Die Konservativen sind glaubensstarke Kulturkr(ieger)itiker. Alles im Verfall: Regietheater, Windräder, drohende Soziherrschaft im Thüringer und Saarland (und morgen, o Graus, gleich in D-Land). Und: Brüste und Ärsche in den Städten. In der Welt erklärt Jacques Schuster, „Warum die öffentliche Fleischbeschau nervt“:
Hochsommer in deutschen Städten. Das heißt: Grillfleisch in allen Parks, aber ohne Kohlen. Selbst auf breiten Mittelstreifen liegen die Nackten herum und brutzeln in der Sonne. Muss das sein? Offensichtlich schon. Die Deutschen haben die Diktatur der Fleischbeschau errichtet, und jeder hat sich ihr zu unterwerfen.
Selbstredend wird die Kritik an Brüsten und Ärschen mit ebensolchen garniert. 116 Kommentare seit gestern abend, wieviel 1000 Klicks? Die nerven gleich doppelt: wenn sie reden und wenn sie tun. – Ich mag Oskar Lafontaine nicht besonders, aber: als Kohl 1998 im Wahlkampf vor 5000 Pommern sprach, gabs Würstchen und Blasmusik, bei Lafontaine warn viel weniger Leute da und es gab keine Würstel, aber die Musik war auszuhalten. Und wenn Lafontaine jetzt diese miefige Gesellschaft ein bißchen aufstört, werd ich ihn nicht gleich wählen, aber ihm danken!
(original Die Welt, nur die Links hab ich entfernt)
Viele Lyrikleser – Schreiber sowieso – sind Wortsammler. Ein schönes liegt heute im Briefkasten. Nämlich seit Jahren bekomme ich täglich ein Wort von dem Onlinewörterbuch yourdictionary.com, heute dies:
Widdershins (withershins) (adverb)
Pronunciation: [‚wid-êr-shinz]
Definition: Moving in a direction opposite the usual; moving counterclockwise or in the contrary direction (of the sun, especially).
Usage: Today’s word is basically an adverb but may be used as an adjective without the final [s]. As a predicate adjective, however, the [s] is usually left on. D. H. Lawrence wrote in ‚Plumed Serpent‘ (1926) „She made up her mind, to be alone, and to cut herself off from all the mechanical widdershin contacts. He, too, was widdershins, unwinding the sensations of disintegration and anti-life.“
Suggested Usage: Today’s word is another wonderword from the land of kilts and bagpipes that we should all fight to keep alive: „Gerard does everything widdershins; he will either turn out a grandiose success or an abrupt failure.“ Niches for this word abound in everyday conversations: „Remember, the prophets agree that you get nowhere walking widdershins up the escalator.“
Etymology: Middle Low German weddersinnes based on wider „back,“ whence German wider „against“ and wieder „again.“ The English adverb wither „wrong, perverse“ is rarely used any more. The „shins“ is from earlier „sinnes“ and is related to Latin sentire „sense, feel“ since both go back to an original root *sent- „go in or choose a direction.“ We borrowed „sense“ from the noun of this verb. The same root also turns up in English send „to cause someone to go in a direction.“
–Dr. Language, YourDictionary.com
Es steht in Rudyard Kiplings Gedicht „Cruisers“ (kostenloses eBuch von 800 Seiten bei poemhunter.com):
As maidens awaiting the bride to come forth
Make play with light jestings and wit of no worth,
So, widdershins circling the bride-bed of death,
Each fleereth her neighbour and signeth and saith: —
„What see ye? Their signals, or levin afar?
„What hear ye? God’s thunder, or guns of our war?
„What mark ye? Their smoke, or the cloud-rack outblown?
„What chase ye? Their lights, or the Daystar low down?“
… und häufig bei Aleister Crowley. Anweisung an einen Magier, Encantations Liber V:
23. Perform the spiral dance, moving deosil and whirling
widdershins.
Each time on passing the West extend the wand to the
Quarter in question, and bow:
a. „Before me the powers of LA!“ (AL, to West.)
b. „Behind me the powers of AL!“ (LA, to East.)
c. „On my right hand the powers of LA!“ (AL, to North.)
d. „On my left hand the powers of AL!“ (LA, to South.)
e. „Above me the powers of ShT!“ (tS, leaping in the air.)
f. „Beneath me the powers of ShT!“ (tS, striking the ground.)
g. „Within me the Powers!“ (in the attitude of Phthah erect, the
feet together, the hands clasped upon the vertical wand.)
h. „About me flames my Father’s face, the Star of Force and
Fire.“
i. „And in the Column stands His six-rayed Splendour!“
(This dance may be omitted, and the whole utterance chanted in
the attitude of Phthah.)
