Zeitschriftenschau
Michael Gratz
Die österreichische Literaturzeitschrift manuskripte erscheint im 57. Jahr. Heft 217 eröffnet mit einer seltenen Marginalie. Die Schriftstellerin Aslı Erdoğan, die im August 2016 in Istanbul verhaftet wurde, schrieb der Redaktion, sie sei stolz, daß zwei ihrer Artikel 2013 in manuskripte publiziert wurden; sie habe sie ihrer offiziellen Verteidigung vor Gericht beigefügt. Inzwischen wurde sie bekanntlich freigelassen und konnte nach längerer Ausreisesperre kürzlich ausreisen. Vor Gericht sagte sie: „Man sollte sich schämen, daß eine Schriftstellerin ihre Literatur in einem Gerichtssaal und flankiert von Gendarmen verteidigen muss“.
Das aktuelle Heft der Zeitschrift veröffentlicht u.a. Prosa von Sophie Reyer und Anja Utler sowie unter mehreren Beiträgen zum Literaturfestival im Rahmen des 50. Steirischen Herbstes Texte von Aslı Erdoğan, Jazra Khaleed und Serhij Zhadan. Von Olga Martynova gibt es Auszüge aus einem für 2018 geplanten Essayband mit dem Titel „Über die Dummheit der Stunde“ (Frühjahr 2018 bei S. Fischer). Abgedruckt ist ein Fragment aus „Probleme der Essayistik“. Die Ähnlichkeit des Titels mit einem Vortrag Gottfried Benns ist nicht zufällig. In Anlehnung an Benns „vier diagnostische Symptome“, anhand derer man erkennen könne, ob ein Text von 1950 „identisch mit der Zeit“ sei oder nicht (1. Andichten, 2. Wie-Vergleich, 3. Farbadjektive, 4. seraphischer Ton), lädt sie den Leser zu analogem Spiel mit der Gattung Essay ein. Lyrik und Essay hätten gemeinsam, daß der Leser zu aktivem Mittun eingeladen sei. „Sie belehren nicht, sie fordern auf, allein zu denken.“ Sie untersucht die (wie erst kürzlich wieder festzustellen war, auch bei manchen Lyrikern beliebte) Meinung, daß man ein „Gedicht“ durch einfaches Ausschneiden aus einem nicht lyrischen Text gewinnen könne. In einem spannenden Experiment entnimmt sie drei philosophischen bzw. publizistischen Texten (Wittgenstein, Benjamin, Marx) sowie erzählender Prosa von Goethe und Kafka kurze Auszüge, teilt sie auf „Verse“ auf und versieht sie mit eigener Überschrift. Das Wittgenstein-„Gedicht“ sieht so aus:
IM SELBEN KÄFIG MIT DEN URZEICHEN SITZEND
Die Bedeutungen von Urzeichen
können durch Erläuterungen
erklärt werden. Erläuterungen
sind Sätze,
welche die Urzeichen
enthalten.
Sie können also nur
verstanden werden, wenn
die Bedeutungen dieser Zeichen
bereits bekannt sind.
Im Ergebnis des Experiments stellt sie fest, daß die aus Erzählprosa gezogenen „Gedichte“ mehr Harmonie aufweisen als die aus der ersten Gruppe. Aus den Erzähltext-Gedichten erfahre man, „was uns der Autor sagen wollte“ (nicht zwar im Sinne einer von der Form unabhängigen Botschaft). In den Texten der ersten Gruppe aber, wenn man sie als Gedichte, also mindestens zweimal, lese, gehe es „ums Ganze“. Im Rhythmus wirkten sie unruhiger und eben „dichter“.
