6. Hel-Automat

taz: Herr Maleu, Sie sind Geschäftsführer des SuKuLTuR-Verlags. Seit Dezember vertreiben Sie die Heftreihe „Schöner Lesen“ in elf Süßwarenautomaten in Berlin. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Literatur in Automaten zu verkaufen?

Frank Maleu: Seit die Lesehefte erscheinen, das ist seit 1996, suche ich nach ungewöhnlichen Vertriebswegen. Und die Idee mit dem Automatenverkauf ist gar nicht so originell. Der Dichter Bert Papenfuß erzählte mir beispielsweise, dass Roth-Händle in den Siebzigerjahren bereits Kurzkrimis in Zigarettenautomaten verkauft hat. Und von 1912 bis 1940 vertrieb auch Reclam Literatur auf diese Weise, zeitweise besaß der Verlag Zweitausend eigene Buchautomaten. …

Was für Texte veröffentlichen Sie in der Reihe?

Vornehmlich junge, zeitgenössische Literatur. Erzählungen, experimentelle Texte, Lyrik, aber auch kurze Theaterstücke. Also alle Sparten. Von eher bekannteren Autoren wie Dietmar Dath oder Ilse Kilic aus Wien, bis hin zu Underground-Größen wie Bdolf, den Berliner Hel oder Paul Anton Bangen. Ungewöhnlich sind aber auch die Formate. Die Hefte sind in der Regel sechzehn bis vierundzwanzig Seiten lang, also ideal für die schnelle Lektüre. Und wem der Text gefällt und wer noch mehr lesen will, kann anschließend in die Buchhandlung gehen und die dickeren und teureren Bücher des Autors kaufen.

 

Eine Liste mit den elf Berliner Automatenstandorten findet sich im Internet unter: www.sukultur.de
taz Berlin lokal Nr. 7275 vom 4.2.2004

Hel: vgl. L&P 06/2003 (Suchwort: Pommern!)

5. Neuer Schock

Nach „Die Welt als Schock und erweiterte Tatsache“ (1995, vergriffen) endlich:
Der neue Werksquerschnitt seiner besten „spirituellen“ Gedichte aus 11 Jahren !!!

36 ausgewählte transreligiöse Gedichte 1992-2003 im bibliophilen schmalen Hochformat komplett auf grünem Karton gedruckt !!!

MOTTO:

>…die popliteratur ist wiedermal scheintot, die politik immer noch nicht mit den mitteln der poesie zu revolutionieren und der traumberuf schriftsteller reduziert sich dank neuer medien auf einen albtraum von buchstabendesign…<<

Tom de Toys, zitiert aus dem unveröffentlichten Essay:
„G-ZAYTENWÄXEL (HOMMAGE ANS SCHARFE ‚ß‘)“ vom 28.9.2003

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Leseprobe:

3.6.2003

V.E.R.S.ÄNKUNG©˜
V.ielleicht sind wir da
E.twas passiert immer
R.uhe bewegt sich
S.achlich und sanft
Ä.ndern sich dinge mit
N.utzlosem wert
K.nallt kein
U.r die
N.atur bleibt
G.ott
G.ibt es nicht

Tom de Toys: DER ERNST IST EIN MEISTER AUS DEUTSCHLAND, G&GN, Februar 2004, 13 €

4. Chinesisches Taglied, Erfindung des Reims

«Das Mädchen sagt: ‹Schon kräht der Hahn› / Der Junker sagt: ‹Noch dämmerts nicht.› / ‹Erheb dich, sieh, wie weit die Nacht!› / ‹Da funkeln noch die Sterne licht.›» Eine Liebesnacht geht zur Neige. Das Mädchen will sich Tageslicht und Sitte fügen, während der Hahn im Bett noch von kosmisch schönen Bildern singt – über den Zeitpunkt, an dem Liebespaare auseinander gehen, sind sie selten einer Meinung . . . Das Lied, das zur Gattung des in etlichen Kulturen verbreiteten «Tageliedes» gehört, entstammt dem «Shi-jing» oder, je nach Transkription, «Schi-king», dem «Buch der Lieder», mit dem im 10. bis 16. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung die dreitausendjährige Literatur Chinas beginnt. … Formal sind die Lieder erstmals ausgezeichnet durch den Reim: eine Weltpremiere./ NZZ 31.1.04

