Ansonsten kreisen Rincks Zeilen häufig um Tier und Fleisch, um Tierliebe und Fleischeslust, auch die an solchem, das keine Eltern hat, Fruchtfleisch von Quitten zum Beispiel. Nun ja, diese Art literarischer Lust hat Tradition, es ist die Hoffnung auf das Wort gewordene Fleisch und das Fleisch werdende Wort, eine Art profaner Transsubstantion. Aber Rinck gewinnt ihr originelle Seiten ab: „Sich einen Teller Tatar zu teilen im Zustand der Willenlosigkeit“ – das mag für Vegetarier die Höchststrafe darstellen, ansonsten aber hält der Text, was der Titel verspricht.
Und das gilt für die ganze „Helle Verwirrung“, die gern einen poetischen Drahtseilakt ohne Netz und doppelten Boden vollführt, allerdings nur zirka zehn Zentimeter über der Erde. Für mehr scheint sie zu reflektiert. Ab und an ein semi-artistisches Enjambement, hin und wieder ein aparter Binnenreim: „die wohnungsbrand, aye, aye, verzehrt / mich nicht, die hose runter, wehrt sich nicht, wieso?“
Zurückgefragt: Wer spricht da eigentlich? Eher selten das klassische lyrische Ich. Das fand sich schon in ihren früheren Gedichtbänden kaum. Rinck, 1969 in Zweibrücken geboren, verdichtet und verschränkt stattdessen häufig Sprechakte, Sätze, die man überall und nirgends hören kann. Daraus entstehen Textgebilde, Hybridformen, Rollenprosagedichte: „herrje, da kippen wir jetzt einen würzling drüber.“ Geht doch, oder? / Thomas Wegmann, Tagesspiegel 19.7.
Monika Rinck: Helle Verwirrung. Rincks Ding- und Tierleben. Gedichte, Texte und Zeichnungen. kookbooks, Idstein 2009. 200 Seiten,
2 Buchblöcke im Schuber, 24,90 €.
Mit seinem autobiografischen Antikriegsroman «The Enormous Room« (1922), der auf Erlebnissen in einem französischen Internierungslager im Ersten Weltkrieg basiert, ist der amerikanische Dichter E. E. Cummings bekannt geworden. Weit weniger bekannt waren und sind hingegen Cummings‘ frühe Gedichte, die später unter dem Titel «Tulips & Chimneys» gesammelt wurden. Hier finden sich 63 Sonette, die bereits eine experimentierfreudige, ironisch mit der traditionellen Form spielende Haltung des jungen Autors verraten.
Der virtuosen Übersetzung von Günter Plessow ist es zu verdanken, dass sich Cummings‘ Wortakrobatik im Deutschen nachvollziehen lässt. Plessow gelingt es ausgezeichnet, die von Cummings frei gehandhabte Form des Sonetts zu reimen und gleichzeitig so nah wie möglich beim Original zu bleiben. Nur wo die genüsslich ausgekosteten Eigenheiten des Englischen eine deutsche Annäherung untersagen, erkennt Plessow eine nicht überschreitbare Grenze an – was sicherlich eine bessere und ehrlichere Lösung darstellt als phantasievolle Fortschreibungen….
Nicht nur die exklusive Interpunktion (die beispielsweise den Leerschlag nach dem Komma unterlässt) und die alle Regeln durchbrechende Gross- und Kleinschreibung lassen allenthalben den späteren Sprachexperimentator mehr als erahnen; auch viele Formulierungen bersten geradezu von spöttischer Lust am Neuen. Da finden sich Bilder wie: «seligkeit / gib mir zur speise,wurm-zerlesen,wie / ich speise bin dem hungermund der zeit» oder ein Regen «der verängstigte felder beschenkt / mit höherem staub-des-schlafes». Bereits in diesen Gedichten zeigt sich, was Cummings‘ Werk generell charakterisiert: das Nebeneinander von traditionellen und experimentellen Formen und Inhalten, von nur auf sich selbst verweisender und auf eine aussersprachliche Wirklichkeit bezogener Sprache. / Jürgen Brôcan, NZZ 18.7.
E. E. Cummings: was spielt der leierkasten eigentlich. Die frühen Sonette. Deutsch von Günter Plessow. Urs Engeler Editor, Basel / Weil am Rhein 2009. 160 S., Fr. 29.–.