Dann wendet sie sich wieder in Analogie zu Benns „diagnostischen Symptomen“ den Wörtern zu. Im Fall des Essays geht es nicht um die Farbadjektive, sondern um Wörter, „die zusätzlich zu ihrer direkten Bedeutung eine emotionale Ladung haben, wie: Rot, braun, Geflüchtete, die Vorsilbe Post-, Europa oder Integration. Am Auftauchen dieser Wörter in Essays kann man bemerken, wie sich „reine Wortklischees“ in den Text einfügen. Es bestehe immer die Gefahr, daß Wörter die Gedanken „parasitisch ersetzen, statt sie zu transportieren“. „Dass bei einem Gedicht diese Gefahr besteht, wissen alle, die Gedichte schreiben, oder zumindest sollten sie es wissen. Aber auch wenn man, sagen wir, über die aktuelle Weltlage spricht, sollte man aufpassen.“ Von hier aus entwickelt Martynova eine spannende Analyse aktueller Kommunikationsschwierigkeiten im politischen Raum u.a. am Beispiel der Wörter postfaktisch, Elite, Volk oder Revolution. Sie zitiert einen Aufsatz von Pankaj Mishra, der einen überraschenden Vergleich zwischen Donald Trump und Jean-Jacques Rousseau aufstellte. Die Vergleichsebene ist hier der Angriff auf „Eliten“. Mishra löse das Problem nicht, daß die Welt so radikal anders geworden sei, daß eine Beschreibung noch fehle, aber seine große Leistung sei, daß er den Widerspruch offenlege und das ungelöste Problem wenigstens von einer überraschenden Seite zeige. Unbedingt lesenswert: der Auszug sofort, das Buch im nächsten Jahr.
Ich gehe noch einen kleinen Schritt zurück und zitiere aus dem Essay:
„Aber irgendwie sind es immer die ‚anderen‘, die die falschen Wörter verwenden. Es ist einfach, über die Wörter zu spotten, über die sich alle jeden Tag aufs Neue lustig machen (mit ‚alle‘ meine ich Menschen mit ähnlicher Gesinnung wie ich). Die ‚anderen‘ beim falschen Wort zu ertappen ist einfacher: ‚Gutmensch‘, ‚Lügenpresse‘, usw. Doch befällt lexikalische Verkalkung alle Lager. Das Wort ‚Lager‘ gefällt mir nicht. Doch leider stimmt das, Menschen verteilen sich gegenwärtig immer überzeugter auf verfeindete Lager. ‚Die Diskussion in Deutschland (…) ist gegenwärtig in einer Weise zwischen Befürwortern und Gegnern der ‚Willkommenskultur‘ festgefahren, die den wirklich anstehenden Entscheidungen nicht besonders gut tut. Unser Diskussionsklima ist vergiftet durch eine Kultur des Rechthabens und der moralischen Verurteilung der Kontrahenten, die tiefe Wurzeln in der deutschen Tradition hat‘, stellt Stephan Wackwitz (…) in einem Essay fest.‘ “ Wem fallen da nicht neben den politischen Schlachten der jüngsten Zeit auch aktuelle Lyrikdebatten ein? (Na, mir jedenfalls. Dazu vielleicht später!)
Ein Essay von Ilma Rakusa beschäftigt sich mit dem Thema „Die Geschwindigkeiten der Literatur“. Ihr Text liefert schöne Momentaufnahmen klassischer Erzähltexte etwa von Musil, Döblin oder Proust. Mit Zwischenstufen wie Yoko Tawada kommt sie dann zur Lyrik. An dieser Stelle verliert ihr Essay die, wie sage ich? Trennschärfe? Schlagkraft? Ich vermute, daß es an der Auswahl der Autoren liegt, die als Beispiele herangezogen werden. Nach den Klassikern und Meistern der Prosa (Beispiele von 12 Autoren werden genannt) kommen zwei europäische Autoren, Inger Christensen und Dane Zajc – hier überzeugt mich die Anknüpfung noch, wie bei dem angefügten Eduard Mörike – und dann drei lebende deutsche Lyriker, es sind (wer kann es erraten):
Durs Grünbein, Nico Bleutge und Jan Wagner – nein, Marion Poschmann hat auch einen kurzen Auftritt. Diese repräsentieren die Lyrik, flankiert von den Meistern der modernen Prosa und, im Schlußteil, Goethes Faust, Dostojewskis Großinquisitor sowie Samjatins und Orwells Dystopien. Die vier Lyriker, die zu den gefeiertsten und preis“gekrönten“ deutschen Lyrikern der Gegenwart zählen, werden durch den Rahmen quasi feierlich in die Weltliteratur aufgenommen. Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden, nur so ein Gefühl, daß sie auf den Höhenkämmen der Weltliteratur vielleicht etwas einsam stehen. Weltliteratur und deutsche Gegenwartslyrik sind etwas ungleiche Partner (ob sie den Status von Christensens „Alphabet“ als eins der „großen Weltgedichte der Moderne“ – Detering – erlangen, bleibt abzuwarten).
