Rettung für Dichterstimmen

SAN FRANCISCO — The melodic voice of Marianne Moore echoed from a reel-to-reel tape recorder at the American Poetry Archives here on a recent morning. She was reading her poems to an enthusiastic audience in 1957, and the tape offered delights quite different from those that come from reading a printed page.
Before reciting a poem called „Light Is Speech“ Moore explained that it was inspired by a legend about a bandit and a bag of gold. She thanked her audience for applause that was „very gratifying, consoling,“ and then told about an argument she had with Richard Wilbur over the use of hyphens in poetry. Several times she interrupted her reading to try out different words or phrases, explaining at one point, „I’m rewriting this as I read it.“
In the poem Moore asserted:

Impartial sunlight, moonlight

Starlight, lighthouse light,
Are language.

As the tape wound on, the archives manager, Jiri Veskrna, hovered nearby, watching a computer screen. He was turning the Moore reading into a digital recording, since the tape on which it was originally recorded was starting to disintegrate. / NYT *) 16.5.02

Egger-Lesung: toll, unverständlich

Schön hört sich die Sprachmelodie seines Gedichtes an, doch einen „Zweck und Bedeutung haben die Wörter nur, wenn eine feste Verbindung zwischen Laut und Idee besteht sowie die Absicht, dass das eine für das andere eintreten soll; denn ohne eine solche Verwendung sind die Wörter nichts weiter als ein bedeutungsloses Geräusch“.
So sieht es zumindest John Locke, und damit hat er Recht: Auch wenn sich bei Oswald Egger sicher viele Ideen hinter den Wörtern verbergen – allein, sie kamen nicht an. Umso verwunderlicher der frenetische Beifall am Ende, sogar vermischt mit Bravo-Rufen. War es den meisten etwa doch anders ergangen? Nein, das wohl doch nicht, denn beim Hinausgehen konnte man von allen Seiten hören: „Toll war’s, aber ich habe kein Wort verstanden.“ / Janine Oswald, Neuß-Grevenbroicher Zeitung 16.5.02

Robert Gernhardt

Die Frankenpost berichtet über die Verleihung des e.-o.-plauen-Preises an Robert Gernhardt – in Plauen / 16.5.02

Moderner Meister Eckhart

Der Antipode zu dieser Wissenschaft der Stille ist gewiss der wort-verrückte Dichter Christian Uetz , ein moderner Meister Eckhart der atemlosen Sprach-Exaltation, der unablässig in den Binnenraum der Wörter hineinhorcht, um dem „Wahn des Wortes“ auf die Spur zu kommen. Er fühle sich „beseelt“, so Uetz nach seinem Auftritt. Sein obsessives Sprechen an der Grenze des Sagbaren muss jeden Realismus verabschieden, kann nie in einen ruhigeren Rhythmus kommen, muss immer atemlos bleiben, vom „Existenzfieber“ gepackt, sprachlich überhitzt, ohne je normale Betriebstemperatur zu erreichen. / Michael Braun in einem Bericht über die Solothurner Literaturtage, FR 15.5.02 (über 14-Tage-Archiv erreichbar, Suchwort Solothurn)

edit

In der „Süddeutschen erfahren wir, wie die Leipziger Literaturzeitschrift „edit“ auf den ihr zuerteilten Hermann-Hesse -Förderpreis für Literaturzeitschriften reagiert: mit „Hesse-Häme“ – Außerdem bespricht Gustav Seibt den Briefwechsel Benn -. Claes / SZ 15.5.02

Shakespeare gesprochen

Lyrik von solch klanglicher Perfektion sind die 154 Vierzehnzeiler, dass man darüber leicht alle akademischen Deutungen und alle Diskussionen um die Identität der Adressaten, des „Fair Youth“ und der „Dark Lady“, vergessen kann. Nicht allein deshalb sollten auch jene, die des Englischen nur eingeschränkt mächtig sind, jede Scheu ablegen vor der neuen EMI-Kompilation „When love speaks“. Konzipiert als Benefiz-Edition zugunsten der Londoner „Royal Academy of Dramatic Art“, versammelt die CD Sonett-Interpretationen von 43 Absolventen der britischen Schauspielschule. / Süddeutsche 14.5.02

Russischer Literatur

Nützliche Tips zu russischer Literatur im Internet gibt die NZZ am 14.5.02

Solothurner Literaturtagen

Von den Solothurner Literaturtagen berichtet die NZZ:

Schweizer und rumänische Lyriker präsentierten ein gemeinsam erarbeitetes Kettengedicht , das Bilder und Motive von Gedicht zu Gedicht und von Stimme zu Stimme weitergibt und verwandelt, so dass jedes Gedicht in sich ein kleines Kunstwerk darstellt, das Ganze indes ein filigranes Netz an Verweisen, Anspielungen und Echos entstehen lässt. / NZZ 13.5.02

Gaza

The New York Times druckt das Gedicht „Gaza“ von Peter Sacks und läßt eine Gedichtlesung des Autors hören. / NYT *) 12.5.02

