72. Lesen kann man ja ein andermal

Da die Auswahl der Sprachsalz-Gäste sich aus den radikal subjektiven Vorlieben der OrganisatorInnen speist, und da Festivalgründer Heinz D. Heisl sehr viele gute Bekannte in San Francisco hat, kommt in Hall eine Art US-amerikanischer Klassenausflug der Lyriker zusammen.

Lyrik, das zeigen die dichtenden Amis, macht sich oft am besten in der Performance. Auch in dieser Disziplin führen die Alten, der 83-jährige Sam Charters, als unterhaltsamer Didaktiker unter den Dichtern, und vor allem die 84-jährige Beat-Poetin Ruth Weiss, in ihrer einstigen Jugend enge Trinkkameradin von Jack Kerouac. Weiss’ grüngefärbte Haare, rauchige Stimme und immense Bühnenenergie lassen völlig vergessen, was für eine fragile, winzige alte Frau da auf dem Podium steht. Musikalisch wird sie begleitet von ihrem Lebensgefährten, der zu diesem Zweck einen hohlen Baumstamm aus Kalifornien importiert hat. Er dient als Percussioninstrument. Das ist so liebenswert freakig, und der Beat dieser Lyrik geht so direkt ins Rückenmark, dass es darüber schon fast ein bisschen egal wird, ob man die Texte in Gänze versteht oder nicht. Lesen kann man ja ein andermal. / Katharina Granzin, taz

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