Bei einem chinesisch-deutschen Symposium im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse ist es am Samstag zu einem Eklat gekommen. Als die regierungskritische Journalistin Dai Qing und der in den USA lebende Lyriker Bei Ling vor Beginn der Veranstaltung ein Statement abgaben, verließen Teile der chinesischen Delegation den Saal, wie der Pressesprecher der Frankfurter Buchmesse der Nachrichtenagentur AFP sagte.
Der ehemalige Botschafter Chinas in Deutschland, Mei Zhaorong, erklärt aufgebracht, er und die anderen Delegierten fühlten sich „ungerecht behandelt“. Sie seien anders als die beiden Dissidenten nicht begrüßt worden und seien „hier für eine Diskussion, nicht für Demokratie-Unterricht“. Die Deutschen predigten Demokratie, „diktieren aber die Bedingungen“, schimpft Mei. / FR 12.9.
(Das mag so sein – aber die Bedingungen diktiert doch China. Der Messedirektor entschuldigt sich. Der Skandal geht weiter.)
Engagierter Kunstvermittler erhält Kulturpreis Für seine Arbeit als Verleger und Kunstdrucker hat Martin Wallimann den «Innerschweizer Kulturpreis» erhalten. Der mit 20’000 Franken dotierte Preis wurde dem 51-jährigen in Sarnen im Kanton Obwalden überreicht. Martin Wallimann ist ausgebildeter Offsetdrucker und führt seit 1983 ein handwerkliches Druckatelier in Alpnach. Seit 1991 hat er zudem einen eigenen Verlag, in dem Bücher mit Prosa, Lyrik und Anagrammen erscheinen. Weiter ist er Initiant der Buchmesse «Luzern bucht» … Uneigennützig und feinfühlig Vielen Kunst- und Literaturschaffenden habe Wallimann eine Möglichkeit geboten, ihr meist stilles Schaffen der Öffentlichkeit zu präsentieren, argumentiert die Kulturstiftung weiter. Er sei ein engagierter Vermittler von Kunst. Mit der ersten Obwaldner «Lyrik-Nacht» habe er erst jüngst wieder seinen uneigennützigen und feinfühligen Einsatz bewiesen. / SF Tagesschau
Wenn man im Internet detaillierte, verlässliche Informationen über literarische Werke sucht, kommt man gegenwärtig oft noch nicht sehr weit. Und die Wikipedia-Konzeption offenbart erhebliche Lücken. Als kürzlich die Lyrikerin Christa Reinig starb, konnte man im Wikipedia-Artikel lesen, die sprichwörtlich gewordene Redewendung „Der hat doch nicht alle Tassen im Schrank“ gehe auf sie zurück – ihr erster Gedichtband erschien 1960 in einem bibliophilen Kleinverlag. Mittlerweile ist diese Bemerkung zwar getilgt, aber verlassen sollte man sich auf Wikipedia keineswegs blind. Kann man dies beim Kindler?
Ein Blick in die achtzehn Bände zeigt, dass noch einmal alles in die Waagschale geworfen wurde. Man findet das Gesuchte jetzt schnell, ohne vorher umständlich im Register nachzuschauen oder sich mit diversen Formen einer sich verselbständigenden Binnenlogik befassen zu müssen. Und statt bisher 22 Bänden sind es nunmehr achtzehn. Mit einem Schlag sind viele vorher scheinbar unvermeidliche Werke einer offiziellen Ostblock-Literatur hinfällig geworden. Eine gewisse Verlagerung ist zudem im Zuge der neuen akademischen Kulturmoden festzustellen: Auffallend viele Werke aus dem asiatischen und afrikanischen Raum sind hinzugekommen, der „Eurozentrismus“ ist extrem zurückgefahren, und die letzten Spuren des alten Bompiani, mit seinem Übergewicht der romanischen Literaturen, sind getilgt. Berücksichtigt sind zum Beispiel alle sechzehn indischen Einzelliteraturen, aber der nicht unwichtige zeitgenössische französische Lyriker Jean Daive hat keinen Eintrag. …
So ist diese auf einen Schlag erschienene und in achtzehn Bänden lieferbare dritte Auflage des „Kindler“ gleichzeitig ein Meilenstein und ein Abgesang auf diese Form der Enzyklopädie. Eine vierte Auflage des Kindler in Buchform wird es nicht geben. / HELMUT BÖTTIGER, SZ 5.9.
Das Karnevalswochenende von Notting Hill [haben die Karneval im Sommer?] schien mir eine gute Zeit, um ein paar Dadagedichte nachzulesen, speziell jene des fruchtbaren* deutschen Dichters Hugo Ball. Ball beschrieb seinen Auftritt in der berühmten Zürcher Vorführung als „magischer Bischof„, und seine Darbietung dieser Rolle könnte kaum karnevalesker sein, wenn man nach seiner eigenen Beschreibung urtelt…“ / Carol Rumens, Guardian 31.8.
