Schnauze voll

Das mag sich Bert Papenfuß gar nicht erst vorstellen, dass die neuen Nachbarn, also die Besitzer der teuren neuen Eigentumswohnungen von gegenüber an seinem Tresen sitzen, oder auch jene aus dem riesigen neuen Wohnkomplex um die Ecke – das ist nicht seine Kundschaft. Und soll es auch nicht werden.

Also zieht sich der Betreiber der Kulturspelunke Rumbalotte an der Metzer Straße in Prenzlauer Berg zurück und schließt sein Raucherlokal nach fünf Jahren. „Wir haben die Schnauze voll“, sagt Papenfuß, einer der bekanntesten Dichter in Prenzlauer Berg, ein Untergrundautor, Punk und Anarchist, Jahrgang 1956. „Ab jetzt macht hier jeder, was er will und kann, sagt, was auf seiner seesalzigen Zunge brennt, liest aus der Schnapsflaschenpost, spinnt das Seemannsgarn weiter, singt und trinkt gegen das laue Lüftchen, das hier zur unerträglichen Wettererscheinung geworden ist.“ / Stefan Strauß, Berliner Zeitung

Ingolds Einzeiler

Mit ohne Blut und ohne Stimme besingt die Jägerin im Off das ausgebremste Wild.

Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr

Federer and O’Hara

In a piece in this Sunday’s New York Times, Gerald Marzorati examined the “mob-loud and unruly” support Roger Federer enjoyed at the recent U.S. Open.  To try to explain why the tennis star has such a passionate, devoted following among New Yorkers, Marzorati made a surprising comparison — Federer actually embodies the spirit of Frank O’Hara’s poetry:

Federer has been loved by New Yorkers for years, of course. Just ask Andy Roddick, who heard the cheers for Roger when, as America’s best tennis player, he faced him (and lost to him) in the Open final of 2006. Federer was urbane, and has grown only more so. During his stay in New York for the two weeks of this year’s Open, he ventured from his suite at the Carlyle to attend a performance of “Hamilton,” view “China: Through the Looking Glass” at the Met and eat sushi at Kappo Masa. His tennis self, too, has always been debonair and, just as crucial (and sophisticated), open to reinvention. With a racket in his right hand, Fed is the on-court embodiment of that free-verse epigram from Frank O’Hara, the ur-New York School poet of contemporary cultivation, etched for eternity on his East Hampton gravestone: “Grace/to be born and live as variously as possible.”

/ Locus Solus: The New York School of Poets

Alzheimer-Gedichte ausgezeichnet

Der isländische Tómas-Guðmundsson-Literaturpreis geht an Hjörtur Marteinsson für die Gedichtsammlung „Alzheimer-tilbrigðin“ (‚Alzheimer-Variationen‘).

Die drei Jurymitglieder Ragnhildur Pála Ófeigsdóttir, Bjarni Bjarnason und Davíð Stefánsson wählten den Text aus 48 Manuskripten.

Sie lobten seinen ironischen Ton und hoben hervor, daß der Dichter es verstehe, das unfaßbare Gefühl, das man hat, wenn das Gedächtnis einer geliebten Person unwiederbringlich dahinschwindet, in Worte zu fassen.

Im Jahr 2000 hatte Marteinsson denselben Preis für seinen Roman „AM oo“ erhalten, 2007 einen Lyrikpreis. Er veröffentlichte zwei Gedichtbände, Ljóshvolfin (1996) und Myrkurbil (1999). „Alzheimer-Variationen“ wird in Kürze im Buchhandel erhältlich sein. / Iceland Review

Versensporn

Das 21. Heft der Lyrikreihe „VERSENSPORN – Heft für lyrische Reize“ des Jenaer Vereines POESIE SCHMECKT GUT e. V. ist erschienen. Es präsentiert Gedichte des jungen griechischen Dichters Jazra Khaleed, der vor dem Hintergrund der Flüchtlingsproblematik das Ausbreiten von Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Faschismus in Griechenland thematisiert.  Khaleed wurde 1979 in Grosny/Tschetschenien geboren und gehört einer Generation junger Dichter an, die neue Einflüsse und Sichtweisen in die griechische Literatur getragen haben. Zu erwerben sind die VERSENSPORN-Hefte direkt über den Verein und in der Bücherstube Philler am Johannisplatz. Weitere Informationen gibt es unter www.poesieschmecktgut.de. / jenatv

