Gedichte zum Sonntag

Frankfurter Anthologie der FAZ (9.11.02): Peter Huchel, Späte Zeit (Jürgen Busche).

Modernistischer Barde

… Manger, who was, as the editor and translator point out, a „modernist folk bard.“ His work is suffused with influences from European literature; he retells stories from the Bible, setting them in the contemporary world. He wrote verse that chills with its sense of ominous consequence for lost innocence:

An infected wind weeps in our garden;
Before our house, a scarlet lantern glows;
Death’s silver razors play, like fiddle bows,
White music on the throats of pious calves.

/ NYT  9.11. 2002

Navid Kermani: Grassierende Islamfeindlichkeit

In den Tagen nach dem 11. September sagte der Dichter Gunter [sic!] Kunert im deutschen Fernsehen, er wolle um Gottes Willen nichts gegen seine türkischen Mitbürger sagen. Doch leider hätten sie nun einmal ein anderes Verhältnis zur Gewalt. „Wenn sie einem Katholiken sagen: ,Geh hin und töte den da!‘, dann wird er das nicht tun. Ein Muslim tut es.“
Der einstige Dissident der DDR, dem die deutsche Literatur einige feinsinnige politische Verse verdankt, begründete seine Warnung vor den Muslimen damit, dass der Islam das Töten nicht verbiete. Insofern stecke natürlich in jedem Türken in Deutschland ein möglicher Mörder oder Terrorist, das könne wegen seiner Religion jederzeit ausbrechen.
Schreibt der Autor und konstatiert ein Jahr später (vielleicht auch etwas pauschal?) eben eine „grassierende Islamfeindlichkeit europäischer Intellektueller“ von Merkur/ FAZ/ taz/ Perlentaucher etc. bis Fallaci./ FR 8.11.02
Navid Kermani, geboren 1967 in Siegen, Publizist und Islamwissenschaftler,ist Long Term Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Im Jahr 2000 erhielt er den Ernst-Bloch-Förderpreis der Stadt Ludwigshafen. Navid Kermani hat die iranische und deutsche Staatsbürgerschaft und lebt in Köln.
(Informationen von der Homepage des Ammann-Verlages Zürich, wo ein Buch von Kermani über Neil Young erschien.) – Aus einer Rezension:

»Dieser fremde, fast behaviouristische Blick auf das ansonsten enorm Vertraute, die ständige Verschlingung von Geisteswissenschaft (hier eine um das Spezialgebiet persische Lyrik und Mystik erweiterte Literaturwissenschaft) und den intimen, viszeralen Nöten eines Kleinkinds und seiner Familie ergibt diese ganz besondere intellektuelle Beschreibungsschönheit.« ( Diedrich Diederichsen, Der Tagesspiegel )

Navid Kermani
Das Buch der von Neil Young Getöteten
MERIDIANE 39
176 Seiten, Leinen mit Lesebändchen
EUR 17.90 / CHF 30.90
ISBN 3250600393
Noch ein Termin für Neil-Young-Fans:

Am 29. November beginnt auf der Grossen Bühne der Volksbühne um 22.30 Uhr die „Nacht der von Neil Young Getöteten“. Schauspieler lesen aus dem „Buch der von Neil Young Getöteten“ von Navid Kermani und singen (!) Lieder des kanadischen Rockpoeten.

Breton verscherbelt

Bretons Wohnung war eine Art innenarchitektonische Umsetzung der Poetik des objet trouvé, des aufgelesenen, kruden und aus seiner Gebrauchsfunktion entlassenen Gegenstandes, an dem sich die Phantasie um so heftiger entzündet, je weniger man ihm seine Herkunft ansah. Diese Poetik des Fundes war ebenso Teil der surrealistischen Ästhetik wie die écriture automatique oder die absurden Definitionsspiele, mit denen die Surrealisten das rationale, selektive Zweckdenken außer Kraft setzen wollten. Und jetzt soll nach den nüchtern selektiven Regeln des Kunstmarktes alles von Breton unter den Hammer kommen: Nicht als Gesamtkunstwerk, sondern einzeln, zerstreut in alle Winde, was viele der Stücke ihres Sinns berauben wird: Hmm, lassen Sie mal sehen, für den Miró geb ich Ihnen eine Million, aber lassen Sie mich mit dem mikronesischen Schnickschnack in Ruhe… / SZ 8.11.02

