Michelangelo Buonarroti
(* 6. März 1475 in Caprese, Toskana; † 18. Februar 1564 in Rom)
O Nacht, zwar schwarze, aber linde Zeit,
Mit Frieden überwindend jedes Streben,
Wer recht sieht und versteht, muß dich erheben,
Und wer dich ehrt, ist voll Verständigkeit.
Du brichst das matte Denken ab, zersägst
Und nimmst es ein mit feuchter Ruh und Schwere,
Während du mich, wohin ich oft begehre,
Im Traum von unten ganz nach oben trägst.
Schatten des Sterbens, nur vor dir macht halt,
Was Herz und Seele feind ist, immer wieder;
Letzte, Bedrückten, gute Arzenei.
Du heilst die schwache fleischliche Gestalt,
Machst Tränen trocknen, legst das Müde nieder,
Und Zorn und Ekel geht durch dich vorbei.
Deutsch von Rainer Maria Rilke. Aus: Poesiealbum 67: Michelangelo. Berlin: Neues Leben, 1973, S. 11
O NACHT, trotz Deiner Schwärze süße Zeit,
Die alles Tun zum Ziel des Friedens führt,
Gut sieht, wer Dein erhabnes Sein verspürt,
Gut denkt, wer Deinem Ruhm die Stimme leiht.
Du löst des Denkens tiefe Müdigkeit,
Dein Schatten spendet Ruhe, mild und kühl.
So hebst Du mich aus irdischem Gewühl
Empor, wo Traumes Hoffnung mich befreit.
Du Schattenbild des Todes, vor Dir endet
Der Erde Qual und alles, was uns Feind,
Du machst dem Traurigen die Schmerzen linde,
Du bist’s, die krankem Leib Gesundheit spendet,
Du stillst die Tränen, die der Kummer weint,
Daß des Gerechten Zorn Versöhnung finde.
Deutsch von Edwin Redslob. In: Michelangelo, Gedic ht und Zeichnung. Potsdam: Stichnote, (1944) unpag.
AN DIE NACHT.
O Nacht, du liebe, wenn auch dunkle Zeit,
Die jeder Arbeit stilles Ende bringt,
Wohl sieht und kennt dich, wer dein Loblied singt,
Und wer dich würd’gen kann, der weiss Bescheid.
Du schläferst ein des Hirnes Müdigkeit,
Wie feuchter Nebel ruhvoll niedersinkt;
Aus Tiefen zu ersehnten Höhen schwingt
Mich oft ein Traum empor, durch dein Geleit.
Du hemmst und scheuchst zurück, o Todesschatten,
Des Herzens schlimmste Feindin, jede Pein,
Tust, letztes Mittel, tief Betrübten gut.
Du kräftigst unsre Glieder, unsre matten,
Du trocknest Tränen, wiegst die Sorgen ein,
Und rettest Edle vor Verdruss und Wut.
Deutsch von Bettina Jacobson.
O notte, o dolce tempo, benché nero,
con pace ogn’ opra sempr’ al fin assalta;
ben vede e ben intende chi t’esalta,
e chi t’onor’ ha l’intelletto intero.
Tu mozzi e tronchi ogni stanco pensiero;
ché l’umid’ ombra ogni quiet’ appalta,
e dall’infima parte alla più alta
in sogno spesso porti, ov’ire spero.
O ombra del morir, per cui si ferma
ogni miseria a l’alma, al cor nemica,
ultimo delli afflitti e buon rimedio;
tu rendi sana nostra carn’ inferma,
rasciughi i pianti e posi ogni fatica,
e furi a chi ben vive ogn’ira e tedio.
Georg Friedrich Daumer (* 5. März 1800 in Nürnberg; † 13. Dezember 1875 in Würzburg)
Aus: Russisch-Polnische Kleinigkeiten. Zweite Reihe
III. Mutter gab mich ihm zum Weibe, Welcher mir im Sinne lag, Dennoch, ach, auf meinem Leibe Rauscht die Geisel Tag für Tag. IV. O wie warm ist's in der Hecke, Wo Verliebte wühlen! Mit dem Stocke rennt die Mutter, Peinlich abzukühlen. V. O die Frauen, o die Frauen, Wie sie Wonne thauen! Wäre lang ein Mönch geworden, Wären nicht die Frauen!