Fachverlag für Horizonterweiterung

Auszug aus einem Interview mit Bertram Reinecke zum Programm seines Verlags Reinecke & Voß beim hausblog nottbeck

Was macht Ihren Verlag einzigartig? Was ist Ihnen bei Ihrem Programm wichtig?
Unsere Autoren verwenden Verfahrenszüge und Stilmittel die entweder überhaupt selten oder selten in dieser Kombination verwendet werden. Es können literarische Klassiker sein, die in Deutschland wenig bekannt sind, wie der spanische Barockdichter Quevedo, der Inspirator der französischen Symbolisten und Surrealisten Aloysius Bertrand, der russische Futurist Krutschonych oder zeitgenössische Schriftsteller wie Ulf Stolterfoht, der Palindromist und Anagrammatiker Titus Meyer oder Mara Genschel, die Verfahren aus der neuen Musik und der bildenden Kunst für ihre Literatur erschließt. Ein Kritiker nannte uns deshalb einmal: „Fachverlag für Horizonterweiterung“.

Nennen Sie drei Schlagwörter, die Ihren Verlag beschreiben.
Der Verlag ist genre- und gattungentgrenzend und steht quer zu Schlagwörtern und scheinbaren Antagonismen, wie etwa zwischen Neomoderne oder Postmoderne. Der Verlag richtet sich an versierte Leser, die dem verbreiteten Expertenirrtum „Wenn es interessant für mich wäre, müsste ich bereits davon gehört haben“ nicht aufsitzen. Ein besonderer Fokus liegt auf Autoren, die alte und neue Sachtextgattungen z.B. den Traktat, das Feature oder die Rezension als Strukturvorlage für belletristische Werke verwenden.

Sehnsucht nach Welt

Das Angenehme an Max Czolleks Lyrik ist die Tonalität ihres Erzählers, der uns durch die sprachliche Welt des Bandes führt. Klingt „angenehm“ wie ein Weichspüler? Als wäre „Jubeljahre“ ein Band voller gefälliger Texte? Das ist er bei weitem nicht: gleich zu Beginn wird klar, dass die Stimme des Textes zu ihren Worten kommt, um etwas mitzuteilen, das außerhalb des sprachlichen Systems liegt. Eine Sehnsucht nach Welt scheint durch, eine Sehnsucht nach Veränderung auch. Nicht Simulation, sondern Dissimulation, das Entlarven der Schwachstelle Realität, ist auf die Fahnen dieses Buches geschrieben. (…)

Das Bewusstsein für die politische Realität bricht sich Bahn in einer Lyrik, die nicht anders kann, als abzubilden, ohne dabei anzuklagen. Die reine Darstellung genügt, um die Adressaten zu aktivieren. Das Appellieren verweigert sich dem Manierismus deutscher Gegenwartslyrik zumeist. Elegant kann man nur nennen, wie der Antisemitismus-Forscher der deutschen Sprache abverlangt sich mit ihrer eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Als wäre das kollektive Verdrängen, das kollektive Erinnern, in die Geister der Sprecher dieser Sprache eingeschrieben, fühlt es sich neu und fremd an, zu lesen, wie Czollek jüdische Kultur zugleich als Inspiration – aber auch als Vehikel nutzt. Dabei gibt es keine Kneifzangen oder Exotismus, keine Mühe entsteht, im Gegenteil: die innere Logik dieser in Lyrik versponnenen Geschichten ist von einer Schönheit, die trotz kryptischer Momente gefangen nimmt: „nicht mehr als ein Rohbau war dein himmel / unzureichend befestigtes Zelt / unter wölkchenhaut“. / Kevin Junk, Fixpoetry

Max Czollek
Jubeljahre
Illustrationen: Varvara Polyakova
© Verlagshaus Berlin
2015 · 80 Seiten · 13,90 Euro
ISBN: 978-3-945832-00-4

Freude der Schiffbrüche

Es gibt ein wunderbares, kleines Gedicht des grossen italienischen Lyrikers Giuseppe Ungaretti, das den Titel trägt «Allegria di naufragi» («Freude der Schiffbrüche»). In der deutschen Übersetzung lautet es so: «Und plötzlich nimmst du / die Fahrt wieder auf / nicht anders als nach dem Schiffbruch / ein überlebender / Seebär.»

(…)

Allegria di naufragi: E subito riprende / il viaggio / come / dopo il naufragio / un superstite / lupo di mare.

