Poetopie

gehst du zu Fuß, bleibt dein Körper laufend im Gespräch mit dem Boden

Hansjürgen Bulkowski

Nikolai Kljujew (1884-1937)

Klujev, altgläubiger dichter in schaftstiefeln und schafspelz, der von einem irdischen bauernparadies träumte und der wiederkehr Pugatschows, als kulak verteufelt, verhaftet, verbannt, ohne Kieferngeläut verscharrt wie ein räudiger köter im lager narym in jenen jahren…

Wulf Kirsten

 

Der russische Dichter des silbernen Jahrzehnts Nikolai Aleksejevitsch Klujev [Kljujew, Клюев], Vertreter der sogenannten “neubäuerlichen” Richtung in der russischen Lyrik des XX. Jahrhunderts, ist am 10. (22) Oktober 1884 im abgelegenen nördlichen Dorf Koschtugi bei Wytegra des Olonetski Gouvernements (heutzutage Gebiet Wologda) in einer altgläubigen Bauernfamilie geboren. (…)

In den Jahren der ersten russischen Revolution (1905-1907) nahm Klujev aktiv an der revolutionären Bauernbewegung teil. Anfang 1906 wurde er wegen Agitation verhaftet, sechs Monate lang ins Gefängnis gesperrt und danach einige Zeit von der Geheimpolizei überwacht.

Vor der Oktoberrevolution erschienen weitere Gedichtbände von Klujev: „Die brüderlichen Lieder“ (1912), „Waldsagen“ (1913) und „Weltrauch“ (1916).

Nicht nur Block und Brüssov, sondern auch Gumiljow, Achmatowa, Gorodetsky, Mandelstam etc. haben diesen eigenartigen, großen Dichter bemerkt. 1915 lernte Klujev Sergej Jessenin kennen, der ihn in der Folge seinen Lehrer nannte. Um sie scharten sich Dichter der sogenannten neubäuerlichen (volkstümlichen) Richtung wie A. Belyj, S. Klychkov, Iwanow-Razumnik, P. Oreschin, A. Schirjajevez usw., die alle der Gruppe „Skythen“ angehörten.

(…)

Wegen seiner christlichen Anschauungen wurde Klujev 1920 aus der Partei der Bolschewiki ausgeschlossen. Statt Zeilen wie “Lenin hat den Wind und Sturm zum Engel gemacht”, schrieb er jetzt: “Wir glauben an vieläugige Brüder, Lenin dagegen an Eisen und den roten Geist”.

Nach dem Selbstmord von Jessenin hat Klujev das Gedicht „Ein Wehklagen über Sergej Jessenin“ (1926) verfasst, das aber kurz darauf verboten wurde.

Klujew trauert um ihn wie eine Mutter:

 

Du, mein Uhu klein, mein liebstes Vögelein!

Der Dichter sieht in Jessenin “ein Kind”, einen reinen Knaben vom Lande”, der als Opfer der Stadt fallen sollte, einer fremden und feindlichen Welt. Er ist sich im Klaren, dass die Machthaber die Volkspoesie nicht nötig haben: “Überall, wo der Hirt klopft – hört er nur das Bauchbrummen”.

(…)

Eine verhängnisvolle Rolle im Leben Klujevs hat der kritische Artikel von Leo Trotski gespielt, der 1922 in der Presse erschien. Jahrzehnte lang musste nun der Dichter mit dem Makel eines Kulakendichters weiterleben.

(…)

Am 5. Juni 1937 wurde Klujev in Tomsk verhaftet, angeblich – so führte die sibirische NKWD aus – wegen konterrevolutionärer Tätigkeit und Vorbereitung eines Aufstands gegen die sowjetische Macht, in dem man dem Dichter eine führende Rolle zuschrieb. Nach seinem Tod schenkte man viele Jahre der Darstellung Glauben, Klujev sei an der Station Taiga nach dem Verlust seines Koffers mit den Manuskripten an einem Herzanfall gestorben. In Wirklichkeit aber wurde der Dichter im Oktober 1937 (am 23. oder 25.) auf dem Kaschtatschberg in Tomsk erschossen.

Zwanzig Jahre lang bis zur Rehabilitierung 1957 wurde sein Name in der UdSSR nicht erwähnt, und erst 1982 erschien das erste posthume Buch. Während der Glasnostzeit wurden einige Werke von Klujev veröffentlicht, die man lange für verschollen gehalten hatte, vor allem das Poem «Pogorelschina», das der Dichter einst dem italienischen Slawisten Lo Gatto übergeben hatte. 1950 wurde es im Ausland publiziert. Ironie des Schicksals ist, dass Klujevs unvollendetes und verloren geglaubtes Hauptpoem «Das Lied von der großen Mutter» ausgerechnet in den Archiven der KGB erhalten blieb.

