Frank Quilitzsch sprach mit W. Daniel Wilson über Goethes Ansichten zu Homosexualität und Kindsmord, Thüringische Landeszeitung 29.1.
Bei den Epigrammen, die Sie zitieren, nimmt das lyrische Ich unterschiedliche Rollen an. Man kann es nicht mit dem Dichter gleichsetzen. Dennoch gibt es Biografen, die daraus Rückschlüsse auf die Person Goethes ziehen – bis hin zu spekulativen Behauptungen wie der, dass er schwul gewesen sein soll. Sie tun so etwas nicht.
Nein. Über diesen biografischen Fragen droht das eigentlich Wertvolle an Goethes Darstellungen unterzugehen. Man kann zum Beispiel das Epigramm aus dem Notizbuch der schlesischen Reise im Jahre 1790 – „Knaben liebt ich wohl auch doch lieber sind mir die Mädchen / Hab“ ich als Mädchen sie satt, dient sie als Knabe mir noch“ – im Zusammenhang der literarischen Tradition sehen, aber auch mit Goethes Interesse für Antinous, den Geliebten des Kaisers Hadrian. Man kann es aber auch im Zusammenhang mit der Vielstimmigkeit bei Goethe sehen, dass er, wie Sie sagen, Rollen annimmt und ausprobiert. Dieses Epigramm war vielleicht zusammen mit einem anderen konzipiert, das Goethe veröffentlichte: „Niemand liebst du, und mich liebst du so heftig, Philarchos, / Ist denn kein anderer Weg, mich zu bezwingen, als der?“ – es wäre schwer, diese Zeilen auf seinen Aufenthalt in Venedig zu beziehen. Ich habe vorgeschlagen, dass da vielleicht sogar eine Frau als Sprecherin fungiert. Jedenfalls ist Goethes Auseinandersetzung mit machtbedingter Sexualität hier viel interessanter als seine eigenen sexuellen Praktiken oder Neigungen, die wir sowieso nicht kennen.
Schriftsteller und Dichter können auch in diesem Jahr wieder beim rheinland-pfälzischen Georg-K.-Glaser-Preis ihren Hut in den Ring werfen. Der mit 10 000 Euro dotierte Literaturpreis und der zusätzliche Förderpreis (3000 Euro) werden vom Klturministerium und dem Südwestrundfunk (SWR) ausgeschrieben. Zugelassen sind alle literarischen Gattungen wie Prosa, Lyrik, Szene und Essay, wie das Ministerium am Montag in Mainz mitteilte.
Die maximal zehn Schreibmaschinenseiten langen Werke müssen noch unveröffentlicht sein. Beteiligen können sich Autoren, die in Rheinland-Pfalz leben, hier geboren oder durch ihr Schaffen mit dem Land verbunden sind. Einsendeschluss ist der 3. Mai.
Der Preis ist nach dem 1910 im rheinhessischen Guntersblum geborenen und 1995 in Paris gestorbenen Autor Georg K. Glaser benannt. Die Preisträger der vergangenen drei Jahre waren Jörg Matheis (2009), Katharina Born (2008) und Dagmar Leupold (2007). / Landesregierung Rheinland-Pfalz
Montag, 01.02.2010, 20 Uhr, BAIZ
Das Subkommando für die freie Assoziation präsentiert die Januarausgabe des 5. Jahrgangs. Es geht um Krankheit, Kunst und Tod, oder umgekehrt: um Putz, Schlupf und Stunk. Katrin Heinau, Clemens Schittko, Su und Ralf S. Werder fahren auf, die Redaktion räumt ab. »Sie kennen die Hölle, aber sie haben festgestellt, daß sie kalt ist. Deshalb gehen sie ohne zu klagen in den Bränden, die sich an ihnen entfachen.« (Christine Sohn)
BAIZ, Christinenstraße 1/Ecke Torstraße, 10119 Berlin, U2 Rosa-Luxemburg-Platz, U8 Rosenthaler Platz, Straßenbahn M8, Bus 240
Ich bemerke erst jetzt, daß arte heute nacht einen Beitrag zum Thema bringt:
Dylan Thomas. Dichter mit Treibstoff Alkohol
arte, 31.1., 23:30 Uhr
Im übrigen, Alkohol hin und her, war Thomas ein großartiger Dichter. Der Leipziger Lyriker Bertram Reinecke hat u.a. sein berühmtes Gedicht „Do not go gentle into that good night“ übersetzt – mittlerweile existieren 4 Fassungen, von denen wohl nur die erste veröffentlicht ist (zumindest in Buchform). Hier die erste Strophe im Original und in Reineckes vier Fassungen:
Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light.