Rudolf Augstein

Ein Artikel der Süddeutschen präsentiert den 20jährigen Kanonier Rudolf Augstein als Lyriker und Verschwörer (8.11.02):

„O Gott, ich habe das Große gewollt, / Ich wollte den Himmel offenbaren…“ Kein gemeiner Soldat, sondern ein Dichter wollte er werden, und Expressionismus lag damals in der Luft. Der hoffnungsvolle Lyriker kehrte zurück nach Deutschland, wo ihm die Lizenz für den späteren Spiegel zufiel.

Palgraves Rache

Die gute alte (von den Modernisten geschmähte) Anthologie „Palgrave´s golden treasury“ ist wieder da – erweitert bis in die Gegenwart,
showing how Palgrave poetry survived the earthquake of Modernism and continued to thrive up to our own time. / Adam Kirsch, Slate 7.11.02.

C.K. Williams

In der Zeit beschreibt der amerikanische Lyriker C.K. Williams die Deutschen als (durch die Judenvernichtung des „dritten Reiches“ dazu gewordenes) symbolisches Volk – wie die Juden. / Zeit 46/2002

Heinrich Heines Gedicht

„Du bist wie eine Blume“ wurde ausreichend oft in Musik gesetzt – rund 400 mal, sagt die Liedvertonungsbilanz. Man kann es immer wieder neu versuchen, sagte sich der Komponist Wilhelm Killmayer Mitte der Neunziger. Und verwandelte gleich drei Dutzend Heine- Gedichte erneut in Klavier-Tenor-Miniaturen. Neu nicht im Sinn avantgardistischen Sprach-KlangBewusstseins, etwa dekonstruktivistischer Lautmanipulation, sondern in Richtung der neuerlichen Untersuchung lyrischer Tiefenstrukturen, des Atmosphärischen, auch des Ironiepotentials beim leichtfüßigen Poeten Heine. …
In der zartbitter intonierten „Loreley“ versenken Wasserstrudel „am Ende Schiffer und Kahn“, der musikalische Duktus überschlägt sich, man hört und sieht für Sekunden Debussys „Versunkene Kathedrale“: Musik kann ironisch kommentieren. So breitet sich am Ende des Liedes eine Leere aus, die bei Heine unerkannt zwischen den Zeilen geschlummert hatte. / Wolfgang Schreiber, SZ 6.11.02

Heine-Lieder: cpo 999 838-2; Klavier: Wergo 6619 2

Anhalten alle Uhren

Die Spanne vom sozialistischen Auden zum christlichen Existenzialisten, vom Oxforder Neutöner zum horazischen Alterslyriker markiert einen der exemplarischen Lebensläufe der englischen Dichtungsgeschichte.

urteilt Werner von Koppenfels anläßlich einer neuen Auswahl (NZZ 6.11.02)

W. H. Auden: Anhalten alle Uhren. Gedichte Englisch / Deutsch. Herausgegeben von Hanno Helbling. Pendo-Verlag, Zürich 2002. 152 S., Fr. 39.90.

Fluch- und Segensformeln

Der Urgrund dieser Poesie ist magisch, und er ist mündlich. Die blutrote Schrift ist nur ihre behelfsweise Notation; um wirksam zu sein, müssen die Fluch- und Segensformeln gesprochen und gesungen werden. Wie in seinem letzten Gedichtband hat Kling also auch jetzt, zeitgemäß modifiziert und medientechnisch wie immer auf der Höhe, an diese Ursprünge angeknüpft. Auf einer dem Buch beigefügten CD rezitiert er seine Verse mit eindringlich kühler Präzision. Wer sich also bei der Wahl seiner Weihnachtsgeschenke nicht zwischen Buch und CD entscheiden kann, soll Klings „Sondagen“ kaufen, da hat er beide. In buchstäblich zauberhafter Einheit.