«Das Lied von der großen Mutter» spricht von der Herkunft des Dichters und seinen Vorfahren. Diese lebten im Lande der Vepsen, Saamen, Loparen und Karelen – finnougrische Völker des russischen Nordens.

(…)

Dem Rat von W. Kirsten folgend haben wir dem Biberacher Hartmut Löffel vorgeschlagen eine Klujev-Auswahl auf Deutsch zu präsentieren. Leider war der Übersetzter  zu eifrig an die Tat gegangen. 2009 erschienen 28 von ihm übersetzte Gedichte in einer Buchform gedruckt (Kljuev N. «O Russland – das bist du!». Ausgewählte Gedichte, Russisch und Deutsch, übersetzt und herausgegeben von Hartmut Löffel. Wiesenburg-Verlag, Schweinfurt). Der Nachdichter, ein Verehrer von Heine und seiner modernen Schreibweise, hat die deutsche  Tradition zu stark in die russische prosodische und äußerst individuell geprägte poetische Welt von Kljuev eingemeißelt. So dass dabei die unwiederholbare stilistische, inhaltliche und sprachliche Einzigartigkeit der Originaltexte verloren gegangen war und dem Leser ein moderner Dichter aller Völker und aller Zeiten präsentiert wurde (so der Eindruck eines deutschen Lesers). Man kann so eine Interpretation durch das Phänomen der sogenannten ästhetischen Interferenz erklären, wenn der nationale Kode einer heimischen Dichtung auf das fremdsprachige (-kulturelle) Literaturmodell übertragen wird und auf diese weise die   sinntragende Integrität des fremden Stoffes verletzt wird. Leider waren wenige, doch positive Rezensionen auf dieses Buch, in erster Linie von der Wichtigkeit des unternommenen Projektes  inspiriert, auf der Kühnheit des Übersetzers konzentriert, der Kopf über Hals das äußerst schwierige Material herangewagt hat, ohne über eine genügende sprachliche Kompetenz zu verfügen (Sieh. dazu: Данилевский Ю. Первый сборник стихотворений Н.А. Клюева в переводе на немецкий язык // Русская литература. № 4. 2011. С. 201–202; Rakusa I. Begnadeter russischer Sonderling // Neue Zürcher Zeitung. 18. März 2010. S. 50; Kasper K. Klopf ich beim Kerl, der Särge macht … // Neues Deutschland. 7. Juni. 2010. S. 15 // Osteuropa. N. 12. 2010. S. 143–144).

/ Auszüge aus einem Aufsatz von Tamara Kudryavtseva (Kudrjawzewa) bei Kuno

Gestorben

Der Dichter James Tate, Professor am English Department der University of Massachusetts Amherst, starb am Mittwoch abend im Alter von 71 Jahren. Er veröffentlichte mehr als 20 Gedichtbände, darunter “Worshipful Company of Fletchers” (National Book Award 1994) und “Selected Poems”, 1991 (Pulitzer Prize for poetry und William Carlos Williams-Preis).

Tate veröffentlichte seit 1967 im Poetry-Magazine (The Whole World’s Sadly Talking to Itself —W. B. Yeats” und “Pity Ascending with the Fog.”), zuletzt im Januar 2005 (“Spiderwebs”).

Hier eine Auswahl seiner Gedichte. Bei Essential American Poets eine Lesung des Autors in der Library of Congress, 1976.

/ Poetry Foundation

Translation

In the United States and Britain, translations represent just 3 percent of the book market. In Russia, in contrast, translated titles accounted for 10.5 percent of the market in 2013; in China, they make up around 7 percent. In the Netherlands, some 75 percent of all books produced are translations, according to 2013 statistics — and about 10 percent of all general interest books sold are original, English-language versions. Not only do foreign writers face obstacles to being read abroad, then, they are being crowded out of bookstores in their own countries. The English language, like rats or kudzu, has become an invasive species. / Benjamin Moser, New York Times 8.7.

Clarice Lispector

In college in the 1990s, I happened upon a Brazilian writer so sensational that I was sure she must be a household name. And she was — in Curitiba or Maranhão. Outside Brazil, it seemed, nobody knew of Clarice Lispector.

