Übersetzung: Entsprechung & Anderssein

Die Übersetzung steht in Beziehung zu dem Text, dessen Wiedergabe sie ist: Sie entspricht ihm. Was aber Entsprechung hier heisst, steht keineswegs fest. Der unreflektierte Anspruch ist meistens die utopische Gleichheit von Original und Übersetzung, also eigentlich deren Aufhebung. Denn die Übersetzung als solche ist dem Original nicht gleich, sondern ähnlich, was bedeutet, dass es wesentlich zu ihr gehört, auch anders zu sein. Nur als andere kann sie entsprechen. …

Jemand hat einmal, für viele vielleicht überraschend, die Fähigkeit zur Suspendierung des Urteils die zentrale Tugend des Juristen genannt. Gleiches gilt für Rezensenten literarischer Werke und besonders für solche, die sich auf dichterische Übersetzungen einlassen, weil es hier eines noch merklich grösseren intellektuellen Aufwands und darüber hinaus eines ausgeprägten Sinns für Dichtung bedarf, um die herrschenden Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen. Wenn man sich zu verstehen bemüht hat, was ein übersetzender Dichter sich vorgenommen hat, kommt die Bewertung immer noch früh genug.

Hans-Jost Frey, NZZ 18.7.02

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