38. Auf den „Wellen der Zeit“ mit Johannes Golznig

„Er schreibt eine Lyrik, die sitzt. Ihn ärgert nichts. Er ist die Ruhe wie das Meer,“ charakterisierte Josef K. Uhl in einer Rezension des Gedichtbandes „Wellen der Zeit“ den Lyriker Johannes Golznig. Das Buch erschien als der Autor 80 Jahre alt war. Nun gilt es den 85sten zu feiern. Mit leichter Verspätung (Golznig wurde am 16. Juni 1924 in Weitensfeld geboren) findet heute im Bamberger Amthof eine Geburtstagsfeier für ihn statt. Bei dieser Gelegenheit wird der Jubilar, der mit seiner zeitgenössischen Lyrik immer einen eigenständigen Weg gegangen ist, auch unveröffentlichte Texte vorstellen. / Kleine Zeitung 14.7. http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/kultur/2081802/poetische-reise-vom-ackerland-ins-ankerland.story

37. Gedichte von Andrea Heuser als Performance in München

Eine nach der anderen überqueren die Performerinnen zwischen bunten Klappstühlen und einer Rampe mit Basilikumtöpfen die Bühne, entschwinden durch die Tür gegenüber dem Zuschauerraum. „Vor dem Verschwinden“ hieß das Auftaktprojekt nach dem gleichnamigen Gedichtzyklus von Andrea Heuser, mit dem Tomma Galonska und Anne Wodtcke im Schwere Reiter die Reihe „P|2 Poesie & Performance“ eröffneten.

Mit Gesang, rhythmisierter Verfremdung und Bewegungssequenzen versuchen die Mezzosopranistin Martina Koppelstetter, die Tänzerinnen Anna Holter, Gabi Geist und Inge Rassaerts die Textkompositionen auszuloten, poetisch komprimierte Impressionen, die abrupt abbrechen, sich verflüchtigend fortklingen. Man kann nun kaum davon ausgehen, dass die Lyrik Andrea Heusers jedermann vertraut ist, und leider dauert es ziemlich lange, bis deren Sinnlichkeit und barocke Bilderfülle hör- und fühlbar wird. Gedichtzeilen lösen sich in hexenhaftem Raunen und Kichern auf, verwandeln sich in Worte, zerstückelt in eine Folge von Schreien, herausgebrüllt wird die „bienensommerwetterstille“. Zu sehr dominiert zunächst Hysterie die Inszenierung, zu wenig fängt sie den Klang von Heusers Sprache ein, den flirrend aufleuchtenden Widerschein entflohener glückssatter Momente, das Verlangen, sich lebenstrunken kindergleich mit Gegenwart vollzusaugen, wissend, dass sie, kaum wahrgenommen, schon vergangen ist. …

Erst spät wird es möglich, sich auf Heusers Lyrik wirklich einzulassen. Da treten die Performerinnen nach vorn, singen und rezitieren das Gedicht „Fragen“, erinnern an die Sommer „in all den altkleidersprachen“, die „buntstiftblumen“. Was man sich einstimmend gewünscht hätte, spart Regisseurin Galonska für den letzten Part des Abends auf. Und tatsächlich gewinnt dieser schließlich an konzentrierter Expressivität, entlässt einen versöhnt und gespannt auf das nächste Projekt der Reihe. / PETRA HALLMAYER, SZ 17.7. http://www.sueddeutsche.de/K5P385/2970822/Buntstiftblumen.html

36. Gartenzwerge ermitteln

Gartenzwerge des Nürnberger Kunstprofessors Ottmar Hörl, die den rechten Arm zum Hitlergruß ausstrecken, haben die Justiz auf den Plan gerufen. Die Staatsanwaltschaft ermittle nun wegen der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, teilte ein Sprecher der Nürnberger Anklagebehörde am Donnerstag mit. Ein Justizsprecher betonte, die Verwendung solcher Symbole sei nur dann straffrei, wenn damit verfassungswidrige Organisationen kritisiert würden.

