Aufregend sinnlos

Aebli ist ein Meister der minimalisierenden Ironie: «Alles hat höchstens keine Bedeutung.» Der Ameisenjäger im Gedicht «Selbstgespräch am Abend» ist zweifellos ein Selbstporträt des Dichters: «Kinder auf der Strasse / machen wenigstens Lärm. / Du machst gar nichts.» Nichts ausser Jagd auf Ameisen: «Erstaunlich viel / Angriffsfläche, diese / Lebewesen, / und dabei so / klein», bemerkt er. Das kommt einer Selbsterkenntnis gleich. Der Jäger und Dichter redet von der eigenen Angriffsfläche und seiner Statur, die nicht mächtiger ist als die seiner Beute: «Überall, wo er hinkommt, bildet er ein Klümpchen.» – «Klümpchens» Arbeit, nein: Aeblis Poesie ist so verletzlich wie Ameisen. Mit einer seiner eigenen Formeln ausgedrückt: Sie ist so aufregend sinnlos wie «Staub fotografieren». / NZZ 24.1.04

Kurt Aebli: Ameisenjagd. Gedichte. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2004. 75 S., Fr. 14.90.

„Romantisch – aber respektabel“,

meint Karlin im Independent vom 23.1.04 über den englischen Dichter Robert Browning anläßlich einer neuen Biographie.

Todesmarsch der ungarischen Literatur

In den Studienjahren akzeptiert er nur noch zwei Arten der Askese: das Lesen und sublimierte literarisch-romantische Freundschaften. Allerdings sind seine meisten Weggefährten katholisch getaufte Juden, wie der Essayist Gábor Halász, der Romancier und geistige Begründer des literarischen „Populismus“ György Sárközi und der Lyriker Miklós Radnóti. … Im Januar 1943 geriet Szerbs Literaturgeschichte auf den Index, um im Volltext erst im Jahr 1990 wiederaufzuerstehen. 

Szerb selbst kam erst Ende 1944 unter die Räder der Tötungsmaschine. Als Zwangsarbeiter im Lager Balf an der Grenze zu Österreich traf er sich mit den beiden Jugendfreunden, Halász und Sárközi. Verehrer von Szerb kamen mit einem gefälschten Armeebefehl, um ihn zu retten. Er lehnte ab, denn er wollte das Schicksal seiner Generation teilen. Der völlig geschwächte, arbeitsunfähige Schriftsteller wurde im Januar 1945 von jungen Pfeilkreuzlern totgeschlagen. Die beiden Freunde überlebten ihn um ein paar Tage. Ein vierter katholischer Jude, Miklós Radnóti, fand seinen Tod bereits im November 1944 bei Györ – 80 Kilometer von Balf entfernt. / György DalosDie Zeit 5/2004 über den Schriftsteller Antal Szerb.

Der große ungarische Lyriker Miklos Rádnoti (1909 – 1944) wurde im November 1944 auf einem Gewaltmarsch zu einer Kupfermine als „marschunfähig“ ermordet. 1946 fand man bei der Exhumierung in einem Massengrab ein blutverschmiertes Notizbuch mit letzten Gedichten, darunter das Gedicht „Gewaltmarsch“, datiert 5.9. 1944.

Im Netz:

Forced Marsh (Wandering Minstrels)
Achte Ekloge (Nachdichtung Franz Fühmann), Die Gazette 28/ 2000.
Radnotis Gedicht How others see this country
Eine Interpretation von „Gewaltmarsch“ durch Huck Gutman
On the pains of translating Miklos RadnotiGedicht von Frederick Turner
ein Gedicht auf Spanisch
Newton Ramos-de-Oliveira: Quem matou Miklós Radnoti? (Wer tötete Miklos Radnoti?) (portugiesisch; mit einer deutschen Zeile)
Nachdichtungen ins Polnische von Tadeusz Nowak
Übertragungen ins Schwedische (darunter: Tvångsmarsch)
Über eine französische Ausgabe (Eva Almassy, frz.)
Das Notizbuch, Faksimile und englische Übersetzung
Ein Gedicht von Renny Christopher, gewidmet der Ehefrau Radnotis
After Reading the Last Three Poems of Miklos Radnoti (Gedichtvon Dave Kelly)
Eine ungarische Seite über den Dichter
Gesammelte Gedichte online (ungar.)

