Im neuen Titel -Magazin bespricht Klaus Hübner rapähnliche Westerngedichte:
Franz Dobler: Der Tag an dem ich allen Glück wünschte. Kunstmann Verlag. 2002. CD. ISBN 3-88897-317-1.
Außerdem Gedichte von Florian Vetsch. / 3.11.02
Er war so etwas wie der Heimatdichter der Obdachlosen: Günter Bruno Fuchs . Vollzeitpoet und um die Häuser ziehender Ganztagstrinker, ein dicker Mann aus Berlin-Kreuzberg, wo er 1977 mit nur achtundvierzig Jahren an den Folgen seines bacchantischen Lebenswandels starb. Seine Arbeit, seine ganze Kunst war ja ein poetischer Prozess, den er der Nüchternheit machte, ein friedlicher Angriff auf eine verbreitete Verzichtsmentalität: Verzicht auf Freiheit, auf Schönheit, auf Leben zugunsten einer schicken Beamtenlaufbahn etwa oder sonstiger geordneter Verhältnisse.
Schreibt Gabriele Killert und zitiert zu meiner Freude ein Gedicht, von dem mir ein paar Zeilen im Gedächtnis hängen:
Gestern
Jestern / kam eena klingeln / von Tür zu / Tür. Hat nuscht / jesagt. Kein / Ton. Hat so schräg / sein Kopf / jehalten, war / still. Hat nuscht / jesagt, / als wenn der / von jestern / war / und nur mal / rinnkieken wollte, / wies sich so / lebt.
/ NZZ 2.11.02
Für die FR besucht Norbert Hummelt das Grab Friedrichs II., der als deutscher Kaiser in Palermo die italienische volkssprachliche Dichtung begründete:
Da ist es bezeichnend, dass der modern denkende Staufer Friedrich, sizilianischer Thronerbe und seit 1220 Kaiser des deutschen Reichs, an seinem berühmten Hof in Palermo den Akzent von der Baukunst auf das Wort verlegte, die Architektonik des Gedichts stärker pflegte als die Errichtung neuer Paläste und Kathedralen. Es ist wohl so zu verstehen, dass die Literatur seinen aufs Abstrakte gehenden Ordnungssinn stärker befriedigte. Auch die Falkenjagd als königlicher Sport schien ihm ungenügend, wenn er sie nicht in einem Buch beschreibend fassen konnte. Geschult am Vorbild der provenzalischen Troubadours, schuf man in seiner Scuola siciliana die Voraussetzungen für eine italienische Literatursprache, die sich weltlichen Motiven zuwenden konnte. Giacomo da Lentini kreierte das Sonett. Kein Petrarca, kein Dante ohne diese Schule. Säulengänge aus Versen, Galerien aus Klangbildern, einprägsam durch Metrum und Reim und dadurch transportabel lange vor der Erfindung des Buchdrucks. / FR 2.11.02
Joachim Sartorius über Ulrich Johannes Beil (SZ 2.11.02)
Er war so etwas wie der Heimatdichter der Obdachlosen: Günter Bruno Fuchs. Vollzeitpoet und um die Häuser ziehender Ganztagstrinker, ein dicker Mann aus Berlin-Kreuzberg, wo er 1977 mit nur achtundvierzig Jahren an den Folgen seines bacchantischen Lebenswandels starb. Seine Arbeit, seine ganze Kunst war ja ein poetischer Prozess, den er der Nüchternheit machte, ein friedlicher Angriff auf eine verbreitete Verzichtsmentalität: Verzicht auf Freiheit, auf Schönheit, auf Leben zugunsten einer schicken Beamtenlaufbahn etwa oder sonstiger geordneter Verhältnisse.
Schreibt Gabriele Killert und zitiert zu meiner Freude ein Gedicht, von dem mir ein paar Zeilen im Gedächtnis hängen:
Gestern
Jestern / kam eena klingeln / von Tür zu / Tür. Hat nuscht / jesagt. Kein / Ton. Hat so schräg / sein Kopf / jehalten, war / still. Hat nuscht / jesagt, / als wenn der / von jestern / war / und nur mal / rinnkieken wollte, / wies sich so / lebt.
