Wenige Tage vor Weihnachten 2009 hat das Banat seinen Volksdichter verloren. Wie soll man ihn nennen? Er wurde Stefan Heinz getauft. Dann hieß er aber auch Hans Kehrer oder Vedder Matz. Ein langes, ereignisreiches, durch unermüdliche Arbeit geprägtes Leben hat ein Ende gefunden. / Siebenbürgische Zeitung
Bei peter-hacks.de schreibt ein anonymer Blogger:
Kalte Konserve
StO
am 24/01/2010
in Tagesmeldungen
.
Der Artikel ist fast drei Jahre alt und taucht nun noch einmal in dem Blog Lyrikzeitung auf. Stephan Wackwitz schrieb in dem Magazin Literaturen über Peter Hacks und kanzelte seine Dichtung als „preußisch-sozialistischen Staatsrokoko“ ab:
Der kommunistische Schriftsteller Peter Hacks hat seine geniale Lyrik, seine anregend skurrilen Essays und seine leider sterbenslangweiligen Dramen zeitlebens unter dem Einfluss eines narzisstischen Phantasmas geschrieben: Er war heimgesucht von der Vorstellung, der Molière oder Goethe des ersten sozialistischen Staates zu sein. Diese phantasmatische Identifikation mit der deutschen oder der französischen Klassik findet sich als (meist ironisch-kokette) Anspielung überall dicht unter der Oberfläche seines Werks und der zahlreichen darin verstreuten Selbstdeutungen.
Der Blogger ohne Namen fragt nun, ob man das vielleicht auch umgekehrt sehen könne: geniale Dramen, überschätzte Lyrik? – und wartet auf eine Antwort.
Gut, ich warte nicht länger auf eine Antwort und geb sie selber, gern auch unter meinem Namen. Der Artikel von Stephan Wackwitz war von 2007 (meine Kommentar-Frage von 2010). Hier eine L&Poe-Meldung vom März 2003:
Hacks über Hacks (Wem gehört die Lyrik)
Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gehört einfach Thomas Mann und Brecht. Thomas Mann gehört die Prosa und Brecht das Drama und die Lyrik.
Was ich Ihnen als Vermutung anbiete, ist, daß die zweite Hälfte Arno Schmidt und mir gehört. Arno Schmidt für Prosa, mir für Dramatik und die Lyrik. Das sage ich mit dem Vorbehalt eines Menschen, der wirklich weiß, daß dies eine Art von Urteilen ist, die eigentlich nicht fällbar sind. Aber ich kann ja nicht so tun, als hätte ich kein Urteil. / junge Welt 21.3.
Peter Hacks wird heute 75. Er hat schöne und gute Sachen geschrieben – törichte auch. Man soll seine (auch seine) Texte nicht für seine Meinungen haftbar machen. Der Untergang des Sozialismus scheint ihm irgendwie als die logische Konsequenz einer Verschwörung gegen Hacks (oder umgekehrt). L&P gratuliert. …
Zu seinem Geburtstag erschien ein Band mit Beiträgen von Klaus Ensikat, Eberhard Esche, Georg Fülberth, Hermann Kant, Rainer Kirsch, Wolfgang Kohlhaase, Sahra Wagenknecht etc. pp.
André Thiele (Hrsg.): In den Trümmern ohne Gnade. Festschrift für Peter Hacks. Eulenspiegel Verlag, Berlin 2003, 256 Seiten, 14,90 Euro
Das war vor fast sieben Jahren. Inzwischen scheint sich Hacksens Selbsturteil durchgesetzt zu haben. Immer öfter liest und hört man von dem großen oder genialen Lyriker Peter Hacks, so auch bei Wackwitz. Und stimmt es? Nein, ich halte beide Seiten des Urteils für falsch. Ob Hacks ein sterbenslangweiliger Dramatiker ist? Ich habe etliche Aufführungen gesehen und mehr Stücke gelesen, wenn auch nicht alle. Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe sterbenslangweilig? Moritz Tassow Staatsrokoko? Ach, das ist nichts als ein Klischee.