Hier als Beitrag zur deutschen Sprachkunde zwei Auszüge aus seinen Gedichten im ungarischen Original:

Mellézuhantam, átfordult a teste
s feszes volt már, mint húr, ha pattan.
Tarkólövés. – Így végzed hát te is, –
súgtam magamnak, – csak feküdj nyugodtan.
Halált virágzik most a türelem. –
Der springt noch auf, – hangzott fölöttem.
Sárral kevert vér száradt fülemen.

Szentkirályszabadja, 1944. október 31.

——-
Ékezetek nélkül, csak sort sor alá tapogatva,
úgy irom itt a homályban a verset, mint ahogy élek,
vaksin, hernyóként araszolgatván a papíron;
zseblámpát, könyvet, mindent elvettek a Lager
őrei s posta se jön, köd száll le csupán barakunkra.

Lieferbare Bücher auf Deutsch:

Radnóti, Miklos
Gedichte und Chronik (Ü: Markus Bieler)
(Gutke, K) ISBN 3-928872-32-X
17,00 Eur[D] / 17,50 Eur[A] / 28,00 sFr

Radnóti, Miklós

Erzählung und Gedichte und Fotos (Ü: Skirecki, Hans / Fühmann, Franz / Kolbe, Uwe)
(Oberbaumvlg /CVK) ISBN 3-928254-03-0
19,43 Eur[D] / 20,00 Eur[A]

Radnóti, Miklós

Gedichte, Prosa, Tagebücher, Dokumente, Fotos
(Oberbaumvlg /CVK) ISBN 3-928254-20-0
22,50 Eur[D] / 23,20 Eur[A]

Juden in der ungarischen Literatur
(Lang, Peter Frankfurt) ISBN 3-631-35728-1
57,00 Eur[D] / 57,00 Eur[A]

Bei ZVAB u.a.:
RADNOTI, M. Ansichtskarten. Nachdichtung u. Nachwort v. Franz Fühmann. Berlin, Volk u. Welt, 1967. 103, (1) S. m. 1 Titelbild v. Robert Rehfeldt, 1 Bl. OKart. (Einbd gering gebräunt).  <Bestellnr. LY1530> Erste deutsche Ausgabe

Dichter auf der Kairoer Buchmesse

Mahmoud Darwish, otherwise known as the poet laureate of the Palestinian resistance, has become a regular feature of this department. This year the seasoned lyricist and orator is expected to read selections from his last collection of poems, La Ta’tadhir Amma Fa’alt (Don’t Apologise for what you have Done), which appeared recently in Beirut. Besides Darwish, poetry lovers can look forward to recitations by the celebrated Bahraini poet Qasem Haddad as well as evenings devoted to the late poets Fadwa Touqan and Tawfik Ziyad — important contributors to the modern canon. / Al-Ahram 674/ 2004

In derselben Ausgabe eine Vorschau auf die Frankfurter Buchmesse, die in diesem Jahr arabische Literatur zum Schwerpunkt hat.

Die Letzten

„Wir sind die Letzten“, heißt es in Hans Sahls berühmtem Exilanten-Gedicht, „fragt uns aus!“ Hans Keilson war der letzte jüdische Schriftsteller, der – gefördert von Oskar Loerke – bei S. Fischer debütierte; das war im Jahr 1933. … 1986 erschien der Gedichtband „Sprachwurzellos“, der mittlerweile in einer vierten, erweiterten Auflage vorliegt; 1992 kam das im Exil entstandene und erst jetzt abgeschlossene Poem „Einer Träumenden“ hinzu. Nun ist eine weitere dieser schmalen Sammlungen erschienen, mit „Reden, Gedichten und einer Geschichte“. Sein Titel verdankt sich einer großen und bewegenden Rede, die Keilson 1999 vor der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gehalten hat und die von der Frage handelt, wie sich eine Geschichte zur Sprache bringen lasse, in der Worte vorkommen müssen wie „Birkenau“ und „meine Eltern“. Die „sieben Sterne“ des Großen Wagens sind es, unter deren Zeichen Keilson dieses Geflecht aus Erinnerung und Erörterung, Autobiographie und Poesie gestellt hat, Rückblicke „aus der Sicht eines alten Mannes, der in der Fremde zu Hause“ ist und zwischen zwei Sprachen. Daneben stehen Gedichte wie das (vor drei Jahren in dieser Zeitung zuerst erschienene) „Experiment“ und zwei Prosastücke; manche kleinere Arbeiten allerdings vermißt man, etwa den erstaunlichen Dialog mit dem Germanisten und einstigen SS-Mann Hans Schwerte. / Heinrich Detering, FAZ 21.1.04

Hans Keilson: „Sieben Sterne“. Reden, Gedichte und eine Geschichte. Mit einem Nachwort von Gerhard Kurz. J. Ricker’sche Universitätsbuchhandlung, Edition Literarischer Salon, Gießen 2003. 48 S., br., 8,50 [Euro].

