Marble, Stone and Steel vomits

Gernhardt: … Meine deutschen Lieblingsschlager sind: „Marmor, Stein und Eisen bricht“ von Drafi Deutscher und „Hier ist ein Mensch“ von Peter Alexander.

SZ: Was halten Sie denn eingedenk dieser großen Tradition davon, dass der deutsche Beitrag zum gesamteuropäischen Schlagerfestival auf Englisch gesungen wird?

Gernhardt: I answer in English because I want the whole world to understand me: It’s a crying shame that we Germans don’t use our beautiful motherlanguage anymore.

/ Süddeutsche 24.5.02 (dort spricht der gebürtige Tallinner Robert Gernhardt auch über Reimtechniken und die Verdienste seiner Familie um das estnische Liedgut)

Alfred Kolleritsch

Das längste Gedicht ist dem früh verstorbenen Grazer Dichterkollegen Gunter Falk , einer charismatischen Figur, gewidmet. Darin befinden sich die verzweifelten Verse, die die Grenzen der Dichtung markieren: „Etwas herbeizulügen und schöne Namen/ für seine Wunden, erklärt die Wunden nicht.“ Skepsis den schönen Namen gegenüber auch hier. / Thomas Rothschild über Alfred Kolleritsch, Freitag 22/2002

Alfred Kolleritsch : Die Verschwörung der Wörter. 70 ausgewählte Gedichte. Mit einem Vorwort von Hans Eichhorn. Residenz, Salzburg – Wien – Frankfurt 2001, 96 S., 17,90 EUR

Alfred Kolleritsch: Die Summe der Tage. Gedichte. Mit einem Nachwort von Arnold Stadler. Jung und Jung, Salzburg 2001, 88 S. 16,40 EUR

Kurt Drawert

In der „Freitag“-Textgalerie stellt Michael Braun ein Gedicht von Kurt Drawert vor. / Freitag 22/2002

Michael Buselmeier zitiert den Poeten Kinski

„Dann pisste Gott mir in die schwarzen Venen ! ! ! / ich konnte mich nicht mal nach Christus sehnen, / der selber wie ein Irrenhäusler lachte.“

und urteilt:

Doch soll keineswegs der Eindruck entstehen, der Verfasser dieser steilen Gedichte sei unbegabt gewesen, im Gegenteil: Sie sind ein Talentbeweis. Es gibt zwischen all dem gespreizt Bedeutsamen und rhetorisch Überladenen Momente echter Poesie und Verzweiflung. Kinski (Harlan oder wer auch immer) hätte nur selbstkritisch weiterschreiben müssen, mit jener Demut, zu der einer wie er, der sich als Genie mit Napoleon und Christus verglich, nicht fähig war. „Ich suche mich“, schreibt er einmal, „und wenn ich mich gefunden habe, bin ich mein größter Feind.“ / FR 23.5.02

Klaus Kinski : Fieber. Tagebuch eines Aussätzigen. Gedichte, hrsg. von Peter Geyer. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2001, 128 Seiten, 25,90 .

Mrs. T. S. Eliot I

„For my dearest Vivienne, this book, which no one else will quite understand.“ Thus Eliot inscribed a copy of his Poems, 1909–1925 . One of his biographers asserts that

without knowledge of Eliot’s first, tragic marriage, a complete appreciation of his poems is impossible. No matter what Flaubert, Valéry, and Eliot may have said about the objective impersonality of art, the full heartrending meaning of The Waste Land and „Ash-Wednesday“ depends on it. / New York Review of Books 23.5.02 (sic)

Painted Shadow: The Life of Vivienne Eliot, First Wife of T.S. Eliot, and the Long-Suppressed Truth About Her Influence on His Genius
by Carole Seymour-Jones
Nan A. Talese/Doubleday, 698 pp., $35.00

Achim Reichels Balladen & Mythen

Auch die «Ballade von der Loreley» vertonte Reichel auf typische Art mit festem Rhythmus und warmer Melodie: «Es ist im Ausland das mit Abstand bekannteste deutsche Volkslied.» Als «Bauchmensch» nahm er nur Gedichte in die engere Wahl, die ihn emotional berühren. «Wenn ich sie singen soll, will ich was dabei empfinden. Nur so kann ich den Texten Leben einhauchen. Klingt hochgestochen, ist aber so.» Der Norddeutsche neigt zu Understatement.
Mit seinen empfindsamen Liedern will der langgediente Fahrensmann des Deutsch-Rocks eine Lücke füllen: «Für die älteren Radiohörer gibt es nur Oldies, die dürfen sich nur noch ans Leben erinnern, so als lebten sie gar nicht mehr. Mir ist es wichtig, meine Generation anzusprechen und auf die Wurzeln unserer Kultur hinzuweisen.» / Berliner Morgenpost 22.5.02