Aus: Polydora : ein weltpoetisches Liederbuch . Autor / Hrsg.: Daumer, Georg Friedrich. Frankfurt am Main: Literarische Anst., 1855, Bd. 2, S. 72
„Dergleichen Liederchen sind namentlich solche, die zu den Tanzbelustigungen der genannten Völker gehören.“ Ebd. S. 64 (Er nennt dort „Tanzliederchen“ von Kosaken und Polen).
A. E. Baconsky
(* 16. Juni 1925 Cofa, Bessarabien, heute Konovka, Ukraine; † 4. März 1977 Bukarest)

WER OHREN HAT ZU HÖREN…
Brennen wollt’ ich, mich erheben, lieben, zerstören,
weinen wollte ich, kämpfen, töten –
gibt es ein Land, eine Zeit, ein Gefild?…
eine Wand überall, eine Wand.
So werde ich fortgehn, hinterlassend als Erbschaft eine lange
Schleppe aus Blut, aus Schlacke, aus Rauch –
die wenigen, die dereinst mich erreichen,
zeichnet jetzt schon mein Wundmal.
Vergiftet euer Fleisch! Dem einbalsamierten Aas
entsprießt weder Ähre noch Blüte noch Weide!
Hör von fern die Geschichte brüllen –
Wer Ohren hat zu hören, der höre!…
Aus dem Rumänischen von Alfred Kittner, in: Neue Literatur (Bukarest) 5/ 1977, S. 40
Unter dem Gedicht steht: „Der Dichter A. E. Baconsky kam beim Erdbeben vom 4. März in Bukarest ums Leben.“
Im gleichen Heft der Zeitschrift gibt es ebenfalls von Alfred Kittner übersetzte Gedichte von Veronica Porumbacu, die ebenfalls bei dem Erdbeben ums Leben kam. Außerdem Gedichte von Klaus Kessler, Ilse Hehn und Hans Magnus Enzensberger und Prosa von Wolfgang Koeppen, Adolf Meschendörfer und Nicolae Ceauşescu. Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Alexandru Vona
(* 3. März 1922 in Bukarest; † 12. November 2004 in Neuilly bei Paris)
Aus: Musique Légère

Wen liebte Dante:
Beatrice.
Und Petrarca?
Laura.
Und der arme Edgar Poe
Und der erschöpfte Charles Baudelaire,
wie brav sie immer zu zweit hervortreten, wenn man sie ruft,
ganz wie die beiden Bourgeois aus Wildapfelholz
die zur vollen Stunde aus dem Häuschen der alten Wanduhr
hervortreten und würdevoll grüßen.
Nur 100 Jahre noch
und du wirst in Illustrierten lächeln.
Ja, das ist unser Geschick:
Angefangen hab ich mit Robinson Crusoe
(doch das erschien uns zu wenig)
und ich war nacheinander
freundlicher und vielseitiger als der berühmte Fregolini
und war Werther und Adolphe und alle romantischen Helden
und Myschkin und einmal nur der Graf von Almaviva
(es war ein absolut dummes Weib und das Kavalleristenkorsett zwängte mir schrecklich die Lenden ein).
Und ich war geheimnisvoll wie der Mann mit der Tulpe
und jung wie auf dem Porträt von Giorgione
und auf wie viele Arten bin ich bisher schon gestorben!
Deutsch von Alexandru Bulucz, aus: Alkexandru Vona, Vitralii. Frühe Gedichte und Prosa 1940-1947. Frankfurt/Main: Edition Faust, 2014, S. 29
Pe cine a iubit Dante:
Pe Beatrice.
Şi Petrarca?
Pe Laura.
Şi sărmanul Edgar Poe
Şi extenuatul Charles Baudelaire,
ce cuminţi ies câte doi, când îi chemi,
ca perechea de burgheji din lemn de merişor
care salută grav la ore fixe
ieşind din căsuţa ritmică a ceasornicului vechiu.
Numai 100 de ani
şi ai să zâmbeşti în ediţiile ilustrate.
