Ein Tom, zwei Meinungen

24.8.2003
DeutschlandRadio: WerkStatt
Feature von Marie-Luise Goerke um 0:05 Uhr auf 89,6 UKW: „POETRY SLAM – POESIE IM CLUB“ mit Szene-Zitaten, u.a. auch von Tom de Toys:

„Meiner Meinung nach müssen die Leute selber auf die Bühne: Jeder im Publikum muß eigentlich zum Slampoet werden, jeder im Publikum muß auf die Bühne kommen – dann ist die Welt in Ordnung!“

14.3.2000
DeutschlandRadio: WortSpiel
„WENN LITERATUR ZUM EVENT WIRD“ um 19:05 Uhr auf 89,6 UKW mit Szene-Zitaten, u.a. auch von Tom de Toys:

„Es hat sich dahin entwickelt, daß die Ansprüche an die Texte immer niedriger wurden und das Sich-in-Szene-setzen (-das im negativen Sinne ‚Eventhafte‘-) in den Vordergrund gerückt ist. Auf einmal kriegt jeder die Möglichkeit, auf einer Bühne mal für fünf Minuten der Held zu sein, fünf Minuten der Star zu sein. Und um der Star zu sein, nimmt man jeden Trend in Kauf. Und die Sprache ist Medienrummel, die Sprache ist Spektakel – nicht mehr lyrische Inspiration.“

Toms Kommentar:

AUF JEDENFALL STIMMT BEIDES IRGENDWIE !!

/ 20.9.03

Berliner Anthologie

Rolf Schneiders Berliner Anthologie vom 20.9.03: Klabund, In Lichterfelde Ost / 15.9.03: Max Herrmann-Neisse: Herbstlicher Tiergarten

Bellmantage in Wismar, 26.-28.9.03

Konzerte repräsentieren das Beste, was Schweden und Deutschland an Bellman-Interpretationen zu bieten haben. Martin Bagge, Andreas Frye, Ulrich Hermann und Dieter Möckel singen fast ausschließlich auf Deutsch, denn das Textverständnis ist für das Vergnügen im Publikum ebenso wichtig wie zu Zeiten des Dichtersängers Bellmann“, blickt Dr. Kai Woellert, stellvertretender Vorsitzender des Vereins, voraus. / Ostseezeitung 19.9.03

BUCHPREMIERE

Der Exilkölner und Neuberliner René Hamann, Jahrgang 1971 und Nichtganzpopautor, stellt seinen ersten Gedichtband „Neue Kokons“ (Lyrikedition 2000, München) im Berliner Club der Polnischen Versager vor. Zu Gast ist Ron Winkler, der neue Gedichte lesen wird. / 19.9.03

Sonntag, 5.10.03
Berlin Mitte, Torstraße 66. Eintritt: 2,50 Euro.
Beginn 21.00 Uhr.

„Hamann lässt das Zeichenmaterial der trivialen Kulturen in den Produktionsprozess mit einfließen. Hintergrund ist eine popkulturelle Sozialisation, die die Arbeit in den Umkreis einer wirklichen Popliteratur bringt.“ (Kölner Stadt-Anzeiger)

René Hamann und Ron Winkler sind Mitglieder des FORUMS der 13
(http://www.forum-der-13.de/)

Tichborne´s Elegy

Think of the 16th-century anthology piece „Tichborne’s Elegy,“ which was apparently written by Chidiock Tichborne (c. 1568-1586), an 18-year-old Catholic conspirator against Queen Elizabeth, the night before his execution. The title was supplied by an early publisher.