*) exuberant: kann fruchtbar heißen – die Werkausgabe ist auf 10 Bände geplant –, aber auch übermütig, ausgelassen: wie unterscheiden die Briten das bloß? Naja, Karneval im Sommer… – Fremdwort könnte hilfreich sein: sagen wir: des exuberanten Dichters, dann nicken alle und keiner weiß genau.
Hugo Ball: Eröffnungs-Manifest, 1. Dada-Abend
Tom Schulz und andere präsentieren »Alles außer Tiernahrung. Politische Lyrik«
»es muss es darf zurückgefeuert werden« (Björn Kuhligk)
Gastgeber:
Rotbuch und SO36
Preis: 3,-
Donnerstag, 24. September 2009 um 20:00
SO36
Oranienstraße 190
Zornig und selbstbewusst meldet sich die politische Lyrik zurück.
Junge Autoren thematisieren die Probleme von heute: Migration, Klimakrise, Globalisierung, Massenarbeitslosigkeit und Abschaffung der sozialen Systeme. Aus Anlass der Buchpublikation »Alles außer Tiernahrung. Neue politische Gedichte« kommen acht Dichter auf die Bühne des SO36 und hauen Euch ihre Verse um die Ohren. Anschließend Party mit Politmucke von Brecht bis The Exploited! Stand up and dance – stand up and fight!
Mit Tom Bresemann, Ann Cotten, Daniel Falb, René Hamann, Björn Kuhligk, Angela Sanmann, Tom Schulz, Florian Voß
und DJ Gainsbarez
Arabische Literatur? Ein weites fernes Feld. „Für uns ist das großes literarisches Neuland“, sagt Ulrich Schreiber, Leiter des Internationalen Literaturfestivals Berlin, zum diesjährigen Schwerpunkt Arabische Welt.
Die meisten der geladenen Autoren sind zum ersten Mal in Berlin, was auch ein Auswahlkriterium war. „Natürlich steht die literarische Qualität im Vordergrund“, so Schreiber, „allerdings wollten wir neue Beziehungen aufbauen und gerade auch jüngere Autoren vorstellen“. Zu diesen zählen etwa die palästinensische Lyrikerin Dalia Taha und die Ägypterin Rehab Bassam, die über ihr Leben als Frau in der Kairoer Mittelschicht einen Internet-Blog führt. Rehab Bassam stellt sich am 14. September mit einer Lesung im Oberen Foyer des Festspiele-Hauses vor (21 Uhr). Dalia Taha ist am 12. September bei der „Poetry Night IV“ auf der Seitenbühne des Hauses. Die Autoren lesen in ihren Landessprachen, deutsche Sprecher lesen die Arbeiten in der Übersetzung. / Claudia Schumacher, Berliner Morgenpost 11.9.
Matthias Kehle bringt ein unveröffentlichtes Gedicht von Werner Dürrson als Gedicht des Tages und schreibt einleitend:
Viele seiner Gedichte waren federleicht, dabei beherrschte er den Kanon der Formen wie kaum ein zweiter Dichter der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 2006, an Ostern, entstand ein solches federleichtes Gedicht, und ich freue mich sehr, dass mir die Erben dieses zur Erstveröffentlichung überlassen haben. Werner Dürrson würde morgen, am 12. September, seinen 77. Geburtstag feiern. Er starb im vergangenen Jahr am 17. April.
SWR / RB-Produktion wird als einziges Hörbuch ausgezeichnet
Baden-Baden. Die Gedicht-Anthologie „Lauter Lyrik – Der Hör-Conrady“ wird als einziges Hörbuch mit dem renommierten „Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik“ ausgezeichnet. Mit mehr als 1000 Gedichten von über 460 Dichterinnen und Dichtern aus rund 900 Jahren deutscher Literaturgeschichte ist die Edition das größte Gedicht-Projekt Deutschlands. SWR-Hörfunkdirektor Bernhard Hermann: „Mit ihrem gemeinsamen Projekt haben die Landesrundfunkanstalten der ARD vielen Menschen Lust auf Lyrik gemacht. Diesen Preis haben viele verdient: Die Initiatoren beim SWR, die Hörfunkdirektoren von Hamburg bis München, die Künstler, der kooperierende Patmos Verlag und vor allem Karl Otto Conrady für seine Auswahl der Gedichte und seine intensive Begleitung unserer Studioproduktion.“
Das Gedichtprojekt stellt auf 21 CDs ein repräsentatives Spektrum unterschiedlicher Spielarten deutschsprachiger Lyrik vor. Dabei vermittle, so die Jury, die beeindruckende Audio-Sammlung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. „Erst der von den Ohren aufgefangene Klang der Wörter enthüllt die Musikalität von Lyrik, gleich ob es sich dabei um Liebesgedichte, Balladen, Gebete, Epigramme, Spottlieder oder dadaistischen Nonsense handelt.“ Zu den Sprechern der Edition, die in den Studios des SWR für die ARD unter der Regie von Stefan Hilsbecher entstand, zählen u.a. Corinna Kirchhoff, Ulrich Matthes, Rosel Zech, Christian Brückner, Donata Höffer, Jürgen Hentsch, Jürgen Holtz und der Herausgeber Karl Otto Conrady selbst. Nach vielen Sendungen aus der Anthologie stellt SWR2 seit Juli täglich ein „Gedicht des Tages“ auch im Internet vor(www.swr2.de). Erschienen ist die CD-Edition „Lauter Lyrik. Der Hör-Conrady. Die große Sammlung deutscher Geschichte“ im Patmos Verlag.
