18. Verbieten

Kaum war Ruhe, geht er von vorne los: der Streit ums Geld, das Deutsche vor ihrem Fiskus in der Schweiz verstecken. Dabei wird gedroht, beleidigt, geschmäht. Das freut vor allem die Rechtspopulisten, die nach den Minaretten nun am liebsten die Deutschen verbieten wollen. / Tagesspiegel 4.2.

(Ists auch nicht Lyrik…)

17. Falsche Freunde

Rolf Dieter Brinkmann und Ralf Rainer Rygulla experimentierten in den sechziger Jahren mit Oberflächenübersetzungen: Übertragungen von Texten rein nach ihrem Klang und ohne Kenntnis der Originalsprache – so wurde etwa aus Appollinaires „La jolie rousse“, also „Die hübsche Rothaarige“, im Deutschen „Der joviale Russe“.

Aus diesem Geiste kommt auch Uljana Wolfs Wörterbuch „für falsche freunde“. Der Klangreichtum aus Alliterationen und Binnenreimen, der genau komponierte Rhythmus machen die Texte zu verführerischen Miniaturen. Gleichzeitig öffnen sich durch das Falschverstehen und Wörtlichnehmen, durch die Verschiebung von Redensarten und die Vermischung von Sprachen neue Assoziationsräume. …

„Falsche Freunde“ ist ein kunstvolles Spiel mit den Fallstricken der Sprache. Man kann sich darin spielend verheddern – oder innehalten und andere, zweite Wahrheiten entdecken./ Ulrich Rüdenauer, Tagesspiegel 4.2.

Uljana Wolf:
falsche freunde.
Gedichte. kookbooks Verlag. Idstein 2009. 88 Seiten, 19,90 €.

16. Meine Anthologie: Fremdartig

Orhan Veli Kanık

Quantitativ


Ich liebe schöne Frauen.
Ich liebe auch die Arbeiterinnen.
Die schönen Arbeiterinnen
Liebe ich noch mehr.


Quantitatif


Güzel kadınları severim,
İşçi kadınları da severim.
Güzel işçi kadınları
Daha çok severim.

In: Orhan Veli Kanık: Fremdartig / Garip. Gedichte in zwei Sprachen. Deutsch von Yüksel Pazarkaya. Frankfurt/ M.: Dağyeli 1985, S. 38/39.

Ich kann auf Türkisch nur radebrechend „ikí espresso“ bestellen, zwei Espresso. Aber die Übersetzung scheint wenig befriedigend. Die Sprachen sind zu wenig kongruent. Im türkischen Original herrscht eine hör- und sichtbare Struktur. 3 / 4 / 3 / 3 Wörter pro Zeile, unter den 13 Wörtern je dreimal kadınları und severim, je zweimal güzel und işçi. Metrum und Reim sind so nichts Äußeres, sondern ergeben sich von allein aus der Wortfolge. Rainer Kirsch hat einmal vorgeschlagen, chinesische Gedichte nicht in zweitklassige romantisch-deutsche zu übertragen, sondern die Verse dem Chinesischen numerisch und in der geringeren Determiniertheit nachzubilden, also zB in einem klassischen Gedicht im Idealfall je fünf unflektierte und kaum verbundene Wörter pro Zeile:

Bett vor hell Mond Glanz (Li Bai) (5 Wörter / 5 Silben)

statt:

Vor meinem Bette / ich Mondschein seh (A. Forke) (6 / 9)

In fremdem Lande lag ich. Weißen Glanz / Malte der Mond auf meine Lagerstätte (Hans Bethge) (13 / 21)

Vor meinem Bette heller Mondenglanz (Otto Hauser) (5 / 10)

Mondlicht sah ich vor meinem Lager (Hans Schiebelhuth) (6 / 9)

Man solle einmal eine ganze Sammlung solcher Rohübersetzungen drucken, schlug Kirsch vor. Vielleicht fände sich irgendwann jemand, der damit etwas anfangen könnte.