Und seine Lyrik? Hacks ist meist originell und witzig, selbst da, wo man die darin ausgedrückten Meinungen für abwegig hält. Aber genial? Gar der König seines Halbjahrhunderts? Er ist ein geschickter Lyriker, nicht ohne eine Neigung zum Kunsthandwerk. Das ist gut und fast immer lesenswert. Das ist doch schon viel. Und die Namen, die mir unter den Lyrikern 1950-2000 wichtiger sind, ersetze ich hier mal durch je einen Punkt:
………………………………………………………………
Greifswald, 24.1. 2010
Michael Gratz, lyrikzeitung.de
E R S T E L E S U N G & PUBLIKATION :
ERIKA BURKART / MISCHA VETERE
G E H E I M B U N D
D E R S T I L L E
– ein Lyrik-Abtausch aus 15 Jahren
oder von der poetischen
Zwiesprache im virtuellen
Zeitalter
am donnerstag, 28. januar 2010 um 19 uhr
in der projektgalerie, werdstrasse 128, zürich-wiedikon
(S-Bahn, Tram 9 / 14 Haltestelle Bhf-Wiedikon; 2 Gehminuten)
der auf die Lesung erscheinende, gleichnamige privatdruck kann am abend bezogen und/oder über e-mail-adresse mischa.vetere@gmx.ch reserviert werden (erste auflage 100 exemplare – first come, first serve).
lang lebe erika!
& herzlich
mischa vetere
ps: als vorgeschmack eine abfolge aus GEHEIMBUND DER STILLE (I-10) * :
haiku
das brot ist der laib
und die krume –
das ganze als EINHEIT
und teil
mischa vetere (1994)
[in „rimbaud reaming“,
XII-2008]
*
DER HAIKU-SCHREIBER
Für M.
Den Blick haben
für den einen
Tropfen im Regen:
Spiegel dem All
einen Augenblitz kurz,
eine Erdzeit lang.
E r i k a B u r k a r t
[in „Geheimbrief“, II-2009]
spiegel bild
(haiku)
spiegel dem all,
einen augen
blick kurz
erklang unser
lang, kurz,
lang.
mv
[in
„post-trauma -versuch
einer antwort“, V-2009]
* es fehlt das gedicht ’sputnik (von der läuterung)’ [XII-08], av anfang der I. von VII strophen mit titel ’schrott’: “hundert gedichte frieden, / fünfzig schützend die welt um verbesserte / kommunikation im all / nabelschau aus der vogelperspektive / worte verhindern kriege immer wieder / pflanzen bäume in den himmel (…)”
Der rätselhafte Fan des Dichters Edgar Allan Poe, der seit 60 Jahren den Geburtstag des Dichters am 19.1. zelebrierte, trat dieses Jahr nicht in Erscheinung. Er hatte am Grab in Baltimore seit 1949 Rosen und Kognak niedergelegt. Es war der 201. Geburtstag Poes./ Guardian 20.1.
Der kommunistische Schriftsteller Peter Hacks hat seine geniale Lyrik, seine anregend skurrilen Essays und seine leider sterbenslangweiligen Dramen zeitlebens unter dem Einfluss eines narzisstischen Phantasmas geschrieben: Er war heimgesucht von der Vorstellung, der Molière oder Goethe des ersten sozialistischen Staates zu sein. Diese phantasmatische Identifikation mit der deutschen oder der französischen Klassik findet sich als (meist ironisch-kokette) Anspielung überall dicht unter der Oberfläche seines Werks und der zahlreichen darin verstreuten Selbstdeutungen. / kultiversum (Stephan Wackwitz / Literaturen / Seite 65 / März 2007)
(Vielleicht kann man es ja auch umgekehrt sehen: geniale Dramen, überschätzte Lyrik?)
Peter Hacks
Verehrter Kollege. Briefe an Schriftsteller
Hg. und mit einem Nachwort von Rainer Kirsch.
Eulenspiegel, Berlin 2006. 367 S., 19,90 €
Ulrich Raulff (Hg.)
Vom Künstlerstaat. Ästhetische und politische Utopien
Hanser, München 2006. 187 S., 16,90 €
Vgl. L&Poe 2010 #110. Wem gehört die Lyrik?
Links setzen zu können, ist sehr viel mehr als nur eine technische Fähigkeit des Internets. Verlinken ist ein Recht. Ein Link macht gleichberechtigte Anmerkungen möglich. Er ist Motor der Link-Wirtschaft, die Medien am Leben erhält. Er ist ein Werkzeug, um Verantwortung zu übernehmen. Er ist der Kern der Idee der freien Rede im Netz. / Jeff Jarvis, Zeit online
– Ja, und ich füge hinzu: Wenn ich hier zB Ausrisse bringe, nehme ich keinem Urheber was weg, sondern mache etwas auffindbar, zumindest für alle, die nicht jede dieser Zeitungen pp. abonniert haben und jeden Tag verfolgen. Archivieren ist zugänglich machen (und dient damit sogar der „Link-Wirtschaft“). Außerdem ist es, Brecht wußte es, selber produktiv:
»Heute« beklagte sich Herr K., »gibt es Unzählige, die sich öffentlich rühmen, ganz allein große Bücher verfassen zu können, und dies wird allgemein gebilligt. Der chinesische Philosoph Dschuang Dsi verfaßte noch im Mannesalter ein Buch von hunderttausend Wörtern, das zu neun Zehnteln aus Zitaten bestand. Solche Bücher können bei uns nicht mehr geschrieben werden, da der Geist fehlt.«
Meckel, selbst ein bedeutender Lyriker und Prosaautor, gelingt mit diesen siebzig Seiten Vergegenwärtigungsprosa etwas Außerordentliches: Peter Huchels Biographie als politischer Fall skizziert in anteilnehmender Präzision, Peter Huchels dichterisches Werk dokumentiert als exemplarisches Gelingen von Poesie. …
Man wünscht sich als Leser, Meckel könnte sich entschließen, der Serie der „Erinnerungen“ an Kaschnitz und Huchel noch eine dritte „Erinnerung“ folgen zu lassen – an Günter Eich. / Hartmut Buchholz, Badische Zeitung 23.1.