Michail Kusmin
(Михаи́л Алексе́евич Кузми́н; * 6. Oktober jul./ 18. Oktober 1872 greg. in Jaroslawl, Russisches Kaiserreich; † 1. März 1936 in Leningrad)

Welch ungeladne Gäste
besuchten mich zum Tee?
Jetzt muß ich sie bewirten,
ganz gleich, wie ich es seh …
Ihr Blick ist schon erloschen,
die Finger wie von Wachs
und speckig ihre Kleidung
gleich der des Bettelpacks,
Die Namen sind entfallen,
die Worte längst verhallt…
Vor düsteren Gesprächen
vergesse ich mich bald …
Mal tanzt ein junger Maler,
einst starb er in der Flut,
mal ein Husarenknabe,
an seiner Schläfe Blut…
Und Sie, noch ungeboren,
verehrter Dorian Gray?
Es sitzt sich wohl gemütlich
auf meinem Kanapee?
Tja, Küchenmagd Gedächtnis,
du Butler Phantasie,
die ungezognen Streiche
vergebe ich euch nie!
(1927)
Deutsch von Alexander Nitzberg, aus: Selbstmörder-Zirkus. Russische Gedichte der Moderne. Reclam Leipzig 2003, S. 55.
Nitzberg über den Autor: „gilt nach wie vor als einer der wichtigsten Lyriker des „Silbernen Zeitalters“. (…) Kusmin starb 1936 in einem Armenspital – früh genug, um nicht dem Stalin-Terror zum Opfer zu fallen, wie Achmatowa bemerkte.“
Ebd. S. 53f
Wikipedia (russisch) ergänzt:
Nach dem Krieg wurde der Grabstein im Zusammenhang mit dem Bau eines Denkmals für die Familie Uljanow [Lenin] in einen anderen Teil des Friedhofs verlegt. Die Überreste der Begrabenen wurden „an einen anderen Ort geworfen, wo sie alle in einem gemeinsamen Grab begraben wurden“.
ВТОРОЕ ВСТУПЛЕНИЕ
Непрошеные гости
Сошлись ко мне на чай,
Тут, хочешь иль не хочешь,
С улыбкою встречай.
Глаза у них померкли
И пальцы словно воск,
И нищенски играет
По швам жидовский лоск.
Забытые названья,
Небывшие слова…
От темных разговоров
Тупеет голова…
Художник утонувший
Топочет каблучком,
За ним гусарский мальчик
С простреленным виском…
А вы и не дождались,
О, мистер Дориан, –
Зачем же так свободно
Садитесь на диван?
Ну, память-экономка,
Воображенье-boy,
Не пропущу вам даром
Проделки я такой!
Solon
(* wohl um 640 v.u.Z. in Athen; † vermutlich um 560 v.u.Z.)
GNOME* Selbst zu verderben die stadt durch unvernünftiges wesen Streben die bürger und sind einzig gehorsam dem geld / Ja die führer des volks sind rechtlos gesinnt und es warten Ihrer aus großer gewalt folgend der leiden gar viel / Denn sie verstehen es nicht sich des übermuts zu enthalten / Während das mahl noch geht sein sich in ordnung zu freun.
Nachdichtung von Rudolf Pannwitz. Aus: Die Lyra des Orpheus. Lyrik der Völker in deutscher Nachdichtung. Hrsg. Felix Braun. München: Heyne, 1978, S. 126f
*) Sinnsprüche; prägnante Denkdichtung
Yvan Goll
(* 29. März 1891 in Saint-Dié, Frankreich; † 27. Februar 1950 bei Paris)
Die Nacht ist mein!

Die Nacht ist mein!
Hier bin ich frei, nicht ich zu sein
Kein Auge äugt
Was da mein wilder Traum erzeugt.
Mein ist der Regen, mein der Wind!
Der Spiegel und das Spiegelbild
Die gar nicht sind! Die gar nicht sind!
Wo Wasser dörrt und Mauer fällt
Und ganz durchsichtig wird die Welt
Da bin ich mein!
