Über die Pariser Hugo-Feiern schreibt die FAZ am 29.5.02:
Zum Jubiläum des hundertsten Geburtstags des Dichters wurde auf der Höhe der Dritten Republik 1902 auf der Pariser Place Victor Hugo jene monumentale Bronzestatue aufgestellt, die, von den vier Musen „Lyrik“, „Dramatik“, „Epik“ und „Satire“ umschwärmt, in zehn Meter Höhe auf ihrem Granitsockel thronte, bevor sie auf Initiative der deutschen Besatzungsmacht 1941 abmontiert und eingeschmolzen wurde.
Die New York Times meldet am 28.5.02, daß der rumänische Dichter Stefan Augustin Doinas im Alter von 80 Jahren verstorben ist.
Mr. Doinas produced 23 books of poetry as well as children’s books, essay collections and a novel during a career that spanned decades. His first poetry collection, „The Book of Tides,“ was published in 1964. He also translated works by Goethe, Shakespeare and many others.
Born in 1922 as Stefan Popa, Mr. Doinas first studied medicine at the University of Sibiu but moved on to philosophy and literature at the University of Cluj, graduating with a bachelor’s degree in 1947.
While teaching in a village school, he published poems in literary magazines. In 1956 he was arrested and sentenced to a year in prison by Romania’s Communist leadership. He was later rehabilitated.
Elsewhere, the figure of Stefan George inspires a less Shakespearean rhetoric:
Contempt is in order: one
would give much
to see those Frankish
rites nobly concluded.
Almost, for Childe Stauffenberg,
it fell so;
but this was tragedy
botched, unimagined,
within that circle.
Medallion-profile
of hauteur,
Caesarian abstinence!
„Childe Stauffenberg“ is Hill’s arch name for the aristocratic German officer, a disciple of George , who tried to assassinate Hitler in 1944. „De Jure Belli ac Pacis,“ another sequence in the book, praises another of the so-called Kreisau conspirators, Hans-Bernd von Haeften. / Adam Kirsch über den Dichter Geoffrey Hill, The New Republic 27.5.02
Schwer tun wird man sich vielleicht zunächst mit Holzbergs Beharren auf dem durchgehend ironischen Ton und der durchwegs komischen Intention des Autors. Dies besonders in Gedichten, die gemeinhin als Ausdruck echten Gefühls gelesen werden, etwa in der Allius-Elegie (c. 68) oder im Selbstgespräch des 76. Gedichts, das der Latinist Wilhelm Kroll als «von tiefster Empfindung getragen» charakterisierte.
Mit dem von Gian Biagio Conte geprägten Begriff des «verborgenen Autors» versteht Holzberg das poetische Ich der Catull’schen Gedichte als Figur, die vor allem auf Grund ihres permanenten Versagens im erotischen Bereich komisch konnotiert ist. Die Lektüre des von Catull als «zierliches neues Büchlein» (lepidum novum libellum) bezeichneten Corpus, so Holzbergs Folgerung, sei für Zeitgenossen in erster Linie witzig und unterhaltsam gewesen, obschon sie für dessen tieferes Verständnis über einen hohen Grad literarischer Bildung verfügen mussten. …
Man wird sich Niklas Holzbergs Wunsch anschliessen, der spätrepublikanische Veroneser möge im Kanon der Weltliteratur gleichrangig neben Petrarca, Goethe oder Baudelaire stehen. Dazu aber muss er nicht nur gelobt, sondern auch gelesen werden . / NZZ 25.5.02
Niklas Holzberg: Catull. Der Dichter und sein erotisches Werk. Verlag C. H. Beck, München 2002. 228 S., Fr. 43.50.
