Veröffentlicht am 29. Juni 2021 von lyrikzeitung
Vasko Popa
(Васко Попа, geboren am 29. Juni 1922 in Grebenac; gestorben am 5. Januar 1991 in Belgrad)
Großstadtgedicht

Neulich sagt mir meine Frau
Der ich jeden Wunsch erfüllen würde
Ich hätt so gern
Einen kleinen grünen Baum
Der mir auf der Straße nachläuft
Deutsch von Barbara Antkowiak, aus: Vasko Popa, Die Botschaft der Amsel. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1989, S. 100
Veröffentlicht am 28. Juni 2021 von lyrikzeitung
‚Ulayya bint al-Mahdi
Arabische Dichterin und Musikerin, Tochter des abbasidischen Kalifen al-Mahdi in Bagdad, Schwester des Kalifen Harun al Raschid, 777-825 (Arabisch: عُلَيّة بنت المهدي)
Heimlicher Hinweis sind unsere Blätter,
Sendbote uns der Pupille Licht
Werden doch Briefe manchmal gelesen.
Und unsern Boten trauen wir nicht…
Deutsch von Annemarie Schimmel. Aus: Stechäpfel. Gedichte von Frauen aus drei Jahrtausenden. Hrsg. Ulla Hahn. Stuttgart: Reclam, 2008, S. 29
Das Gedicht steht in der Anthologie von Ulla Hahn im Abschnitt „Ars poetica“.
Veröffentlicht am 27. Juni 2021 von lyrikzeitung
Andreas Okopenko
(* 15. März 1930 in Košice (Tschechoslowakei); † 27. Juni 2010 in Wien)
Alt-Wiener Erinnerungen
Eintausendsiebenhundertsechsundachtzig,
dreißig Jahre also nach Einführung der Speiseschokolade,
wurde — wie ich zum Frühstück in einer Zeitung, einer guten, las —
ein Mensch gerädert.
Sie flochten ihn auf das Rad,
wie man einen Striezel flicht
oder Zöpfe.
Erst brachen ihm die Knochen
nach der Reihe,
ganz ohne einen anatomischen Fehler,
dann das Gesicht
und der Kopf zuletzt.
Die Leute durften zuschauen:
Sie nahmen ’s Schatzerl
oder Kind und Kegel
mit zu diesem Volksfest
und das goldene in Wien beheimatete Herz.
Schon draußen,
wo der Gang zur Hinrichtung seinen Anfang nahm,
drängte sich alt und jung,
das Vorspiel zu sehen,
das die Zeitung spaßig beschrieb wie folgt:
Der Delinquent bekommt in regelmäßigen Abständen
während seines Weges den
Zwick.
Er brüllt auf, die Leutln wiehern, die Sonne lacht und schon der nächste
Zwick.
Dazwischen, um die Schmerzen zu betäuben,
die sonst leicht die Hinrichtung ersparen könnten,
was einem so unsparsamen Volk nicht gelegen ist,
ein Heftpflaster, ein schmerzstillendes mit Opium, und dann der nächste
Zwick.
Ein Zwick ist der Biß einer Zange,
einer auf Rot vorgewärmten,
in den unbekleideten Körper,
was, wenn es oft genug geschieht,
Clown-artige Bewegungen des Betroffenen hervorruft,
umso kostbarer in einer Zeit,
die noch keine Theaterschulen kennt.
Ich weiß nicht, warum ich nach dieser Stelle,
die ich zum Frühstück im Unterhaltungsteil einer Zeitung, einer guten, fand,
die Lektüre nicht fortsetzte;
steht doch die Zeitung nicht auf dem Index der verbotenen,
sondern hat im Gegenteil vollkommen einwandfrei gegen jene Einspruch erhoben,
die niederen Trieben das Wort reden;
auch da wir uns nicht versuchen lassen sollen,
die jahrhundertealte Tradition aufzugeben, die uns Kultur bedeute,
ist — freilich in einer anderen Spalte —
drin gestanden.