Begriffe wie «Einfühlung», «Seele», «Wert», «Wahrheit», «Verantwortung», «Leben» kehren bei Bachtin häufig wieder; sie machen deutlich, dass sein Interesse nicht primär der Literatur als Kunst, vielmehr der Literatur als einer Art von künstlerischer Ethik, wenn nicht gar als Lebenshilfe gilt. Demgegenüber bleiben für ihn Form- und Stilfragen sekundär, und er scheut sich nicht, die Aufwertung der ästhetischen Komponenten in der Literatur der Moderne als formalistischen Hokuspokus abzutun, wenn nicht für «dekadent» zu halten. Stets behält in seiner Konzeption der «Inhalt» Vorrang vor der «Form», und folglich gilt ihm auch die Sprache ausschliesslich als Medium der Verständigung, niemals aber als eigenständige und selbstwertige Gegebenheit ästhetischer Erfahrung. Die Sprachform ist immer «bedingt», sie kann nur «dienen», nicht aber – wie in der Poesie von Rimbaud bis Chlebnikow und Marina Zwetajewa – «selbstredend» eingesetzt werden: «Der Dichter ist Schöpfer nicht in der Welt der Sprache, er bedient sich ihrer nur.»/ Felix Philipp Ingold, NZZ 16.7.
Michail M. Bachtin: Autor und Held in der ästhetischen Tätigkeit. Herausgegeben von Ulrich Schmid, Edward Kowalski und Rainer Grübel. Suhrkamp-Verlag (stw 1878), Frankfurt am Main 2008. 356 S., Fr. 24.50. Michail M. Bachtin: Chronotopos. Aus dem Russischen von Michael Dewey. Suhrkamp-Verlag (stw 1879), Frankfurt am Main 2008. 242 S., Fr. 18.90
Kempowski hat diese Zeit immer als in jeder Hinsicht prägend beschrieben, ohne die Haft, so wurde er nicht müde zu betonen, wäre er nicht zum Schriftsteller geworden. In seinem Buch «Im Block» hat er die schmerzhaften Erfahrungen sprachlich verarbeitet. Es liegt nahe, die Gedichte in «Langmut» vor diesem Hintergrund zu lesen. Immer wieder tauchen Bilder von Dunkelheit und Kälte in den Zeilen auf, es ist von «Gittern» und «Mauern» die Rede, und die Bewegungen enden oft im Nichts. Das Schöne an den Texten aber ist, dass sie diese Lesart in keiner Weise verlangen. Vielmehr bauen sie eine Stimmung des Bedrohlichen und zugleich Absurden auf, die eher an Sätze von Kafka oder Beckett erinnern, als dass sie sich einer konkreten, historisch verortbaren Szenerie zuordnen liessen. Kempowski macht das sprachlich geschickt, indem er ein ums andere Mal ein nicht näher bestimmtes «es» oder «man» in die Verse holt, das sie offen hält. Zugleich konzentrieren sich die Gedichte nicht nur auf das Sehen, sondern auch auf das Hören. Das Lauschen wird beschworen, es schabt und kratzt fortwährend, und bisweilen scheint sich das lyrische Ich regelrecht ins Ohr verkrochen zu haben: «Man gab dir ein Tuch. / Fäden hingen her und hin. / Es pfiff von den Dächern / und summte durchs Haus.» / Nico Bleutge, NZZ 18.7.
Walter Kempowski: Langmut. Gedichte. Knaus-Verlag, München 2009. 84 S., Fr. 28.90.
Es sind sehr klare Bilder, die Trojan findet. Erdnah, könnte man sagen. Manchmal auch mit der Wehmut gemalt, dass man nicht tiefer schauen kann in die Dinge. „Die Augen / egal wie sie sich drehen / schauen nur nach außen“, heißt es in „Briefe“.
Das kann man als Enttäuschung lesen. Oder als weitere nüchterne Einsicht einer Dichterin, die ihre Texte nicht kolorieren muss. Der klare Blick genügt und die Bereitschaft, dem Dasein ganz ohne Aufgeregtheit und Schwärmerei zu begegnen. Der Zauber liegt in den Dingen. Und manchmal webt sie dann auch – ein Mond-Gedicht etwa – einfach so aus einfachen Worten geraunt. Ein bisschen Beschwörung darf sein, wenn man den Dingen so nahe ist, „die Zeit so mit sich bringt“ („Galatea wartet sich alt“) / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung 20.7.
Sandra Trojan „Um uns arm zu machen. Gedichte“, Poetenladen, Leipzig 2009, 13,80 Euro.