Das hat, soweit ich sah, keiner gemacht. Vielleicht nicht nur an kaufmännischem Kalkül scheiternd, sondern gar mehr noch an der Arroganz der Fachleute? Könnte ich mir denken. (Ich verrate ein Geheimnis der Wissenschaft: die die Dinge verstehen und uns erklären, mögen das Selberdenken der Amateure garnicht.)

Für unser Gedicht versuche ich Analoges:

Schöne Frauen lieb-ich,
Arbeiter Frauen auch lieb-ich.
Schöne Arbeiter Frauen
Mehr noch lieb-ich.

Das ist verständlich, für meinen Geschmack auch poetisch. Es ist fremdartig, klar: schließlich stammt es aus der Türkei (und sogar aus einem Gedichtband, der ebenden Titel trägt).

(Gibt es in der nahen Ferne des WWW Liebhaber türkischer Poesie, die mir ihre Lieblingszeile oder Strophe so – erklären?)

15. Geld für Lyriker

Der mit $100,000 sehr gut ausgestattete Kingsley Tufts Poetry Award geht an den Lyriker D.A. Powell, der an der Universität San Francisco unterrichtet. Powell hat u.a. die Bände „Tea“, „Lunch“, „Cocktails“ und „Chronic“ veröffentlicht. In einer Besprechung in der Los Angeles  Times beschrieb der Kritiker John Freeman ihn als „modernen Romantiker: besessen, wütend und von der Liebe umgewendet. Seine Sprache ist mit Wendungen aus Liedern und Filmen, aus den süßlichen Soundtracks so vieler Musicals durchsetzt. ‚liebe‘, schreibt er in einem Gedicht, ‚ist im refrain, wartet auf ihre geburt‘.“

Der Preis wird seit 1992 an einen Dichter in der Mitte seines Schaffens vergeben. Powell ist 46 Jahre alt.

Gleichzeitig wurde bekanntgegeben, daß der Kate Tufts Discovery Award ($10.000) an Beth Bachmann für ihren ersten Gedichtband „Temper“ geht. Bachmann lehrt an der Vanderbilt University in Nashville. / Lee Margulies, LA Times Blog

Von D. A. Powell ist bei luxbooks bereits 2008 der Band Cocktails, Ausgewählte Gedichte erschienen.

(Und ich werde wieder mit der Nase auf zwei Besonderheiten der US-amerikanischen Lyrikszene hingewiesen: (1) an den Hochschulen des Landes ist Platz für viele hundert Lyriker, die so ihre Brötchen verdienen und StudentInnen beeindrucken können und (2) es gibt zahlreiche hochdotierte Preise auch für alte und junge Lyriker.)

14. Von der Zerstörung bis zur leisen Ironie

Gisela Noy: Sie hat Aufsehen erregt im deutschen Literaturbetrieb. „Zerstörungen“ hieß ihr erstes Buch  (1991 im Rowohlt-Verlag erschienen) über eine Frau, die nach einer schweren Depression wieder zurückfinden will ins „normale“ Leben. Gisela Noy, dieses Pseudonym verwendet die Autorin heute noch. „Grauzeit“ nannte sie ihr zweites Buch über Depressionen und dem Weg daraus, um die Jahrtausendwende im „Psychiatrie-Verlag“ erschienen. Radio- und Fernsehsendungen folgten. Fast im Schatten davon – wie immer? – ein Lyrikband, „Atemsäule“, 1997 im Atelier-Verlag Andernach (AVA). Dass Gedichte – so gut sie auch immer sein mögen – immer die zweite Rolle im Literaturbetrieb spielen müssen?

2010 hat die Autorin wieder in die Lyrikkiste gegriffen und bei der Silver Horse Edition im „bayerischen Hinterland“ ihren neuen, fein durcharbeiteten neuen Gedichtband vorgestellt: „Kopfüber“ hat sie ihn genannt. Und kopfüber stürzt sich Gisela Noy in die Wellen der Welt, diesmal aber mit einem eher ironischen Unterton:

IN DER NACHT

In der Nacht
schläft das Herz nicht
klafft der Kopf
krümmt sich
die Hand krümmt sich
vor Einsamkeit der
ganze Leib und

ein Vogel singt
drrrrr-tirili-tirili drlo-drlo-
das heißt: wie mir die Menschen
Leid tun

