4. Kulturkritiker

Die Konservativen sind glaubensstarke Kulturkr(ieger)itiker. Alles im Verfall: Regietheater, Windräder, drohende Soziherrschaft im Thüringer und Saarland (und morgen, o Graus, gleich in D-Land). Und: Brüste und Ärsche in den Städten. In der Welt erklärt Jacques Schuster, „Warum die öffentliche Fleischbeschau nervt“:

Hochsommer in deutschen Städten. Das heißt: Grillfleisch in allen Parks, aber ohne Kohlen. Selbst auf breiten Mittelstreifen liegen die Nackten herum und brutzeln in der Sonne. Muss das sein? Offensichtlich schon. Die Deutschen haben die Diktatur der Fleischbeschau errichtet, und jeder hat sich ihr zu unterwerfen.

Selbstredend wird die Kritik an Brüsten und Ärschen mit ebensolchen garniert. 116 Kommentare seit gestern abend, wieviel 1000 Klicks? Die nerven gleich doppelt: wenn sie reden und wenn sie tun. – Ich mag Oskar Lafontaine nicht besonders, aber: als Kohl 1998 im Wahlkampf vor 5000 Pommern sprach, gabs Würstchen und Blasmusik, bei Lafontaine warn viel weniger Leute da und es gab keine Würstel, aber die Musik war auszuhalten. Und wenn Lafontaine jetzt diese miefige Gesellschaft ein bißchen aufstört, werd ich ihn nicht gleich wählen, aber ihm danken!

Weiterführende Links

(original Die Welt, nur die Links hab ich entfernt)

3. Widdershins

Viele Lyrikleser – Schreiber sowieso – sind Wortsammler. Ein schönes liegt heute im Briefkasten. Nämlich seit Jahren bekomme ich täglich ein Wort von dem Onlinewörterbuch yourdictionary.com, heute dies:

Widdershins (withershins)  (adverb)

Pronunciation:  [‚wid-êr-shinz]

Definition: Moving in a direction opposite the usual; moving counterclockwise or in the contrary direction (of the sun, especially).

Usage: Today’s word is basically an adverb but may be used as an adjective without the final [s]. As a predicate adjective, however, the [s] is usually left on. D. H. Lawrence wrote in ‚Plumed Serpent‘ (1926) „She made up her mind, to be alone, and to cut herself off from all the mechanical widdershin contacts. He, too, was widdershins, unwinding the sensations of disintegration and anti-life.“

Suggested Usage: Today’s word is another wonderword from the land of kilts and bagpipes that we should all fight to keep alive: „Gerard does everything widdershins; he will either turn out a grandiose success or an abrupt failure.“ Niches for this word abound in everyday conversations: „Remember, the prophets agree that you get nowhere walking widdershins up the escalator.“

Etymology: Middle Low German weddersinnes based on wider „back,“ whence German wider „against“ and wieder „again.“ The English adverb wither „wrong, perverse“ is rarely used any more. The „shins“ is from earlier „sinnes“ and is related to Latin sentire „sense, feel“ since both go back to an original root *sent- „go in or choose a direction.“ We borrowed „sense“ from the noun of this verb. The same root also turns up in English send „to cause someone to go in a direction.“

–Dr. Language, YourDictionary.com

Es steht in Rudyard Kiplings Gedicht „Cruisers“ (kostenloses eBuch von 800 Seiten bei poemhunter.com):

As maidens awaiting the bride to come forth
Make play with light jestings and wit of no worth,
So, widdershins circling the bride-bed of death,
Each fleereth her neighbour and signeth and saith: —

„What see ye? Their signals, or levin afar?
„What hear ye? God’s thunder, or guns of our war?
„What mark ye? Their smoke, or the cloud-rack outblown?
„What chase ye? Their lights, or the Daystar low down?“

… und häufig bei Aleister Crowley. Anweisung an einen Magier, Encantations Liber V:

23. Perform the spiral dance, moving deosil and whirling
widdershins.
Each time on passing the West extend the wand to the
Quarter in question, and bow:
a. „Before me the powers of LA!“ (AL, to West.)
b. „Behind me the powers of AL!“ (LA, to East.)
c. „On my right hand the powers of LA!“ (AL, to North.)
d. „On my left hand the powers of AL!“ (LA, to South.)
e. „Above me the powers of ShT!“ (tS, leaping in the air.)
f. „Beneath me the powers of ShT!“ (tS, striking the ground.)
g. „Within me the Powers!“ (in the attitude of Phthah erect, the
feet together, the hands clasped upon the vertical wand.)
h. „About me flames my Father’s face, the Star of Force and
Fire.“
i. „And in the Column stands His six-rayed Splendour!“
(This dance may be omitted, and the whole utterance chanted in
the attitude of Phthah.)

In dem – wohl fälschlich Crowley zugeschriebenen – Hexerwörterbuch steht:

Widdershins: Counterclockwise motion used in some magickal workings or ceremonies.

(deosil ist die andere Richtung, also im Uhrzeigersinn)

– Schön auch der Zusammenhang von Sinn und senden. Die Bienen sind aus (imbi ist hucze)? „Ic dir nach sihe – Ic dir nach sendi“. Sendung geht nur, wenn man die Richtung kennt. „Sinn“ ja dann wohl auch. Im Widdershin ist der Widersinn drin. Lesen Sie bei Ledebur weiter, winning his way / seine Richtung finden.)

Die zitierten Althochdeutschen Texte: Lorscher Bienensegen – Weingartner Reisesegen.

2. Zu Barbara Köhlers und Ulf Stolterfohts Übersetzungen von Texten Gertrude Steins

Laudatio auf Barbara Köhler und Ulf Stolterfoht
anlässlich der Zuerkennung und Überreichung des “Erlanger Literaturpreises für Poesie als Übersetzung” im Rahmen der Eröffnung des 29. Poetenfestes Erlangen am 27. 8. 2009*

Price a price is not in language, it is not in custom, it is not in praise.

Einen preis preisen kommt nicht zur sprache,
es kommt nicht zur sache, kommt nicht zu lobpreis.

(Stein, Köhler, Tender Buttons)

Benedikt Ledebur : SIE WISSEN WAS SIE TUN – Die geistige Wiedererschaffung als Fortleben des Originals
Zu Barbara Köhlers und Ulf Stolterfohts Übersetzungen von Texten Gertrude Steins

Gertrude Stein von einem Interviewer mit Klagen über die Unverständlichkeit ihres Stücks Four Saints in Three Acts konfrontiert (1934, auf ihrer einzigen Reise zurück nach Amerika), antwortete diesem:

… I mean by understanding enjoyment. If you go to a football game you don’t have to understand it in any way except the football way and all you have to do with Four Saints is to enjoy it in the Four Saints way.

Wenn nicht alles, so ist damit viel zur Übersetzbarkeit ihrer Werke gesagt, denn mehr als Idee oder Bedeutung legt enjoyment -Genießen den Akzent auf das Prozesshafte, die zeitliche Dimension, auf Verstehen als Erfahren, Spiel ist ein Hinweis darauf, daß es verbindliche Regeln gibt, deren Logik auch durch assoziative, rhythmische oder lautabhängige Folgen begründet werden kann, und die Beschränkung auf Four Saints macht deutlich, daß solche Regeln nur ein bestimmtes Stück lang Gültigkeit haben können. Gertrude Stein hat beim Schreiben einfache, funktionale Wörter, wie sie in Gesprächen vorkommen, bevorzugt, und so ist, auch wenn man von zweckgerichteter Selektion absieht, das Glück vielleicht wahrscheinlich, daß sich das im Interview-Zitat dreimal vorkommende Wort way im Titel des von Ulf Stolterfoht übersetzten Langgedichts Winning His Way wiederfindet und in diesem Zusammenhang so verstanden werden kann, daß im Ästhetischen der Unterschied zwischen der Art, wie man ein Fußballspiel genießt, und der Art, “wie man seine art gewinnt” geringer ist, als gemeinhin angenommen wird. Doch angemessenes Genießen des Vorgeführten setzt nicht nur Kenntnis von Regeln und Kategorien voraus, sondern wie beim Spiel, das, um gewonnen zu werden, auf den ganzen Einsatz der Spieler angwiesen ist, verlangt Genießen von künstlerischen Erzeugnissen nach Einbeziehen der ganzen Persönlichkeit. “As I say the pleasure of a literature is having it all inside you. It is the one thing that one can have all inside one.” schreibt Stein in What is English Literature, und was die Wortwahl betrifft:

This makes literature words whether you choose them whether you use them, whether they are there whether or not you use them and whether they are no longer there even when you are still going on using them. And in this way a century is a century. One century has words, another century chooses words, another century uses words and then another century using the words no longer has them. […] As I say each century has its way …

Der vollständige Text der Laudatio Benedikt Ledeburs bei in|ad|ae|qu|at

1. 29. Erlanger Poetenfest – 27. bis 30. August 2009

Weit über 12.000 Besucher feierten die aktuelle Literatur
Abschlussabend mit David Grossman aus Israel

Mit einem Autorenporträt des israelischen Schriftstellers David Grossman im Erlanger Markgrafentheater ging am Abend des 30. Augusts das 29. Erlanger Poetenfest erfolgreich zu Ende. Weit über 12.000 Besucher kamen vom 27. bis 30. August zu den 60 Veranstaltungen mit über 80 Schriftstellern, Literaturkritikern und Publizisten im und rund um den Erlanger Schlossgarten. Eröffnet wurde das Literaturfestival am 27. August mit der Verleihung des Erlanger Literaturpreises für Poesie als Übersetzung an die beiden Gertrude Stein-Übersetzer Barbara Köhler und Ulf Stolterfoht. Im Gespräch mit dem Literaturkritiker Michael Braun berichteten sie von Lust und Frust bei der Übersetzer-Arbeit. In der am Freitag anschließenden sechsten Erlanger Übersetzerwerkstatt stellten zehn Literaturübersetzer ihre aktuellen Projekte vor und diskutierten sie mit dem Publikum. Einem der umstrittensten Übersetzer in dieser Runde, dem Tiroler Raoul Schrott, war das erste Autorenporträt des Festivals gewidmet. Seinem Gesprächspartner Alf Mentzer und den 500 Besuchern im Erlanger Markgrafentheater gegenüber bekannte er sich zu den Anstrengungen, die ihm Romane bereiten, im Gegensatz zu Gedichten, die er als „geistige Teilchenbeschleuniger“ bezeichnete.

Im Zentrum des Erlanger Poetenfests standen am Wochenende auch in diesem Jahr die langen Lesenachmittage mit zahlreichen Neuerscheinungen im Erlanger Schlossgarten. Bei durchwachsenem Wetter am Samstag und idealen Open-Air-Bedingungen am Sonntag lauschten Tausende von Besuchern unter anderem den Lesungen von Thomas Glavinic, Ulla Hahn, Robert Menasse, Terézia Mora, Matthias Politycki, Ilma Rakusa und Julia Schoch. Parallel dazu drängten die Zuhörer zu Herta Müller, die ihren neuen Roman „Atemschaukel“ vorstellte, zu Lesungen und Gesprächen mit Inge Jens, die aus ihren „Unvollständigen Erinnerungen“ las, und Ilija Trojanow und Juli Zeh, die ihr Sachbuch „Angriff auf die Freiheit“ vorstellten. Für diese beiden Veranstaltungen musste wegen des Andrangs sogar in größere Säle umgezogen werden. Rekordverdächtig war auch der Ansturm bei den Programmangeboten für Kinder und Jugendliche. Die Lesungen des Jungen Podiums erfreuten sich ebenso großer Beliebtheit wie die Bilderbuch-Lesewiese und das Zelt, in dem der 40. Geburtstag der „Kleinen Raupe Nimmersatt“ gefeiert wurde.