Aus: Verlassener Horizong. österreichische Lyrik aus vier Jahrzehnten. Hrsg. Hugo Huppert und Roland Linkas. Berlin: Volk und Welt, 1980, S. 299f
Veröffentlicht am 26. Juni 2021 von lyrikzeitung
Aimé Césaire
(* 26. Juni 1913 in Basse-Pointe, Martinique; † 17. April 2008 in Fort-de-France, Martinique)
Der Tornado Eben als der Senator bemerkte daß der Tornado auf seinem Teller saß mit großem Rübenhintern war der Tornado in der Luft und plünderte Kansas-City Eben als der Pastor bemerkte daß der Tornado im blauen Auge der Frau des Sheriffs umging war der Tornado schon draußen und zeigte allen sein großes Gesicht das stank wie zehntausend in einen Zug ge- pferchte Neger eben als der Tornado vor Lachen platzte war der Tornado schon drauf und dran allen die Hände aufzulegen, seine schönen weißen Geistlichenhände Eben als Gott bemerkte daß er hundert Gläser Henkerblut zu viel getrunken hatte war die Stadt schon eine Bruderschaft schwarzer und weißer Flecken als Leichen über das Fell eines in vollem Galopp erschlagenen Pferdes gestreut Eben als der Tornado einen Kriminalroman schrieb, stülpt der Tornado sich schon einen Cowboyhut auf, bemächtigt sich seiner und schreit »Hände hoch« mit der großen hoh- len Stimme deren Gott sich bedient wenn er zu den Hühnern spricht - und alles zittert und der Tornado verbog den Stahl und die Vögel fielen zerschmettert vom Himmel Und nachdem der Tornado die Provinzen der Erinnerung, den fetten Schutt der aus einem mit Urteilen vollgestopften Himmel ge- spienen Hingerichteten ertragen hatte er- zitterte alles zum andern Male wurde der verbogene Stahl wieder verbogen Und der Tornado der seine Herde von Dächern und Schornsteinen wie einen Schleck Frö- sche verschluckt hatte sog lärmend einen Gedanken ein den die Propheten niemals hatten erraten können
Übers. Janheinz Jahn (Mitarbeit Friedlich« Kemp). Aus: Das surrealistische Gedicht. Hrsg. Heribert Becker, Édouard Jaguer u. Petr Král. 3., korr. u. erw. Aufl.. Zweitausendeins, Museum Bochum, 2000, S. 202-204
Veröffentlicht am 25. Juni 2021 von lyrikzeitung
Ingeborg Bachmann
(* 25. Juni 1926 in Klagenfurt; † 17. Oktober 1973 in Rom)
Enigma
für Hans Werner Henze aus der Zeit der ARIOSI
Nichts mehr wird kommen.
Frühling wird nicht mehr werden.
Tausendjährige Kalender sagen es jedem voraus.
Aber auch Sommer und weiterhin, was so gute Namen
wie „sommerlich“ hat ―
es wird nichts mehr kommen.
Du sollst ja nicht weinen,
sagt eine Musik.
Sonst
sagt
niemand
etwas.
Aus: Ingeborg Bachmann, Letzte, unveröffentlichte Gedichte, Entwürfe und Fassungen. Edition u. Kommentar von Hans Höller. Freankfurt/Main: suhrkamp, 1998, S. 155 (letzte Textstufe)
Veröffentlicht am 24. Juni 2021 von lyrikzeitung
Yves Bonnefoy
(* 24. Juni 1923 in Tours; † 1. Juli 2016 in Paris)
Ein Stein
Der Tag im tiefsten Tag, wird er erretten
Die wenigen Worte, die wir einst zusammen waren?
Ich liebte so die Tage, ihr Vertrauen, und bewache
Die wenigen Worte, die im Herd der Herzen starben.
Une Pierre
Lejour au fond du jour sauvera-t-il
Le peu de mots que nous fûmes ensemble?
Pour moi, j’ai tant aimé ces jours confiants, je veille
Sur quelques mots éteints dans l’âtre de nos cœurs.
Deutsch von Bernhard Böschenstein. Aus: Französische Dichtung 4. Von Apollinaire bis heute. Hrsg. Bernhard Böschenstein u. Hartmut Köhler. (2. Aufl.) München: C. H. Beck, 2001, S. 372f
Veröffentlicht am 23. Juni 2021 von lyrikzeitung
Ánna Achmatowa
(Анна Андреевна Ахматова, * 11. Juni jul./ 23. Juni 1889 greg. in Bolschoi Fontan bei Odessa, Russisches Kaiserreich; † 5. März 1966 in Domodedowo bei Moskau)
Aus „Poem ohne Held“
1
Zu mir gelangen oft Gerüchte von irrigen und törichten Deutungen des „Poems ohne Held“. Und einige Leute raten mir sogar, das Poem verständlicher zu machen.
