„Üb immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab“ – diesen Satz habe er mehrfach in die Alben seiner Mitschülerinnen kaligraphiert, erinnert sich Hugo Loetscher in einem Rückblick auf seine schriftstellerischen Anfänge. In der Zeitschrift Akzente, in der erstmals Gedichte des Schweizer Romanciers und Essayisten präsentiert werden, erläutert der 74-Jährige, welch lange poetische Sensibilisierung dieser jetzigen Publikation vorausging: vaterländische Dichtung im Deutschunterricht, Fragen zum Versmaß im Examen, eigenständige Entdeckung Gottfried Benns „beim Bibliotheksschnüffeln“, dann die ersten Literatursendungen im Fernsehen. Irgendwann hatte Loetscher sich so intensiv in die Lyrik eingelesen, dass er keinen Schritt mehr gehen konnte, ohne das eigene Erleben mit Zitaten zu untermalen: „Unabhängig der Meteorologie lässt der Frühling Jahr für Jahr sein blaues Band flattern, und schon ist mir, als flöge meine Seele nach Haus.“ / Roman Luckscheiter, FR 15.1.04
Akzente, Heft 6/2003 (Vilshofener Straße 10, 81679 München), 7,90 Euro. (Hugo Loetscher, Katarina Frostenson)
entwürfe, Heft 36, Dezember 2003 (Reichenbachstraße 122, CH-3004 Bern), 12 Euro. (Ulrike Draesner)
die horen, Heft 212, 4. Quartal 2003 (Postfach 101110, 27511 Bremerhaven), 9,50 Euro. (Thomas Chatterton, James MacPherson)
Derselbe daselbst am 14.1.04:
„Berliner Hefte zur Geschichte des literarischen Lebens“, Heft 5 / 2003. Am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität Berlin hrsg. von Peter Wruck und Roland Berbig. 186 Seiten, 8 Euro. (Gottfried Benn)
Er sei, so hat Brendel deutlich gemacht, trotz seiner Bewunderung für die Kunstrevolutionäre des Dadaismus nicht an sprachexperimentellen Konstruktionen interessiert. Er bevorzugt Gedichte, die auf syntaktische und semantische Fassbarkeit setzen und Lesbarkeit nicht als Skandal empfinden. In einem programmatischen Gedicht erblickt ein «Dadaist» im Spiegel nicht nur einen verfremdeten Beethoven mit Schnurrbart, sondern auch die Elemente einer künstlerischen Dialektik, die auch der Autor für sich adoptiert hat: «Albernheit und Methode / Sinn im Unsinn / Grazie Anarchie / ein Stück Welt / zugleich absolut gar nichts.» / Michael Braun, NZZ 15.1.04
Alfred Brendel: Spiegelbild und schwarzer Spuk. Gesammelte und neue Gedichte. Carl-Hanser-Verlag, München 2003. 288 S., Fr. 34.60.
Vgl. auch SZ 15.1.04
Schliesslich war er ein Eigenbrötler und Einzelgänger, unempfänglich für die von den Beats extensiv genutzte Energie der Gruppe. Dennoch finden sich in Bukowskis Lyrik auch Elemente, die ihn in die Nähe der Beat-Generation rücken.
Da ist die ungeschminkte, schonungslose, bis zur völligen Selbstentblössung gehende autobiografische Aufrichtigkeit seiner Dichtungen. Da ist seine knallharte Darstellung der Triebe und Süchte zumal der männlichen Wunschmaschine. Oder die Bevorzugung des Banalen, Alltäglichen, das Auge, das sich am bisher von der Poesie ferngehaltenen Schmutz schult: «Beobachtung in die / Tat umgesetzt / ist die Essenz / der Kunst», meinte er programmatisch. … Bukowskis antiintellektuelle Haltung brachte stets geradlinige, einfache Zeilen hervor, die sich sofort erschliessen: «Studenten wollen, dass es geheimnis- / voll und bedeutend ist. // Ich will, dass es leicht ist. // Und das ist es», schrieb er im Gedicht «Barock und was noch alles»./ Florian Vetsch, NZZ 15.1.04
Charles Bukowski: 439 Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Carl Weissner. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2003. 992 S., Fr. 53.-.