Da bin ich frei, ganz du zu sein
Aus: Iwan Goll, Unter keinem Stern geboren. Ausgewählte Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1973, S. 167
Konstantin Biebl
(* 26. Februar 1898 in Slavětín nad Ohří; † 12. November 1951 in Prag)
Begegnen

Auf der Welt ist kein Platz so bitter und traurig
Daß zwei nicht einander begegnen könnten
Weit hinter dem Meer und selbst in solcher Ödnis
Wie dem Saharasand
Wie dem Schnee um die Pole
Ich glaube daß zwischen uns Sand und Schnee sind
Und das Halbdunkel einer verdächtigen Baracke
Durchflogen von Motten und nachts von Streifen umgangen
Wo ich wohne und Sie nicht wohnen
Jedoch wo wir zwei ihre schwarzen Stiegen beschreiten
Abgetreten von Dienstmädchen und Tagesschläfern
Als ob wir nie anders gingen
Als hintereinander
Erschrecken Sie nicht vor meinem Lächeln noch vor meinem zerknüllten Hut
Ein Kuli in Singapur ist auf ihn getreten
Und der Wind hat ihn wieder zurückgebracht
In solch einem Bogen hat er vor Ihnen
Seine bisher größte Weltverbeugung gemacht
Mein Hut
Erinnert Sie wahrscheinlich an die dauernden Unruhn in Mexiko
Das von allen Leidenschaften durchschüttelte
Die entladen sich dort auch mit abgerissenem Band
Das beim Gehn sich bewegt wie die Zunge dieser unglücklichen Leute
Die beim ersten Begegnen sofort alles über sich sagen
Daß ihnen Gebüsche im Stadtpark nicht fremd sind
Nicht Dreck noch Schnee
Der vom schwarzen Dach tropft
Deutsch von Franz Fühmann. Aus: Poesiealbum 117. Konstantin Biebl. Berlin: Neues Leben, 1977, S. 19
Lange vor der deutschen Sibylla gab es bedeutende petrarkistische Dichterinnen in anderen Ländern, wie hier in Italien. Die Übersetzung kommt mir nicht sehr getreu vor, aber ich fand keine andere.
Vittoria Colonna
(* 1492 in der Burg von Marino bei Rom; † 25. Februar 1547 in Rom)

EIN neuer Frühling jauchzt mit tausend Klängen,
Begeistert jubelt die befreite Brust,
Die Blumen färben sich vor Glück und Lust,
Und Vöglein feiern auf begrünten Hängen.
Es glänzt und leuchtet. Auf besonnten Gängen
Enteilt mein Fuß. – Ich hab es nie gewußt,
Und weiß es heut: Gewinn ward mein Verlust!
Wie süß des Trostes Freuden mich umdrängen.
Geliebter du, ja du bist meine Sonne,
Die mir des Frühlings blühend Wunder beut!
Des Geistes Balsam du, des Herzens Wonne,
Die strahlend jede Finsternis zerstreut!
Du, den ich ewig mir versprochen weiß,
Du, meiner Hoffnung immergrünes Reis!
Aus: Italienische Sonette aus vier Jahrhunderten. Auswahl u. Übertragung Maria und Leo Lanckoroński . Krefeld: Scherpe, 1947, S. 85
SONETTO LI.
Nel fido petto un’altra primavera,
Di vaghi fiori e verdi frondi adorna,
Produce quel gran sol che sempre aggiorna
Dentro ‚l mio cor dalla sua quarta spera.
È la sua luce d’ogni tempo intera:
Non s’asconde la notte o il dì ritorna;
Ma in questo e in quello albergo ognor soggiorna
Qui co‘ be‘ rai, là con la forma vera.
Sono i soavi fior gli alti pensieri,
Ch’odoran sempre per quell’alma luce
Che li crea, li nodrisce, apre e sostiene.
Le frondi verdi fa la dolce spene
Ch’egli dal ciel mi manda, e vuol ch’io speri
D’esser con lui beata ov’ei riluce.
Sibylla Schwarz
(24. Februar 1621 Greifswald – 10. August 1638 Greifswald)
Chor der Schäfer und Hirten
[aus Trawer=Spiel / Wegen einäscherung jhres Freudenorts Fretow]
UNsren alten Schäfer Stab
Legen wir mit Schmertzen ab ;
Ach der gar zu grossen Noht !
Unser Vieh ist meist schon todt.
Ach der schönen Schaffe Schar !
Ach jhr warm und weiches Haar !
