30. Biographien

In der FR vom 5.2. porträtiert Claus-Jürgen Göpfert den Lyriker Harry Oberländer, der seinen Freund Werner Söllner an der Spitze des Hessischen Literaturforums ablöste.

Mit Joschka Fischer buddelte er im Keller eines Hauses an der Jordanstraße, um mehr Raum zu schaffen für die legendäre Karl-Marx-Buchhandlung. Und als Fischer gegenüber das Karl-Marx-Antiquariat eröffnete, war Oberländer auch dabei: „Zwei Monate lang habe ich dort verkauft – Belletristik hatten wir wenig, dafür viel Gesellschaftstheorie.“ Bei der beließ es der Lyrikfreund aber nicht: Er arbeitete bei Opel in Rüsselsheim, wie andere Mitglieder der Gruppe „Revolutionärer Kampf“.

Er weiß, wie sich Biografien damals gabelten: Einige gingen in den Untergrund, landeten im Terrorismus. „Da war ich resistent“, sagt Oberländer: „Ich hielt es immer für idiotisch, was die machten.“ Schon das „Komitee gegen Folter“, das sich damals am Main gründete, schreckte ihn: „Eine absolut stalinistische Angelegenheit, wie die SED in den 50ern.“ Er entschied sich für die Bücher und das Schreiben. 1985 gründete er „in einem Dachkämmerchen am Opernplatz“ zusammen mit dem Schriftsteller Paulus Böhmer das Hessische Literaturbüro, aus dem das Literaturforum hervorging.

29. Lyrik ist freier

Nirgendwo in China ist die Sehnsucht nach einer unverwechselbaren Sprache ausgeprägter als in der Gegenwartslyrik. In der chinesischen Öffentlichkeit freilich spielt sie allenfalls eine marginale Rolle. Womöglich ist es aber gerade die geringe Publikumsresonanz, die die Leidenschaft, mit der die poetische Spracharbeit betrieben wird, steigert. Immerhin bleibt man so unterhalb der Reizschwelle der Zensur und muss nicht auf Leser- und Verlagserwartungen schielen. In ihrer von niedrigen Buchauflagen und Veröffentlichungen in avantgardistischen Zeitschriften geprägten Nischenexistenz kann die Gegenwartslyrik nahezu beliebig experimentieren und auch Tabuthemen wie Sexualität oder die Aufarbeitung der traumatischen Vergangenheit angehen. Kurz: Im chinesischen Kulturbetrieb geniesst die Lyrik momentan den grössten Freiraum. …

Mustergültig veranschaulicht dies das «vielleicht berühmteste Gedicht der Volksrepublik China» (Wolfgang Kubin), nämlich Bei Daos «Die Antwort». Auf die verzweifelte Frage: «Die Eiszeit ist längst vorbei, / Warum herrscht noch überall das Eis?» antwortet ein selbstgewisses Ich: «Ich sage dir, Welt, / ich – glaube – nicht!» …

Um die Poesie vor jeglicher Instrumentalisierung zu bewahren, versucht die sogenannte «dritte Generation» (in Abgrenzung von der Aufbaugeneration und den hermetischen Lyrikern) sich ästhetisch und thematisch grundlegend neu zu erfinden. Paradigmatisch gelingt dies Haizi (1964–1989) mit seiner gleichsam persönlichen Mythologie. / Li Shuangzhi und Michael Ostheimer, NZZ 6.2.

Wolfgang Kubin und Tang Xiaodu (Hg.): Alles versteht sich auf Verrat. Gedichte von Haizi, Xi Chuan, Yu Jian, Ouyang Jianghe, Wang Jiaxin, Wang Xiaoni, Zhai Yongming und Chen Dongdong. Aus dem Chinesischen übertragen von Gao Hong und Wolfgang Kubin. Weidle-Verlag, Bonn 2009. 194 S., Fr. 36.50.

28. „Asien ist weiter“

Eine der streitbarsten und kreativsten Szenen im Internet bilden die Lyriker. Junge Internetlyrik, Poesiefestivals und Spoken-Word-Performer schaukeln sich derzeit gegenseitig hoch. Die Audioplattform Lyrikline machts seit zehn Jahren vor: Hier sind über 5600 Gedichte von 615 Dichtern aus 50 Sprachen hörbar. Lyrik experimentiert. Sogar der Kurznachrichtendienst Twitter suchte im Wettbewerb 2009 nach neuer Lyrik mit 140 Zeichen und netzspezifischen Themen und Formen.

Im Internet steht es jedem frei, sein Werk zu veröffentlichen. Die Chance, gelesen zu werden, ist gering.