Der Schweizer Lyriker Philippe Jaccottet hat den diesjährigen Goncourt-Preis für Lyrik erhalten. Der seit 50 Jahren in Frankreich lebende Schriftsteller wird damit für sein Gesamtwerk geehrt. / NZZ 15.1.04
Für Leser in Vorpommern:
was im dezember einschlug, geht auf ein neues: die zweite runde des greifswalder DICHTERWETTSTREITS. die ’offene liste’ hängt wieder, mitmachen kann jeder, der eigene texte auf der bühne präsentieren will. für die kandidaten, eben für die slamer gibt es wieder freien eintritt. denn natürlich ist auch wieder party im blauen salon.
WANN: Sonnabend, 17.1.2004, 20.30UHR
WO: IKUWO, GOETHESTRAßE 1
eintritt: 3€
Vgl. auch Ostseezeitung 14.1.04 oder L&Poe 19.1.04.
Wann ein Gedicht fertig ist und wie eine letzte Zeile beschaffen ist; wer an der Vorstellung schuld ist, daß man Literaturkritik durch Seminare lernt, statt durch das Lesen von Büchern und Kritiken; warum amerikanische Hochschulen in den letzten Jahrzehnten [ganz anders als deutsche] so gern Autoren einstellen – darüber denkt der amerikanische Autor Henry Taylor in einem (eMail-)Interview mit der Zeitschrift Tar River Poetry nach. / 13.1.04
Kennt man Tonaufnahmen von Celans Leseduktus beim Vortrag eigener Gedichte, verblüfft das deutlich reduzierte Pathos der vorliegenden Einspielung: Die artikulatorische Anverwandlung der fremdeigenen und eigenfremden Texte erkundet das Spektrum zwischen Nähe und Distanz in gedeckten Intensitäten.
Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte Celans zeitweilige Gefährtin Ingeborg Bachmann ihre frühen Gedichte eingespielt, die nun widerhallen im prekären Charme der Jugend: Hier Mädchenklang, dort symbolisches Dräuen, stockt die junge Bachmann mitunter in poetischem Pathos, um dann wiederum Silberstreifen der Sehnsucht in den anonymen Äther zu senden. / Christiane Zintzen, NZZ 13.1.04
Paul Celan: Gedichte von Sergei Jessenin und Ossip Mandelstam, übersetzt von Paul Celan, Autorenlesung WDR 1967. 1 CD (55 Min.), Der Hörverlag 2002, Fr. 25.70.
Ingeborg Bachmann: Gedichte 1948-1957, Autorenlesung. 1 CD (72 Min.), Der Hörverlag / NDR / SWR 2003, Fr. 17.40.
Wenn ihn der Verlag in eine „Schweizer Tradition der zunächst verkannten und erst spät zu Ehren gekommenen großen Autoren“ einreiht, dann hat das natürlich mit Werbung zu tun und trifft Raebers Fall nur im Ungefähren, denn als verkannt kann zumindest der Lyriker keineswegs gelten. Für Bände wie „Die verwandelten Schiffe“ (1957), „FLUSSUFER“ (1963) oder „Reduktionen“ (1981) bekam er Ehrungen und Preise. Mit Versen hatte Raeber zu schreiben begonnen, sie zu schreiben hörte er nicht auf. Der erste Band der Werkausgabe, der diese und die weiteren poetischen Sammlungen vereinigt, gleicht so einer beeindruckenden lyrischen Künstler-Lebensbeschreibung, an der die artistische Entwicklung vom immer freieren Rilkisieren über das (klangbewusste!) Lakonisieren des Ausdrucks bis hin zu alemannischen Dialektgedichten, die den Bogen zur Sprache der Kindheit schlagen, ablesbar ist. / ROLF-BERNHARD ESSIG, SZ 13.1.04
KUNO RAEBER: Werke in fünf Bänden. Hg. von Christiane Wyrwa und Matthias Klein. Bisher erschienen: Bd. 1: Lyrik. 464 S. 24,90 Euro. Bd. 2 Erzählende Prosa. 519 S. 24,90 Euro. Bd. 3: Romane und Dramen. 527 S., 24,90 Euro.Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2002/2003
(a.k.a. what do messies – messing?). Im New Yorker vom 12.1.04 eine Geschichte von jemand, der fast erschlagen wurde von seiner eigenen Sammlung – der vielleicht größten und bestsortierten Zeitschriftsammlung in New York – in einer winzigen Wohnung in der Bronx. – Wenn jemand eine Sammlung in der Nähe hat, kann er – nur im Druck – Gedichte von Wislawa Szymborska lesen.