Gisela Noy, Kopfüber, Gedichte, Silver Horse Edition 2010

/ Peter Ettl

13. Alemannisch

Bemerkenswert nicht nur, daß es Wikipedia auch auf Alemannisch gibt: sondern auch, daß hier nicht der deutsche, sondern der europäische Begriff von Romantik angewandt wird:

Dr William Wordsworth (* 7. April 1770 z Cockermouth, Grossbritannie; † 23. April 1850 z Rydal Mount, Grossbritannie) isch e britische Dichter und e füehrends Mitgliid vo dr änglische Romantik gsi. Er het 1798 zsämme mit em Samuel Taylor Coleridge die Lyrical Ballads (Lyrische Gedichte) verfasst, wo as ersts Wärk vo dr änglische Romantik gälte.

Siis Meisterwärk isch s früehje autobiografische Gedicht The Prelude (Präludium). Wie anderi Romantiker (z.B. dr Friedrich Schiller) au isch er vo de politische Ereignis stark beiflusst worde und het im Napoleon d Verkörperig vo dr Tyrannei gseh. So het er es Gedischt, Thought of a Briton on the Subjugation of Switzerland (Gedanke vom ene Brit über d Underwärfig vo dr Schwiiz) gschriibe, wo vom Ufstand vo de Schwiizer Föderaliste im Stäcklichrieg gege d Regierig vo dr Helvetische Republik, ere Dochderrepublik vo dr revolutionäre Erste Französische Republik, beiiflusst worden isch.

12. Literaturstadt Frankfurt

Es wird spannend. Denn Hauke Hückstädt verspricht neue Akzente, einen neuen Ton für eine wichtige literarische Institution in Deutschland. Der designierte Leiter des Frankfurter Literaturhauses, der am 1. Juli seine Arbeit beginnt, nennt „Poesie mein Zuhause“. …

„Kultur ist kein Ornament, sondern das Fundament unserer Gesellschaft“. Das, meint Hückstädt, müssten auch beim Literaturhaus Frankfurt „alle Beteiligten ernst nehmen“. Spiele doch die Literaturstadt Frankfurt „die wichtigste Rolle im deutschsprachigen Raum“ mit der Frankfurter Buchmesse, dem Deutschen Buchpreis, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels.

Das ist mal ein Wort. Aber was ist mit Berlin, was mit dem jüngsten Verlust des Suhrkamp Verlages an die Hauptstadt? Da lächelt der Mann aus Göttingen. „Ein bisschen Phantomschmerz nach dem Umzug von Suhrkamp steht Frankfurt gut an – das ist ein großer Impuls für neue Aktivitäten“. / Claus-Jürgen Göpfert, FR 2.2.

11. Barbara Köhler bei Europe … a poem

Lange Zeit haben sie es geheim gehalten, doch nun ist die Katze aus dem Sack: Der deutsche Beitrag für die Ausstellung „Europe … a poem“ stammt von der im Ruhrgebiet ansässigen, vielfach ausgezeichneten Dichterin Barbara Köhler. „Ihre Poesie, ihr experimentelles Spiel mit der Sprache und ihre bildhafte Ausdrucksstärke haben uns bewogen sie zu dem Projekt einzuladen,“ erläutert Initiator Roy Kift die Wahl. Europas Schönheit einfangen, seine kulturelle Vielfalt nachzeichnen, die Länder zum Sprechen bringen, das wollen die Macher der Ausstellung erreichen. …

Die Ausstellung ist ein Teil des Projektes „Castrop-Rauxel … ein Gedicht“, das anlässlich des Kulturhauptstadtjahres von Juni bis August insgesamt 2010 Gedichte an öffentlichen Plätzen und ungewöhnlichen Orten in ganz Castrop-Rauxel präsentiert. Auf der Webseite www.gedichte2010.de können Bürgerinnen und Bürger ihr Lieblingsgedicht vorschlagen oder ein eigenes Gedicht einreichen. Ab 3. Juli sind dort auch die Gedichte der 27 europäischen Dichterinnen und Dichter nachzulesen. / fair-news

