Isolde Kurz
(* 21. Dezember 1853 in Stuttgart; † 6. April 1944 in Tübingen)
Aus: Die Kinder der Lilith (1908)
Zur Weihnacht 2018 lädt L&Poe zu einem Augenzeugenbericht der Schöpfung ein. Ein paar Kapitel aus einem Poem von Isolde Kurz. Manche Wörter wollen uns zu anderen Wörtern oder Sachen locken.
In der 4. Folge: Wie Lilith aussah. Wie Adam vor der Gefährtin tanzt. Wie dem Herrn ihrer beider Kuss wohlgefällt.
Da kehrt ins irdische Gefild
Der Herr mit dem lieblichsten Wunderbild,
Wie er’s erschuf, ist uns verborgen,
Es strahlt wie Paradiesesmorgen,
Vom Scheitel fließt ihm Sonnengold,
Zwei Flüglein hat’s, noch aufgerollt,
Wie junge Blätter unentfaltet,
Sonst ist es Adam gleich gestaltet
Und anders doch und feiner viel,
Ein schlanker, beweglicher Blumenstiel.
Als Adam dies Gebild erschaut,
Springt er vom Boden mit Jubellaut,
Begreifend, daß dies Wonnewesen
Ihm zur Gefährtin auserlesen.
Und stracks hebt er zu tanzen an,
Just wie ein balzender Auerhahn,
Den Hals gereckt, auf Zehen schwebend,
Die Arme wie zwei Flügel hebend,
So turnt er vor ihr auf und nieder
Und zeigt die Pracht ihr seiner Glieder,
Kreist immer näher um die Neue,
Die an den Herrn sich schmiegt mit Scheue.
Doch mählich wird auch sie beherzt,
Ein Schalk aus ihren Augen scherzt,
Sie schwebt ihm entgegen, flieht und kehrt
Um ihn, der wie ein Kreisel fährt,
Dann plötzlich hinter des Meisters Rücken
Entzieht sie sich listig Adams Blicken,
Der in ein Jammerbild erstarrt;
Bis sie zur Gnüge ihn genarrt
Und wieder kommt — da in Ekstasen
Wirbelt er auf, und unterm Rasen
Schlägt er zur Erde, umfaßt ihr Knie
Und: Lilith! Lilith! nennt er sie.
Ja, denkt euch, was der Mensch getan:
Er kniet vor ihr, er betet an!
Wir bangten, daß der Meister zürne
Und ihm zerspalte die Frevelstirne:
Wenn Elohim seiner Hand entsprungen,
Haben sie kniend ihm Lob gesungen.
Doch Adam sieht den Schöpfer nicht,
Er sieht nur Liliths Angesicht.
Des Tadels ledig bleibt der Tor,
Der Herr schiebt ein Gewölke vor
Und läßt die zwei allein beisammen
Mit jedem Blicke sich mehr entflammen.
Schon steht sie keck auf Adams Füßen,
Um näher ihn Mund an Mund zu grüßen,
Sie hängen und hängen sich an den Lippen
Und müssen nippen, nippen, nippen,
Als ob vom wonnigen Göttersafte
Dort ein vergossener Tropfen hafte.
Der Herr übers ganze Antlitz lacht,
Als dächt’ er: Das hab’ ich gut gemacht!
Lesen Sie in der Fortsetzung: Wie sie weiter närrische Dinge tun. Wie es Nacht wird in Eden.
Isolde Kurz
(* 21. Dezember 1853 in Stuttgart; † 6. April 1944 in Tübingen)
Aus: Die Kinder der Lilith (1908)
Zur Weihnacht 2018 lädt L&Poe zu einem Augenzeugenbericht der Schöpfung ein. Ein paar Kapitel aus einem Poem von Isolde Kurz. Manche Wörter wollen uns zu anderen Wörtern oder Sachen locken.
In der 3. Folge: Wie sich Adam aufführte, als er allein war. Wie er einschlief. Wie der Herr das beobachtet.
Der Herr mit leuchtendem Angesicht,
Als gäb’s im Himmel Schöneres nicht,
Geleitet ihn sorglich auf allen Pfaden,
Ihn zu behüten vor Fall und Schaden.