Während am Samstag die „Nacht des Kriminalromans“ mit Ingrid Noll, Heinrich Steinfest und Jan Costin Wagner die Grenze zwischen Genre- und „Hochliteratur“ in Frage stellte, fand im Markgrafentheater ein weiteres Autorenporträt statt: Die Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer las aus ihrem soeben erschienenen Roman „Zwei schwarze Jäger“ und diskutierte mit Maike Albath über Realität und Künstlichkeit in der Literatur. Höhepunkt und krönender Abschluss des 29. Erlanger Poetenfests war der Auftritt des israelischen Autors David Grossman, der eigens aus Jerusalem angereist war. Verena Auffermann sprach mit ihm über die Absurdität eines Alltags in ständiger Bedrohung, über den schmerzlichen Verlust seines Sohnes im letzten Libanon-Krieg und über den Widerspruch zwischen Pazifismus und der Notwendigkeit der Selbstverteidigung. Ein Abschluss-Abend, der – stellvertretend für ein insgesamt ernstes Poetenfest – aus der persönlichen Betroffenheit heraus, generelle politische und gesellschaftliche Fragestellungen beleuchtete.

Erlangen, 31. August 2009

083. American Life in Poetry: Column 232

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I’ve built many wren houses since my wife and I moved to the country 25 years ago. It’s a good thing to do in the winter. At one point I had so many extra that in the spring I set up at a local farmers’ market and sold them for five dollars apiece. I say all this to assert that I am an authority at listening to the so small voices that Thomas R. Smith captures in this poem. Smith lives in Wisconsin.

Baby Wrens’ Voices

I am a student of wrens.
When the mother bird returns
to her brood, beak squirming
with winged breakfast, a shrill
clamor rises like jingling
from tiny, high-pitched bells.
Who’d have guessed such a small
house contained so many voices?
The sound they make is the pure sound
of life’s hunger. Who hangs our house
in the world’s branches, and listens
when we sing from our hunger?
Because I love best those songs
that shake the house of the singer,
I am a student of wrens.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2005 by Thomas R. Smith, whose most recent book of poetry is Waking Before Dawn, Red Dragonfly Press, 2007. Poem reprinted from the chapbook Kinnickinnic, Parallel Press, 2008, by permission of Thomas R. Smith and the publisher. The poem first appeared in There is No Other Way to Speak, the 2005 “winter book” of the Minnesota Center for Book Arts, ed., Bill Holm. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

082. Erlangen – zwischen Lyrik und Lyrics

Schon das erste Autorenporträt – das des Weltenwanderers Raoul Schrott – war ein köstlicher Bubenstreich! Die «Internationale Nacht der Poesie – Lyrik.9», eine Veranstaltung von Bayern2 und moderiert von Lydia Daher und Kark Bruckmaier war dafür ein Kaleidoskop aus (teils für dieses Format sperriger) Literatur, Musik und Spoken Word Poetry. Den Verleger-Schriftsteller Michael Krüger mit seiner feinsinnigen Naturlyrik, die sarkastisch-reflektierte Lyrikerin Ulla Hahn, den Nürnberger Mundart-Akrobaten Fitzgerald Kusz, den Dadaisten Valerie Scherstjanoi, die Bulgarische Wortsucherin Tzveta Sofronieva und die Musiker Dan Reeder und Ernst Schultz («Ihre Kinder») in ein sendefähiges Format und einen unterhaltsamen Abend zu bringen verlangt(e) dem Moderatoren-Duo akrobatische Fähigkeiten ab – und den TV-Aufnahmeteams hohe Chauffeur-Fähigkeiten in einem zum Studio umgeschminkten Redoutensaal. Wie hatte Karl Bruckmaier vorgewarnt: «Wir bewegen uns zwischen Lyrik und Lyrics» – er
sollte recht behalten. Erstaunlich der Auftritt des Spoken-Word-Trios Word Alert, das mit seinem «Slam» die Nähe zu literarischer Klasse findet. Und Fitzgerald Kusz? Sein lakonischer Humor wehte wie eine frische Brise durch den Saal. / Erlanger Nachrichten

