93. Selbstverständlich Pound

Ein Meisterstück, ein Geniestreich (könnte man sagen; wenn man das nicht über viele Nummern dieser Zeitschrift sagen könnte). Schreibheft Nr. 69 ist fast vollständig dem Dichter Ezra Pound gewidmet, von dem ein polizeiliches Foto vom 26. Mai 1945 aus Pisa den Titel ziert. Es beginnt mit Traumtexten von Roberto Bolaño, in denen Pound  nicht explizit vorkommt, aber Li Po, Baudelaire, Archilochos, Anaïs Nin („Mir träumte von einem Neunundsechziger mit Anaïs Nin auf einer riesigen Basaltplatte“), Robert Desnos, Roque Dalton und viele andere. Im anschließenden Playboy-Interview gibt Bolaño seine private Hitliste: „Nicanor Parra steht über allen, auch über Pablo Neruda, Vicente Huidobro und Gabriela Mistral. … Wäre Joyce anstelle von Eliot, ich wählte Joyce. Wäre Pound anstelle von Eliot, selbstverständlich Pound.“

Dann ein umfängliches Dossier über Ezra Pound im St. Elizabeths Hospital für kriminelle Geisteskranke mit Gedichten von Lawrence Ferlinghetti, E.E. Cummings, Basil Bunting, Elizabeth Bishop, William Carlos Williams, Kornelijus Platelis, Marcel Beyer, Ulf Stolterfoht und Alban Nikolai Herbst (Ezra Pound im Käfig); Briefwechseln mit H.D., Wyndham Lewis, Marshall McLuhan und E.E. Cummings und Prosabeiträgen u.a. von T.S. Eliot, Charles Olson („Hier spricht Yeats“!), William Carlos Williams, W.H. Auden, George Orwell und Benedikt Ledebur sowie einem Gespräch, das u.a. Pier Paolo Pasolini für das italienische Fernsehen mit Pound führte.

Schließlich visuelle Gedichte des Katalanen Joan Brossa und eine Rezension der Werkausgabe von Rainer M. Gerhardt (dem ersten deutschen Pound-Übersetzer) durch Michael Braun.

Marcel Beyer übersetzt Cummings‘ Jugendgedicht „pound pound pound“ um es zu untersuchen, da es ihn ratlos gemacht habe wie selten ein Gedicht. Den 13 Zeilen des Gedichts läßt er über vier Seiten Kommentar folgen. „pound pound pound“ , die erste Zeile, enthält eine unübersetzbare Mehrdeutigkeit, da es neben dem Namen (Cummings schrieb grundsätzlich alles klein, auch Eigennamen und das große „i“) noch etliche andere Bedeutungen hat, darunter stoßen, stampfen, rammen, hämmern.  Beyer übersetzt: poch, poch, poch. Sein Kommentar dröselt ein weitgespanntes intertextuelles Netz zur englischen Lyriktradition und -moderne auf. Anscheinend ist es eine („verquaste“, Beyer) Auseinandersetzung des ehrgeizigen jungen Dichters mit Pound und Eliot, die ihn nicht als Gleichen unter Gleichen sehen wollten. Was Cummings so verquast andeute, treffe ihn selber, der zu der Zeit noch nicht frei von „gelegentlichen Trivialitäts- und Kitschattacken“ sei. Das Zitat, das Beyer zum Beleg zitiert, verkürzt er allerdings auf beinah unzulässige Weise: „man lese etwa sein eigenes Drehorgelgedicht, ‚at the head of this street a gasping organ is waving“, in dem er sich als ‚queer monkey with a little oldish  doll-like face‘ auf den Leierkasten setzt.“ Nach „waving“ geht es aber weiter: „is waving moth-eaten tunes“. Der Leierkasten schwingt mottenzerfressene Töne. Die muß man wohl in Betracht ziehen oder ins Gehör, nicht? Beyer schließt: „Von pound pound pound – das wird niemand bezweifeln – [tu ich doch auch nicht!] ist es noch ein weiter Weg bis zum selbstgewissen „crazy jay blue“ (…), diesem zarten Vogelgruß, den Cummings Ende der fünfziger Jahre dem „demon“ und „thief crook cynic“, dem „trickstervillain“, dem „raucous rogue & vivid voltaire“ , dem „beautiful anarchist“, dem alten Blauhäher Ezra Pound senden wird.“

Wenn ich an dem spannenden, so lesenswerten wie instruktiven Heft etwas zu mäkeln hätte, es wär: daß den übersetzten Gedichten nicht das Original zugesellt wird. Die paar Seiten müßten doch noch drin sein? Die letzte Strophe von William Carlos Williams‘ Gedicht „To my friend Ezra Pound“ übersetzt Norbert Hummelt so:

Dein Englisch
ist nicht eigentümlich genug
Als Autor von Gedichten
erweist du dich als untüchtig, um nicht zu sagen
wucherisch.