Davon werde ich Abstand nehmen.
Das Poem enthält keinerlei dritten, siebten oder neunundzwanzigsten Sinn.
Ich werde es weder abändern noch interpretieren.
„Quod scripsi, scripsi.“*
November 1944 Leningrad
2

(Wieviel Tode suchten den Dichter,
Dummer Junge: er wählte diesen
Denn er ertrug nicht das erstbeste Leid
Und wußte nicht, auf welcher Schwelle
Er fallen würde und welche Wege
Sich ihm noch öffnen …)
1
До меня часто доходят слухи о превратных и нелепых толкованиях «Поэмы без героя». И кто-то даже советует мне сделать поэму более понятной.
Я воздержусь от этого.
Никаких третьих, седьмых, двадцать девятых смыслов поэма не содержит.
Ни изменять ее, ни объяснять я не буду.
«Еже писахъ — писахъ.»
Ноябрь 1944 Ленинград
2
(Сколько гибелей шло к поэту,
Глупый мальчик: он выбрал эту,
Первых он не стерпел обид,
Он не знал, на каком пороге
Он стоит и какой дороги
Перед ним откроется вид…)
Deutsch von Heinz Czechowski. Aus: Anna Achmatowa, Poem ohne Held. Späte Gedichte. russ.-dt- Hrsg. Fritz Mierau. Leipzig: Reclam, 1993 (6. veränd. Aufl.), S. 144-146, S. 178f
Veröffentlicht am 22. Juni 2021 von lyrikzeitung
Das ist der Titel eines Zyklus von neun mehrsprachigen Gedichten von (Friedrich Hölderlin und) Jean-René Lassalle, zu finden in der Ausgabe 27 der Zeitschrift Mütze (Herausgeber: Urs Engeler).
Jedes Gedicht des Zyklus besteht aus sechs Strophen, zwei auf Deutsch, eine auf Englisch und drei auf Französisch. Lassalle nimmt je eine Strophe aus den neun Frühlingsgedichten von Hölderlin, aus der Zeit im Tübinger Turm über dem Neckar. Die Strophe wird in ähnlich klingende englische Sätze übersetzt (hommophon: „ein Abziehbild der Laute und nicht der Bedeutung“). Die englische Strophe wird nach der gleichen Methode homophon ins Französische übersetzt. Diese französische Strophe wird nun frei ins Deutsche „zurück“übertragen, der Autor sagt: „eine Transposition von Motiven aus [Strophe] C ins Deutsche“. So entstehen vier Strophen, erinnernd „an ein Streichquartett, das aus einer quadratischen Spieldose (4×4 Verse) erklingt“. Ergänzt wird das Quartett durch die Übersetzung der beiden deutschen Strophen, Hölderlin original und dreifach transponiert, ins Französische. Hier nur die beiden deutschen Strophen eines der neun Gedichte.*
Der Tag erwacht, und prächtig ist der Himmel,
Entschwunden ist von Sternen das Gewimmel,
Der Mensch empfindet sich, wie er betrachtet,
Der Anbeginn des Jahrs wird hoch geachtet.