Christoph Meckel: Hier wird Gold gewaschen. Erinnerung an Peter Huchel. Mit Graphiken des Autors. Libelle Verlag, Lengwil 2009. 80 Seiten, 14,90 Euro.
Eine neue Zeitschrift ist anzuzeigen, ein Jahrbuch eher, etwas blässlich Gegenstrophe. Blätter für Lyrik getauft, herausgegeben von Michael Braun, Kathrin Dittmer und Martin Rector, und zwar im Zusammenhang mit dem im September 2008 erstmals in Hannover vergebenen Hölty-Preis. Die Herausgeber sind bemüht, über die Dokumentation des Preises hinaus ein Forum für Lyrik zu etablieren. Zwar mangelt es, angesichts der verschiedensten Zeitschriften, nicht an Möglichkeiten zur Publikation von Gedichten, doch erscheint das einflussreiche, von Christoph Buchwald 1979 begründete Jahrbuch der Lyrik seit 2009 nicht mehr, und vielleicht kann die Gegenstrophe ja diese Lücke ausfüllen.
Die neue Publikation scheint dafür gerüstet. Die erste Ausgabe ist jedenfalls kenntnisreich und übersichtlich gegliedert: Unter der Rubrik „Premiere“ werden Gedichte bislang wenig bekannter Autoren vorgestellt. Die „Porträts“ widmen sich Dichtern, die 2008 beim Lyrikfest in Hannover gelesen haben: Dorothea Grünzweig, Norbert Hummelt, Norbert Lange und Uljana Wolf. In der Rubrik „Essay“ analysiert Michael Braun unter dem schönen Titel Ein Lied aus reinem Nichts den „Sprachstoff“ der Jungen Lyrik. „Gute Dichtung“, heißt es dort etwas apodiktisch, beginne „mit dem Totalverlust aller Gewissheit.“ Sie müsse „vertraute Sprach-Strukturen aus den Angeln heben, sie dynamisieren und semantischen Zerreißproben aussetzen.“ / Michael Buselmeier, Freitag 22.1.
Gegenstrophe. Blätter für Lyrik: Nr. 1, 2009 (Literaturbüro Hannover, Sophienstr. 2, 30159 Hannover), 12,80 €.
Gary Snyder, amerikanischer Lyriker mit Wurzeln in der Beat Poetry, ist wahrscheinlich nicht der beste Zeuge, wenn es darum geht, die Meilensteine des digitalen Zeitalters zu reflektieren. Er ist 79 Jahre alt und lebt am Fuße der Sierra Nevada in Nordkalifornien. Und doch haben sich seine Welt und die der frühen Computerhersteller, wie Mr. Job, in Zeit und Raum überlappt.
Er ist passionierter Macintosh-Nutzer, obwohl er, wie er selbst sagt, mit allem schrieb, was so zur Hand war.
In der New York Times vom 22.1. seine Macíntosh-Ode „Why I Take Good Care of My Macintosh“,
In der Mitteldeutschen Zeitung / Elbe-Kurier berichtet CORINNA NITZ über eine Veranstaltung mit der Schriftstellerin Eva Zeller, die in Wittenberg bei Christian Lehnert zu Gast war. Worum es ging:
Zum Beispiel um autobiografisches Schreiben. Man müsse die Freiheit haben, gelebtes Leben so darzustellen, „dass es wieder lebendig wird“, erklärte Zeller unter Hinweis auf Goethes Werk „Dichtung und Wahrheit“. Oder um den Arzt und Dichter und „Sprachverführer“ Gottfried Benn, den sie einmal so verehrte, dass sie beim eigenen Schreiben immer „gebennt“ hat. Auf die Frage, ob das Etikett der christlichen Autorin, das ihr nicht nur, aber auch wegen ihrer geistlichen Lyrik anhaftet, ihrem Selbstverständnis entspricht, hob sie die Schultern. Das sei mit erbaulicher Erwartung verbunden, die sie nicht bedienen könne. Ganz abgesehen „von der Distanz zwischen Literatur und Kirche, die zum Katholischwerden ist, weil die katholische Kirche ein vitaleres Verhältnis zur Sprache hat“. Für sie selbst sei der Glaube denn auch ein Sprachereignis, und die Bibel habe sie nicht nur gelesen, um sie zu lesen. Vielmehr habe sie „das unverschämte Glück, am Tropf dieser Worte zu hängen“.
