Die Berner Lyrikerin Andrea Maria Keller erschafft mit wenigen Worten vielschichtige Klangräume. Am Mittwoch erhält sie für ihre Funde ein «Weiterschreiben»-Stipendium.
Die Preisfeier «Weiterschreiben» fand am Mittwochabend um 20 Uhr in der Aula des Progr in Bern statt.
Der Bund schreibt u.a. über die wortschatzkarten der Autorin:
Das Sprachbergwerk der Andrea Maria Keller wartet aber noch mit anderen Funden auf: Ihre listigen Wortneuschöpfungen, die den geistigen Nährwert einer «vorstellungskraftsbrühe» aufweisen und die verspielt-subversive Seite dieser Lyrikerin ins schönste Licht rücken.
«Mich hat damals eine veritable Wortspielsucht ergriffen», sagt die Autorin, «ich sammelte Hunderte von Wörtern und Kombinationen, und konnte gar nicht mehr aufhören.» Sie zwang sich dann zur Beschränkung: Unter dem Titel «tagesdiebesgut» hat sie im vergangenen Jahr eine Box mit 99 «wortschatzkarten» veröffentlicht. Auf jeder Karte steht ein Wort, je eine Zusammensetzung zweier an sich bekannter, unspektakulärer Wörter, die fusioniert mitunter explosive semantische Energien freilegen: Da prallen Kraftfelder aufeinander, neue Bedeutungsebenen werden geschaffen, der Leser verlässt vertrautes Denkterrain und macht sich auf, unbekannte Vorstellungswelten zu erkunden. Da werden Neuschöpfungen in ein anderes Land geschmuggelt, wo sie sich vielleicht langsam in den Köpfen einnisten, allmählich in den Sprachgebrauch übergehen und eines Tages sogar die Wahrnehmung der Wirklichkeit verändern werden – man darf gespannt sein, wann eine Wortkreation von Andrea Maria Keller erstmals im Duden auftauchen wird.
Die «Weiterschreiben«-Stipendien der Literaturkommission der Stadt Bern gehen in diesem Jahr an Dagny Gioulami, Andrea Maria Keller, Reto Finger und an den Verein Buchowski. Mit den Stipendien will die Kommission Autoren ermutigen, ihre Arbeit weiterzuführen.
Sie verleiht die mit je 10’000 Franken dotierten Stipendien aber auch an Literaturvermittler. Der Verein Buchowski ist laut einer Mitteilung der städtischen Präsidialdirektion in den letzten Jahren mit vielen Initiativen zur Leseförderung in Erscheinung getreten und wird deshalb geehrt. / Der Bund
Poet Warsan Shire is the new voice of the refugee crisis.
Like Jean Jullien’s Paris peace sign, screengrabs of Shire’s poems are exploding across the social mediaverse, as users look for ways to express grief over the Syrian refugee crisis and, more recently, the Paris attacks.
Born in Kenya in 1988 to Somali parents, Shire moved to London when she was one. She writes about the immigrant experience in a spare, accessible style reminiscent of Martin Niemoller’s “First They Came For…”, which became popular in the decade after World War II.
While Shire has received major awards and accolades, including the Young Poet Laureate of London in 2014, she is very much a poet of the digital age. She has popular Twitter and Tumblr profiles where she posts her work. In the New Yorker, Alexis Okeowo said her poetry “will surface in one of your social media feeds and often be exactly what you needed to read, or what you didn’t know that you needed to read, at that moment.” / Mikaela Lefrak, The New Republic
FELIX BERNSTEIN’S debut essay collection, Notes on Post-Conceptual Poetry, is not what you would expect from a 23-year-old, Brooklyn-based writer and artist. This is not a book of cosmopolitan post-internet lyric poetry. Instead, Notes begins with a long essay (including an appendix and footnotes) that mockingly critiques the various trends in American experimental poetry since the 2000s, charting the Conceptual Poetry scene that has revolved around Kenneth Goldsmith, Christian Bök, Craig Dworkin, Vanessa Place, Caroline Bergvall, Kim Rosenfeld, and Rob Fitterman.
