77. Aufregende Lektüre

Vor mir ein Stapel Hefte der Zeitschrift „Neue Literatur“, „Zeitschrift des Schriftstellerverbandes der SRR“, Sozialistische Republik Rumänien. Mitte der 70er Jahre hatte ich die in Buchhandlungen in Berlin und Leipzig entdeckt, später gelang es mir, sie zu abonnieren. Aufregende Lektüre besonders in den 70er und frühen 80er Jahren – ab Mitte der 80er war zu merken, daß die Bedingungen schwieriger wurden – der Exodus hatte begonnen. Hier gab es Prosa von Arno Schmidt, Sartre, Canetti, Ionesco, Golding und vielen anderen oder Briefe Paul Celans – Sachen, nach denen man gierte. Vor allem aber entdeckte ich bald Lyrik und Prosa von einem Dutzend und mehr mir bis dahin unbekannter Autoren, deutschschreibende Autoren aus Rumänien. Mai 1979: Prosa von Herta Müller (sie taucht in den nächsten Jahren öfter auf)! Dezember 1980: Gedichte von Johann Lippet, Horst Samson, William Totok, Rolf Bossert, Prosa von Richard Wagner und Herta Müller. Dezember 1981 Sonderheft Banat. Januar 1982 Franz Hodjak, Hella Bara. Das war aufregende Lektüre. Auf Vermittlung eines Kollegen, mit dem mich sonst wenig verband, er wurde später mein Chef und begann sofort, mir am Zeug zu flicken, schrieb ich eine Rezension einer rumäniendeutschen Anthologie, ich schrieb darüber: „Unbekannte Literatur, die uns angeht“.

Jetzt lese ich die Namen, Heldennamen meiner Lesejugend, in allen Tageszeitungen. Manche als Täter, die meisten als Opfer der Securitate. Auch wenn es Leute gibt, die davon nichts mehr hören wollen, werde ich fortfahren, über die Literatur und wenn der Fall eintritt, die Akten dieser Autoren zu informieren. Hier ein weiter Bericht über den aktuellen „Fall Söllner“ – auch er war damals dabei, dann nicht mehr, 1982 ging er in die Bundesrepublik.

Der Schriftsteller Johann Lippet, Mitbegründer der «Aktionsgruppe Banat», veröffentlichte im Wunderhorn-Verlag in Heidelberg einen ersten Einblick in seine Unterlagen («Aus dem Leben einer Akte»), von dessen Vorläufigkeit er allerdings überzeugt ist…

An dieser Leitlinie entlang musste Publizist und Schriftsteller William Totok besonders drastische Erkenntnisse aus seinen 1146 fotokopierten Blättern gewinnen, die in «einem beträchtlichen Umfang eine Reihe von Geheimaktionen beinhalten, von denen ich keine Ahnung hatte und die mich nach dem ersten flüchtigen Lesen einiger Dokumente nicht nur empörten, sondern auch verbitterten». Zwanzig Jahre, vom letzten Jahr am Lyzeum bis zum Fall des Kommunismus, lernte er «sämtliche Paletten der Securitate-Repression kennen, die darauf abzielte, einen als Regimegegner eingestuften Menschen zum Schweigen zu bringen, ihn zu kompromittieren und als kritische Stimme zu annullieren». Der 1975 für mehrere Monate Verhaftete konnte jetzt in Akten seiner Schriftstellerkollegen zu bestimmten Vorkommnissen die Versionen anderer Informanten lesen und ein besseres Verständnis der mit grossem Aufwand betriebenen Machenschaften gewinnen, die die Securitate bei seiner jahrelangen Überwachung veranlasste. Sein Bruder wurde aus nichtigem Anlass und ohne mittelbare Verbindung zur «Aktionsgruppe Banat» zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Den von Totok später in Deutschland publizierten, 1984 auch von Herta Müller, Richard Wagner und Helmuth Frauendorfer unterschriebenen Brief der jungen Schriftsteller an den Ersten Sekretär des Kreisparteikomitees von Temeswar, in dem die Diskriminierung und Schikanierung der Schriftsteller zur Sprache gebracht wurde, ergänzt der heutige Generalsekretär des Exil-PEN, Horst Samson, jetzt um Details der auf den Brief folgenden Interventionen und Pläne der Securitate. / Markus Bauer, NZZ 11.12.

76. VON DER OBERFLÄCHLICHKEIT DER GEGENWART

ODER: Warum sich die Hefte des „Ganz & GarNix“-Verlags besser verkaufen, seitdem nur noch das Kürzel „G&GN“ auf dem Cover steht…

„Die einen SCHAUEN Tagesschau, die andern MACHEN sie. Und die dritten schreiben Gedichte.“
(Sebastian Nutzlos, G&GN-Vorsitzender seit 1990)