Thomas Kling: „Sondagen“. Gedichte. DuMont Buchverlag, Köln 2002. 140 S., geb. im Schuber mit CD, 19,90 [Euro]

/H. Detering, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.11.2002, Literaturbeilage, Seite L5. Vgl. auch Gespräch mit Thomas Kling, FAZ .Net 13.9.02

Verhängnisvolle Liebe eines Siegers

Der Erdrutsch-Sieger aus der Türkei, Recep Tayyip Erdogan, liebt Gedichte – und darf deshalb auf Lebenszeit kein Amt mehr bekleiden. „He recited a poem and his life changed“, titelte der Turkish Press Scanner der turkish daily news vom 23.4.1998.
FAZ-Bericht:

Nicht wenige seiner Reden leitet Erdogan mit Gedichten ein, schon 1973 hatte er in Istanbul einen Gedichtlesewettbewerb gewonnen. Erdogan ist ein Verehrer der islamischen Mystik, des Sufismus, und die Essenz der Sufis findet er in Gedichten besser wieder als in der Prosa. / FAZ 5.11.02, S. 12.
Über das Urteil von 1998 berichtete die taz:
Der 44jährige Politiker war wegen einer Rede, die er im Dezember letzten Jahres [d.i. 1997] im ostanatolischen Siirt gehalten hatte, vom Staatssicherheitsgericht Diyarbakir zu zehn Monaten Haft verurteilt worden. In seiner Rede hatte er den Dichter Ziya Gökalp zitiert: Die Moscheen sind unsere Garnisonen, die Kuppeln unsere Helme, die Minarette unsere Bajonette und die Gläubigen unsere Soldaten. Nachdem das Urteil wegen Volksverhetzung am Mittwoch vom Kassationshof bestätigt wurde, bleibt ihm als letzter Weg der Antrag zur Berichtigung des Urteils, der jedoch von derselben Instanz bearbeitet und mit Sicherheit negativ beschieden wird. Erdogan verliert damit seinen Posten, er darf lebenslang nicht für öffentliche Ämter kandidieren, wird aus seiner Partei ausgeschlossen und muß für mindestens vier Monate ins Gefängnis. /TAZ, 25.9.98
Über Gökalp (1876 – 1924) schreibt die FAZ:
Dieser Dichter und Denker aus Diyarbakir im Südosten ist eigentlich der Ideologe des modernen Türkismus, auf dessen Werk „Die Grundlagen des Türkismus“ … sich der Republikgründer Atatürk stützte; mit islamischem Fundamentalismus hatte er wenig im Sinn. Sein Bestreben ging vielmehr dahin, den Islam zu türkisieren, bis in die Sprache hinein. /FAZ 5.11.02, S. 3

Skeptisch gegenüber der Partei Erdogans bleibt der türkische Schriftsteller Nedim Gürsel:
Ich teile den Optimismus gewisser türkischer Intellektueller keineswegs, die denken, die AKP werde sich mit ihrem fortan europäisch angepaßten islamischen Gesicht leicht ins System einfügen. Politische und kulturelle Unverträglichkeiten mit europäischen Werten erscheinen mir offensichtlich. Denn der Islam ist, anders als das Christentum, eine Religion, die der Gemeinschaft einen Code civil vorschreibt und das gesellschaftliche wie das individuelle Leben reglementiert. Er läßt sozusagen keine Form von Weltlichkeit zu. / FAZ 12.11.02

