Zerschossenes Experiment Sarajevo

Es gibt immer eine Welt von gestern, auf die der Glanz des Verlustes fällt. Für den Serben Stevan Tontić, den Kroaten Mile Stojić, den bosnischen Muslim Abdulah Sidran und die anderen Dichter aus Sarajevo ist es die Zeit, bevor ihre Stadt eingekesselt, belagert, bombardiert wurde. Und bevor das bosnische Experiment, in einer gemeinsamen Stadt das Zusammenleben von mehreren Volksgruppen und Religionsgemeinschaften zu erproben, so blutig zunichte wurde.

(…)

Die Belagerung war für alle Einwohner Sarajevos katastrophal. Eine besondere Belastung aber bedeutete sie für jene weltoffenen Serben, die für die kulturelle Pluralität einstanden und nun in einer Stadt ausharren mussten, die monatelang von serbischen Truppen beschossen wurde. Das dichterische Werk von Stevan Tontic, der bereits vor dem Krieg ein anerkannter Autor war, ist seither ganz den Erfahrungen des Schreckens gewidmet; aber nicht so sehr, weil es immer wieder auch Verrat, Mord, Rache thematisiert, sondern weil der Autor im „täglichen Weltuntergang“ die Moral, die Frage nach dem richtigen Tun und Verhalten des Einzelnen und der Gesellschaft ins Zentrum seiner Lyrik stellt. Das ist einem Buch zu entnehmen, das einen Überblick über das Gesamtwerk von Tontic gibt, der auf Serbisch zwölf Gedichtbände publizierte und für seine in den Berliner Exiljahren entstandene „Handschrift aus Sarajevo“ Ende der neunziger Jahre auch einige deutsche Literaturpreise erhielt. / Karl-Markus Gauss, Süddeutsche Zeitung 16.7.

Stevan Tontić: Der tägliche Weltuntergang. Gedichte. Serbisch-Deutsch. Übersetzt von Sabine Fahl, Cornelia Marks, Richard Pietraß, Zvonko Plepelic, André Schinkel, Bärbel Schulte. Drava-Verlag, Klagenfurt 2015, 170 Seiten, 17,80 Euro.

Kultur-Imperialismus

SZ: Was hat Sie motiviert, sich auch in Ihrem dritten Roman mit dem Islamismus in Westafrika auseinanderzusetzen?

Ousmane Diarra: Der Schmerz hat mich dazu gezwungen. Als die Islamisten Anfang 2013 zwei Drittel des malischen Territoriums besetzten und Intellektuelle, Musiker und Künstler mit dem Tod bedrohten, ließ ich einen anderen, bereits begonnenen Roman liegen. Es fühlte sich an, als sei ein Teil meines Körpers verstümmelt und abgetrennt worden. Die Schönheit und Kraft Malis: Sie schöpfte doch immer aus unserer Vielfalt, aus diesem bunt gewebten Teppich unterschiedlicher Kulturen. Und nun kamen diese Verrückten, um Mausoleen einzureißen, unser säkulares Erbe zu zerstören, der traditionellen Sinnlichkeit Malis den Garaus zu machen.

Sie deklarieren Ihr Buch als Fiktion. Dennoch könnte es sich auch um eine Innensicht aus dem Machtbereich von Boko Haram handeln…

Manche Gräuel übertreffen längst jede schriftstellerische Imagination. Dabei steckt ein hartes politisches Kalkül hinter dem religiösen Wahn. Gewisse arabische Staaten fördern den islamischen Fanatismus mit viel Geld, sie schicken ihre Prediger zu uns und errichten überall in Westafrika ihre Moscheen. Geht es da wirklich um Religion? Ich sehe vor allem einen Kultur-Imperialismus am Werk, der das alte, tolerante Afrika zu zerstören droht.

(…)

1950 waren noch 80 Prozent der malischen Bevölkerung Animisten, heute sind die Malier zu 90 Prozent Muslime. Wie kam es zu diesem Umschwung?

Materielle Vorteile spielen eine große Rolle. In meinem Dorf hat Kuwait die Errichtung moderner Brunnen finanziert. Einmal im Jahr, an einem Freitag, versammelt sich das Dorf um die Ältesten. Dann initiieren sie die Jungen in das traditionelle Wissen, in unseren Kult. Seit 20 Jahren schicken die Kuwaitis genau an diesem Tag ihre Techniker zur jährlichen Brunnenwartung. Natürlich lehnen die Ältesten stets ab. Denn – defekte Brunnen hin oder her – die Kette der Tradition darf um keinen Preis abreißen. Wir Bambara haben Initiationslager für Mädchen und Jungen, feiern üppige Hochzeiten und Feste: Sie binden die Jugendlichen in die Gemeinschaft ein. Hier können sie ihre jugendliche Energie auf gute Weise abreagieren. Wenn das wegfällt, treten im schlimmsten Fall Organisationen wie Boko Haram in die Lücke.

