EXTASE STATT ELITE

Jetzt online: www.linkesbuch.de/index48306.htm

[Presseinfo entnommen von: http://www.GGN.de/termine.html%5D

Enthält neben dem Sendeprotokoll „Poemie 4“ (Radioriff 9.1.04) nicht nur das topaktuelle „Paralleltheater“ (programmatische Antiprosa incl. Erfindung des „Theatre Slam“!!!) und einen paranormalen Email-Essay (Thema: Bewußtseinsblasen als Auslöser der Desinteresse-Gesellschaft) sondern auch die erstmalige Wiederveröffentlichung des 157 Zeilen langen Originalgedichts „LANGEWEILE“ (entnommen aus dem alten Werksquerschnitt „Die Welt als Schock und erweiterte Tatsache“; vergriffen), dessen Kurzversion „EXTASE STATT ELITE“ (87 Zeilen) in den letzten Jahren immer wieder über deutsche Bühnen ging – ein Publikumsrenner in Politkreisen!!! Jetzt lieferbar über [www.linkesbuch.de/index48306.htm] für nur 5 Euro, ein wirklich feines handliches Taschenheft mit buntem Cover und bombastischem Inhalt in der neuen Edition „RaDIoT“ des Berliner G&GN-Verlages!!!
Wenn die Germanisten in hundert Jahren zurückblicken, werden sie merken: da war einer, nein, eine ganze Szene, die nicht mitgespielt haben, die unbestechlich blieben, die der Dichtung noch etwas abverlangen wollten außer schickem Pseudopop-Geplätscher von Jung- und Juppie-Autoren… HIER WIRBELT EIN POETISCHER ORKAN, DESSEN AUGE ALS GRENZENLOSES LOCH IN DEN UNTERSTROM DIENT!!!


Leserbrief

gerade weil der tom doch zur kritikfähigkeit beiträgt:
„…HIER WIRBELT EIN POETISCHER ORKAN, DESSEN AUGE ALS GRENZENLOSES LOCH IN DEN UNTERSTROM DIENT!!!“ der oder sollte man sagen: das mal aufpassen sollte, nicht genauso aufgeblasen daherzukrählen. „abverlangen“ is nämlich doch ’n ganz schön „bestechlich“es wort, wie ich finde. (was auch für seine poemie4 gilt, als wenn man jetzt noch darüber lachen sollte, dass lord laessig und tom de toys ein und die selbe person sind)

besten gruß
heiko lehmann


Antwort

lieber Heiko, nein, keine bange, ich behalt einfach meinen „überhumor“, und du darfst das ruhig auch getrost. hey, was meinst du wieviel eklige ignoranz ich schon von seiten des selbsternannten oder/und „institutionalisierten“ establishments ertragen mußte (…) – und daß mein G&GN-institut (mit ALLEN seinen aktivitäten bis ins alltägliche detail) incl. all meiner inzwischen 33 pseudonyme eine PARODIE auf personenkult und wissenschaftsjargon darstellt und dabei TROTZDEM ernstgemeinte, fundierte, und visionäre inhalte liefert, das ist alles seit über einem jahrzehnt in der „freien szene“ bekannt und ein offenes geheimnis!!! ich biete außerdem dem AUFMERKSAMEN & WIRKLICH NEUGIERIGEN SURFER (der nicht nur seinen egomanen senf ablassen will, um sich selbst aufzublasen!!!) zum beispiel einige halbversteckte „enttarnungshinweise“ durch gezielte verlinkung von domains, wo ich für dieselben texte UNTERSCHIEDLICHE pseudonyme verwende oder/und das übliche „alias“ hinzufüge (nur 1 „lässiges“ beispiel hier: siehe www.reliwette.de –> rubrik „gastautoren“) – in diesem sinne vielen dank für deine kritische anmerkung zu meiner EXTASE-werbung: es ist schön zu sehen, daß es wohlgesonnene leute gibt, die sich aber nicht mit dumpfem fan-gehabe einschleimen sondern selber wach sind !!!! dir alles gute !!!