Überreicht wird der Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik am 13. November 2009 im Rahmen des großen Schiller-Balladenabends von SWR2 im Stuttgarter Staatstheater. / SWR Pressemitteilung
Poetry is prose in slow motion. Now, that isn’t true of rhymed poems. It’s not true of Sir Walter Scott. It’s not true of Longfellow, or Tennyson, or Swinburne, or Yeats. Rhymed poems are different. But the kind of free-verse poems that most poets write now — the kind that I write — is slow-motion prose.
(Sagt der Romanheld in Nicholson Bakers „The anthologist“, Rezension New York Times 10.9., Probekapitel)
THE ANTHOLOGIST
By Nicholson Baker
243 pp. Simon & Schuster. $25
Das wichtigste Literaturspektakel des kommenden Herbstes sollte umbenannt werden. „Frankfurter Buchmesse, Ehrengast China“ stimmt nicht mehr so ganz. „Pekinger Buchmesse, diesmal zu Gast in Frankfurt“ wäre ehrlicher. Denn die Kommunistische Partei Chinas hat bei der Frankfurter Buchmesse teilweise die Kontrolle übernommen.
Dies aber mit bewundernswerter Direktheit. Die Chinesen bestimmen, welcher Chinese in Frankfurt reden darf und wer nicht. Die Einladungspolitik der Frankfurter Buchmesse wird neuerdings von der obersten Zensurbehörde in Peking geprüft, verworfen, korrigiert und neu formuliert, ganz nach dem Gutdünken der Genossen. Ein Anruf genügt. Oder, in schweren Fällen, der Besuch eines Kaders im Pekinger Verbindungsbüro der Buchmesse. Dann aber werden der Partei unangenehme Störenfriede sofort von der Rednerliste gestrichen. …
Die Frankfurter Buchmesse sollte nach diesem unrühmlichen Auftakt der Gastrolle Chinas mehr chinesische Exilschriftsteller einladen und mehr Tabuthemen auf die Rednerlisten setzen als ursprünglich geplant. Eine mögliche Debatte darüber, wie es zur Absage des offiziellen Chinas habe kommen können, wäre dann genauso lehrreich über den Zustand der chinesischen Literaturszene wie die jetzige Debatte über das Ausladen von Dissidenten. / Henrik Bork, Süddeutsche 10.9.
Die Faszination der Tanka liege in der mysteriösen Kraft der Sprache, die über die Wirkung der Alltagssprache hinausreicht, heißt es im Vorwort. Diese stellt sich nicht unbedingt beim Lesen der ersten Gedichte ein, aber je weiter man vordringt, desto mehr findet man einen Gedanken, einen Satz, eine Formulierung oder ein ganzes Gedicht, das den Leser berührt oder in einer besonderen, nicht definierbaren Weise anspricht.
Denn wer kann sich diesen Worten entziehen:
Mein Herz, das dich liebt
ist in tausend Stücke
zerbrochen.
Doch bleibt es erhalten
in jedem einzelnen Splitter
Izumi Shikibu, von der diese Zeilen stammen, war Dienerin bei der Frau eines Kaisers. Das Gedicht entstand bereits im Jahr 1007. /handwerk.info.de
Gäbe es keine Kirschblüten … Tanka aus 1300 Jahren, Yukitsuna Sasaki, Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller, 2009, Reclam
Die amerikanische Lyrikerin und ihr Übersetzer Matthias Göritz lesen in Frankfurt und Darmstadt
Frankfurter Literaturhaus am 14. September, 20 Uhr
Lesebühne, Literaturhaus Darmstadt, 15. September, 20 Uhr
Eine der ungewöhnlichsten und bedeutendsten Stimmen der gegenwärtigen US-Dichtung gehört der 1947 in Vallejo, Kalifornien geborenen Rae Armantrout. Ihre Dichtung wird zur in Deutschland nahezu unbekannten Language-School gezählt, die in der experimentellen Tradition von William Carlos Williams über Charles Olson, Robert Creeley bishin zu John Ashbery und Barbara Guest steht. Williams und Dickinson standen Pate für Armantrouts Umgang mit kurzen Strophen und die Aufladung kurzer einzelner Worte mit den komplexen Fragen postmodernen Lebens. »Dank ihrer Techniken« so Stephen Burt (New York Times) »wurde sie zu einer der wiederkennbarsten und besten Dichterin ihrer Generation«
:::Rae Armantrout:::
»Narrativ« Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig.