Idealisieren Sie da nicht das ursprüngliche Afrika?

In Paris wie Mekka wurde die animistische Tradition gerne als „Barbarei“ und Hindernis für Zivilisation und Fortschritt verunglimpft. Dabei stellt sie das tolerante Herz Afrikas. Wenn wir sie aufgeben, dann verliert nicht nur Mali seine Seele.

/ Süddeutsche Zeitung 16.7.

Diwan Ifrikiya

In their collection, volume four of the Poems for the Millennium series, Pierre Joris and Habib Tengour present an ‘anthology of the oral and written literatures of North Africa’ that offers fresh selections, well-known canonical works, and unusual texts. The book is attractive both for the quality of the canonical literary choices, in both poetry and prose, and the folk and oral material. (…)

The book should interest all scholars and general readers of literature (and history) on at least four accounts: it insightfully tackles the nature of literariness, a fundamental subject for any lover of literature; it pays attention to the multilingual (Arabic, Tamazight, Hebrew) and multiethnic diversity (Arab, Kabyle, Jewish, European) in past and present North Africa, considerations that are often overlooked in common understanding of national literatures; it includes generous selections from resistance and independence poetry from a region that fought one of the world’s greatest colonial struggles, therefore providing insights into the relation between literature and politics and into engaged writing; and it subtly but persistently challenges accepted literary mappings and boundaries within and without this region.

Joris and Tengour divide ‘Diwan Afrikiya’ into five diwans that rest on chronological, typological, and political underpinnings. The book opens with ‘A Book of In-Betweens: Al-Andalus, Sicily, the Maghreb’. This first diwan includes a number of muwashshahas (by Ibn Quzman and Ibn Labbana), selections from Ibn Hazm’s The Neck-Ring of the Dove, Al Mu’tamid Ibn Abbad, Ibn Hamdsis’s lament for Sicily from his qasidas (or odes) the Siqilliat, Yehuda Halevi’s Songs to Zion, Ibn Arabi’s ‘O My Two Friends’, and Yusuf Ibn Harun al-Ramadi, Ibn Zaydun, and Ibn Khafadja’s ‘The River’. Ibn Labbana’s ‘Al-Mu’tamid and His Family Go into Exile’ movingly mourns the expulsion of that poet prince and his family from Seville, as they embark on the Guadalquivir, ‘precious pearls,/adrift on the foam of the river ’. / Ala Alryyes,  (2014) Poems for the millennium, volume four: Book of North African literature, The Journal of North African Studies, 19:5, 864-867, DOI: 10.1080/13629387.2014.930292

Poems for the millennium, volume four: Book of North African literature, edited by Pierre Joris and Habib Tengour, Berkeley, California, The University of California Press, 2012, xxxii + 760 pp., $80.00 (hardback), ISBN 978-0-520-26913-2/$39.95 (paperback), ISBN 978-0-520-27385-6

Anja Golob

Anja Golob ist 38, sie hat in Slowenien zwei Gedichtbände veröffentlicht, das vorliegende Bändchen (ein Heft nur, aber schön gestaltet, edle, klare Linie, überwiegend schwarz, mit einer Art stufiger Vorderseite) bringt eine sehr knappe Auswahl ihres zweiten Gedichtbands von 2013. Dafür bekam sie den Jenko-Preis, den wichtigsten Lyrikpreis Sloweniens. Sie nahm ihn gerne an, aber nicht das Preisgeld, weil es aus einer privaten Hand kam, die ihr nicht sauber vorkam. So konsequent ist nicht jeder.

(…)

Anja Golob wird sich im Herbst eine Weile in der Villa Waldberta am Starnberger See aufhalten, und dann plant sie Berlin. Dort will sie Versuche anstellen: mit ihrem «zerbrochenen Deutsch und perfekten Slowenisch». Das Deutsch im vorliegenden Büchlein ist nicht «zerbrochen». Die Übersetzung des Duos Černe/Wolf ist schlicht preiswürdig. / Peter Urban-Halle, Neue Zürcher Zeitung

Anja Golob: ab und zu neigungen. Gedichte. Hrsg. von Johanna Öttl. Aus dem Slowenischen von Urška P. Černe und Uljana Wolf. Hochroth-Verlag, Wien 2015. 28 S., € 8.–.