Born in 1992, Bernstein swerves in and out of the scenes he discusses, the millennial conditions he diagnoses, and the “new sincerity” he critiques. His own self-suspicion flippantly resists the notion of network building that his father, Charles Bernstein, so neatly perfected with his original publication of the journal L=A=N=G=U=A=G=E in the 1970s (and then later with his institutional curatorial projects — the Electronic Poetry Center and PennSound). His attitude puts him at odds with some of his peers. Bernstein takes to task those urbane poets who, in his view, attempt to update the New York School and pledge allegiance to coterie and art in the name of queerness and subversion. Yet he self-consciously makes these same moves himself. / Cassandra Seltman, Los Angeles Review of Books
„Brouheidig verkleama / head se fast so o, / ois ob koana mehr woaß, / wos des hoaßt/ und grad a so,/ ois obs as / no nia gem hod.“ Ist nicht schlimm, wenn Sie zu den Leuten gehören, die mit den ersten zwei Wörtern nichts anfangen können. Vielleicht kennen Sie „brouheidig“ auch schon aus Marcus H. Rosenmüllers Kinofilm „Räuber Kneißl“. Da kommt das seltsame Dialektwort nämlich in einer kurzen Szene vor. Sonst nirgends, auch nicht in Andreas Schmellers Bayerischem Wörterbuch.
Kann es auch nicht, weil Rosenmüller „brouheidig“ einfach erfunden hat. Das Wort sei ihm so passend wie kein anderes erschienen, sagte er einmal. Und dass er hoffe, das Wort werde überleben, auch wenn er in ferner Zukunft vergessen sei. Um letzteres zu sichern, hat er es vermutlich unter dem Titel „Vom Aussterm bedroht“ in seinem neuen Gedichtband wieder eingebaut, übrigens in einem der ganz wenigen Dialektgedichte in „Samuel Knotterbeck“ (Lichtung Verlag). / Süddeutsche Zeitung 11.11. S. 50
Doch [Horst] Samson pflegt keine traditionsreiche Nostalgie der Geschichte des Banats, das Ende des 17. Jahrhunderts mehrheitlich von Deutschen mit Zentrum in Timisoara, dem deutschen Temeswar, besiedelt und von den wechselnden europäischen Mächten beherrscht wurde. Im Gegenteil. Als ehemaliger Autor und Redakteur der deutschsprachigen „Banater Zeitung“ und der Literaturzeitschrift „Neue Literatur“ gehörte er einer literarischen Gruppe deutschsprachiger Autoren an, die nicht nur aufgrund ihrer kritischen Texte selbst unter den deutschen Banatern als „Nestbeschmutzer“ für Skepsis sorgten.
Die Banater Autoren gerieten bald ins Visier der geheimen Staatspolizei – der Securitate. Ungeachtet dessen erhielt Samson 1981 den Lyrikpreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes und ein Jahr darauf den Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturpreis.
Samsons Lyrik kann nicht nur aus dem Elfenbeinturm heraus rezensiert werden. Sie ist Teil der hierzulande noch immer wenig beachteten deutschsprachigen Literatur des europäischen Ostens vor dem kulturellen Zerfall des Sowjetimperiums. Nicht nur werden kritisch die tradierten Formen einer verlorengegangen Heimat hinterfragt. Auch sucht und findet der Autor Anschluss an die westliche Kulturszene.
Seine Lyrik bricht mit dem traditionellen sozialistischen Werten, sucht neue Wege, etwa bei Paul Celan aber auch bei den aufmüpfigen DDR-Autoren der politischen Lyrik um Wolf Biermann – und verletzt Tabus. Am Ende sitzt er zwischen den Stühlen einer morbiden Tradition der Anpassung oder dem Gefängnis der allmächtigen Krake der Securitate.
Als „feindliches Element“ soll Samson „mit allen Mitteln, über die wir verfügen, bearbeitet werden“, heißt es in einem Securitate-Bericht vom Juni 1982. Samson packt mit seiner Familie die Koffer und reist 1987 aus. / Kurt Sänger, Frankfurter Neue Presse
Die Regierung von Chile hat eingeräumt, dass der Nobelpreisträger Pablo Neruda nach dem Putsch von 1973 doch ermordet worden sein könnte – und nicht im Krankenhaus an seiner Krebserkrankung gestorben sei. Das Innenministerium gab Ende letzter Woche ein Statement heraus, in dem von einem Regierungsdokument aus dem März dieses Jahres die Rede ist. In der Zeitung El País wurde daraus zitiert. Demnach sei es höchst wahrscheinlich, dass eine dritte Partei für Nerudas Tod verantwortlich gewesen ist. Über Nerudas Tod wird schon seit Jahren spekuliert und nachgeforscht, eine Untersuchung der Leiche hatte allerdings keine Spuren giftiger Substanzen erbracht. / Süddeutsche Zeitung 10.11.
