Harald Hartung, FAZ 6.12.03, bespricht:
Adam Zagajewski
„Die Wiesen von Burgund“
Ausgewählte Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 2003 ISBN 3446203664,
Gebunden 176 Seiten, 15,90 EUR
Als Stefan George am 4. Dezember 1933 starb ein populärer Lyriker. Ein Jahr nach Georges Tod summierte sein Verleger Georg Bondi die Höhe der Auflagen von Georges Büchern und gelangte zu staunenswerten Zahlen: Von keinem der Georgeschen Gedichtbände waren weniger als 10 000 Exemplare gedruckt worden, und bei seinem erfolgreichsten Buch, dem „Jahr der Seele“, belief sich die Zahl sogar auf 31 000 Exemplare. Seinen Kommentar zum Weltkrieg, das große Gedicht „Der Krieg“, veröffentlichte George im Jahre 1917 als Flugschrift in nicht weniger als 6600 Exemplaren: eine Zahl, von der die von George verachteten Expressionisten allenfalls hätten träumen können. Am Ende seines Lebens scheint es auf dem Lyrikmarkt geradezu eine George-Überproduktion gegeben zu haben; jedenfalls finden sich im Dezember 1932 in der Literarischen Welt, der wichtigsten Literaturzeitschrift der Weimarer Republik, verschiedentlich Anzeigen von Buchhandlungen, die Werke Georges in „verlagsneuen Bänden“ zu stark herabgesetzten Preisen anboten. …
In seinem Vertrauen auf die lebensverändernde Kraft des autonomen Gedichts blieb George zeitlebens ein Erbe der deutschen Klassik und Romantik. In seiner Publikationspolitik, seiner Medienstrategie, seiner Selbstinszenierung gegenüber der Öffentlichkeit hingegen handelte er, wie die Auflagenziffern seiner Bücher zeigen, durch und durch modern. Noch in seinem Beharren darauf, jede Publikation aus seinem Kreis mit dem Zeichen der „Blätter für die Kunst“ zu versehen, gehorchte er der Logik der Warenästhetik, die auf Distinktionsgewinn durch ein Logo setzt, das auch dem Massenartikel Exklusivität zertifiziert. In hoc signo vincis: Wenn schon nicht das Neue Reich gewonnen wurde, so doch immerhin der Lyrikmarkt. / Ernst Osterkamp, SZ 4.12.03
… und die SZ. Die bringt zum Anlaß zwei weitere Beiträge:
George und Gundolf: Nachrichten von einem Treffen, das nicht stattgefunden haben sollte (Ulrich Raulff)
Wo Unsrer Frauen türme ragen: Stefan George und München (Jens Malte Fischer)
Vor nahezu einem halben Jahrhundert hat ein Freund bei Peter Rühmkorf „Schizographie“ festgestellt. Schizographie, erklärt Rühmkorf selbstironisch, meint zwei Schreibantriebe, die schwer auf einen Nenner zu bringen waren und sind: ein apokalyptisches Grundgefühl einerseits und ein aufklärerisches Bedürfnis andererseits. …
Vielleicht ist das ein Anzeichen fortgeschrittener Schizographie, eher jedoch eine Mischung aus Weisheit, Witz und Wehmut – und wohl auch ein Wissen um die Grenzen: „Dies Gedicht ist wie ein Ich, / vorläufig und verbesserlich / und zunächst ganz unbestimmt, / ob’s die nächste Kurve nimmt.“ / Hannoversche Allgemeine Zeitung 3.12.03
In diesem Herbst ist erschienen: „Funken fliegen zwischen Hut und Schuh. Lichtblicke, Schweifsterne, Donnerkeile“, hrsg. von Stefan Ulrich Meyer. DVA. 149 Seiten, 17,90 Euro.
schreibt Ezra Pound (The Independent ca. 3.12.03), aber Ossip Mandelstam [mit Majakowski, Jessenin, und und und] widerspricht:
Der Tod eines Künstlers … wirkt gleichsam als Quelle dieses Schaffens, als dessen teleologischer Grund“, schrieb Ossip Mandelstam 1916 nach dem Tod Skrjabins und formulierte damit den Mechanismus der Kanonisierung des Künstlers im kollektiven Gedächtnis der Nation. Ein Leben nach dem physischen Ableben gibt es nur, wenn man Klassiker wird. Die Zeilen Mandelstams wurden stets als Vorahnung des eigenen Schicksals oder als self-fulfilling prophecy gelesen. Tatsächlich war sein tragischer Lebensweg wie geschaffen für eine postume Mythologisierung. / FAZ 2.12.03
An den Thüringer Lyriker Walter Werner (der in DDR-Zeiten wohl zu Recht zu den wichtigen Autoren der „mittleren“ Generation gezählt wurde) erinnert eine Kurzbesprechung in der „Thüringer Allgemeinen“, ca. 2.12.03
Walter Werner: „Gewöhnliche Landschaft. Thüringische Gedichte“, quartus-Verlag, 8,90 Euro.