Die übrigen Teilnehmer:

Sir Andrew Motion (Großbritannien. Hofdichter 1999-2009), Seamus Heaney (Nobelpreis, Irland), Wislawa Szymborska (Nobelpreis, Polen.), Ana Blandiana (Rumänien), Elisa Biagini (Italien), Olli Heikkonen (Finnland), Kostas Koutsourelis (Griechenland), Göran Sonnevi (Schweden), Knuts Skujenieks (Lettland), Eugenijus Ališanka (Litauen), Jaan Kaplinski (Estland), Miriam Van hee (Belgien), Petr Borkovec (Tschechische Republik), Zsuzsa Rakovszky (Ungarn), Oliver Friggieri (Malta), Barbara Korun (Slowenien), Joan Margarit (Spanien), Menno Wigman (Niederlande), Anise Koltz (Luxembourg), Niki Marangou (Zypern), Pia Tafdrup (Dänemark), Mirela Ivanova (Bulgarien), André Velter (Frankreich), Marián Hatala (Slowakische Republik), Friederike Mayröcker (Österreich) und Ana Luísa Amaral (Portugal).

10. „Zettelpoet“ wieder vor Gericht

Der Wiener „Zettelpoet“ Helmut S., der seit 35 Jahren im öffentlichen Raum seine sogenannten Pflück-Texte hinterlässt, muss sich am 18. Februar wegen Sachbeschädigung im Straflandesgericht verantworten. Er soll im November 2009 am Vorplatz des Museumsquartiers (MQ) 14 Steinplatten mit einem Farbstift und in breitem Schriftzug „verunziert“ haben. / Standard 2.2.

Die Standard-Leser nehmen rege Anteil. ZB:

12 Monate für 3.900,- Schaden.

Wie groß waren noch mal die Schäden bei Bank Burgenland, Hypo, Meinl, Bawag, Eurofighter ….
Für alle ungeahndeten Schweinereien der letzten 10 Jahre reichen wohl die Zeichen kaum.
Salopp hochgerechnet werden das wohl ein paar
Zehntausend Jahre sein.

Sofern …. irgend jemand mal ermitteln und anklagen würde.

vielleicht kann ihm ja der eine oder andere nen zehner schicken. betrachten wir es halt einfach als unseren persönlichen kunstförderungsbeitrag 😀

Eine lange Geschichte. Der Zettelpoet hat einen Namen, er heißt Helmut Seethaler. Hier seine Spur durch L&Poe:

2005    Mai    #40.    Pflück dir ein Gedicht

Seit 30 Jahre klebt Helmuth Seethaler (52) seine Lyrik direkt in die Öffentlichkeit – und zieht damit den Ärger der Wiener Behörden auf sich.
Der Dichter verwendet Doppelklebeband. Innerhalb weniger Sekunden hat er die Säule in der U-Bahnstation Stephansplatz eingewickelt und beginnt eifrig, seine bedruckten Zettelchen darauf zu kleben.

2005    Jun    #18.    Rauferei um Zettelpoesie

Der „Zettelpoet“ Helmut Seethaler ist gestern Nachmittag , laut Polizei, in der U-Bahnstation Westbahnhof in eine Rauferei verwickelt gewesen.

2005    Jul    #64.    Zettelpoet unter Dauerbeschuss

Jüngster Akt: Bezirksamt will Helmut Seethaler entmündigen lassen, Bezirksgericht stellt Verfahren ein

2005    Aug    #9.    Seethaler nach Berlin?

Noch steht der Poet, doch leid ist er Wien, bald packt er die Zettel und klebt in Berlin.

2005    Aug    #47.    Über 2 000 Anzeigen

hat er sich so eingehandelt. Abgesehen von etwa zehn Verurteilungen, wurde er in allen anderen Fällen in zweiter Instanz freigesprochen. Das Kuriose an der Sache: Zwar entfernen die Behörden regelmäßig Seethalers Gedichte und halsen sich durch die Prozesse gegen ihn Kosten auf, doch gleichzeitig bezuschussen sie ihn. Zwar lebt der „Zettelpoet“ vor allem von der finanziellen Unterstützung von etwa 2 500 seiner Fans und Förderern. Doch auch der Staat gewährt ihm – wenn auch unregelmäßig – Literaturstipendien in der Höhe von etwa 1 000 Euro im Jahr.