In dem – wohl fälschlich Crowley zugeschriebenen – Hexerwörterbuch steht:
Widdershins: Counterclockwise motion used in some magickal workings or ceremonies.
(deosil ist die andere Richtung, also im Uhrzeigersinn)
– Schön auch der Zusammenhang von Sinn und senden. Die Bienen sind aus (imbi ist hucze)? „Ic dir nach sihe – Ic dir nach sendi“. Sendung geht nur, wenn man die Richtung kennt. „Sinn“ ja dann wohl auch. Im Widdershin ist der Widersinn drin. Lesen Sie bei Ledebur weiter, winning his way / seine Richtung finden.)
Die zitierten Althochdeutschen Texte: Lorscher Bienensegen – Weingartner Reisesegen.
I’ve built many wren houses since my wife and I moved to the country 25 years ago. It’s a good thing to do in the winter. At one point I had so many extra that in the spring I set up at a local farmers’ market and sold them for five dollars apiece. I say all this to assert that I am an authority at listening to the so small voices that Thomas R. Smith captures in this poem. Smith lives in Wisconsin.
Baby Wrens’ Voices
I am a student of wrens.
When the mother bird returns
to her brood, beak squirming
with winged breakfast, a shrill
clamor rises like jingling
from tiny, high-pitched bells.
Who’d have guessed such a small
house contained so many voices?
The sound they make is the pure sound
of life’s hunger. Who hangs our house
in the world’s branches, and listens
when we sing from our hunger?
Because I love best those songs
that shake the house of the singer,
I am a student of wrens.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2005 by Thomas R. Smith, whose most recent book of poetry is Waking Before Dawn, Red Dragonfly Press, 2007. Poem reprinted from the chapbook Kinnickinnic, Parallel Press, 2008, by permission of Thomas R. Smith and the publisher. The poem first appeared in There is No Other Way to Speak, the 2005 “winter book” of the Minnesota Center for Book Arts, ed., Bill Holm. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Schon das erste Autorenporträt – das des Weltenwanderers Raoul Schrott – war ein köstlicher Bubenstreich! Die «Internationale Nacht der Poesie – Lyrik.9», eine Veranstaltung von Bayern2 und moderiert von Lydia Daher und Kark Bruckmaier war dafür ein Kaleidoskop aus (teils für dieses Format sperriger) Literatur, Musik und Spoken Word Poetry. Den Verleger-Schriftsteller Michael Krüger mit seiner feinsinnigen Naturlyrik, die sarkastisch-reflektierte Lyrikerin Ulla Hahn, den Nürnberger Mundart-Akrobaten Fitzgerald Kusz, den Dadaisten Valerie Scherstjanoi, die Bulgarische Wortsucherin Tzveta Sofronieva und die Musiker Dan Reeder und Ernst Schultz («Ihre Kinder») in ein sendefähiges Format und einen unterhaltsamen Abend zu bringen verlangt(e) dem Moderatoren-Duo akrobatische Fähigkeiten ab – und den TV-Aufnahmeteams hohe Chauffeur-Fähigkeiten in einem zum Studio umgeschminkten Redoutensaal. Wie hatte Karl Bruckmaier vorgewarnt: «Wir bewegen uns zwischen Lyrik und Lyrics» – er
sollte recht behalten. Erstaunlich der Auftritt des Spoken-Word-Trios Word Alert, das mit seinem «Slam» die Nähe zu literarischer Klasse findet. Und Fitzgerald Kusz? Sein lakonischer Humor wehte wie eine frische Brise durch den Saal. / Erlanger Nachrichten
Hochgebildet, hochbegabt, erfolgreich, in unzähligen seltenen Sprachen und Kulturen dieser Welt zuhause – und trotzdem so geblieben wie der nette Mann von nebenan – so präsentierte sich Raoul Schrott beim ersten Autorenporträt des diesjährigen Poetenfests am Freitagabend. Leger und in Jeans zog er im Markgrafentheater seine Zuhörer und Leser in den Bann.