Williams‘ letztes Wort ist natürlich usurious: Pounds Zauberwort „usura“. Das Wort sie sollen lassen stahn.

Hier sozusagen zum Ausgleich Cummings‘ Gedicht vom blauen Eichelhäher im Wortlaut:

crazy jay blue)
demon laughshriek
ing at me
your scorn of easily
hatred of timid
& loathing for (dull all
regular righteous
comfortable)unworlds
thief crook cynic
(swimfloatdrifting
fragment of heaven)
trickstervillain
raucous rogue &
vivid voltaire
you beautiful anarchist
(i salute thee

1. Pöme Euroeach*

Die Mauer fiel gerade noch rechtzeitig, um eine Westberliner Institution kennenzulernen: Die Heinebuchhandlung im Bahnhof Zoo. Ein paar Jahre später schlugen die (vorwiegend) Herren der nunmehr Deutschen Bahn zu und begradigten die Front. Statt fröhlich-anarchischer Vielfalt nun die überallgleiche Einheitsbuchhandlung. Die Einheitsparty ist tot, es lebe die Einheit. (Wieder ein paar Jahre später purzelte der ganze Bahnhof hinterdrein, abgeklemmt, ausgetreten). Soweit so erwartbar schlecht.

Jetzt sammelt die immer noch deutsche Bahn wieder ein paar Punkte. Bei einem kurzen Aufenthalt in der Unterwelt des Berliner Hauptbahnhofs (dessen Name dem oben beschriebenen Gesetz folgt, wie bei Honecker so auf bundesdeutscher Erden) kam ich vor einem jener Automaten zum Stehen, aus denen der Reisende Süßigkeiten oder Coladosen ziehen kann. Dazwischen aber, auf Nummer 36, ein Buch. Ein kleines gelbes Heft der SuKuLTuR-Reihe: Frank Fischer: Die Zerstörung der Leipziger Stadtbibliothek im Jahr 2003. Ich kickte eine Euromünze hinein, und das Buch fiel mir zu. Dahinter stand ein Titel von Stan Lafleur oder stan lafleur, die nächste, Jeffrey McDaniel, die dritte, Barbara Wrede, die vierte und Mascha Kurtz, die fünfte Münze. Eine Art Lotterie, bei der es eins von etwa 60 Titeln der Reihe zu gewinnen gibt. Sollte ein Sammler alle Titel haben wollen, kann er dran arm werden, denn sie sind wahllos sortiert. Ich hätte gerne einen Gedichtband von HEL gewonnen, drei davon sind im Angebot, aber meine Münzen waren alle und zudem lag der Band von Fischer wieder vorn. So stieg ich in den Zug nach Senftenberg, wo Sewan Latchinian Goethes Faust inszeniert hat – er nennt es „Fäuste“, und zu recht, denn er spielt beide Teile an einem Abend, mehrere Fäuste und Mephistos und dazu an fünf verschiedenen Spielorten. Sehens- und hörenswert, wer kann: hin, es gibt nur noch 5 Termine bis Anfang November!

So ein Heft ist gerade richtig für eine kürzere Zugfahrt. 20-24 Seiten und soweit ichs bis jetzt erforschen konnte durchweg lesbar. Debütanten stehen neben jungen und älteren bereits ausgewiesenen Autoren (ich nenne wahllos noch: Crauss, Kuhligk, Rinck, Dath und Kilic). Die meisten Prosa, aber ein paar schöne Gedichtbände sind darunter. Der New Yorker Jeffrey McDaniel, übersetzt von Ron Winkler, ist ein Must Have! Auch eine Fundgrube für Wort- und Metaphernsammler, hier ein paar Beispiele, die ich zwischen Berlin und Falkenberg las: Atheistennächte, Nadelaustauschprogramme, Secondhandshops für Gefühlskostüme; du bist eine schmutzige kleine Windschutzscheibe; weil Sex mit dir wie Großbritannien ist: kühl, schlaff und ein bißchen verklemmt; Erdstillstand; der Mond so rund wie der Mund eines Feuerwehrmanns, der aus einem brennenden Gebäude rennt; frische Agonie für nur drei Dollar das Bund; Lollipop ihrer Aufmerksamkeit; Sargbaum; Ich mag Mädchen mit großen Problemen. Ich kann ohne dich nicht leben Problemen. Oh mein Gott, sie hat den Verstand verloren Problemen. Verdammt sie zündet das Haus an Problemen. Muß man die Bahn nicht loben, die sowas anbietet?**)