/ NZZ 2.11.2002
An seinen [Zhang Zaos] und Yang Lians Ausführungen über den [vor 2300 Jahren vertriebenen] Exildichter Qu Yuan kann man die Veränderung des Exilbegriffes in den letzten zehn Jahren ermessen: Sie sinnieren nicht über sein politisches Schicksal, sondern sie sehen ihn als erste individuelle lyrische Stimme in der chinesischen Literaturgeschichte und magischen Sprachvirtuosen. Zhang Zao hebt Qu Yuans transzendentale Bindung an das Göttliche hervor, das zu Unrecht mit der Beziehung zum König verwechselt würde. Ist das Exil für die Schriftsteller zum lyrischen und spirituellen Sprachlabor geworden? In einem Gespräch, das Yang Lian 1993 mit dem in Frankreich lebenden Nobelpreisträger Gao Xingjian führte, geht es vor allem um das Exil als Gelobtes Land literarischer Sprachfindung, die nur fernab vom „sprachlichen Hippietum“ des immer materialistischeren Pop-Bestseller-Buchmarkts in China, der zugleich auf lukrative Rezeption im Westen schielt, geschehen kann. …
Überspitzt gesagt: Chinesische Exilschriftsteller sind nicht, wie etwa bei der Vergabe des Nobelpreises an Gao Xingjian immer wieder kritisiert wurde, von den schöpferischen Quellen ihrer Sprachtradition abgeschnitten, sondern finden durch ihre Mehrsprachigkeit und Exilerfahrung zu neuen Ausdrucksformen, die eine kreative Rückbesinnung auf die chinesische Tradition erst ermöglichen.
/ Wiebcke Denecke, FAZ 01.11.2002, Nr. 254 / Seite 38
Die beiden Star-Poeten gelten als schwierig. Sie geben nur ungern Interviews. Spontan schon gar nicht. Der 72-jährige, in Paris lebende Syrer Adonis, der mit seinen Gedichten ein Brückenbauer zwischen Tradition und westlicher Moderne ist, sieht mit der schwarzen Sonnenbrille und dem dicken, legeren Schal um den Hals wie eine stilvolle Wiederauferstehung des großen Baudelaire aus.
Sein palästinensischer Kollege Machmud Darwisch, der „ungekrönte König unter den königlich verehrten Dichtern“, der in seiner Heimat wie ein Mythos verehrt wird, schreitet langsam und bedächtig, lächelt höflich und zurückhaltend. Unterm Arm hält er den gerade im Ammann Verlag in deutscher Übersetzung erschienen Band „Wir haben ein Land aus Wörtern“.
Auf die Frage, ob Lyrik in der arabischen Welt das sogenannte Herz der Kulturen sei, antwortet Darwisch ein wenig schelmisch, dass der Roman an Dominanz gewinne und die Poesie zum Glück auf dem Rückzug sei: „Nur ein Hirtenvolk drückt sich poetisch aus. Wir sind Gesellschaften, die modern werden.“ / NORA SOBICH, Märkische Allgemeine 1.11.02
Hobbykünstler und Wochenenddichter wechseln sich am Mikrofon ab. Irgendwann betritt ein Mann in Nadelstreifen und roter Krawatte die Bühne: Eugene Schlanger, besser bekannt als „Poet der Wall Street“. Tagsüber arbeitet der stellvertretende Generalanwalt bei Nomura Holding America, der US-Tochter des japanischen Wertpapierhauses. Der 46-jährige ehemalige Staatsanwalt blickt ein wenig scheu ins Publikum. …
Für einen Gedichtzyklus über die Angriffe auf das World Trade Center sucht er momentan noch einen Verleger. „Seine Beobachtungen sind einzigartig“, urteilt Sandra Sanderson, Programmkoordinatorin im Newington Cropsey Cultural Studies Center. / Wirtschaftswoche 1.11.02
Die Parchimer Zeitung (1.11.02) meldet den Tod des 100jährigen Heimatdichters August Wolff aus Groß Godems, Meckl. – Freies Wort (1.11.02) berichtet über eine Ausstellung, die den unangepaßten Künstler und Autor Kurt W. Streubel würdigt (er schuf u.a. Bild-Texte).
Seit meiner Rückkehr nach Palästina habe ich auch einen Gedichtband über die Liebe und einen über den Tod herausgegeben. Der Zustand der Belagerung aber ist eine Realität, die ich tagtäglich erdulde und die ich in poetischen Tagebüchern festhalte. Dies ähnelt aber in keiner Weise früheren Arbeiten, da ich heute einen asketischen Stil bevorzuge. Ich arbeite mit komplexen Bildern, die eher Sequenzen aus einem Kinofilm gleichen. Diese Methode ist völlig neu für mich. In der modernen Dichtung wird übrigens niemals nur ein einziges Thema innerhalb eines Gedichtes behandelt. Sämtliche Themen sind miteinander verwandt und verflochten. Das moderne Gedicht ähnelt einem dichten Netz, gleich einer komplexen menschlichen Situation. …
Das in der Tat ist das eigentliche Dilemma der arabischen Dichtung. Wie soll ein Dichter modern sein in einer Gesellschaft ohne Moderne, in einer Gesellschaft, die quasi in einer Vormoderne verharrt? Es gibt in der arabischen Welt keine Erneuerung außer in der Poesie und in den Sicherheitsapparaten. Das führt dazu, dass sich die zeitgenössische arabische Dichtung wie auf einer umzingelten Insel bewegt. / Der palästinensische Dichter Machmud Darwisch im Zeit-Gespräch, Die Zeit 45/2002.