Der Kranich ruft. Chinesische Lieder der ältesten Zeit. Aus dem Chinesischen übertragen und mit einem Nachwort versehen von Günther Debon. Elfenbein-Verlag, Berlin 2003. 188 S., Fr. 30.70

3. Meine Besitztümer und andere Texte

Mit seinen bissigen Aperçus und den bizarr-hintergründigen Selbstbeobachtungen schafft Michaux wie beiläufig einen Fundus höchst origineller Bilder. Eher selten erscheinen derart intensive Momente auch im Lichte grüblerischer Bilanzierung, dann also ernst und melancholisch, aber ebenso faszinierend, wie in dem kleinen Text «Mein Leben»:
Du gehst ohne mich fort, mein Leben. / Du fährst, / Und ich warte noch darauf, einen Schritt zu tun. / Du trägst die Schlacht anderswo hin. / Du wirst mir also abtrünnig. / Ich bin dir nie gefolgt. / Ich sehe nicht klar in deinen Angeboten. / Das Bisschen, das ich verlange, bringst du mir nie. / Wegen diesem Mangel will ich so viel, / So viele Dinge, beinahe die Unendlichkeit . . . / Wegen dem Bisschen, das fehlt und das du nie bringst. / Thomas Laux, NZZ 20.1.04

Henri Michaux: Meine Besitztümer und andere Texte 1929-1938. Aus dem Französischen von Paul Celan, Kurt Leonhard und Dieter Hornig. Droschl-Verlag, Graz 2003. 192 S., Fr. 40.-.

2. André Hellers Poetikvorlesung

Hellers listiger Literaturbegriff erlaubt es ihm auch, in schwärmerischen Worten die vielen Begegnungen mit den „Göttern“ und „Weltmeistern“ des Kunstbetriebs auszumalen. Wie ihn die Hilde Spiel im Café Hawelka an ihr Tischchen bat oder „der Doderer“ Bildungsratschläge gab: „Gehn’s ins Kino!“ Während Heller von all den Großen und Berühmten auf seinem Lebensweg erzählt, geht einem plötzlich der Ludwig Hirsch durch den Kopf, mit seinem Lied von der Tante Dorothee: „Meine Damen und Herr’n! / Zum 1. / zum 2. und zum 3.! / Wer hat noch mehr zu bieten? / Zum Beispiel: / Für an Kopf von Hans Moser / aus Taubendreck modelliert / Oder den Nachttopf / auf dem der kleine Mozart / g’sessen ist / auf dem ihm die Muse / erstmals in’s kleine Popscherl biß?“ / Nico Bleutge, SZ 3.2.04

1. Letternmusik im Gaumentheater

A.J. Weigoni trägt seine Gedichte nicht einfach vor, er gestaltet und verwirklicht sie. Es geht ihm um die Wahrhaftigkeit des Wortes. Seine Gedichte sind eine tonale Komposition mit sprachlichen Mitteln. Er vermag es poetische Performances zu Ereignissen zu machen, weil er den richtigen Rhythmus und die Melodie findet. Unangestrengt schafft er geflüsterte, gesprochene Sprachkunstwerke. … Durch Intensität und Differenziertheit der Wahrnehmung, die in eine genuine Sprachmusik umgesetzt ist, rhythmisch, lautmalerisch und konsonantenreich macht er Sprache als Material sichtbar. Als SprachSpiel mit der Aufforderung zum Mitspielen. … »Letternmusik im Gaumentheater« ist ein Platz für den artistischen Bau autarker Sprachkonstrukte ausserhalb der alltäglichen Rede und normierter Sprachregularien. Dieses Freigelassene, Strömende entsteht durch Präzision, Klarheit und Konzentration. Diese Gedichte oszillieren zwischen dem lyrischen Protestgedicht und dem politischen Liebesgedicht. Sie sollen daran erinnern, was Poesie ursprünglich war: Gesang, Melodie und Rhythmus, Reim und Versmass, Litanei und Mythos. Einst waren Interpreten Barden, Schamane, Seher, Troubadoure, waren Reisende in Sachen Liebe und Moral… im digitalen Zeitalter geht der Schrift der Sinn und damit die Sinnlichkeit immer mehr verloren; so scheint es. A.J. Weigoni sucht mit atmosphärischem Verständnis die Poesie im ältesten „Literaturclip“, den die Menschheit kennt: Dem Gedicht!