081. «Ich hoffe, dass ich mal ein guter Dichter werde»

Hochgebildet, hochbegabt, erfolgreich, in unzähligen seltenen Sprachen und Kulturen dieser Welt zuhause – und trotzdem so geblieben wie der nette Mann von nebenan – so präsentierte sich Raoul Schrott beim ersten Autorenporträt des diesjährigen Poetenfests am Freitagabend. Leger und in Jeans zog er im Markgrafentheater seine Zuhörer und Leser in den Bann.

Gewitzte Antworten auf die launigen Einstiegsfragen von Alf Mentzer gleich zu Beginn sorgten für ein ideales Entrée. Ob Raoul Schrott nun wirklich auf einem Schiff vor der brasilianischen Küste geboren ist oder sein Geburtsort Klagenfurt unzweifelhaft ist, ob er nur unter Pseudonym schreibt oder wirklich Raoul Schrott heißt – darauf gab der bekennende Atheist allerdings keine abschließenden Antworten.

Aber das musste er auch nicht – und wirkte trotzdem keine Spur von arrogant. Ganz im Gegenteil. Bescheiden meinte der Poet, Lyriker und Übersetzer: «Ich hoffe, dass ich mal ein guter Dichter werde» …

Prosa ist harte Arbeit – ganz anders als die Lyrik: «Gedichte sind Augenblicke reinen Glücks beim Schreiben», so Schrott, «Gedichte stoßen einem zu, sie sind geistige Teilchenbeschleuniger.» Mit dem Schreiben von Gedichten könne man jedoch kein Geld verdienen, diesen Part müsse also die Prosa übernehmen . . . / Stephanie Rupp, Nürnberger Zeitung 31.8.

Er habe bei einem Interview einmal einen abenteuerlichen Lebenslauf erfunden, der sich dann verselbständigt habe. Tatsächlich ist der gebürtige Tiroler (Jahrgang 1964) in Tunis aufgewachsen und sein Name ist auch kein Pseudonym. / Nürnberger Nachrichten

080. „Wider griesgrämige Erfahrungsarmut“

Im Gewusel des neuen Lyrik-Booms, in dem derzeit viele mediokre Geister auf das Katapult der Talentförderung gelangen wollen, ist Kerstin Preiwuß eine Ausnahmegestalt. Während sich viele Junglyriker in griesgrämiger Erfahrungsarmut einrichten, tastet sich Preiwuß in sinnlichem Kontakt mit den Mythen und Landschaften ihrer Kindheit von einer eigenständigen poetischen Tonsetzung vor zu einer poetischen Stimme, die uns lange begleiten wird. / Michael Braun, Freitag 20.8.

079. Markstein

Die Arabische Welt bildet dieses Jahr den Schwerpunkt des vom 9. bis 20. September dauernden 9. Internationalen Literaturfestivals Berlin. Die Literatur der arabischen Länder werde außerhalb ihrer Herkunftsländer kaum verlegt und gelesen, sagte Festivalleiter Ulrich Schreiber am Mittwoch, weshalb man einen „Markstein in der literarischen Kommunikation mit der arabischen Welt“ setzen wolle.