2009    Feb    #4.    hoffnung.at

Der Kampf zwischen Wiener Linien und Zettelpoet Seethaler geht weiter

9. Wissen und Können?

Abitur in Hamburg. Die Welt berichtet:

Im Bereich Lyrik galt es, Rilkes „Flamingos“ zu betrachten. „Wissen ist der Schlüssel zum Können“ heißt in einem Aufsatz von Elsbeth Stern, anhand dessen der Bildungs[be]griff erörtert werden sollte.

Aber vielleicht ist das Wissen dem (Lesen-)Können auch im Weg. Sollte jemand von denen anschließend Germanistik studieren, mein Rat: vergessen Sie alles. Das Bekannte ist nicht erkannt, wissen die Philosophen. Natürlich schadet es nichts, wenn man weiß, was ein Sonett, eine Synästhesie oder ein Daktylus ist, wer oder was Fragonard und Phryne sind. Aber: Weil wir wissen, was Barock-, Sturm und Drang- und expressionistische Lyrik ist, verfehlen wir das einzelne Gedicht, das vor uns liegt. So kriegen Sie’s nie nie nie. Vielleicht müßte dieses (in der Regel ohnehin fragwürdige) Wissen raus aus den Lehrplänen. Lesen statt Wissen. Aber das kriegen wir nie nie nie.

Schülerin-Meinung: Albtraum: Gedichtanalyse

8. Esperantolyrik

Kaum jemand lernt Esperanto als Muttersprache, so dass alle dieselben Voraussetzungen haben. Kritiker werfen den Entwicklern eine Bevorzugung der europäischen Sprache als Basis vor und verneinen daher den internationalen Anspruch des Esperanto. Außerdem sprechen sie einer künstlich erschaffenen Sprache die Möglichkeit für schöngeistige Ausdrucksformen ab. Dies widerlegte schon Marie Hankel, die als erste Frau Lyrik auf Esperanto verfasste. / Schweriner Volkszeitung 2.2.

Hier Textprobe + Info (Esperanto)

7. Surrealismus und Wahnsinn

1925 veröffentlichte André Breton in der Zeitschrift „La Révolution Surréaliste“ anonym einen offenen Brief an die Chefärzte der Irrenanstalten, in dem es hieß: „Die Wahnsinnigen sind die individuellen Opfer par excellence der Diktatur der Gesellschaft; im Namen dieser Individualität, die erst den Menschen ausmacht, fordern wir, dass diese Gefangenen der Sensibilität befreit werden.“ Interessant sind auch die beiden Holzschachteln eines unbekannten „Geisteskranken“ aus dem Jahre 1878. Sie sehen den berühmten boxes des amerikanischen Künstlers Joseph Cornell (1903 bis 1972), der auf der Documenta 1968 und der von 1972 seine Arbeiten ausstellte, zum Verwechseln ähnlich. Auch hier die Ordnungsliebe, die ihr Zwanghaftes ausstellt.Gleich zu Beginn der Ausstellung Zeichnungen von Unica Zürn (1916 bis 1970). Die Künstler- und Dichterin hat immer wieder Monate in der Psychiatrie zubringen müssen. Ihre Kunst ist von ihrer Krankheit nicht zu trennen. Und beides wohl auch nicht von Hans Bellmer, dem surrealistischen Künstler, mit dem sie fast zwanzig Jahre verbrachte. In der Ausstellung heißt es, sie habe „eine enge, aber konfliktreiche Beziehung“ miteinander verbunden. Das aber kennt man. Aber hier in den Räumen der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, mitten in der Sammlung Prinzhorn, fällt es einem auf. So viel Naivität hatte man hier nicht erwartet.