goldene luft verfärbt im regen singsang
kugel reflektiert polarlicht-schrift
abweichung im grund babbelt mit der sprache
bewegte körper verschieben behutsam die agora
*) Ich empfehle das Heft zu kaufen. Nummer 27 enthält auch Beiträge von Monika Rinck, Peter Orlovsky, Michael Spyra, Richard Nöbel, Donald Barthelme und Thomas Kapielski. Das Einzelheft kostet 7,- Euro in Deutschland (incl. Porto und Verpackung). Hier zu bestellen: urs@engeler.de
Veröffentlicht am 21. Juni 2021 von lyrikzeitung
Helmut Heißenbüttel
(* 21. Juni 1921 in Rüstringen; † 19. September 1996 in Glückstadt)
Pamphlete IV die schlechte Zeit paart sich mit der neuen Zeit und zeugt alte Meinungen schreckliche Erinnerungen gehen mit leeren Händen umher im Frauenfunk wird Nietzsche widerlegt Adolf Hitler ist eine Figur von Michaux man trägt Familie Ministervergangenheiten kokettieren über die lachenden Gesichter wandern langsam die Schattensäulen der H-Bomben-Explosionen Automodelle bewegen sich stellvertretend durch vergleichsweise Gegenden die neue Zeit geht auf und unter wie der Abendstern im September
Aus: Helmut Heißenbüttel, Kombinationen. Gedichte 1951-1954. Topographien. Gedichte 1954/55. München: Lyrikedition 2000, S. 76
Veröffentlicht am 21. Juni 2021 von lyrikzeitung
22.Nahbell-Hauptpreis 2021 an HARALD KAPPEL (geb. 1960) & 3.Nahbell-Förderpreis an den DIGITALPOET (geb. 1977)
G&GN-PRESSEMELDUNG 21.6.2021 @ POESIEPREIS.DE = https://poesiepreis.jimdofree.com/aktuell/presse-2021 ~ Unterschiedlicher könnten die diesjährigen Preisträger nicht sein: während der eine normale Gedichte schreibt, die vom Expressionismus inspiriert sind, hat sich der andere experimentellen Wortspielen verschrieben, die auf die Konkrete Poesie zurückgehen. Ist das erlaubt, ist das zeitgemäß? In den beiden großen Nahbell-Interviews erzählen die Dichter von ihrem poetologischen und lebensweltlichen Hintergrund, der die literaturhistorische Skepsis in Sympathie verwandelt, sowohl für das Expressive als auch das Experimentelle – denn diese „ehrlichen“ Dichter schreiben so, wie es für sie am authentischsten ist, ohne sich den Kopf über verkrampfte Kritiker zu zerbrechen, die sowieso immer ein Haar in der Suppe finden. Und eines wird dabei dann deutlich: wer an Traditionen anknüpft, ist nicht automatisch Epigone oder Plagiat! Die Poesie erfindet sich immer wieder neu und ist frei in ihrer Gestaltungskraft, wenn der Mensch frei ist, der zu poetischem Denken neigt…
DAS GROßE HAUPTPREIS-INTERVIEW:
„WAS NÜTZT SCHON DER TIEFGANG, WENN ER KEINEN BERÜHRT?“
Zitate aus dem Interview mit dem 22.NAHBELL-HAUPTPREISTRÄGER 2021 HARALD KAPPEL:
Literatur und insbesondere Lyrik erscheinen mir in diesen Monaten einen immer wichtigeren Stellenwert in unseren Köpfen einnehmen zu können (..was bleibt uns auch Anderes übrig…). Wenn man nicht vor die Tür kommt, kommt man so wenigstens in seinen Kopf… und vielleicht in die Köpfe der Lesenden. Das ist ein Privileg der Worte und Texte und gerade nicht zu unterschätzen.
Warum ein Gedicht mehr oder weniger gut ist oder empfunden wird, ist für mich eine Frage der Relevanz, des Rhythmus und des Gefühls. Mir gefällt ein Text, wenn er außergewöhnlich ist und nicht der Gerade bis zum Horizont folgt. Interessant sind die Abzweigungen, die Überraschungen, die Novität, der sprachliche Geschmack, auch die Eleganz.
Über den „Wert“ von Gedichten zu entscheiden, halte ich für eine schwierige Aufgabe. Dies zieht sich allerdings durch die gesamte Kunst/Musikszene. Ich glaube, man muss das richtige Maß zwischen Anspruch und Lesbarkeit finden. Kultur ist nicht nur Verstand und Überlieferung, sondern auch Geschmack, Spass und Relevanz. Was nützt schon der Tiefgang, wenn er keinen berührt?
Die digitalen Medien spielen meiner Meinung nach heute eine enorme Rolle. Natürlich erhöhen sie den „Bekanntheitsgrad“, aber noch wichtiger erscheinen mir die Kontakte zu anderen Schriftstellern, ihre Erfahrungen und ihr Wissen um Literatur, Vermarktung und ihre diverse Kreativität, die ich ohne Internet so nicht kennengelernt hätte. Seither traue ich mich so zu schreiben, wie ich es möchte und nicht, wie es erwartet wird.
Gedichte haben meiner Meinung nach die Aufgabe, Denken sichtbar zu machen… vielleicht das Menschliche…? Verantwortlich sind die Verse aber nur für sich selbst und insofern…frei!