Du geh nicht sanft in diese gute Nacht
brenn, tobe Alter, eh der Tag zerfließt
entzünde Zorn wenn stirbt die helle Pracht
In: Bertram Reinecke: Chlebnikov am Meer. Gedichte und Gedichtgedichte. Stralsund 2003, S. 68
2. Fassung:
Zieh nicht gelassen in dies Dunkel ein
Das Alter loder, wenn die Nacht anbricht
Bricht ihm das Licht, dann muss da Aufruhr sein
3. Fassung:
Geh nicht in diese gute Nacht devot
Das Altersschwärmen hell ins Dämmern fällt
Zuck zornentzückt wenn dir das Licht verloht
4. Fassung
Du sollst nicht sacht in diese Nacht eingehen
Lass Krachen Alter brenne, spiel verrückt
Licht helle mußt dem Dämmern widerstehen
Johannes Bobrowski „schrieb jenseits von Erika Steinbach“, schreibt Fokke Joel in der Zeit, (die Formulierung scheint mir mit Verlaub – natürlich gut gemeinter – Unsinn. Irgendwie schaffen es die Medien immer, alles auf ihre Ebene hinabzuziehen!) „ein Stück Weltliteratur über Vertreibung und Versöhnung. Eine Ausstellung erinnert nun an ihn.“
Als Beitrag zur Versöhnung wollte er mit seinen Gedichten einen „sarmatischen Diwan“ schaffen, benannt nach dem antiken Wort für die Gegend zwischen Weichsel, Wolga, Ostsee und Schwarzem Meer. Eine poetisierte, aus der Erinnerung und Recherchen geborene Welt, die sich in Bobrowskis Lyrik auf den nördlichen Teil der antiken Gegend bezog – dort, wo er aufgewachsen war und er sich als Soldat einer Nachrichtenkompanie am Krieg beteiligt hatte. …
Die ersten Gedichte, die er schrieb, sind bereits Mitte der dreißiger Jahre entstanden. 1944 erschienen acht von ihnen in der Zeitschrift Das innere Reich, in der auch Autoren wie Günter Eich und Peter Huchel veröffentlichten. Die Gedichte von Letzterem waren es auch, die den Kriegsgefangenen, der in einem Bergwerk im Donezbecken arbeitete, tief beeindruckten. Wie bei Huchel spielen in Bobrowskis Versen Natur und Landschaft eine zentrale Rolle. Prägend für ihn war die multikulturelle Gegend um die Memel, wo Deutsche, Litauer, Polen, Russen und Juden bis zum zweiten Weltkrieg zusammenlebten. …
Doch trotz aller Bezüge zur osteuropäischen Landschaft sind Bobrowskis Gedichte keine Naturlyrik, kein reiner Ausdruck der Schönheit der Natur. Landschaft ohne Menschen, schrieb er einmal, das sei für ihn gar keine Landschaft. Andererseits sind es gerade die Naturbilder, die an Bobrowskis Gedichten zunächst faszinieren. Sie geben dem Leser in den teilweise schwierigen, in der Tradition moderner Lyrik schroff gegeneinander gesetzten Bildern eine Ahnung vom Verständnis. Mit der eigenen Naturerfahrung verknüpft, entfaltet sich an ihnen auch der Zauber seiner Verse: „Traum, / mit des Habichts Schrei / endend, dem Rauschen, / hoch, / Zeichen an bläulicher Wand, / gekratzt in den Mörtel / mit dem Nagelrand, Bild, / Abbild, / sarmatisch“ (Stromgedicht).
2008 übernahmen … die Historischen Sammlungen der Landesbibliothek Berlin die rund 2200 Bücher des Dichters. Bis zum 31. März sind einige von ihnen im Lesesaal der Sammlung in einer kleinen Ausstellung zusehen, zusammen mit Fotos und anderen Zeugnissen des Dichters.
Kurt Leonhard, der vor 100 Jahren geborene Esslinger Kunstwissenschaftler, Lyriker und Übersetzer, war kein Napoleon des Geistes. Er saß weder auf dem überheblich hohen Gedankenross noch auf einem ordentlichen Lehrstuhl, sondern gab – unter anderem – Volkshochschulkurse. Schopenhauer, der Denker des Nichts, stand ihm näher als der philosophische Spekulant Hegel. …
Das Heilige war Leonhard, dem erklärten Agnostiker, eine zutiefst vertraute Kategorie. Als Autor eines maßstäblichen Buchs über Dantes „Göttliche Komödie“ war ihm der Gedanke einer Transzendierung der menschlichen Existenz nahe, einer Transzendierung freilich, die sich nicht mehr in religiöser Heilsgewissheit, sondern allenfalls noch in künstlerischen Grenzüberschreitungen eine Form gibt.
