69. Unbekanntes und Allzubekanntes

Bei Göran Sonnevi geht es stets ums Ganze. In den frei schwingenden Versen seiner Langgedichte finden sich Erinnerungen, Bilder von Landschaft, Mystisches und philosophische Reflexionen vereint. Vielleicht existieren tatsächlich unendlich viele imaginäre Dimensionen, wie es einmal heisst, alle gleich wirklich, alle von gleicher Wichtigkeit. Göran Sonnevi jedenfalls schafft mit seinen Versen solche vielgestaltigen Welten, Gedichte, die an kleine Labyrinthe erinnern oder an das Astwerk von Bäumen, «verzweigt wie die Hirschgeweihkrone / Der Runenbaum, Drachenspiralen». Dabei ist den Gedichten nichts ferner als bemühte Rätselhaftigkeit, vielmehr weisen sie meist ins Offene, feiern die Veränderung und umspielen Momente von Freiheit: «Ich folge den Konturen dessen, was ich nicht weiss / Wie kann ich die Konturen des Unbekannten erkennen?»

Doch so offen die Verse auch sein mögen, ihr Fluchtpunkt ist immer schon die Vergänglichkeit, die «Schneide der Integration, der Tod». …

Aber es gibt auch andere Gedichte in diesem Band. «Bin ich an den Punkt der Feigheit gelangt / in mir selbst?», fragt Sonnevi einmal, «wo ich nicht den Versuch wage / einer klaren Stellungnahme, angesichts des Krieges, / zur Verteidigung menschlicher Werte oder für / völkerrechtliche Unverletzlichkeit?» An solchen Stellen hätte man sich fast ein wenig Feigheit von Sonnevi gewünscht, bezieht er wenig später doch eindeutig Stellung. Sei es im Lamentieren über die «Masken der politischen Führer», sei es in deutlicher Kritik an der Macht der Medien und der Märkte, oder sei es in plakativen Sätzen über jüngste Kriege – statt das Politische in Bilder einzulagern oder es mit philosophischen Spekulationen zu verbinden, missbraucht er den Vers als Behältnis für Meinungen und Botschaften. Gestern in der Zeitung, heute schon im Gedicht. So unterläuft er genaue jene Offenheit und Beweglichkeit, die er andernorts als die Peilmarken seines Schreibens betont. / Nico Bleutge, NZZ 23.7.

Göran Sonnevi: Das brennende Haus. Ausgewählte Gedichte 1991 bis 2005. Aus dem Schwedischen von Klaus-Jürgen Liedtke. Verlag Carl Hanser, München 2009. 142 S., Fr. 26.50.

75. Gar nicht rätselhaft

„Eiserne Gutmütigkeit!“ Oder auch, an einer anderen Stelle in Hans Magnus Enzensbergers neuem Gedichtband „Rebus“: „gußeiserne Gutmütigkeit“. Die schöne Wortfügung taucht in den letzten Jahren bei Enzensberger immer wieder einmal auf; als hätte sich da im lyrischen oder biographischen Ich eine bestimmte Haltung gefestigt, von der man die Welt nicht ungern in Kenntnis setzt. Wenn Gutmütigkeit „eisern“ ist oder geworden ist, dann erscheint sie weniger als eine Frage des Naturells als der Disziplin.

Und als disziplinierte kann natürlich die Gutmütigkeit so gut gar nicht sein, wie sie es als eine Eigenschaft des Charakters wäre. Die eiserne Gutmütigkeit, die uns Enzensberger in letzter Zeit gern suggeriert, ist, wie könnte es anders sein, weder eisern noch gutmütig. Eher könnte man sagen, dass hier jemand spricht, der sich von nichts und niemandem mehr aus der Gelassenheits-Reserve bringen lässt, nicht einmal von sich selbst. Solche Gedichte, in denen der aufgeregten Welt der Meinungen und Kämpfe noch einmal ostentativ der Rücken gekehrt wird, muss man sich leisten können. …

Ein Rebus ist bekanntlich ein Bilderrätsel, aber in diesen Gedichten gibt es, was man nicht nur beklagen muss, gar keine Rätsel.