Von Uwe Wittstock, Die Welt 22. Januar 2010:
Der große jiddische Dichter Abraham Sutzkever ist im Alter von 97 Jahren in Tel Aviv gestorben. Er zählte zu den jüdischen Schriftstellern des 20.Jahrhunderts, deren Leben durch Vertreibung und Verfolgung in kaum vorstellbarem Maße gezeichnet war und die ihre Zuflucht nicht zuletzt in der Sprache fanden. Bei Wilna geboren, wurde Sutzkever während des Ersten Weltkriegs im Alter von zwei Jahren mit seiner Familie erstmals vertrieben und lebte bis 1920 im sibirischen Omsk.
Abraham Sutzkever: Wilner Diptychon (Wilner Getto 1941 – 1944 / Gesänge vom Meer des Todes), 2 Bände im Schuber, Ammann Verlag, Zürich, 34,95 Euro.
„Geh über Wörter wie über ein Minenfeld“. Campus, 389 S., geb., 34,90 €.
Mehr:
Spiegel 21.1. (Jiddische Lyrik-Legende) / NZZ 22.1. (Stefana Sabin) / faz.net / Haaretz („one of the greatest Jewish poets to have lived“ / „the greatest poet who ever lived in Israel“) / NZZ 21.1. / Hilpoltsteiner Zeitung / Der Standard 21.1.
Vgl. L&Poe
2009 Dez #33. Minenfeld
2009 Nov #112. «Wilne schtot fun gajst un tmimes»
2009 Aug #40. Ammann hört auf
2009 Aug #5. Dantes Allegorie und die wirkliche Hölle
2009 Jul #31. Poesie aus der Hölle
2008 Jul #47. Grünbeins Essays
sagt Peter von Matt im Tagesanzeiger, 21.1. Nämlich die Kultur : Kulturkritik … auch Lyrik. Und zwar auch ohne die Printmedien. (Überleben die’s auch?):
Seit die Printmedien in der Krise stecken, gehört es zu den Lieblingsbeschäftigung der Kulturkritik, ihren Untergang zu beklagen und darin eine Krise der Kultur insgesamt zu wittern. In diesem Sinne befragte gestern die Sendung «Kulturzeit» auf 3Sat den Literaturprofessor Peter von Matt zum Thema. Statt Kulturpessimismus bekamen die Journalisten aber eine gewohnt intelligente Analyse der Situation zu hören. So anerkannte von Matt zwar, dass der Raum für die klassischen Medien enger würde. Das sei aber weder das Problem des Publikums noch der Kultur selbst. Das Bedürfnis nach Kulturkritik sei nämlich nach wie vor da, nur hätten sich sowohl die Bedürfnisse wie auch die Informationskanäle verändert.
So konzentriere sich die öffentliche Debatte heute zunehmend auf die Highlights. Dennoch sei die Bandbreite kultureller Produktionen nicht schmäler, sondern eher breiter geworden. Und wofür in den Feuilletons kein Platz sei, dafür biete sich heute das Internet an. Als Beispiel führt von Matt die Lyrik an. Diese sei zwar inzwischen aus den Feuilletons verschwunden, habe aber im Internet eine neue Heimat gefunden, wo sie ihr Publikum findet und sie rege diskutiert wird. «Kulturkritik verschwindet nicht, sondern diversifiziert, verschiebt, verstreut sich.»
Gomringers Werke sind nicht nur im deutschsprachigen Raum in jedem Schulbuch zu finden, sondern werden auch international wie beispielsweise in China und Russland veröffentlicht. Gleichzeitig hat sich der Sohn einer bolivianischen Halbindianerin und eines Schweizer Kaufmanns als Kulturvermittler in der ganzen Welt einen Namen gemacht. Denn trotz seines großen Erfolgs wollte Gomringer seinen Lebensunterhalt nie ausschließlich mit Lyrik bestreiten. / BR, Studio Franken
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