Vielleicht muß man ja (bestimmt muß man) sich auf wenige repräsentative Beispiele beschränken, wenn man Bestimmtes mitteilen will. Aber was „repräsentieren“ diese drei oder vier Lyriker? Die deutschsprachige Gegenwartslyrik? So gut wie jeder Kenner wird da Bauchschmerzen haben. Vielleicht nicht weil diese dabei sind, sondern weil so viele nicht dabei sind.
Essay als Kanon, Gesetzestafel, Straße der Besten? Wer ist das Publikum solcher Essays? Mit einigem Schrecken stelle ich mir vor, wie Lehrer und Dozenten diesen Aufsatz benutzen könnten, um im Leistungs- oder Grundkurs Erzähltempi bei Musil, Mann und Döblin zu vergleichen. Und was machen sie mit den Lyrikern? Erfahren sie da etwas über die Poetik der deutschen Lyrik der Gegenwart? Ich fürchte, sie lernen einfach Kanon. Die Lyrik ist rasend schwer, ich kann es nicht alles selbst ausforschen, ich merke mir zu den „wichtigsten“ Autoren einen Satz (die Verfasserin sagt tatsächlich „doch im Trend liegt“ das und das, just im Lyrikteil) und kann mitreden. (Wo bleibt da die bei Martynova der Lyrik zugeschriebene Eigenaktivität, Drang zum Mitdichten?)
Dabei gibt es allein in diesem Heft der manuskripte Gedichte von Nancy Hünger, Georg Leß, Maja-Maria Becker, Uta Gosmann und Wolfgang A. Golznig. Muß ich die alle lesen?
Was, wenn die Kanontexte (nenne ich sie mal so) vor allem zum Grundkurs taugen? (Ich meine gar nicht diese vier AutorInnen, sondern die Reduktion auf sie, wie sie der Lyrikbetrieb vorlebt und Rakusas Essay exekutiert.)
Wäre ein „Betrieb“ und wären Vermittler denkbar, der und die nicht Positionen bestätigen und Kanon zementieren, sondern zu Entdeckungen einladen? Vielfalt statt Ein- (nein, nicht was Sie jetzt denken) -dimensionalität? Neugier auf die Vielzahl der Stimmen, aha, das gibt es und das, manches geht an mir vorbei, was mag noch kommen, vielleicht daß was einschlägt und bei mir bleibt?
Je ein Gedicht von Nancy Hünger und Georg Leß mag das Potential der Eigenerkundung andeuten:
Nancy Hünger
KANN MICH BITTE
jemand vernunft sprechen lehren die sprache
des immer so weiter und ist doch die beste aller
was welt ist möglich es geht uns ja gibt uns ja
geht uns ja gut wenn nur der hunger woanders
nicht wär woanders bäckt man kein gutes deutsch
kann einer mir das maul damit stopfen mehl und
mohn und die knochen zerbacken diese vernunft
ist hungrig kann irgendwer teilen dies brot
für die beste oder die mögliche teile mich
den mäulern und zieh mir die grannen hier
aus dem leib damit ich endlich sprechen lerne
fresse ich unser gutes deutsch kann man mich
bitte lehren was möglich was welt ist woanders:
lehren lieber den tod
Georg Leß
GEGEN DIE ÖFFENTLICHKEIT
auf Marktplätzen wurden ihre Gedichte
bearbeitet mit glühenden Gedichten
mit geschmolzenen Gedichten
gehängt in massiven Gedichten
an hoch aufragende Gedichte, schreckte einige von etwas ab
sind echte Gedichte da drin? fragt blinzelnd
ein Kind sich am Markttag
Ein Wort noch zu Wolfgang A. Golznig. Herausgeber Alfred Kolleritsch teilt mit, daß der ihm 1975 als 18jähriger Gymnasiast unaufgefordert eigene Gedichte gezeigt habe und das bis 1978 (im Heft steht fälschlich 1968) beibehalten habe. Dann habe er aufgehört zu schreiben, Kolleritsch habe ihn noch bedrängt, aber er habe nur mit einem Lächeln geantwortet. Im Mai diesen Jahres sei er im 58. Lebensjahr tot aufgefunden worden. Die Zeitschrift druckt Gedichte und einen Prosatext „Aus dem Leben & Tod des Gustav Mahler“. Besonders ein Gedicht aus sieben Strophen, „seven poets crossing the Alps“ fesselte meine Aufmerksamkeit und verlangt fernere Erkundung.