Doch Adam singt ihm keinen Psalm,
Er streckt sich lang in den Schachtelhalm,
Beriecht die Blumen und das Kraut,
Blinzt in den Äther, der droben blaut,
Und horcht mit vorgestrecktem Hals
Auf die Murmellieder des Wasserfalls.
Der Herr entfernt sich auf ein Weilchen,
Und Adams Haupt sinkt in die Veilchen,
Die an des Baches Rande blühn;
Ihn schläfert nach ersten Lebensmühn.
Lesen Sie in der Fortsetzung: Wie Gott ihm eine Gefährtin schuf. Wie Adam vor #Lilith balzt und bei ihr landet.
Isolde Kurz
(* 21. Dezember 1853 in Stuttgart; † 6. April 1944 in Tübingen)
Aus: Die Kinder der Lilith (1908)
Zur Weihnacht 2018 lädt L&Poe zu einem Augenzeugenbericht der Schöpfung ein. Ein paar Kapitel aus einem Poem von Isolde Kurz. Manche Wörter wollen uns zu anderen Wörtern oder Sachen locken.
In der 2. Folge: Wem wir den Augenzeugenbericht verdanken. Wie Adam geschaffen wird, herumtollt und „Ich“ sagt.
Indes so kommt mit lachendem Mund
Vom neugeschaffenen Erdengrund
Herangeflogen ein Engelpaar,
Die jüngsten, kecksten der ganzen Schar.
Die saßen heimlich im höchsten Wipfel
Auf Edens junggrünendem Bergesgipfel,
Naschten Früchte in guter Ruh
Und sahen den Werken des Meisters zu.
Nicht um des Cherubs Weisheit tauschten
Sie ein die Dinge, die dort erlauschten,
Wie er den Lehm zum Bild gequält
Und den Menschen machte: – Erzählt! Erzählt!
– Wir sahn den Herrn vor einem plumpen
Allgewaltigen Lettenklumpen,
Den er in seiner Hand erweicht,
Und formt ein Bildnis, das ihm gleicht,
Versteht sich, ganz im Groben nur,
Eben noch kenntlich die Gottesspur.
Versunken war er ganz ins Kneten,
Wir hörten ihn laut mit sich selber reden,
Geht prüfend um den Kolossen her,
Ob noch was dran zu bessern wär‘.
Am Ende feuchtet er den Ton,
Der quillt als wie lebendig schon,
Dann wird ihm zuletzt durch Mund und Nasen
Der Lebensodem eingeblasen.
Zufrieden tritt der Herr zurück,
Und: Adam! so ruft er sein Meisterstück.
Das war ein Anblick! Hin und wieder
Reckt sich’s und streckt sich, probt die Glieder,
Öffnet die Augen, blinzt ins Licht,
Steht auf und geht, dann stammelt’s, spricht!
Wie es den Schlaf nun abgestreift
Und von sich selbst Besitz ergreift,
Da faßt der Herr es bei der Hand
Und führt’s durch das blühende Gartenland,
Allwo es jeglich Ding betastet,
Vom Tierlein hin zur Pflanze hastet
Und was ihm gefällt zum Munde bringt,
Die Rose mitsamt dem Dorn verschlingt,
Wenn’s ihm der Herr nicht gütlich wehrte,
Ihn Beeren und Früchte kennen lehrte,
Denn Adam in seiner blinden Gier
Ist dümmer als jedes andere Tier.
Doch als er nun mit Lust und Schmatzen
Das Ränzel sich gefüllt zum Platzen,
Erwacht ihm plötzlich das Selbstgefühl:
Vom ganzen wimmelnden Gewühl,
Seine Brust berührend er sondert sich
Und findet das erste Wörtlein: Ich!
Lesen Sie in der Fortsetzung: Wie sich Adam aufführte, als er allein war.
Isolde Kurz
(* 21. Dezember 1853 in Stuttgart; † 6. April 1944 in Tübingen)
Aus: Die Kinder der Lilith (1908)
Zur Weihnacht 2018 lädt L&Poe zu einem Augenzeugenbericht vom siebten Tag der Schöpfung ein. Ein paar Kapitel aus einem Poem von Isolde Kurz.
In der 1. Folge: Wie es anfing
Die himmlische Glorie durchschüttelt ein Wallen,
Es dröhnen die ewigen Porphyrhallen;
Hervor aus des Chaos kreißendem Schoß
Zucken Blitze und Wellenstoß.