G&GN-INSTITUT BERLIN NEW COLOGNE / Das Wort Politik ist plötzlich wieder modern in einer bestimmten Abteilung der Lyrik-„Szene“, aber wie bei allen Trends wird die Geschichte dahinter verschwiegen, nur die Oberfläche der Gegenwart zählt. Wer die G&GN-Terminchronik online studiert, das Projekt „History of Pop“ des Düsseldorfer Heine-Instituts verfolgte, oder auch nur die Logik der Slam-Inflation nachvollzieht, der riecht den angebratenen Neuen Betriebsbraten schon, bevor er wieder zu Asche zerfällt mitsamt einiger Jungfinger, die sich schon „politisch“ wähnen, wenn sie das Wort nur in den Mund nehmen… Die Freude über eine vermeintliche Repolitisierung der Lyrik erhält einen schalen Beigeschmack, wenn diese Verschiebung angesagter Thematiken mit den üblichen Scheuklappen einhergeht, um nur das zu promoten, was dem jeweiligen politistischen Poeten möglich ist. Bereits seit 1994 bemüht sich das G&GN-Institut zum Beispiel (nur um 1 Beispiel zu nennen, gesegnet sein alle Kollegen aus dem OFF, die nach dem „Verlust der goldenen 90er-Jahre“ ebenfalls radikal weitermachen) um eine politische Theorie des „echten“ (erfüllten) Liebesgedichtes als „Erweiterte Sachlichkeit“ (inzwischen gibt es über 60 hauseigene authentische E.S.-Beispiele), um diese feine Gattung vor dem Aussterben zu retten, aber bis heute traut sich kein einziger Germanist von Rang, diese Forschungsarbeit überhaupt zu würdigen, stattdessen erscheint eine neue Anthologie nach der anderen mit den abstrusesten Auswüchsen sogenannter Liebeslyrik, die in Sehnsucht und Abstinenz oder perversen Projektionen schwelgt. Immerhin deuten die Herausgeber in ihren akademisch bemühten Nachworten mittlerweile manchmal an, daß es die seltene Sorte „positiver“ (oder gemäß des toysianischen 1996er-Gedichtes „Paradies-Persiflage“: posiTIEFer) Liebeslyrik überhaupt gibt, allerdings gänzlich ohne die zivilisatorisch brisante Poetologie dahinter zu erwähnen. Dazu müßte man einen Ausflug in die Eso-Szene wagen und Oshos Buch „Kreativität“ lesen, unabhängig und frei davon, was man von ihm als Guru hält. Oder aber das Geleitwort auf der G&GN-Homepage www.GGN.de (bzgl Wechsel des Künstlertums aus der Überkompensation hin zur Überdokumentation) – um es auf den Punkt zu bringen: Der Literaturbetrieb ist FEIGE, SELBSTGENÜGSAM und DUMM, denn er macht sich fast immer abhängig von eigennützigen Preisträgern und Professorentiteln, selten der Mut zum Durchbruch in KONSTRUKTIVE SKANDALE!!! So, Katze aus dem Sack, was nun? NICHTS. REIN GARNICHTS. WIR MACHEN WEITER WIE B…ISHER UND SPIELEN MIT, FAST OHNE MIT DER WIMPER ZU ZUCKEN!!! Warum? Weil es ganz andere Szenerien gibt, in denen man noch offen & ehrlich mit seelischer Inbrunst diskutieren kann (als säße man im Cabaret Voltaire), ohne sich mit Platzpatronen einen Bestsellerplatz zu erhaschen, damit ein Leser die Dackelsohren spitzt… Ja, der geneigte Leser möge sich jetzt allemale fragen, ob er gemeint sein könnte. Der Leser? Aber wer liest eigentlich die Lyrikzeitung? NIEMAND im rein privaten Bekanntenkreis des G&GN-Instituts kennt dieses grandiose und NOTWENDIGE inner-UND-außerliterarische Organ – NIEMAND !!! Aber wer ist schon „niemand“: der normale Freund oder Nachbar aus irgendeinem anderen Beruf. Aha, L&Poe entpuppt sich damit als geheimes „Fachblatt“, obwohl es sich gar nicht NUR an Fachkreise richtet sondern an jeden Bürger, der Spaß an literarischen Weltnachrichten hat. Zu finden ist es leicht: diverse Stichwörter des sehnsüchtigen Surfers genügen, um es in Listen anzuklicken. Na bitte. Es gibt also POSITIVE Weltneuigkeiten, nähmlich (mit kleinem H) POETISCHE. Ja doch, poetische!!! Und zwar die ganze Bandbreite: von überüberüberbetriebsamer Fremdbestimmtheit bis subsubsubversiver Eigenbrödlerei – die gaaaaaanze Palette!!! Jou, super Sache. Mal lesen, was so los is in der Literaturwelt… ah, schon wieder so ne peinliche Meldung aus Neukölle – alaaaaaaaaf !!!!! Heeeeelauuuuuuuuuuuu !!!!! (die Düsseldorfer werden mitgegrüßt, wir sind ja nicht so) [an diesem Punkt schaut der G&GN-Vorsitzende Sebastian Nutzlos dem längst gefeuerten Pressesprecher Samuel Lépo über die Schulter, sein Zeigefinger rauscht mit matrixmäßigem Zeitlupeneffekt blitzschnell auf den Monitor zu, und bevor Lépo diesen Text BIS HIERHIN UND NICHT WEITER… ~ ~ ~ ~ ~ ~ … da: ein Loch im Monitor vom erleuchteten Nutzlosfinger mit neuromagnetischer Gedankenekstase paranormal hineingebrannt]. Guten Abend, hier ist das deutsche Fernsehen mit der Tages-LECK-MICH-DOCH-AM-ARSCH-DER-WELT-DIE-MACHEN-EH-WAS-SIE-WOLLEN-RUF-MICH-WENN-DER-KRIMI-ANFÄNGT-Schau. Ok, kein Problem, kein Problem, reg Dich ab. Wirf die falsche Pille ein und schlaf weiter. Wie war das gleich: SCHWITTERS SCHNARCHT SCHWEREN HERZENS UNTER DER ERDE WEITER. Und die wird eines Tages aufbrechen und ihre Szene-Zombies wieder ausspucken: Das Dao des Dadaisten ist unverdaulich. Nochmal? Weils so schön klingt: DAS DAO DES DADAISTEN IST UNVERDAULICH!!! (ACHTUNG! An die Studenten: Gratz zwingen, diesen Satz LAUT & DEUTLICH AUS DEM SEMINARFENSTER ZU BRÜLLEN UND ZWAR BIS DER HAUSMEISTER KOMMT ODER JEMAND, DER SICH ALS SOLCHER VERKLEIDET). Was gibts sonst noch zu sagen? Ach ja, heute abend findet Teil 1 vom www.SUBVIDEOFESTIVAL.de im „DasLABOR“ (Fuldastr.56) statt. Morgen Teil 2: mitwww.POETryToGo.de-Clips vom Herrn Spülzeux höchstpersönlich. Welche weiß der selber nicht, denn der ambitionierte Veranstalter hat dessen Youtube-Kanal ausgequetscht und will sowohl den Künstler als auch das Publikum mit einer 40-minütigen Nokiatrash-Kollektion überraschen. Aber egal, geht eh keiner hin. Ich sage: GEHT EH KEINER HIN! Kein Zuschauer, kein Journalist und kein Filmkollege außer jenen, deren Filme gezeigt werden. So wie überall: im Publikum sitzt die Bühne. DAS ist ein szene-übergreifender empirischer Richtwert: Was guckst Du? Du guckst Dir zu! So machen es die Kanzler, die Künstler und die Kritiker: alles Maden im eigenen Speck. Na prima. Und Silvester lassen wirs gemeinsam krachen wie noch nie! Jou, super Sache! Apropos Kanzler & Künstler, da hätten wir für Sie, meine Damen und Herren, glatt noch ne feine Sensation brandneuer Übersinnlichkeit zu bieten: unser einziger letzter fester Mitarbeiter seit der Institutsinsolvenz, Herr von Döh nämlich (ohhne H mit Doppel-h), hat schon wieder gereimt… sooo eiiin „Aaaaarschloch der Literatur“ aber auch!!! (jaja, diesen Titel gewann er letztens bei einer kleinen prosaischen Autorenlesung in Berlin, man möge selbst recherchieren bei Bedarf) – Sie gestatten? Hier das äußerstliterarische Teufelswerk (man möge es mit Rückkopplungshall durch ein sehr laut gestelltes Mikrofon FLÜSTERN!):

Tom de Toys, 10.12.09 (bei Rotwein, Adorno & Leo Ferré: „AMOUR ANARCHIE“)

59 B-FEHLSVERweiGERUNGEN

wenn kinder nach Auschwitz
das sprechen noch lernen
wenn kanzler nach Tschernobyl
das atom noch vergöttern
wenn kranke nach Buddha
noch jammern dürfen
und künstler nach Beuys
immer weiter malen dann
kann keiner verbieten daß
dichter in neuen gedichten denken
anstatt kategorischen kategorien
denn jeder beginnt die geschichte
am kosmischen nullpunkt
mit leben zu füllen
das gelebt werden will

© Trademark POEMIE™, G&GN-QUELLE: www.DeToysS.de (Doppel-„S“ wie Sinn-/Seinsklasse), URL=
http://blogs.myspace.com/index.cfm?fuseaction=blog.view&friendId=482406116&blogId=521761001

Über unsere HEFTE (siehe Untertitel der Meldung) brauchen wir wohl nichts mehr zu sagen, vermutlich ahnt der geneigte Leser nach diesem respektlosen Artikel, wie die Verkaufslage* ausschaut. Aber wir beschweren uns nicht, wie gesagt, denn MITSPIELEN ist alles – und gewonnen hat heutzutage schon JEDER, der überhaupt noch SPIELT anstatt am Tresen abzustürZEN. Apropos „flüstern“: hier die legendäre Stimme eines LEBENDEN „Dichters der OFFenen Mitte“, der sich völlig uneigennützig bereit erklärte, in einem unkOmMerziellen Werbeclip mitzuwirken, pfui deiwel:

TRAILER FÜR 14.12.09 @ www.LYRIKMAIL.de #2111 „LEGENDE (HOMMAGE AN DIE HAUPTSTADT)“:
http://www.youtube.com/watch?v=IFZC-3-ce6E

*ANMERKUNG zur „Verkaufslage“…eines Kleinstverlages, hier eine nette Mini-Anekdote: Im Erscheinungsjahr der ersten originalen Anthologie „Lyrik von jetzt“ verkaufte sich das G&GN-DinA6-Heft „JA“ (= 10-teiliger „JA…HRhundert“-Zyklus von 1998) in einem bestimmten Berliner Buchladen innerhalb 1 Jahres ungefähr 20x (!!!) so oft wie die vielgepriesene Anthologie. Gesamtauflage des JA-Heftchens nach 6 Jahren: 600 Exemplare! (Nachdruck nun trotzdem eingestellt, weil Zyklus um 6 Teile erweitert wurde, daher Neuauflage mit allen 16 Teilen geplant). Das ist NICHT wenig für einen 1-Mann-Vertrieb (unser einziger -ehrenamtlicher- Kundenbetreuer: Jens Jeda), der KEINE EINZIGE Rezension einfährt (wurde die Feigheit bereits erwähnt? Schon vergessen, was oben steht)… Erst der legale Preissturz ermöglichte den Dumontschen Ladenhüter an Szene-Touristen zu entsorgen, auch im G&GN-Regal steht nun das billige Antipopwerk mit Sparpreisaufkleber, wodurch sein ästhetischer authentischer Wahrheitsgehalt natürlich poetisch potenziert wurde… (G&GN-Anmerkung, nicht Gratz!**)

**) schreibt Herr Döh und hat zweifellos recht. MG

75. „Endpunkt“: John Updikes letzte Gedichte

Was für ein Dichter! Was für große, klare, wahre, herrliche Gedichte. John Updike (1932 – 2009), dem Lesepublikum vor allem als Romanautor bekannt, hat zeitlebens auch Lyrik geschrieben. Eine Sammlung von Gedichten, die in des Autors letzten Lebensjahren entstanden sind, enthält dieser Band mit dem programmatischen Titel „Endpunkt“.

Obwohl dem privaten wie dem politischen Geschehen keineswegs entrückt („Irak geht weiter“, schreibt er im Jahr 2006, „ohne Vorhang, ein schlechtes Theaterstück“), begegnen wir hier einem Lyriker in Abschiedsstimmung: „Ich richte mich ein, in dem Jahrzehnt, in dem, / wie ich höre, die meisten Menschen sterben“, heißt es einmal, und in dem Gedicht „Verfassung mit 76“: „Wie nicht an den Tod denken?“ und „Bleibt bei mir, Wörter, bleibt noch ein bisschen“. / David Axmann, Wiener Zeitung 12.12.

John Updike: Endpunkt und andere Gedichte. Deutsch von S. Höbel und H. Frielinghaus. Rowohlt, Reinbek 2009, 109 Seiten, 19,90 Euro.

74. Meine Anthologie: Tretrad

Ein Zwischendurchgang zum Bäcker bringt mir (die Assoziationskette begann beim Wort „Plunder“) noch ein Gedicht, das ich hier einrücke, bevor ich mich doch noch an mein Gutachten setze.

Die Romantiker sind nicht romantisch, sage ich gern. Sie sind eigentlich die ersten modernen Menschen, die den Gegensatz zwischen Waldsehnsucht und neuer Zeit austrugen und aushielten.

Joseph von Eichendorff ist nicht zu Pferd durch die Wälder geritten – er hat sie nur preußisch verwaltet. Und fuhr mit einer Netzkarte der Eisenbahn durchs nicht mehr existierende Reich. Modern ist auch dieses Gedicht (ebenfalls unphilologisch „as is“):

Der Isegrimm

Aktenstöße nachts verschlingen
schwatzen nach der Welt Gebrauch
Und das große Tretrad schwingen
Wie ein Ochs, das kann ich auch.

Aber glauben, daß der Plunder
Eben nicht der Plunder wär,
Sondern ein hochwichtig Wunder,
Das gelang mir nimmermehr.

Aber andre überwitzen,
Daß ich mit dem Federkiel
Könnt den morschen Weltbau stützen,
Schien mir immer Narrenspiel.

Und so, weil ich in dem Drehen
Da steh oft wie ein Pasquill,
Läßt die Welt mich eben stehen –
Mag sie’s halten, wie sie will!

Meine Anthologie: Garstig

73. Meine Anthologie: Wahrer Jakob

Jakob Wir schenken Dir einen iPod-touch“

heißt es in einer Spammail. Warum sie mich mit Jakob anreden, weiß ich jetzt nicht. Daß sie mich duzen, mißfällt mir. Leider habe ich grad keine Kneifzange zur Hand, und die Hosen sowieso seit ein paar Stunden schon an! Aber wenn Sie mir son Ding schenken wollen, legen Sies einfach vor der Tür ab. Aber nicht klingeln!

Ansonsten danke ich für die Erinnerung an ein Gedicht, das ich seit langem mag und hin und wieder benutze. Goethens Jugendfreund Lenz schrieb es, und es geht auf seine 3 Vornamen:

Ich bin ihr wahrer Jakob nicht
und auch ihr deutscher Michel nicht
Bin rein und hold nicht wie der Lenz
Ich: Jakob Michael Reinhold Lenz.

Seit ich das Gedicht kenne (auch jetzt auswendig zitiert, hier brauch ich keine Philologie), gehört es zu meiner Identität, da mein Name drinsteckt. Das fortzusschreiben, habe ich meinen Sohn Jakob genannt – so steckt er auch drin. Vielleicht klappts ja.

Meine Anthologie: Garstig.

72. Lyrikstationen 2009: Einleitung

Fortsetzungsessay von Theo Breuer

Im Wortgestrüpp · Landen · usw.

Reich bin ich durch ich weiß nicht was,
man liest ein Buch und liegt im Gras.
Robert Walser

Das Haus, das Verrückte macht –
Die in den Wellblechpalästen tanzen

Leichtfüßig, peppig, spritzig kommen die satirisch grundierten, hier ironischen, dort sarkasti­schen, gelegentlich zynischen, mit Allusion, Echo und Versatzstück aus Dichtung und Volksmund durchwirkten, zwischen Sinn und Unsinn mäandernden, dem auf den Kopf gestellten Schein des Seins in rasant vorgetragenen Sequenzen auf die Schli­che kommenden, bizarr wortschöpfenden, Alliteration, Annagramm und Reimprise ein­streuenden, faszinierend verrückt assoziierenden, wortspielenden, zeilenspringenden Ge­dichte von Tom Schulz in Kanon vor dem Verschwinden da­her. Hier dirigiert die surreale Lyrik­schlag­kraft, Oxymoron und Paradoxon tanzen den Pas de deux.