(…)

As I later learned, Lispector’s first name was enough to identify her to most Brazilians. But two decades after her death in 1977, she remained virtually untranslated; among English speakers, she was unknown outside some academic circles. One pleasure of discovering a great writer is the ability to share her work, and I was stymied. Lispector’s obscurity reinforced itself. People couldn’t care about someone they couldn’t read. And if they couldn’t read her, they couldn’t become interested. / Benjamin Moser, New York Times

Aufschwung Lyrik

Gerade hab ich gedacht, dem nächsten, der uns erzählt, wie prächtig sich die Lyrik entwickelt hat, seit der Börsenverein für den deutschen Buchhandel oder doch seine Jury im letzten Winter beschlossen hat, für diesmal keinen Roman, sondern einen Gedichtband auszuzeichnen, hau ich das um die Ohren… da isser:

Dass die deutschsprachige Lyrik in den letzten Jahren so aufregend ist wie lange, vielleicht seit den frühen Neunzigerjahren nicht mehr, hat spätestens mit dem Leipziger Buchpreis von Jan Wagner jeder mitbekommen. Vieles ist immer noch zu entdecken, übrigens in allen Dichtergenerationen. Mit N.N., geboren 1980, steht plötzlich eine neue Stimme in der allerersten Reihe.

Hipp hipp, hurrah! Und die Medien haben  sie entdeckt, der Börsenverein persönlich hat dran gedreht, der Papst hat es abgesegnet. Von den vielen neuen und alten Stimmen besprechen sie nur wenige, aber die sind dann die jeweilig besten. (Liebe Carolin Callies, denn ihr Name „verbirgt“ sich hier hinter dem N.N., lieber Tom Schulz, lieber Jan Wagner, liebe N.O., O.P., P.Q. etc. bis Y.Z.: nicht bös sein, ich liebe euch doch alle! Mich nervt nur der dämliche Diskurs, sorry! Liebe Feuilletonschreiber, fragt doch bitte meinen Buchhändler, wenn ihr mal nach Greifswald kommt, von wegen Erdung!).

Nach dem Stoßseufzer die Rezension von Richard Kämmerlings, Leitender Feuilletonredakteur der Zeitung Die Welt, in Auszügen. Sie geht insgesamt sehr kurvenreich in Ab- und Aufschwüngen, vereinfacht etwa so:

 kurve

Lyrik kratzt uns nicht? Oh doch!

Willkommen in der Kompostmoderne: Carolin Callies schreibt das wichtigste lyrische Debüt der Saison

Wer mit seinen jugendlichen Söhnen oder Töchtern per SMS oder Whatsapp kommuniziert, kann ein Lied davon singen, ein kurzes Lied, denn die Schriftsprache des Alltags wird immer knapper, schneller, notwendigerweise auch kryptischer und mehrdeutiger: Je weniger Zeichen, desto vielfacher die möglichen Lesarten. Welches Gefühl wird denn genau von einem klopfenden Herzen versinnbildlicht? Es müsste die Stunde für Lyrik sein, seit jeher das Fach für die mit knappstem Zeicheneinsatz operierende Erfassung von Gedanken oder Seelenzuständen.

Sehr schade und ziemlich paradox ist, dass ausgerechnet eine der schönsten Abkürzungen der Schrift auszusterben droht: „&“, das Kaufmanns-Und, in das sich so viel hineinlesen, oder besser: hineinsehen lässt. Eine Katze, die sich putzt, könnte es darstellen oder einen sitzenden Menschen, vielleicht einen betenden, einen Denker im Stile von Rodins Skulptur. Es ist ein sehr körperliches Zeichen.

„mir wurde, es war mal, räudig ums maul. / drum fehlt nun die anzahl an backen, um kauen zu können. / doch, ach, behalf ich mir mit fleisch, / das hinten, das vorne & aller leib dazwischen war / & muskelrelevant. // ich hatte, es war mal, ’nen tüchtigen körper“. Das „&“ kann auch ein kauernder Leib sein, ein vor Schmerzen zusammengekrümmter Kranker oder Sterbender.

Carolin Callies hat das Kaufmanns-Und zu ihrem Erkennungszeichen gemacht, es ist gewissermaßen das Tribal-Tattoo auf ihren Textkörpern.

(…)

Derart skalpellhaft präzise Worte dringen leicht unter die Haut: Carolin Callies zeigt, dass die vermeintlich so unkörperliche Sprache möglicherweise sogar besser als oberflächliche Bilder in der Lage ist, das Flüssige, Amorphe und Prozesshafte des Organischen zu beschreiben. (…)

Dass die deutschsprachige Lyrik in den letzten Jahren so aufregend ist wie lange, vielleicht seit den frühen Neunzigerjahren nicht mehr, hat spätestens mit dem Leipziger Buchpreis von Jan Wagner jeder mitbekommen. Vieles ist immer noch zu entdecken, übrigens in allen Dichtergenerationen. Mit Carolin Callies, geboren 1980, steht plötzlich eine neue Stimme in der allerersten Reihe.

Carolin Callies: fünf sinne & nur ein besteckkasten. Schöffling, Frankfurt/Main. 112 S., 18,95 €.