Friedrich Nietzsche hatte das Zeug zu vielem, darunter auch zum Lieblingsdichter der Deutschen. Einige seiner Gedichte werden seit über 100 Jahren, seit den Zeiten von Bethge und Avenarius, in der Kaiser- und Republikzeit, Nazizeit, frühen Adenauerzeit und bis in unsere Zeit, bis Conrady, Detering, Echtermeyer und Ulla Hahn, anthologisiert. „An der Brücke stand“ (auch „Venedig“) wird lyrisch, einfach indem man den Kontext wegläßt, in dem es bei Nietzsche zuerst erschien: in einer philosophischen Schrift als Teil einer scharfen Polemik gegen die deutsche Musik (Zauberformel: Kontext weg und: Lyrik!). Ein anderes Lieblingsgedicht ist „Vereinsamt“, jeden Herbst wiederverwendbar:
Vereinsamt
Die Krähen schrei‘n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei‘n –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!
Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du, Narr,
Vor Winters in die Welt – entflohn?
Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer Das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.
Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.
Flieg‘, Vogel, schnarr‘
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! –
Versteck‘ du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!
Die Krähen schrei‘n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei‘n –
Weh dem, der keine Heimat hat!
Ein Herbstgedicht, ein heimliches Heimatgedicht von Nietzsche!
Entstanden ist das Gedicht im Herbst 1884, veröffentlicht wurde es in dieser Form (Satzzeichen hab ich jetzt nicht überprüft) zuerst 1894, von Nietzsche nicht autorisiert, denn der war ferne, nicht mehr dabei. Eigentlich hat es zwei weitere Strophen (und verschiedene Titel, darunter: Der Freigeist). Ältere Anthologien und auch einige neuere veröffentlichen es oft in dieser verkürzten Form. Es scheint irgendwie geschlossener, gelungener so. Die weggelassenen beiden Strophen und besonders die letzte erscheinen manchmal selbst kundigen Literaturwissenschaftlern als „nicht die ästhetisch gelungenere(n)“. Sie lauten mit Zwischenüberschrift:
Antwort
Daß Gott erbarm‘!
Der meint, ich sehnte mich zurück
In’s deutsche Warm,
In’s dumpfe deutsche Stuben-Glück!
Mein Freund, was hier
Mich hemmt und hält, ist dein Verstand,
Mitleid mit dir!
Mitleid mit deutschem Quer-Verstand!
Peng! Alle lyrische Illusion zerstört! Nietzsches Gedicht ist ein garstiges. Entkontextualisierung hilft, sie macht aus garstigen, polemischen Texten zeitlich-überzeitlichem Geschmack kommensurable ewige lyrische Perlen. Halt so „Ästhetik“, Stuben-Glück.
(Triggerwarnung für Studenten und KritikerInnen mit Sekundärliteraturallergie)
Hochdramatisch verlief die Wahl in Myanmar, wo die lange unterdrückte Demokratiebewegung 387 Sitze gewann, die vom Militär unterstützte Regierungspartei dagegen nur 42. Am eindrucksvollsten war vielleicht der Sieg des Dichters und früheren politischen Gefangenen U Tin Thit, der gegen den ehemaligen Verteidigungsminister antrat und gewann. In seinem Wahlbezirk leben mehr als 7000 Soldaten und 2000 Polizisten. Dennoch errang er einen knappen Sieg mit nur 176 Stimmen mehr als sein Kontrahent. Ein Streit im Florida-Stil [als Greifswalder übersetze ich: Greifswald-Stil] begann. Der General, der mit dem Leiter der Wahlkommision zusammen gedient hatte, verlangte eine Wiederholung der Auszählung. Anwälte halfen dem Dichter, indem sie darauf verwiesen, daß laut Wahlgesetz eine Nachzählung nur bei Stimmengleichheit zulässig ist. Nach stundenlanger Beratung bestätigte die Wahlkommission das Ergebnis. [In Greifswald dauerte es fast ein halbes Jahr, bis der grüne Wahlsieger im Amt bestätigt wurde, und prompt legte der unterlegene CDU-Bausenator Klage ein.]