18.01.04

Ringelnatz: Sound & Un-Sound

Ringelnatz wurde berühmt durch Zeilen wie diese: „Überall ist Wunderland./ Überall ist Leben./ Bei meiner Tante im Strumpfenband/ Wie irgendwo daneben …“
Das ist der Ringelnatz-Sound. Der Klang des Witzboldes. Nun ist ein weiterer Ton des deutschen Dichters zu entdecken. Der ernsthafte und nachdenkliche Ringelnatz, der in den Goldenen Zwanzigern das Nazi-Unheil heraufdämmern sah, über Inflation, Rassismus und menschliches Elend schrieb, der Erzähler und der Verfasser zweier autobiografischer Bücher. In einer bibliophil aufgemachten, zweibändigen Kassette mit Erzählungen und Gedichten stellt der Diogenes-Verlag Ringelnatz nun als hellsichtigen, spöttischen und bitteren Poeten vor. Das Gesamtwerk in sieben Bänden folgt im April.
Die Bände sind eine Fundgrube – auch für Kenner. Sogar der Lyriker Robert Gernhardt gesteht anlässlich dieser neu edierten Wort-Fülle, dass seine Ringelnatz-Kenntnis bislang durchaus begrenzt war, eingedampft auf den „allgemeinverträglichen Instant-Ringelnatz – hirnschonend und herzfreundlich“, an dem er immer wieder gern nippte.
Und der andere Ringelnatz? Der schrieb zum Beispiel 1924 einen schillernden kleinen Berlin-Roman mit dem dubiosen Titel „…liner Roma“, in dem er fünf Jahre vor Döblins gefeiertem „Berlin Alexanderplatz“ Stimmungen, Gerüche, Geräusche und menschliche Schicksale zu einem Großstadt-Panorama collagierte. / Susanne Kunckel, Die Welt 18.1.04

Joachim Ringelnatz: „Sämtliche Gedichte“, „Sämtliche Erzählungen“, Diogenes, 2 Bde, 29,90 Euro. „Das Gesamtwerk“ in sieben Bänden erscheint im April, ca. 49 Euro

Im 21. Jahrhundert immer noch nicht sicher

Die Leute stellen immer noch die falschen Fragen über Emily Dickinson – schreibt Marga Jefferson, NYT*) 18.1.04 Kein Wunder, daß sie nie ihr Haus verließ, meint sie – denn es ist immer noch nicht sicher draußen. Beispiel:

What Wolpaw really wants is to fantasize about the men in Emily’s life. What about “The Master,“ the mysterious figure she wrote passionate poems to? This is the point of that stale baseball pun. “What I really wanted to know,“ he confides, “was whether Master or anyone else had ever gotten past second base with Emily Dickinson.“ How else could anyone explain the gloriously sexy poem beginning:

Wild nights / Wild nights!
Were I with thee
Wild Nights should be
Our luxury!

Here we are in the 21st century and there’s still something unacceptable about a woman who can write great poetry, and erotic poetry, without the presence of a husband or lover.

Gruß aus dem 19. ans 21. Jahrhundert

2

Goethe can give the ladies a fright,
For elderly women he’s not quite right.
He understood Nature, but this is the quarrel,
He wouldn’t round Nature off with a moral.
He should have got Luther’s doctrine off pat
And made up his poetry out of that.
He had beautiful thoughts, if sometimes odd,
But omitted to mention–„Made by God“

[Karl Marx – Pustkuchen-Epigramm] (bei Google leider nur auf Englisch gefunden – obwohl er´s deutsch schrieb!) / 18.1.04

Some poets get noticed …

because they sound like no one else; others become representative voices, symbols or symptoms of their group or generation. William Matthews, who died at 55 in 1997, belongs to the latter category. Matthews’s three decades of wry, conversational verse display the attractions and faults of a period style; his son’s memoir finds in the poet’s life the tastes, habits and privileges that made the poems what they were. / NYT 18.1.04

SEARCH PARTY
Collected Poems of William Matthews.
Edited by Sebastian Matthews and Stanley Plumly.
314 pp. Boston: Houghton Mifflin Company. $26.