Mein Buchhändler erzählt

Seit der Umstellung auf Bachelor und dem Einknicken der Lehrerausbildung werden so gut wie keine geisteswissenschaftlichen Bücher mehr gekauft. Sie haben ja gemerkt, wir haben noch eine Abteilung, aber viel kleiner. Und Lyrik? Ja, was denken Sie, wie schwer es durchzusetzen war, daß wir noch ein Klassiker- und Lyrikregal behalten. Und auch da müssen wir den Umsatz beobachten, es schlägt sich halt etwas länger um. Auch daß es den Großen Conrady nicht mehr gibt, ein schlechtes Zeichen, neulich war ein Norweger da, ich habs ihm empfohlen, aber da wars nicht mehr lieferbar.

Der Buchpreis für Jan Wagner? Das war eine Katastrophe für den Buchhandel. Vielleicht paar Buchhandlungen in Berlin, aber hier? Das kann man doch nicht machen, einen Buchpreis, bei dem Gedichtbände mit Romanen konkurrieren. Ja, wenn sie einen speziellen Preis für Lyrik hätten, das könnte man einordnen, das wäre auch eine Förderung, eine Anerkennung der Lyrik, aber so? Schon neulich mit dem Nobelpreis für den schwedischen Lyriker, wie hieß der, Tranströmer, eine Katastophe! Da haben sich Buchhändler aufgehängt.

Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769)

Ein weltlicher Schriftsteller war Gellert eigentlich nur in den vierziger Jahren. Da erschienen zuerst seine «Fabeln und Erzählungen», die zu einem Bestseller des 18. Jahrhunderts wurden, dann in rascher Folge drei Komödien, schliesslich 1747/48 der Roman «Leben der schwedischen Gräfin von G***», sein aus heutiger Sicht aufschlussreichstes Buch. 1751 folgte, eine Art Ausklang, eine Sammlung von Musterbriefen, mit deren Hilfe die bürgerlichen Leser einen neuen, «natürlichen» Briefstil erlernen konnten. Danach hat er nur noch ein Buch veröffentlicht: Die «Geistlichen Oden und Lieder», 1757 gedruckt, wurden wie die Fabeln ein Massenerfolg, aber nun auf der ganz anderen Schiene des Religiösen. Dank zahlreichen Vertonungen und der Aufnahme der Lieder in protestantische Gesangbücher blieb Gellert in den Kirchen des deutschsprachigen Raums präsent. / Manfred Koch, NZZ

Oberfläche

„Alles ist Oberfläche.“
Diesen Satz hielt mir vor kurzem ein Schriftsteller entgegen, als ich eine Aussage von ihm kritisiert hatte und in meinem Kommentar das Bild der Tiefe im Zusammenhang mit poetischer Sprache gebraucht hatte (“Lyrik ist ein Mittel der Verflachung entgegenzuwirken, indem sie verweilt und Bohrungen vornimmt, Dimensionen erkundet, andere Chemie wahrnimmt.”).

Er benötigte den Oberflächensatz, um mir zeigen zu können, daß es Tiefe in der Lyrik nicht gibt. Eigentlich aber, um mich zum alten Knacker zu machen, weil „Tiefe“ etwas von vorgestern ist und die Postmoderne das als überwunden ansieht. Sie wiegt sich im „Hervortreten einer neuen Flachheit und Seichtheit, einer neuen Oberflächlichkeit im wortwörtlichen Sinne, die das vielleicht auffälligste formale Charakteristikum aller Spielarten der Postmoderne ist.“ (Frederic Jameson: Postmoderne, 1986, S. 54). / Frank Milautzcki, Fixpoetry

Lichtuniversität

Liebhabern der Provokation wird der dritte Lyrikband des Tom Schulz gefallen – vorausgesetzt, sie lassen sich auf ein Studium an der „Lichtuniversität“ des Autors ein. Keine „Hochschule für Avatare“, wie der Titel eines Gedichts nahelegen könnte, eher eine Schule des Sehens. „Zu viel was ich gesehen hatte“, heißt es eingangs über das Sehen, Hören und Sprechen auf Reisen in Prag, Paris, Breslau.

(…)

Das gesamte letzte Kapitel ist eine Hommage an gegenwärtige Verwandte im Geiste: Jan Wagner, Eberhard Häfner, Ron Winkler, Björn Kuhligk und Mirko Bonné. Allesamt sind sie Garanten für den gegenwärtigen literarischen Paradigmenwechsel. / Dorothea von Törne, Die Welt

Tom Schulz: Lichtveränderung. Berlin Verlag. 96 S., 15,90 €.

Ingolds Einzeiler

Die Au am Ende des Glaubens mottet ein Jahrhundert weiter und … aber nur bis gestern.

Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr

Lavants Minenfelder

Im ersten Gedichtband, «Die unvollendete Liebe» (1949), wird noch «Tröstung» gesucht; da hört das lyrische Ich sich «unentwegt Gebetlein sagen», und «Mutlos singt das ungeschützte / Klageantlitz zu den Sternen». Rilke und Hölderlin sind da, und das Vokabular kommt oft aus der Kirchensprache, dem einzigen Hochdeutsch, das im Dorf zu hören war. Meist noch in «Demut» soll «Gottes Ohr» erreicht werden. Als dann die irdische Liebe zu Werner Berg ausbricht, «zum dreifachen Laut deines Namens», da explodiert auch die Sprache, ihr Sinn, ihre Form. Das weibliche Ich bettelt nun hochmütig um Glück und randaliert vor Gott und der Welt: «Horch! das ist die leere Bettlerschale, / halb aus Lehm noch, aber halb schon Stein, / und sie trommelt dir bei jedem Mahle / Hungerlieder zwischen Brot und Wein.» So beginnt das Titelgedicht von «Die Bettlerschale» (1956), in der die lyrischen Bilder meist noch bestürzend konkret sind: «Mein Schälchen freilich war ein Sieb», vermerkt die zornige Bettlerin.

Wie Sprengkörper detonieren die Anfangsverse in den titellosen Gedichten, mal in grell ironischer Hohnrede («Wie pünktlich die Verzweiflung ist»), mal in poetisch dunklem Raunen («Steig in den zornigen Brunnen hinab»). Glaube, Liebe und Hoffnungslosigkeit, Katholizismus, Armut und Aberglaube sind Lavants Minenfelder. / Franz Haas, NZZ

Rückert-Preis

Der Coburger Rückert-Preis wandert durch die Regionen des Vorderen Orients, aus deren Sprachen der in Coburg ansässige Dichter und Orientalist Friedrich Rückert (1788-1866) übersetzte. Nachdem die ersten drei Preisrunden für arabische bzw. persische Literatur vergeben wurden, ist der Coburger Rückert-Preis 2016 der türkischen Literatur in deutscher Übersetzung gewidmet. Der Preis wird am 31.01.2016, dem 150. Todestag Friedrich Rückerts, in Coburg festlich verliehen.

Auf der Shortlist zum Coburger Rückert-Preises 2016 stehen die neu entdeckte Lyrikerin Yeşim Ağaoğlu, die auch bildende Künstlerin ist, die Romanautorin Oya Baydar, die lange in Frankfurt gelebt hat und die politische Lage in ihrer Heimat in ihren Romanen engagiert und kritisch betrachtet, die Physikerin Aslı Erdoğan, die ihre Identität in der Fremde, in den Favelas Brasiliens, erkundet, die Schriftstellerin Sema Kaygusuz, die die Mythologie der Ägäis ebenso verarbeitet wie die Vertreibung und Vernichtung der Armenier im 1. Weltkrieg sowie der urwüchsige Erzähler Ali Hasan Toptaş, ein humorvoller Chronist des anatolischen Dorfs.

Diese Auswahl zeigt, dass die Literatur der Türkei – weitgehend unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit – in Thematik und Sprachkunst auf Weltniveau mitspielt. Auffällig ist der hohe Anteil an hochintelligenten Romanen und Gedichten von Frauen. Eine Generation von bedeutenden Schriftstellerinnen hat die vermeintlich männliche Domäne des literarischen Schaffens erobert, heißt es in einer den Deutsch Türkischen Nachrichten vorliegenden Mitteilung.

Die Jury setzt sich zusammen aus Prof. Dr. Erika Glassen, Türkei-Expertin und Herausgeberin der 20bändigen „Türkischen Bibliothek“, Dr. h.c. Michael Krüger, Präsident der Bayerischen Akademie der Künste und früherer Verleger des Hanser-Verlags, und der Orientalistin und Übersetzerin Dr. Claudia Ott. / Mehr bei Deutsch-Türkische Nachrichten

Spycher: Literaturpreis Leuk für Katharina Schultens

Der Spycher: Literaturpreis Leuk 2015 geht an Katharina Schultens.