Als man schon fast die Hoffnung aufgegeben hat, in diesem Band etwas zu finden, das über das Lob des Treppensteigens hinausgeht, langt man bei einer fast zehnseitigen „Coda“ an, die einen dann doch wieder etwas versöhnlicher stimmt. Hier darf man doch noch einem Ich begegnen, das etwas in sich herumträgt, das überhaupt an etwas trägt und also mit seinem Gepäck doch geringfügig schwerer ist als Luft.
Die „Coda“ ist eine Art Selbstgespräch über ein Motiv namens „Alles Mögliche“. Man müsste, sagt sich der Sprecher, jenseits von Gelassenheit und Ironie schon noch einmal etwas tun. Sogar die „alte Wut“ ist nicht ganz vorbei. „Manchmal, nachts“ holt sie „mich ein/ hinterrücks. Wie früher hat sie / gewöhnlich recht. Aber merkt sie nicht / daß es keinen Zweck hat, daß sie stört, / daß ich sie nicht haben will? Sie weiß doch, / daß alles, was menschenmöglich ist, womöglich nicht reichen wird, um uns zu retten?“ Gibt es womöglich doch einen lyrischen und Lebens-Zustand nach der „eisernen Gutmütigkeit“? „Ich bleibe dabei / vorläufig wenigstens“, vermelden die letzten Zeilen. Das „vorläufig“ lässt hoffen. / CHRISTOPH BARTMANN, SZ 16.7.*

HANS MAGNUS ENZENSBERGER: Rebus. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 120 S., 19, 80 Euro.

*) illustriert mit einem schönen englischen Rebus

74. Spur des Schmetterlings

Man wollte aus ihm einen Nationaldichter machen, den Sänger der palästinensischen Sache. Machmud Darwisch, der im August 2008 im Alter von 67 Jahren starb, konnte sich dem politischen Druck entziehen, um seiner Phantasie freie Bahn zu verschaffen. Seine letzten Texte zeugen von seiner Liebe zur Natur, zum Wein, zu den Frauen… Auch wenn er gleichzeitig die Nöte seines Volkes ansprach, für das er aktiv gekämpft hat, früher, im Schoße der PLO. / Robert Solé, Le Monde 23.7.

La Trace du papillon, de Mahmoud Darwich, traduit de l’arabe (Palestine) par Elias Sanbar, Actes Sud, 186 p., 20 €.
Anthologie poétique bilingue, de Mahmoud Darwich, Babel, 320 p., 8,50 €

68. Neues von Hilde Domin

«So lange man noch Neugierde in sich hat und staunen kann, ist das Alter egal.» Ihrem Leitspruch ist die Lyrikerin Hilde Domin bis zu ihrem Lebensende 2006 treu geblieben.

Voller Tatendrang arbeitete die vielfache Literaturpreisträgerin noch mit 95 Jahren an Erinnerungen ihrer frühen Kindheit und hielt bis zum Schluss bundesweit Lesungen. Zu ihrem 100. Geburtstag an diesem Montag (27. Juli) ermöglicht ihr Nachlass emotionale Einblicke in das Leben der Wahl-Heidelbergerin, deren mädchenhaft Jugendlichkeit und Lebenslust noch heute auf Fotos besticht.

Der S. Fischer Verlag hat zu dem Jubiläum neben einem neuen Gedichtband leidenschaftliche Briefe der Dichterin an ihren Ehemann Erwin Walter Palm veröffentlicht. Unter dem Titel «Die Liebe im Exil» gibt der Schriftwechsel Einblicke in die bewegten Jahre auf der Flucht vor dem Nazi-Regime in Deutschland und liefert anrührende Zeugnisse von Heimatlosigkeit und Verlassenheit. / Marion van der Kraats, m&c 23.7.