Vgl. L&Poe 2004 Feb #6. Hel-Automat

*) Pomes pennyeach (Pöme fennig’nstück) heißt ein Gedichtband von James Joyce
**) Nachtrag 2011: die Automaten im Hauptbahnhof sind seit vielen Jahren wieder auf Einheitskeks und -cola umgestellt. Paßt auch nicht zu dieser Bahn.

6. Unberechenbar

Kaum bemerkt von der breiteren österreichischen Öffentlichkeit hat der 1963 in Südtirol geborene Oswald Egger heuer den Peter-Huchel-Preis bekommen, die renommierteste Auszeichnung für deutschsprachige Lyrik. Der Umschlag seines neuesten Gedichtbandes nihilum album zeigt auf der Innenseite eine Wabenstruktur unregelmäßiger, in sich geschlossener Rahmen. Das Cover aber interpretiert die Eckpunkte eines solchen Rahmens als Gelenke und spreizt die Kanten zur Skizze einer Gliederpuppe auf. Figuren wie diese trennen innerhalb des Bandes auch jeweils zehn Gedichte. Sie führen vor, wie Eggers Vierzeiler mit der Bedeutung ihrer Wörter umgehen. Sie setzen den Rahmen der Erwartung, der mit ihnen verknüpft ist, in Bewegung. Die Wortbedeutung wird unberechenbar. / Christoph Leitgeb, DER STANDARD 2.8.
Oswald Egger, „nihilum album. Lieder & Gedichte“. EU 23,50/150 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2007. (mit CD)
Oswald Egger, „Nichts, das ist. Gedichte“. EU 8,20/159 Seiten. edition suhrkamp, Frankfurt/Main 2001.

7. Euphorisch

Der Band versammelt ausgewählte Gedichte aus den seit langem vergriffenen Gedichtveröffentlichungen „Dich noch und“ und „Das neue Leben“ sowie eine große Zahl neuer Gedichte.

„Dichtung, alle Dichtung“, schreibt Michael Donhauser, „hat ihren Grund, sofern es einen Grund gibt, in der Euphorie!“ Ob Birnbaum, Berberitze, die Spur zweier Spaziergänger im Gras, die Liebe einer Frau: „Der sinnliche Aspekt in meiner Arbeit ist für mich zentral“, sagt Michael Donhauser, und das ausgewogene Verhältnis von Ekstase und Nüchternheit. / Ö1 1.9.


9. César Vallejo, Perus Barde

Die schöne Übersetzung eines großen Dichters der Moderne meldet der Philadelphia Inquirer vom 26.8.:
Was für ein Jahr war 1922. In diesem Jahr erschien T.S. Eliots Gedicht „The Waste Land“, ebenso James Joyces „Ulysses“ und  Jean Toomers „Cane“. Was auch immer man unter „Moderne“ (Modernismus) versteht: 1922 war einer ihrer (seiner) Gipfel.
Im gleichen Jahr veröffentlichte ein Dichter aus Peru ein Buch mit dem Titel „Trilce“ – ohne jede Resonanz zuhause oder in der Welt. Zu anders, zu weitreichend.
Die letzten 85 Jahre haben hinlänglich erwiesen, daß´“Trilce“ verdient, zu den originellsten und erstaunlichsten Werken der Literatur des 20. Jahrhunderts gezählt zu werden. Sein Autor, César Vallejo (1892-1938), hob sich auch von den peruanischen Dichtern ab – er war indianischer Abstammung mit zwei Großmüttern aus dem Andenvolk der Chimú. Heute hat er einen angestammten Platz u nter den besten Dichtern des Jahrhunderts. Und jetzt haben wir diese spektakuläre Ausgabe seiner sämtlichen Gedichte, herausgegeben und ebenso spektakulär übersetzt von dem Dichter Clayton Eshleman. Ein unschätzbarer Dichter, bald erhebend, bald unverständlich, bald unnachahmlich.
Es gibt vier Vallejos, vier Poesien. / John Timpane