Übersetzt von Uda Strätling & Matthias Göritz. Mit einem Nachwort von Marjorie Perloff & Fotografien aus dem Archiv der Autorin.
luxbooks
ca. 300 S. isbn 978-3-939557-40-1
Die Stadt Straßburg feiert ihren Sohn Hans (Jean) Arp: Vom 18.-27.9. läuft im Palais des Fêtes eine Collage aus Texten des Autors, „Opus Null“. Stimme, Gesang und Tanz vermischen sich in diesem Spektakel in den Sprachen Französisch, Deutsch und Elsässisch. / Dernières Nouvelles D’alsace 10.9.
In L&Poe:
2001 Mai # «Poem – aus Leidenschaft zur Sprache»
2003 Apr # Surrealistische Preise
2003 Apr # Aus der Berichterstattung von Le Monde:
2004 Jan # Purismus um Sirup
2004 Mrz #38. FAZ & Lyrik
2005 Mai #55. Habemus geistige Gummibärchen*
2005 Okt #113. Vogellyrik
2006 Feb #102. Einwortgedicht
2006 Mrz #7. Erektionslyrik von Dichtmaschinen
2006 Jun #69. Bortliks Fußballgedichte
2007 Jan #77. Georg-Trakl-Preis für Lyrik 2007 geht an Franz Josef Czernin
2007 Apr #28. Gaga for Brecht
2007 Dez #41. Bibliotheken
2007 Dez #61. Ludvík Kundera
2007 Dez #113. Blick zurück nach vorn
2008 Mrz #114. Lesung surrealistischer Lyrik von Hans Thill
2008 Apr #52. „DIREKTE“ POESIE ALS GETARNTE MYSTIK: „DAS ECHTE WUNDER“
2008 Jun #50. INTEGRALE INTENSITÄT STATT INFANTILER IRONIE
2008 Jul #72. Deutscher Surrealismus?
2008 Sep #74. „JÄTZT DREI“: Der feine Unterschied zwischen jetzt, Jetzt und JETZT
2009 Mrz #118. Deutscher Surrealismus (2)
2009 Apr #9. Auch ich war ein Wendegewinnler
2009 Mai #71. Hugo-Ball-Almanach erscheint zukünftig im Verlag edition text+kritik
2009 Mai #75. Ludvík Kundera ein Surrealist?
2009 Jun #66. In Bienen
Freitag, 9.10. Leipzig (s. #56.)
Ein erster Impuls zu unserem Text/Tanz-Projekt „Martina Hefter und Mathias Traxler“ bestand darin, zwei Interessensgebiete miteinander zu verknüpfen, und zwar aus Hedonismus: damit man beides zugleich tun, sich beidem zugleich in größtmöglicher Schwelgerei widmen kann; zweitens aus Pragmatismus: es spart Zeit, wenn die Dinge zugleich und an einem Tag erledigt werden. Und drittens aus einem Bedürfnis nach grösstmöglicher Bewegungsfähigkeit.
Nicht zu wissen, sondern wissen zu wollen, wie man Tanz denken kann und wo dieses Denken den Körper hinführt¹, diese Aussage, die einen Impuls zu und in William Forsythes choreografischen Arbeiten beschreibt, hat auch für uns eine Rolle gespielt, erweitert um die Tatsache, dass wir uns nicht nur bewegen, sondern uns auch Texten lesend nähern – in jeder Bewegung, die uns möglich ist.
Choreographie im zeitgenössischen Sinn versteht sich als Versuch „ein Umfeld zu schaffen, in dem die Teilnehmer mit einer Idee umgehen müssen, die ihre Vorstellung von ihren sich bewegenden Körpern verändert“².
Choreografie, Text als (versprachlichte) Idee, Körper. Wir, und die Zuschauer, betrachten in „Martina Hefter und Mathias Traxler“ die wechselseitige Wirkung dieser drei Komponenten.
¹ Gerald Siedmund (Hg.), William Forsythe – Denken in Bewegung, Berlin 2004
² ebd.
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