ZUM INTERVIEW IN VOLLER LÄNGE: HARALD KAPPEL =
https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/22-nahbellpreis-2021-harald-kappel/
DAS GROßE FÖRDERPREIS-INTERVIEW:
„ES GEHT NICHT UM LITERATUR, SONDERN UM LEBENSINTENSITÄT“
Zitate aus dem Interview mit dem 3.NAHBELL-FÖRDERPREISTRÄGER 2021 DER DIGITALPOET:
der trendgerechte titel deines romans (in einem jahr: bienen-romane und bienengedichte, im nächsten jahr: klimakrimis und coronalyrik) und das renommee deines verlages sind ausschlaggebend für den erfolg, nicht der tatsächliche inhalt. da passiert eigentlich nur noch sehr wenig im literaturbetrieb, es geht nicht um die zukunft der literatur, sondern um das überleben des betriebs!
es ist eine art von minimalistischem abstraktem alphabetischem impressionismus, ich platziere einen buchstaben dort, wo die sonne steht und gebe ihm die farbe des sonnenaufgangs. manchmal entwickelt sich so das gesamte wortbild ganz von alleine, es ist nur ein hinundherschieben und zoomen der zeichen in dem quadratischen blanko, bis alles so passt, dass ich auf speichern klicke!
für mein empfinden liegen lyrik und kunst nicht sehr weit auseinander und im gehirn fusionieren sowieso beide ebenen miteinander: das sehen und das denken.
es geht gar nicht um literatur, sondern nur um authentische lebensintensität. die bewertung der qualität von lyrik ist abhängig von persönlichen vorlieben, nicht vom beherrschen klassischer versmaße oder der anwendung avantgardistischer techniken, geschweige denn vom coolnessfaktor elektronischer, digitaler, multimedialer verfahren.
es gibt letztlich gar keinen unterschied zwischen kunst und kommerz, sondern nur zwischen STARKER (geistig anregender) und SCHWACHER (geistloser) werbung, die als inhalt vermarktet wird.
konkrete kunst oder visuelle poesie ist eine gratwanderung zwischen selbstzweck und sinn, zwischen der sache an sich und der sehnsucht nach mehr sinn.
wo die auftragsunabhängige „freie“ kunst beginnt, da sollte anarchie herrschen und der widerspruch zur konvention!
ZUM INTERVIEW IN VOLLER LÄNGE: DER DIGITALPOET =
https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/22-nahbellpreis-2021-der-digitalpoet/
Veröffentlicht am 20. Juni 2021 von lyrikzeitung
Han Yü (768-824)
Angesäuselt für Sekretär Zhang geschrieben
Voll von streng riechenden Köstlichkeiten
sind die Platten der jungen Reichen von Chang’an.
Ohne die literarische Inspiration des Zechens
füllen sie nur die Freudenmädchen ab
und gleichen – trotz ausgelassenem Mahl –
einem Schwarm umherschwirrender Mücken.
Immerhin ist es müßig, in der Schar meiner Freunde
die Weisen von den Luschen zu scheiden.
Han Yu (806)
Deutsch von Thomas O. Höllmann, aus: Abscheu. Politische Gedichte aus dem alten China, hrsg. u. aus dem Chinesischen übersetzt von Thomas O. Höllmann. roughbook 051, München u. Schupfart, 2020, S. 66f
Anmerkung des Übersetzers: „In diesem Gedicht wird am Anfang und am Schluss die Geruchswahrnehmung als Indikator für die moralische Integrität und den poetischen Anspruch verwendet; zur Klarstellung wurde in der letzten Zeile „Gestank“ durch „Lusche“ und „Wohlgeruch“ durch „Weiser“ ersetzt.“
Veröffentlicht am 19. Juni 2021 von lyrikzeitung
Miron Białoszewski
(* 30. Juni 1922 in Warschau; † 17. Juni 1983 ebenda)
– Die Freude beim Schwanz packen
Darauf Jadwiga zu mir und ins Telefon
~ Man packt doch Sorgen beim Schwanz
~ Ja das muss man umgekehrt machen!, rufe ich und sie ruft es Anna zu. Sic setzt sich hin, berichtigt sich
– Sorgen packt man nicht beim Schwanz, die drängen sich von selbst auf und dringen ein
– Man muss eben die Freude beim Schwanz packen – das lohnt sich immer. Selbst wenn sie sich losreißt, hast du die Federn.
— Łapać radość za ogon
Jadwiga na to do mnie i do telefonu
— A to się łapie za ogon zmartwienia
— A to trzeba odwrotnie! — krzyczę, a ona to przekrzykuje Ani.
Siada, poprawia się
— Zmartwień się nie łapie za ogon, one same się pchają na głowę, do głowy
— A to trzeba łapać radość za ogon, zawsze się opłaca. Nawet jak ci się wyrwie, to masz pióra.