Die Elohim stehn und flüstern zu Paaren:
Was ist in unseren Herrn gefahren,
Daß er in Schöpferwehen braust,
Wie ein Ungewitter das All durchsaust
Und reißt im Wirbel ein Geisterheer
Wie einen Kometenschweif hinter sich her?
Sechs Tage schon müht er sich ohne Rasten,
Hauchend wälzt er unendliche Lasten,
Läßt aus den Wolken ein Weltmeer stürmen,
Die Wasser zerrinnen, die Feste sich türmen,
Bekleidet die Erde mit jungem Grün,
Läßt drüber die Lichter des Himmels glühn,
Gebirge baut er, aus klaffenden Felsen
Müssen Wasserstürze sich wälzen,
Dann schafft er Pflanzen, die sich besamen,
Und auch die Tiere, die wilden und zahmen,
Gebilde regsames, dem die Frist
Eines Tags nur gegeben ist.
Ihr hohen, wissenden Cherubim,
Was ist Sein Wille? Was wogt in Ihm?
Seraphische Chöre die liebenden fragen,
Die Cherubim stehn wie aufs Haupt geschlagen
Starrend in alle den Schöpfergraus,
Sie ergründen es nicht, sie denken’s nicht aus.
Sie sehen nur: an den ewigen Gefügen
Empfindet er göttliches Ungenügen.
Müde ward er im gleichen Ringe
Der wechsellosen vollendeten Dinge,
Jetzt begehrt er den Wandel zu sehn,
Das Werden, das Wachsen, das Niedergehn.
Hat er die Chöre des Himmels geschaffen
Zu Genossen seiner Unendlichkeit,
Bildet er Vögel, Gewürm und Affen,
Rasch verwelkende Kinder der Zeit.
Das Unvollkommne ist jetzt sein Ziel,
Wer darf ihn fragen, ob Ernst, ob Spiel?
Sein das unerforschte Vollbringen,
Unser das Preisen und Lob ihm Singen.
Lesen Sie in der nächsten Folge: Wem wir den Augenzeugenbericht verdanken. Wie Adam geschaffen wird, herumtollt und „Ich“ sagt
Carles Rebassa
Cant espiritual
Whisky, et demanam. Whisky! I tu,
senyor, ens dónes aigua. I, a més, ets
molt adorat per alcohòlics vius
que beuen brou perquè pertot fan aigua.
Whisky, vatuadell, et demanam.
Deixa’ns estar, de por i de medecina,
i ja desapareix d’un cop del món.
No et multipliquis més. No tinguis sexe
amb els aŀlots perduts de matinada
ni amb les nenes que s’enyoren d’aires
càlids i sensuals, desconeguts.
Decanta’t de la nostra llum. I prou aigua,
et demanam. Whisky, et demanam.
Fes que la terra es desfaci del cel
i arrabassa els dos ulls de viu en viu
als qui han perdut i menyspreen la terra.
Aquests són els qui et preguen la teva aigua.
Whisky, et demanam. Whisky! I tu,
senyor, ens dónes aigua. Beu-te-la tu.
Geistlicher Gesang
Whisky wollen wir von dir. Whisky! Und du,
Herr, gibst uns Wasser. Und wirst obendrein
angebetet von wahrhaftigen Alkoholikern,
die Brühe trinken, weil sie leck sind überall.
Whisky, verdammt, wollen wir von dir.
Lass uns in Ruhe mit deiner Angst und Medizin
und verschwinde endlich aus der Welt.
Vermehre dich nicht weiter. Hab keinen Sex
mit den verirrten Jungs im Morgengrauen
und mit den Mädels nicht, die sich sehnen
nach einem warmen, sinnlichen, ungekannten Windhauch.
Tritt aus unserem Licht. Und Schluss mit Wasser,
bitten wir dich. Whisky wollen wir von dir.
Mach, dass die Erde sich vom Himmel trennt,
und reiß mit bloßen Händen jenen die Augen aus,
welche die Erde verloren haben und sie verachten.
Dennn die sind’s, die um dein Wasser bitten.
Whisky wollen wir von dir. Whisky! Und du,
Herr, gibst uns Wasser. Trink’s doch selber.