Mehrsprachigkeit: Jiddisch

Immer mehr Nichtjuden interessieren sich aus linguistischen oder kulturhistorischen Gründen für das Jiddische. Deshalb entwickle sich das Jiddische allmählich zu einer supranationalen Sprache. Lev Berinski nennt in diesem Zusammenhang die in New York lebende Engländerin Lea (Elinor) Robinson , die als Nichtjüdin in die Fremdsprache Jiddisch gewechselt hat und als eine der besten Lyrikerinnen in dieser Sprache gelten darf. Mehrsprachigkeit zeichnet auch die meisten Schriftsteller mit jiddischer Muttersprache aus: Lev Berinski hat das Moskauer Schriftstellerinstitut absolviert und verfasst heute noch russische Gedichte, Michael Felsenbaum schreibt etwa zur Hälfte in Ivrit, Gennady Estraikh spricht in seiner Familie Russisch. / NZZ 11.5.02

Jiddische Texte, zweisprachig (Lev Berinski, Gennady Estraikh, Michael Felsenbaum; Vorwort von Astrid Starck). 48 S., Fr. 10.-. Erhältlich bei: Solothurner Literaturtage, Postfach 926, 4502 Solothurn, info@literatur.ch

Rede an die Nation

Am 24. Mai 1994, in einer seiner ersten Reden an die Nation, trug der frisch gewählte Präsident Nelson Mandela ein Gedicht vor, das von einem namenlosen farbigen Kleinkind erzählt, das 1960 von Polizisten ermordet wurde. Die Rede flimmerte über sämtliche Fernsehkanäle des Landes. Das Gedicht hatte die weisse Südafrikanerin Ingrid Jonker (1933-65) geschrieben, kurz nachdem sie eine Zeitungsnotiz über die reale, alltäglich-brutale Tat gelesen hatte, «Child shot dead at Nyanga» … / Ruth Schweikert, NZZ 11.5.02

Literarischer Regen

Ich könnte das Buch wieder aufschlagen, um das Siegel, das Zeichen, den Sinn des Regens bestätigt zu finden: des Regens am Tag des Umzugs und all der weiteren, nachdrücklich auftretenden Wassergüsse, die mir einträchtig hundert andere neu gegenwärtig machen, Wolkenbrüche über dem eigenen Kopf und Regenfälle im Filter von Texten, die man in der Schule gelernt hat, «La pioggia nel pineto» ( D’Annunzio ), wirklicher Regen und angelesener, «La bufera che sgronda sulle foglie dure della magnolia» ( Montale ), Wasser, das unter den Füssen zum Sturzbach geworden ist, «Der einfache Regen» in Pessoas Lissabon, «La morte che piove equivoca sulle scritture» ( Zanzotto), der Kunststoff des Touristenregens oder der stille häusliche Regen, der Regen, dessen Quintessenz zwischen die kaum erst geschriebenen Zeilen dringt und der wahrer ist als der wahre. / Anna Felder , NZZ 11.5.02

Weitere Beiträge über Entstehungsorte von Literatur u.a. von Klaus Merz , Ivan Farron , Fabio Pusterla , Peter Stamm , Mattia Cavadini , Anne Cuneo , Nicolas Couchepin und Gertrud Leutenegger / NZZ 11.5.02

Becher-Konjunktur?

Schon wieder eine Bechermeldung, diesmal aus der FAZ-Anthologie, wo Wolfgang Werth dessen Gedicht „Riemenschneider“ feiert. /FAZ 11.5.02

Lyrikpreis Meran

Neun Autoren haben es in die Endrunde des 6. Lyrikpreis[es] Meran geschafft. Die Preisverleihung findet am 18. Mai um 18 Uhr im Pavillon des Fleurs statt.
Die Finalisten sind: Christian Baier aus Wien, Oswald Egger aus Lana, Manfred Enzensperger aus Köln, Sylvia Geist aus Berlin, Mathias Jeschke aus Lüneburg, Hendrik Rost aus Burgsteinfurt/Westfalen, Thomas Spaniel aus Nordhausen/Thüringen, Uwe Tellkamp aus Dresden und Hans Wagenmann aus Mannheim. … Folgende Preise werden heuer vergeben: der Lyrikpreis Meran der Landesregierung (7750 Euro), der Erste Förderpreis der Gemeinde Meran (3100 Euro) und der Zweite Förderpreis der Kurverwaltung (2070 Euro). / Dolomiten 9.5.02

Geht das?

Der Georg-Büchner-Preis für Wolfgang Hilbig :
Geht das?

fragt Evelyn Finger ( Die Zeit 8.5.02) u. gibt Antwort:

Er ist auch im Westen keiner [kein positiver Held] geworden, da soll uns seine Erfolgsgeschichte (vom Malocher zum mehrfachen Literaturpreisträger) nicht täuschen.

Der eigentliche Sinn, einen Dichter wie Wolfgang Hilbig zu ehren, liegt wohl darin, uns selbst zu gratulieren – zu einer Literatur, die Manns genug ist, die Unterwelt zu betreten. Man darf nur nicht glauben, diese Welt läge innerhalb der Grenzen der untergegangenen DDR. Sie reicht von der politischen Gegenwart bis hinunter in die Bodenlosigkeit der Seele. Wer das übersieht, dem geht es wie dem Publikum in Kierkegaards Theaterparabel: Der Bajazzo meldet, hinter den Kulissen sei ein Brand ausgebrochen. Man glaubt an einen Witz und applaudiert. Der Bajazzo wiederholt seine Warnung. Man applaudiert noch mehr, und so nimmt unterm Jubel der Meute das Verhängnis seinen Lauf.