„Wir prüfen jetzt, ob dies bei Gartenzwergen genauso eindeutig der Fall ist wie etwa bei Plakaten mit durchgestrichenen Hakenkreuzen“, sagte Justizsprecher Wolfgang Träg. Die Staatsanwaltschaft wolle zunächst dem Künstler Gelegenheit zu einer Stellungnahme geben. Möglicherweise müsse sich auch der Nürnberger Galerist wegen der Präsentation des Nazi-Gartenzwergs verantworten. …

„Ich bin völlig erstaunt, dass ein einzelner Gartenzwerg in einer mir völlig unbekannten Galerie in Nürnberg wegen der anonymen Beschwerde eines Denunzianten eine solche öffentliche Diskussion auslöst“, sagte er. Inhaltlich habe er kein Verständnis für die Kritik. In Belgien habe jeder verstanden, was es politisch bedeutet, „wenn man die Herrenrasse als Gartenzwerg darstellt. Im Jahre 1942 wäre ich für das Werk von den Nazis massakriert worden“, sagte Hörl. / Kleine Zeitung

29. Lyrikzeitung zu Gast bei textenet.de

[Achtung – nicht klicken, Links sind veraltet]

Der Server der Lyrikzeitung bleibt gestört – mit 3 Wochen die längste Unterbrechung in 10 Jahren.
Jetzt hat textenet.de, die Website des im Oktober/November stattfindenden Leipziger Literaturfestivals (siehe #28.), ein freundlich Asyl angeboten.
Ab sofort stehen die aktuellen Nachrichten seit Anfang Juli dort zur Verfügung:
http://textenet.de/index.php?option=com_content&view=article&id=62&Itemid=66
(oder http://www.textenet.de und dort auf „Literaturzeitung“ klicken).
Archive und Links finden Sie zusammen mit den alten Nachrichten vom Juli weiterhin unter http://www.pom-lit.de/lyrikzeitung.
Die Adresse lyrikzeitung.de (http://www.lyrikzeitung.de), die mir nicht gehört, leitet zur Zeit auf die alte Startseite mit Stand vom Juni um. So Gott und die Betreiber wollen, vielleicht / hoffentlich ab morgen auf die Ausweichseite.
Während des Leipziger Festivals wird die Lyrikzeitung übrigens teilweise von Leipzig aus betrieben.

28. textenet.de – Literaturfestival in Leipzig

Der Auftakt im Oktober soll ganz im Zeichen des fünfzigsten Geburtstags der Edit stehen.
Hierzu sind Veranstaltungen am 8. und 9. Oktober 2009 geplant.Der Fokus soll hier auf Dichtern wie Ulrike Draesner, Marcel Beyer und Martina Hefter liegen, die durch ihre innovativen Leistungen vor allem im Kollegenkreis hohes Ansehen genießen. Ein Bogen zu bildenden Künsten, Tanz und Musik soll diese Veranstaltungen weit über den Kreis eines genuinen Fachpublikums hinaus attrakiv machen. In gleichem Sinne werden mit dem UT Connewitz und Cantona Veranstaltungsorte jenseits der klassischen Literaturort der Stadt ausgewählt. Der Oktoberschwerpunkt soll die Ereignisse um die friedliche Revolution würdigen und in den Kontext heutiger Debatten und Zeitfragen stellen. In diesem Sinne engagieren sich besonders das Museum in der runden Ecke, die freie Akademie der Künste sowie Silvia Kabus und auch Rainer Tetzner mit dem Arbeitskreis vergleichende Mythologie. Der Novemberschwerpunkt, der dem Festival seinen Abschluß gibt, ließe sich mit dem Motto „Literaturfest der Leipziger Vereine und Initiativen“ beschreiben. Dieser Teil soll vom 19. – 25. 11. stattfinden. Hier sollen einerseits in Leipzig beliebte in- und auswärtige Schriftsteller ein Podium finden. Andrerseits sollen sowohl neue Formen der Literaturdarstellung ausprobiert, als auch Autoren der freien Szene einbezogen werden.Um von einem bloßen Nebeneinander hin zu einer produktiven Auseinandersetzung zwischen bekannten und neuen Ansätzen zu gelangen, sollen die geplanten ca. 20 Einelveranstaltungen und Aktionen (z.B. Lesungen, Vorträge, Podiumsdiskussionen, Diskussionsrunden aber auch Slam, Veranstaltungen mit Bezug zu Musik und Bildender Kunst, Mitmachangebote für Kinder und interaktive Angebote im Rahmen des virtuellen Bereichs des Literaturfestivals.) in größere Rahmen eingeordnet werden. Die Eröffnungsveranstaltung etwa soll im Haus des Buches in allen Räumen des Hauses einschließlich des Literaturcafés stattfinden, die Literaturvereine werden an diesem Abend ihre Büros in der 1. Etage des Hauses für den Besucherverkehr öffnen.Eine große Veranstaltung wird es am Sonntag, den 22.11. schon ab 10 Uhr in allen Räumen des Unterkellers in der Moritzbastei geben. Vormittags wird es im Café Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche geben, 15 Uhr findet das MDR-Literaturcafe statt, abends werden Friedrich Schorlemmer und Bert Papenfuß zu Gast in der Veranstaltungtonne sein und in der Ratstonne wird die traditionelle „Nacht der Autoren“ zum Thema Sonett stattfinden.