[Aus dem balearischen Katalanisch von Àxel Sanjosé]
Carles Rebassa lebt in Barcelona; von ihm sind bislang fünf Gedichtbände und der Roman Eren ells erschienen. Rebassas Gedichte zeichnen sich durch ihre Expressivität aus, Wut und Lebensfreude gehen eine poetisch produktive Verbindung ein, die eine klare gesellschaftskritische Haltung durchscheinen lässt.
Auf deutsch liegt von Carles Rebassa bislang ein Auswahlband in zweisprachiger Ausgabe (katalanisch/deutsch) beim Hochroth Verlag in der Reihe poesiefestival berlin (https://www.hochroth.de/2734/poesiefestival-berlin-ausgaben/) vor.
Versteht man Gedichte ohne Kontext? Dieses Gedicht verstehen vielleicht nur Ostdeutsche meiner Generation und auch nur dann, wenn sie nicht #staatsfromm waren. Jürgen Fuchs studierte in Jena, DDR. Seine Gedichtbände erschienen im Westen Deutschlands. Er protestierte gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann durch die DDR-Führung, er wurde verhaftet und nach 282 Tagen Haft aus der Gefängniszelle an die Bundesrepublik verkauft, man kann auch sagen: abgeschoben. Nicht jeder weiß das, die DDR hat politische Häftlinge an den Westen verkauft. Das Gedicht zeigt eine typische Gesprächssituation zwischen Ostlinken und Westlinken vor 1990: bei wem ist es schlimmer? Ihr habt keine Meinungs-, keine Reisefreiheit, das ist schlimm, ABER bei uns: ich kann nicht mal Beamter werden.
Jürgen Fuchs lebte in Westberlin, aber das hinderte die Stasi nicht daran, ihn weiter zu bedrohen und zu schikanieren. Er starb mit 48 an Leukämie. (Mehr)
Jürgen Fuchs
(* 19. Dezember 1950 in Reichenbach im Vogtland; † 9. Mai 1999 in Berlin)

Aus: Jürgen Fuchs, #Pappkameraden. Gedichte. Reinbek: Rowohlt, 1981, S. 53
Der Wachtelschlag ist literarisch und musikalisch vielfach variiert worden, vor allem wegen seiner rhythmischen Prägnanz: PICK-wick-wick, BICKberwick, FRISCH erquickt, LObet Gott, FÜRchte Gott
Grimms Wörterbuch verzeichnet unter „Wachtelschlag“ diverse Vorkommen in der Literatur:
WACHTELSCHLAG, m.
1) der aus einem langen und zwei kurzen tönen bestehende ruf der wachtel:
ich haste mich, auf freyes feld zu fliegen,
und frischen wachtelschlag, mit langen zecher-zügen,
in dieses herz zu ziehn.
Klamer Schmidt poet. briefe 55;
ach! das ist ein köstlich locken,
drin ich waidmann nichts vermag,
nur den kuckucksruf verstehend
und den schlichten wachtelschlag.
Uhland ged.2 303;
wie frisch erquickt, wie frisch erquickt
der muntre wachtelschlag,
wenn’s aus dem kornfeld bickberwickt,
am heiszen sommertag!
L. A. Stöber bei
H. Kurz 4, 201;
früh als ihn die morgenluft und der wachtelschlag weckte. Hebel 3, 164. übertragen: in einem wonnetaumel sonder gleichen kehrte der junge Brösel die nacht heim. sein herz schlug einen wahren wachtelschlag und seine pulse hämmerten lustig. Ernst v. Wolzogen in der gesellschaft (1888) 1, 300.
2) ein schlag, in dem wachteln gefangen gehalten werden. dafür wachtelnschlag: dasz ich eines dieser lüftigen wesen bin, und es mir ganz und gar nicht zuträglich fühle, lebenslänglich zu mägden und nachbarinnen in einen wohlvergitterten frauenzwinger, wie in einen zierlichen wachtelnschlag, eingeschlossen zu werden. Wieland 39, 161.
Hier zu hören in der umhegten Natur, hier bei Beethoven, hier Schubert, hier eine Orgelversion von Haydn
(Der Beethovenlink ist falsch; gemeint war natürlich der Wachtelschlag)
Luise Hensel (* 30. März 1798 in Linum, Mark Brandenburg; † 18. Dezember 1876 in Paderborn), vor allem für ihr Kindergebet „Müde bin ich, geh zur Ruh“ bekannt, hat ihm ein ganzes Lied gewidmet und versteht Latein: DIC, cur hic? SAG warum?