73. TV-Tip: „Ich will dich. Begegnungen mit Hilde Domin“

Auszug aus der Pressemappe:

Eine junge Filmemacherin entdeckt die Lyrik von Hilde Domin und beschließt, die berühmte Dichterin kennen zu lernen. Sie trifft auf eine wache, unkonventionelle 95jährige in einer Wohnung voller Bücher, Rosen und Erinnerungen – mit einer Lebensgeschichte, in der sich das letzte Jahrhundert spiegelt.
Hilde Domin, Jahrgang 1909, erzählt mit großer Offenheit aus ihrem spannungsreichen Leben: von ihrer Kindheit in Köln, von 22 langen Jahren im Exil, von der Rückkehr nach Deutschland und ihrer späten Karriere als Dichterin. Zum ersten Mal spricht sie vor der Kamera über Erwin, die große Liebe ihres Lebens, und über ihre Einsamkeit im Alter.Themen, die der individuelle Blick der Filmemacherin in ausdrucksstarken Bildern festhält.

Anna Ditges, Jahrgang 1978, hat Hilde Domin immer wieder besucht und die alte Frau in ihrem Alltag, auf Reisen und quer durch ihre Erinnerungen begleitet – fast zwei Jahre lang, bis zum Tod von Hilde Domin im Februar 2006. Mit ‚Ich will dich9 8 ist ein intimer und bewegender Film entstanden, der in seiner Konzentration auf das Wesentliche ähnlich präzise und eindringlich ist wie die schnörkellose Lyrik der Hilde Domin.

Nächste Sendetermine:

30.7.09 / 23:45 Uhr im SWR
30.7.09 / 22:50 Uhr im RBB

Weitere Details auf der (sehr interessanten) Homepage: www.ichwilldich-derfilm.de

71. Die Stimme von Guillaume Apollinaire

hier in einem You tube-Video mit Le pont Mirabeau (den Hinweis fand ich bei Jan Röhnert auf Facebook) – Hier eine Animation auf das visuelle Gedicht Il pleut.

67. Nora Iuga im Lyrik Kabinett

Die Dichterin Nora Iuga ist eine trotzige Träumerin, darin mag das Geheimnis ihrer Jugendlichkeit liegen. Im Wunschtraum wie im Nachtmahr hält sich alles frisch. „Wann werden wir schlafende Logiker, schlafende Philosophen haben“, hatte André Breton 1924 in seinem ersten surrealistischen Manifest gefordert. Es waren Rumänen wie Eugène Ionesco oder der Lyriker Gellu Naum, die sich als Bretons gelehrigste Schüler erwiesen. In einem Land, das jahrzehntelang absurde politische Zustände zu ertragen hatte, bewahrten unbelehrbare Individualisten wie Nora Iuga den „rumänischen Traum“: „Du, Vergrabene, rief da Gellu Naum / und stopfte mir eine Handvoll Blätter in den Rachen / welch grüne Agonie, stell dir doch vor / ja, stell dir vor, welch eine grüne Agonie“, heißt es in ihrem Gedicht „Au Ralenti“ aus dem Zyklus „Die Nachtdaktylographin“.

Die 1931 in Bukarest geborene Lyrikerin, Mentorin junger Talente und vor Energie übersprudelnde Hutliebhaberin, ist seit Jahrzehnten eine vielverehrte Größe im kulturellen Leben ihres Landes. Außerdem hat sich die Germanistin als Übersetzerin aus dem Deutschen, etwa von Herta Müller, Elfriede Jelinek oder Günter Grass“ „Die Blechtrommel“, große Verdienste erworben. Vor zwei Jahren wurde Nora Iugas poetisches Werk endlich auch dem hiesigen Publikum in allen Facetten vorgestellt, mit dem Sammelband „Gefährliche Launen“ (Klett-Cotta-Verlag). Der Rumäniendeutsche Ernest Wichner, Leiter des Literaturhauses Berlin, übertrug die „Capricii periculoase“ in ein wunderbar geschmeidiges Deutsch. / KATRIN HILLGRUBER, SZ 22.7.

65. Später Ruhm

Die Schulden drückten, die Bezüge wurden gepfändet, und zum Schluss verlor er durch die Zwangsversteigerung alles, was er hatte.