So kommen auch Dichter und Prosa-Autoren nach Berlin, die noch nicht übersetzt wurden. Insgesamt stellen mehr als 200 Schriftsteller aus allen Kontinenten ihre Werke vor, darunter Autoren aus Indien, Ungarn, Pakistan, Großbritannien, Frankreich, Irland und Deutschland. / Tagesspiegel 27.8.

[Ist das so? Hat Herr Schreiber wirklich bei den kleineren Verlagen in Deutschland oder der Schweiz nachgesehen, die sich um arabische Literatur bemühen? Weiß er, was in Frankreich gedruckt oder gelesen wird?]

078. Lusophone Lyrik

Das Büchlein versammelt 22 jüngere portugiesischsprachige Lyrikerinnen und Lyriker aus drei Kontinenten: Afrika mit den Ländern Angola, Guinea-Bissau, Moçambique und São Tomé e Príncipe, Lateinamerika mit Brasilien sowie Europa mit der spanischen Region Galicien und Portugal. Der Herausgeber und Übersetzer Michael Kegler stellt überwiegend neuere und hierzulande unbekannte Namen vor, die in den fünfziger bis siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geboren sind. Darunter befinden sich die Poetin und Literaturwissenschafterin Ana Paula Taveres oder Ondjaki aus Angola, von dem ein Roman in deutscher Übersetzung vorliegt, Ivo Machado, José Antonio Gonçalves, der 2005 mit 50 Jahren schon starb, und Ana Luísa Amaral aus Portugal sowie Conceição Lima aus São Tomé e Príncipe. Von keinem einzigen dieser Autoren liegt bis heute ein eigener Lyrikband in deutscher Übersetzung vor. Das weist in der hiesigen Rezeption auf eine Lücke hin, die es allmählich zu schliessen gilt. Ein schöner Anfang ist nun gelungen, bei dem sich viele Neuentdeckungen machen lassen. / NZZ

Hotel Ver Mar. Gedichte aus Angola, Brasilien, Galicien, Guinea-Bissau, Mosambik, Portugal und São Tomé e Príncipe. Hrsg. und aus dem Portugiesischen übersetzt von Michael Kegler. TFM-Verlag, Frankfurt a. M. 2009. 103 S., Fr. 21.–.

Lusophonie in L&Poe:

2002    Apr    #    Der Tagesspiegel interviewt
2008    Mai    #97.    Die vererbte Sehnsucht – Saudade in Afrika
2008    Jul    #61.    9. poesiefestival berlin erfolgreich beendet
2009    Jun    #15.    Preis für Armenio Vieira

077. Vers-Rezepte

Ian McMillan, John Mole und Peter Sansom schreiben Rezepte in Versen – Proben im Guardian vom 28.8.

076. East Timorese Poets

Global Voices Online (GVO): How did you have access to Timorese literature during the Indonesian times?

Abe Barreto Soares: During the Indonesian times, while doing my studies in Yogyakarta, I came across books on Timor-Leste such as “EasTimor: Nationalism and Colonialism” by Jill Jollife, a fellow journalist, from Australia. From this book I discovered the late Timorese  poet, Francisco Borja da Costa. One of the lines of his poetry appearing in the book: “smother my revolts/ with the point of your bayonet/ torture my body/in the chains of your empire/ subjugate my soul/ in the faith of your religion…/” really fired the sense of nationalism within me. And through the book “Funu: The Unfinished Saga of East Timor” by José Ramos-Horta (current President of the Republic of Timor-Leste) I discovered Fernando Sylvan.

Pedem-me um minuto de silencio pelos mortos mauberes.
Respondo que nem por um minuto me calarei.

Fernando Sylvan

They ask me one minute of silence for maubere deaths.
I answer that not for one minute shall I shut up.

Fernando Sylvan

(East Timor: Abe Barreto Soares‘ Poetry for Nation Building)

/ Global Voices Online 28.8.

075. Ugandische Lyrikerinnen

Über eine Plattform für ugandische Lyrikerinnen in Form eines Wettbewerbs berichtet die Zeitung The Monitor. Siegerin wurde Lillian Aujo mit dem Gedicht „Soft Tonight“.