My prime of youth is but a frost of cares,
My feast of joy is but a dish of pain,
My crop of corn is but a field of tares,
And all my good is but vain hope of gain;
The day is past, and yet I saw no sun,
And now I live, and now my life is done.
My tale was heard and yet it was not told,
My fruit is fallen and yet my leaves are green,
My youth is spent and yet I am not old,
I saw the world and yet I was not seen…

/ Edward Hirsch, Poet´s Choice, The Washington Post 18.9.03 – – –
Hier ein Gedichtzyklus von Hirsch,

Two Suitcases of Children’s Drawings
from Terezin, 1942-1944

by Edward Hirsch
The American Poetry Review
Volume 31, Number 5
September/October 2002

Pratajev-Forschung

[Makarios alias Holger Oley] stellte sein frisch erschienenes Werk, den „Pratajev-Almanach“ Band 1, vor. Pratajev war Lyriker, Karussellführer, Hilfszahnarzt, Verkoster und vieles mehr. Holger Oley erforschte dessen Lebensumstände und ist sehr daran interessiert, den ohnehin schon großen Kreis der Pratajevkenner zu erweitern.

So konnte der geneigte Hörer skurrilen Arztregeln, prägnanten Tagebucheinträgen oder einfach abstrakten Begebenheiten aus dem Leben und Schaffen des trinkfesten Russen beiwohnen. Makarios schaffte es immer, wieder den Raum mit einem Lachen zu füllen, indem er uns den sympathischen Russen und seinen etwas gewöhnungsbedürftigen Humor näher brachte. / Sächsische Zeitung 18.9.03

Grytzko Mascioni verstorben

Der Schweizer Dichter und Schriftsteller Grytzko Mascioni ist am vergangenen Freitag im Alter von 66 Jahren nach langer Krankheit verstorben. Sein Tod wurde gestern im „Corriere della Sera“ mit einer vom Autor selbst verfassten Todesanzeige bekannt gegeben. / Wiener Zeitung 18.9.03

Katholisch – arabisch – poetisch

Michael Braun bespricht für die BaZ vom 18.9.03 neue Zeitschriften. Zwei Auszüge:

Weit näher an die poetischen Einzelheiten tastet sich in Heft 159 der «manuskripte» ein famoser Essay des Schriftstellers Martin Mosebach heran. Seine Exegese entziffert die Czernin’ schen Sonette als romantischen Idealfall der Poesie, in dem «Begriffe und Anschauungen einander die Augen aufschlagen». Mosebach geht so weit, in der Czernin’schen Elementenkunde den wunderbaren Vollzug einer «katholischen Verkörperungs- oder Inkarnationsregel» erkennen zu wollen. …

Derweil nimmt Leopold Federmair in der neuen Doppelnummer von «Kolik» (Nr. 22/23) einen zweiten Anlauf, um seine massiven Zweifel an der poetischen Dignität von Czernins Sonetten argumentativ zu untermauern. Auf die Belehrungen des «bedeutenden Dichters» und seines «Wachmanns für Ordnung» reagiert Federmair dabei mit einer etwas zu ostentativ ausgestellten Ironie, die auf der angeblichen «Überladenheit» und «historizistischen» Verbissenheit der Czernin’schen Gedichte beharrt. Bislang verwenden die Diskutanten noch zu viel Energie auf gegenseitige Kränkungen anstatt den Blick über die eigenen Begrenztheiten hinaus zu richten. Ein solch vergleichender Blick könnte zum Beispiel in den Texten des aus Dresden stammenden Lyrikers Christian Lehnert den interessanten Gegenentwurf einer religiös inspirierten Dichtung entdecken, die sich von den strengen formalistischen Exerzitien eines Czernins wegbewegt hin zu einer offeneren Poetik. In einem umfangreichen Gespräch mit der Zeitschrift «neue deutsche literatur» (ndl, 5/2003), die endlich mal wieder ein interessantes Heft vorlegt, beschreibt Lehnert das Erlernen des Hebräischen und des Arabischen als Initialzündung seiner Poesie. Wer sich mit den Wurzeln der arabischen Dichtung vertraut macht, dem öffnen sich, so Lehnert, auch «die Tore in die Tiefe der Mystik und eine Sprache, die an Musik grenzt». Der Grundfigur der arabischen Dichtung, der Suche nach der unerreichbaren Geliebten, entspreche die Sehnsucht der islamischen Mystik nach dem unsagbaren Gott. Die Wahlverwandtschaft von Gedicht und Gebet – sie erfüllt sich sowohl in den «Transsubstantiationssonetten» Franz Josef Czernins wie auch in den mystischen Schöpfungsgedichten eines Christian Lehnerts.