Und doch war dies die produktivste Zeit in seinem Leben. Detlev von Liliencron kam viel herum, lernte Land und Leute des Nordens kennen, Leute, denen es oft nicht besser ging als ihm, und er machte nun seinen Traum wahr: Er schrieb. Verfasste Gedichte und Balladen, ein Leipziger Verleger brachte 1883 sogar eine erste Auswahl heraus, doch die Ernüchterung kam schnell: Verkauft wurden in zwei Jahren nur 23 Exemplare. Liliencron wechselte vom Gedicht zum Drama, schrieb nun auch einen Roman (»Breide Hummelsbüttel«) und Erzählungen, der Erfolg allerdings blieb ihm verwehrt. Seine Lage wurde immer trostloser.

Die Deutsche Schillerstiftung erbarmte sich seiner und spendete ihm häppchenweise über 10 000 Mark. Inzwischen waren Storm und Fontane auf ihn aufmerksam geworden, sie sparten nicht mit Lob, und als man 1897 zu einer ersten öffentlichen Sammlung für ihn aufrief, unterschrieb beinahe alles, was in der Kunst Rang und Namen hatte: von Böcklin über Dehmel, Hauptmann, Fontane, Klinger, Liebermann, Raabe bis zu Richard Strauß. Der Ruhm kam dann doch noch. Liliencron wurde Ehrendoktor der Universität in Kiel, Richard Dehmel edierte 1900 zum ersten Mal das Werk, und nun sah man, in diesen neun, später fünfzehn, dann noch einmal acht Bänden, auch seine Leistung, vor allem den vitalen, sinnlichen, bildkräftigen Lyriker mit seinen Naturgedichten, den Balladen und dem Epos »Poggfred«, diesem »kunterbunten« Hauptwerk, in dem er seiner Fantasie, wie Arnold Zweig 1949 notierte, freien Lauf ließ, »mit Göttern, Sternen und Wikingern umspringend, daß es nur so rauchte«. Rilke nannte »Poggfred« 1897 »ein Wunderbuch«, verfasst mit großer Hünenkraft, und Thomas Mann sprach vom »leichtesten, glücklichsten, kecksten, freiherrlichsten Gebilde der modernen Literatur«. / Klaus Bellin, ND 22.7.

64. Reden & zeigen

Alle reden (alle deutschen Medien zumindest) über rasierte Körperzonen. Die Zeit zeigt sie uns in wünschenswerter Deutlichkeit. (Nr. 29, Teil Wissen S. 31 – auf der Website nur eine gezähmte Variante)  – Alle reden über Michael Jackson. Die Zeit gibt uns ein Gedicht Durs Grünbeins zu lesen: Sphinx des Pop (Nr. 28, Feuilleton, S. 39). Grünbein führt entweder eine lyrische Zeitchronik oder schreibt gelegentliche Zeitgedichte – auf Bestellung? Ein besseres Gedicht gibts jedenfalls ein paar Seiten weiter in der gleichen Ausgabe zu lesen, S. 43: Jan Wagner, nachschrift zu lukian. So kommt schließlich jeder auf seine Kosten.

66. Wahrheit und Aspirin

Die ambitionierte Eigenproduktion des Lörracher Stimmenfestivals „Pessoassion“, eine Hommage über den schwermütigen Dichter aus dem Fado-Land Portugal, führt in die entlegenen Räume der dichterischen Fantasie. Auf der abgedunkelten Burghofbühne ist die Caféhaus-Atmosphäre nachgestellt: Sieben Männer mit Hüten lassen sich an den Tischchen nieder, während ein Darsteller in die Rolle des Schriftstellers Philosophen, Selbstanalytikers, Esoterikers und Avantgardisten Pessoa und seiner verschiedenen Figuren schlüpft und an die Rampe tritt: „Ich brauche Wahrheit und Aspirin“./ Jürgen Scharf, Südkurier

63. Keatshaus

Das Londoner Haus, in dem John Keats 1818-1820 wohnte und wo er einige seiner beliebtesten Gedichte schrieb, wurde nach umfangreicher Sanierung wieder eröffnet. / Guardian 22.7. (mit Galerie)

62. Wiepersdorf

Marcus Roloff ist zurzeit Stipendiat auf Schloss Wiepersdorf. Frank Meyer sprach mit ihm für Deutschlandradio Kultur:

Meyer: Dann muss es ja noch eine andere Vergangenheitsschicht geben, stelle ich mir jedenfalls vor. Es wurde schon ganz kurz nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 entschieden, Schloss Wiepersdorf zu einem Dichterheim zu machen. Wir haben vorhin schon gehört, Sarah Kirsch und Peter Hacks waren dort in DDR-Zeiten, Anna Seghers und Arnold Zweig auch. Prägt die DDR-Geschichte denn diesen Ort noch?