JOAN BROSSA (1919-1998)
Sonett für Jordi Carbonell,
der kürzlich gefoltert wurde, weil er auf dem Recht,
katalanisch zu sprechen, bestand
Jedwede Niedertracht begeht die Henkerschar,
sie bleibt dem ersten Tag des Schlachtens treu;
geschaßt die Sonne von der Polizei;
aus Mitgefühl legt die Natur sogar
gleich alle ihre Ämter nieder;
bis in die Traueröde breitet sich das Moos,
die Rache steigt aus des gekränkten Berges Schoß,
ganz weiß, nimmt ihren Weg sie wieder.
Erhobnen Hauptes, vor der Bestie ganz allein,
bespeist du ihre Uniformen in der Gruft;
die Sonne wird ein Apfelbaum und bleibt bei dir,
im Morgengraun tritt sie ins Zeichen Kataloniens ein.
Sie halten deinen, unsern Stern gefangen hier,
frei flattert seine Fahne in der Luft.
Deutsch von Uwe Grüning. Aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Mit 7 Farbzeichnungen und 3 Collagen von Antoni Tàpies. Katalanisch und deutsch. Hrsg. Tilbert Stegmann. Leipzig: Philipp Reclam, 1987, S. 143
SALVADOR ESPRIU (1913-1985)
Mein Volk und ich
Pompeu Fabra, unser aller Lehrmeister,
zum Gedächtnis.*
Wir tranken unvermischt
herbe Weine des Spotts,
mein Volk und ich.
Hörten, zu widerlegen nicht,
Argumente des Säbels,
mein Volk und ich.
Eine Lektion der Pflicht
mußten wir hören,
mein Volk und ich.
Das gleiche Geschick
eint uns auf ewig,
mein Volk und mich.
Wer herrscht, wer dient?
Sind nicht zu trennen,
mein Volk und ich.
Wir haben das Recht
wider Diebe und Heuchler,
mein Volk und ich.
Bewahrten sie schlicht,
die Worte der Sprache,
mein Volk und ich.
Uns entmutigten nicht
alle Stufen der Trauer,
mein Volk und mich.
Im Brunnen sehr tief,
schaun wir nach oben,
mein Volk und ich.
Recken empor zum Licht
uns erwartungsschwer beide,
mein Volk und ich.
*) Pompeu Fabra (1868—1949) gilt als Vater des modernen Katalanisch, da er die grammatischen, lexikalischen und orthographischen Normen in seinen Standardwerken für alle Katalanen verbindlich festgelegt hat.
Deutsch von Roland Erb. Aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Mit 7 Farbzeichnungen und 3 Collagen von Antoni Tàpies. Katalanisch und deutsch. Hrsg. Tilbert Stegmann. Leipzig: Philipp Reclam, 1987, S. 113/115
Sie fragten den Freund: Was für ein Ding ist die Welt? Er antwortete: Es ist ein Buch für diejenigen, die lesen können, darin ist mein Geliebter wohlbekannt. Sie fragten, ob sein Geliebter in der Welt sei. Er antwortete: Ja, wie der Autor im Buch. Und worin befindet sich dieses Buch? Er antwortete: In meinem Geliebten, weil mein Geliebter alle Dinge enthält, und aus diesem Gund ist die Welt in meinem Geliebten und nicht mein Geliebter in der Welt.