Der 49jährige Tin Thit beteiligte sich 1988 als Student an der Demokratiekampagne gegen die Militärdiktatur und wurde mit tausenden verhaftet. Sieben Jahre blieb er im Gefängnis. Zur Ursache seines Sieges sagt er: „Den Menschen wurde 50 Jahre lang ihre Würde vorenthalten. Sie wollten sie zurück.“
Landesweit waren 10 Dichter unter den Kandidaten der Nationalen Liga für Demokratie, daneben u.a. 54 Bauern, 22 Lehrer und nur 13 Politiker. In Myanmar gibt es eine starke Verbindung zwischen Lyrik und Politik. Lyrik nahm in den 50 Jahren der Diktatur die Funktion an, unter der Zensur in Sklavensprache die Wahrheit zu sagen.
Tin Thits letztes Gedicht, geschrieben während der Wahlkampagne:
Democracy Wish
Tonight
The moon is all alone
It’s so alluring and making me dizzy,
I wish all the rooftops would light up with the full moon’s brightness.
But I do not need to pray because my wish is already granted.
/ Thomas Fuller, New York Times 15.11.
Where two brothers pass each other
Where two brothers meet each other
Where two brothers conjoin
In the piazza of life and death
In the gulf of calamity and cultivation
In the valley of fear and peace
Something resounded.
…
The ugliness of the thing of war
When its spring comes
When its ravaging echoes knock at your door
It is then that the scourge of war brews doom
But…
You serve it willy-nilly
Unwillingly you keep it company
Still, for it to mute how hard you pray!
‘ኣበሳ ኲናት (The Scourge of War)’ by Amanuel Asrat, translated by Tedros Abraham
Award-winning Eritrean poet, critic and editor-in-chief of the leading newspaper ዘመን (Zemen, meaning The Times), Amanuel Asrat, was arrested at his home on the morning of 23 September 2001 amid a crackdown on state and private media. It is believed that he is being held without charges or trial. The limited information available suggests that Asrat is detained in the maximum security prison, Eiraeiro, north of Asmara. PEN International believes that Asrat’s detention is politically motivated and is an attempt by the Eritrean government to stifle critical voices, including comment on its conflict with Ethiopia.
(…)
Amanuel Asrat is credited for the Eritrean poetry resurgence of the early 2000s. Along with two friends, he created a literary club called ቍርሲ ቀዳም ኣብ ጠዓሞት (Saturday’s Supper) in 2001. This club set a precedent for the emergence of similar literary clubs in all major Eritrean towns. Asrat is also a well-known poet and songwriter. His writings dealt with subjects ranging from the daily life of the underprivileged to war and peace topics. His work provided a negative insight towards conflict, an uncommon approach among popular Eritrean wartime poetry.
His award-winning poem ኣበሳ ኲናት (The Scourge of War) alluded to the then ongoing border dispute with neighbouring Ethiopia, describing the blood shed by two brothers. In the summer of 1999, the poem was awarded a prize by the National Holidays Coordinating Committee, run by the People’s Front for Democracy and Justice which organises official celebrations, commemorations and festivals around the country. The prize given is regarded as one of the most prestigious in Eritrea in terms of literary and artistic awards. The committee outlined the uniqueness of Asrat’s poem for standing sharply against war.
The newspaper ዘመን (Zemen, meaning The Times) where Asrat worked, had become the leading literary newspaper in the country and was run by a circle of critics who helped shape the cultural landscape of the country. His work in the newspaper was well-known as Asrat was the most popular art critic of his time in the country.
Please send appeals:
Appeals to:
| President His Excellency, Isaias AfewerkiOffice of the President,P.O.Box 257,Asmara,EritreaFax: + 2911 125123 |
Minister of Justice Hon. Minister of Justice Fawzia Hashim P.O.Box 241 Asmara, Eritrea Fax: + 291 1 126422 |
Wanderer, kommst du nach Spa-, nach Greifswald.
Greifswald liegt am Rand, aber es hat doch dies und das, sogar Literarisches. Vielleicht mache ich eine Folge. Ich beginne mit Christian Morgenstern. Mir sind keine Aufenthalte M.s in Greifswald bekannt. Geboren in München, gestorben in Meran, verbrachte das halbe Leben in Sanatorien, etwa in Birkenwerder. Wenn er an die See fuhr, so war es Helgoland, Sylt oder Föhr, oder gleich Norwegen.