„Poet Personalities“ heisst eine neue Software, die dichten kann. Das Programm des amerikanischen KI-Propheten Ray Kurzweil kann Gedichte analysieren, dessen Stil lernen und ähnlich lautende Texte erzeugen. / news.ch 2.12.03
Download hier.
präsentierte das vierte Lyrik-Wochenende in Bern:
Während die ersten beiden dank ihrer Zugehörigkeit zur deutschsprachigen Minderheit Rumäniens hierzulande so heimisch wie geachtet sind, sprengte die in Bukarest lebende Autorin Nora Juga gänzlich unbekannte lyrische Tropfen ein. Sie schillerten surrealistisch, spiegelten die literarische Gegenwart grotesk verzerrt – und verwiesen in ihrer Fremdheit erst recht auf den Resonanzraum dieses wie des folgenden Lyrik- Abends. Denn nicht nur die abgründige Distanziertheit von Franz Hodjaks prosaischen Versen verdeutlichte sich im Kontrast, sondern auch die Nähe von Herta Müllers Gedicht-Collagen zur späten Tradition des rumänischen Surrealismus. Indem der Folgeabend dem rumänischen Dichter und Surrealisten Gellu Naum (1915-2003) gewidmet war, dessen eigenwilliges Werk Oskar Pastior und Herta Müller in einer Hommage lyrisch umspielten, weitete sich der Blick auf das so Nahe und doch so Ferne des rumänischen Literaturschaffens. / Sibylle Birrer, NZZ 1.12.03
Rumänisch kommt uns heute auch – offline of course – die FAZ. / 1.12.03 Karl-Markus Gauß bespricht Daniel Banulescus Buch:
Daniel Banulescu, Schrumpeln wirst du wirst eine exotische Frucht sein. Gedichte (rumänisch / deutsch)
Aus dem Rumänischen und mit einem Nachwort von Ernest Wichner
144 Seiten, 11 x 17 cm, tapeziert mit Schutzumschlag
Euro 12, SFR 20
ISBN 3-901118-51-9 / Reihe abrasch Nr. 5
edition per procura, Januar 2003.
Passend Perlentaucher: Post aus der Walachei (wenn auch lyrikfrei)
‚[Robert Lowell’s] poems are not easy reading for the average American, who knows no poetry, no history, no theology, and no Latin roots.‘
— Helen Vendler, The New Republic, 28 July 2003
‚I like reading poetry at night — a doctor I know claims that this is because „poetry is the only thing you can read when you’re drunk“.‘
— John Lanchester, The Sunday Times, 1 June 2003
– – – So zwei aus zahlreichen Statements über Poesie aus
Pickings and Choosings:
Recent Pronouncements on Poets and Poetry
Selected by Dennis O’Driscoll
Poetry Ireland Review
(Versammelt bei Poetry Daily)
Zum Thema auch Edward Hirsch´s Washington Post Kolumne Poet´s Choice vom 30.11.03:
Poiesis means „making“ and, as the ancient Greeks recognized, the poet is first and foremost a maker. The Greeks saw no contradiction between the truth that poetry is inspired and, simultaneously, an art (techne, a craft requiring a blend of talent, training and practice.
/ JEREMY EICHLER, NYT*) November 30, 2003 (über „Verklärte Nacht“, Text Richard Dehmel)
[Achtung: Extrem-Bildung!:]
Das eigenwillige Klangbild ist ein Hauptmerkmal der Dichtungen von Gerard Manley Hopkins (1844-1889). Weniger bekannt ist jedoch, dass es von den strengen Gesetzen walisischer Verskunst inspiriert und beeinflusst wurde. …
Wie stark die Lieblichkeit des hügeligen Clwyd Valley Hopkins gedrängt haben muss, sein Gelübde zu brechen und zur Dichtung zurückzukehren, kann man seinen Tagebucheintragungen aus jenen ersten Monaten in Wales entnehmen. Die lyrischen Naturbeschreibungen, zu denen ihn die walisische Landschaft beflügelt, fallen, obwohl in Prosa, durch betonte Rhythmisierung und Musikalität auf und nehmen bereits den «new rhythm» voraus, zu dem ihm die walisische Prosodie wichtige formale Impulse für seine späteren Sonette geben wird:
A lovely sunset of rosy juices and creams and combs; the combs I mean scattered floating bats or rafts or racks above, the creams, the strew and bed of the sunset, passing north and south or rather north only into grey marestail and brush along the horizon to the hills. …
Im klassischen cynghanedd groes werden alle Konsonanten der ersten Zeilenhälfte in der gleichen Ordnung in der zweiten Zeilenhälfte wiederholt. Ein absolut reines Beispiel dafür ist in Hopkins‘ Dichtung nicht gefunden worden, aber die Abweichungen bewegen sich im erlaubten Rahmen:
«Of the Yore-flood, of the year’s fall» («The Wreck of the Deutschland»): Die Konsonantenfolge ist f, th, y, f, l (d) / f, th, y, (s), f, l mit den zwei fremden Elementen d und s. …
Die Lautmalerei als Genuss, und dieser Genuss wiederum ein Mittel zur Gotteserfahrung; für den Jesuiten und Dichter Hopkins bedeuteten die Anwendung von cynghanedd und das Spielen mit seinen Variationen einen möglichen Weg aus dem Dilemma zwischen Askese und sinnlicher Freude am Wort als bedeutungstragendem Klang. / Alexandra Lavizzari, NZZ 29.11.03
Hier Hopkins´ Gedichte (mit Wortliste und Konkordanz!).