Hinweis auf eine kleine Lyrikreihe der parasitenpresse Köln:
NEU IM HERBST
012 René Hamann: katalan. Gedichte, 14 S.
011 Ron Winkler: vielleicht ins Denkmal gesetzt. Gedichte, 14 S.
WEITERE TITEL
010 Enno Stahl: (kan)arische enklavn. Gedichte, 14 S.
009 Stefan Heuer: das gute geschäft. Gedichte, 14 S. (die ersten 35 Bände sind mit einem Originaldruck des Autors versehen)
008 Tom Schulz: Trauer über Tunis. Gedichte, 14 S.
007 Agenten.Gedichte, hg. v. Wassiliki Knithaki und Adrian Kasnitz. Mit Texten von Achim Wagner, Ulrike Draesner, Adrian Kasnitz, Crauss., René Hamann, Tony Cremer, Harald Gröhler, Frank Milautzcki und Anne Tharau, 14 S.
006 Rainer Junghardt: Quiet music. Gedichte, 14 S.
005 Annette Brüggemann: Ungefrühstückt. Gedichte, 14 S.
004 Stan Lafleur: goldene momente. Gedichte, 14 S.
003 Björn Kuhligk: Am Ende kommen Touristen. Gedichte, 14 S.
002 Achim Wagner: niemandem dieser tag. Gedichte, 14 S.
001 Adrian Kasnitz: Lippenbekenntnisse. Gedichte, 14 S.
Die parasitenpresse hat ein besonderes Format gewählt, um Gedichte in einer kleinen Auswahl zu präsentieren. Die gehefteten Bücher aus wiederverwertetem Umschlags- oder Packpapier umfassen jeweils vierzehn Seiten. Das Papier fühlt sich weich und griffig an und verblüfft durch seine Unregelmäßigkeit, denn verknitterte oder zerfranste Stellen gehören ebenso zum Erscheinungsbild wie ungerade Schnittkanten. Jedes Buch ist darum auch ein besonderes haptisches Erlebnis. / 31.10.02
Der Rezensent der Süddeutschen führt zum Lob des neuen Hartungbandes ein Sonett an:
Er wäre gerne böse gewesen
Ihr Vater (Konrad) war wie Adenauer
Molly die Mutter ja! wie Molly Bloom
Er (Charlie) träumte schon vom kleinen Ruhm
als er sie küßte auf der Gartenmauer
Sie trug ein Fähnchen aus Lavabel
Sie schaukelten im Stadtpark mit dem Kahn
und in dem Wäldchen an der Autobahn
erforschte er die Gegend um den Nabel
Sie fragte Gibt es einen Gott? Er lachte
Sie weinte und er sagte Ja Marie!
und fühlte sich wie Mackie Messer, wie
der lächelte und wie ers schließlich machte
Gisela W. aus Recklinghausen-Süd
seit wieviel Jahren bist du schon verblüht
/ SZ 30.10.02
Verena Auffermann preist die schönen Bände der Friedenauer Presse an wie warme Semmeln. Einzige Einschränkung:
Wer nicht so klug war oder zu jung ist, die bis 1995 im Bleisatzverfahren gesetzten Drucke zu abonnieren, muss leider wissen, dass die meisten Hefte, von Günter Bruno Fuchs, Ossip Mandelstam, Wolfgang Hilbig, Lewis Carroll, Puschkin, Turgenew, Enzensberger, Tschechow oder Celan vergriffen sind. Aber die Gründe des unvergleichlich inkorrekten Herrn Diderot, seinem alten Hausrock nachzutrauern, sind, wie siebenunddreißig weitere Drucke, lieferbar. [Und manches andre noch – so zuletzt von Daniil Charms. M-G-] /SZ 30.10.02
„Bergkette in der Ferne“
Begegnungen mit japanischen Autoren und Texten
Edition Peperkorn, Thurnum 2002, ISBN 3929181460
Kartoniert, 208 Seiten, 14,00 EUR
FAZ 29.10.02 – – – NZZ 21.9.02
Nichts unterscheidet sich von westlichen Lehrmitteln so stark wie ein russisches Lesebuch für die erste Klasse. Auf mehreren hundert Seiten, praktisch ohne Bilder, stehen hier Gedichte und literarische Texte, die zur Hälfte aus dem 19. Jahrhundert sowie vom Anfang des 20. Jahrhunderts stammen: ein 200-zeiliges Versmärchen von Puschkin, ein Kinder-Poem von Majakowski, Gedichte von Jessenin und Blok, Erzählungen von Tolstoi und Turgenjew. Täglich lesen die Kinder zu Hause ihr Pensum davon; wöchentlich lernen sie ein neues Gedicht auswendig. Darauf wird in der Klasse diskutiert und analysiert, und zwar nicht nur, was die Inhalte betrifft, sondern – von Anfang an sehr ausführlich – auch die formale Ebene. / NZZ 28.10.02
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