Nekrorealismusneger

Taz begeistert sich für Lyrik – von Alina Wituchnowskaja:
„Nekrorealismusneger / wir, ein Riesenhaufen Dreck / Marodeure, Lasterjäger / eisgekühlter Intellekt. / Wir, Eroberer der Huren / wir, die ganz genialen Dichter / pusten fremden Kreaturen / scharfen Rauch in die Gesichter“. Immer wieder zieht Alina Wituchnowskaja das Kinn hoch, so, als ob sie sich selbst dazu ermahnen muss, und blickt, während ihre Gedichte vortragen werden, auf die Zuhörer herab, ohne sie wirklich anzusehen, ein wenig autistisch. „Wir, die ganz genialen Dichter / es ist Zeit sich zu beeilen / loszuschießen, zu vernichten / alles eiskalt abzuknallen“./ taz 5.11.02

Alina Wituchnowskaja: „Schwarze Ikone. Gedichte und Prosa“. Aus dem Russischen von Barbara Lehmann und Aleksej Khairetdinov. Dumont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2002, 120 Seiten, 14,90 €

Babylonisch

Weniger Behagliches widerfährt dagegen Franz Josef Czernin im Gespräch mit dem Germanisten Sebastian Kiefer, zumal der Poetik-Unterredung Kiefers semantische Analyse und Interpretation von Czernins «elemente, sonette» vorangestellt sind. Der Lyriker gerät als Folge davon in die paradoxe Situation, die Reflexion seines Schaffens auf den Spuren seines Hermeneuten betreiben zu müssen. Dass dem Befragten zum Schluss nur mehr eine Frage übrig bleibt, verdeutlicht, wie babylonisch sich Interpretationen ausnehmen, wenn sie an Selbstgewissheit ihren Gegenstand übertreffen – da hilft tatsächlich auch Reden nicht weiter. / Sibylle Birrer über zwei Literaturzeitschriften, NZZ 5.11.02

 

  • Sinn und Form. Beiträge zur Literatur. September/Oktober 2002. 138 S., Euro 9.- (Greifswalder Strasse 9, 10405 Berlin).
  • neue deutsche literatur. Zeitschrift für deutschsprachige Literatur. September/Oktober 2002. 191 S., Euro 10.- (Neue Promenade 6, 10178 Berlin).

Nachdenken über Dylan

Die beiden nächsten Alben enthalten jeweils eine ganze Reihe von Liedern, deren Text um radikalste Zerstörungen kreist, während die Musik ihren Affekt bis zur Neutralität hin zurücknimmt.´Die Verse von Ballad Of Hollis Brown zum Beispiel türmen Bilder existentieller Hoffnungslosigkeit regelrecht auf: Ratten im Mehl, ein totes Pferd, schwarzes Gras, ein ausgetrockneter Brunnen, glasige Augen eines Säuglings, der Schrei der Frau. Die reduktionistische Kargheit der Musik indes, respektive der Gleichmut der Gesangslinie bewahren diese Tragödie in elf Strophen vor dem expressiven Extrem, indem sie sie mit einer Atmosphäre versteinerter Trauer überziehen. …

Das Lied mit der größten Spannweite zwischen Vers und Klang ist zweifellos Desolation Row. Daß Dylan diesem frei flottierenden Exzeß an Bildern, Worten und Traumsequenzen überhaupt eine musikalische Gestalt geben konnte, möchte man auch heute noch kaum glauben. Das Gedicht ist als eine der stärksten zeitgenössischen Visionen des Apokalyptischen bezeichnet worden. Allen Ginsberg sah in ihm mit Fug und Recht einen Verwandten seines Geheuls. / Richard Klein, Merkur 4.11.02

Schiller-Ring geht an Wulf Kirsten

Der Weimarer Lyriker und Erzähler Wulf Kirsten erhält den Schiller-Ring 2002. Kirsten werde für seine Verdienste um die deutsche Sprache und Literatur geehrt, teilte die Deutsche Schillerstiftung in Weimar mit. Die mit 30 000 Euro dotierte Auszeichnung wird am Donnerstag in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München vergeben. Der 1934 in Klipphausen bei Meißen geborene Kirsten veröffentlichte unter anderem die Gedichtbände «Satzanfang» (1970), «Die Erde bei Meißen» (1986) und «Wettersturz» (1999). ddp (4.11.02)