Die hundert besten Gedichte

der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts – ein brasilianisches Ranking

Hier die zehn ersten Autornamen: Eliot, Pessoa, Valéry, Yeats, Pound, Lorca, Rilke, Kavafis, Apollinaire, Pessoa
Auf Platz 43 und 44 Miklos Radnoti und Attila József

/ 21.1.04

Primat der Poesie?

Über das dritte arabisch-deutsche Schriftstellertreffen in Jemen berichtet Angela Schader, NZZ 21.1.04:

Ein ähnlicher Wettstreit der Künste schien sich im Gespräch über Roman und Lyrik abzuzeichnen; insbesondere in der arabischen Welt mit ihrer starken Lyrik- und relativ jungen Romantradition wird hier ein Konkurrenzverhältnis wahrgenommen. Es sei bezeichnend, resümierte Hassan Dawud am Ende die Debatte, dass die angelernte Trennung zwischen Poesie und Prosa die Hauptachse des Gesprächs gebildet habe, obwohl die meisten Voten auf eine zunehmende Vermischung der beiden Gattungen hinwiesen.

So postulierte ein arabischer Schriftsteller, dass Prosa lyrische Qualitäten haben müsse, um den Menschen überhaupt anzusprechen, und ein anderer wollte im Roman sogar lediglich eine Entwicklungsstufe der Lyrik sehen. Während die arabischen Autoren somit nachgerade von einem Primat der Poesie ausgingen, sah Günter Grass eher die Notwendigkeit, die Lyrik durch ihre Integration in den Roman aus der Nischenposition zu retten, in die sie im Westen geraten sei.

morgengegend

Am 21.1.04 in Gregor Koalls Lyrikmail: Achim Wagner: morgengegend.
Der Autor: geb. 1967 in Coburg, lebt als freier Autor in Köln.
Im Frühjahr 2004 erscheinen „anna beats -gesänge“ in der edition roadhouse, Hannover (http://home.htp-tel.de/kflente/editionroadhouse.html) und „shesha – ein südindien reisefragment“ bei SuKuLTur, Berlin. Mehrere Auszeichnungen, zuletzt Artist in Residence, Stiftung Starke, Berlin, 2003.

 Lyrikmail - die tägliche Dosis Poesie - 
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 die Lyrikmail der Woche (Stand: 18.01.2004)

Nicht nur gemacht

Am Ende dieses Buchs finden sich einige Epigramme unter dem sammelnden Titel «Unterwegs». Zweizeiler, Drei- und Vierzeiler, die Ironie und Irritation so ausspielen, dass fürs poetisch Überraschende noch immer genügend Raum bleibt. Karl Dedecius, Zagajewskis Übersetzer, fasst sie so ins Deutsche, dass jenes Hin und Her aus intellektueller Mobilität und lyrischer Gelassenheit auch in dem härteren Idiom erfahrbar ist. Ein Gedicht, da hatte Benn schon Recht, wird gemacht; ein Gedicht, das wüsste jeder zur Mystik hin geneigte Geist, wird nicht nur gemacht. «Segesta»: «Auf der Wiese ein Riesentempel – / ein wildes Tier / offen gegen den Himmel.» /Martin Meyer, NZZ 20.1.04

Adam Zagajewski: Die Wiesen von Burgund. Gedichte. Herausgegeben und aus dem Polnischen übersetzt von Karl Dedecius. Verlag Carl Hanser, München 2003. 168 S., Fr. 29.-.

Niemen nie zyje

Diese Meldung mag eher die Musik- als die Lyrikszene betreffen – aber nur zum Teil.