IN MY FATHER’S FOOTSTEPS
A Memoir.
By Sebastian Matthews.
278 pp. New York: W. W. Norton & Company. $24.95

Kulturelle Unterentwicklung

Es spricht für die kulturelle Unterentwicklung in unserem Lande, wenn der gegenwärtig beste Lyriker Kubas im deutschen Sprachraum erst jetzt nach seiner Verurteilung zur Kenntnis genommen wird. Lediglich in der Anthologie Der Morgen ist die letzte Flucht. Kubanische Literatur zwischen den Zeiten, herausgegeben von Thomas Brovot und Peter B. Schumann (Berlin: edition diá 1995) sind zwei Gedichte von Rivero übersetzt. In der Geschichte der lateinamerikanischen Literatur im Überblick (Stuttgart: Reclam 1999) von Hans-Otto Dill ist er mit einigen Zeilen bedacht.

So steht es in einem Artikel von Martin Franzbach im neuen Freitag (04-2004). Rivero sitzt im Gefängnis Canaleta, einem Gefängnis „maximaler Härte“ mit verschärften Haftbedingungen, über 400 Kilometer von Havanna entfernt in Haft, verurteilt zu 20 Jahren Haft wegen „Verschwörung“. Im Text u.a. dieses Gedicht:

Raúl Rivero
Alarmzeichen

Ein tropisches Unwetter, ein Dampfschiff in der Abdrift
Eine Serie von Erderschütterungen
Der plötzliche Tod des Ersten Posaunisten
Der Musikkapelle
Einer Schule in Lima.

Der Selbstmord eines Mannes ohne Ausweispapiere
Der sich in der Einsamkeit eines Palmenhains erhängt
Zurück läßt er einen Zettel, darauf steht mit Bleistift geschrieben:
Ihr kennt meinen Mörder genau.

Eine Gefühlsregung.

Zwei Betrunkene, die um Mitternacht singen
Oder der Oktober mit all seinen Narben
Und seiner Neutralität von Wolke und Alge.

Ein Foto von Cartier Bresson
Das im Westen des Landes kursiert
Und verboten wird, ohne daß Oriente es sieht.

Neun Schimmel
Und der Pik Bube.

Ein Naturphänomen
Mit dem Groll des Flusses
Und eine Frau im weißen Kleid
Auf der Reise des Wassers.

Etwas muß kommen und uns erlösen
Von den Erlösern.

Im Netz:

Fallbeispiel Raúl Rivero (Reporter ohne Grenzen)
IFEX über seine Haftbedingungen (engl.)
cubafacts: Artikel von R. Rivero in amerikanischen Zeitungen
Guerilla News Network
Das letzte Gedicht in der Freiheit (span.)
Mehr Gedichte auf Spanisch 1 / 2 / 3 /
Artikel von Rivero über den kubanischen Dichter Heberto Padilla (span.)
Raulrivero.com (span.)
Ein Artikel aus der russischen „Prawda“ über das Urteil gegen Rivero (engl.)
Poèt maudit der kubanischen Revolution (span.)
Cuba Free Press
Raúl Rivero Poesiepreis gestiftet (span.)
Hier der vollständige Text des Gerichtsurteils (span.) – Daraus ein kleines Detail – als gefundenes Gedicht!:

Für seine Artikel erhielt er Geld von „Reporter ohne Grenzen“; damit renovierte er sein Haus (mit Klimaanlage!); darin empfing er dann zahlreiche Menschen „von der gleichen Sorte“ – darunter von der amerikanischen Interessenvertretung, die ihm Instruktionen gaben, um das kubanische System zu zerstören; außer Instruktionen erhielt er unter anderem [hier in der Originalreihenfolge!]: Bücher und Informationsmaterial aus dem Internet, Computer, Telefone, Schreibmaschinen, Videokameras; in seinem Haus installierte er ein Telefon mit Fax, Anrufbeantworter und Speicher Marke Panasonic, ein digitales Grundig-Radio, 2 Computer, darunter 1 Laptop, 1 Scanner; auch erhielt er diverse CDs, Audio- und Videokassetten und große Mengen Bücher. Gesamtwert in Kuba: 20 Jahre.
Falls mir jemand den ganzen Text übersetzt – Zeit, Zeit! – würde ich ihn gern hier veröffentlichen

Als Nachtrag ein Fund des unübertroffenen Perlentauchers, das fast völlige Verbot des Internets in Kuba betreffend.