Matthias Hagedorn (Pressesprecher des Projekts) / 1.2.04

Scardanelli

Übrigens: „Auch eine Blume ist schön, weil sie blühet unter der Sonne. Es findet das Aug oft im Leben Wesen, die viel schöner noch zu nennen wären, als die Blumen“ (Hölderlin).

/ DETLEF KUHLBRODT, taz 29.1.04

„Scardanelli“. R. Harald Bergmann, 112 Min., D 2000. Termine s. Programm

Mehr Lyrik bitte!

Christoph Wilhelm Aigner zum Stadtschreiber gekürt

Dresden. Der Lyriker und Erzähler Christoph Wilhelm Aigner wird neuer Stadtschreiber in Dresden. 48 Literaten hatten sich beworben, der Österreicher jedoch überzeugte die unabhängige Jury am nachhaltigsten von seinen Talenten und bekam den befristeten Posten. / Sächsische Zeitung 29.1.04

Zensierter Gamsbart

Bereits 1961 hatte sich Hacks wegen eines anderen Textes in eine beispiellose Rufmordkampagne verwickelt gesehen. Verursacht war dies durch seine 1961 im Satire-Septemberheft der „Neuen deutschen Literatur“ abgedruckte Fabel „Der Steinbock und der Lemming“ gewesen, in der es u.a. hieß:

„Ich bin ein alter Steinbock/Im Winterwald/Im Hinterhalt/ Ich bin ein alter Steinbock, juh./

Den Gamsbart am Kinn.“

Eine obligat „wachsame“ und literaturwissenschaftlich professionelle Leserin hatte den Vorsitzenden der Kulturkommission beim ZK der SED, Alfred Kurella, auf diesen „Fall“ aufmerksam gemacht, worauf eine im Partei-Apparat angefertigte Analyse den Text zum „Anleitungsmaterial für staatsfeindliches Handeln“ erklärt hatte. Der erschrockene Autor konnte entlastend ins Feld führen, den Text bereits 1952 in München, also lange vor seiner Übersiedelung in die DDR 1955 geschrieben zu haben und wies die ihm zugetragenen Unterstellungen entschieden zurück.

Hier lag ein für DDR-Verhältnisse aufschlussreiches Beispiel von Fehlinterpretation eines satirischen Textes vor, denn die hinter den Kulissen dräuende Debatte um diesen Text erregte die Gemüter natürlich wegen des vermuteten Bezuges zum SED-Generalsekretär Walter Ulbricht. / Simone Barck, BLZ 28.1.04

Our daily haiku contest

Throw us a line! USATODAY.com publishes a different reader-composed haiku each weekday. What’s haiku? The ancient form of Japanese poetry is composed of three lines, with five syllables in the first, seven syllables in the second and five syllables in the third. To participate, think of a haiku about a Daughter and e-mail your poem to books@usatoday.com / 28.1.04

Über geheime (Liebes-)Briefe

des Poeten Robert Browning berichtet der Independent, 27.1.04

Jewish Indian Poet Nissim Ezekiel dies at 79

Nissim Ezekiel, who helped set a new tone for Indian poetry in English, died aged 79 after a prolonged bout with Alzheimer’s disease, local media reported on Sunday.
Ezekiel, who had been a professor, editor and a literary critic for state radio and The Times of India, died in his native Bombay late on Friday.
His first collection of poetry, A Time to Change, was published in 1952.
Critics found that Ezekiel, a member of India’s tiny Jewish community, approached poetry as an outsider and was free from the self-conscious nationalism prevalent in much Indian literature.
Instead, his voice was that of the urban Indian describing life in the city and issues of alienation and integration, marriage and sexuality.
Educated in part at the Birkbeck College at the University of London, Ezekiel taught American literature at Bombay University.

ABC News Bulletin

vgl. auch Outlook India 26.1.04
Hier eine Biografie und hier.