The Complete Poetry
A Bilingual Edition
By César Vallejo
Translated by Clayton Eshleman
University of California Press
717 pp. $49.95

In L&Poe: 2006 Nov #133. Gräber; 2007 Mrz #136. César Vallejo komplett

23. Hombroich : Poesie

Vom 11. bis 15. Juli 2007 findet auf der Raketenstation Hombroich (Neuss, NRW) das erste Colloquium für Poesie statt. Elf – unter den ästhetisch interessanten und relevanten – bedeutsame deutschsprachige Lyriker und Autoren treffen sich in einem informellen Forum zu Grundlagenfragen im poetischen Tun. Dezidiert außerhalb geläufiger Übereinkünfte und Gemeinplätze darüber, was das Gedicht betrifft, soll hier das „Projekt der Poesie“ frei von saisonaler Wahrnehmung und medialen Einschätzungen innerhalb des Betriebsgefüges literarischer Öffentlichkeit überdacht und fortgesetzt werden. Teilnehmer sind: Urs Allemann, Franz Josef Czernin, Michael Donhauser, Oswald Egger, Brigitta Falkner, Barbara Köhler, Benedikt Ledebur, Thomas Schestag, Ferdinand Schmatz, Farhad Showgi, Ulf Stolterfoht u.a.
Eine okkasionelle, öffentliche Lesung aller Teilnehmer findet am Samstag, dem 14. Juli 2007 um 19 Uhr statt, ebenso werden die poetologischen Beiträge – unter dem programmatischen Titel Das böhmische Dorf – in Buchform erscheinen.
Das böhmische Dorf. Gemeinnützige Gesellschaft für Literatur & Kunst
Museum Insel Hombroich / Raketenstation
41472 N

116. Vom Berliner…

Poesiefestival berichtet Gregor Dotzauer, Tagesspiegel 28.6.:

Ja, dass Gedichte so frei zwischen den Sprachen hin und her wandern wie beim abendlichen „Versschmuggel“, wäre in Montréal kaum vorstellbar: vom Englischen ins Deutsche, vom Deutschen ins Französische. Eine Polyphonie, die Ken Babstock aus Toronto noch dadurch steigerte, dass sein von Lutz Seiler übersetztes Gedicht „The World’s Hub“ (Die Radnabe der Welt) aus seinem jüngsten Gedichtband „Airstream Land Yacht“ (Anansi) wiederum die Überschreibung eines italienischen Poems von Pier Paolo Pasolini war. Der 1970 in Neufundland geborene Babstock, der als größtes Talent der kanadischen Lyrik in den letzten Jahren gilt, nahm dafür Seilers über die Berliner Fußballplätze segelndes Argonautengedicht „die fussinauten“ mit nach Hause.


81. NAHBELL-LYRIKPREIS AN TEXTHÖLLE

AUS DEM TEXT DER GLÜCKWUNSCH-URKUNDE: „Für die außerordentlich unbestechliche Zeitgeistresistenz des permanenten Gesamtwerkprozesses unabhängig von etablierten Trends und aktuellen Stilen des Literaturbetriebes verleiht das G&GN-Institut  am 21. Juni 2007 Dr. Treznok (www.texthoelle.de/treznok.php) den 8.NAHBELLPREIS. Das Institut für Ganz & GarNix gratuliert und wünscht weiterhin alle Authentizität bei der freien lyrischen Arbeit. gez. Sebastian Nutzlos (Vorsitzender) & Samuel Lépo (Pressechef)“ – Da die finanziellen Engpässe seit der Konkursmeldung des G&GN-Institutes noch nicht behoben werden konnten, kann kein Festakt ausgerichtet und die Urkunde nur per Post zugestellt werden. Auch fand sich bis heute noch immer kein PRIVATER MÄZEN für das anvisierte Preisgeld von über 10 Millionen Euro pro Kopf, das dazu dienen soll, den Preisträgern zu ermöglichen, LEBENSLÄNGLICH SOUVERÄN AUTONOM SOZIALE POETISCHE PROJEKTE ZU REALISIEREN, ohne die Energien ihres dichterisches Genies permanent im Überlebenskampf zu verschwenden. Bisher konnte darum noch keiner der bisherigen Preisträger (darunter z.B. stan lafleur & HEL ToussainT) die Summe in Empfang nehmen. Das G&GN-Institut will mit dem Nahbellpreis auf den Skandal aufmerkam machen, daß besonders Deutschland gerne als „Land der Dichter und Denker“ dargestellt wird, aber die wahren Genies in Wirklichkeit vom Establishment (auch in Schweden) meist komplett ignoriert werden, da sie sich traditionell den jeweils aktuellen Trends & Massenmedienhysterien entziehen, auf die sich das literarisch interessierte Volk von Großkonzernen konditionieren läßt (vgl. dazu die Analyse der Inflation des Popbegriffes hin zur Popperliteratur im Kultbuch „Von Acid nach Adlon und zurück“ von Johannes Ullmaier).