Ramon Llull: Das Buch vom Freunde und vom Geliebten (1276-1283)
Aus: Grenzen sind Straßen. Verbindungen zwischen der deutschen und der katalanischen Kultur. Hrsg. Arnau Pons u. Simona Škrabec. Barcelona: Institut Ramon Llull, 2008, S. 16
Ramon Llull (deutsch Raimund Lull, latinisiert Raimundus Lullus, auch Raymundus Lull(i)us; * um 1232 in Palma de Mallorca; † Anfang 1316 auf der Fahrt von Tunis nach Mallorca), mallorquinischer Philosoph, Logiker und franziskanischer Theologe. Er war ein Troubadour, aber eine Christusvision veranlaßte ihn, seine Dichtung in den Dienst des Glaubens zu stellen. Er lernte Arabisch, bereiste arabische Länder, lehrte an der Sorbonne und wurde einer der Begründer der europäischen Orientalistik. Gerüchten zufolge wurde er in Algerien von aufgebrachten Muslimen gesteinigt und starb an den Folgen auf der Überfahrt.
Der katalanische Dichter Jacint Verdaguer veröffentlichte 1908 eine gereimte Fassung der Gesänge Llulls.
Josep Vicenç Foix (1894-1987)
O könnte klug …
O könnte klug, mit leichter Zunge ich erlangen,
des Geistes Reich auf immer festzuhalten,
vermöcht’ ich, in gewandten Worten die Gewalten
der Leidenschaft, der neu gebornen, einzufangen,
o könnt ich, fremder Eigenart nicht anzuhangen,
in harter Nacht dies im Gedicht gestalten:
des Nichts, des Alles Liebe; könnte fern ich halten
das Seltene und Dunkle, dahin zu gelangen,
mit klaren Zeichen rauh, doch streng den Reim zu zwingen
in herber Art — o Llull! O March! — wie ihrs getan,
des Volkes Zunge sicher sprechend, könnt es mir gelingen!
Den Künftigen zu Nutz. O könnt mein Vers fortan
würdig und ausgewogen Nachruhm sich erringen
auch ohne Spiegel, Harfe und Azur und Schwan!
Deutsch von Uwe Grüning. Aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Mit 7 Farbzeichnungen und 3 Collagen von Antoni Tàpies. Katalanisch und deutsch. Hrsg. Tilbert Stegmann. Leipzig: Philipp Reclam, 1987, S. 65
Aus gegebenem Anlaß – Àxel Sanjosé übersetzte ein Gedicht des katalanischen Dichters Joan Maragall (1860–1911) – ein kleines Stück Vorgeschichte:
Ode an Spanien
Hör, Spanien – die Stimme eines Sohnes,
der mit dir spricht – in nicht-kastillischer Sprache;
ich spreche in der Sprache – die mir
die rauhe Erde gab:
In dieser Sprache – redeten wenige mit dir,
allzu viele in der anderen.
Zu viel haben sie geredet – von den Saguntern*
und von jenen, die fürs Vaterland sterben:
dein Ruhm – und deine Erinnerungen,
Erinnerungen und Ruhm – stammen von Toten:
du lebtest traurig.
Ich will mit dir reden – auf ganz andre Art.
Warum nutzlos das Blut vergießen?
In den Adern – Leben ist das Blut,
Leben für die Heutigen – und für die Kommenden:
Vergossen, ist es tot.
Zu viel dachtest du – an deine Ehre
und zu wenig an dein Leben:
tragisch führtest du – zum Tod die Söhne,
hattest Gefallen – an Totenehrungen,
und deine Feste waren – die Begräbnisse,
trauriges Spanien!
Ich sah die Schiffe – randvoll auslaufen
mit deinen Kindern, die du – zum Sterben führtest:
sie gingen lächelnd – ins Ungewisse;
und du, du sangst – am Meeresufer
wie eine Irre.
Wo sind die Schiffe? – Wo sind die Söhne?
Frage den Westwind, die Sturmeswoge:
alles verlorst du – niemanden hast du.
Spanien, Spanien, kehr zurück zu dir,
brich aus in Mutterweinen!
Rette, oh rette dich – vor so viel Übel,
möge das Weinen dich fruchtbar machen, froh und lebendig;
denk an das Leben, das um dich ist:
hebe die Stirn,
lächle den sieben Farben zu, die in den Wolken sind.