G&GN-Institut Berlin-NewCologne / Aufgrund des Totalausfalls meines Computers hatte ich in der letzten Woche endlich einmal wieder genug Zeit, mich meiner Lyrik-Sammlung zu widmen: Passenderweise fiel mir beim Entstauben des Bücherregals ein vergessener Gedichtband mit dem Titel „MONDLANDUNG“ in die Hände! Dadurch inspiriert durchforstete ich instinktiv einige weitere Bände, in die ich teilweise noch nie seit ihrem Ankauf hineingeschaut hatte – „Querlesen“ geht bei Lyrik leider wirklich schlecht. So wurde ich bei einigen mehr oder weniger bekannten Dichtern zum Thema Mond fündig und übersetzte sogar auf die Schnelle selber eines, das exakt am Tage des ersten „bemannten“ Mondfluges niedergeschrieben wurde. Die folgenden Zitate sind also eine ziemlich willkürliche Zusammenstellung, die den Leser einfach nur anregen möge, die eigene Sammlung auch zu entstauben und dabei den Trick auszuprobieren, sich ein massenmediales Thema als Anlass zu nehmen, die weniger massentauglichen poetischen Zeitdokumente im eigenen Regal wieder zu entdecken! Ich persönlich hätte jedenfalls in diesen Tagen keine einzige Sekunde Zeit für Fernsehen gehabt, wenn ich denn einen besäße: die fast vergessenen Dichter hatten mich vollends in ihre Umlaufbahn gezogen, als wären sie schwarze Löcher 🙂 Albino Pierro, Michel Houellebecq, Raimund Bohe, Sarah Kirsch, Matthias Politycki, Uwe Lummitsch, Thomas Böhme, Alain Bosquet, Rio Reiser, Ernest Otto Friedell, Georg Friedrich Schulz, Allen Ginsberg, Edward Estlin Cummings, Paul Eluard, Iwan Goll, Benjamin Péret – wer hat die Namen nicht schon gehört? Aber gelesen??? Ab heute zum Auswendiglernen zumindest diese kleinen Kostproben (ich gehe chronologisch rückwärts vor):
„Und doch zermartert sich das Hirn nicht / und tötet sich nicht verbittert / in der fahlen Klage des Mondes, / der dich nicht einmal wahrnimmt,“
(Albino Pierro, aus: WAS SOLL ICH TUN?, in: Messer in der Sonne, 2002)
„Dein Körper bebt unter den Liebkosungen / Und der Mond ist gezähmt.“
(Michel Houellebecq, in: RENAISSANCE/WIEDERGEBURT, 1999)
„Der Mond / scheint nicht ist weniger / als wahr / er ist der Umlaufbahn / nichts schuldig geblieben“
(Raimund Bohe, aus: DEN MOND VERGOLDEN, in: Anspruch auf Leben, 1997)
„Erde und Menschen sind / Gänzlich verwildert hilft / Kein Besinnen der Klotz / Ist unterwegs im freien Fall“
(Sarah Kirsch, aus: KRÄHENGESCHWÄTZ, in: Schneewärme, 1989)
„, Während im Präsens meine Liebe / Nichts sucht mehr nein nichts findet nicht / Einmal Nichts, das noch in Scherben zu zerschlagen bliebe.“
(Matthias Politycki, aus: DER KLASSISCHE LIEBHABER, in: Im Schatten der Schrift hier, 1988)
„Das war also vor soundsovielen Jahren, als Ginsberg / in seiner Einsiedlerhütte saß / Und Armstrong den Erdtrabanten betrat, mitten im Vietnamkrieg, / […] / JEDE SEKUNDE IST STAUB / IM STUNDENGLAS, zitiere ich Ginsberg – / Mondstaub, scheint mir, / Und sehe, wie er es sah, Armstrong und Collins / die Fahne aufstelln.“
(Uwe Lummitsch, aus: MONDLANDUNG, in: Mondlandung, 1987)
„Unsre erde feuchtkalt umweht. / Wir in unseren schlafkojen auf der orbitalstation – / SKYLAB oder SALUT – hassen uns hinter den thermo- / Glaswänden voll inbrunst und hecken gelegentlich / Harmlose bosheiten aus.“
(Thomas Böhme, aus: NACHRICHTEN AUS DER UMLAUFBAHN, in: Die schamlose Vergeudung des Dunkels, 1985)
„Der Mond täuscht euch Verständnis vor. / Ihr sterbt alle für den Seufzer eines ergriffenen Steins. / Das Wahre ist nur Gefieder.“
(Alain Bosquet, in: Eines Tages nach dem Leben, 1983)
„Der Planet Erde wird uns allen gehören. / Und jeder wird haben, was er braucht. / Und es wird keine zehntausend Jahre mehr dauern, / denn die Zeit ist reif.“
(Rio Reiser, aus: MEIN NAME IST MENSCH, 1970)