Ich / schrieb das schnell auf, bevor / der Moment in der verfluchten / Abgestorben­heit Kölns / wieder erlosch, heißt es in Rolf Dieter Brinkmanns Gedicht Einen jener klas­sischen. Ich tue es Brinkmann gern nach. Und wenn ich an diesen blätterfallsüchti­gen, dunklen, küh­len, nebligen, regnerischen, stürmischen letzten Tagen des Jah­res wie Erich Kästner gefragt werde: Und wo bleibt das Positive, Herr Breuer?, kann ich wie der von Asterix nach dem Passier­schein A 38 gefragte römische Amtsvorste­her des Hauses, das Verrückte macht ganz lässig ant­worten: Hier ist es doch: ⇐⇑⇒⇓

wie verrückt: Regen /
bella umbrella. seit Tagen
übernächtigt. Wolken
aus Granit.

Thien Tran

Lyrik Leser Listen –
Schaun mer mal, dann sehn mehr scho

Wiedermal so ein Jahr den Styx hinunter
Peter Rühmkorf

Bereinigt um Bücher, deren nur scheinbar poetische Wortansammlungen ich auf kei­ner Seite le­senswert fand, versammle ich in der die Lyrikstationen 2009 abschlie­ßenden zwölften Station alle mir in diesem Jahr in die Hände ge­fallenen und gelese­nen Ly­rikeditionen mit der Zahl 2009 im Impres­sum, die ich in diesem Essay – ex­emplarisch – vor­stelle und zum Abschluß einer jeder Station ins Zentrum der Auf­merk­samkeit rücke, wie, beispielsweise, Kevin Perrymans Der nicht verjährte Traum – sein neunter Ge­dichtband und der erste, den ich von ihm lese (am 9. No­vem­ber 2009 – so wird dieser Tag auch in der heute stark vernebelten Abge­schie­denheit der Eifel zum Festtag):

Bring einen Stein.
Trage zu unserem Singen bei.
Bring deinen Stein.
Du wirst ihn in den Bergen
aufgehoben haben,
ihn mit dir mitgetragen.
Leg ihn zu den anderen.

Dies ist, bei lyrischem Lichte betrachtet, eine schmerzhaft künstliche Auswahl für ei­nen im Kern als persönliche Le­sereise angelegten Text, vernachlässigt die Liste doch die mögli­cherweise eindrucksvolleren Bücher und Zeitschriften früherer Jahr­gänge, die ich mir in diesem Jahr zu Gemüte führte – beispielsweise am 11. Novem­ber André Schinkels resche Lyrik in Löwenpanneau (Mitteldeutscher Verlag, Halle 2007): Das große Gedicht An der Saale versetzt mich schlagartig zurück in den Au­genblick, als ich mit UNI/vers(;)-Herausgeber Guillermo Deisler und uräus-Hand­presse-Verle­ger Hans-Ulrich Prautzsch an jenem Fluß stand und wir am gege­nüber­liegenden Ufer mehrere Biber bei der Arbeit beobachteten; am 17. November Kim Jong-Dils konfuzia­nisch angehauchte Gedichte in Nachtkerze (Edition Peperkorn, Thu­num/Ostfriesland 2003); am 29. November Günter Herburgers forschen Gang Im Gebirge (Luchter­hand, München 1998) – und ohnehin den gesam­ten Bereich der Prosa, den ich in Bücher, Menschen und Fiktionen 2009 (www.poetenladen.de/theo-breuer-buch­preis-2009.htm), gleich­sam Zwillings­text von Lyrikstatio­nen 2009, vor­stelle.

Wenn ich überhaupt einen interessanten Aspekt am Zusammenhang von Literatur und Jahrgang sehe, dann den, womit ich mich innerhalb eines Jahres literarisch kon­kret befaßt habe. Was aber tun wir nicht alles, um der grassierenden Unüber­sichtlich­keit zu trotzen und auf diese Weise das eine oder andere Buch sichtbar zu ma­chen. Wir müssen auch 2009 von mehreren tausend neu gedruckten Gedichtbü­chern ausge­hen, unter de­nen sich möglicherweise ein Buch versteckt, das ich groß­artig fände, wenn ich es denn je läse. Angesichts dieser ungeheuren Zahl ziehe ich mich gern auf den einen wie auch immer gefundenen, hoffentlich einzigartigen Ge­dicht­band zurück, der mich zunächst eine Stunde, einen Tag und sodann – mehr oder weniger – lebens­lang be­gleitet. Am 4. Dezember (im Lyrikkalender lese ich das Gedicht Übersprung von Christian Röse) ist es Heinrich Deterings Wrist, von dem ich mich an diesem kalten Tag sehr gern in Birken- und Brachvogelwälder und blü­hende Dschungel im / Schotter zwischen den Gleisen verschleppen lasse.

So wird mir Ly­rik von Tag zu Tag mehr zu einer Faktoren wie Auflage, Avant­garde, Au­tor, Besten­liste, Buch, Chimäre, Dramatik, Epoche, Favorit, Genie, Hörbuch, Idee, Jungvogel, Kory­phäe, Leichtgewicht, Mode, Newco­mer, Original, Preis, Programm, Quengler, Richtung, Star, Talent, Titel, Urgestein, Verlag, Wasserträ­ger, Zeitgeist »usw.« usw. verschlingenden und amalga­mierenden uni­versalen Gestalt aus Klang, Rhythmus und Wort, deren in einem fort schwingender Sound jeden noch so hartnä­ckigen Tinnitus locker verdrängt, als ziehe [es] mir das rau­schen / des weltalls ins ohr. (Dieter P. Meier-Lenz, Im Wortge­strüpp)

Die Dich­tung wird von allen gemacht (Lau­tréa­mont)

BAUMBEIN
Blaurosa Wolken,
der Wind aus den Seen,
die ausgeleuchteten Wälder
aus zweibeinigen Bäumen,
doppelt schlagen sie aus.
Flecken im Schatten und in Tränen
die Sonne trägt der Berg,
hängt durch in den Mitten.

Swantje Lichtenstein

Das 120 Titel umfassende Füllhorn der Anthologien, Einzeltitel, Magazine, Portale und Schachtelediti­onen, deren Zu­standekommen ich den unterschied­lichsten (glückli­chen) Zufällen ver­danke, vermittelt hoffentlich einen einigermaßen exem­pla­risch-repräsen­tati­ven Querschnitt des vielköpfigen, kakophonen Chors, der 2009 im dichtbevölkerten lyrisch-deutschsprachigen Amei­senstaat mit mehr als vier­hundert Editionen, Re­dakti­o­nen, Ver­lagen und Handpressen (von denen sechsund­fünfzig hier auftau­chen) den Sound bestimmt:

Gedichtbü­cher von jüngeren und älte­ren, be­kannten und weniger be­kannten Autorin­nen und Autoren, Bücher aus großen und kleinen Verlagen, die Anthologien, Einzel­titel, Es­saybände, Ge­samtausgaben, Magazine und Übersetzungen als Hard­cover­band mit Schutzumschlag, Broschüre bzw. Taschenbuch, bibliophiles Kleinod oder Kunst­schachtel in winzigen, kleinen, mittle­ren und größeren Auflagen in der Hoffnung ver­öf­fent­lichen, Leserinnen und Le­ser zu finden, die diese Bü­cher ihren Sammlun­gen einverleiben wollen.