Aber doch das höchste Weh
Macht uns unser Galateh.
Ach das schönste Schäffer Kindt !
Ach das schönste / das man findt !
Das / und unser altes Landt
Jst nunmehr in fremder Handt
Was wir haben ausgestreut /
Wird von andern abgemeyt .
Unsre Kelber sprungen woll ;
Unsre Scheunen wahren voll ;
Unsre Fercklein nahmen zu ;
Mager war nicht eine Kuh ;
Unsre hüner legten sehr ;
Ach der nun zu Fretow wehr ?
Elend gehts hier in der Stadt /
Wird man doch fast kein mal satt !
Was bey uns war guht und recht /
Das ist hier zu plump und schlecht !
Hier ist Treu und Redligkeit
Hier ist Lieb und Glauben weit !
Hier ist Trug und arge List /
Die bey uns gar frembd noch ist !
Nein / uns ist viel baß zu Muht /
Wenn wir sind auf unsrem Guht.
Hier ist alles stoltz und groß /
Hasen / Wildbrät gilt hier blos.
Da hergegen loben wir
Einen Kohl / ein gut warm Bier /
Einen Knapkäs und ein Ey
Jst bey uns der beste Brey
Käs und Butter / Milch und Fisch /
Fetter Speck auff unserm Tisch
Deucht uns besser als Confect /
Der in Städten lieblich schmeckt.
Für den Wein und Malvasier
Loben wir Covent und Bier.
Wir verachten die Pocal /
Und die Gläser allzumahl ;
Eine feine Hültzern Kan
Steht uns noch viel besser an ;
Ach wie weit ist doch der Tag /
Daß man dich umbfangen mag !
Fretow allerliebster Ort
Fretow / brent nun fort und fort !
Fretow / da der Schäfer Schar
Altzeit wol gelitten war !
Ach das wol bebaute Landt
Jst nunmehr in frembder Handt.
Nirgends war so schön Getreid /
Nirgends war so schöne Weyd /
Nirgens war das liebe Vieh
So vergnügt als eben hie /
Da der schöne Quell entspringt /
Da so mancher Vogel singt /
Da die schöne Nachtigahl
Lieblich ruft durch Berg und Thal /
Da wir auch auff unsrer Fleüt
Spielen pflegten vor der Zeit /
Da die Echo ruffen pflegt /
Da man reiffes Obst abschlegt /
Da man alles finden pflag /
Was ein Schäfer wündschen mag !
Nun ist alle Lust gethan /
Nichts ist das erfrewen kan /
Darumb müssen wir in Leidt
Schliessen unsre junge Zeit. ¶
John Keats
(* 31. Oktober 1795 in London; † 23. Februar 1821 in Rom)
Last Sonnet BRIGHT Star, would I were steadfast as thou art— Not in lone splendour hung aloft the night, And watching, with eternal lids apart, Like Nature's patient sleepless Eremite, The moving waters at their priest-like task Of pure ablution round earth's human shores, Or gazing on the new soft-fallen mask Of snow upon the mountains and the moors— No—yet still steadfast, still unchangeable, Pillow'd upon my fair love's ripening breast, To feel for ever its soft fall and swell, Awake for ever in a sweet unrest, Still, still to hear her tender-taken breath, And so live ever—or else swoon to death.
Standhafter Stern! O wäre ich wie Du,
der hell und hoch und doch nicht einsam brennt.
Du wachst. Du schließt die Lider niemals zu,
des Alls geduldiger Mönch, der Schlaf nicht kennt.
Du folgst den Strömen, die in heiliger Fülle
und reiner Flut das Erdenrund umfangen.
Blickst auf die sanfte, frisch gefallene Hülle
des Schnees, mit dem sich Berg und Tal behängen.
Und dennoch standhaft, willst Du Dich nicht rühren,
nur auf der Liebsten reife Brüste betten
Oh, ewig so dies Auf und Ab zu spüren,
für immer wach, in süßer Unrast Ketten,
fort, fort die Atemzüge hören, sehn,
so ewig leben — oder untergehn.