Wo bist du, Spanien? – Ich seh dich nirgends.
Hörst du denn nicht mein lautes Rufen?
Verstehst du diese Sprache nicht – die in Gefahren zu dir spricht?
Hast du’s verlernt, deine Kinder zu verstehen?
Lebwohl, Spanien!
ODA A ESPANYA
Escolta, Espanya, – la veu d’un fill
que et parla en llengua – no castellana:
parlo en la llengua – que m’ha donat
la terra aspra:
en’questa llengua – pocs t’han parlat;
en l’altra, massa.
T’han parlat massa – dels saguntins
i dels que per la pàtria moren:
les teves glòries – i els teus records,
records i glòries – només de morts:
has viscut trista.
Jo vull parlar-te – molt altrament.
Per què vessar la sang inútil?
Dins de les venes – vida és la sang,
vida pels d’ara – i pels que vindran:
vessada és morta.
Massa pensaves – en ton honor
i massa poc en el teu viure:
tràgica duies – a morts els fills,
te satisfeies – d’honres mortals,
i eren tes festes – els funerals,
oh trista Espanya!
Jo he vist els barcos – marxar replens
dels fills que duies – a que morissin:
somrients marxaven – cap a l’atzar;
i tu cantaves – vora del mar
com una folla.
On són els barcos. – On són els fills?
Pregunta-ho al Ponent i a l’ona brava:
tot ho perderes, – no tens ningú.
Espanya, Espanya, – retorna en tu,
arrenca el plor de mare!
Salva’t, oh!, salva’t – de tant de mal;
que el plô et torni feconda, alegre i viva;
pensa en la vida que tens entorn:
aixeca el front,
somriu als set colors que hi ha en els núvols.
On ets, Espanya? – no et veig enlloc.
No sents la meva veu atronadora?
No entens aquesta llengua – que et parla entre perills?
Has desaprès d’entendre an els teus fills?
Adéu, Espanya!
Während der Napoleonischen Kriege auf der Iberischen Halbinsel besiegten am 25. Oktober 1811 in der Schlacht von Murviedro (Sagunto) die Franzosen unter Louis-Gabriel Suchet eine spanische Armee unter General Joaquín Blake y Joyes. Sie sollte die seit Monaten belagerte Festung entsetzen. Am Tag darauf kapitulierte Murviedro vor Suchet.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Sagunt
Sophie Tieck (verh. Bernhardi / von Knorring, * 28. Februar 1775 in Berlin; † 1. Oktober 1833 in Reval)
Klagen.
I.
Die Lust entfloh, verarmt bin ich im Herzen,
Mir kann nicht Leben, Glük mehr, Liebe taugen.
Will ich aus Erd’ und Himmel Tröstung saugen,
Entquillen neu nur meiner Seele Schmerzen.
O Herz! Was konnte so dich denn entherzen?
Warum verlöscht den glühnden Strahl der Augen
Ein schmerzlich Naß? Warum muß ich entsaugen
Nur bittre Quaal, der Liebe linden Scherzen?
O Erd’ erbarmend nimm mild meine Thränen!
Hilf Sonne brennend diesem Regenschauer!
Laß Erd’ erwärmt dein starres Herz durchdringen.
Wie hohl hör’ ich die kalten Felsen klingen.
Ich bin allein; unendlich ist mein Sehnen,
Nicht Erd’ und Himmel enden meine Trauer.
Aus: Dichter-Garten: Erster Gang: Violen. Hrsg. Rostorf (Georg Anton Hardenberg), Würzburg: Stahel, 1807, S. 167
Sophie Tieck war die Schwester des Schriftstellers Ludwig Tieck und des Bildhauers Friedrich Tieck. „Und während Ludwig das Gymnasium besucht und studiert und Friedrich als Bildhauer bei Schadow lernt, wird Sophie zur Ehefrau und Mutter ‚erzogen’”. (FemBio). Sie schrieb Dramen, Novellen, Romane, Erzählungen, Gedichte und Märchen.