/ 18.1.04

In der Frankfurter Anthologie

der FAZ am 17.1.: Joachim Sartorius über Gerhard Falkner, Die Götter bei Aldi (Text beim Perlentaucher)  –  –  –  Hier ein taz-Wahrheit-Gedicht: Christian Maintz, Ein Erlebnis Goethes, taz 15.1.

Pustekuchen!

1) Kleine Probe: Ich greife zu Harenbergs Literaturlexikon von 1997. Da war Rivero 52 und überdies bekannt sowohl als Dichter wie als Dissident. Aber Fehlanzeige! Neugierig geworden, sucht man nach dem kubanischen Nationaldichter José Marti: ebenso Pustekuchen! Armes Deutschland? – Neugierig geworden versuche ich es  in Kindlers Neuem Literaturlexikon in 22 Bänden. Rivero fehlt auch da. Aber immerhin sind sie schon bei Marti angekommen (er starb im Jahre 1898). Sozusagen eine Hoffnung.

2) Den Poeten – werft ihn hinaus! / Der hat hier nichts zu suchen.  / Er spielt nicht mit, / begeistert sich nicht.  / Keiner versteht seine Botschaft.

Der kubanische Dichter Heberto Padilla, Jugendfreund Fidel Castros, später in die Mühlen der Verfolgung geraten, starb im September 2000 im Exil in den USA.

/ 17.1.04

Münchner Freiheit

Jan Brandt, taz 17.1.04, über die Münchner Literaturszene:

Schriftstellergruppen, die regelmäßig in der gleichen Zusammensetzung auftreten, wie „LSD – Liebe statt Drogen“, „Die Chaussee der Enthusiasten“ und „Heim & Welt“ aus Berlin oder der Hamburger „MACHT e. V. Club“, gibt es in der bayrischen Landeshauptstadt nicht. Deshalb werden Vorleser aus ganz Deutschland gecastet, um den Münchnern einen Hauch von Subkultur und literarischer Exotik zu vermitteln. … Jede Lesung, die vom Jugendmagazin „Zündfunk“ des Bayrischen Rundfunks aufgezeichnet wird, steht unter einem Motto: „Metropole Spezial“, „Wien Mitte“ oder „Hansestadt Hamburg“. Das Fehlen einer großen Zahl eigener Autoren wirkt umso seltsamer, wenn man bedenkt, dass München mit 234 Buchunternehmen und fast 9.000 Titeln pro Jahr hinter New York die zweitgrößte Verlagsstadt der Welt ist. Hanser, Random House, Heyne, C. H. Beck, Kunstmann und Piper haben ihre Büros an der Isar. Nur Ullstein zieht bald zurück an die Spree. Gedruckt wird in München, geschrieben im Rest der Republik, vor allem in der Hauptstadt. Tina Rausch und Bernhard Schneider haben sich die Lesekultur Berlins zum Vorbild genommen. … Und um sich nicht immer an Berlin zu orientieren, versucht man inzwischen in Schreibseminaren, die „textwerk“, „WorDshop“ und „manuskriptum“ heißen und von Verlegern und Lektoren betreut werden, eigene Autoren auszubilden. Altes und Junges, Eigenes und Fremdes wird vermischt, um etwas Originelles entstehen zu lassen. Die Adaption ist Teil einer neuen Münchner Freiheit, die traditionelle und unkonventionelle Formen der künstlerischen Darstellung kombiniert. Noch ist der Kulturaustausch ziemlich einseitig, aber Jaromir Konecny ist zuversichtlich, dass trotz eines Mietpreises von 10 bis 12 Euro pro Quadratmeter immer mehr Künstler herziehen werden. Seiner Ansicht nach stammt ohnehin fast jeder richtige Münchner aus Berlin.