Vgl. auch das – ja – legendäre Doppelheft „Dichter als Übersetzer“ der Lyrikzeitschrift „Zwischen den Zeilen“, 7/8-1996 (Urs Engeler), in dem ein Gedicht Hopkins´ wahrhaft polylingual präsentiert wurde:
Gerald Manley Hopkins
Repeat that, repeat,
Cuckoo, bird, and open ear wells, heart springs, delightfully sweet,
With a ballad, with a ballad, a rebound
Off trundled timber and scoops of the hillside ground hollow hollow hollow ground:
The whole landscape flushes on a sudden at a sound.
(In ZdZ 7/8: Übersetzungen von Felix Philipp Ingold,
Oskar Pastior, Joachim Sartoruis, Raoul Schrott, Schuldt und Frederic C. Hosenkeel sowie eine Lektüre dieser Übersetzungen durch Hans-Jost Frey)
Außerdem in der Sonnabend- NZZ: Ein Gedicht des irakischen Lyrikers Saadi Yussuf: Schloß Helsingör.
NZZ vom 28.11.03 berichtet über die Sorgen der US-Zeitschrift „Poetry“ mit einer großen Geldspende (Lyrikzeitung 10/2003 u. öfter) – – – In der gleichen Ausgabe ein Verriß des Films „Poem“ („ein kopflastiges und im schlechtesten Sinne typisch deutsches Kinowerk“) – – – In der FAZ vom 28.11.03 feiert Marcel Reich-Ranicki (s)eine Großtat: Die Frankfurter Anthologie erreicht am 29.11.03 stolze 1500. (Da stellt der Meister selbst ein weniger bekanntes Goethegedicht vor.) Natürlich nur dem zahlenden Leser – die Zeitung von Format, hinter der immer ein kluger Kopf Gedichte liest, schätzt Gedichte viel zu sehr, um sie dem schmarotzenden Internet-Publikum vorzuwerfen.
Gute Nacht Umwelt.
Ich geh schlafen.
(Irgendein Zitat)
„Der zweite Vorschlag betrifft die deutsch-jüdische Symbiose in ihrer Auswirkung auf markante Persönlichkeiten. Diese ist eines der merkwürdigsten historischen Phänomene. Die innere Problematik der daran beteiligten Menschen, das Verhältnis zwischen Deutschtum und Judentum, mit dem diese Menschen nicht zu Rande kamen, sollte Aufgabe einer Behandlung sein.
Beispiele dieser Problematik sind in einer höchst bemerkenswerten Weise in der deutschen Literatur zu finden. Es würde sich nun darum handeln, an einer Reihe von Beispielen verschiedener Art darzustellen, worum es hier ging. Dies könnte z.B. an Figuren wie Rudolf Borchardt, Jakob Wassermann, Karl Wolfskehl, Karl Kraus, Friedrich Gundolf, Peter Altenburg, Samuel Lublinski geschehen.“ Mit diesen Worten umriss Martin Buber am 8. April 1959 die künftigen Forschungsaufgaben des Londoner Leo Baeck Institutes.
Für die meisten der genannten Persönlichkeiten steht nicht nur die von Buber angeregte Forschungsarbeit noch aus. Hingegen lässt sich im Falle Rudolf Borchardts in den vergangenen zehn Jahren ein erhöhtes Interesse an seinem Leben und Werk wahrnehmen. …
Der studierte Altphilologie ist Präzisionsfanatiker, doch bei weitem nicht alle seine Werke profitieren davon. Oftmals kommen seine Gedichte in allzu klassischem Gewand daher, so, als könnten sie den Furor des Autors für den Moment bändigen. Vieles wird dabei zur Geste. Auch von davon schreibt Kissler, dessen unaufgeregter Stil eine ebenso eigentümliche wie genaue Distanz zu seinem Gegenstand hält. Anders als Borchardt, der immer wieder Synthesen schaffen möchte, wo die Realität längst ihr Veto eingelegt hat, achtet der Interpret sehr genau auf die Falle der falschen Identifikation. / hagalil.com 28-11-03
Alexander Kissler:
‚Wo bin ich denn behaust?‘ Rudolf Borchardt und die Erfindung des Ichs
Wallstein Verlag 2003
Euro 34,00
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