Wachtelruf
Es wohnt im tiefen Waizenfeld
Ein Vöglein, treu gesinnt,
Das eine ernste Frage stellt
Jedwedem Menschenkind:
Dic, cur hic?
Wenn kaum der junge Morgen graut
Und frisch die Frühluft weht,
Weckt dich des Vögleins muntrer Laut
Zu Arbeit und Gebet:
Dic, cur hic?
Eilst du dahin mit leichtem Fuß
Zu Tanz und Spiel und Scherz,
Schlägt ernst des Vögleins Mahnungsgruß
An’s weltzerstreute Herz:
Dic, cur hic?
Und schleichst du trüb‘ und laß daher,
Rufst frevelnd wohl den Tod,
Denkst deines lichten Ziels nicht mehr,
Tönt’s hell durch deine Noth:
Dic, cur hic?
Vergaßest du, daß Gott dich schuf
Nur für ein ewig Sein,
Schallt laut des Vögleins Frageruf
Dir in die Seel‘ hinein:
Dic, cur hic?
O schütze Gott dich, Vöglein traut,
Daß deine Brut gedeiht
Und oft ihr frommer, frischer Laut
Uns mahnt zur rechten Zeit:
Dic, cur hic?
Aachen, 1862.
Aus: Louise Hensel: Lieder. Paderborn 1879, S. 157-159.
Wassily Kandinsky (Василий Васильевич Кандинский, * 4. Dezemberjul./ 16. Dezember 1866greg.in Moskau; † 13. Dezember 1944 in Neuilly-sur-Seine, Frankreich)

Aus: Wassily Kandinsky: Klänge. München: Piper, o.J. [1913]
Pdf der Erstausgabe hier.
Offensichtlich sind Lautgedichte nicht international. Chlebnikow und Krutschonych schrieben russische, Huelsenbeck und Ball deutsche. Weniger bekannt ist, daß Elsa von Freytag-Loringhoven, die New Yorker „Dada-Baroness“, zu den wenigen Frauen gehört, die sich in dieser Kunstart hervortaten. Die meisten sind offenbar im Deutschen noch nicht gedruckt, der schmale Auswahlband „Mein Mund ist lüstern“ (edition ebersbach 2005, 124 Seiten) enthält nur eins davon: Klink – Hratzvenga, die amerikanische Ausgabe „Body sweats : the uncensored writings of Elsa von Freytag-Loringhoven“ (MIT Press 2011, 418 Seiten) sieben. Hier ein Lautgedicht (sonic poem), das sie selber aus dem Deutschen ins Englische übersetzt hat. (Dieses ist nur partiell Lautgedicht, sie hat aber auch rein (fast) ohne Wörter auskommende.)
ZUGFENSTER
OCTOBER
BUNTGESTICKT
GETUPFT
KOBALT –
BLUTKUPFERROT
SCHWAR[Z]GOLD
LICHT –
GÜLDFLITTER
KALKWEISS
BIRKGESTALT –
ZWEIGGEÄTZ
KNOCHENFAHL –
SCHNÖRKELZART
STRICHELUNG –
TINTGEWÖLK
GEBALLT
KÜHN
FINSTERECKEN
FLASCHENGRÜN
QUECKSILBERSPIEGEL’S
SCHILFLANZTANZ.
ZIRP-ZIRP-ZIRP –
SUUUIIIRRRRR
SIRRRRRRRRR
ZIRP – – – –
WIND –
GLANZ – – –
Carwindow
Cobalt
October’s
Dotty —
Embroidered
Multitints
Bloodcopperrust
Blackgold —
Light —
Gilttinsel —
Birchbole
Chalkwhite — — — — —
Twigprints
Bonepale —
Curlyfrail —
Strokelings — — — — —
Inkclouds
Heroic
Ball — — — — —
Sombre
Corners
Bottlegreen — — — — —
Quicksilvermirrors
Reedlancedances
Tall:
Zirp-zirp-zirp
Suuuiiirrrrr
Sirrrrrrr
Siiiiiiiiirrr
Zirp — — — — —
Wind — —
Sheen — — — —
ca. 1924-1925
Elsa von Freytag-Loringhoven papers
Anmerkung aus Body sweats : the uncensored writings of Elsa von Freytag-Loringhoven MIT Press 2011:
Carwindow , ca. 1924–1925. Typescript. Box 1, folder 31. EvFL Papers, UML. There are at least three variants, including an English typescript, of this loosely translated German poem “Zugfenster.” In the margins of the manuscript, with both English and German appearing side by side on the same page (see figure 6.4), EvFL writes to DB: “You must have those registered MSS. now? Do you like ‘This is the Life in Greenwich Village? Have you got the poem ‘Ghinga?’ and ‘Kroo’?” In the (earlier) German version, EvFL notes in the margin: “To ‘The Little Review.’”