Roloff: Na klar schwingt das immer mit, und ich hab mir auch sofort aus der Bibliothek Sarah Kirschs Band „Rückenwind“ ausgeborgt, genauso wie Thomas Rosenlöchers Gedichtband „Am Wegrand steht Apollo“. Man ist also sofort konfrontiert auch mit Texten, unabhängig von den Arnims, und insofern ist dieses Romantische natürlich auch verquickt mit all dem, was es noch gibt, und da muss man sich erst mal zurechtfinden.

Meyer: Was das Leben in Wiepersdorf noch ausmachen muss, habe ich mir sagen lassen, ist der Dorfkrug von Wiepersdorf. Es gibt einen Schriftsteller, Jürgen Becker, der einen Roman geschrieben hat aus der Geschichte der Trennung, in dem er gerade diesen Dorfkrug von Wiepersdorf eingehend beschrieben hat, er ist also auch in die Literatur schon eingegangen. Wie oft sind Sie denn so im Dorfkrug?

Roloff: Es gibt freitags einen sogenannten Stammtisch, da versammeln sich die Einwohner, in aller Regel männlichen Geschlechts, dort, und da war ich, hatte das Glück, mit Jürgen Becker direkt auch in Kontakt zu kommen und dort hinzugehen und wurde gewissermaßen auch gleich über ihn, der wirklich sehr oft dort war und einen ganz tollen, herzlichen Kontakt auch immer noch hält zu den Wirten und deren Angehörigen, und da bin ich letzten Endes nicht jeden Freitag, aber doch hin und wieder, in jedem Fall. So eine Art Tapetenwechsel wird einem vor allem im weiteren Verlauf des Stipendiums dann auch nötig.

Meyer: Und kommen Sie da mit den Einheimischen tatsächlich ins Gespräch im Dorfkrug?

Roloff: Absolut, absolut.

61. SING FOR THE TAXMAN

The unlikely intersection of poetry and internal revenue.

By Dennis O’Driscoll
Poetry Media Services

It is a truth universally acknowledged that a young man without a fortune must be in want of a job. It was certainly true of my own experience. And another truism—the one about the universality of death and taxes—soon acquired a special, indeed literal, significance for me. Death, after all, was what would earn me my living: death in the form of taxes, actually—death duties and inheritance taxes. In 1970, aged 16 and having just completed my secondary schooling, I was relieved to be offered a job by Ireland’s Revenue Commissioners, our internal revenue and customs service: a „permanent, pensionable position“ no less, „subject to satisfactory probation.“ I have toiled in Revenue—as the organization is generally termed—ever since.

„If you ever leave your job, you will stop writing.“ An office colleague–turned–soothsayer relayed this stark prediction to me last year. Most poets, however, seem convinced that they would never begin writing if they were to spend a lifetime in one of the busiest (not to mention least loved) branches of public administration, one attracting more critics than The Waste Land. Our creative habits are as mysterious to each other as our domestic habits. In the end, all poets face the same task: to „follow the prompts,“ as the corporate voice mails urge, and satisfactorily shape the amorphous sounds, rhythms, images, or phrases by which the first stirrings of a potential poem are recognized, and which arrive unbidden like internal voice mails or text messages. In rare cases, the finished poem—having survived an initial probation period—may even prove „permanent and pensionable.“

When selecting snappy pronouncements for my recent book of contemporary quotations about poetry, Quote Poet Unquote, I was bemused by the number of non-Irish poets who managed to subtly imply that the tax official is a bottom feeder, the second-lowest form of life—and that the lowest ranking would be inevitable if an even worse stigma did not attach to the poet. In the words of Douglas Dunn, „If someone on a train asked me what I did for a living, I’d say I was a tax-inspector, rather than a poet.“ His fellow Scotsman, Don Paterson, concurs: „I’m still embarrassed to say I’m a poet. I say I’m a writer and sometimes I say I work for the Inland Revenue, which kills the conversation. To say you’re a poet is even worse.“ Charles Simic claims that „parents still prefer their children to be taxidermists and tax collectors rather than poets.“