Vgl. L&Poe 2004 Jun #70. Nahbellpreis an Alex Nitsche; 2005 Jun #84. Lyriknahbellpreis an Angelika Janz; 2005 Jun #87. Nahbeller?; 2005 Jun #91. 333333; 2006 Sep #13. Eigenbrödler und harte Kost: HEL mal wieder live

 

86. „das Alphabet ist ein Knast!“

Ach, Majakowski, Chlebnikov. Charms, wer ist das?

Wer noch keine eigene Sprache hat, oder den eigenen Schwurbeleien noch nicht soviel Vertrauen schenken wollte, konnte gestern „im Institut“, in der Wächterstraßenvilla neben dem amerikanischen Konsulat, vis-à-vis der Hochschule für Grafik und Buchkunst zwei gut gebauten Stimmen, der von Valeri Scherstjanoi und der von Michael Lentz mit wahrhaftem Hochgenuss, lächelnd oder grölend zuhören. Ich bin der russischen Sprache leider nicht mächtig, aber das war mal gerade Wurscht. Buchstabe, Laut, das weibliche Genital, traumatisierte Passanten mit Äxten im Kopf, Leuten, denen es um ihre Stimmen und deren Einsatz geht (FÜR ein Publikum, das bereit war mitzugehen, und mitging) nicht darum Eitelkeiten oder Missverständnisse zu pflegen, hat bei mir eine sehr deutliche Spur hinterlassen. Jandl schon länger und O. Pastior seit noch nicht so langem sind futsch, aber es gibt zum Glück noch Kronzeugen der Lautpoesie. Wie das klingt. Anders: Es gibt Lesungen, da geht man pflichtschuldig hin, und dann solche, da sollte man gewesen sein, weil es was bringt. Und wenn einen später dann der Blues vollständig eingeholt hat, so mit vierzig vielleicht schon, und einem nix besseres einfällt als seine Autobiographie „Wie ich´s zu was brachte“ zu schreiben, dann wird man sich gerne an die Anekdoten, die Scherstjanoi auf die Versammelten regnen ließ, nach seiner sehr zufriedenstellenden schweißtreibenden schamanten Performance, erinnern.

/ Konstantin Ames, Leipzig

Scherstjanoi in L&Poe: 2001 Mrz # Drei Stunden Lyrik im ZDF; 2002 Sep # Über die Nacht der Literatur; 2003 Okt # Nossackpreis an Endler; 2005 Sep #48. Schrift. Zeichen. Geste.; 2005 Nov #65. Literatur und Strom; 2006 Jul #55. »Vokabelkrieger«

63. Die Katalanen

(genau wie die Valencianer oder Mallorquiner) sind Zweisprachler, sie gehören der spanischen ebenso wie der katalanischen Welt an. Der Katalanisch schreibende Poet Pere Gimferrer veröffentlichte seine ersten Gedichtbände auf Spanisch, Eduardo Mendoza schreibt seine Romane auf Spanisch und seine Theaterstücke auf Katalanisch, der Spanisch schreibende Javier Cercas übersetzt die Bücher Quim Monzós aus dem Katalanischen ins Spanische, und die Mallorquinerin Carme Riera schreibt ihre Romane gleichzeitig auf Katalanisch und auf Spanisch – „wenn ich mich betrüge, betrüge ich mich selbst“, sagt sie.

Die Zweisprachigkeit ist ein Geschenk, aber eines, das nicht allen Katalanen willkommen ist. Die in Katalonien dominierenden Nationalisten halten Spanien im schlimmsten Fall für eine Besatzungsmacht, im besten Fall für einen ungemütlichen Nachbarn, dem man misstraut, mit dem man sich jedoch gut stellt. Spanisch ist eine Weltsprache, also nützlich, aber das Katalanische ist aus nationalistischer Sicht unumstößlich. Darum wird in Schule und Universität auf Katalanisch gelehrt, der behördliche Schriftverkehr auf Katalanisch abgewickelt und jeder Laden mit Geldbuße bedroht, der seine Waren nicht auf Katalanisch auszeichnet.