  • Achim Reichel: «Wilder Wassermann – Balladen & Mythen», WEA
  • Konzert am 11.6.02 im ColumbiaFritz, 20 Uhr, Kartentel.: 61 10 13 13

Meraner Lyrikpreis geteilt

Der erste Preis (7750 Euro) wurde ohne Not geteilt. Denn neben Tellkamp ragte weit aus dem Feld der Mitbewerber der bereits wohlreputierte Lyriker Oswald Egger heraus. Ein ganzes Blumen- und Pflanzenuniversum erschafft Egger neu, indem er eine überaus suggestive Privatsprache kreiert, die immer um einige Phoneme neben dem Duden liegt, dafür aber eine berückende und auch komische Sinnlichkeit entfaltet. Zu wenig Wirklichkeitskontakt – fand die Jury, und so musste sich Egger den Meraner Lyrikpreis mit Sylvia Geist teilen. / IJOMA MANGOLD, Süddeutsche 21.5.02

… Neue Hoffnung?
Warum Tellkamp nur den zweiten Förderpreis erhielt und der Hauptpreis zu gleichen Teilen an Sylvia Geist und Oswald Egger ging, wird wohl der Jury ungelüftetes Geheimnis bleiben. Tellkamp, eine neue Hoffnung in der lyrischen Landschaft, wird – daran ist kein Zweifel – auch so seinen Weg machen. / Hans Christian Kosler, NZZ 21.5.02

… Weltbenenner
Mit Uwe Tellkamp verbindet Oswald Egger die ambitionierte große Form. Egger schreibt nicht Gedicht für Gedicht, sondern verlegt sich auf das ausufernde Riesengebilde, das der Fülle und der Überfülle das Wort redet. Er schafft sich einen enzyklopädisch ausgreifenden Sprachgarten aus realen und erfundenen Pflanzen, er vermag es damit, „Weltbenennung“ (Ulla Hahn) zu betreiben, die Welt zu ordnen, indem er ihren Erscheinungen Worte und Namen gibt: „Komm, auf Lenzglastwiesen, Unhornbecher, Phloxknospen pflücken. / Täler, die erhöht werden, Bergkofel und Kornellen, ebern Kranewitten.“
Bei Sylvia Geist geht es da schon übersichtlicher zu. Sie schreibt Gedichte, die für sich in Anspruch nehmen, einen eigenwilligen Blick auf unsere Welt zu werfen, wobei Kurt Drawert das Alltagsvokabular beeindruckte. Das Gedicht werde zu einer „Regenerationsmaschine von Sprachschlacke“. / Anton Thuswaldner, FR 24.5.02

Radio- bzw. Fernsehtips

  • Kerouac speaks – 1. New York City – Horace Silver, George Shearing, T. Monk und John Coltrane – Von Stephan Meier Di 21.5.02 23:05 NDR4 – weitere Folgen Mittwoch bis Freitag jeweils 23:05!
  • „Maulid Al Nabawi – Geburtstag Mohammeds“ – Mit Suleman Taufiq Fr 24.5.02 14:05 DLR

Visionäre Exaltation 1914

«Freund! . . . Freund! . . . Dein Mund / quillt über von tröstenden Worten, erstes Echo auf mein Heimweh. / Freund! . . . Freund! Deine Hände quellen über / von süssen, giftigen Blüten, / erste Labsal für meinen brennenden Durst, / Freund! . . . Freund! Deine Körbe quellen über / von mörderischen Früchten, / erste Ernte all meiner Feldarbeit.» / Dann vernahm man einen langen / Freuden-Rülpser, / und der Planet furzte; / der Vorhang im Tempel wallte und zerfiel / zur Asche.