Ich kann mich nicht erinnern, nur irgendeine Zeile forciert zu haben nur um eines derb-obszönen Effekts willen. Dazu habe ich erstens viel zu viel Respekt vor Catull, und das erschiene mir zweitens als viel zu grob. Es ist aber Faktum, dass Catull ein Dichter war, dessen Temperament legendär war, ein großer Choleriker. Seine Gedichte waren ja letztlich für ein Symposium geschrieben, für eine Art Herrenrunde, wie ja auch die frühen griechischen Gedichte, etwa die von Archilochos, einem der obszönsten griechischen Dichter der Antike. Einer der Effekte, mit denen Catull spielt, ist diese Art von Provokation, die zwischen Herrenwitz und Aggressionsabbau changiert. Ich versuche, eine Art von Kongenialität herzustellen. Dabei besitze ich nicht die Prüderie mancher Catull-Übersetzer, aber mir geht es auch nicht um die Provokation als schrillem Effekt. Die Krassheiten, die man mir heute anlastet, sind die Krassheiten Catulls. / Raoul Schrott im Gespräch mit Michael Braun, FR 25.5.02 – um Gilgamesh und Texttreue bei Übertragungen.
Über sein mehr als 1100 Jahre altes „Evangelienbuch“ schreibt die FR Erstaunliches:
Der Erzengel Gabriel wird von Gott zur Jungfrau Maria geschickt, und zwar nicht so schlicht und prosaisch, wie im Lukas-Evangelium („missus est Gabriel angelus“), sondern mit allen erzählerischen Registern. Der Engel fliegt „auf dem Sonnenpfad, auf der Sternenstraße, auf den Wolkenwegen zu der erhabenen Herrin“. (Das hört sich auf Althochdeutsch so an: „Fluog er sunnun pad, sterrono straza, wega wolkono zi theru itis frono.“) Als der Engel eintritt, ist Maria gerade damit beschäftigt, im Psalter zu lesen, auf dem Schoß hat sie eine Handarbeit abgelegt: Für die Lektüre hat sie das Weben an „schönen Stoffen aus teurem Garn (diurero garno)“ unterbrochen. Beide Details stehen nicht bei Lukas, wohl aber in den Apokryphen, den nicht kanonisierten Evangelien. Und nirgendwo, wohl aber bei Otfrid steht, dass Maria trauert („drurenta“), dass sie sich im Zustand einer höheren Melancholie befindet, als der Engel eintritt und sie anspricht.
FR 25.5.02
zeichnet sich durch Vielfalt an Themen und lyrischen Formen aus. Drawert beherrscht sie alle, versteht sie in Zwiesprache mit Vorbildern ( Walther von der Vogelweide, Hölderlin) zu setzen. Dass dabei nicht jede Zeile von gleicher Intensität ist, nicht dieselbe Beharrungskraft spürbar werden lässt, muss ihm nicht zum Schaden gereichen. Wer immer wieder neu darin liest, dem wird mal diese, mal jene Zeile herausstechen. Über allen Zeilen aber bleibt das Fazit, dass das sprachliche Vermögen und die dichterische Ernsthaftigkeit, die Drawerts Poesie auszeichnen, derzeit zum Eindrücklichsten in deutscher Sprache gehören. / Beat Mazenauer, Der Landbote 25.5.02
Kurt Drawert: Frühjahrskollektion. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002, 98 S., Fr. 27.30.
Ursprünglich wollte [Gottfried] Blumenstein kleine Theaterszenen über die Bundesligaspiele schreiben. Die Idee zerschlug sich. In der ersten Saison beglückte Blumenstein deshalb den Aufsteiger mit Haikus. In drei Zeilen à fünf, sieben, fünf Silben kommentierte Blumenstein die Lage der Liga. Aus einer 2:3-Heimniederlage gegen 1860 München wurde: „Der Mond hing abwärts. / Der Ball flatterte ins Netz. / Piplica träumte.“ / Die Welt 25.5.02
Gedicht-Lesung im Netz: http://www.energie-theater.de
Auch sonst viel Fußball in der „Literarischen Welt“. U.a. eine internationale Umfrage unter Schriftstellern: Wer wird Weltmeister? Hier eine Antwort:
Kamerun. Denn ich freue mich immer, wenn die Neger den Weißen eins auf die Nase geben. Andrzej Stasiuk, Polen
von dem die gesamte zählebige Sparte der Befindlichkeitslyriker zehrte. Vielleicht ist ja der Dichter nichts weiter als eine Aäolsharfe, durch die der Wind streicht?