In Ireland, not only are poets accorded appreciable status and respect—enough at least to elevate them safely above rock bottom—but tax collectors have been their unacknowledged allies, especially between 2003 and 2008 when government funding for the Arts Council in the Irish Republic (population: 4.3 million) doubled. The 2008 peak of €85 million (roughly $110 million at the early 2009 exchange rate) is unlikely to be scaled again until the economic climate improves and tax revenues recover their former buoyancy. Meantime, the council’s allocation for 2009 has been reduced to €76 million.

In a cunning linguistic shift, the Arts Council, appealing for increased subvention from government, has learned to couch its case in business idiom, rather than resort to the language of ethics, aesthetics, or pedagogy, let alone transcendence. The director of the council, Mary Cloake, has described the arts as a „high-quality, good-value product“ and arts funding as „an investment, a really smart investment, by the Government, of the taxpayers‘ money,“ asserting that „the presence of [music and theatre] organizations in our cities is . . . considered a key indicator of a mature and attractive knowledge-based economy. It plays a crucial role in attracting inward investment by global corporations.“

Thanks to subsidies from the Arts Council (and occasionally also from the Arts Council of Northern Ireland), the Irish Republic’s poetry publishers—a vital, dedicated, idealistic community—have been able to survive without struggling to attract financial donors as well as book buyers. Poets in Ireland may apply for travel grants, and the success rate is high; they are also eligible to compete for the semiannual „bursaries“ awarded to writers who intend to set aside time for particular projects. Above all, though, whatever goodwill should flow—or trickle, at least—from artist to tax official ought to emanate most fervently from members of Aosdána, the Irish academy of artists established in 1983.

Formerly composed of writers, visual artists, and composers, Aosdána now admits architects and choreographers to its ranks. A maximum membership of 250 is permitted; approximately 50—from founder-members born in the 1920s (John Montague, Richard Murphy, Leland Bardwell, Anthony Cronin) to newcomers, born in the ’60s (Peter Sirr, Pat Boran)—are principally known for their poetry. What is unusual about this academy is that, subject to certain eligibility requirements, it provides members with a not-inconsiderable income that widens their options, allowing them the basis for escape from the garret, the conference call, and the seminar room.

I have always regarded myself as a civil servant rather than a „poet“ or „artist“—words I would find embarrassing and presumptuous to ascribe to myself. But, unlike Douglas Dunn and Don Paterson, I would not exactly rush to announce myself in polite company as a Revenue official, lest I spoil the cocktail party, depress the value of neighborhood real estate, or clear the room at an art gallery reception. The Welsh poet Sheenagh Pugh displayed unique mettle in naming a collection, however ironic her intention, Sing for the Taxman: „Sing because you’re the best; because you can, / and sing—why not?—for the taxman.“

Dennis O’Driscoll is the author of eight books of poetry, most recently Reality Check, and a member of Aosdána, the Irish academy of artists. This article first appeared in Poetry magazine. Learn more about Dennis O’Driscoll, and his poetry, at www.poetryfoundation.org.

© 2009 by Dennis O’Driscoll. All rights reserved.

60. Knüppel auf den Kopf

Gute vier Jahre ist es her, dass mir in einer Buchhandlung die von Manfred Enzensperger herausgegebenen „Hölderlin-Ameisen“ ins Auge krochen, jene poetisch-poetologische Anthologie, in der sich so unterschiedliche Lyrik-Charaktere wie Marcel Beyer, Oskar Pastior oder Ulrike Draesner versammelten, um ihre Gedichte mittels Material und Kommentar begehbar(er) zu machen. Einer der in den „Ameisen“ vertretenen Autoren blieb mir aufgrund seiner umbarmherzigen, eindringlichen Schilderung eines Kriegsverbrechens (nur als solches lässt sich ein im Ersten Weltkrieg von den deutschen Besatzern errichteter Starkstromzaun entlang der belgisch-niederländischen Grenze, der bis 1918 über 2.000 Todesopfer forderte, wohl bezeichnen) in besonderer Erinnerung: Jürgen Nendza – augenblicklich der feste Vorsatz, möglichst bald einen Einzelband von ihm zu lesen. Ein fester Vorsatz, wie gesagt, und dann lag da ein anderes Buch, und noch eins, noch ein weiteres… und so war es höchste Zeit und zugleich erfreulicher Zufall, dass ich vor kurzem den in der Landpresse erschienenen Band Die Rotation des Kolibriserhielt.