Trotzdem steht sein Name an einer Hauswand in Greifswald:

Die Tafel wurde wahrscheinlich in den siebziger Jahren angebracht. Tatsächlich hing sie nicht an diesem Haus, das ein Neubau aus den End-80ern oder Früh-90ern ist. An dieser Stelle standen 2 Häuser, in einem ein Milchladen und im andern ein Zeitschriftenladen. Sie fielen der Tabula-Rasa-Abrißsanierung in den letzten DDR-Jahren zum Opfer. Die Tafel war dann längere Zeit verschwunden, erst vor Monaten fiel sie mir wieder auf. Sie hing damals nicht in der Kapaunenstraße, sondern vorn in der Langen Straße, die damals „Straße der Freundschaft“ hieß, vom Volksmund auf F-Straße verkürzt. Auch will mir die Erinnerung einreden, daß früher das Datum der Uraufführung auf der Tafel stand, irgendein Jahr in den 70ern, vielleicht 1976? Aber ich habe keine Fotos, einziges Indiz der gute Erhaltungszustand der also wohl neuen Tafel.
In einer DDR-Zeitschrift, „Das Magazin“, stand damals ein Artikel über die Tafel. Ich weiß nur noch, der Verfasser hielt das für einen Scherz, einen Ulk, er meinte, I. Sulk müsse „Is Ulk“ gelesen werden. Aber das stimmt nicht, der Herr Sulk war ein dort lebender Greifswalder.
Demnach hatte der Autor nicht recherchiert, sondern nur auf der Durchreise das Schild fotografiert und den Rest zusammenspekuliert. Es gibt gute Gründe, einen Ulk zu vermuten. Ein Blick auf das Personenverzeichnis des Kurzdramas zeigt das:
Ein hübsches Junggesellenzimmer mag auch der Ort der Erstaufführung gewesen sein. Aber wieso Ulk? Ich sehe es vor mir. Erste Zigarre: läßt Ringel zur Decke steigen. Mehrere Teller: klappern. Gabeln: klirren. Eine Zigarette: fängt an zu brennen. Der erste Akt endet so: „DAS GESAMTE TISCHGERÄT entwickelt eine lustige Musik, durch welche hindurch man hie und da einige Namen von Speisen und Personen sowie allerlei auf diesen und jenen Lebensausschnitt bezügliches vernimmt. Nach einer Weile fällt der Vorhang.“ Lange vor der bruitistischen Musik der Futuristen und dem bruitistischen Krippenspiel des Hugo Ball hat Christian Morgenstern die Chose erfunden. Und erstaufgeführt wurde es in Greifswald, Straße der Freundschaft.

Tod im Bataclan – wohin jetzt mit unserer Trauer?
Hansjürgen Bulkowski
seitwärts duch landschaften durch terz (innen) durch ganG
der schlaf keine schlafe’nd ohnmachten im alphabeet dA
250.000 sollen nun zum „ganz frischen“ windschlachteN
état de siège heißt nicht staatssieg heißt etwas ganZ
und gar anderes für das nicht das gesetz von pawloW
gilt es verteidigungsbereite reime zu wringen auf auA
endets marseillaiseabsingen’nd triskaidekaphobikerS
tanz doch einmal deine trauer beginnt mit jA
auf dem friedhof verstecken sich die nackteN
kluge köpfe (if you don´t like whats being saiD
verteidigen derweil unser allah nachrichtenwertE
change the conversation) wie 1 weltmeisterlicheR
trikolore-shareholder der bemerkt nicht das voiceE
over dieser calembourgeoisie kriegsblindende KunS
Vor allem aber macht sie [Monika Rinck] Lust aufs Denken. „Das Gedicht ist nicht schwieriger als der Rest unserer Gegenwart“, stellt sie im aktuellen Band „Risiko und Idiotie“ fest. Was im Klartext heißt: Wer Lyrik anstrengend findet, ist bloß faul. Und das sei schade, denn die Beschäftigung mit Gedichten klaue nicht Zeit, ganz im Gegenteil: „Sie gibt (…) Zeit.“ Schließlich seien es „die seltsamen Stunden“, die einem blieben. Ein Gedicht zeige, „wie schön es ist, immer wieder aufs Neue damit zu beginnen zu denken.“ / Antje Scherer, Märkische Online-Zeitung
Die kind is nie dood nie
die kind lig sy vuiste teen sy moeder
wat Afrika skreeu skreeu die geur van vryheid en heide
in die lokasies van die omsingelde hart
Die kind lig sy vuiste teen sy vader
in die optog van die generasies
wat Afrika skreeu skreeu die geur
van geregtigheid en bloed
in die strate van sy gewapende trots