„daß ich daran glauben kann / daß es dich irgendwo zeitgleich / auf dieser umlaufbahn gibt und / wir uns irgendwie eines tages da draußen / über den weg laufen und so / selbstverständlich zusammen gehören / als wären wir nie getrennt gewesen wie damals / als sonne mond und erde noch dasselbe gesicht zeigten / deins – denn du bist diese eine / auf die ich mein leben lang warte“
(Ernest O. Friedell, aus: ODE(M) DER OFFENBAR(T)EN (MONDÄNES ERWACHEN), 20.7.1969) *
„und er sieht die gestirnte erde / unter der sichel innehalten / lilienleibig im blütigen schnee“
(Georg Friedrich Schulz, aus: SESTINA, in: ein ende ein anfang, 1969)
„Rilke wenigstens konnte von Liebenden träumen, / in der Brust die alte Erregung und ein zitternder Magen, / ist es das? Und der endlose gestirnte Raum – / Wenn das Gehirn sich verändert atmet die Materie / furchterregend auf den Menschen zurück – Doch jetzt / der große Einsturz von Gebäuden und Planeten, / bricht durch die Mauern der Sprache und ertränkt / mich für immer unter dem Gewicht seines Ganges.“
(Allen Ginsberg, aus: LETZTE NACHT IN KALKUTTA, 1963)
„der mond birgt sich in / ihrem haar. / die / lilie / des himmels / voll von allen träumen / sinkt herab.“
(Edward Estlin Cummings, in: gedichte, 1958)
„Und steif vor Furcht / Vor ihren Hütern / Bierdurchtränkt / Monddurchtränkt / Gewichtig singend / Das Lied der Stiefel / Sie vergaßen die Freude / Geliebt zu sein“
(Paul Eluard, aus: DIE BESCHRÄNKTEN UND BÖSEN, in: Au Rendez-vous Allemand, 1944)
„Immer einsam, trunken / Von Unendlichkeit / Durchwandert er die Erde / Verbannt für alle Zeit / […] / Er hat in seiner Jugend / Allzu hoch gestrebt: / Den Rausch des Absoluten / Hätt er gern erlebt / […] / Johann verweilt nicht länger / Den Ball will er nicht sehn / Er senkt das Haupt, es schmerzen / Die Füße ihm vom Gehn“
(Iwan Goll, aus: DAS LIED VOM JOHANN OHNE MOND, in: Johann Ohneland, 1932-38)
„Schaut nicht den Mond an / Streckt nicht die Zunge heraus / Der Mond ist rund / und eure Zunge ist fern“
(Benjamin Péret, aus: LE TRAVAIL ANORMAL, in: Le grand jeu, 1928)
Ernest Otto Friedell (1898-1993), 20.7.1969
(when the moon came down to earth)
Übertragung aus dem Englischen: Tom de Toys, 18.-19.7.2009 *
ODE(M) DER OFFENBAR(T)EN
( MONDÄNES ERWACHEN )du bist die mit der ich in diesem
gefühl schwelge ganz jetzt zu sein du bist
die deren nähe mich alles vergessen macht
was nicht hier ist was lüge war
was nur warten und durchhalten sein sollte
und geduld beweisen daß ich daran glauben kann
daß es dich irgendwo zeitgleich
auf dieser umlaufbahn gibt und
wir uns irgendwie eines tages da draußen
über den weg laufen und so
selbstverständlich zusammen gehören
als wären wir nie getrennt gewesen wie damals
als sonne mond und erde noch dasselbe gesicht zeigten
deins – denn du bist diese eine
auf die ich mein leben lang warte
die plötzlich wie aus dem nichts neben mir
auftaucht mich anstrahlt und losredet
als hätten wir unser gespräch nie unterbrochen
als wüßten wir ganz genau wie großartig und einmalig
dieses geschenk glücklicher zufälle uns ermöglicht
die wir nun den tod nicht mehr denken können
solange wir uns in uns spüren und
trauen von mund zu mund zu atmen
* (c) ORIGINALQUELLE DER DEUTSCHEN E.O.F.-ÜBERTRAGUNG HIER:
http://blogs.myspace.com/tomdetoys
Blau ist’s in der grünen Hölle. An solche Lyrik muss sich gewöhnen, wer das ZDF begreifen will.
schreibt Alexander Kissler. Na gut, das ist eine große Einschränkung. Wir können abwinken. Kissler entdeckt aber dann doch eine Ähnlichkeit zwischen ZDF und Lyrik:
Dem Publikum tritt im Fernsehen Zeit als Inhalt und Tempo als Botschaft entgegen. Wer Inhalte sucht, der darf nicht zur grünen Hölle fahren.