Von Angesicht zu Angesicht mit der Prostituierten

war der siebzehnjährige Borges wie gelähmt vor Scham, Schüchternheit und wegen des Verdachts, sein Vater sei ein Kunde dieser Frau. Zeit seines Lebens hat sein Körper ihn gequält. Der einzige Ort, an dem er sich auszog, waren seine Gedichte, die zugleich seine Kleider waren. / Der englische Schriftsteller und Kunstkritiker John Berger auf den Spuren von Jorge Luis Borges in Genf! taz/ Le monde diplomatique 16.1.04

Ulysses aus Charlottenburg: Thomas Brasch

Dort, im Gehäus seiner Isolation, sitzt er fest, dort spürt er das Herannahen der eigenen Vergänglichkeit, dort sehnt er sich für einige poetische Augenblicke nach einem Aufbruch in ein neues Leben, in dem er sein eigenes Ich zu spüren vermag: Was ist das zwischen einsam und allein / als wär ich nur vergangen wie im Flug / rings um die Erde doch ein Stein / bin ich mir nicht geworden. Ach genug // für einen zweiten andren Flug hab ich / noch Kraft und Lüfte auch. // Dass ich mich endlich selber brauch. In diesen sieben Zeilen hat der Dichter Thomas Brasch das Lebensprogramm seiner letzten Jahre zusammen gefasst. 

Der einst als „Ulysses aus Charlottenburg“ umjubelte Dichter besichtigt den Rest seiner künstlerischen Existenz. Das Resultat dieser poetischen Selbsterkundung sind bewegende, tief anrührende Gedichte eines Mannes, dem die Welt zerbrach und der schon bald nach Beginn seiner literarischen Karriere vom Vorgefühl des Untergangs zu sprechen begann. …

Am Ende eines dieser Gedichte erinnert sich der Dichter an die Urszene seiner Verlassenheit. Es ist der Abschied von der Mutter, ein Trennungsschmerz, der den Dichter noch nach Jahrzehnten immer wieder einholt. Mit diesem Abschied beginnen die Schrecken des Selbstverlusts:Weil ich das Eigene verloren habe / kann ich nichts mehr schreiben. / Jeder meiner Gedanken ist mir ganz fremd / und unnütz. Deshalb lasse ich ihn / gleich versinken, wenn er auftaucht. / Zu viel geredet. / Zu selten geschwiegen./ Und immer der Gedanke an Sterben. / Michael Braun, Freitag 50/2003

Thomas Brasch: Wer durch mein Leben will, muß durch mein Zimmer. Gedichte aus dem Nachlaß. Hrsg. v. Katharina Thalbach und Fritz J. Raddatz. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002, 208 S., 16,90 EUR

Und ein kleiner Einspruch. Zitat aus dem Artikel:

„Ein gewisser Hang zur Maßlosigkeit ist nicht zu übersehen; hier wird Brot nicht mit dem Messer geschnitten, sondern mit dem Beil abgehauen.“ Mit diesen warnenden Sätzen wurde der junge Brasch 1975 mit seinem Poesiealbum dem DDR-Publikum nur unter Vorbehalt anempfohlen.

Aber im Gegenteil, lieber Michael Braun! Mit diesen „warnenden Sätzen“ wurde niemand gewarnt. Das Poesiealbum Thomas Brasch war bei uns (ja, ich war dabei) Kult. Jede Wette, daß der „warnende“ Satz genau so gemeint war, wie wir ihn verstanden: als dringende Empfehlung.
(Oder haben Sie etwas gegen Maßlosigkeit?). – Eins der Gedichte, das ich bis heute fast auswendig kann, stand als letztes in dem 32-Seiten-Heft, das man abonnieren oder (damals noch) für 90 Pfennig am Zeitungskiosk kaufen konnte, auch in kleinen Städten:

WIE VIELE SIND WIR EIGENTLICH NOCH.
Der dort an der Kreuzung stand,
war das nicht von uns einer.
Jetzt trägt er eine Brille ohne Rand.
Wir hätten ihn fast nicht erkannt.

Wie viele sind wir eigentlich noch.
War das nicht der mit der Jimi-Hendrix-Platte.
Jetzt soll er Ingenieur sein.
Jetzt trägt er einen Anzug und Krawatte.
Wir sind die Aufgeregten. Er ist der Satte.