Gehen und Denken im Frühlicht

Unter Frühlicht geben sich die unausgeschöpften Potentiale der Moderne noch beinahe lupenrein zu erkennen. … Zum bevorstehenden 700. Geburtstag des schon bei seinem letzten runden Jubiläum als „Vater des Humanismus“ zu Tode gefeierten Dichters Francesco Petrarca – er wurde am 15. Juli 1304 im toskanischen Arezzo geboren –, hat Stierle ein Buch von fast 1000 Seiten vorgelegt. … Der Schatten Walter Benjamins, der über Stierles Schreibtisch lag, ist ohnehin an vielen Stellen des Buchs präsent, zumal sich die berüchtigte „Aura“ auch zum feinsinnigen – schon von Petrarca selbst gepflegten – Wortspiel mit dem Namen der Laura eignet. …

Das Buch erfordert geduldige Leser, die bereit sind, gemeinsam mit dem Autor ein gehöriges Stück buchstabengetreuer Mimesis an Petrarcas „Poetik des pensare“ zu betreiben eines Denkens vornehmlich in den Bedeutungsfeldern des Gehens und Umherschweifens, auch auf manchen Umwegen und Abwegen. Längere Durstrecken sind dafür der Preis, doch sobald sie überwunden sind, wird man bei Stierle reich belohnt und betritt allenthalben „di pensier in pensier, di monte in monte“ weite Landschaften des Geistes mit chiare, fresche et dolci acque. Ohnedies gehört zu den Glanzstücken des Buchs, was Stierle über Petrarcas Landschaften, seine Lyrik und seine „Kunst der freien Gedankenbewegung“ schreibt. Da „der deutsche Leser Petrarcas“ nach Stierles Urteil „bisher nur schmale Kost bekommen“**) hat, entschädigt die dichte Lektüre entlang der Petrarcaschen Texte und deren ausgiebiges Zitieren „durchgängig im lateinischen oder italienischen Original mit deutscher Übersetzung“ ein wenig für die mangelnde Greifbarkeit und sprachliche Unzugänglichkeit der Werke. … So weit reichte Petrarcas sinnendes Gehen: I’ vo pensando. / VOLKER BREIDECKER, SZ 24.1.04

KARLHEINZ STIERLE: Francesco Petrarca. Ein Intellektueller im Europa des 14. Jahrhunderts. Hanser Verlag, München 2003. 973 Seiten, 45 Euro.

**) Wo Schmalhans Küchenmeister ist, da ist wünne vil – lang müez ich leben darinne

Amourose Rose

Ein Artikel des Atlantic Monthly beschäftigt sich mit einer neuen Proust-Übersetzung und geht ausführlich auf Übersetzungsprobleme ein. Hier zu einer Stelle mit Reim:

Of the unknown and presumably taste-lacking seducer of this foolish, fallen girl Françoise says in the Kilmartin translation, which comes more or less straight from Scott Moncrieff:

„Dear, dear, it’s just as they used to say in my poor mother’s day:
‚Frogs and snails and puppy-dogs‘ tails,
And dirty sluts in plenty,
Smell sweeter than roses in young men’s noses
When the heart is one-and-twenty.'“

The Davis version puts it like this:

„Oh dear! It’s just as they used to say in my poor mother’s patois:
‚Fall in love with a dog’s bum,
And thou’ll think it pretty as a plum.'“

Now, the original French is even more pungent, and also (grant Proust this much, for once) more terse:

„Qui du cul d’un chien s’amourose,
Il lui parait une rose.“

/ Christopher Hitchens, The Atlantic Monthly 1/2004

Und im Deutschen? Meine Ausgabe, in der Studentenzeit sozusagen vom Mund abgespart (aber es ging, Bücher waren relativ billig) #### erschienen als Lizenzausgabe des Suhrkamp Verlages bei Aufbau Ost(-Berlin), macht es sich einfach. Französische Zitate bleiben einfach im Original stehen. Natürlich nach Suhrkamp-Art ohne Anmerkungen (Unseld konnte sicher genug Französisch).

„Da gibt es nix zu meckern“,

meint Benno Schirrmeister, taz 24.1.04:

Völlig zu Recht erhält der Lyriker und Peter-Huchel-Konservator Lutz Seiler am Montag den Bremer Literaturpreis für seinen Gedichtband „vierzig kilometer nacht“. Der muss im Stehen und laut gelesen werden.