 

Die Abschlussveranstaltung wird am Mittwoch, den 25.11. in der Werkstatt für Kunstprojekte (Karl-Heine-Str. 46) mit „Lesungen aus der Schublade“ (unveröffentlichte Werke) und der Verleihung der Michael-Linder-Literaturpreise stattfinden.

35. Die Holde der Sprache

Dorothea Grünzweigs Gedichte und Prosatexte waren durch ihren sprachanalytischen Hintergrund die wohl anspruchsvollste Lektüre des Abends. Die bei Stuttgart geborene Schriftstellerin lebt seit einigen Jahren in Finnland, und die finnische Sprache durchzieht ihr Schaffen wie ein roter Faden. So brachte sie das Finnische ebenso auf ihre ganz spezielle Deutung des Begriffs „innere Landschaften“ wie auf das, was sie unter der „Kindheitssprache“ versteht. In ihrem jüngsten Gedichtband, „Die Auflösung“ verarbeitet sie den Verlust ihrer Kindheitsfamilie eben durch den Gewinn der zweiten Sprache, die sie als ein Asyl, eine neue inwendige Sprachlandschaft beschreibt. In einem Aufsatz „Die Holde der Sprache“ (der Begriff Holde leitet sich von den guten Geistern der finnischen Sagenwelt ab und ist als Gegensatz zu den Unholden zu verstehen) unterschiedet sie etwa die Allerweltssprache, die sie unter anderem als würzig charakterisiert, und die quasi heilige Sprache des Vaters, die nicht auf gleicher Augenhöhe stattfindet. Ihrer Aussage nach entwickelte sie sofort heimatliche Gefühle bei dem im Finnischen gebräuchlichen Allativ, einem dem Dativ verschwisterten Fall, der durch Anhängen der Silbe „le“ gebildet wird. / Badische Zeitung 16.7.

Literaturstipendiaten des Landes Baden-Württemberg sind u.a. Christine Langer und Dorothea Grünzweig

34. Gestorben

Phyllis Gotlieb, sci-fi-Autorin und Lyrikerin, starb in Toronto im  Alter von 83 Jahren. 1969 veröffentlichte sie den Roman „Why Should I Have All the Grief?“ über die Wirkungen von Auschwitz auf die kanadische jüdische Gemeinschaft. Sie schrieb auch mehrere Versromane, die 1974 in dem Sammelband „Doctor Umlaut’s Earthly Kingdom“. / CBC News 15.7.

33. Metamorphosen

„In seinen Jugendgedichten und sogar manchen Gedichten seiner mittleren Zeit scheint er oft mittelmäßig und glanzlos“, bemerkte Seferis in seinem Vortrag 1946 – ein weiteres harsches Urteil, dem man kaum widersprechen mag, wenn man an so viele Gedichte denkt, die Kavafis mit 30 und noch Anfang 40 schrieb, offensichtlich anderen Dichtern und Denkern verpflichtet, dunkel und unverbindlich. Und dann, so Seferis weiter, „geschieht etwas Außerordentliches.“ Die äußeren Umstände seines Lebens helfen uns kaum, diesen Entwicklungssprung zu verstehen; hierin ähnelt Kavafis seinem Zeitgenossen Proust, der eine ähnliche tiefe und zugleich unmerkliche Verwandlung in seinem späten Vierzigern erfuhr, die aus einem mittelmäßigen Literaten einen großen Künstler machte. Man muß Kavafis‘ geistige Entwicklung zwischen den 1890er und den 1910er Jahren heranziehen, um zu erkennen, wie aus einem mittelmäßigen ein großer Autor wurde. / Daniel Mendelsohn, aus der Einleitung zu C. P. Cavafy: Collected Poems, tr. Daniel Mendelsohn, bei Poetry Daily

32. Rainer Kirsch 75

Denn Kirsch, der am 17. Juli seinen 75. Geburtstag feiert, blieb in «seinem» Land, obwohl ihn die parteiliche Obrigkeit ihr andauerndes Misstrauen in gnadenloser Konsequenz spüren ließ: 1957 von der Universität Jena verwiesen, 1965 das Abschlussdiplom am Leipziger Literatur-Institut Johannes R. Becher verweigert, 1973 nach harscher Kritik an seiner Komödie «Heinrich Schlaghands Höllenfahrt» aus der Partei ausgeschlossen. Hätte Kirsch den Weg Wolf Biermanns genommen, wäre es nachvollziehbar gewesen.