Dazwischen eine christliche Auslegung von Georg Kohler, NZZ

Poetisches Pingpong

Walter Höllerer hatte mich von der Gruppe 47 zum Literarischen Colloquium gelotst, und zusammen mit Delius studierte ich an der Freien Universität. Doch statt Gotisch und Althochdeutsch zu pauken, schrieben wir Gedichte, zu denen jeder von uns eine Zeile beisteuerte – auch Klaus Stiller war mit von der Partie. „Wirf das Besteck aus dem Fenster“, lautete eine der Vorgaben, mit der Schlusszeile: „Nie waren Duelle beredt“. In der bei Delius gedruckten Fassung heißt das Gedicht „Mahlzeit“ und beginnt mit dem Aufruf: „Wirf das Besteck aus der Hand“, endend mit dem Vers „Niemals war Verzicht beredt“. Vielleicht erklärt das, warum der Autor mir als Widmung „Lass das Besteck in der Hand!“ in sein Erstlingswerk schrieb. In spätere Bücher baute Delius Zitate von Nicolas Born ein – poetisches Pingpong, das Born mit Schmetterbällen beantwortete. Ein Dichter zog vor dem andern den Hut, und das Ganze war keineswegs neu – man denke nur an Brechts „Laxheit in Fragen geistigen Eigentums“. / Hans Christoph Buch, FAZ (Frankfurter Anthologie)

F. C. Delius: „Kerbholz“. Gedichte. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1983. 144 S., br., 3,50 €..

Gestorben

C. K. Williams, whose morally impassioned poems addressing war, poverty and climate change, as well as the imponderable mysteries of the psyche, won him a Pulitzer Prize and a National Book Award, died on Sunday at his home in Hopewell. N.J. He was 78. (…)

“For a long time I had been writing poetry that leaves everything out,” he told The New York Times in 2000. “It’s like a code. You say very little and send it out to people who know how to decode it. But I then realized that by writing longer lines and longer poems I could actually write the way I thought and the way I felt. I wanted to enter areas given over to prose writers, I wanted to talk about things the way a journalist can talk about things, but in poetry, not prose.”

Mr. Williams, in this new phase, tackled themes of social injustice, the complexities of lust and love, and the intricate workings of the mind as it perceives and processes — “how we take the world to us, and make it more, more than we are, more even than itself,” as he put it in “The World.” / Marlise Simons and Daniel E. Slotnik, New York Times

Tagesschau-Literatur (Was der Literaturbetrieb sich erträumt)

Auch die Literaturwissenschaftlerin Silke Behl, Moderatorin der ersten „Poetry Night“, bemühte sich, Literatur und Weltpolitik in Verbindung zu bringen. Die britische Lyrikerin Ruth Padel hatte eine „special selection of poems about refugees and migration“ zusammengestellt. Eine Steilvorlage, die die Moderatorin denn auch begeistert aufgriff: „Man merkt, wie die Welt in Bedrängnis ist – auch in den Texten unserer Autoren.“

Die Gedichte des auch an der Poetry Night beteiligten Haris Vlavianos bezeichnete Behl als „einen Rettungsanker für die Metaphysik und damit auch für uns alle“; später fiel ihr dann auf, dass diese Einschätzung angesichts der Ironie und der Selbstreferentialität der Gedichte des griechischen Lyrikers, vorsichtig gesagt, seltsam wirken musste.

Literarische Texte sind eben noch immer Sprachkunstwerke und keine Nachrichtensendungen in Gedicht- oder Prosaform. Erst eine solche Tagesschau-Literatur würde allerdings ermöglichen, was der Literaturbetrieb sich erträumt: Die Anteilnahme am Leid anderer Menschen und die Erschütterung über eine „in Bedrängis“ geratene Welt endlich mit ebenso gediegener wie folgenloser Unterhaltung verbinden zu können. Mit „engagierter Literatur“ hat das nichts zu tun. / Philipp Idel, BLZ

Die Lyrik und der Krieg

Der Krieg, er ist aufregender als Lyrik, denke ich, erschrecke kurz vor dem Gedanken und warte angespannt-gespannt auf das erste Gespräch. Die ukrainischen Dichter Jurij Izdryk, Serhij Zhadan und Juri Andruchowytsch sprechen mit der russischen Poetin Elena Fanajlowa. Zwischen einigen Klischees („Der Krieg ist mit allem verbunden“, „Kultur ist machtlos“) kommt es zu einem kleinen Fast-Streit. Mein Kugelschreiber macht aufgeregt Notizen, während die Russin ihre Lippen provokant verzieht und sagt, dass sie es interessanter fände, wenn hier an ihrer Stelle ein richtig böser Russe sitzen würde, wie Zakhar Prilepin, Nationalist, Novellist und Ziehsohn Eduard Limonows. Nein, ein Gespräch zwischen Opfer und Aggressor wäre unmoralisch, sagt Zhadan. Die Ukraine müsse aufhören, sich als ein Opfer zu betrachten, der Krieg herrsche im Osten von Europa, schmettern Zhadan die provokanten Lippen von Fanajlowa entgegen.