  • «manuskripte», Hefte 159 und 160, Sachstr. 17, A-8010 Graz, je 140 S., je Fr. 13.-.
  • «Kolik», Hefte 22 und 23, Taborstrasse 33/231, A-1020 Wien, 248 S., Fr. 24.-.
  • «neue deutsche literatur», Heft 5/2003. Aufbau Verlag. 192 S., ca. Fr. 16 .-.

Universalgedicht det/ das

Wörter berühren sich mit den Phänomenen; sie wissen von einem riesigen Realitätsgeflecht. Damit aber die Wörter und Dinge untereinander in eine Beziehung treten können, bedarf es der Ordnung der Sätze und der Musik in den Sätzen. In der poetischen Organisation sprachlicher Zeichen spiegelt sich immer eine mathematische Organisation, ein bestimmtes serielles Prinzip, ein Zahlensystem. Es verhält sich sogar so, dass das mathematische Verhältnisspiel die Sprache erst zu sich selber bringt. Die Dichterin mit ihrem strengen, alles andere als willkürlichen Dichten weiss mehr als die zufällig Redenden. Sie ist näher bei Delphi, ist Pythia und Priesterin zugleich.

Das Zutrauen in ihr Tun verlieh Inger Christensen Flügel. Sie wagte es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ein «Universalgedicht» in Angriff zu nehmen, womit auf ein anderes Novalis-Wort angespielt sei. Nicht mehr und nicht weniger als ein Weltpoem hatte sie damals mit «det» angestrebt. In der hervorragenden Übersetzung von Hanns Grössel ist es jetzt auch auf Deutsch zu lesen: «das». In dem poetischen Schöpfungsbericht lässt sie die Systeme fruchtbar ineinander spielen. Eines verstärkt das andere. Das hauptsächliche Ordnungsprinzip basiert auf den Zahlen drei und acht. Jeder der drei Teile Prologos, Logos, Epilogos ist neu organisiert. / Beatrice von Matt, NZZ 17.9.03

Inger Christensen: det/das. Aus dem Dänischen von Hanns Grössel. Dänische Literatur der Moderne 15, Kleinheinrich-Verlag, Münster 2002. 463 S., EUR 45.-.

DLF zum Tod von Josef Hirsal

Kann man Ernst Jandl, den großen österreichischen Sprachkünstler, in eine andere Sprache übersetzen? Man kann, wenn man ein eben so großer Künstler mit Gespür für den Witz, die Wirkung und die Wahrheit der Sprache ist. Josef Hirsal war so ein Künstler. Er übersetzte Jandl und Morgenstern, Kafka, Hildesheimer und Enzensberger ins Tschechische. Vor allem aber war Hirsal selbst einer der bedeutendsten Autoren experimenteller Poesie in Böhmen. Josef Hirsal ist im Alter von 83 Jahren in Prag gestorben. / DLF 17.9.03

DLF: Er hat einmal gesagt, er habe sich in die konkrete Poesie als Dichter zurückgezogen, weil er etwas machen wollte, das absolut nicht missbraucht werden könnte. Ist ihm das gelungen? Hat er sich nie missbrauchen lassen?

Tomas Kafka: Ich glaube, ja. Er wurde eher verschwiegen als missbraucht, aber bei all den technizistischen Ansatz wie Konkretismus usw. wie es die westeuropäischen Prediger von Konkretismus gemeint haben, Hirsal blieb bei alldem ein essentieller Dichter. Er konnte zwar Kopflyrik produzieren, aber irgendwie wurde es immer ein bisschen „verschmutzt“ durch seine lyrische Ader oder Denkweise. Deswegen blieb Hirsal quasi ein Konkretist oder Avantgardist bis zum Ende seines Schaffens, aber zugleich war er ein ganz autonomer Dichter, absolut unabhängig auch von den Ismen, die er vielleicht bisweilen selbst mittragen und predigen wollte.