Aus der Jury-Begründung: „Katharina Schultens gelingt es mit federleichter Selbstverständlichkeit, das naturwissenschaftlich-technische Hintergrundrauschen unserer Gesellschaft ebenso wie die mythologisierenden Begrifflichkeiten der globalen Finanzwelt zum Material ihrer oft hymnischen Gedichte zu machen. Buch für Buch hat sich die 1980 geborene Schriftstellerin dabei in beeindruckender Konsequenz von ihrem 2004 veröffentlichten Debüt ‚Aufbrüche‘ über ‚gierstabil‘ (2011) bis zu ‚gorgos portfolio‘, das im letzten Jahr erschienen ist, eine ganz eigene, ebenso kühl-analytische wie spielerisch-lockende Sprache erschrieben. Katharina Schultens beantwortet mit einem spezifisch weiblichen Blick auf die Rede- und Sprechformen unserer Gesellschaft die Frage, wie zeitgenössische Lyrik auf gesellschaftlich-ökonomische Verhältnisse reagieren kann.“

Die Preisverleihung findet am 27. September um 11 Uhr im Rahmen einer festlichen Matinee auf Schloss Leuk statt. Die Laudatio auf die Preisträgerin hält ihre Verlegerin Daniela Seel.

Die Mitte und kein Ende

Bertram Reinecke schrieb einen Kommentar zu Nora Bossongs Artikel über die „Mitte“ und die Lyrik (Dichter, traut euch ins Zentrum). Aber mehreren Zeitungen war er wohl zu randständig, sie lehnten ab oder wollten einen anderen Text. Liest man Bertram Reineckes kurzen ersten Satz: „Wer gehofft hatte, dass die Auszeichnung Jan Wagners mit dem deutschen Buchpreis endlich wieder dem Gedicht breitere Öffentlichkeit verleiht, sah sich getäuscht.„, versteht man warum sie ihn nicht nehmen. Stand nicht in fast jeder Zeitung, mit der Auszeichnung für einen Gedichtband statt eines Romans stünde endlich wieder die Lyrik im Rampenlicht etc. pp., sah man sie nicht fast schon abheben? Wer so frech anfängt, kann nicht verlangen, daß man ihm auch noch zuhört. –  Jetzt erschien er in erweiterter Form da, wo heute eben die Debatten geführt werden, im Netz. Lyrikzeitung dokumentiert Anfang und Schluß – wer Essays von Bertram Reinecke gelesen hat, weiß schon, daß man auch die Fußnoten mitlesen muß, die verweisenden Zahlen bleiben hier stehen, Fußnotenverweis ohne Fußnotentext.  Wir verweisen auf das Original beim Magazin Signaturen.

Wer gehofft hatte, dass die Auszeichnung Jan Wagners mit dem deutschen Buchpreis endlich wieder dem Gedicht breitere Öffentlichkeit verleiht, sah sich getäuscht. Zwar wurde über Wagner geschrieben, aber das Thema Lyrik wurde oft schnell durch die abgedroschene Story vom Erfolg und seinen Neidern ersetzt. Wenn sich mit Nora Bossong auch eine Lyrikerin, die es besser wissen sollte, an diesem Spiel beteiligt, gibt das zu denken.
Oberflächlich betrachtet, macht ihr Text bescheidene Vorschläge, in Wahrheit sät sie Misstrauen gegen jedes andere Kriterium als das des Erfolgs. Sie unterhöhlt damit die Glaubwürdigkeit jener, denen es bei der Lyrik stattdessen um Inhalte geht.