Books on Demand werden nur auf Bestellung erstellt, sie sind nie vergriffen, aber auch in keiner Buchhandlung präsent. Wie wohl wirkt sich das auf die Auflage aus? Ich jedenfalls lasse mich immer wieder gern vom vielgestaltigen Programm der Ly­rikedition 2000 anlo­cken und lese auch im Verlauf dieses Jahres wieder eine Reihe mich stark anregender Gedichtbücher aus dieser seit einiger Zeit von Heike Hauf betreuten Edition – so Ulrich Kochs Lang ist ein kurzes Wort (Der Mond war ein Leckstein auf der Pferdeweide), Swantje Lichtensteins Landen, Ludwig Steinherrs Kometenjagd sowie Nikola Richters do-re-mi-maschine, die vom ersten Gedicht an schwungvoll rotiert:

er kann jetzt nicht mit dir tanzen, sagt einer, und ich sage,
das ist überhaupt nicht mein problem, denn ich hole meinen
freund von der bushaltestelle ab, wir weinen zur begrüßung
und pinkeln zwischen autos in der nebenstraße. und wenn
einer sagt, das ist doch mal wieder kein gedicht, dann sag
ich nix, aber pass mal auf, denn hier ist das leben, hier
hab ich eben noch telefoniert, als einer die treppe herunter
rannte und mich mal kurz küssen wollte, ich schlug ihn
weg, weil eben noch ein anderer mich drückte und wieder
andere mir sagten, dass ich sie suchen solle. die welt ist
groß genug für alle, sagten manche eben noch und andere
wollten schwimmen gehen (das sind die ungehemmten dates).
ich habe einen neffen, der schon nudeln sagen kann,
und ich mit meinem neuen job kann nichtmal sagen, was ich will.

Die Hoffnung ist – Was sind das für Zeiten? – oft trügerisch angesichts der überwäl­tigenden Konkurrenz von vielen hundert Verlagen und tausend und weit mehr Auto­ren mit jährlich vielen, vielen, vielen neuen Gedichtbüchern, ganz zu schweigen von der überwältigenden Präsenz der guten Seiten im Internet.

Wer, beispielsweise, regelmäßig Portale wie Fixpoetry, Forum der 13, Lyrikline, Ly­rikwelt, Lyrikzei­tung, Poetenladen, Reimfrei, Titel oder Matthias Kehles Lyrik-Blog anklickt und die dort ange­botenen Buch­besprechungen, Es­says, Features, Gedichte, Glossen und Port­räts scrollend liest (und sich dazu die tägliche Lyrikmail schicken läßt), braucht keine Bü­cher, wenn Bücher ihm nicht das bedeu­ten, was sie mir be­deuten. Was dem einen das Buch in der Hand, ist dem anderen die Zeigefinger­beere an der Maus. In­dem ich letzteres eben um der Erfah­rung willen erstmals an einem Lyrik-eBook aus­probiere, spüre ich spontan, daß ein eBook kein Gedichtbuch ist, wie ich es meine, und schon mal gar kein gefühl­tes.

So ist es längst keine Ausnahme mehr, daß Lyrikbücher auch bekannterer Autoren zwar publiziert, aber kaum mehr von den Leserinnen und Lesern wachge­küßt wer­den, folglich nie ein lebendi­ges Dasein füh­ren können. Dennoch glaube ich weiterhin an genü­gend leiden­schaftliche Büchermenschen, die dafür sorgen, daß die Be­fürchtung eines Philip Roth (dessen Romanen ich seit Jahrzehnten hoffnungslos verfallen bin), die Menschheit wachse in eine buchlose Zukunft hinein, sich als über­trieben pessimistisch herausstellen wird.

Verleger und Autoren, die allerdings meinen, Leser liefen ihnen irgendwie schon zu, bezahlen diesen Irrglauben mit der Tatsa­che, daß immer wieder auch viel zu teuer ange­botene Bücher in Kartons verpackt dahindämmern (hoffentlich wurden sie we­nigs­tens auf Recycling-Papier gedruckt) oder bis auf wenige Exemplare gar nicht erst gedruckt werden, nachdem die Fördergelder kassiert sind. Aber auch das kann man schon wieder positiv sehn, wie Gerard Manley Hopkins, von dem zu Lebzeiten nicht ein Gedicht gedruckt wurde: Ein Dichter ist sich selbst sein Publikum.

Daß vor allem kleine/re Verlage und Zeitschriften kommen und gehen, ist eine be­kannte Erfah­rung. Andererseits gibt es erfreulich viele Gegenbeispiele für Haltbarkeit und Stabili­tät, man jam­mert nicht, sondern arbeitet einfach, Buch um Buch, weiter am originel­len Programm. Ich benenne, pars pro toto, Hendrik Lierschs Berliner Cor­vinus Presse mit rund zweihundertfünfzig Büchern seit 1990 – zuletzt Heinrich Osts sehr klare, sehr nachdrückliche, sehr schöne Gedichte In Trümmern Spiegelglas (Das Holz­pferd singt / zur Himmelsmahlzeit), Werner Buchers im schweizerischen Appenzell ange­siedelten orte-Verlag mit mehre­ren Buchreihen – Im November 2009 erschienen Horst Bin­gels beherzte Gedichte Den Schnee besteu­ern – und der Zeit­schrift orte, deren 160. Ausgabe 2009 er­schien, sowie die seit Jahrzehnten die Welt der Lyrik berei­chernden Klein­verlage Ul­rich Keicher (Le­onberg) und Peter Engstler (Ostheim an der Rhön), der mit Egon Günther, von dem 2009 hegt traum kerne er­schien, ei­nen Au­tor im Programm hat, dessen spannende Ge­dichte ich bis­lang nicht kannte.

Auch in den letzten Jahren sind wieder neue Verlage (mit Luxbooks als Senkrecht­starter) und Editionen be­gründet worden: Bei Fixpoetry und in der Silver Horse Edi­tion erschienen 2009 insgesamt mehr als ein Dutzend schlicht-schön gestalteter Ly­rikbändchen, die Edition Lyrik Kabinett macht mit vorzüglich edierter internationaler Lyrik von sich reden, und so kann ich mit Das Buch der Niederlage endlich ein voll­ständiges Gedichtbuch von Bei Dao lesen:

Zielort

Ungeraden Zahlen folgend
und Funken, die Aussprache üben
bist du auf Reisen, von Landkarten
blickst du hinab auf die Grablegung der Straßen
so tief gegraben
daß sie reichen an ein Gedicht in seinem Kern

Keine Satzzeichen können aufhalten
die Wehen der Reimgesetze
Du bist nahe an den Metaphern des Windes
gehst ergraut in die Ferne
Die dunkle Nacht öffnet ihren Oberkiefer
und entblößt ihre Stufen

Es ist in jedem einzelnen Fall schade, wenn der eine oder andere Verlag nicht wei­termachen kann oder will, die Welt der Lyrik geht bei der kaum überschaubaren Verlagsvielfalt im deutschen Sprachraum allerdings keineswegs unter, wie 2009 hier und dort suggeriert, son­dern bietet Verlagen, die bis dato viel zu wenig be­achtet wurden, die Möglichkeit, stärker ins Rampenlicht zurücken – so man dies denn wünscht.

