Forderung bildet schon seit Jahrzehnten ein Ostinato der Zeitungsberichte über Lyrik, Gernhardt war endlich verständlich, die Lyrik-von-Jetzt-Generation war endlich wieder verständlich, die Verständlichkeit der umstrittenen Gedichte von Günter Grass bezweifelt niemand: Man kann es sich sofort in der nächsten Buchhandlung anschauen, wie diese Kur angeschlagen hat. Und ist es nicht im Gegenzug auch schon vorgekommen, dass auch ein Band des schwierigen Stolterfoht, der schwer zugänglichen Mayröcker sich weit öfter verkauft, als es die uralte Enzensbergersche Konstante vorhersagt? (Sie schenkt es sich nicht einmal, diese Zahl für ihre Zwecke um ein gutes Viertel abzurunden.) Spannender wäre die Frage, was denn einen Kleinverleger sonst dazu treiben könnte, immer wieder Bücher zu machen, deren ökonomischer Nutzen so fraglich ist. Der mag ja auch seine Gründe haben.
Nora Bossongs Text ist das alles egal. Die ewig junge hässliche Geschichte vom Neid, die sie nun auch in der ZEIT wiederkäut, erschwert schon jetzt jede Internetdiskussion über Lyriker oder die Urteile von Jurys. Jeder, der Inhalte diskutieren wollte, ist dort schon einmal mit dieser Story an die Wand gespielt worden. Nora Bossong ist dagegen in der schönen neuen marktförmigen Welt angekommen. Die Träne in ihrem Knopfloch erweist sich als Krokodilsträne, ein modisches Accessoire.
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