Doch Kirsch blieb – und schrieb. Seine Kritik an den Zuständen in der DDR war immer Hinweis darauf, dass daraus Besseres erwachsen solle. Besonders der Philosoph Ernst Bloch war mit seinem Eintreten für einen humanen Marxismus für den jungen Dichter ein entscheidender Impulsgeber. 1957 wurde für beide zum Schicksalsjahr: Kirsch flog von der Uni, Bloch verlor seinen Lehrstuhl als Ordinarius für Philosophie in Leipzig. Was für den Hochschullehrer dem Ende einer Auseinandersetzung mit Staat und Partei gleichkam – vier Jahre später ging er in den Westen -, war für den im sächsischen Döbeln geborenen Kirsch deren Beginn. / m&c

31. Poesie aus der Hölle

Endlich wird der «jiddische Dante» mit seinem erschütternden Bericht vom Wilnaer Ghetto auf Deutsch vorgestellt. Mit grosser Genauigkeit schildert er, wie eine Bevölkerung zu überleben versucht.

Wer Vilnius (Wilna), die diesjährige Kulturhauptstadt Europas, besucht, findet ausser einem winzigen, abgelegenen Holocaust-Museum keine Spur mehr von der reichen jüdischen Kultur, die es einst in diesem «Jerusalem des Nordens» gab. JedeR dritte Einwoh­nerIn von Wilna war jüdisch, die Stadt ein Zentrum jiddischer Gelehrsamkeit mit Hochschulen, fünf jiddischen Zeitungen und dem wissenschaftlichen Institut für jiddische Studien Yivo, das heute in New York fortbesteht.

Das öffentliche jüdische Kulturleben erlosch 1941 mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht: «Als ich am 22. Juni frühmorgens das Radio anschloss, da sprang es mir entgegen wie ein Knäuel Eidechsen: ein hysterisches Geschrei in deutscher Sprache.» So beginnt der Bericht «Wilner Getto» von Abraham Sutzkever aus dem Jahr 1945, der jetzt im Ammann-Verlag erstmals in deutscher Übersetzung (von Hubert Witt) vorliegt, zusammen mit dem Gedichtband «Gesänge vom Meer des Todes».

Abraham Sutzkever, der 1913 geborene Dichter aus Litauen, der heute in einem Altersheim in Israel lebt, gilt als Retter der jiddischen Sprache. Zum einen, weil der hochgeachtete Lyriker bis vor kurzem selbst auf Jiddisch schrieb, zum anderen, weil er im besetzten Wilna aktiv die Verschleppung und Zerstörung jüdischer Kulturschätze hintertrieb. Davon erzählt er im Gedicht «Weizenkörner»: «Wi bajm baschitsn an eifl – / ich lojf mitn jidishn wort, / nishter in itlechn hejfl, / der gajst zol nit wern dermordt. – Wie einen zarten Säugling / beschütz ich das jiddische Wort, / schnuppre in jeden Berg Papier, / rette den Geist vor Mord.» / Eva Pfister, Woz 16.7.

«Wilner Getto 1941–1944»
Deutsch von Hubert Witt

Sutzkever, Abraham

Ammann Verlag. Zürich 2009

272 Seiten. Fr. 39.90

«Gesänge vom Meer des Todes»
Gedichte. Übersetzt von Hubert Witt (einzeln oder im Schuber).

Sutzkever, Abraham

Ammann Verlag. Zürich 2009

272 und 192 Seiten. Fr. 39.90 (Subskriptionspreis bis 31. Dezember 2009: Fr. 56.90)

«Geh über Wörter wie über ein Minenfeld»
Lyrik und Prosa. Auswahl, Übersetzung, Anmerkungen von Peter Comans

Sutzkever, Abraham

Campus Verlag. Frank­furt / New York 2009

389 Seiten. Fr. 56.90

56. Kleinverlage

Betreff: jeweils ein (1) Buch von Engeler, Kookbooks und der Edition Korrespondenzen kaufen

oder von den unter Wert repräsentierten yedermann (medial total untergegangen: Emma Lew …) oder luxbooks, oder Verlagshaus J. Frank, zum Beispiel.
aber das wissen Sie ja.