/ Martin Dahms, FR 13.6.

Axel Sanjosé schreibt:

ein erster blick auf die vielerwartete liste zeigt mir, dass die katalanische lyrik in frankfurt gut vertreten sein wird. hier die im ersten schnelldurchlauf gefundenen autorinnen und autoren, die in erster linie oder mindestens in gleichem maße als lyriker/innen bekannt sind:

Sebastià Alzamora, Enric Casasses, David Castillo, Narcís Comadira, Feliu Formosa, Manuel Forcano, Pere Gimferrer, Joan Margarit, Miquel de Palol, Francesc Parcerisas, Teresa Pascual, Perejaume, Arnau Pons, Ponç Pons, Albert Roig, Màrius Sampere, Enric Sòria.

was nicht heißt, dass ich ein paar übersehen haben könnte und dass natürlich viele andere auch noch den einen oder anderen gedichtband geschrieben haben. außerdem ist die offizielle liste noch nicht vollständig …

herzlich.axel sanjosé

(Danke! Michael Gratz)

53. Das zweite Wunder Andalusiens

Die bei uns noch kaum erschlossene Welt der großen jüdischen Dichtung des islamischen und christlichen Spanien zwischen 950 und 1492 präsentiert eine Anthologie von Peter Cole. Harold Bloom stellt sie in der New York Review ofBooks, Volume 54, Number 11 · June 28, 2007, vor:

Im Zentrum von Coles Anthologie stehen große Dichter nach jedem Standard: Shmu’el HaNagid, Shelomo Ibn Gabirol, Moshe Ibn Ezra, Yehuda HaLevi—alle aus dem muslimischen Spanien (circa 950 – 1140) — und Avraham Ibn Ezra, Yehuda Alharizi und Todros Abulafia, die im christlichen Spanien und der Provence lebten (circa 1140–1452). Diese sieben Dichter sind den Dichtern der spanischen Renaissance ebenbürtig, wie Garcilaso de la Vega, Fray Luis de León und San Juan de la Cruz. Luis de León stammte übrigens aus einer Konvertitenfamilie (Juden, die 1492 vor die Wahl gestellt wurden, zu konvertieren oder zu fliehen). Er gab die mystische Prosa der Heiligen Teresa von Ávila heraus. Teresa selbst, zum Teil jüdischer Abstammung, mußte eine Untersuchung der Inquisition erdulden, während Luis de León vier Jahre eingesperrt wurde,

Wäre er nur zwei Generationen früher geboren, er wäre einer der kanonischen jüdischen Dichter Spaniens geworden. …

Die außergewöhnliche Wiedergeburt einer großen jüdischen Dichtung bei den andalusischen Juden, die Peter Cole so brilliant präsentiert, muß teilweise als Antwort auf ihre komplexe sprachliche Situation gewertet werden. Im römischen Spanien war ihre Alltagssprache hauptsächlich Latein mit einigen Resten des Aramäischen, nicht Hebräisch. Im muslimischen Spanien nahmen sie größtenteils das Arabische an, die internationale Lingua franca. Zur selben Zeit entwickelte sich ein modifiziertes Latein, genannt Romanisch, zum Altkastilischen weiter, das die Hauptsprache des christlichen Spanien wurde, einschließlich der dort lebenden sephardischen Juden; in der Diaspora nach der Vertreibung des Juden 1492 wurde es Ladino genannt (ein Wort für Latein). Im muslimischen Spanien wurde das Arabische fast überall zur Sprache der Juden, ebenso Wissenschafts- wie Alltagssprache. Ohne die arabische Lyrik und ihre Traditionen hätte es die hebräischen Dichter Spaniens nicht gegeben. Eine Art Judäo-Arabisch, geschrieben mit hebräischen Buchstaben, wurde zum universalen jüdischen Verständigungsmittel – außer in der Lyrik, die auf Hebräisch geschrieben wurde.