Nachdichtung von Arthur Zanker. Aus: Die Lyra des Orpheus. Lyrik der Völker in deutscher Nachdichtung. Hrsg. Felix Braun. München: Heyne, 1978, S. 659
Du weißer Stern! Wäre ich stet wie du,
Ich blickte nicht so abendeinsam nieder,
Ein Mönch, der seine ewig offnen Lider
Schlaflos zur Erde wendet, hinstarrt zu
Der Wasser wogend Spiel, die priesterlich
Des Erdballs Küsten reinigend umspülen,
Staunte hinab nicht, wie der Schnee mit kühlen
Gewanden sanft der Berge Bausch umflicht, —
Nein — wenn schon festgebannt, wollt’ unbewegt
Ich der Geliebten weicher Brust verkettet,
Mit süßer Unrast nur dem Auf und Nieder
Des Atems horchen und so sanft erregt
Dies Lauschcn rastlos leben, immer wieder,
Sonst nur den Traum, der mich zum Tode bettet.
Deutsch von Stefan Zweig. Aus: Lyrik des Auslandes in neuerer Zeit. Hrsg. Hans Bethge. 6.-10. Tsd, Leipzig: Max Hesse, o.J. (1. Tsd. 1907), S. 113
Paul van Ostaijen
(* 22. Februar 1896 in Antwerpen; † 18. März 1928 in Miavoye-Anthée)
Metaphysischer Jazz Stuckenberg gewidmet Bruch Geigen Tanz musik von Brettern ge brochene Geigen wie Tänzer incognito en avant The Lord is my Life immerfort mit Banjos The Lord is my Life Autohupen Trommeln Pferdeglocken Bois de Boulogne Tiergarten Made in Germany Ghettogeläute The Lord is my Life galizische Judenjazzband auf daß die Tore Zions fallen Rose von Jericho The Lord is my Life Banjos Whisky Jazz
Deutsch von Helmut Heißenbüttel, aus: Museum der modernen Poesie. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1980, 2. Band, S. 263
Für den italienischen Futuristen F.T. Marinetti war der Krieg „Hygiene der Welt“. Die russischen Zukünftler („budetljanin“) buhten ihn aus, als er in Moskau für seine Doktrin werben wollte. Alexej Krutschonych setzte dagegen:
Die Hygiene des Halses*
Mein Backenknochen zittert völlig anders
der Säbel der Atlas klatz –
wenn ich ausschreie:
хыр дыр чулы [xɨr dɨr tʃʲulɨ]
ich dämpfe die Bewegung der Stühle
und die schmatzende
etwa zwanzigmal
unter dem Kuss Matratze!…
* Statt F.T. Marinettis „Krieg als Hygiene der Welt“
Sie erfanden eine neue Sprache: Sa-um (vom Russischen „Jenseits des Verstandes“. Alexej Krutschonych schrieb eine Programmschrift dafür, die 2011 beim Leipziger Verlag Reinecke & Voß erschien. Ein paar Auszüge:
Sa-Uh – der erste Schritt zur universalen Sprache.
Sa-Uh – die Kunst der Zukunft!
Wir sind über die Welt hinausgewachsen, die Sa-Uh/ Sprache ist über uns hinausgewachsen!
Selbst das Kleid, das wird gewechselt und gereinigt, aber eine und dieselbe Sprache haben wir seit 100 Jahren in Gebrauch!
Man muss eine radikale Reinigung der Sprache durchführen!
Man muss sie durch Wortneuheiten und Sa-um verjüngen: Saum ist die Hygiene der Sprache!
Wirklich nur Spinnerei von Avantgardekünstlern? Krutschonych geht in seiner Schrift auf die Sprachbehandlung im Theater ein – und auf den Film. Man muss sich klarmachen, dass der Film zumindest vor Erfindung des Tonfilms eine Art internationale Kunst war. Krutschonych;
Der Film ist international, die Sa-Uh/ Sprache ist ihm ähnlich in ihrer Schnelligkeit und – in den meisten Fällen – in der emotional-internationalen Bedeutung. Hier Auszüge aus einem Dra** von I. Sdanewitsch, die für die russische und die ausländische Filmkunst verwendbar sind. Zum Beispiel die in den Bart brummende Rede, die an Schafsblöken erinnert. (…)
Die sa-umnische Sprache kann einer Handlung mit beliebiger Schnelligkeit folgen! Sie ist natürlich eine kinematographische Sprache. Ein großer Stummer wird nur in der großen Stummensprache sprechen! (Sa-Uh) Der Film siegt!… Er führt ein: Aeroplan, Zug, allmögliche technische Erfindungen und Tricks als handelnde Hauptpersonen. Und wenn der große Stumme spricht, dann wird seine Rede: Lärm der Maschinen, Kreischen und Quietschen des Eisens – natürlich eine sa-umnische sein!