Mit einer unkommerziell ausgerichteten, auf viel Geduld basierenden und den tägli­chen Einsatz fordernden Mischkalkulation des Verkaufens, Verschenkens und Tau­schens gelingt es bislang in der kommunikations-, korrespondenz- und korrabolati­onslustigen Edition YE, die ich 1993 hier im sehr dünn besiedel­ten, lyrikleserarmen Schattenreich des Hinterlands aus purer Lust am Collagieren, Edieren, Kleben, Lek­torieren, Montieren, Stempeln und Zusammentragen gründete, um fortan die Kunst­schachteledi­tion YE, die Lyrikzeitschrift Faltblatt sowie die Lyrikreihe mit An­thologien, Einzeltiteln und Mono­graphien herauszugeben, genügend Leserinnen und Leser, die Lust auf deutsch­sprachige Lyrik haben, auf der ganzen Welt zu finden, um Auflagen bis 500 und 1000 Exemplaren zu rechtfertigen.

Die Lyrik befindet sich in einem jämmerlichen Zustand, schreibt Thomas Kunst im Nachwort seines 2008 erschienenen Gedichtbands Estemaga, während Axel Kutsch im Vorwort des im Herbst 2009 publizierten, Gedichte von zweihundert Autorinnen und Autoren versammelnden Anthologie Versnetze_zwei betont: Wir leben in blühen­den Lyrik-Landschaften.

So unmöglich mit mir
kann es nicht sein
schau

selten gewordene Vogelarten
sind zurückgekehrt
um zu nisten
in den Zeilen meiner Gedichte

Werner Lutz

Schaun mer mal, dann sehn mehr scho.

  • Bei Dao, Das Buch der Niederlage
  • Horst Bingel, Den Schnee besteuern
  • Heinrich Detering, Wrist
  • Egon Günther, hegt traum kerne
  • Ulrich Koch, Lang ist ein kurzes Wort
  • Axel Kutsch (Hg), Versnetze_zwei · poetenladen.de/theo-breuer-versnetze.htm
  • Swantje Lichtenstein, Landen
  • Werner Lutz, Kussnester
  • Dieter P. Meier-Lenz, Im Wortgestrüpp
  • Heinrich Ost, In Trümmern Spiegelglas
  • Kevin Perryman, Der nicht verjährte Traum
  • Nikola Richter, die do-re-mi-maschine
  • Tom Schulz, Kanon vor dem Verschwinden
  • Ludwig Steinherr, Kometenjagd
  • Thien Tran, fieldings

71. Lyrikstationen 2009

Im Herbst 2008 gab es in der Lyrikzeitung einen Fortsetzungsessay von Theo Breuer, der viel Zuspruch und auch Widerspruch fand und nebenbei der Lyrikzeitung einen Sprung in der Benutzerstatistik bescherte. (Durch Drücken auf den kleinen Knopf in der jeweils ersten Meldung des Tages können Sie das verfolgen: dort einfach zurückblättern über „Pageviews einsehen“).

Jetzt freue ich mich über einen neuen Fortsetzungsessay des Autors, der sich in zahlreichen Veröffentlichungen als Gourmand und Gourmet ausgewiesen hat. In den nächsten Tagen bis 23.12. lesen Sie hier jeden Tag ein Kapitel dieses Rückblicks auf das Lyrikjahr 2009. Nach Abschluß wird der Essay komplett beim Poetenladen veröffentlicht.

Theo Breuer schreibt:

Ich will mit diesem Essay das Lyrikjahr 2009 kompakt, konstruktiv und kreativ darstellen. Abgesänge, die der guten Lyriksache nicht dienen, gab es genug in diesem Jahr. So kann sich jeder Autor, jeder Verleger, jeder Kritiker, jeder Leser wieder einmal klarmachen, wie lebendig die deutschsprachige Lyrikwelt in diesen Zeiten nach 2000 weiterhin ist und weshalb von den einzelnen Titeln oft ganz wenige bloß verkauft werden. Man sehe sich nur die Liste am Ende an: 120 Titel sind dort bibliographiert. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs – vielleicht aber auch das Sahnehäubchen.

In der nächsten Meldung also das erste Kapitel als Einleitung. Viel Anregung, wenns sein muß Aufregung, wenns geht Vergnügen wünscht L&Poe.

70. Samsons Horrorjahr

Herta Müller und Horst Samson gehörten beide von 1981 bis 1984 dem Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis Temeswar an, der mit sozialkritischer Literatur die Verhältnisse ändern wollte. Beide wurden sie aus diesem Grund vom rumänischen Geheimdienst Securitate als staatsfeindlich angesehen, verfolgt und bedroht. Beide verließen 1987 das Land Richtung Westdeutschland. Sie sind heute noch miteinander befreundet. Samson wollte das Land nicht verlassen. „Ich habe immer gesagt, ich bin der Letzte, der hier das Licht ausmacht. Aber dann kam die Angst, dass die einem das Licht ausblasen“, erzählt der 55-Jährige Vater eines Sohnes. 1986 nennt er sein „Horrorjahr“. Ein anonymer Anrufer sprach davon, ihm einen Nagel in den Kopf schlagen zu wollen. Der Sicherheitsdienst machte dem Schriftsteller und Journalisten schließlich klar: „Entweder bringen sie mich um oder ich emigriere“, sagt Samson. …

1984 löste sich der Literaturkreis selbst auf – aus Protest, weil die Lesung des westdeutschen Autors Günther Herburger verboten wurde, wie Samson erzählt. „Das war ein Paukenschlag.“ Denn: „Die Securitate wollte den Kreis haben als Propaganda für die Minderheitenpolitik Ceausescus, aber eben keinen kritischen.“ Mit dieser Aktion habe der Kreis die Propagandamaschinerie unterhöhlt, so Samson. Doch die Securitate trieb weiter Keile in die Freundschaft der Schriftsteller, spielte den einen gegen den anderen aus. „In meiner Akte steht, dass sie mich erfolgreich isoliert hätten und ihre Diversionsarbeit voll zum Zuge gekommen sei“, erzählt Samson.

Die Akte über ihn füllt 870 Seiten. Vor deren Inhalt hatte sich Samson gefürchtet, vergangenes Jahr wagte er den Blick hinein. Dass er als Staatsfeind angesehen wurde, überraschte ihn wenig, dass er aber unter anderem wegen seiner Beziehung zum Goethe-Institut als westdeutscher Spion galt, sehr. „Da habe ich an den Stasi-Ausspruch gedacht, dass Spione erschossen werden.“ Heiß sei ihm geworden, als ihm diese Dimension bewusst wurde. Samson durchblättert die Kopien der Akte, die Berichte eines „Voicu“. Beim Studieren der Akte habe Samson erkannt, dass unter diesem Decknamen ein Freund aus dem Literaturkreis, mit dem er noch in losem Kontakt stand, ihn beschattet hatte. „Das hat mir die Tränen in die Augen getrieben.“ …

Auch wenn er sich mit seinen Gedichten eine Reihe von Preisen erschrieben hat, sein „Broterwerb“ war und ist der Journalismus. Samson schreibt etwa 15 bis 20 Gedichte im Jahr. / Tina Full-Euler, FR 10.12.

69. Zugluft Europas

Am Freitag, dem 11. Dezember, liest Olga Martynova in Frankfurt/M. aus ihrem neuen Gedichtband In der Zugluft Europas.

Bezüge zu historischen und mythologischen Themen zeichnen die Lyrik Olga Martynovas aus. Sie besingt die Städte und Länder Europas und verknotet diese immer wieder mit kritischen Beobachtungen historischer Hinterlassenschaften: „So seltsam, in der Zugluft Europas zu stehn, / Die Spalten in diesem Raum dichtet niemand zu.“

Geprägt von einer Lebenssituation zwischen zwei Ländern und Sprachen wird die Fremdheit ihres Blickes und das damit verbundene „Befremdetsein“ zwischen den Zeilen offenbar: Bildkräftige und selbstreflexive Gebilde fügen sich zu einem eigenwilligen Gemenge aus faszinierten und faszinierenden Beobachtungen zusammen und lassen ihre Gedichte nicht selten märchenhaft erscheinen.