Der Text erfüllte aufs Schönste den von Apollinaire proklamierten esprit nouveau, die Forderung, das Leben zu steigern und mittels Schocks unerhörte Überraschungen zu erzielen. / Gabriele Killert und Richard Schroetter schreiben über Alberto Savinio , den jüngeren Bruder von Girgio de Chirico, NZZ 18.5.02

Hans Rössner

Neues über die SS- und NS-Vergangenheit des Piper-Verlagsleiters Hans Rössner (der Hannah Arendt und die Mitscherlichs betreute):

1937 attackierte er in einer mit «ausgezeichnet» bewerteten Dissertation die «geistige Verjudung» des George-Kreises, wobei Stefan Georges dichterischer Rang unangetastet bleiben sollte. … [Sprung:]

Und als Ingeborg Bachmann beruhigt werden soll, als sie mit Piper bricht, weil der ihre geliebte Anna Achmatowa vom Nazi-Barden Hans Baumann übersetzen liess, wer reist da in diplomatischer Mission nach Rom? Dr. Rössner. / Joachim Güntner, NZZ 18.5.02

Hans Sahl

In der Frankfurter Anthologie stellt Tilman Spreckelsen ein Gedicht von Hans Sahl vor (FAZ 18.5.02) – In der NZZ schreibt Matthias Wegner zum 100. Geburtstag von Hans Sahl, und in der FR gratuliert Momme Brodersen (18.5.) / s.a. Dresdner Neueste Nachrichten 18.5.02

Geringe Neugier

Über die Rezeption der beiden großen, 2000 erschienen Anthologien neuerer arabischer Poesie schreibt Stefan Weidner, Herausgeber einer der beiden:

Beide haben ihre Beschränkungen, aber beide zusammen ergeben bereits ein annähernd repräsentatives Bild ihres Gegenstandes, der modernen arabischen Poesie.
Beide Anthologien haben in der arabischen Öffentlichkeit viel mehr Aufsehen erregt als in der deutschsprachigen. In der arabischen Presse zählten die Rezensionen nach Dutzenden, hier war kaum eine Handvoll zu vermelden. Selbst unter Orientalisten und Lyrikliebhabern sind es nur Leute mit sehr speziellen Vorlieben, die moderne arabische Poesie in Übersetzung lesen möchten. Wie gering die Neugier eines allgemeinen Lesepublikums ist, zeigen die Verkaufszahlen nach dem 11. September. Während der Koran zum Bestseller wurde, stagnierte die Nachfrage nach den Anthologien wie eh und je. Halten viele Araber die Poesie für ihren wichtigsten aktuellen Beitrag zur Weltkultur, so traut die westliche Öffentlichkeit der Gattung offenbar nicht zu, die arabische Kultur angemessen zu repräsentieren. Sie hält sich lieber an Altbewährtes, die Religion. …

Die arabische Kultur hat nicht primär ein Wahrnehmungsproblem im Westen, sie ist auch tatsächlich nicht auf der Höhe ihrer Kraft. Sie wird nicht nur mangelhaft vermittelt, sie hat selber beträchtliche, ihre Vermittelbarkeit einschränkende Mängel. / NZZ 18.5.02

Linguistisch exilierter Surrealist

Im Kriegssommer 1940 kehrte Ghérasim Luca auf abenteuerlichen Wegen via Italien nach Rumänien zurück, wo ihn aber der inzwischen offizialisierte Antisemitismus sogleich ins innere Exil zwang. Erst nach Kriegsende – während einer kurzen kulturellen «Renaissance», die der Machtergreifung der Kommunisten voranging – konnte Luca seine Aktivitäten wieder aufnehmen. Zusammen mit Virgil Theodorescu, Gellu Naum und weiteren Gesinnungsfreunden gründete er eine surrealistische Künstlergruppe, veranstaltete Ausstellungen, betrieb eine kleine Druckerei, produzierte in bescheidenem Umfang Bücher und Broschüren. Beim kurzlebigen «Verlag des Vergessens» (Editions de l’Oubli) und andern Kleinstverlagen gab Ghérasim Luca damals zwei Einzelpublikationen in rumänischer Sprache sowie mehrere Gedichtbände auf Französisch heraus. Ab 1947 richtete er sich, aus Protest gegen die repressive rumänische Kulturpolitik, im «linguistischen Exil» des Französischen ein, das nun definitiv zu seiner «unmütterlichen», mithin «antiödipalen» Dichtersprache wurde. / Felix Philipp Ingold , NZZ 18.5.02

Giacomo Leopardi

Edward Hirsch features poems by Giacomo Leopardi. (From The Washington Post 16.5.02)

Ce moys de may

Gerburg Garmann übersetzt und kommentiert das Lied „Ce moys de may“ des Renaissancemusikers Clément Janequin in der aktuellen “ Gazette „. / Mai 2002