The Dream of the Poem: Hebrew Poetry from Muslim and Christian Spain, 950–1492
translated, edited, and with an introduction by Peter Cole
Princeton University Press, 548 pp., $50.00; $19.95 (paper)

 

Schmuel (Samuel) HaNagid ist ein Kapitel in Raoul Schrotts Anthologie „Die Erfindung der Poesie“ gewidmet. Die Anthologie „Das Wunder von al-Andalus. Die schönsten Gedichte aus dem maurischen Spanien“ von Georg Bossong, C. H. Beck, München 2005, enthält auch hebräische Dichter.

Al-Andalus in L&Poe: 2002 Jul # Poet´s Choice; 2004 Dez #24. Geistige Erneuerung statt Vorbeter; 2004 Dez #53. Wie Frauen im Islam dichten; 2005 Mrz#77. Meddebs Palimpseste; 2005 Mai #32. Arabische und hebräische Lyrik aus Spanien; 2005 Jul #74. Das Wunder von al-Andalus;2005 Aug #12. Algerischer Malhoun-Dichter gestorben; 2005 Sep #51. A Muh a Muh; 2005 Sep #116. Zajal;2006 Feb #56. Leider kannte keiner; 2007 Mrz #57. Meister Eckhart & Al-Andalus; 2007 Mrz #73. Auch Marrakesch

37. Klangwunder, Ausdrucksanthropologie

Thomas Poiss preist Anja Utlers jüngsten Lyrikband als Klangwunder an, das man unbedingt „laut lesen“ sollte, um es ganz genießen zu können. Wie schon in ihrem Lyrik-Debüt entfalte die Autorin eine „Anthropologie des Ausdrucks“, sie spiele mit Rhythmus, Klang und Zeichensetzung, ohne sich jedoch darin zu verlieren, lobt der Rezensent. / FAZ 10.5.2007, referiert bei Perlentaucher

38. Romantiker und Chronist des Untergangs

Jizchak Katzenelson wurde 1886 in Weißrußland geboren. Er lebte in Lodz und veröffentlichte schon früh – ab 1904 – seine ersten Gedichte in Warschau. Er schrieb in zwei Sprachen, Jiddisch und Hebräisch. Sehr bald wurde er auch als Prosa- und Stückeschreiber bekannt. 1910 übernahm er die Schule seines Vaters, die er bis 1939 leitete. Dann kam er für drei Jahre in das Warschauer Ghetto. Nach der Vernichtung des Ghettos durch die Deutschen kam er in ein Lager für bekannte Persönlichkeiten in Vittel. Im April 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert und gleich nach der Ankunft ermordet…

Seine musikalischen und romantischen Texte inspirierten zahlreiche Melodien, die in der jiddischen Welt so populär wurden, daß man die Herkunft der Texte vergaß. Als romantischer Dichter übersetzte er auch gern und widmete viele Jahre seines Lebens der Übertragung Heines ins Jiddische. Er führte die Themen, Bilder und Stimmungen der Romantik in seine beiden Sprachen ein: die Schönheit der Natur und ihre Gleichgültigkeit dem Menschen gegenüber, die meditative Einsamkeit, Glück und Unglück der Liebe, den Reiz des Unbekannten, die Erinnerung, die in vielfachen Formen auftritt, bald bitter, bald betörend.

In drei versiegelten Flaschen, vergraben beim Ausgang, in einer Spalte im sechsten Pfosten, unter einem Baum, überdauerte sein „Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk“ und wurde erst 1984 vollständig veröffentlicht. / François Xavier, Le Mague 10.5.2007

Yitskhok Katzenelson, Le Chant du peuple juif assassiné, traduit du yiddish par Batia Baum, présenté par Rachel Ertel, Zulma, mars 2007, 157 p. – 9,50 EU

In L&Poe: 2004 Jun #46. Katzenelson/ Biermanns Denkmal in Worten; 2004 Sep #90. Trogt zikh a gezang; 2005 Jan #89. „Weh mir“; 2006 Mrz #22. Nizza Thobis neue CD „Jiddisch is gor nischt asoj schwer“; 2007 Feb #48. Endlich auf Deutsch