In eine ihrer suggestiven Zeichnungen von Augentieren, die im Wasser zu schweben scheinen, hat Unica Zürn ein paar Zeilen eingeschrieben, die hier ganz so, wie sie sie schrieb, in toto zitiert seien: „Ich weiss nicht wie man die Liebe macht Wie ich weiss „macht“ man die Liebe nicht Sie weint bei einem Wachslicht im Dach ach sie waechst im Lichten, im Winde bei Nacht. Sie wacht im weichen Bilde, im Eis des Niemals im Bitten wache wie ich. – Ich weiss: wie ich macht man die Liebe nicht“. / Arno Widmann, FR 1.2.

„Surrealismus und Wahnsinnn“ ist noch bis zum 14. Februar zu sehen in der Sammlung Prinzhorn in der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, Voss-Straße 2. Dienstag bis Sonntag 11-17 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr.

6. American Life in Poetry: Column 254

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

What might my late parents have thought, I wonder, to know that there would one day be an occupation known as Tooth Painter?  Here’s a partial job description by Lucille Lang Day of Oakland, California.

Tooth Painter

He was tall, lean, serious
about his profession,
said it disturbed him
to see mismatched teeth.
Squinting, he asked me
to turn toward the light
as he held an unglazed crown
by my upper incisors.
With a small brush he applied
yellow, gray, pink, violet
and green from a palette of glazes,
then fired it at sixteen hundred
degrees. We went outside
to check the final color,
and he was pleased. Today
the dentist put it in my mouth,
and no one could ever guess
my secret: there’s no one quite
like me, and I can prove it
by the unique shade of
the ivory sculptures attached
to bony sockets in my jaw.
A gallery opens when I smile.
Even the forgery gleams.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Lucille Lang Day and reprinted from The Curvature of Blue, Cervena Barva Press, 2009, by permission of Lucille Lang Day and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

5. Blank Generation

Generationen sind viele im Umlauf, auch das Label „Blank Generation“ gibts schon, aber jetzt hat Matthias Hagedorn es im Blog auf jetzt.de auf die Gegenwartslyrik angewandt. (Jedenfalls kenne ich hier keine älteren Referenzen – lasse mich gerne unterrichten.) In einem längeren Essay, der verdient, gelesen und diskutiert zu werden, macht er sie hier aus:

Entgegen der Gewohnheit von Künstlern, sich als „Gruppe“ zu definieren, ein „Generationenprojekt“ ausrufen zu müssen und ein „Manifest“ zu proklamieren, vergaß die „blank generation“ (benannt nach einem Song von Richard Hell) jegliches kuratorische Wissen und öffnete sich neuen Lösungen. Was dabei herauskommt ist u.a. nachzulesen in der von Peter Ettl herausgegebenen Anthologie »Die inneren Fernen«. Obwohl unter den Zeltschrägen einer gemeinsamen Edition bilden die Lyriker der „blank generation“ keine einheitliche Gruppe. Es gibt keinen gemeinsamen arspoeticagleichen Ansatzpunkt als den, Literatur anders einzuordnen, um schließlich eine Art literaturkritischer Mutation hervorzuzaubern. Eben durch die Verschiedenheit der Gedichte, durch die Unvereinbarkeit der gezielten Darlegungen und dank dieser Inkompatibilität werden die Autoren selbst zum Sinnbild der gegenwärtigen Lage der kulturellen Gesellschaft. Die Lyrik ist nie homogen, sie resultiert aus zahlreichen Stimmen und Stilen, die manchmal Berührungspunkte aufweisen, manchmal aber auch nicht.

Die Autoren, über die er unter dieser Überschrift schreibt: Matthias Kehle, Axel Kutsch, Theo Breuer, Peter Ettl, Wolf Doley, Holger Benkel, Francisca Ricinski, Peter Engstler, Stephanie Neuhaus, A.J. Weigoni. Nicht zu früh stirnrunzeln oder wegklicken! Es sind sämtlich Autoren abseits der Zentren, sie erfreuen sich nicht übertriebener Aufmerksamkeit der Kritik, vorsichtig gesagt, sie kommen in mehrfacher Hinsicht „aus dem Hinterland“:

Es fällt auf, daß manche lyrische Innovationen der letzten Jahre aus dem Hinterland kommen, ob aus der Edition YE Sistig in der Eifel, der Landpresse in Weilerswist, der Edition Das Labor aus Bad Mülheim oder der Silver Horse Edition aus Marklkofen, ob Peripherie Zentrum oder Zentrum Peripherie ist, entscheiden die interessierten Leserinnen und Leser mit jedem neuen Gedichtband neu.