Die beiden großen Dichterinnen trafen sich persönlich nur zweimal. Und das erst spät – nämlich 1941. Ihre Werke hatten sie natürlich schon sehr viel früher kennen gelernt und gegenseitig gewürdigt. In jene Zeit fällt auch Achmatowas Requiem auf die Opfer des Stalin-Terrors.
Warum vergiftet ihr das Wasser? Und mischt mein Brot mit Dreck? Und warum habt ihr meine letzte Freiheit ins finstere Loch gesteckt? Weil ich die Freunde nicht beschimpfte in ihrem bitteren Untergang. Weil ich ihnen treu blieb noch im Schlimmsten, dem traurig, meinem Heimatland.
/ Kristine von Soden, DW 12.1.04
Anna Achmatowa, Marina Zwetajewa
Mit dem Strohhalm trinkst du meine Seele (Audio-CD, gelesen von Katharina Thalbach und Ralph Dutli)
Der Hörverlag, 2003
ISBN 3-89940-155-7
14.95 EUR
Der Hörverlag, München
Nach der sehr informationsreichen Seite kirjasto.sci.fi hat am 11.1.04 Geburtstag: Robinson Jeffers, am 13.1.04 die nigerianische Autorin Flora Nwapa, genannt „die Mutter der modernen afrilkanischen Literatur“.
Clare was a prodigious walker, a solitary who sought out the secret recesses of nature, a hidden, underappreciated, overlooked country, which he detailed with a sharp eye and a naturalist’s sensibility. Accuracy was a scrupulous habit, a moral imperative. He had a powerful capacity to identify with what he observed. Bate points out that more than 50 of Clare’s poems begin „I love.“ „Poets love nature and themselves are love,“ he wrote in a late sonnet. „For everything I felt a love,/ The weeds below, the birds above,“ he declared in „The Progress of Rhyme.“ Bate also notes that the most common noun in Clare’s mature poetry is „joy.“ …
Some of Clare’s finest works were asylum poems: „A Vision,“ „An Invite to Eternity,“ a poem addressed to his namesake, and two disconsolate self-revelations that begin „I am,“ one a sonnet („I feel I am — I only know I am“), the other a lyric that stands as his most haunting memorial, a poem with a simple eloquence, a shocking lucidity.
/ Edward Hirsch, Poet´s Choice, Washington Post *) 11.1.04
vgl. im Archiv LyrikPost 10 und 12 / 2003
– Konnte ich an Hirschs Beitrag vorbeigehen? John Clare ist im Deutschen, sehr milde gesagt, unterrepräsentiert. Man braucht schon großangelegte Anthologien wie die vierbändige von Koppenfels/ Pfister (Englische und amerikanische Dichtung, C.H. Beck). Unter den dort vertretenen 5 Gedichten sind auch die zwei von Hirsch zitierten „I am“ und „I feel I am“ (ersteres in L&P 12/2003). Herr Engeler?