/ Nachrichtenstudio: Das ZDF, die Hölle und das ewige Tempo. ef-Magazin 20.7.
(Schön, aber wir wollen unsere Gedichte doch lieber selbst aussuchen und nicht dem ZDF überlassen)
Die Castrop-Rauxeler sind poetisch! Das haben sie in den letzten zwei Wochen unter Beweis gestellt. 60 Verse wurden schon an Roy Kifts, am 3. Juli gestartetes, Projekt „Castrop-Rauxel – ein Gedicht” übermittelt. 32 davon kommen von Europastädtern, u. a. auch von Kift selbst. 2010 Gedichte sollen es bis zum Start der Kulturhauptstadt Europas, im Juni 2010, noch werden.
Auf der Internetseite www.gedichte2010.de findet sich unter den 60 Einsendungen, neben vielen anderen selbstgeschrieben und vorgeschlagenen Liebesgedichten, auch ein erotisches Gedicht. In „verboten baden” geht es um ein nächtliches Rendezvous im Parkbad Süd. / derwesten.de
William Herschel, autodidaktischer Einwanderer aus Deutschland mit „dem Mut, der Neugier und Erfindungskraft eines Flüchtlings“, verdiente den Unterhalt für sich und seine hart arbeitende Assistentin, seine Schwester Caroline, mit Musikunterricht in Bath. Beide verbrachten endlose Stunden mit riesigen selbstgebauten Teleskopen, rieben die klammen Hände mit Zwiebeln ein und durchsuchten den Nachthimmel nach ungewöhnlichen Sternen, wie Musiker eine Partitur vom Blatt spielen. Die Ausdauer wurde belohnt: Herschel entdeckte den ersten neuen Planeten seit über 1000 Jahren.
Holmes beschreibt, wie der Mythos dieses „Eureka-Moments“, so zentral für den romantischen Begriff der wissenschaftlichen Entdeckung, nicht so recht auf die sich lang hinziehende Diskussion über die genaue Natur des schweiflosen „Kometen“ paßt, den Herschel entdeckt hatte. Es war Keats, der in einem berühmten Sonett das plötzliche Empfinden erweiterter Horizonte, das ihn beim Lesen von Chapmans elisabethanischer Homerübersetzung überfiel, mit Herschels Erregung beim Anblick des Uranus verglich: “Then felt I like some watcher of the skies / When a new planet swims into his ken.” [in Mirko Bonnés Übersetzung: „Wie einem Astronom erging’s mir da/ Schwimmt ihn ein neuer Stern im Fernrohr an“ John Keats: Werke und Briefe. Reclam 1995]. Holmes weist auf die „evokative Brillianz“ der Wahl des Verbs „schwimmt“ hin, als sei der Planet „irgendein unbekanntes, leuchtendes Wesen, das aus einem rätselhaften Sternenozean hervorgeht“. Als jemand, der durch sein Medizinstudium mit dem wissenschaftlichen Diskurs vertraut war, hat Keats vielleicht auch gewußt, daß Teleskope manchmal den Eindruck vermitteln, man sehe Gegenstände „durch eine leicht bewegte Wasserfläche“. / CHRISTOPHER BENFEY, New York Times 19.7.
THE AGE OF WONDER
How the Romantic Generation Discovered the Beauty and Terror of Science
By Richard Holmes
Illustrated. 552 pp. Pantheon Books. $40
Die Poetikdozentur wurde 1981 in Kooperation zwischen der Johannes Gutenberg – Universität und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur gegründet, um Studenten die Möglichkeit zu geben, im Gespräch mit Schriftstellern poetologische Fragen zu diskutieren. Unter den Gästen befanden sich schon Gabriele Wohmann, Rüdiger Safranski, oder Daniel Kehlmann. Und nun also Czernin.