Über Holger Benkel schreibt Hagedorn:

Wie schon in dem Band „kindheit und kadaver“ verfügt Holger Benkel aus Schönebeck (bei Magdeburg) auch in seinem Band »meißelbrut und andere gedichte« über kulturelle Deutungsmuster und Übersetzungsmöglichkeiten, die anderen fehlen. Für diesen Lyriker leuchtet die Devise einer abfallgeplagten Epoche auch als Lebensdevise ein. Seine Biographie erscheint als Zwischenexistenz, als interkulturelle Existenz, aber sie dient ihm der produktiven Herausforderung und nicht irgendeiner ‚Verostung‘. Für jemanden, der auf dem Land zu Hause ist und der die Welt der Arbeit ganz genau kennt, der Schreibkrisen hinter sich hat und erst spät entdeckt wurde, scheint das Bild des Außenseiters wie geschaffen. Kein Buch ist für Autoren riskanter als eines, das Gefahr läuft, zu hastig gelesen zu werden. Die Gedichte von denen hier die Rede ist, behandeln einen großen, weitläufigen und einschüchternden Gegenstand, da kann Eile alles vernichten. Sorglichkeit, scheint mir, hat Benkels Umgang mit der Sprache geprägt. Das einzelne Wort, und sei es das harmloseste, besitzt bei ihm einen eigenen Wert, ist unersetzlich und kostbar. So kam er mit immer weniger Sätzen aus, und sie hatten ein immer größeres Gewicht. Der Glanz, der unvergleichliche Klang seiner Gedichte nährt sich aus dieser Ehrfurcht vor dem einfachen Wort. Seine Gedichte kreisen oft in parabolischer Form um den Tod. Bei Holger Benkel sind Selbstwahrnehmung und öffentliches Rollenklischee schon früh miteinander verschmolzen. Jeder Dichter scheint eine ihm eigene Welt zu bewohnen mit einem ihm eigenen Mobiliar, seiner Poesie. Das Typische an der Poesie von Holger Benkel liegt im eigenen Klang. Seine Gedichte verlangen nach einer alle Sinne mit einbeziehenden Lektüre, um in ihrem vollen Gehalt erfasst zu werden; sie erfordern Respekt und Ruhe. Der Magdeburger Börde, in der er geboren wurde, hält er bis heute die Treue.

Für mich fast kurios, daß meine Lyrikzeitung in einem Aufsatz zu diesem Thema vorkommt. Aber es ist doch nicht allzu abwegig, ist es doch erklärtes Ziel meiner Sammelwut, nicht „die eine“ Szene zu dokumentieren, sondern möglichst viele (wenn auch keineswegs all und jede). Ebenso erscheint Andreas Heidtmanns Poetenladen als ein Ort, diesen (neuen?) Regionalismus mitzuorganisieren, die Nachbarschaft ist mir recht. Hagedorn über Heidtmann:

Als Herausgeber scheint er eine Art Universalpoesie im Sinn zu haben. Der Poetenladen soll weder in den Klappkasten der schöngeistigen noch der engagierten Literatur passen, hier spiegelt sich die deutschsprachige Gegenwartspoesie in all ihren Facetten und Spielarten. Nimmt man ergänzend den von Shafiq Naz edierten Lyrikkalender dazu, stellt man fest, daß wir in geistig in guten Zeiten leben, so aufregend war deutsche Lyrik seit dem Barock nicht mehr.

Shall we have a discussion?

4. Brecht als Vorläufer

Das diesjährige Augsburger Brecht-Festival zeigt, wie der Dichter junge Songschreiber bis hinein in die Hip-Hop-Szene inspiriert – und warum er als früher Vorläufer der Web-2.0-Generation angesehen werden kann / Hermann Weiß, Die Welt 31.1.