Ron Winkler

Lieber Ron Winkler,
in der Tat gibts mehr wichtige Kleinverlage. Die drei sind da nur Stellvertreter und mE irgendwie repräsentativ für mehreres: zB je eines der deutschsprachigen Länder, die sich in der Mitte – falsch: in den Rändern – überlappen und dann je eigene, fast zu sagen nationelle, Schwerpunkte haben, Wien Basel Berlin (also die Verlage, nicht die Länder). Auch wurden alle drei vom Feuilleton bißchen gepuscht und, mE, bißchen fallengelassen. Wurden oder werden…
Gruß, MG

manche Verlage wurden noch nicht einmal richtig gehoben, um fallengelassen zu werden. Theo Breuer kennt sicher 100.
Gr, RW

NB
die geringen Zahlen, 3 Verlage 1 Buch, reflektieren natürlich auch Kleinmütigkeit oder sagen wir Realismus? „Das soll ich ausforschen?“, das schrieb Karl Mickel vor viereinhalb Jahrzehnten circa, und paßt es etwa nicht auf mangelnde Neugier, wie Engeler meint: nicht nur „des Betriebs“ und „des Buchhandels“ [mit Verlaub, das Lyrikangebot in den von mir geschätzten Greifswalder Buchhandlungen etwa ist, keinen wirds wundern, mehr als dürftig. Rilke Hesse Goethe Eva Strittmatter & Co, was die Leute halt so nachfragen], sondern mangelnde Neugier DER LESER? Die Lyrikleser mein ich jetzt: UNS.
MG

54. Kleine Verlage zu Gast im Literarischen Colloquium Berlin

Die ohnehin prekäre Lage der kleinen Verlage hat sich auch nicht verbessert.

Das wird an dem Schicksal des auf Lyrik spezialisierten Urs Engeler Editor- Verlags deutlich: Nachdem der Mäzen, der einen entscheidenden Beitrag zur Finanzierung des Schweizer Verlags beisteuerte, ausgestiegen ist, wird in diesem Herbst das letzte Programm erscheinen. Egal ob preisgekrönt und im Feuilleton hoch gelobt – Lyrik lässt sich eben schwer verkaufen. Der Verleger Urs Engeler, der Ulrich Schlotmann mit seinen sarkastischen Gedichten im LCB vorstellte, übernahm dann auch den Part des Pessimisten am Wannsee. „Es wäre gar nicht so schwer, einen solchen Verlag am Leben zu halten, wenn nur die Neugierde der Menschen etwas größer wäre“, sagt er ernüchtert, nachdem er 13 Jahre versucht hat, das zu ändern. Er macht weder dem Buchhandel einen Vorwurf, noch der Literaturkritik, die ihn überproportional berücksichtigt hat, sondern den Menschen im Allgemeinen: Ihm komme es vor, als habe in den vergangenen beiden Jahrzehnten nur das einen Wert gehabt, das Geld generiere. Dass Lesen eine Investition in die Menschlichkeit sei, werde nicht gesehen. …

Auch Jörg Sundermeier vom Berliner Verbrecher Verlag plant mit seinem Auslieferer eine ähnliche Vertriebsaktion wie „Goldader“, um endlich auf den Ladentisch der großen Ketten zu kommen – und am besten damit auch gleich die verhasste Kleinkunstecke zu verlassen. Dahin würde man als kleiner Verlag immer noch geschoben: „Die Leute müssen endlich akzeptieren, dass unsere Autoren genauso groß sind wie die von Suhrkamp.“ / LAURA WEISSMÜLLER, SZ 20.7.

Las gerade bei Facebook:

N.N. hat gerade ein wunderschönes Buch gefunden – Bert Papenfuß – ATION-AGANDA mit cd 2008 bei Urs Engeler erschienen – so sollten Bücher aussehen

Genau! Und kleines Rechenbeispiel: wenn jeder Leser der Lyrikzeitung in den nächsten drei Monaten jeweils ein (1) Buch von EngelerKookbooks und der EditionKorrespondenzen kaufen würde, wär die Lyrik wahrscheinlich schon gerettet. Genug auf Lager haben die allemal. Um dieser 200 willen würde sie gerettet – die andern tuns eh nicht. Ette conne ronne bzw. wenn aber dann bzw. quoniam, ach*!