Sie behauptet etwa, der Erfolg Wagners habe die Solidarisierung der Lyriker untereinander als der per se Erfolglosen durchbrochen. So mag sich mancher Lyriker-Kreise vorstellen. Wer nur einmal ein mittelgroßes Poesiefestival besucht, wird eines Besseren belehrt. Nicht nur wird er sofort erleben, dass Lyriker nach wie vor oft solidarisch miteinander umgehen, sondern ebenfalls, dass die Lyrik keine verschworene Gemeinschaft auf ein gemeinsames Ziel hin ist. Hartnäckig, wenn auch freundlich wird dort um Positionen gerungen. Kurz: Eben weil es in der Lyrik um Kriterien geht, um Normen und Menschen, die gegenseitige Positionen kritisch ernst nehmen, steht die reine Verkäuflichkeit hier hintan und solche Festivals sind keineswegs die Rückzugsoase mit Wohlfühlfaktor für bedrohte Tierarten, zu der Nora Bossong sie stilisiert. Die Solidarität, die sie wie einen Klüngel beschreibt, kommt nicht von der Abwesenheit des Erfolgs sondern aus der zusätzlichen Anwesenheit von etwas anderem: dem Ringen um gute Literatur. Eher ist es anders herum: Nora Bossong geht mit einem Publikum, das die Heterogenität der Gegenwartslyrik als zu schwierig ignoriert, eine Wohlfühlallianz ein, indem sie ihm zuruft: „Ihr braucht Euch darum nicht zu kümmern, lest lieber etwas Wagner, da habt ihr alles“. Nur solch einem Publikum kann man ja weismachen, dass es irgendetwas für die Lyrik als Ganzes heißt, wenn einer einen Preis bekommt. Für wie schläfrig hält Nora Bossong denn die Lyrikszene? Hätte dieses Zerbrechen des Konsenses der Erfolglosen nicht spätestens seit Günter Grass‘ „Eintagsfliegen“ eintreten müssen? Was ist diesmal anders? Dass sich eine Jury, die sich bisher durch die Bevorzugung von Romanen profiliert hat, zur Lyrik „herabbeugt“? Warum sollte jemand gerade diesen Preis, bloß weil er Nora Bossongs Geschmack entgegenkommt, begrüßen wie das Manna vom Himmel? Ist das nicht eher eine der Artenschutzmaßnamen, an denen Nora Bossong auf der Bühne offenbar so leidet? Natürlich sind Literaturbeamte, die sich für Lyrik nur noch dienstlich interessieren und deswegen nur Indifferentes zu ihrem Gegenstand zu sagen wissen, ein Problem. Ich weiß nur nicht, warum Nora Bossong deren Meinung wichtig ist und warum sie darin ein Problem der Lyrik sieht, die ja in anderen Foren gut ohne diese Beamten auskommt. Und gerade auf der Bühne könnte man ja zeigen, dass der Lyriker weniger schützenswert als vielmehr durchaus bissig sein kann. Das muss man sich natürlich auch trauen.
Mit Nora Bossong kann man offenbar über Wagners Lyrik nicht diskutieren, wenn man sich nicht sofort von ihr anhängen lassen will, man führe eine Neiddebatte: „Prompt gibt es denn auch Distanzierungen. Wagners Texte seien so konventionell, dass sie zeitgenössische Dichtung überhaupt nicht widerspiegelten.“  „Prompt“ – als hätten sich die Lyriker das eigens ausgedacht, um ihm zu schaden. Es ist aber so: Wagner gilt vielen schon seit jeher als konventionell, und jeder der es wissen wollte, wusste es. Es hat vor dem Preis bloß kaum einen interessiert. Kurz lässt sie drei LyrikerInnen zu Wort kommen: Sabine Scho nennt ihn restaurativ, Yevgeniy Breyger wirft ihm einen metaphysischen Essentialismus vor, Mara Genschel findet ihn konventionell … Und wischt dann alle Argumente mit der Autorität ausgerechnet Jan Wagners vom Tisch. (Natürlich muss es den bösen Zauberer geben, wenn doch der gestiefelte Kater seine Existenz so fest behauptet!) Der meint über seine Kritiker: „Zu glauben, dass eine auf den ersten Blick zugänglichere Oberflächenstruktur bedeutet, es sei keinerlei Abgründigkeit vorhanden, ist ein Missverständnis.“ Nicht nur bleibt Bossong einen Beweis für seine Behauptung schuldig, das Zitat redet gar nicht zur Sache. Denn auch einem Nietzsche wird man Abgründigkeit zubilligen. Jemand, der sich dieser Schreibweise bediente, schriebe heute dennoch recht konservativ. Das Beispiel stellt bereits eines klar. Natürlich kann auch ein Dichter der wie Wagner mit konventionell verständlichen Mitteln arbeitet, ein guter Dichter sein.² Erst Nora Bossong unterstellt, dass alle, die Wagner konventionell finden, ihm damit gleichzeitig die Qualität absprechen. Das ist schlicht falsch. Weil sie Lyriker so wenig ernst nimmt, sei hier zum Beweis Medienfrau Wiebke Porombka zitiert, die in ihrer Eloge, ebenfalls in der ZEIT, an den Gedichten „klassische Formen“ bemerkte und betont: „Wagner ist kein Avantgardist“. Für sie ist also Verständlichkeit eher mit dem Althergebrachten im Bunde. Man kann ja sogar Jan Wagner als einen bis zum Abwinken würdigen Preisträger empfinden, sein Werk schätzen, und dennoch ist der Gedanke schwer von der Hand zu weisen, er würde im Moment der Glorie etwas überschätzt. Der Rechtfertigung hingegen bedarf Nora Bossong, die es anders sieht. Sie müsste an Jan Wagners Texten zeigen können, woran es liegt, dass er momentan so viel mehr Gedichtbände verkauft als Lyriker mit verwandtem Ansatz, sagen wir x mal mehr als Norbert Hummelt oder y mal mehr Bücher als Lutz Seiler. Das Ressentiment, welches ihre Rhetorik ausbeutet und perpetuiert, trifft also nicht nur Avantgardisten oder unbekannte Dichter, sondern alle Richtungen.
Um Argumente geht es Nora Bossong freilich nicht, sondern um verhohlenes Bashing derjenigen, die sich dem Angesagten nicht unterwerfen. Dazu stellt sie als nächstes eine schwache Kolumne von Diez in eine Reihe mit den klügeren Rezensenten Wagners. Warum macht sie sich hier plötzlich die Mühe zu argumentieren, zumindest Michael Brauns richtige Beobachtung zu wiederholen, Diez hätte über die Weidenkätzchen die düstere Thematik des von ihm kritisierten Gedichtes vergessen? (Dass Jan Wagner eine Kontrastfigur verwendet, wie man sie schon im evangelischen Gesangbuch findet, weist ihn aber nicht automatisch als besonders unkonventionellen Dichter aus.) Warum hat sie nicht vorher bei den interessanten Stimmen genauer zugehört? Sie tut implizit so, als hätten alle Wagnerkritiker nicht mehr auf der Pfanne als Diez. Der Rückgriff auf Brauns Argument ist deswegen bemerkenswert, weil der Kontext seines Beitrags zu Wagners „Im Brunnen“ eher das Gegenteil des von Bossong Angezielten nachweisen soll. Braun zeigt eher, dass Wagner ein durchaus schwierigerer Dichter ist, als mancher annimmt, indem er darlegt, welche Anspielungen auf antike Bildungsgüter Wagner lesenswert machen.
³  Nora Bossong möchte gar keine Klarheit in diesen Fragen, sondern vor allem ihr missliebige Meinungen an der Dummheit eines Einzelnen haftbar machen. Da ist Nora Bossong nicht die einzige. Auch bei Braun hatte Diezens Gerede schon die Ehre, exemplarisch für die Wagnerkritik einzustehen. Ein Argument, etwa so schlagkräftig wie die Behauptung, Wagner müsse schlecht sein, wenn er eine so schwache Verteidigerin hat wie Bossong. (Immerhin redet Braun ansonsten wirklich über Poesie. Oh, dass man es loben muss!)