Im Netz:
Don Juan A Poem (mit Kommentar)
Clares „Radical Slang“
Der Fall Clare
Life and Times
Complete Online Editions
Sehr verschiedenartige Texte hat der New Yorker Komponist Phil Kline vertont: Rumsfeld Lieder und Zippo Poems. Letztere sind Texte, die von GIs während des Vietnamkrieges auf Feuerzeuge oder ähnliches geschrieben wurden. Diese äußern sich im Unterschied zu jenem kristallklar. Hier eine Probe:
We came because
We believe.
We leave because
We are disillusioned.
We come back because
We are lost.
We die because
We are committed.
We are the unwilling
Led by the unqualified
Doing the unnecessary
For the ungrateful.
Auch auf der CD: Das Begräbnis des Jan Palach (Jan Palach war ein tschechischer Student, der sich aus Protest gegen den Einmarsch des Warschauer Pakts in Prag auf dem Wenzelsplatz selbst verbrannte). / NYT*) 11.1.04
Die Dichter und die Defa, BLZ 10.1.04 (u.a. Brecht, Kunert, Hermlin) – – – Der Independent, 9.1.04, spricht mit dem Musiker und Dichter Don Paterson – – – Über die letzte Fahrt der britischen Nachtpost (berühmt durch T.S. Eliot, W.H. Auden und die Posträuber von 1963) berichtet der Independent am 10.1.04.
9.1.2004, 19-20 Uhr:
UKW 104,1 FM Mhz / Lokalfunk Berlin
Radio-POEMIE Teil 4: „Ego und Extase beim schöpferischen Akt“
( Termininfo entnommen von: http://www.GGN.de/termine.html )
Im Rahmen des Projekts “ http://www.RADIORIFF.de AUF REISEN“ moderiert Lord Laessig heute auf Einladung der http://www.Radiokampagne.de (hier auch die komplette Programmübersicht) den 4.Teil der Poemie-Serie „Der Wille zur Dichtung: eine Neue Epidemie“, die beim http://www.Juniradio.net 2003 begann. Statt der üblichen Live-Studiogäste wird Lord Laessig hier lyrische Eigenproduktionen von Tom de Toys vorstellen, teilweise auszughaft selber vorlesen oder/und vorlesen lassen und Spokenword-Tracks von dessen HOLZHUND-Seite einspielen. Geplant ist, daß De Toys anläßlich der neuen Studentenproteste sowohl „EXTASE STATT ELITE“ (Kurzform von 1997 – http://www.wulle.de/GGN/TomToys/extasestattelite.html, letztmals beim Stuttgarter German Grand Slam 2001 aufgeführt) live aus dem Studio intoniert als auch dessen Originalvorlage „LANGEWEILE“ (3-fache Laenge, von 1994), das bereits per Megafonverzerrung auf der Abschlußkundgebung vor dem Rathaus in Kiel (Winter 1997) 5000 Demonstranten zum Mitgrölen des Refrains („in deutschland is nix los“) bewegte, aber Tom dazu veranlaßte, zukuenftig sämtliche privaten Zeilen zu streichen, die für radikale Zwecke überflüssig sind. Lord Laessig soll in der Sendung beide Versionen kritisch miteinander vergleichen und mithilfe des Autors herausfinden, ob die Kürzungen aus politischer sowie poetischer Sicht gelungen sind. Außerdem steht natürlich zur Debatte, inwiefern Lyrik überhaupt tageslichttauglich (zeitgemäß im Gegensatz zum Dumontschen Pseudo-„Jetzt“) ist – und warum das „direkte“ Moment der Direkten Dichtung weder auf die spontan-sensualistische Egomanie des Subjekts abzielt (R.D. Brinkmann) noch als dialektische Antipode zum pathetisch-coolen Metaphernwahn („Celangweiler“ wie B. Kuhligk) gemeint ist, sondern „ekstatische“ (transpersonal-spirituelle) Ebenen integriert, die in einer seelenlosen Ich-AG-Epoche tabuisiert werden.
ACHTUNG: Für alle Nichtberliner gibt es ein INTERNET-LIVESTREAMING (d.h. dieser Hyperlink gilt nur in Echtzeit)!!! http://server.bassx.de:8004/
Tom de Toys
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