Ingolds Einzeiler

Was so unerhört ins Gewicht fällt und nie ganz verglüht, sind – dort drüben! – Berge von Gefühlen.

Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr

Gestorben

Einer der bekanntesten Autoren Simbabwes, Chenjerai Hove, starb in Norwegen im Alter von 59 Jahren. Er war ein Kritiker von Präsident Mugabe, 2001 verließ er sein Land nach Schikanen von Behörden.

Er schrieb Romane, Gedichte und Stücke. Er schrieb Englisch und Schona mit gleicher Meisterschaft. Er wurde u.a. mit dem Zimbabwe Writing Award (1987), dem Noma Award for Publishing in Africa (1989) und einem Deutsch-Afrikanischen Preis für Meinungsfreiheit 2001 ausgezeichnet. / BBC

Sperriges Sprachtreibgut und rauschhafte Feste

Sie entwickeln einen eigentümlichen Sog, diese langen Gedichte von Thomas Kunst. Es ist dieser besondere Ton. Da spricht einer, erzählt, bekennt, man lauscht gebannt. Lässig fließt es ein Stück in vertrauten Redewendungen, doch, zack, stößt man auf solch sperriges Sprachtreibgut: „unter der steifen Ausschöpfung / Eines jeglichen Muskelsüdens“. Man stutzt, wendet‘s um und um, aber es bleibt rätselhaft. Und so etwas findet man reichlich: „hochgebundener Schnee“, „Kabinenwurzeln“, „Mondänes Tennisgeklimper mit Küste und /Harten Möwen“ oder „Garantien der Ausgekratztheit“. Aber manche dieser verrückten Wortmontagen verbreiten unversehens ein erhellendes Licht: „Glücksgewebe“ zum Beispiel. So hat man das noch nie gehört, aber ja, es stimmt. Und dann begegnen einem Wortfügungen, die wunderbar leuchten: „Berührungen sind Trümmer, kein Besitz“ zum Beispiel findet man in einem der Sonette, die in geforderter Strenge zu bauen dieser Dichter souverän beherrscht. Ein Gedicht beginnt: „Du musst mich diese rauschhaften Feste schon zu Ende feiern lassen“. Vielleicht sind diese Verse vor allem dies: rauschhafte Feste der Poesie. (…) Die wichtigsten Gedichte des in Stralsund geborenen, seit 1987 in Leipzig lebenden Autors finden wir in einem Auswahlband, ein Geschenk des Dresdner Verlegers Helge Pfannenschmidt (Edition Azur) zum 50. Geburtstag von Thomas Kunst. (…) Was Thomas Kunst in der Dichtung der Gegenwart vermisst: „Kühnheit, Frechheit, Phantasie, Dreistigkeit“. Und auch Dreck gehört für ihn in die Literatur. Gar nichts jedenfalls hält er von einer theoretisch überfrachteten Lyrik. So ätzt er hin und wieder in seinen Versen gegen Universitäten. Einfacher zu werden, danach strebt er: „daß man das fast nicht mehr für Dichtung hält“.  / Tomas Gärtner, Dresdner Neueste Nachrichten 29.06.2015

Thomas Kunst:
Kunst. Gedichte 1984–2014.
Edition Azur.
144 S.,
20,00 Euro

Bienenspäßchen

Bei Textkette startete eine Serie mit einem Gedicht des niederländischen Dichters Daniel Heinsius (1580-1655), welches in fast jeder Zeile das Versmaß wechselt. Lust auf ein Spiel mit einem großen europäischen Dichter (und einen kleinen Crashkurs in klassischer Metrik)? Dann schauen Sie heute und mindestens in den nächsten ca. 26 Tagen bei http://textkette.com vorbei.

Fortsetzungen

der Debatte um Bertram Reineckes Essay „Die Mitte und kein Ende“ (in den Signaturen): zu den Wortmeldungen in der Lyrikzeitung und auf Facebookseiten kommt jetzt ein Mailwechsel zwischen Frank Milautzcki und Bertram Reinecke bei Fixpoetry.