Pappkameraden erschlagen ist freilich leichter, als mit klugen Leuten zu streiten. Diese Art der Verunglimpfung ist in deutschen Feuilleton eher schon die Regel als die Ausnahme. Walter Delabar, auch er könnte es als Literaturprofessor besser wissen, mag zwar Wagner ebenfalls nicht, macht aber wiederum gerade dafür gleich die ganze Szene haftbar. Auch sein Argument erinnert an die Täter-Opfer-Umkehr: Man liest so viel über schlechte Lyrik in der Zeitung, also muss die Lyrik schlecht sein und nicht etwa die Berichterstattung. Man stelle sich vor, so würde über Bürger mit Migrationshintergrund geschrieben: „In der Zeitung steht viel über kriminelle Ausländer, Ausländer sind also schlecht.“ Als Lyriker muss man derlei Verunglimpfungen offenbar hinnehmen, ja sie sind so üblich, dass viele sie kaum mehr bemerken und sie als Selbstzweifel internalisieren.

(…)

Nora Bossongs Text pfeift, was die Spatzen seit jeher pfeifen, und tut als wäre es neu. Die Schnapsidee, dass schwierige Lyrik die Verbreitung der Gattung hemme, begleitet ja nicht erst die Jan Wagner-Debatte von Anfang an. (Wenn auch zögerlicher klingt das schon in den ersten Artikeln an, z.B. taz vom 12.3.). Die Forderung bildet schon seit Jahrzehnten ein Ostinato der Zeitungsberichte über Lyrik, Gernhardt war endlich verständlich, die Lyrik-von-Jetzt-Generation war endlich wieder verständlich, die Verständlichkeit der umstrittenen Gedichte von Günter Grass bezweifelt niemand: Man kann es sich sofort in der nächsten Buchhandlung anschauen, wie diese Kur angeschlagen hat. Und ist es nicht im Gegenzug auch schon vorgekommen, dass auch ein Band des schwierigen Stolterfoht, der schwer zugänglichen Mayröcker sich weit öfter verkauft, als es die uralte Enzensbergersche Konstante vorhersagt? (Sie schenkt es sich nicht einmal, diese Zahl für ihre Zwecke um ein gutes Viertel abzurunden.) Spannender wäre die Frage, was denn einen Kleinverleger sonst dazu treiben könnte, immer wieder Bücher zu machen, deren ökonomischer Nutzen so fraglich ist. Der mag ja auch seine Gründe haben.

Nora Bossongs Text ist das alles egal. Die ewig junge hässliche Geschichte vom Neid, die sie nun auch in der ZEIT wiederkäut, erschwert schon jetzt jede Internetdiskussion über Lyriker oder die Urteile von Jurys. Jeder, der Inhalte diskutieren wollte, ist dort schon einmal mit dieser Story an die Wand gespielt worden. Nora Bossong ist dagegen in der schönen neuen marktförmigen Welt angekommen. Die Träne in ihrem Knopfloch erweist sich als Krokodilsträne, ein modisches Accessoire.