Eine der Fraktionen, die Herr Hass für Umweltzerstörer hält (s.u.), verliert eine Bastion:
Eines der renommiertesten Autorentreffen, die das literarische Leben in Deutschland nach 1945 hervorgebracht hat, wird es in Zukunft nicht mehr geben. Pünktlich zu seinem fünfundzwanzigsten Jahrestag hat das von Ernst Jandl und Helmut Heissenbüttel einst als Forum für avancierte Literatur aus der Taufe gehobene Colloquium Neue Poesie den Betrieb eingestellt. …
Geladen und gekommen [zur letzten Tagung] waren vor allem die, die seit langem schon zum Kern der Truppe zählen, unter ihnen mit Oskar Pastior und Gerhard Rühm, Chris Bezzel und Franz Mon Leute der ersten Stunde. Was man von ihnen hörte und sah, entsprach in etwa dem, was zu erwarten war: Sprachartistik auf allerhöchstem Niveau, virtuose Formenspiele und kombinatorischer Witz, Konzeptkunst vom Diaprojektor, nicht zu vergessen das eine oder andere wirklich starke Gedicht.
NZZ 6.5.02
Mit Walle Sayer aus dem badischen Dettingen und Jean Krier aus Luxemburg begrüßte Annette Bosetti, stellvertretende Chefredakteurin der „Nachrichten“, zwei Lyriker, die erst vor wenigen Wochen in der Nachrichten-Gedicht-Galerie vorgestellt wurden. / Aachener Nachrichten 6.5.02
is clearly charted in “Without End,“ a new anthology of his work that is made up of his three English-language collections — Tremor“ (1985), “Canvas“ (1991) and “Mysticism for Beginners“ (1997) — as well as his most recent work and new translations of some early poems.
Today Zagajewski divides his time between Krakow, Paris and Houston (where he teaches at the University of Houston), all of which figure in his poetry alongside the omnipresent Lwow as landmarks in a Heraclitean universe. Zagajewski’s poems lead us through these and other worlds, until they become as much about the passage among places as the places themselves. “Every step you take / leaves a trace that cannot be erased,“ he writes. The result is a cumulative mapping of such traces, a compression of multiple realities where one never displaces another but all exist in the single moment of the poem. This compression can be electrifying: “Russia Comes Into Poland,“ dedicated to Joseph Brodsky, has all the dramatic intensity of Tadeusz Kantor’s theatrical spectacle “Wielopole Wielopole.‘ / NYT *) 5.5.02
(mit „First Chapter“-Leseprobe)
WITHOUT END. New and Selected Poems.
By Adam Zagajewski.
Translated by Clare Cavanagh and Renata Gorczynski, Benjamin Ivry and C. K. Williams.
285 pp. New York: Farrar, Straus & Giroux.‘
Als seine „Meister“ betrachtet der 61-Jährige, der in Berkeley englische Literatur lehrt, Matsuo Basho, Walt Whitman und Czeslaw Milosz. Eine Mischung, die sicher nur im melting pot Amerika entstehen konnte. Doch die Verwunderung über den vermeintlichen Eklektizismus legt sich schnell, wenn man die Gedichte von Robert Hass zur Hand nimmt und versteht, wie das alles zusammenpasst: ein japanischer Wandermönch des 17. Jahrhunderts, der die Kunst des Haiku zu einem ersten Höhepunkt brachte. Der Vater der modernen amerikanischen Dichtung im 19. Jahrhundert, Anarchist und Naturlyriker. Und ein polnisch-litauischer Katholik, der alle Avantgarden des 20. Jahrhunderts an sich hat vorbeiziehen sehen, um im Alter die schlichtesten, zugänglichsten und tiefsten Gedichte seines Lebens zu schreiben: Als Milosz‘ amerikanischer Übersetzer kennt Hass, den mit dem Kollegen aus Berkeley schon lange vor dessen Nobelpreis eine Freundschaft verband, kein dichterisches Werk gründlicher. / Gregor Dotzauer, PNN 4.5.02 (auch Tagesspiegel) Vgl. auch Berliner Zeitung 6.5.02
/ ur ur ur to t’master’s Sprache / the hang-cur ur- grunt of the weak / the unrecorded urs of gobless workers», so beginnt Tony Harrisons Gedicht «The Ballad of Babelabour». Es könnte das Motto sowohl für Michael Schmidts grosse Anthologie «The Story of Poetry» sein, deren erster Band, «English Poets and Poetry from Cædmon to Caxton», inzwischen vorliegt, als auch für Robert Crawfords Untersuchung «The Modern Poet»… / Rüdiger Görner, NZZ 4.5.02
Michael Schmidt: The Story of Poetry. English Poets and Poetry from Cædmon to Caxton. Weidenfeld & Nicholson 2001. 496 S., £ 25.-.