Geheimdichterin

Emily Dickinson ist die wohl einflussreichste amerikanische Lyrikerin. Sie wird heute weltweit gelesen und gefeiert. In ihrer Epoche, dem 19. Jahrhundert, wusste kaum jemand von ihrer Kunst. Nur zehn Gedichte wurden zu ihren Lebzeiten veröffentlicht. Jetzt erscheint eine Ausgabe mit dem Gesamtwerk: 1.789 Gedichte.

(…)

Als Emily Dickinson 1872 dieses poetische Selbstbekenntnis schrieb, hatte sie sich schon von aller Welt zurückgezogen, war die „White Lady“, wie die Bürger von Amherst die gespenstische Erscheinung nannten, die in stets schneeweißem Gewand nachts durch ihren Garten wandelte. Emily Dickinson war damals 42 Jahre alt, lebte in ihrem Elternhaus, verließ kaum ihr Zimmer. Und dort stieß man nach ihrem Tod 1886 in einer schweren Truhe auf nahezu vierzig kleine Notizbücher, mit über 1700 Gedichten – ein weltliterarischer Fund, über den sich die jüngere Schwester Lavinia, die den Schatz entdeckte, natürlich nicht im Klaren war.

Denn dass Emily schrieb, wusste jeder in der Familie, nur schwieg man betreten, denn was sollte es schon sein? Emily Dickinsons Biographen haben einen traurigen Strauß an Begründungen geflochten, warum diese Frau sich und ihr Werk so sehr versteckte, immer verbunden mit dem Gedanken, dass eigentlich alles anders, viel schöner hätte kommen können. (…)

Zahlreiche Gedichte arbeiten mit Reflexen, Verweisen auf konkrete Ereignisse, Personen, geschichtliche und philosophische Entwicklungen. Viele Verse entstehen überhaupt erst durch solche Anlässe, und vieles, was bislang als unverständlich-metaphorisch-allegorisch galt, wird im Zusammenhang deutlich und klar konturiert. Ein gutes Beispiel dafür sind Gedichte, die Emily Dickinson ab 1863 schrieb, seit dem Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs, der sich zu einer nationalen Tragödie entwickelte, mit gigantischen Schlachten und Hunderttausenden von Toten. Auch nach Amherst drangen die Nachrichten, die Zeitungen druckten erschütternde Reportagen und gräuliche Bilder von den Schlachtfeldern und aus den Lazaretten. Auch Emily war entsetzt:

Gedicht 704

Mein Part ist heut – das Unterliegen –
Ein bleicheres Geschick als Siegen –
Kaum Lobeshymnen – Glockenklang –
Mir folgt kein Trommler – mit Gesang –
Nicht rasch wie Schüsse geht’s voran –
Debakel – zieht sich hin –

Voll Flecken ist’s, voll von Gebeinen –
Und Männern die zu steif zum Beugen –
Und Stapeln von Gestöhn –
Von Splittern weiß – in Knabenaugen –
Gebetsschutt –
Klar in Stein gehauen
Des Tods frappantes Tun –

[…] *)

„Scraps of prayer“ heißt es im Original, „Gebetsschutt“ macht Gunhild Kübler daraus, und schon an diesem einen Wort lässt sich die Leistung ihrer Übersetzung illustrieren. Sie ist schlicht sensationell. Schon nach wenigen Zeilen spürt man, dass hier eine Schwester im Geiste am Werk ist, vertraut mit dem Empfindungs- und Gedankenraum von Worten und Begriffen, ihrer Aura, die sie instinktiv, scheinbar mühelos, zu erfassen und in die eigene Sprache zu verwandeln vermag. Dichterin und Übersetzerin wirken wie zwei enge Freundinnen, die einander verstehen, ohne viel sagen und erklären müssen. Fällt ein Wort, wissen beide, was gemeint ist, blicken sie gemeinsam auf einen Gegenstand, sehen sie dasselbe. / DLF-Büchermarkt

Emily Dickinson, Sämtliche Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt, kommentiert von Gunhild Kübler. Verlag Carl Hanser München. 1.404 Seiten. 49,90 Euro.