Der polnische Sänger Czeslaw Niemen, der auch in DDR wegen seiner politischen Rockballaden in den achtziger Jahren beliebt war, ist in der Nacht zum Sonntag im Alter von 65 Jahren an einer Krebserkrankung gestorben. Niemen galt als „König der polnischen Musik“. In einem seiner berühmtesten Lieder, der Rockballade „Verrückt ist diese Welt“, erteilte er Hass und Menschenverachtung eine Absage. In Polen feierte Niemen vor allem in den sechziger Jahren Triumphe. Seit Ende der achtziger Jahre erlebte er ein Comeback. Seine musikalische Bandbreite reichte von Schlagern über von Volksmusik inspirierten Liedern bis hin zum Rock. / Berliner Morgenpost 20.1.04

Die Nachricht geht mir nah, in der Tat. In den 70er und 80er Jahren pilgerte ich zu den Häusern der polnischen Kultur in Berlin und Leipzig (und zu den Plattenläden nahe der Grenze zwischen Deutsch- und Polnisch-Pommern: Swinemünde/ Swinoujscie und Stettin/ Szczecin), um seine neusten Platten zu erwerben. Niemen vertonte und sang Texte bekannter polnischer Dichter des 19. u. 20. Jahrhunderts wie Cyprian Norwid, Juliusz Slowacki, Adam Asnyk, gar ein Sonett des Nationaldichters Adam Mickiewicz (Dobranoc). Einige Texte schrieb er selbst, darunter das in der Zeitung zitierte Dziwny jest ten swiat (heißt aber wohl eher „Sonderbar ist diese Welt“).

 

(Welchen Namen hat dieses Loch…)

„Lass doch mal andere an deinen Gedichten teilhaben“ …

„KunstLeuteKunst“ … war von der Kulturbegeisterung selbst positiv überrascht worden. Selbst die Sitzplätze auf dem Boden waren ausnahmslos belegt. Viele Studenten fühlten sich wie in ihren überfüllten Vorlesungen – die Stimmung war hier jedoch um einiges besser. / Roman Cieslik, Ostseezeitung 19.1.04

Eric Wallis ist der Sieger des Greifswalder Poetry Slams Jan/2004

Wandering Minstrels

Als Hinweis auf eine herausragende englischsprachige Lyrikseite hier – aus der Tagesmail vom 18.1.04 – drei Strophen aus einem alten walisischen Gedicht im mittelwalisischen Original und in englischer Übersetzung:

Otid eiry, toid ystrad;
Dyfrysynt cedwyr i gad;
Mi nid af, anaf ni’m gad.

Otid eiry o du rhiw;
Carcharor gorwydd, cul biw;
Nid annwyd hafddydd heddiw.

Otid eiry, gwyn goror mynydd;
Llwm gwydd llong ar for;
Mecid llwfr llawer cyngor.

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Snow is falling, cloaks the valley.
Soldiers hasten to battle.
I go not, a wound stays me.

Snow is falling on the slope.
Stallion confined; lean cattle.
No summer day is today.

Snow is falling, white the mountain’s edge.
Ship’s mast bare at sea.
A coward conceives many schemes.

(Oxford Book of Welsh Poetry in English)

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http://www.cs.rice.edu/~ssiyer/minstrels/poems/1433.html
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„Poet’s Choice“:

Edward Hirsch introduces a poem by William Meredith. / The Washington Post. 18.1.04

Der Peter-Huchel-Preis

für deutschsprachige Lyrik geht an den in Heidelberg lebenden Hans Thill. Die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung wurde dem 1954 geborenen Lyriker und Übersetzer für seinen Band „Kühle Religionen“ zugesprochen. / 18.1.04

Gedicht: Sonnenfinsternis in Honfleur
Bio hier
Übersetzerwerkstatt „Poesie der Nachbarn“

„Frei“-Tod Zwetajewas

Ein Buch über den „Frei“-Tod der Dichterin Marina Zwetajewa kurz nach ihrer Rückkehr aus dem Exil bespricht Carlin Romano im Philadelphia Inquirer vom 18.1.04:

But The Death of A Poet compensates as a stark, scene-by-scene depiction of all the straws piled slowly upon one another: Tsvetaeva living with her son in a part of a partitioned provincial room, desperately seeking work as a dishwasher, abasing herself to plead with Stalin by letter for her husband’s life (Stalin never answered.)
Sparely, intricately, it records how a rarefied literary soul who once corresponded grandly with Rilke found herself at wit’s end – ravaged, tormented – in a country gone mad with murder, betrayal, denunciation and disloyalty.

The Death of a Poet
The Last Days of Marina Tsvetaeva
By Irma Kudrova
Translated by Mary Ann Szporluk
Overlook. 229 pp. $29.95