Olga Martynova, geboren 1962 in Dudinka (Sibirien), lebt seit 1991  in Frankfurt/Main. Ihre Gedichte verfasst Martynova auf Russisch, übersetzt diese aber teilweise selbst.

In der Zugluft Europas (Wunderhorn, 2009).

Literaturforum im Dritten
Freitag, 11. Dezember 2009, 20 Uhr
Eintritt: 6,-/3,-

/ Kulturkurier

68. „I am: yet what I am none cares or knows“

I Am

I am: yet what I am none cares or knows,
My friends forsake me like a memory lost;
I am the self-consumer of my woes,
They rise and vanish in oblivious host,
Like shades in love and death’s oblivion lost;
And yet I am! and live with shadows tost

Into the nothingness of scorn and noise,
Into the living sea of waking dreams,
Where there is neither sense of life nor joys,
But the vast shipwreck of my life’s esteems;
And e’en the dearest–that I loved the best–
Are strange–nay, rather stranger than the rest.

I long for scenes where man has never trod;
A place where woman never smil’d or wept;
There to abide with my creator, God,
And sleep as I in childhood sweetly slept:
Untroubling and untroubled where I lie;
The grass below–above the vaulted sky.

John Clare schrieb dieses Gedicht in einer „Irrenanstalt“, einem Madhouse, in dem er 19 Jahre seines Lebens verbrachte.

Kaum glaublich aber wahr: In meiner langjährigen Lieblingsanthologie, Palgrave’s Golden Treasury (erschienen zuerst 1861, dann unzählige Male seit 1907 „with additional poems“, besonders häufig während des Krieges 1914-18, wo insgesamt 9 Auflagen erschienen, zwei- und dreimal pro Jahr) fehlt dieses Gedicht, das heute wohl sein bekanntestes ist. Ja der Autor fehlt ganz: obwohl seine Generationsgefährten Byron, Keats und Shelley ebenso drin sind wie die jüngeren Browning, Tennyson, FitzGerald (Rubaiyat!) und noch die viel jüngeren Hopkins, Housman, Swinburne, Whitman – dieser freilich nur mit dem schwachen „O Captain, my captain“ auf den Tod Lincolns – und noch Yeats und Sassoon. Aber es fehlt auch John Donne! Auch Blake! Der Geschmack änderte sich erst mählich. Erst in der erstmals 1924 erscheinenden Anthologie „Golden Treasury of Modern Lyrics“ ist Clare dabei – als ältester Autor mit Jahrgang 1793, genau 100 Jahre vor Wilfred Owen, dessen „Anthem for Doomed Youth“ drin steht. Aber nicht „I am“ ist darin, sondern – zunächst, sage ich – drei Gedichte auf Natur und Landleben. Die beklemmend genaue Selbsterkenntnis eines Irren paßte wohl noch nicht ganz ins Bild. Haltbare, präzise und atemberaubend schöne Zeilen und Gedichte! Ist es nicht an der Zeit, den „verrückten Bauerndichter“ auch für Deutschland zu entdecken? Die vierbändige Anthologie „Englische und amerikanische Dichtung“ (von Koppenfels/ Pfister) bringt 5 Gedichte von Clare, darunter auch dieses. Die Übersetzung Manfred Pfisters ist achtbar, überträgt aber den klassisch-knappen fünfhebigen in fünf- bis siebenhebigen Jambus, was die Präzision abtötet, buchstäblich ab der ersten Zeile:

Ich bin – doch was, weiß niemand, kümmert keinen.

[Die Schlußformel schon zerstört alles in dem durch Pause mittig unterbrochenen Siebensilbler! None cares or knows! Vier Trommelschläge, Schluß! Ebenso, wenn die vierte Zeile zum Alexandriner wird, „Sie heben sich und gehn, wohin Vergessen führt“ ist nicht „into oblivion’s host“, immer wird aus direktem indirektes, „poetisches“ Sagen. Dichter mit den mehrsilbigen lateinischstämmigen Wörtern sind eben leichter zu übersetzen als „Bauerndichter“ mit ihren Einsilblern!]

1860 schrieb ein Lyrikliebhaber einen Brief an den Leiter der Nervenklinik, um sich nach dem Befinden des Naturdichters John Clare zu erkundigen (der, ein echter Landarbeiter und Autodidakt, 1820 mit „Poems Descriptive of Rural Life and Scenery*“ in die Literatur trat, aber von den Berufsdichtern und -liebhabern bald vergessen wurde). Clare, damals 66, schrieb ihm:

March 8th 1860
Dear Sir
I am in a Madhouse & quite forget your Name or who you are you must excuse me for I have nothing to commu[n]icate or tell of & why I am shutup I dont know I have nothing to say so I conclude
yours respectfully

John Clare

(Hölderlin, in ähnlichem Status, war knapp 17 Jahre vorher gestorben)

Hier noch ein Abschiedsgedicht Clares:

Farewell

Farewell to the bushy clump close to the river
And the flags where the butter-bump hides in forever;
Farewell to the weedy nook, hemmed in by waters;
Farewell to the miller’s brook and his three bonny daughters;
Farewell to them all while in prison I lie–
In the prison a thrall sees naught but the sky.

Shut out are the green fields and birds in the bushes;
In the prison yard nothing builds, blackbirds or thrushes.
Farewell to the old mill and dash of waters,
To the miller and, dearer still, to his three bonny daughters.

In the nook, the larger burdock grows near the green willow;
In the flood, round the moor-cock dashes under the billow;
To the old mill farewell, to the lock, pens, and waters,
To the miller himsel‘, and his three bonny daughters.

In L&Poe:

2003    Okt    #    3 000 Gedichte
2003    Dez    #    The poetry and madness of John Clare
2004    Jan    #    Genauigkeit, schockierende Klarheit (Weiter mit John Clare)
2004    Feb    #40.    Mad John Clare sings the Blues
2005    Mrz    #96.    Plazierungen
2005    Mrz    #98.    Über die Rehabilitierung des verrückten „Bauerndichters“
2006    Okt    #74.    Clares Leier
2007    Jun    #44.    Sex is a Nazi
2009    Jun    #66.    In Bienen

*) Das Buch kann man hier als pdf oder in anderen Formaten herunterladen oder online lesen. Es gibt zumindest für den englischsprachigen Bereich fast alles! Was bisher nur sehr betuchte Kunden von Antiquaren lesen konnten, die Erstausgaben der alten Dichter, kann im Moment jeder in seinem Wohnzimmer kostenlos lesen. Aber man muß zugreifen, bevor es Google gelingt, eine Bezahllösung durchzusetzen – die arbeiten ganz sicher daran!

67. Dilip Chitre gestorben

Der bekannte indische Schriftsteller, Kritiker, Künstler und Filmemacher Dilip Chitre starb heute im Alter von 71 Jahren in Pune. Er war einer der führenden Dichter der Ära nach der Unabhängigkeit des Landes. Er schrieb Englisch und Marathi. Zusammen mit Arun Kolatkar war er ein Pionier der modernen indischen Dichtung in englischer Sprache. In den 60er Jahren war er einer der Akteure der „Bewegung der kleinen Zeitschriften“.