*) Hier der Originaltext:

My Portion is Defeat—today—
A paler luck than Victory—
Less Paeans—fewer Bells—
The Drums don’t follow Me—with tunes—
Defeat—a somewhat slower—means—
More Arduous than Balls—

‚Tis populous with Bone and stain—
And Men too straight to stoop again—,
And Piles of solid Moan—
And Chips of Blank—in Boyish Eyes—
And scraps of Prayer—
And Death’s surprise,
Stamped visible—in Stone—

There’s somewhat prouder, over there—
The Trumpets tell it to the Air—
How different Victory
To Him who has it—and the One
Who to have had it, would have been
Contender—to die—

Gestorben

Mehrmals ging Gerhard Zwerenz von der Fahne: Als Soldat der Wehrmacht desertierte er in Polen, als linker Anti-Stalinist floh er aus der DDR. Heute ist er mit 90 Jahren gestorben – kurz nach seinem runden Geburtstag, zu dem ihm Franziska Augstein gratulierte. / Süddeutsche Zeitung

Wie viele…

Gedichte verträgt ein Feuilleton-Autor? Die Zeit verrät es uns definitiv (und löst damit definitiv das Problem der Lyrik, an dem nicht nur Doktor Benn rumdokterte*): immer 1 Roman 1 Gedicht.

Die interessantere Frage stellt Alexandru Bulucz:

Wie viele Stimmen verträgt ein Gedichtband? In Oberländers kommen einige vor, so zum Beispiel die Paul Celans, Franz Kafkas, Theobald Hocks, Egon Schieles, Adalbert Stifters und Johannes Urzidils. Läuft ein Dichter, wenn er zu viele Personen mit direktem Bezug zur Stadt zu Wort kommen lässt, nicht Gefahr, zu einem Stimmenimitator zu werden? An die Härte, mit der Thomas Bernhard den Stimmenimitator angeht, wird man sich gewiss erinnern: „Als wir ihm [dem Stimmenimitator] jedoch den Vorschlag gemacht hatten, er solle am Ende seine eigene Stimme imitieren, sagte er, das könne er nicht.“ (Thomas Bernhard, Der Stimmenimitator)

Sobald man in die Gedichte hineinliest, erweisen sich diese Befürchtungen als grundlos. Den Weg zwischen Dichtung und Chronik, den Oberländer einschlägt, erkennt man an seiner Umsetzung, die bei ihm etwas hat, was der neueren Literatur vielleicht allgemein etwas abgeht: nämlich Witz. Zum Beispiel überträgt er Theobald Hocks (1573-1624) rätselhafte Worte „durch othebladen öckhen von ichamp / eltzapffern bermeorgisschen secretarien“ wie folgt: „durch abend holten köche nach pech / ikonenbroschen emsiger secretarien / oder / durch theobalden höckchen von china / secretarien pferzapft regnerischen lobens“ (aus „zur erinnerung an theobald hock“). / Signaturen

Harry Oberländer: chronos krumlov. Gedichte. Mit einem Vorwort von Wulf Kirsten und einem Essay des Autors. Frankfurt am Main (edition faust) 2015. 72 Seiten. 18,00 Euro.

*) Immerhin Benn wußte noch, daß Problem im Plural stehen muß. Sein Vortrag trägt den bekannten Titel: Probleme der Lyrik.

My father

My father, Ai Qing, was an early influence of mine. He was a true poet, viewing all subjects through an innocent and honest lens. For this, he suffered greatly. Exiled to the remote desert region of Xinjiang, he was forbidden to write. During the Cultural Revolution, he was made to clean the public toilets. At the time, those rural toilets were beyond one’s imagination, neglected by the entire village. This was as low as one’s condition could go. And yet, as a child 
I saw him making the greatest effort to keep each toilet as clean and as pleasant as possible, taking care of the waste with complete sincerity. To me, this is the best poetic act, and one that I will never forget.

My father was punished for being a poet, and I grew up in its consequences. But even when things were at their most difficult, I saw his heart protected by an innocent understanding of the world. For poetry is against gravity. Reading Walt WhitmanPablo NerudaFederico García Lorca, and Vladimir Mayakovsky at a young age, 
I discovered that all poetry has the same quality. It transports us to another place, away from the moment, away from our circumstances. / Ai Weiwei, July/August 2015 issue of Poetry magazine

Jean-Pierre Schlunegger

Der Waadtländer Lyriker Jean-Pierre Schlunegger, der sich 1964 mit knapp vierzig Jahren das Leben nahm, wird im deutschsprachigen Raum erst jetzt durch die von Christoph Ferber übersetzte und edierte zweisprachige Auswahl «Bewegtes Leuchten – Lueur mobile» (mit einem Nachwort von Barbara Traber) bekannt. Es sind kräftige, farbige, worthungrige und dramatische Gedichte im Rhythmus des bald langen, bald kurzen Atems des Dichters. / NZZ

Jean-Pierre Schlunegger: Bewegtes Leuchten. Lueur mobile. Gedichte. Aus dem Französischen von Christoph Ferber. Limmat-Verlag, Zürich 2014. 176 S., Fr. 39.90.