Embroidered] Embroiderd
Regina Ullmann
(* 14. Dezember 1884 in St. Gallen, Schweiz; † 6. Januar 1961 in Ebersberg, Oberbayern)

Aus: Regina Ullmann: Gedichte. Leipzig: Insel, 1919, S. 8
Heinrich Heine
(* 13. Dezember 1797 in Düsseldorf; † 17. Februar 1856 in Paris)
Michel nach dem März.
So lang ich den deutschen Michel gekannt,
War er ein Bärenhäuter;
Ich dachte im März, er hat sich ermannt
Und handelt fürder gescheuter.
Wie stolz erhob er das blonde Haupt
Vor seinen Landesvätern!
Wie sprach er – was doch unerlaubt –
Von hohen Landesverräthern.
Das klang so süß zu meinem Ohr
Wie mährchenhafte Sagen,
Ich fühlte, wie ein junger Thor,
Das Herz mir wieder schlagen.
Doch als die schwarz-roth-goldne Fahn’,
Der alt germanische Plunder,
Aufs Neu’ erschien, da schwand mein Wahn
Und die süßen Mährchenwunder.
Ich kannte die Farben in diesem Panier
Und ihre Vorbedeutung:
Von deutscher Freiheit brachten sie mir
Die schlimmste Hiobszeitung.
Schon sah ich den Arndt, den Vater Jahn* –
Die Helden aus andern Zeiten
Aus ihren Gräbern wieder nah’n
Und für den Kaiser streiten.
Die Burschenschaftler allesammt
Aus meinen Jünglingsjahren,
Die für den Kaiser sich entflammt,
Wenn sie betrunken waren.
Ich sah das sündenergraute Geschlecht
Der Diplomaten und Pfaffen,
Die alten Knappen vom römischen Recht,
Am Einheitstempel schaffen –
Derweil der Michel geduldig und gut
Begann zu schlafen und schnarchen,
Und wieder erwachte unter der Hut
Von vier und dreißig Monarchen.
Erstdruck: 1851
*) Ich hörte AfD-Frauen im Fernsehn und einen (übrigens erfolglosen) Provinz-Pegidisten auf dem Marktplatz zu Greifswald Heine zitieren: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um dem Schlaf gebracht“. Die Damen und Herrn haben das Gedicht gar nicht gelesen, oder es interessiert sie einen Scheiß – es ist ja ein privates Gedicht von der Sehnsucht des Flüchtlings Heine nach der in Deutschland verbliebenen Mutter. Und Heine ist nicht ihr Gewährsmann, für all die Mucker, Heuchler, Frömmler, Nationalisten, Burschen, Michel und Untertanen hatte er nichts als ätzenden Spott.
Arno Holz
Aus: Die Blechschmiede
Erschienen im Insel-Verlage Leipzig 1902
Prolog:
Seit der alte Papa Wieland
seine liederlichen Musen
abenteuerlich ersuchte,
ihm den Hippogryph zu satteln,
hat schon mancher deutsche Dichter
diesen Trick ihm nachgeäfft.
In das süße blaue Wunder
unsrer Jungfrau Poesie
stippte altklug Mutter Prosa
die didaktisch lange Nase,
und die Töchter des Olympiers
degradiert nun frech zu Jockeys
jeder Schlingel, dem erbärmlich
auf der schlecht geleimten Leyer
nur ein dünnes Därmchen schnurrt.
Leider bin ich auch blos Mensch.
Dumpf in meine Wiegenlieder
brandete von fern die Ostsee,
und wir Deutschen sind entweder
Dichter, oder Philosophen.