Robert Crawford: The Modern Poet. Poetry, Academia, and Knowledge since the 1750s. Oxford University Press 2001. 296 S., £ 40.-.
(Niedlich die Ankündigung im Perlentaucher:
[ACHTUNG:] Schwerer Bildungsstoff in Literatur und Kunst .)
Kemmlers Prosaübersetzung ist nicht so sehr eine literarische als vielmehr eine philologische Leistung. So enthält diese Ausgabe denn auch einen umfangreichen Kommentarteil, den Jörg O. Fichte besorgt hat. Er umfasst Einleitungen zu den einzelnen Erzählungen, Anmerkungen zum Text, Bibliographie, einen Abriss der Formenlehre und Angaben zur Aussprache des Mittelenglischen, Überblicke über die englische Geschichte im 14. Jahrhundert, über Leben und Werk Geoffrey Chaucers und über die Geschichte der Chaucer-Rezeption und vermittelt so einen Eindruck von der literaturhistorischen Bedeutung der «Canterbury-Erzählungen». Insofern ist diese zweisprachige Ausgabe nicht nur ein wertvoller Beitrag zur Rezeption Chaucers im deutschsprachigen Raum, sondern sie ermöglicht einen Zugang zu einem wesentlichen Text des literarischen Kanons.
Geoffrey Chaucer: Die Canterbury- Erzählungen. Zweisprachige Ausgabe. Mit der ersten deutschen Prosaübersetzung. Übertragen von Fritz Kemmler. Mit Erläuterungen von Jörg O. Fichte. 3 Bände in Kassette. Goldmann-Verlag, München 2000. 1968 S., Fr. 52.50.
/ NZZ 4.5.02
In dem frechen Online-Literaturmagazin “ fackel “ glossiert Gregor Eisenhauer eine Diskussion zwischen Günter Kunert, Rita Dove und Inger Christensen . 4.5.02
Frankreich hat die Pléiade und das Panthéon. Deutschland verewigt seine Dichter in historisch- kritischen Ausgaben. Und Österreich hat den Zentralfriedhof. Nur die Schweiz weiss nicht recht wohin mit ihren toten Dichtern (auch wenn sie ihr im Grunde lieber sind als die lebenden). Immerhin: Hoch über dem Neuenburgersee hat man Dürrenmatt ein Mausoleum errichtet. Aber musste der Staat nicht geradezu genötigt werden, sich daran zu beteiligen? Und wurde in Zürich nicht jüngst eine Gasse nach Robert Walser benannt? Doch das besagte Gässlein ist so kurz und unscheinbar, dass es zuvor noch nicht einmal einen Namen hatte.
Doch jetzt hat man sich etwas einfallen lassen. / Mehr in der NZZ v. 4.5.02
In der Frankfurter Anthologie stellt Joachim Sartorius ein Gedicht von Kurt Drawert vor. / FAZ 4.5.02
In seinem jüngsten Gedichtbuch Bilder vom Erzählen kehrt Hilbig , der Nachtwanderer der Moderne, zu den Themen und Motiven seiner lyrischen Anfänge zurück. In dem Titelgedicht des Bandes Bilder vom Erzählen ersehnt sich nun das lyrische Alter Ego des Autors von einem Raben die Einweihung „in das Sakrament der Finsternis“. Als „Bruder der Nacht“ bewegt sich hier ein schlafloses Ich durch eine Landschaft, die keine festen geographischen Konturen hat, sondern sich zusammensetzt aus ständig oszillierenden Orten und Räumen. In den großen Prosawerken Eine Übertragung (1989) und Alte Abdeckerei (1991) durchstreifte das von „Müdigkeit“ befallene Ich noch über weite Strecken die Abraumhalden und „höllischen Landstriche“ der DDR. Es ist ein im besten Sinne unzeitgemäßes Sprechen, das in den Bildern vom Erzählen erprobt wird: Es spricht ein somnambuler Visionär mit überscharfer Wahrnehmungsempfindlichkeit, der seine Phantasmagorien in pathetische, expressiv aufgeladene Verse fasst. / Michael Braun, FR 3.5.02.