So beendet Dorothea von Törne ( Die Welt 25.5.02) eine Besprechung von
Brigitte Oleschinski : Reizstrom in Aspik. DuMont, Köln. 132 S., 16,90 E.
In der Frankfurter Anthologie stellt Hans Christoph Buch das Gedicht „Märkischer Konstantin“ von Günter Kunert vor. / FAZ 25.5.02
fragt Robert Bové – und gibt auch Antwort:
The short answer is, Yes—but only to them. That’s a fact, Jack. Poets are about as solipsistic a bunch as you can find. …
Most poets are exiled from their families as soon as the tendency is identified. Some great poets have been exiled from whole countries ( Ovid), others have chosen exile ( Eliot ) or have been exiled within their countries ( Akmatova ). In the future, great poets will be exiled from the planet (Kubrick’s Hal).
(Was so vielleicht spaßig beginnt, endet wirklich böse!) / The Texas Mercury , vol. I issue 38 may 2002
Universal zu sein, war das Mass eines Gesamtkünstlers, der die Poesie des Gedruckten für das Bild entdeckte und die grafische Form für die Poesie. Aus den am Rande der Ausstellung präsentierten Texten des Schriftstellers Kurt Schwitters leuchtet die Einbildungskraft zwingender Banalität, ein Adel der Tieferlegung, der den Dichter Schwitters zum volksmundtauglichen Witzpoeten gemacht hat und ihn selbst in den Augen Berufener wie Helmut Heissenbüttel zum Begründer der Trivialpoesie erhöht. / Paul Jandl, NZZ 24.5.02
Über eine Begegnung zwischen Dichtung (Grünbein ) und Philosophie (Honneth) in Essen berichtet die FR vom 24.5.02:
Denn Grünbein will kein Unterhalter sein, kein bloßer Experte für verbale Dekorationen. Ihm genügt nicht, dass er – wie sein jüngster Gedichtband Erklärte Nacht abermals belegt – Rhythmen von komplexer Eleganz zu schaffen vermag. Die Freude, die er mit einem diskreten Binnenreim entfacht, stellt ihn nicht zufrieden. Er will „wahrsprechen“. Deswegen wohl wimmeln manche Gedichte von humanistischem Bildungsgut. Und deswegen der Groll gegen die Philosophen.
Die Presse aus Wien (24.5.02) informiert über eine illustre Begegnung in Innsbruck:
Bedeutende Autorinnen und Autoren aller Generationen und (fast) aller Stilrichtungen aus dem ganzen deutschen Sprachraum haben die Wochenendgespräche seit einem Vierteljahrhundert nach Innsbruck geholt, darüber hinaus Lars Gustafsson, Margriet de Moor, Tuvia Rübner . . . Heuer werden über das Thema „Jetzt Gedichte schreiben“ u. a. Oskar Pastior (der die Festrede zum Jubiläum hält), Heidi Pataki, Anne Duden, Franz Hodjak, Robert Schindel, Christoph W. Aigner, Dragica Rajcic, Marcel Beyer miteinander sprechen.
Beim 9. Inselfestival in Hombroich las auch die dänische Lyrikerin Inger Christensen :
In Hombroich las Inger Christensen einige ihrer Gedichte akzentfrei in Deutsch, anschließend in Dänisch. Endlos erschienen die Wortreigen. Sie trug sie nahezu ohne Betonung vor. Es gab keine Sätze mehr, keine Pausen, kein Höhepunkte. Alle Wörter schienen plötzlich gleich bedeutsam, so dass man völlig in den Sprachstrom hineingesogen wurde. Zeitreise der Erinnerung Die Wirkung der Gedichte als Lied verstärkte sich noch im Klangerlebnis der Originalsprache und in den refrainartigen Wiederholungen einzelner Passagen.
/ Neuß-Grevenbroicher Zeitung 24.5.02 ( Dort auch ein Bericht über die Lesung von Anne Duden )
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