Aus: Miron Białoszewski, M’ironien. Gedichte und Prosa. ausgewählt und aus dem Polnischen übersetzt von Dagmara Kraus, hrsg. Henk Proeme. Roughbook 054, Strasbourg, Oegstgeest u. Schupfart, April 2021, S. 134f
Veröffentlicht am 18. Juni 2021 von lyrikzeitung
Emmy Ball-Hennings
(* 17. Januar 1885 in Flensburg; † 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano)
Die kleine Gasse am Abend

Bunte Mädchen lugen aus schmalen Fenstern.
Der Mond wirft geisterhaftes Licht;
Aus blauem Schatten ragt grelles Gesicht;
In der Gasse wimmelt es von Gespenstern.
Ein Droschkenkutscher hält sein Pferd umschlungen,
Und himmelhohe Liebe rauscht im Blut
Und die Rosen verkauft die kleine Rut –
Zu Mantua in Banden wird gesungen …
O, das Klavier tut, was es kann.
Gewiß, man spielt nicht schön, doch laut.
Ein Schlafbursche umarmt eine fremde Braut,
Schwört ewige Treue so dann und wann.
Aus: Versensporn 45: Emmy Hennings. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2021, S. 10
Veröffentlicht am 17. Juni 2021 von lyrikzeitung
Die Kalender sind voll von AuTOREN und wenig INNEN. Ich suchte ein wenig, ob ich was Brauchbares bei Frida Schanz finden könnte, die am 17. Juni 1944 gestorben ist. Aber da war zuviel von des Hochwalds Schattengängen, Wolkenbanden und äthergetragenem Hauch. Also griff ich das erste beste nahegelegene Buch, es war „Georg Forsters Frische Teutsche Liedlein“ von 1539-1556 (Nachdruck 1903). Einfach in die Mitte greifen, passt scho!
Als Komponist / Textdichter ist angegeben: J. Schechinger. Es ist ganz kurz und jedenfalls schöner als alles, was ich vorher lustlos las.
ES wolt ein meydlein wasser holn über einem külen brunnen
ein weisses hembtlein het si an dardurch schin jr die sonnen.*
Aus: Georg Forsters Frische Teutsche Liedlein in fünf Teilen. Hrsg. M. Elizabeth Marriage. Halle/Saale: Niemeyer, 1903S. 90
*) Das Motiv gibt es da öfter, woanders scheint der Mond durch.
Veröffentlicht am 16. Juni 2021 von lyrikzeitung
Giovanni Boccaccio
(* 16. Juni 1313 in Certaldo oder Florenz; † 21. Dezember 1375 in Certaldo)
Kynthos und Kaukasus
(Rime 1, 63)
Kynthos und Kaukasus, Ida, Sigeion,
Libanon, Sena, Karmel und Menalos,
Olymp, Rifeus, Lilybaion, Athos,
Ismus und Hermon, Massico, Kithairon,
Ätna, Pachino, Peloro, Borïon,
Vesuv, Gauro, Balbo und Arakynthos,
Apennin, Alpen, Pyrenäen, Pindos,
Atlas, Hacho und Gibraltar und Kaulon
und andre Berge haben solche süßen
Schatten für ihre Schäfer nie gebreitet
wie jene von Miseno waren für mich:
In ihnen nämlich zeigt mir Amor sich
gnädig, Kühlung in mein Feuer zu gießen
und meinem Leid ein Ende zu bereiten.
Aus: Welt der Renaissance. Ausgewählt, übersetzt & erläutert von Tobias Roth. Berlin: Galiani, 2020, S. 47
LXIII
E Cinzio e Caucaso, Ida e Sigeo,
Libano, Sena, Carmelo ed Ermone,
Athos, Olimpo, Pindo e Citerone,
Aracinto, Menalo, Ismo e Rifeo,
Etna, Pachin, Peloro e Lilibeo,
Vesevo, Gauro, Massich’e Caulone,
Apennin, l’Alpi, Balbo e Borione,
Atlante, Abila, Calpe e Pireneo,
o qualunqu’altro monte, ombre giammai
ebber cotanto grate a’ lor pastori,
quant’a me furon quelle di Miseno:
nelle quai sì benigno Amor trovai,
che refrigerio diede a’ mia ardori
e ad ogni mia noia pose freno.
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