074. Frühe persische Dichter

Bei iranian.com schreibt Manouchehr Saadat Noury über die ältesten persischen Dichter. Es beginnt beim Avesta, dem heiligen Buch der Zoroastrier. Die Kapitel 28-53 der Yasnas, der älteste Teil des Textes, enthalten die Gathas (Gedichte und Lieder), die einzigen erhaltenen direkten Zeugnisse der von Zarathustra gelehrten Religion. Es sind 17 von ihm geschriebene Hymnen, die von den Zoroastriern getreulich überliefert wurden. Zarathustras mündlich verbreitete Lehren wurden von Generation zu Generation überliefert und in der Sassanidenzeit in mittelpersischer Sprache (Pahlavi ) aufgezeichnet.
Während der Herrschaft der Sassaniden (226-642 uZ) standen Hofdichter oder -musiker wie Baarbod, Nakissa und Raamtin in hohem Ansehen. Baarbod, der berühmteste unter ihnen, soll ein musikalisches System aus sieben königlichen Tonarten, 30 sekundären Tonarten und 360 Melodien erfunden haben. Er schrieb viele Gedichte, von denen keines überliefert ist.
In der frühislamischen Zeit gibt es noch zahlreiche Verweise auf die Lieder von Baarbod und Nakisa, und es gibt Hinweise darauf, daß Baarbods Verse damals veröffentlicht wurden. Ende des 4. oder Anfang des 5. Jahrhunderts lebte Mujladi (oder Makhlidi) Gurgani (MDG). Eins seiner Gedichte bezeugt die Bedeutung der Poesie in der Sassanidenzeit:

Unter den Freuden der Welt
die von den Sassaniden und Samaniden auf uns kamen
Sind die Gedichte Rudakis zu Lob und Ruhm
Und die Lieder Baarbods und der Kanarienvögel.*

Der Verfasser weist auch darauf hin, daß die ersten Versuche, nach der arabischen Invasion die persische Sprache und Literatur wiederzubeleben, in Gedichten erfolgten.
(* of Baarbod and canaries, ??)

073. Judendichtung aus dem Buchenland

Alfred Margul-Sperber glaubte fest an die Besonderheit der Literatur der 1919 rumänisch gewordenen Bukowina mit ihrem selbstbewussten Deutsch sprechenden jüdischen Bevölkerungsanteil und die Notwendigkeit, deren zahlenmässig und qualitativ erstaunliches «Leben in Versen» (Moses Rosenkranz) an ein Publikum in Europa zu vermitteln. Sein Projekt einer Sammlung der mit der Bukowina verbundenen Lyrik blieb nicht zuletzt aus Gründen der brutal prosaischen historischen Entwicklung des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts unrealisiert. Aber die spannende und üppig dokumentierte Publikation ihrer im Bukarester Literaturmuseum aufbewahrten Manuskripte versetzt uns späte Leser in die Lage, eine «<unsichtbare> deutsche Dichtung» zu entdecken, die einmal hätte Bedeutung haben können. Meist elegisch-romantische Gedichte von neben den Grossen Rose Ausländer und Paul Celan vielfach unbekannt gebliebenen Autorinnen (Tina Marbach, Salome Mischel, Lotte Jaslowitz) und Autoren (Hugo Maier, Ewald Ruprecht Korn, Josef I. Kruh) bereichern den postum differenzierter und intensiver erklingenden Chor der literarischen Stimmen des Buchenlandes. / mbr, NZZ 27.8.

Die Buche. Eine Anthologie deutschsprachiger Judendichtung aus der Bukowina. Zusammengestellt von Alfred Margul-Sperber. Aus dem Nachlass hg. von George Gutu, Peter Motzan und Stefan Sienerth. IKGS-Verlag, München 2009. 469 S., Fr. 46.90.