Henri Meschonnic und sein Werk

Auszüge aus einem Artikel von Felix Philipp Ingold über den 2009 verstorbenen französischen Gelehrten und Dichter Henri Meschonnic:

Selbst seine einstmals berüchtigten, bisweilen aphoristisch zugespitzten Pauschalurteile sind in Vergessenheit geraten: «Der schlimmste Feind der Poesie ist die Liebe zur Poesie.» – «Die Ästhetik ist der Tod des Gedichts.» – «Lernen heisst verstehen lernen, dass man nicht weiss, was man tut.» – «Nichts steht dem Göttlichen so sehr entgegen wie das Religiöse.» Usw.

(…)

All seine sprachphilosophischen und literaturtheoretischen Erwägungen münden letztlich in die Frage nach dem Gedicht. Die Frage nach dem Gedicht (wie auch die allfällige Antwort darauf) schliesst bei ihm – noch eine Provokation! – den Dichter und sogar die Dichtung aus: Das Gedicht, so betont er stets aufs Neue, entsteht im Gegenzug zur Dichtung und auch im Gegenzug zum Willen des Dichters. Es entsteht, um für sich selbst einzustehen, und es selbst ist die Gesamtheit dessen, was jeweils in ihm verwahrt ist und aus ihm spricht: ein «Ich – hier und jetzt», mithin ein geschichtlicher Moment, aber auch eine «poethische» Qualität, in der ethische und poetische Komponenten zu einem (zu seinem) «Wert» fusionieren: «Unaufhebbare Interdependenz und Interaktion von Sprache, Wirklichkeit und Ich.»

Das Gedicht ist immer dieses Gedicht. Das Gedicht entsteht und besteht an und für sich, es geht allen Regeln und Konventionen und Traditionen voraus: Das Gedicht kommt vor dem Sonett, der Vers vor dem Alexandriner, die Assonanz vor dem Reim, der Rhythmus vor dem Metrum. Das Sagen fällt hier mit dem Gesagten in eins. Das ist, zumal bei einem hyperluziden und hochgebildeten Autor wie Meschonnic, ein geradezu «primitiver» Ansatz: Urworte orphisch? Nein, ganz einfach Rückkommen aufs Eigentliche und aufs Eigene zugleich. Das Gedicht als Lebensform: «Das Gedicht ist die Verwandlung einer Sprachform durch eine Lebensform und die Verwandlung einer Lebensform durch eine Sprachform.» So behauptet sich das Gedicht als die einzige authentische Sprachform des Lebens.

Was in diskursiver Auslegung kompliziert, vielleicht gar abschreckend wirken mag, gewinnt in Meschonnics Gedichten eine staunenswert schlichte Sprachgestalt, die man beim Lesen als ebenso kunstvoll wie unbedarft erfahren kann. Fragt sich nur, ob der Autor das Gedicht nicht überschätzt (oder überfordert), wenn er ihm eine anthropologische Schlüsselfunktion bei der «Verteidigung des Lebendigen» zuspricht und von ihm erwartet, dass es seinen Zeichencharakter und damit den «abendländischen» Dualismus zwischen Form und Inhalt, Affekt und Konzept, Signifikant und Signifikat überwinde, um «sein Schweigen im Gelärm der Jetztzeit» zu behaupten. Damit zieht sich Meschonnic auf eine einsame Position zurück und markiert Distanz gegenüber seinen Dichterkollegen, die es eben darauf angelegt hätten: «die Jetztzeit mit Gelärm zu erfüllen».

Das ist mehr als ein Seitenhieb auf die heute besonders erfolgreiche performative Dichtung, die den Text in Gebrüll und Geraune verkommen lässt; es ist die viel weiter reichende Klage darüber, dass sich Dichtung nur noch in Gedichten (quantitativ) und nicht mehr im Gedicht (qualitativ) artikuliert. Dass Lyrik heute – nicht anders als Prosa – vorab aus Literaturinstituten, Workshops und Wettbewerben hervorgeht, dass sie sich von ständig wechselnden Trends, von Ratings und Preisen bestimmen lässt, ist Beleg dafür. Henri Meschonnic hat solch vordergründige «Preisung» der Poesie – deren Pathos wie deren Leichtfertigkeit! – durchweg kritisch kommentiert. «Doch jedes Mal, wenn ein Gedicht kommt, verliert diese monströse Produktion ihre ganze Kraft.» / Neue Zürcher Zeitung