Wer sind wir eigentlich noch.
Wollen wir gehen. Was wollen wir finden.
Welchen Namen hat dieses Loch,
in dem wir, einer nach dem andern, verschwinden.

[ja, das Poesiealbum! Diese sieben Hefte habe ich beim Suchen nach Brasch aus der Reihe gezogen:

86 Zbigniew Herbert
87 Walt Whitman
88 Giuseppe Ungaretti
89 Thomas Brasch
90 Attila József
91 Jaroslav Smeljakow
92 Wystan Hugh Auden

(Alle noch von Bernd Jentzsch herausgegeben, der erst ein Jahr später, nach seinem Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung, aus dem Amt und der Staatsbürgerschaft gefeuert wurde. – Übrigens blieb das Poesiealbum auch unter seinen Nachfolgern – auch Richard Pietraß wurde nach einiger Zeit gefeuert – lustvoll-subversiv.) Damit ließ sich lesen. – Mal bei Gelegenheit schreiben über den unterschiedlichen Status von Neugier und Subversion in den beiden Staaten, die ich beobachtet habe. Hallo, Tom!]


Leserbrief

Ja, lieber Michael Gratz,

was damals als vermeintliche „Warnung“ vor dem „Poesiealbum“ mit Th Brasch daherkam, war natürlich eine heimliche „dringende Empfehlung“. Da haben sie vollkommen recht. Im anderen Fall darf ich verneinen: Nein, gegen poetische „Maßlosigkeit“ habe ich überhaupt nichts. Im Gegenteil: Poetischer Extremismus ist manchmal eine Ausgangsbedingung von Schönheit. (Vgl. den Huchel-Preis an Hans Thill…)

Schöne Grüße: Michael Braun

Lieber Michael Braun: Meine Frage an Sie nach der Maßlosigkeit war natürlich rhetorisch gemeint! Gruß!


Fucking f…

Die FDJ-Nachfolgezeitung junge Welt schrieb nicht immer gegen (oder auch nur über) Zensur. Jetzt fällt es ihr natürlich leichter. Zumal wenn es um faschistische oder faschismusverdächtige Staaten (USA, Israel!) geht. Hier steht ein Artikel über US-Pläne, das Wort fuck zu verbieten. Lesenswert wegen längerer Auszüge aus einem Gedicht von John Cooper Clarke, Punk-Sänger & Poet.

(Aber Sie können auch den Originaltext lesen!)

Siehe auch: Antiimperialistischer Kollateralschaden: Eine Ausstellung in Schweden und die „Junge Welt“ (hagalil.com)

Hier zur Entspannung ein (harmloser) Haiku von Cooper Clarke:

TO-CON-VEY ONE’S MOOD
IN SEV-EN-TEEN SYLL-ABLE-S
IS VE-RY DIF-FIC

Am Ende des Stadtplans

Farhad Showghi will das „Unsagbare“ sagen, das, was hinter allen Worten steht. Vor großen Worten wie Liebe oder Einsamkeit scheut sich der Hamburger Dichter und Psychiater. „Das sind Kraftworte“, sagt er. „Sie beschreiben kaum, was in Menschen wirklich passiert.“ In seinem neuen Lyrikband „Am Ende des Stadtplans“ (Urs Engeler Editor, 17 Euro), den er im Literaturhaus vorstellte, tänzelt Showghi deshalb leichtfüßig am Rande des Unbewussten entlang. / Hamburger Abendblatt 16.1.04

(Biographie, Texte, Presseinfo bei Urs Engeler Editor)

Modern Poetry Top Ten

Im Independent vom 16.1.04 (?) stellt Brian Patten seine Modern Poetry Top Ten vor, angeführt von: Eliot, Waste Land/ Ginsberg, Howl/ Plath, Ariel. Einzige Nicht-Muttersprachler sind Pablo Neruda und Federico Garcia Lorca.

Sinnlos aufregend

(Kulturnachricht von Al-Jazeera*) english, 15.1.04)

Afghanistan’s Supreme Court has protested against the lifting of a ban preventing women singers from performing on state television. The legal body said the practice was un-Islamic, should not be repeated and did nothing for the respect within which women are held.

*) Vorsicht: sie zeigen das Bild einer singenden Frau.