(Oder andersherum: wenn jede Buchhandlung der Republik, bei der ich in den letzten 20 Jahren Bücher für viele tausend Marks und Euronen gekauft habe, das für sie kleine Risiko einginge, von jedem der Verlage zwei Titel für ihre Leser hinzulegen…  aber das tun die nicht, oder?)

*) Der Redakteur ist gern bereit, auf Anfrage die Anspielungen aufzulösen. Für den guten Zweck!

53. American Life in Poetry: Column 226

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Elizabeth Bishop, one of our greatest American poets, once wrote a long poem in which the sudden appearance of a moose on a highway creates a community among a group of strangers on a bus. Here Ronald Wallace, a Wisconsin poet, gives us a sighting with similar results.

Sustenance

Australia. Phillip Island. The Tasman Sea.
Dusk. The craggy coastline at low tide in fog.
Two thousand tourists milling in the stands
as one by one, and then in groups, the fairy penguins
mass up on the sand like so much sea wrack and
debris. And then, as on command, the improbable
parade begins: all day they’ve been out fishing
for their chicks, and now, somehow, they find them
squawking in their burrows in the dunes, one by one,
two by two, such comical solemnity, as wobbling by
they catch our eager eyes until we’re squawking, too,
in English, French, and Japanese, Yiddish and Swahili,
like some happy wedding party brought to tears
by whatever in the ceremony repairs the rifts
between us. The rain stops. The fog lifts. Stars.
And we go home, less hungry, satisfied, to friends
and family, regurgitating all we’ve heard and seen.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. „Sustenance“ from „For A Limited Time Only,“ by Ronald Wallace, © 2008. Used by permission of the University of Pittsburgh Press. The poem first appeared in „Poetry Northwest,“ Vol. 41, no. 4, 2001. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

52. Gedichte an die Anschlagsäulen

«Der Erzieher des modernen Menschen ist die Reklame», diagnostizierte der Lyriker Yvan Goll in den zwanziger Jahren und verschrieb der Dichtung, wenn sie das nervöse Temperament des modernen Menschen nicht langweilen möchte, «grössere Rapidität. Es muss jedem Gelegenheit gegeben werden, ein Gedicht zu goutieren, in welcher Lage er sich auch befindet: in der Stadtbahn oder im Lift.» Getreu dieser Forderung bringt derzeit ein Verbund deutschsprachiger Literaturhäuser in einer gemeinsamen Initiative mit der Robert-Bosch-Stiftung Gedichte aus dem heutigen China auf grossflächigen Plakaten in die Literaturhausstädte.

Die Lyriker, die der in Peking lebende Dichter Xi Chuan (geb. 1963) dafür auswählte, gehören fast alle der sogenannten «posthermetischen Dichtung» an. Während die «hermetische Dichtung» (z. B. von Bei Dao oder Gu Cheng) um 1980 den Aufbruchswillen der «verlorenen Generation» artikulierte, versucht sich die sich ab Mitte der achtziger Jahre formierende Dichtung von dem Pathos des aufklärerischen Subjekts und der durchgängigen Oppositionshaltung konsequent abzusetzen./ Michael Ostheimer, NZZ 15.7.

In Zürich hängen die Plakate bis Ende Juli; ferner ist im Literaturhaus Zürich eine Veranstaltung für Anfang Oktober geplant. Weitere Informationen sowie die vollständigen Texte der Gedichte finden sich unter www.literaturhaus.net.

50. China: wen interessiert noch Lyrik?

Auf der Busfahrt, vorbei an Hutongs und qualmenden Garküchen, Hochstraßen und vielen Hochhäusern, blättert ein Kollege in den Gedichten des großen Lyrikers Bei Dao:

„Das neue Jahrhundert / Ruhmsüchtig verdunkelt sich die Erde/ Wir lesen vom Licht in einem Buch / aus Beton, wir lesen die Wahrheit . . .“
Immerhin, denkt man, der kann das alles hier veröffentlichen. Oder machen sich die Behörden bei einer so apokryphen Kunstform wie der Lyrik nicht mal mehr die Mühe, sie zu „harmonisieren“, weil das ohnehin keiner liest?
Chen Danqing lacht am nächsten Morgen in den hohen Raum seines Ateliers. Genau, sagt er, wen interessiert noch Lyrik? Chen hat sich selbst harmonisiert: Der Maler und Essayist hat vor einigen Jahren seinen Job an der Universität hingeschmissen, er fühlte sich zu sehr gegängelt und überwacht. So etwas tut man nicht in China, seither ist er berühmt. / ALEX RÜHLE, SZ 11.7.