Nicht heute, sondern morgen verlassen die „Leutchen“ die Szenen der Theater, ihren Platz nehmen Dynamo, Tunnels, magnetische Kanäle ein.
** Von Igor Sdanewitsch erfundenes sa-umnisches Drama
Nun das sa-umnische Gedicht des Tages, angewandte „Hygiene des Halses“: man muss es sich natürlich gesprochen vorstellen, oder besser gleich hören – deshalb steht darunter eine Version in phonetischer Umschrift):
Alexej Krutschonych
(Алексе́й Елисе́евич Кручёных; wiss. Transliteration Aleksej Eliseevič Kručënych; * 9. Februar jul./ 21. Februar 1886 greg. in Olywske, Gouvernement Cherson, in der Ukraine; † 17. Juni 1968 in Moskau)
Горло
рахам
мах – раха
мойла хар
рахам мхе
матоха
трухан – лум
мул
хал
[gɔrlɔ
raxam
max raxa
mɔjla xar
raxam mxʲɛ
matɔxa
truxan lum
mul
xal]
Das Buch erschien 1925 in 2. Auflage. Noch gab es in Sowjetrussland Spielraum für Experimente.
Das Beispiel zeigt auch, dass Sa-um bei aller angestrebten Internationalität (die Kehllaute des Gedichts sind auch für deutsche Hörer wenigstens teilweise hörbar/verständlich) doch im Russischen verankert war. Ein paar teils subjektive Anmerkungen zum Originaltext.
Gorlo russ. Kehle, Gurgel, Hals
rach natürlich dt. Rachen (rachit: russ. Rachitis). Das saumnische Wort scheint im Russischen keine Bedeutung zu haben, man „versteht“ aber teilweise Deklinationsformen eines unbekannten Wortes: racham Dativ Plural, racha Genitiv Singular
mach russ. Schlag, Schwung, Umdrehung, mach racha wäre demnach: „Umdrehung des rach“ (für deutsche Hörer dreht es buchstäblich den Hals um)
mojla: ähnelt dem Wort für Waschen (mojka)
char: Anfang des Wortes charkatj, Spucken, Speien
Es geht nicht um „Entschlüsselung“, sondern um Mithören von Assoziationen. Der Autor selber gibt ja seinen Sa-um-Gedichten als Stütze eine russische Überschrift bzw. Anfangszeile. Auf jeden Fall bilden das russische Wort gorlo und für deutsche Hörer das Wort Rachen einen semantischen Rahmen für das kleine Rachenfest.
Texte aus: Alexej Krutschonych, Phonetik des Theaters. Hrsg. Valeri Scherstjanoi. Leipzig: Reinecke & Voß, 2011
Johann Heinrich Voß
(* 20. Februar 1751 in Sommerstorf, Mecklenburg-Schwerin; † 29. März 1826 in Heidelberg)
Schwergereimte Ode
Statt der Vorrede.
An Voß.[An mich selbst]
Januar 1776.
Was stehst du Spötter da, und pausbackst
Schwerreimende Lehroden her?
Gieb acht, daß man dich nicht hinausbaxt,
Für dein satyrisches Geplärr.
Nur selten liebt den losen Jokus
Apolls erhabner Tubaist;
Noch minder hält von Hokuspokus
Des ernsten Wodans Urhornist.
Verlaß den stachelvollen Jambos,
Womit du’s Dichterchor bestreitst,
Und leg was bessers auf den Ambos,
Das keines Barden Galle reizt!
Denn mehr als je herrscht jetzt das Faustrecht,
Mit Sense, Mistfork, Axt und Spieß
Auf dem Parnaß; besonders braust recht
Die Knotenkeule der Genies.