Christa Reinig (6. August 1926 Berlin – 30. September 2008 München)
EIN DICHTER ERHIELT EINEN FRAGEBOGEN
Ein dichter erhielt einen Fragebogen zur Ausfindigmachung der von den Kulturschaffenden für geeignetst gehaltenen Methoden zur Hervorbringung drucktauglicher Produktion.
Der fragebogen fragte: Welches halten Sie für die günstigste Voraussetzung zum fehlerlosen Ablauf Ihres Schaffensprozesses? Er antwortete: ergriffenheit. Können Sie uns ein Arbeitsmittel zur Anfertigung möglichst hochwertiger Kunstwerke nennen, das in unserem Wirtschaftsbereich nicht als Mangelware eingeplant ist? Er antwortete: geduld. Welches Material halten Sie bei der Herstellung Ihrer Kunstwerke für besonders unumgänglich? Er antwortete: wahrheit. Verfolgen Sie neben der massenbildenden Aufgabe Ihrer kulturellen Tätigkeit noch einen besonderen persönlichen Zweck in Ihrer Arbeit? Er antwortete: erkenntnis.
Kito Lorenc
Totenschmaus • Regenzauber
Schält Zwiebeln reibt Meerettich
die Trauerzitrone preßt, zu Tisch! Mickel
hat sein Sterbchen gemacht, Hüge brannte schon
Laßt kreisen den roten Wein
Zu Tisch Fixgriffel! Bei Fuß winselnder
Leichdorn Zeilenschinder Schmähbrieftipper
Hoch die trüben Tassen ihr Frotzler Abzocker
Fellversäufer Kotzbrocken alle! Frisch
hinter die Binde auch du Blindekuh! Sparflamme
auf! Um den heißen Brei, stockt der laue
am Rand laßt kreisen die Löffel! Bis
zur Kühle, junger Steinmetz, ist die Arbeit getan
heben wir ab von der Bank Durch die Lappen
ins Feuer Hockt bei Dresden das Korn so klein
verbiegt sich die Schiene Steigt auf
Weihnachtsbäume Lichterketten, falle Lametta
um die Brüstungen Glühe Teer an den Sockeln
Flieg hoch lidloses Auge Weckt die Hunde
Zu Tisch! Es ist angerichtet Herab
O Regen von Phosphor Gold Es ist gegessen
Aus: Jahrbuch der Lyrik 2002. Hg. Christoph Buchwald und Adolf Endler. München: C.H. Beck 2001, S. 94f
Kito Lorenc (1938-2017)
Schließübung
So langsam wirds Zeit
das Haus einzuzäunen
die Alarmanlage anzubringen
und den Hund auszubuddeln
da wo er begraben liegt
Zeit wirds wieder
die Zeit totzuschlagen
die Grenzen dichtzumachen
die Akten zu schließen
und den Muskel
Fangen wir gleich an mit
wo es am schnellsten klappt
es geht schon beim Autofahren
beim Ausfüllen der Steuererklärung
beim Fernsehn hinter der Zeitung
Und immer etwas steigern
die Leistung dann kommts auch
zum Wachstum also dies schon mal
üben: auf und zu und
so langsam machts Spaß
Aus: Die Unerheblichkeit Berlins, Texte. München: Lyrikedition 2000, 2002, S. 33
Der deutsch-sorbische Schriftsteller Kito Lorenc, * 4. März 1938 in Schleife, Kreis Rothenburg (Oberlausitz) starb am 24. September 2017 in Bautzen.
Albert Vigoleis Thelen (28. September 1903, Süchteln – 9. April 1989, Dülken)
Dichterholdschaft
Wenn das Abendmeer sich leichtet
In der Holdschaft mit dem Mond,
Fernster Stern der Erde beichtet,
Was in seiner Meinheit wohnt –
Meuchlem Sumpf der Unke Läuten
Todesgraus und Trugsal nimmt,
Nachtigall’n der Nacht bedeuten,
Daß noch Mein auf Minne stimmt:
Wird sich da dem Dichter milden
Des gestollten Wortes Not?
Irrender in Lichtgefilden
Gilt ihm Holdschaft nur der Tod.