Nahezu freundlich eröffnet Nendza mit dem ersten Gedicht des Bandes: „Wieder tritt der Frühling über die Schwelle“ – sangesgleich heben diese ersten Wörter an – hier heißt es wachsam sein, sich nicht einlullen lassen: so positiv befrachtet die erste Zeile auch sein mag, so allgegenwärtig ist die Bedrohung, die latente Gewalt, der viele von Nendzas Gedichten unterliegen. Unvermittelt kann bei ihm die Stimmung kippen, und so dauert es auch hier nur wenige Zeilen, bis die Situation brenzlig wird:Vor Pollenflug warnt man jetzt stündlich – das klingt bedrohlich, nicht mehr nach dem Problem Einzelner, sondern nach konkreter Bedrängnis aller. Zum Ende des Gedichtes hat sich die Gefahr des Pollenfluges auch akustische Unterstützung gesichert, in diesem Fall vom Häher, der fliegt jenseits der Vergleiche, schreddert die Luft – mit geschredderter Luft lässt Nedza hier enden, was noch vor wenigen Zeilen mit frühlingshaften Kirschblüten begann.

Die okkulte Präsenz gewalttätiger Veränderung ist symptomatisch für viele seiner Gedichte; niemand sollte oder darf sich in Sicherheit wiegen. Vieles, was harmlos, beinahe romantisch beginnt, erhält im weiteren Verlauf einen Knüppel auf den Kopf. / Stefan Heuer, fixpoetry.com

Jürgen Nendza: Die Rotation des Kolibris. Gedichte. Landpresse, Weilerswist 2008

Außerdem im fixpoetry-Feuilleton:

Die schönen scharfen Zähne der Koralle
Autor: Michael Wildenhain (Besprechung: Frank Milautzcki)

Kolonie Zur Sonne
Autor: Steffen Popp (Besprechung: Andreas Hutt)

Polnische Poesie nach der Wende – Generation 89
Autor: Robert Hodel (Besprechung: Daniel Henseler)

meißelbrut
Autor: Holger Benkel (Besprechung: André Schinkel)

jana, vermacht
Autor: Anja Utler (Besprechung: Dabic Jelena)

Weißer Mohn
Autor: Clemens Lindner (Besprechung: Helmuth Schönauer)

Von der Oberfläche der Erde
Autoren: Björn Kuhligk, Clemens Kuhnert (Besprechung: Daniel Ketteler)

Da ging Heißenbüttel
Autor: Peter Engel (Besprechung: Josef Quack)

Ode an die freie Unternehmung
Autor: Caius Dobrescu (Besprechung: Frank Milautzcki)

59. Unschuldig

Der in erster Instanz zu 3 Jahren Haft und Geldstrafe wegen Beleidigung des Präsidenten verurteilte Ägypter Mounir Saïd Hanna Marzouk wurde in zweiter Instanz freigesprochen. Der Richter würdigte damit die intime Natur seiner Texte, die nicht zur Veröffentlichung bestimmt gewesen seien. [Er hatte sie nur Bekannten vorgelesen, von denen ihn also einer denunziert hat.] Die zweite Instanz wurde anberaumt, weil Hanna im ersten Prozeß keinen Verteidiger hatte. Ein Anwalt spricht von einem Sieg der Meinungsfreiheit. [Also zumindest für nichtveröffentlichte und nicht zur Veröffentlichung bestimmte Meinungen!].

ActuaLitté 20.7.
Vgl. L&Poe 2009 Jul #39. Drei Jahre Haft für ein Gedicht (hier unten)