Asien ist weiter. Auf der chinesischen Onlineplattform Shanda Literature schreiben rund 800000 Amateurautoren; weil Millionen Leser dafür winzige Summen bezahlen, haben die Schreibstars ein Einkommen.

/ Christine Richard, a-z.ch

27. Technik

In der Literatur wird ihr oft mißtraut. In der Musik geht das kaum. Interessante Passagen über Techniken (und Bedeutung und Wesen) in Erinnerungen und Notizen des Komponisten Rudolf Wagner-Régeny (1903-1969), die in der DDR nicht gedruckt werden konnten (und in der Bundesrepublik nach der Übersiedlung seines Schülers Tilo Medek 1977 im Gefolge der Biermannaffäre auch erst jetzt: in Sinn und Form 1/2010):

2.2. 1963 Tschaikowski soll die Taktstriche erst eingezeichnet haben, nachdem alle Stimmen der Partitur ausgeführt waren.

Es zeugt davon, daß er den Fluß konzipierte, um ihn später in ein Bett zu setzen. Orff, der mich in den dreißiger Jahren oft besuchte, zeigte mir immer leere Partiturseiten, auf denen nur Taktstriche zu sehen waren. In dieser Schreibweise zeigt sich, daß er rhythmisch-metrisch dachte, bevor er diese Einteilungen mit Stimmen füllte.

23.2. 1963 Unsere Töne bedeuten nicht etwas (was zu erraten wäre). Sie sind das, was sie bedeuten.

Hinter dem Tongebilde verbirgt sich nicht. Mit ihrem KLingen treten sie in Raum und Zeit. Wie ein jeder Körper der Dingwelt leben sie so lange, wie ihr Schein und Sein zusammenfallen. Tritt die Identität auseinander, ist das Ereignis gewesen. (Es west nicht mehr.)

29.1. 1965

Die alten Griechen bilden den Leib aus.

Das Mittelalter die Seele des Menschen.

Die Neuzeit den Geist.

In der Musik bildet sich zuerst das Melodische  (800), dann das Harmonische (horizontal, wie vertikal) (15./16. Jhdt.), zuletzt der Rhythmus (20. Jhdt.)

(S. 115f, 117, 119)

26. Elektropoetologie

Kein Dichter wirbt augenblicklich entschiedener für eine Wiedervereinigung von Naturwissenschaft und Poesie als Raoul Schrott. Erst seit Galilei und Newton, so meint er, habe das nüchtern prosaische Denken binärer Logik, widerspruchsloser Kausalität und beengender Systeme die gemeinsame Basis der „zwei Kulturen“ verschüttet. In Wirklichkeit beziehen beide aber aus dem Geist des Impliziten, Paradoxen, Bildlichen, Imaginären ihre entscheidenden Impulse. Beide Deutungssysteme beruhen letztlich auf Verfahren der Analogie. Nicht erst die Quantentheorie verdeutlicht die Produktivität von Widersprüchen, Licht etwa zugleich als Welle und Teilchen zu betrachten. Was die Natur wirklich ist – so zitiert Schrott gern Niels Bohr –, kann die Wissenschaft nicht herausfinden, sondern nur, „was wir über sie sagen können“.

Ohne Schrott zu erwähnen, verfolgt der Zürcher Literaturwissenschaftler Michael Gamper in einem ungeheuer gescheiten Buch die gleiche Denkfigur aus historischer Perspektive. / Alexander Košenina, FAZ 4.2.

Michael Gamper: „Elektropoetologie. Fiktionen der Elektrizität 1740–1870“. Wallstein Verlag, Göttingen 2009. 332 S., geb., 29,90 €.

25. Tagebuch

Dichterin Sarah Kirsch öffnet ihre Tagebücher der 80er Jahre – Geboten werden Notate vom Leben auf dem Lande – Manchmal läuft Neufundländer Robert durchs Bild / Christian Eger, Mitteldeutsche Zeitung

24. Dialekt

Der älteste nachgewiesene literarische Text in Frankfurter Mundart datiert um 1730: Christian Friedrich Henrici alias Picander druckte ein angeblich von einem Schweden mitgeteiltes Gedicht in der als fremd empfundenen Sprache ab. / Mehr bei DA-im-Netz

23. Verboten

Die chinesischen Behörden verweigern dem Autor Liao Yiwu die Ausreise zur Teilname am Literaturfestival in Köln. Die Polizei habe ihn darüber informiert, dass er auf einer Liste von Personen stehe, die nicht ins Ausland reisen dürften, sagte Liao der Deutschen Presse-Agentur. Der 50-jährige Dichter und Romancier durfte schon im Herbst nicht zur Frankfurter Buchmesse und nach Berlin reisen. / Deutsche Welle

22. Bisher groesster strafantrag gegen kuenstler helmut seethaler

WIENER
MUSEUMSQUARTIER
Verklagt ihn wegen

Schwerer
Sachbeschaedigung
Durch

Beschreibung des
Gehsteigs
Mit gedichten
VORM MQ

Zu 3 900 Schadensersatz:

MQ will den gehsteig
Auswechseln!