(aus: Albert Vigoleis Thelen: Im Gläs der Worte. Gedichte. Düsseldorf: Claassen 1979)
Andreas Tscherning (* 18. November 1611 in Bunzlau; † 27. September 1659 in Rostock)
Andere Fassung (da ich auf Reisen bin, kann ich nicht überprüfen):
Wer ungereget
Die Sinnen träget /
Wenn Künstler singen
und Sayten klingen
Mehr Lust für Ohren
Ist nicht gebohren;
Sie treibt von Hertzen
Verdruß vnd Schmertzen /
Kan Eifer dempfen
Gibt muth zu kämpfen /
Macht durch die Ohren
Uns neu geboren. etc.
Ernst Wilhelm Lotz
BEGREIFT
Von Dumpfheit summt das halbe Kaffeehaus,
Das halbe ist getaucht in weißes Glühen
Und flackert in den Lampentag hinaus,
Wo dünne Nebel an die Scheiben sprühen.
Es wollen ernste Freunde mich bedeuten,
Ich sei zu leicht für diese Gründerjahre,
Weil ich, statt kampfgenössisch Sturm zu läuten,
Auf blauer Gondel durch den Äther fahre.
Ich sah bisher nur Zeitungsfahnenwische
Und warte längst auf Barrikadenschrei,
Daß ich mich heiß in eure Reihen mische,
Besonnt vom Wind des ersten Völkermai!
Den Kopf ganz rot, malt ihr Kulissenbrand
Und überträumt die Zeiten mit Besingung.
Begreift: Ich wirke, spielend freier Hand,
Mein helles Ethos silberner Beschwingung.
Aus: Ernst Wilhelm Lotz: Wolkenüberflaggt. Gedichte (Sechsunddreißigster Band der Bücherei Der Jüngste Tag), Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1917 Digitale Ausgabe
Ernst Wilhelm Lotz „fiel“ 24jährig am 26. September 1914 in einem Schützengraben bei Bouconville, Frankreich.
(Die Danteserie wird nach einer kurzen Reise nächste Woche fortgesetzt)
Zustand dieser Wehgarten Dantes Schwert Vögelchen in Alters- wildnis / -widmung fliegt August Mond / -mund und läßt schreckliche Ohrentrunkenheit / Tritt- spur »wie schön dich ankommen hören« aller Frühlinge Sommer obskure Baum Zeichen blaues Schmerz- auge aber wie Zirbe hart! nämlich versagter Speise »vasennacht« bin zu Gefangenschaften / Beere Beerung / entbeeren / pflücken Mohnblumenblatt Lippe (h) und Hauch / Reise zur Welt / Leier und Laute (ein Kind nur eben so geboren) und schreiend / seine Zähne der grüne Flaum von Haselnüssen
Friederike Mayröcker
Aus: Mein heimliches Auge. Tübingen: KONKURSBUCHVERLAG Claudia Gehrke, 1982, S. 163
Ich könnte bis Weihnachten weitermachen mit Dante (und noch die letzten vergraulen, die sowieso nicht mitlesen). Aber gut, vielleicht 2 oder 3 noch. Aber heute: Ramón de Campoamor, spanischer Dichter, geboren am 24. September 1817. Àxel Sanjosé hat ein Gedicht für uns übersetzt:
¡Ay! ¡Ay!
Más cerca de mí te siento
cuando más huyo de ti,
pues tu imagen es en mí,
es en mí,
sombra de mi pensamiento,
sombra de mi pensamiento.
¡Ay! Vuélvemelo a decir,
vuélvemelo a decir
pues embelesado ayer
te escuchaba sin oír
y te miraba sin ver,
y te miraba sin ver. ¡Ay!
Ach! Ach!
Näher fühl ich mich bei dir,
umso mehr ich von dir flieh,
denn dein Bild das ist in mir,
ist in mir,
Schatten meines eignen Denkens,
Schatten meines eignen Denkens.
Ach! Sag’s noch einmal zu mir,
sag es noch einmal zu mir,
gestern nämlich, ganz betört
lauscht ich dir, ohne zu hörn
schaut’ dich an ohne zu sehn,
schaut’ dich an ohne zu sehn. Ach!
Neueste Kommentare