Der Österreicher, geboren 1952 in Wien, ist ein vielseitiger Autor, der seit über dreißig Jahren Aphorismen, Dramen, Übersetzungen und vor allem Lyrik publiziert, wofür er schon diverse Preise eingeheimst hat. Mit der Veröffentlichung von Gedichten, die er selbst als schlecht einstufte, hat er in den 1980er Jahren die mangelnde Urteilsfähigkeit von Verlagen entlarven wollen. Er selbst tut sich als unbarmherziger Kritiker von Kollegen der eigenen Zunft hervor – mit analytischer Schärfe, aber auch, zumindest in einem Fall, fragwürdigen Mitteln: Für die Dichtung von Durs Grünbein hat er selbst einen Maßstab angelegt, um dann nachzuweisen, dass Grünbein dem in keinster Weise genügt. / Christopher Scholz, Allgemeine Zeitung 17.7.
Im Alter von 88 Jahren starb in Hanoi der Dichter Te Hanh, ein bedeutender Vertreter der Tho Moi- („Neues Gedicht“-)Bewegung, die zu einem „Goldenen Zeitalter“ der vietnamesischen Lyrik führte. Er studierte in Hue und ging 1954 in den Norden des damals geteilten Landes. / VietNamNet/Viet Nam News 17.7.
Zeitschrift für Literatur
Aktuelle Ausgabe: No. 83
Juni 2009 | 29. Jahr
128 Seiten, reich bebildert
ISSN 0720-3098
12,- € / 21,- sFr
Texte von & über: Artur Becker · Jutta Bergengruen · Hartmut Brie · Jagoda Mariniç · Sudabeh Mohafez · Thomas Nierlin · Winfried Georg Sebald · Gotthold Friedrich Stäudlin · Thomas Weiß · Feridun Zaimoglu u.a.
Herausgegeben von Hansgeorg Schmidt-Bergmann
im Auftrag der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe
Wegen eines satirischen Gedichts über seinen Präsidenten Husni Mubarak ist ein ägyptischer Beamter zu drei Jahren Haft verurteilt worden, berichtet die Rheinische Post vom 15.7. Munir Said Hanna Marsuk habe die höchste Strafe erhalten, die auf Beleidigung des Staatsoberhaupts steht. Nach einem Zeitungsbericht hatte der Beamte das Gedicht für Freunde in der Hoffnung geschrieben, es eines Tages vertonen zu können. Über den Inhalt der Verse wurde nichts bekannt, schreibt die Zeitung.*
*) aber die Los Angeles Times zitiert daraus:
Shine, shine whom you shine on all of us
Shine, shine whom you shine wherever you go
No one can shine like you shine
You made people feel confused and lost
You made people feel happy and lost
Eine bescheidene Unterkunft am Meer, in der T.S. Eliot einige seiner berühmtesten Zeilen schrieb, soll gerettet werden. Persönlichkeiten wie der frühere poet laureate Andrew Motion und die Witwe des Dichters, Valerie Eliot, unterstützen entsprechende Bemühungen. Insbesondere folgende Zeilen aus The Waste Land verweisen auf den Ort:
‚On Margate Sands.
I can connect
Nothing with nothing.
The broken fingernails of dirty hands.
My people humble people who expect
Nothing.‘
La la
To Carthage then I came
In der Übersetzung Norbert Hummelts:
‚In Margate Sands
Ich kriege nichts
Mit nichts zusammen.
Die Nägel kaputt, die Hände schmutzig.
Mein Völkchen, armes Völkchen, das mit nichts mehr
Rechnet.‘
la la
So kam ich nach Karthago
[Eva Hesse übersetzt: „Im Seebad von Margate / Will sich mir nichts zu nichts / Verbinden.“ Aus zwei Gründen ziehe ich diese Fassung vor: erstens braucht sie nicht die unnötige Verdrehung der Satzstellung durch Voranstellung des Ich bei Hummelt, und zweitens stört das umgangssprachliche „zusammenkriegen“ für connect. Das scheint mir Verbindungen zu stören. Warum nicht einfach „In Margate Sands / Verbindet sich mir / Nichts mit nichts“? So bliebe der Assoziationsraum von „connect“, verbinden, ebenso erhalten wie die Einheit „nichts mit nichts“. Angelika Janz formuliert es in einem klassischen Fragmenttext, hier in Abschriftfassung, so: „Sofokles kann jederzeit Fontane benachrichtigen“. Got me?]
/ The Observer 12.7.
Hier der Fragmenttext von Angelika Janz:



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