Dabei sind die gedichte laengst
fast ganz verwittert
Und nur mehr schwach lesbar.

Oeffentliche
Hauptverhandlung

Do. 18.2.
– 11 uhr
Landesgericht
8. Wickenburgg.22
Saal 101 /1.Stock

Info:

0043 1 330 37 01

0664 11 24 232

hseethaler@gmx.at

http://www.hoffnung.at

Aktuelles auf seinen facebook-seiten
..
Es drohen ihm bis zu
EIN JAHR HAFT

Und Schadenersatz
Sowie Kosten der gerichte
..
Ermutigungen und
1 promill-beteiligungen an eingeklagter schadenssumme und
Der Gerichtskosten
Bitte auf
PSK 7 975 059
Blz. 60 000


Bisher gab es 3 350 anzeigen in 35 jahren gegen seethalers gedichte-verbreitungen…

21. Migros-Kulturprozent fördert auch Lyrik in der Westschweiz

Seit diesem Jahr unterstützt das Migros-Kulturprozent Lyrikprojekte auch in der Westschweiz. Diese in unserem Land einmalige Förderung wurde 2006 in der Deutschschweiz lanciert, wie die Direktion Kultur und Soziales des Migros-Genossenschafts-Bundes MGB am Mittwoch bekannt gibt. Die Unterstützung des Lyrikschaffens findet durch Beiträge an Publikationen, Audio-CDs und Veranstaltungen statt. Qualitativ überzeugende Lyrikbände und -Audio-CDs von zeitgenössischen französischsprachigen Schweizer Autorinnen und Autoren erhalten einen Produktionsbeitrag sowie einen Beitrag als Autorenhonorar. / Klein Report 4.2.

20. Weg nach Babel

Die Übersetzung ist ein Schreiblabor, lese ich in der Annotation eines wissenschaftlichen Buches über Übersetzung im französischen Mittelalter, und:

Die französische Sprache erweist sich als riesige Pyramide in ständigem Aufbau, ein Gewebe von Kultur und Träumen, ein Gedicht, ein Wettlauf von Menschen und Idealen – und Ideen –, ein Kontinuum des Machens und des Machenkönnens auf dem Weg nach Babel. / fabula

Giovanni Dotoli, Traduire en français du Moyen Âge
Préface d’Alain Rey
Paris : hermann, coll. „Savoir Lettres“, 2010? 522 p.
ISBN : 978 27056 6981 2
Prix : 35 €

19. Wortwedding

Eine wahre Fundgrube die Zeitung. Noch mal aus dem Tagesspiegel:

Vielleicht werden einmal Gedichte in der Tankstelle an der Prinzenallee hängen. Ausgesucht sind sie jedenfalls schon einmal. Nicola Caroli war eines Tages in die Tankstelle marschiert, hatte sie den jungen Mitarbeitern unter die Nase gehalten. Zuvor hatte sie mit dem sich sträubenden Besitzer noch gewettet. „Wetten, dass ihre Jungs mitmachen werden“, sagte sie siegessicher. Denn Nicola Caroli wettet nur, wenn sie weiß, dass sie gewinnt. Der Tankstellenbetreiber grummelte. Jetzt wird er Teil des „Printemps des Poètes“, eines Lyrikprojekts, das in diesem Jahr im Wedding stattfinden wird. Wenige Meter von der Tankstelle entfernt hat Nicola Caroli ihren Laden „Wortwedding“ eingerichtet. / Anna Pataczek, Tagesspiegel 4.2.

Noch ein Ausriß aus dem Artikel:

Die japanische Künstlerin Maki Shimizu stellt Reime aus, wie „Ruhig blöd. Ruhig Blut.“ Sie schreibt mit Tusche auf lose Blätter und hängt sie an die Wand.

18. Verbieten

Kaum war Ruhe, geht er von vorne los: der Streit ums Geld, das Deutsche vor ihrem Fiskus in der Schweiz verstecken. Dabei wird gedroht, beleidigt, geschmäht. Das freut vor allem die Rechtspopulisten, die nach den Minaretten nun am liebsten die Deutschen verbieten wollen. / Tagesspiegel 4.2.