Lavant , wie sich Thonhauser, die den 20 Jahre älteren Maler Habernig geheiratet hatte, nannte, ist eine religiöse Dichterin, aber streng im Sinn des 20. Jahrhunderts, das heißt als Ketzerin. Kerstin Hensel hat es in einem schönen Lavant-Aufsatz einmal so gesagt: „Bei jeder Perle des Rosenkranzes zählt sie fünf Gottseiverflucht und zehn Aveluzifer.“ Das heißt: Die Sprache von Lavants Gedichten, oft bildverrückt, ist auch wutoffen wie selten eine. Und wenn sie als weiblicher Hiob Kärntens ihrem Gott flucht, kann sie so schnoddrig sein wie François Villon selig: „Vergiss dein Pfuschwerk, Schöpfer! / Sonst wirst du noch zum Schröpfer / an dem, was Leichnam ist und bleibt / und sich der Erde einverleibt / viel lieber als dem Himmel.“ / Die Zeit 19/ 2002
Der Büchnerpreis geht in diesem Jahr an Wolfgang Hilbig. Darmstädter Echo (2.5.02) schreibt u.a.:
1979 gab der Verlag S. Fischer in Frankfurt am Main den Lyrik-Sammelband „Abwesenheit“ heraus. Die DDR reagierte auf ihre Weise – mit einer Anklage gegen „Devisenvergehen“, mit Untersuchungshaft und einer Geldstrafe. 1980 immerhin druckte die Ostberliner Zeitschrift „Sinn und Form“, nachdem Franz Fühmann sich für den Lyriker eingesetzt hatte, einige Gedichte, und 1983 erschien bei Reclam in Leipzig die Gedichtsammlung „Stimme Stimme“ – freilich in einer Auswahl, die politisch unerwünschte Gedichte verschwieg.
(Ob sein Verlag den kürzlich huchelpreisgekrönten Lyrikband „Bilder vom Erzählen“ jetzt veröffentlicht ?)
/ Siehe auch Walsroder Zeitung 2.5.02 / NZZ 2.5. Süddeutsche 2.5. / Die Welt 3.5. / MDR 2.5. / Berliner Zeitung 3.5. / FAZ 4.5.02 (Hubert Winkels findet Hilbigs Kritik der Bundesrepublik „entweder überzogen oder wohlfeil“ und nennt den jüngsten Lyrikband „ein Alterswerk“, je nun).
Landbote 4.5. / Süddeutsche 4.5.: Gespräch mit W.H./ Würdigung durch Ingo Schulze:
Vorausgesetzt, der Teufel hätte sich in den letzten Jahrzehnten darüber Gedanken gemacht, mit welchem deutschen Schreiber es sich überhaupt noch lohnen würde, einen Pakt zu schließen – er wäre schnell beim Dichter Hilbig erschienen.
FAZ.net spendiert frühere Rezensionen, darunter zu Bilder vom Erzählen (6.11.01)
hoch gelobter und mit dem Heinrich Böll-Preis der Stadt Köln ausgezeichneter Lyriker, ist der zweite Stipendiat des von Thomas Kling betreuten „Fellowship: Literatur“ der Stiftung Hombroich und wohnt und arbeitet seit einigen Wochen im sogenannten „Dreigeschossigen“ (Gästehaus) auf der Raketenstation Hombroich. / Neuß-Grevenbroicher Zeitung 1.5.02
Dennoch, aus solchem «Abfall», aus Schreckenswörtern wie «leicht», aus den von der Werbeindustrie okkupierten Träumen steigt Phönix, und «Rettung, / wenn überhaupt, / kommt von den Fehlanzeigen». «Kurz vor der Selbstabschaffung» also immer noch «die Sehnsucht nach einer Botschaft». Es sind die Gedichte selbst, die diese Hoffnung bezeugen. Wer heute dem mühsam gefundenen Wort trotz allem vertraut, muss weiterschreiben. / Iris Denneler, NZZ 30.4.02
Kurt Drawert : Frühjahrskollektion. Gedichte. Suhrkamp- Verlag, Frankfurt am Main 2002. 96 S., Fr. 27.30.
Mit Bezugnahme auf Marina Zwetajewas oft zitiertes Diktum, wonach «in dieser christlichsten der Welten alle Dichter Juden» seien, bekräftigt Brodsky seine Überzeugung (und auch seine persönliche Erfahrung), dass jeder, der das Schreiben als Kunst ernst nehme, immer schon dann sich im Exil befinde, wenn er – egal, ob in Russland oder in den USA – die Strasse betrete: «Ich sitze da, schreibe Gedichte, dann geh ich hinaus und begegne Menschen, die meine potenziellen Leser sind – und gleich fühle ich mich als ein absoluter Fremdling.» /Felix Philipp Ingold , NZZ 29.4.02
Neueste Kommentare