30. Poesie graphisch – Skandinavische Lyrik auf Bodoniblättern

Im Rahmen des Festivals Nordischer Klang in Greifswald

Universitätsbibliothek Greifswald

Ausstellung „Poesie grafisch“

Der Schweizer Lyriker, Romancier, Verleger, Drucker, Graphiker und obsessive Lustleser Beat Brechbühl gibt seit vielen Jahren seine „Bodoniblätter“ heraus, benannt nach dem Gestalter einer Schrift, die seinen Namen trägt. Brechbühl kennt sich in der Weltliteratur, auch gerade in der skandinavischen Literatur hervorragend aus. Unter den Graphik-Lyrik-Blättern, die er mit Bleisatz und Handpresse höchstpersönlich gestaltet und herstellt, finden sich schon lange Gedichte von Georg Johannesen, Einari Vuorela, Nils Aslak Valkeapää und Jan Erik Vold. Als Auftragswerk des Nordischen Klangs entwarf, setzte und druckte Brechbühl jetzt weitere Graphikblätter mit Gedichten von u.a. Gunnar Ekelöf, Tomas Tranströmer, Klaus Rifbjerg, Inger Christensen und Tarjei Vesaas. Entstanden ist so eine wunderschöne und repräsentative Anthologie skandinavischer Lyrik im Format 50×70. Die einfachen graphischen Gestaltungsmittel, Farben und Schrifttypen, mit denen Brechbühl jedes Blatt zu einer Überraschung werden läßt, betonen das Materielle, die Schriftlichkeit der Lyrik und geben ihr einen exklusiven Rahmen, der sie neu erfahrbar macht.

Als Kleinverleger erhält Brechbühl für seine Graphikblätter und die sorgfältig gestalteten und hergestellten Bücher immer wieder höchstes Kritikerlob und öfter mal Preise für das schönste Buch des Jahres. Als Handpressendrucker arbeitet er „mit giftigem Blei, mit Farben, die man nicht essen soll und Waschmitteln, die man leicht mit Tee verwechselt“. Er darf kein kalkulierender Geschäftsmann sein – deshalb wohl die abgewehrte Versuchung, Farben zu essen und Waschmittel zu trinken. Die skandinavischen Lyriker, die Brechbühl auf Bodoniblättern verewigt hat, sind auf eine kongeniale Künstlernatur getroffen.

Von jedem Blatt gibt es 33 nummerierte und signierte Exemplare, die zum Kauf angeboten werden. Brechbühl wird bei der Eröffnung der Ausstellung in der Universitätsbibliothek anwesend sein.

Außerdem u.a.:

Donnerstag 10.5.

14.00 Uhr – Nordisches Institut

Vortrag: „Der Liederdichter Alf Prøysen“

von Knut Imerslund (Distriktshochschule Hedmark/Hamar) N auf Norwegisch

Sonntag 13.5.

20.00 Uhr – Theater

Kari Bremnes N

Exklusivkonzert der faszinierenden, norwegischen Songpoetin

59. Wordsworth-Rap

10.4.2007

200 Jahre danach kann man das Gedicht über „Daffodils“ (Osterglocken) von William Wordsworth als Popvideo gerappt hören bzw. sehen. / Guardian 11.4.

Hier der Anfang in beiden Fassungen:

The original:

 

I wandered lonely as a cloud
That floats on high o’er vales and hills,
When all at once I saw a crowd,
A host, of golden daffodils;
Beside the lake, beneath the trees,
Fluttering and dancing in the breeze.

 

The rap:

 

I wandered lonely along as if I was a cloud
That floats on high over vales and hills
When all at once I looked down and saw a crowd
And in my path there was a host of golden daffodils
so Check it!
The kind of sight that puts your mind at ease
I saw beside the lake and beneath the trees …

 

The rap can be heard on www.golakes.co.uk/wordsworthrap

Wordsworth in L&Poe: 2001 Mrz # Osterglocken (Golden daffodils); 2001 Mrz # Largely through the mediation of Coleridge; 2001 Jul; 2002 Apr # William Blake; 2002 Sep # Wordsworth was in town; 2004 Mrz #62. Massen-Simultanlesung; 2004 Apr #55. Nächtliches Abenteuer eines werdenden Dichters; 2004 Aug #49. Prelude zu Freud; 2005 Feb #68. ANNE WINTERS is a nature poet; 2005 Mai #44. Wenn Amerikaner Sonette schreiben; 2005 Mai #100. Fußnotenpflicht für Lyrik; 2006 Mrz #119. Was wir zuerst gelesen; 2006 Jul #107. Bum-bum-bum bum-bum…; 2006 Dez #35. Gotisch, zweideutig, amoralisch; 2007 Feb #52. Die Freundschaft; 2007 Mrz #120. Sturm (im Wasserglas?) der US-amerikanischen Lyrik; 2007 Apr #28. Gaga for Brecht; 2007 Apr #45. Über das Verhältnis von Autobiographie und Lyrik