Die Dichterin ist hierzulande wahrscheinlich nur Eingeweihten bekannt. In ihrer Heimat Südafrika ist das anders, dort gilt sie als gleichrangig mit Sylvia Plath oder Anne Sexton. In den sechziger Jahren schrieb Ingrid Jonker radikal subjektive Gedichte – Gedichte gegen die Lieblosigkeit der Welt und Gedichte gegen den Rassismus. Und zwar auf Afrikaans, auch Kolonial-Niederländisch genannt, ursprünglich die Sprache der Buren. Und das während Ingrid Jonkers Vater Abraham Jonker, ein Nationalist und Rassist, Vorsitzender der südafrikanischen Zensurbehörde war. (…)
Es war das Gedicht Das Kind der afrikaanse Lyrikerin mit dem Nelson Mandela im Mai 1994 das erste demokratisch gewählte Parlament nach dem Ende der Apartheid eröffnete. Das Gedicht hatte Jonker geschrieben, kurz nachdem sie eine Zeitungsnotiz über die reale, alltäglich-brutale Tat gelesen hatte. / Matthias Hagedorn, KuNo
Michael Braun schreibt bei Signaturen über die Münchner Rede zur Poesie, die Ulf Stolterfoht am 11. November 2015 im Lyrik-Kabinett gehalten hat. Auszug:
In seiner für ihn typischen Rhetorik des charmanten Understatements gab Stolterfoht vor, auf eine Systematisierung seines poetologischen Wissens zu verzichten und stellte sich stattdessen als „Experte für Euphorie“ vor, der seine Glückserfahrungen beim Lesen schwieriger, ja sehr schwieriger Gedichte in enthusiasmierten Kommentaren preisgibt. Seit vielen Jahren ist Stolterfoht der kundigste Prophet und Exeget der experimentellen Lyrik, einer Form der Dichtung, die mit großer Leidenschaft alle nur erdenklichen Spielarten der Kultivierung binnensprachlicher Abenteuer und Evidenzen durchprobiert. „Experimentelle Lyrik“, so hat es Stolterfoht in seinem wegweisenden Essay in der Zeitschrift „Bella triste“ (Heft 17, 2007) formuliert, ist „eine Form >realisierter Freiheit< (Ernst Jandl), die aus sich selbst heraus jeden methodischen Zwang zurückweisen muss….nur darf man dabei nicht in den Fehler verfallen, den meta-sprachlichen Anteil eines Gedichtes für das eigentliche Sprechen zu halten, ein Sprechen höherer Ordnung, für das die referentielle und semantische Problematik aufgehoben wäre.“ Dieses Mantra der Experimentalpoesie hat der Dichter in seinen diversen Rollen als Dozent (am Literaturinstitut in Leipzig), als Verleger („Brueterich Press“), als Initiator der „Lyrikknappschaft Schöneberg“ und als Diskurs-Anstifter auf diversen Portalen und Foren („Timber. Eine kollektive Poetologie“) immer weiter verfeinert. (…)
Die Begegnung mit Pastiors „Wechselbälgern“ wurde zu jenem Akt der Befreiung, der am Anfang jeder künstlerischen Existenz steht: „Die Sensation dieser Texte, ihre unerhörte Freiheit, lag natürlich in ihrer Unverständlichkeit. Denn Unverständlichkeit ist etwas ganz anderes als Schwerverständlichkeit …. Wenn das schwer verständliche Gedicht das aristokratische, elitäre und hierarchische Gedicht ist, denn genau so hatte ich diese Gedichte im Deutschunterricht erlebt – der nebenbei ein sehr guter war -, dann waren diese Gedichte demokratisch und unhierarchisch. Dass ich sie tatsächlich auch für nicht elitär halte, genau darum geht es ja in dieser Rede.“ Und dann folgt eine Reihe von in diesem Sinne vorbildhaft unverständlichen Gedichten aus seiner privaten Text-Jukebox, die Stolterfoht als seine Lieblings-Evergreens zitiert und kommentiert. Als seine fantastischsten Beispiele einer „grenzenlosen Freiheit“ des Gedichts können hierbei die Texte von Ernst Herbeck, Dieter Roth, Gunter Falk und Helmut Heißenbüttel gelten, die von unterschiedlichsten Voraussetzungen her geschrieben sind und in unterschiedlichste Richtungen führen. Aber über eine gemeinsames Fundament verfügen und von einer sehr ähnlichen poetischen Motorik angetrieben werden: Ihre Handlung und ihr Thema ist die Sprache.
Ulf Stolterfoht: Wurlitzer Jukebox Lyric FL. Über Musik, Euphorie und schwierige Gedichte. Stiftung Lyrik Kabinett, München 2015. 40 Seiten, 12 Euro.
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