Auf! weihe dich dem Dienst der Cypris,
Und preise mit galantem Ton,
Was seit der Schöpfung der und die pries,
Das Tändelspiel mit ihrem Sohn.
Und male deines Liedes Hirtin
Mit bloßer Brust und hochgeschürzt,
Und fein von Welt, wodurch Frau Wirtin
Oft ungewürzte Suppen würzt;
Schön, wie die Leserin von Tischbein:
Doch merk! ein Möpschen statt des Buchs!
Ihr Haar ein Mehltalgturm! mit Fischbein
Umpanzert ihr Insektentwuchs!
Sing, wie ihr Hirn von Punsch und Witz dampft,
Wie sie im Rausch des Horngetöns
Den Taumeltanz bacchantisch mit stampft,
Und dann noch endlich dies und jens.
Von solchem Singsang, fein und sinnreich,
Druck‘ in den Almanach was rechts!
Er macht ihn zehnmal mehr gewinnreich,
Als all dein Ächzen und Gekrächz.
Von Nova Zembla bis Gibraltar,
Von Jura bis nach Astrakan,
Singt man daraus an Venus‘ Altar,
Und subskribiert nach Klopstocks Plan.
Ihn kauft Murx, Hasenfuß und Grützkopf,
Strohjunker, Schranz‘ und Bürgerochs,
Sogar der Seelenkäufer Spitzkopf;
Kurz, Ketzer, Jud‘ und Orthodox.
Ihn kleidet der verlaffte Fähndrich
Für seine Dam‘ in Gold und Mohr,
Und packert, wie ein geiler Entrich
Ihr deine süßen Zoten vor.
Sanft hinterm Fächer grinzt das Fräulein,
Errötet – nicht, und schnüffelt schnipp’sch:
»Herr Voß traktiert uns zwar wie Säulein,
Doch wie er’s thut, die Art ist hübsch.«
Der Herold der Journalenfama
Posaunt das Werklein deines Geists;
Selbst des Katheders Dalailama,
Des Kot die Purschen fressen, preist’s.
Hast du von diesen Leuten Kundschaft?
Am Pindus stand, lorbeerumgrünt,
Vordem ein Stall für Phöbus‘ Hundschaft,
Die ihm als Hirten einst gedient.
Klang vom Gebirg der Musen Paian,
Gleich Händels oder Bachs Musik;
So ging im Stall ein Zeterschrei an
Von grimmigbellender Kritik.
Wenn unter Marsyas‘ Anführung
Ein Faunenchor dann aufpfiff; hu!
Wie laut heult‘ ihm, voll tiefer Rührung,
Die Kuppel ihren Beifall zu!
Oft brannte schon der Zorn Apollos;
Er nahm die bleigefüllte Knut‘,
Und schlug aufs Rabenaas für toll los;
Der ganze Hundsstall schwamm in Blut.
Doch alles schien ihm zu gelind‘, und
Verwandelt ward das Rabenaas.
Professormäßig stellt‘ ein Windhund
Sich auf die Hinterbein‘, und las:
»Sehr wertgeschätzte Herrn! Das wichtigst‘
Und erste Prolegomenon
Ist nun wohl die baldmöglichstrichtigst-
e … hauf! … Pränumeration.«
Dann thut er wie Apolls Prophet dick,
Paukt auf sein Pult, und zeiget, bauz!
»Des Dichters Leitstern sei Ästhetik!«
Und bespaßvogelts und besauts.
Ein alter hagrer Mops voll Griesgram
Bleibt noch von Kopf und Pfot‘ ein Mops,
Bleibt noch den Werken des Genies gram;
Und wird Ausrufer Schimpfs und Lobs.
Schimpf bellt er beim Gesang des Orpheus;
Wer sein bierschenkenhaft Gelei’r,
Fix, wie der Musikant im Dorf, weiß,
Dem lobheult Mops wie all der Gei’r!
Die Gänsespul‘ in rascher Hundspfot‘,
Krizkrazt im Hui er sein Journal.
Daher kriegt‘ er den Namen Hundsfott;
Jetzt braucht man noch das Beiwort, kahl.
Quelle:
Deutsche Nationalliteratur, Band 49, Stuttgart [o.J.], S. 329-333.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005852358
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