Gewitzte Antworten auf die launigen Einstiegsfragen von Alf Mentzer gleich zu Beginn sorgten für ein ideales Entrée. Ob Raoul Schrott nun wirklich auf einem Schiff vor der brasilianischen Küste geboren ist oder sein Geburtsort Klagenfurt unzweifelhaft ist, ob er nur unter Pseudonym schreibt oder wirklich Raoul Schrott heißt – darauf gab der bekennende Atheist allerdings keine abschließenden Antworten.
Aber das musste er auch nicht – und wirkte trotzdem keine Spur von arrogant. Ganz im Gegenteil. Bescheiden meinte der Poet, Lyriker und Übersetzer: «Ich hoffe, dass ich mal ein guter Dichter werde» …
Prosa ist harte Arbeit – ganz anders als die Lyrik: «Gedichte sind Augenblicke reinen Glücks beim Schreiben», so Schrott, «Gedichte stoßen einem zu, sie sind geistige Teilchenbeschleuniger.» Mit dem Schreiben von Gedichten könne man jedoch kein Geld verdienen, diesen Part müsse also die Prosa übernehmen . . . / Stephanie Rupp, Nürnberger Zeitung 31.8.
Er habe bei einem Interview einmal einen abenteuerlichen Lebenslauf erfunden, der sich dann verselbständigt habe. Tatsächlich ist der gebürtige Tiroler (Jahrgang 1964) in Tunis aufgewachsen und sein Name ist auch kein Pseudonym. / Nürnberger Nachrichten
Im Gewusel des neuen Lyrik-Booms, in dem derzeit viele mediokre Geister auf das Katapult der Talentförderung gelangen wollen, ist Kerstin Preiwuß eine Ausnahmegestalt. Während sich viele Junglyriker in griesgrämiger Erfahrungsarmut einrichten, tastet sich Preiwuß in sinnlichem Kontakt mit den Mythen und Landschaften ihrer Kindheit von einer eigenständigen poetischen Tonsetzung vor zu einer poetischen Stimme, die uns lange begleiten wird. / Michael Braun, Freitag 20.8.
Die Arabische Welt bildet dieses Jahr den Schwerpunkt des vom 9. bis 20. September dauernden 9. Internationalen Literaturfestivals Berlin. Die Literatur der arabischen Länder werde außerhalb ihrer Herkunftsländer kaum verlegt und gelesen, sagte Festivalleiter Ulrich Schreiber am Mittwoch, weshalb man einen „Markstein in der literarischen Kommunikation mit der arabischen Welt“ setzen wolle.
So kommen auch Dichter und Prosa-Autoren nach Berlin, die noch nicht übersetzt wurden. Insgesamt stellen mehr als 200 Schriftsteller aus allen Kontinenten ihre Werke vor, darunter Autoren aus Indien, Ungarn, Pakistan, Großbritannien, Frankreich, Irland und Deutschland. / Tagesspiegel 27.8.
[Ist das so? Hat Herr Schreiber wirklich bei den kleineren Verlagen in Deutschland oder der Schweiz nachgesehen, die sich um arabische Literatur bemühen? Weiß er, was in Frankreich gedruckt oder gelesen wird?]
Das Büchlein versammelt 22 jüngere portugiesischsprachige Lyrikerinnen und Lyriker aus drei Kontinenten: Afrika mit den Ländern Angola, Guinea-Bissau, Moçambique und São Tomé e Príncipe, Lateinamerika mit Brasilien sowie Europa mit der spanischen Region Galicien und Portugal. Der Herausgeber und Übersetzer Michael Kegler stellt überwiegend neuere und hierzulande unbekannte Namen vor, die in den fünfziger bis siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geboren sind. Darunter befinden sich die Poetin und Literaturwissenschafterin Ana Paula Taveres oder Ondjaki aus Angola, von dem ein Roman in deutscher Übersetzung vorliegt, Ivo Machado, José Antonio Gonçalves, der 2005 mit 50 Jahren schon starb, und Ana Luísa Amaral aus Portugal sowie Conceição Lima aus São Tomé e Príncipe. Von keinem einzigen dieser Autoren liegt bis heute ein eigener Lyrikband in deutscher Übersetzung vor. Das weist in der hiesigen Rezeption auf eine Lücke hin, die es allmählich zu schliessen gilt. Ein schöner Anfang ist nun gelungen, bei dem sich viele Neuentdeckungen machen lassen. / NZZ
Hotel Ver Mar. Gedichte aus Angola, Brasilien, Galicien, Guinea-Bissau, Mosambik, Portugal und São Tomé e Príncipe. Hrsg. und aus dem Portugiesischen übersetzt von Michael Kegler. TFM-Verlag, Frankfurt a. M. 2009. 103 S., Fr. 21.–.