Christine Lavant-Lyrik-Preises 2003

In die Endrunde des Christine Lavant-Lyrik-Preises 2003 kamen: Christine Haller-Martin (Südtirol), Barbara Hundegger (Österreich), Jürgen Nendza (Deutschland), Knut Schaflinger (in Deutschland lebender Österreicher), Uwe Tellkamp und Jan Wagner (beide Deutschland). Insgesamt reichten 385 Autoren aus 13 Nationen Texte ein.

Die Lesungen finden am 25. und 26. September, jeweils ab 19 Uhr, im Festsaal des Wolfsberger Rathauses statt. / Wiener Zeitung 17.9.03

Edith Plath,

Tochter der Dichterin Sylvia Plath, protestiert mit einem Gedicht gegen die Verfilmung des Lebens ihrer Mutter, berichtet die Netzeitung. / 17.9.03

«Steine»

ist der längste und beeindruckendste von Urweiders Gedichtzyklen überschrieben. Er beginnt, als wollte er eine Phänomenologie des Gesteins entwerfen: «Steine werden aus dem meer gewaschen, / dem meer, von wo die schwalben kommen». Das lässt sich ganz harmlos an, doch schon im dritten und vierten Vers gerät das Gedicht in die verschatteten Zonen: «die schwalben, die dunkelgrau, fast schwarz / in schwärmen gegen die sonne stehen». Zeichen werden gegen den Himmel geschrieben, dunkel heben sie sich ab vom lichten Hintergrund und stehen als Warnung über einer Landschaft, die leicht als Idylle erscheinen könnte. «Steine, ungeschliffene, nicht polierte, / zeigen ihre farben erst durch wasser.» Unbeirrt fährt derweil das Gedicht mit seinen Erkundungen fort, während zugleich von täglichen Gängen die Rede ist: «in richtung spital oder vom spital zurück», so heisst es, ganz lapidar: «ein abstecher sozusagen, / vorbei an grossflächigen fenstern verschiedener therapiestationen». / Roman Bucheli, NZZ 16.9.03

Raphael Urweider: Das Gegenteil von Fleisch. Gedichte. Dumont-Verlag, Köln 2003. 90 S., Fr. 32.80.

Herwarth Walden 125

Im Neuen Deutschland vom 16.9.03 erinnert Horst Haase an den 125. Geburtstag von Herwarth Walden.

Bajonette und Fallbeile

Mit dem Lyriker Ko Un und dem Erzähler Lee Hochol stellten sich jetzt zwei der bedeutendsten Autoren aus Korea bei den Asien-Pazifik-Wochen vor. Beider Werk ist geprägt von der Hoffnung auf Wiedervereinigung.

Wenn ein Koreaner seine Überzeugung deutlich artikuliert, wirkt das auf Deutsche immer wie ein mittlerer Tobsuchtsanfall: Der Redner bebt auf seinem Stuhl, die Stimme wirft knirschende Konsonanten durch den Saal, die Hände verwandeln sich gestikulierend in Bajonette und Fallbeile. Ko Un, Koreas großer Lyriker, hat während des Berliner Literaturfestivals vorgeführt, dass Gedichte im alten Korea eigentlich Lieder gewesen sind, also Musik. Daran möchte er anknüpfen, die Seele seines Volkes durch Poesie bewahrend. „Die Musik war das Bindeglied zwischen der Dichtung und dem Universum“, sagt er, „doch mit der Einführung des Buchdrucks verloren die Lieder ihre Funktion. Die feudale Schicht betrachtete sie fortan als vulgär.“ / Berliner Morgenpost 16.9.03

Ko Un: „Ein Tag voller Wind“, Pendragon-Verlag,
12,80 Euro