Ich bin Dichter. Versefex.
Versefex und degradier drum
jene schlanken Marmorschönen
mit dem weltverliebten Herzen
heute selbst zum Stallknechtsdienst.
He, Euterpe, raus den Schinder!
Wiehernd bäumt er sich ins Licht.
Zieh, Urania, erst mal, bitte,
dort den Strohhalm aus dem Schwanz.
Klio und Kalliope,
putzt ihm spiegelblank die Hufe,
knüpft ihm Blumen in die Mähne,
hängt ihm Rauschgold an die Flügel,
mutig blähn sich seine Nüstern,
wohlig zuckt sein Seidenfell.
Schlottert hier nicht noch ein Riemen?
Mensch, Melpomene, du stellst dich
ja noch dümmer, als du bist!
Fester, Erato, den Sattel,
oder denkst du dir, ich wollte,
rhythmisch über Wolken stolpernd,
einen Kopfsprung inscenieren?
Kind, Thalia, willst du wohl?
Händchen weg, das Luder beißt!
Recht so, Polyhymnia,
reich ihm den krystallnen Eimer,
roten, funkelnden Falerner
zulpt der alte Schwede gern.
Hm; die Bügel federn gut.
Auch die Peitsche zieht brillant.
So. Und jetzt, Terpsichore,
heb dein Tunicachen, tanz
ihm eins rittlings vor dem Hintern,
unterm Schlage seiner Schwingen
stäuben Blüten aus den Wipfeln,
und verdutzt vom Kirchturm kräht schon
hinter uns der goldne Gockel.
Alexander Solschenizyn
( * 11. Dezember 1918 in Kislowodsk, Oblast Terek, heute vor 100 Jahren; † 3. August 2008 in Moskau)
Gespräch zweier Insassen einer Krebsstation im asiatischen Teil der Sowjetunion 1955 – kein gewöhnliches Krankenhaus, vielmehr Teil des riesigen Archipels der Gulag, der sowjetischen Straflager:
« … Wer jahrelang vor Haß geglüht hat, kann nicht eines Tages sagen: basta, heute habe ich ausgehaßt, nun werde ich nur noch lieben. Nein, er bleibt voller Haß und wird so bald wie möglich wieder jemanden zum Hassen finden. Sie kennen das Gedicht von Herwegh:
Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen ——»
Oleg fiel ein:
«Wir haben lang genug geliebt
Und wollen endlich hassen!
Wie soll ich das nicht kennen. Das haben wir in der Schule gelernt.»
«Richtig, richtig, das haben Sie in der Schule gelernt! Aber so etwas ist doch schrecklich! In der Schule hätte man Ihnen das Gegenteil beibringen müssen: Zu des Teufels Großmutter mit eurem Haß. Wir wollen endlich lieben! — So soll der Sozialismus aussehen.»
Aus: Alexander Solschenizyn: Krebsstation. Roman in zwei Bänden. Band 2. Reinbek: Rowohlt, 1971, S. 137
Hier Herweghs Gedicht:
Das Lied vom Hasse 1841 Wohlauf, wohlauf, über Berg und Fluß Dein Morgenrot entgegen, Dem treuen Weib den letzten Kuß, Und dann zum treuen Degen! Bis unsre Hand in Asche stiebt, Soll sie vom Schwert nicht lassen; Wir haben lang genug geliebt Und wollen endlich hassen! Die Liebe kann uns helfen nicht, Die Liebe nicht erretten; Halt du, o Haß, dein Jüngst Gericht, Brich du, o Haß, die Ketten! Und wo es noch Tyrannen gibt, Die laßt uns keck erfassen; Wir haben lang genug geliebt Und wollen endlich hassen! Wer noch ein Herz besitzt, dem soll's Im Hasse nur sich rühren; Allüberall ist dürres Holz, Um unsre Glut zu schüren. Die ihr der Freiheit noch verbliebt, Singt durch die deutschen Straßen: »Ihr habet lang genug geliebt, O lernet endlich hassen!« Bekämpfet sie ohn Unterlaß, Die Tyrannei auf Erden, Und heiliger wird unser Haß Als unsre Liebe werden. Bis unsre Hand in Asche stiebt, Soll sie vom Schwert nicht lassen; Wir haben lang genug geliebt Und wollen endlich hassen!
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