Lusophonie in L&Poe:
2002 Apr # Der Tagesspiegel interviewt
2008 Mai #97. Die vererbte Sehnsucht – Saudade in Afrika
2008 Jul #61. 9. poesiefestival berlin erfolgreich beendet
2009 Jun #15. Preis für Armenio Vieira
Ian McMillan, John Mole und Peter Sansom schreiben Rezepte in Versen – Proben im Guardian vom 28.8.
Über eine Plattform für ugandische Lyrikerinnen in Form eines Wettbewerbs berichtet die Zeitung The Monitor. Siegerin wurde Lillian Aujo mit dem Gedicht „Soft Tonight“.
Bei iranian.com schreibt Manouchehr Saadat Noury über die ältesten persischen Dichter. Es beginnt beim Avesta, dem heiligen Buch der Zoroastrier. Die Kapitel 28-53 der Yasnas, der älteste Teil des Textes, enthalten die Gathas (Gedichte und Lieder), die einzigen erhaltenen direkten Zeugnisse der von Zarathustra gelehrten Religion. Es sind 17 von ihm geschriebene Hymnen, die von den Zoroastriern getreulich überliefert wurden. Zarathustras mündlich verbreitete Lehren wurden von Generation zu Generation überliefert und in der Sassanidenzeit in mittelpersischer Sprache (Pahlavi ) aufgezeichnet.
Während der Herrschaft der Sassaniden (226-642 uZ) standen Hofdichter oder -musiker wie Baarbod, Nakissa und Raamtin in hohem Ansehen. Baarbod, der berühmteste unter ihnen, soll ein musikalisches System aus sieben königlichen Tonarten, 30 sekundären Tonarten und 360 Melodien erfunden haben. Er schrieb viele Gedichte, von denen keines überliefert ist.
In der frühislamischen Zeit gibt es noch zahlreiche Verweise auf die Lieder von Baarbod und Nakisa, und es gibt Hinweise darauf, daß Baarbods Verse damals veröffentlicht wurden. Ende des 4. oder Anfang des 5. Jahrhunderts lebte Mujladi (oder Makhlidi) Gurgani (MDG). Eins seiner Gedichte bezeugt die Bedeutung der Poesie in der Sassanidenzeit:
Unter den Freuden der Welt
die von den Sassaniden und Samaniden auf uns kamen
Sind die Gedichte Rudakis zu Lob und Ruhm
Und die Lieder Baarbods und der Kanarienvögel.*
Der Verfasser weist auch darauf hin, daß die ersten Versuche, nach der arabischen Invasion die persische Sprache und Literatur wiederzubeleben, in Gedichten erfolgten.
(* of Baarbod and canaries, ??)
Alfred Margul-Sperber glaubte fest an die Besonderheit der Literatur der 1919 rumänisch gewordenen Bukowina mit ihrem selbstbewussten Deutsch sprechenden jüdischen Bevölkerungsanteil und die Notwendigkeit, deren zahlenmässig und qualitativ erstaunliches «Leben in Versen» (Moses Rosenkranz) an ein Publikum in Europa zu vermitteln. Sein Projekt einer Sammlung der mit der Bukowina verbundenen Lyrik blieb nicht zuletzt aus Gründen der brutal prosaischen historischen Entwicklung des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts unrealisiert. Aber die spannende und üppig dokumentierte Publikation ihrer im Bukarester Literaturmuseum aufbewahrten Manuskripte versetzt uns späte Leser in die Lage, eine «<unsichtbare> deutsche Dichtung» zu entdecken, die einmal hätte Bedeutung haben können. Meist elegisch-romantische Gedichte von neben den Grossen Rose Ausländer und Paul Celan vielfach unbekannt gebliebenen Autorinnen (Tina Marbach, Salome Mischel, Lotte Jaslowitz) und Autoren (Hugo Maier, Ewald Ruprecht Korn, Josef I. Kruh) bereichern den postum differenzierter und intensiver erklingenden Chor der literarischen Stimmen des Buchenlandes. / mbr, NZZ 27.8.
Die Buche. Eine Anthologie deutschsprachiger Judendichtung aus der Bukowina. Zusammengestellt von Alfred Margul-Sperber. Aus dem Nachlass hg. von George Gutu, Peter Motzan und Stefan Sienerth. IKGS-Verlag, München 2009. 469 S., Fr. 46.90.
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