Seine wichtigste Übersetzungsleistung war ‘Sagt Tuka’, eine Übersetzung der Abhangas (Erbauungsgedichte) des im 17. Jahrhundert wirkenden Marathidichters Tukaram. / The Hindu 10.12.

In L&Poe:

2001    Jun    #    Etwas anders als das (große) deutsche Feuilleton
2006    Aug    #94.    «Der Banyanbaum»,
2007    Mrz    #55.    Alte und neue indische Dichtung
2007    Mai    #98.    Straßenkampf-Dichter
2007    Sep    #10.    Namdeo Dhasal – Dichter der Unterwelt

66. Geoutet

Der Rumäniendeutsche Werner Söllner, mit hohen Auszeichnungen geehrter Lyriker und derzeit Leiter des hessischen Literaturforums in Frankfurt, hat in München sein Schweigen gebrochen: Er war Spitzel des gefürchteten rumänischen Geheimdienstes Securitate.

Ähnlich wie die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hatte Werner Söllner in den 80er Jahren die rumänische Diktatur verlassen können. Während Herta Müller sich dem Geheimdienst Securitate verweigerte – in ihrer Nobelpreisrede berichtete sie davon – waren andere weniger standhaft. Während einer Tagung des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas in München hat sich Werner Söllner als Zuträger und Spitzel geoutet.

„Der erste Anwerbeversuch erfolgte 1971“, berichtet FAZ-online am 10.12.2009. „Söllner hatte im Jahr zuvor das Studium in Klausenburg aufgenommen, 1973 wurde er Redakteur der Studentenzeitschrift ‚Echinox‘, in der viele junge Regimegegner publizierten. Beim zweiten Versuch schickte die Securitate zwei Offiziere, die Söllner Pläne zur Flucht in den Westen unterstellten und mit Exmatrikulation drohten.“

Zunächst habe er Geheimdienstoffizieren seine eigenen Texte und Gedichte erläutern müssen, erklärte Söllner. Aber dann wollte die gefürchtete „Securitate“ mehr: Söllner musste als Informant „Walter“ Gedichte und Prosatexte anderer Schriftsteller deuten und die darin enthaltenen Anspielungen erklären.

„Ich bin jemand, der sich nicht ausreichend zur Wehr setzen konnte. Das kann ich mir bis heute nicht nachsehen“, sagte Söller. Er habe sich nach langer Überlegung zu einer öffentlichen Erklärung entschlossen, nachdem ihn der Autor Richard Wagner vor einem Jahr angesprochen hatte. Wagner, der frühere Ehemann Herta Müllers, hatte Informationen seiner inzwischen veröffentlichten Securitate-Akte mit Söllner in Verbindung gebracht. Söller weist allerdings den Vorwurf, er habe Herta Müller bespitzelt, zurück. Dies hatte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtet. / HR 10.12.

[Schön, schön skurril: ein Geheimdienst läßt sich Literatur erklären!]

Im Sommer tauchte der Informant Walter zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder auf. In den siebziger Jahren hatte er Freunde und Kollegen in Rumänien bespitzelt, nicht freiwillig, aber auch nicht ohne Eifer. Wohl niemand hatte ihn je verdächtigt, nicht in Klausenburg und Temeswar, und auch später nicht, als fast alle deutschen Schriftsteller Rumäniens im Westen lebten. Aber dann erhielt Herta Müller im letzten Frühjahr endlich ihre Akte, drei Bände mit 914 Seiten, und nach der Lektüre sah sie nicht nur Teile ihrer Vergangenheit, sondern auch ihre neue Heimat mit anderen Augen: Deutschland, so schrieb sie im Juli in der „Zeit“, sei „ein gemütliches Reservat für Securitate-Spitzel“, die man nun, nach der zehn Jahre lang verweigerten Akteneinsicht, auch identifizieren könne. Dann folgten Decknamen: „Sorin, Voicu, Gruia, Marin, Walter, Matei.“ Spätestens in diesem Moment musste IM Walter wissen, dass seine Freunde ihn durchschaut hatten. / Hubert Spiegel, Faz.net 10.12.

65. Schöner als Beten

Heute wird Herta Müller der Preis in Stockholm überreicht. Ein Gespräch über die Grundlagen ihres Schreibens führte RUTHARD STÄBLEIN, taz 9.12.:

Gibt es eine Zuflucht in der Literatur? Kann Literatur die Angst bewältigen helfen?

Ich kann nur für mich sprechen. Ich hatte immer meine Gedichte, die ich mir aufsagen konnte. Sogar beim Verhör. Es ist wie das Singen im Lager. Das wird nicht schal. Man kann sich auf gegebene Formen verlassen, sich anlehnen. Es ist eine Art, ich habe das öfter gedacht, es ist eine Art zu beten, für Leute, die nicht an Gott glauben. Und es ist eine schönere Art als das Beten. Es verlangt mehr Individualität als das Beten. Es ist nicht so mechanisch. Bis heute schreibe ich mir Sätze aus Büchern heraus, die mir Halt geben. Die Angst ist eine gute Ästhetikkennerin. Die Angst kann man nur mit literarisch starken Texten bändigen. Flache oder klischeehafte Texte können das nicht leisten.

64. Werwolf Sutra

Im Westen ist er durch seine luziden Essays und lebensprallen Romane bekannt geworden, doch in seiner ukrainischen Heimat gilt Juri Andruchowytsch in erster Linie als Lyriker: Verfasser von fünf Gedichtbänden und Mitbegründer der literarischen Performance-Gruppe Bu-Ba-Bu, die dem poetischen Wort wirkungsstark, nicht selten mit musikalischer Begleitung, zum Auftritt verhilft.

Einen Eindruck von Andruchowytschs songhaften Versen vermittelt der deutsche Auswahlband «Werwolf Sutra», der Gedichte aus den Bänden «Exotische Vögel und Pflanzen» (1985 bis 1990) und «Lieder für den toten Hahn» (1999 bis 2004) vereinigt. In gereimten Strophen oder in rhythmisiertem Parlando-Ton erzählen sie von Liebe und Reisen, vom Studentenleben und von seinen Exzessen, vom Alltag und von der Stadt Lemberg, von ferner Geschichte und Momenten schmerzlicher Gegenwart – sinnlich, sentimental, sarkastisch, melancholisch. / Ilma Rakusa, NZZ 8.12.

Juri Andruchowytsch: Werwolf Sutra. Gedichte. Deutsch von Stefaniya Ptashnyk, unter Mitwirkung von Isolde Baumgärtner, Michael Donhauser, Anna Halja Horbatsch, Olaf Kühl, Joachim Sartorius, Sabine Stöhr, Hans Thill, Anja Utler. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2009. 89 S., Fr. 30.90.

63. Infierno Musical

Und auch Christof Kurzmann hat nun von elektronischen Ansätzen zur melodischen Linie und zur Songform zurückgefunden.

Im Rahmen seines Projekts „El Infierno Musical“, das der Wiener Multiinstrumentalist im Konzerthaus im Rahmen der Im-Loth-Reihe präsentierte, sind es Gedichte der jung verstorbenen argentinischen Dichterin Alejandra Pizarnik, die in fragilem Sprechgesang deklamiert werden. / Andreas Felber, DER STANDARD 10.12.