(…)

Auf einmal macht mein Stift kritikermäßige Notizen, Notizen über Lyrik. Zum Beispiel über die Gedichte der jungen Ukrainerin Alina Dowschenko, sie schreibt nicht affektiert, nicht mädchenmäßig über einen Mann, der sie, ein Mädchen, liest und liebt. / Anna Prizkau über das Lyrikfestival „Meridian Czernowitz“, FAS 13.9.

Aufforderung zur Reflektion

Gayatri Chakravorty Spivak ist eine freundliche und ehrliche Frau. Als sie am Donnerstagabend ihren Vortrag über bengalische Lyrik begann, gratulierte sie den Deutschen für die offenen Arme, mit denen sie gerade Flüchtlinge empfangen würden. Und fügte hinzu, dass man die Geschichte des Konflikts nicht vergessen dürfe. Schließlich sei Europa nicht unbeteiligt an den in der Kolonialzeit angelegten Krisen im Nahen Osten.

Es gab also kein gerührtes Schulterklopfen über unsere tolle neue Willkommenskultur, sondern vielmehr eine klare Aufforderung zur Reflektion. Alles andere hätte auch überrascht bei einer, die nicht zufällig zu einer der Gründungsfiguren der Postkolonialen Theorie wurde. Als sie 1942 geboren wurde, herrschten die Briten noch in ihrem Heimatland Indien.

„Ich kann mich an die Zeit erinnern“, erzählte die inzwischen 73-Jährige, die sich zwischen Dekonstruktion, Marxismus und Feminismus bewegt. Nicht nur ihre Fans halten sie für eine der wichtigsten Denkerinnen unserer Zeit. / Sabine Rohlf, BLZ

Poetopie

wie spät sind wir? die Weltzeituhr ist stehen geblieben – wer zieht sie wieder auf?

Hansjürgen Bulkowski

Politische Lyrik

Der Düsseldorfer Rapper Blumio beschäftigt sich seit gut zwei Jahren auch professionell mit den weltweiten politischen Entwicklungen in einem Wochenrückblick auf yahoo.de. Dort kommentiert er die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Woche in Reimen und Versen, in Rap-Form.

„Guten Tag Deutschland, guten Tag Yahoo.
Mein Name ist Blumio, und das ist mein gerappter Wochenrückblick:
Wer die Wahrheit nicht verträgt, der muss mit der Lüge leben
Wer die Wahrheit nicht versteht, der muss einfach drüber reden
Ich werd Euch ab jetzt berichten, was in der Woche so abgeht
Fakten über Fakten, lasst Euch überraschen …“

(…)

Wegen politischer Lyrik ermordet

Bis heute kennen viele Menschen in Guatemala seine Gedichte auswendig: Otto René Castillo, geboren 1934 und gestorben 1967 in Guatemala.

„Eines Tages
Werden die apolitischen
Intellektuellen
Meines Landes
Von den Einfachsten
Unseres Volkes
Verhört werden.

Man wird sie fragen
Was sie taten
Als ihr Land
Langsam dahinsiechte
Wie ein kleines, nettes,
Verlassenes Lagerfeuer“

Nach dem Sturz der demokratisch gewählten Regierung Arbenz ging Castillo 1954 ins Exil nach El Salvador. 1966 kehrte er illegal nach Guatemala zurück und schloss sich der Guerilla an. 1967 wurde er festgenommen, gefoltert und bei lebendigem Leibe verbrannt.

Was vermag Poesie, was sich im nüchternen Stil der journalistischen Berichterstattung nicht beschreiben lässt? Und wo liegen die Grenzen des Sagbaren in der Lyrik? Eine Sendung über das vielfältige Verhältnis von Poesie und Journalismus. / Almut Schnerring und Sascha Verlan, DLR

Vollständiges Manuskript zur Sendung als PDF-Dokument oder im barrierefreien Textformat