(Ists auch nicht Lyrik…)

17. Falsche Freunde

Rolf Dieter Brinkmann und Ralf Rainer Rygulla experimentierten in den sechziger Jahren mit Oberflächenübersetzungen: Übertragungen von Texten rein nach ihrem Klang und ohne Kenntnis der Originalsprache – so wurde etwa aus Appollinaires „La jolie rousse“, also „Die hübsche Rothaarige“, im Deutschen „Der joviale Russe“.

Aus diesem Geiste kommt auch Uljana Wolfs Wörterbuch „für falsche freunde“. Der Klangreichtum aus Alliterationen und Binnenreimen, der genau komponierte Rhythmus machen die Texte zu verführerischen Miniaturen. Gleichzeitig öffnen sich durch das Falschverstehen und Wörtlichnehmen, durch die Verschiebung von Redensarten und die Vermischung von Sprachen neue Assoziationsräume. …

„Falsche Freunde“ ist ein kunstvolles Spiel mit den Fallstricken der Sprache. Man kann sich darin spielend verheddern – oder innehalten und andere, zweite Wahrheiten entdecken./ Ulrich Rüdenauer, Tagesspiegel 4.2.

Uljana Wolf:
falsche freunde.
Gedichte. kookbooks Verlag. Idstein 2009. 88 Seiten, 19,90 €.

16. Meine Anthologie: Fremdartig

Orhan Veli Kanık

Quantitativ


Ich liebe schöne Frauen.
Ich liebe auch die Arbeiterinnen.
Die schönen Arbeiterinnen
Liebe ich noch mehr.


Quantitatif


Güzel kadınları severim,
İşçi kadınları da severim.
Güzel işçi kadınları
Daha çok severim.

In: Orhan Veli Kanık: Fremdartig / Garip. Gedichte in zwei Sprachen. Deutsch von Yüksel Pazarkaya. Frankfurt/ M.: Dağyeli 1985, S. 38/39.

Ich kann auf Türkisch nur radebrechend „ikí espresso“ bestellen, zwei Espresso. Aber die Übersetzung scheint wenig befriedigend. Die Sprachen sind zu wenig kongruent. Im türkischen Original herrscht eine hör- und sichtbare Struktur. 3 / 4 / 3 / 3 Wörter pro Zeile, unter den 13 Wörtern je dreimal kadınları und severim, je zweimal güzel und işçi. Metrum und Reim sind so nichts Äußeres, sondern ergeben sich von allein aus der Wortfolge. Rainer Kirsch hat einmal vorgeschlagen, chinesische Gedichte nicht in zweitklassige romantisch-deutsche zu übertragen, sondern die Verse dem Chinesischen numerisch und in der geringeren Determiniertheit nachzubilden, also zB in einem klassischen Gedicht im Idealfall je fünf unflektierte und kaum verbundene Wörter pro Zeile:

Bett vor hell Mond Glanz (Li Bai) (5 Wörter / 5 Silben)

statt:

Vor meinem Bette / ich Mondschein seh (A. Forke) (6 / 9)

In fremdem Lande lag ich. Weißen Glanz / Malte der Mond auf meine Lagerstätte (Hans Bethge) (13 / 21)

Vor meinem Bette heller Mondenglanz (Otto Hauser) (5 / 10)

Mondlicht sah ich vor meinem Lager (Hans Schiebelhuth) (6 / 9)

Man solle einmal eine ganze Sammlung solcher Rohübersetzungen drucken, schlug Kirsch vor. Vielleicht fände sich irgendwann jemand, der damit etwas anfangen könnte.

Das hat, soweit ich sah, keiner gemacht. Vielleicht nicht nur an kaufmännischem Kalkül scheiternd, sondern gar mehr noch an der Arroganz der Fachleute? Könnte ich mir denken. (Ich verrate ein Geheimnis der Wissenschaft: die die Dinge verstehen und uns erklären, mögen das Selberdenken der Amateure garnicht.)

Für unser Gedicht versuche ich Analoges:

Schöne Frauen lieb-ich,
Arbeiter Frauen auch lieb-ich.
Schöne Arbeiter Frauen
Mehr noch lieb-ich.

Das ist verständlich, für meinen Geschmack auch poetisch. Es ist fremdartig, klar: schließlich stammt es aus der Türkei (und sogar aus einem Gedichtband, der ebenden Titel trägt).

(Gibt es in der nahen Ferne des WWW Liebhaber türkischer Poesie, die mir ihre Lieblingszeile oder Strophe so – erklären?)