Solche Offenheit für das Transzendente, das ganz Andere blitzt nicht zuletzt in der Lyrik Leonhards auf, einem eigenständigen Oeuvre, das der Autor wie geheime Notate lange Zeit im Verborgenen hielt (eine Auswahl gab Friedhelm Röttger 1997 unter dem Titel „Leuchtfische“ im Bechtle Verlag heraus). Als „Nachdichter“ und „Sekundärliterat“ pflegte sich Leonhard in einer Mischung aus Bescheidenheit und der ihm eigenen Ironie zu apostrophieren – dem eigenen Werk nicht gerecht werdend und doch einen zentralen Aspekt seines Wirkens unterstreichend: Als Vermittler, namentlich in der Position des Lektors beim Esslinger Bechtle Verlag, prägte er in den 50er-Jahren das hoch ambitionierte Programm des Hauses und hörte das Gras literarischer Innovation wachsen. Die damals noch unbekannten Namen, die er bei Bechtle zur Ehre der Buchaltäre erhob, lesen sich heute fast wie eine Enzyklopädie der deutschen Literatur jener Zeit: Helmut Heißenbüttel, Peter Härtling, Heinz Piontek und Johannes Poethen sind nur einige von ihnen. / Martin Mezger, Eßlinger Zeitung 30.1.
Die dänische Poesie ist hierzulande wenig bekannt, auch wenn es in den vergangenen Jahren immer wieder Versuche gegeben hat, den Blick auf die literarische Vielfalt unseres Nachbarlands zu lenken. So stellte Peter Urban-Halle in der in Berlin erscheinenden Zeitschrift „Park“ (62/2007) ein Gruppenbild dänischer Poesie zusammen, und der Schweizer Verleger Urs Engeler bat im Sommer 2009 die Autoren Moritz Schramm und Alexander Gumtz, für seine Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“ einen Blick auf „Neue Gedichte aus Dänemark“ zu ermöglichen. Doch werden Namen wie Lars Skinnebach, Gitte Broeng oder Morten Søndergaard bestenfalls Insidern etwas sagen. …
Der mit dem Petrarca-Übersetzerpreis und dem Preis für Europäische Poesie ausgezeichnete Übersetzer Hanns Grössel (ohne ihn gäbe es die wunderbaren Ausgaben der Gedichte von Inger Christensen und Tomas Tranströmer wahrscheinlich nicht) hat jetzt einige Proben aus dem immerhin auch schon auf neun Bände angewachsenen Werk der 1965 in Südschweden geborenen dänischen Lyrikerin Ulrikka S. Gernes übersetzt. …
Ulrikka S. Gernes entstammt einer Künstlerfamilie, ihr Vater Poul Gernes (eines seiner Bilder ziert den Umschlag der Edition) gründete mit Per Kirkeby und anderen in Kopenhagen eine experimentelle Kunsthochschule; er starb 1996. Gernes’ Gedicht „Die beschlagene Scheibe: Requiem“ erinnert an den Vater und beginnt mit den Worten: „Zum ersten einzigen Mal / habe ich meinen Vater auf dem Schoß, / auf dem Rücksitz des Autos den ganzen Weg / nach Hause. Die Asche meines Vaters.“
Das gesamte Gedicht ist ein Abgesang auf die Vergänglichkeit, die Asche des Vaters, die hier in einem „trotzigen Tanz“ über alle Zäune wirbelt, als „Staub und Erinnerung“. Doch das Tote wird beinahe noch einmal lebendig, und das Gedicht klingt mit einer suggestiven Erinnerung an den letzten Atemzug des Vaters aus – fast ein Stoßseufzer: „Vater, / im Ausatmen unter meinen Lippen.“
… Das Leben als letzter Widerstand rinnt durch jede Ritze dieser Verse, die so durchscheinend sind, weil sie das Dunkle im Hintergrund nie leugnen. Ecce poeta, bitte mehr davon. / Volker Sielaff, Tagesspiegel 31.1.
Ulrikka S. Gernes: Wo Schmetterlinge überwintern können. Gedichte. Friedenauer Presse, Berlin 2009.
32 S., 9,50 €.
Andreas Noga
lyrischer abend
nach der feier der wörter schliefen wir
unseren rausch aus:
all die sätze die wir hörten
zum verkosten in den mund nahmen
waren hochprozentig
sie stiegen zu kopf mit jeder
neuen zeile die eingeschenkt wurde –
wir tranken stürzten verse
in uns hinein tranken als gäbe es
ein morgen das nach dem erwachen
prosaisch kommt
Sistig, 7. November 2009
Tom de Toys schrieb in mein im letzten Sommer gegründetes Facebook-Forum Lyrikzeitung (aber jetzt ist Winter, und ich habs nicht gleich gefunden. Sonst hätte ich mir #145. Rausch und Literatur sparen können! Danke, Tom, fürs Aufpassen!):
Widerlegung der Hanser-Hypothese eines ansonsten Abstinenten
„Verleger Michael Krüger hält Zusammenhang zwischen Schreiben und Alkohol-Konsum für eine Ausnahme: Man weiß wenig über den Alkohol-Konsum von Schriftstellern. Dieses Fazit zieht der Autor und Verleger Michael Krüger. Er glaube nicht, dass sich Autoren in einen Rausch tränken, um anschließend mit dem Schreiben zu beginnen, sagte Krüger im Deutschlandradio Kultur. Ausnahmen habe es jedoch bei Schreib-Experimenten in der surrealistischen Periode gegeben. Der unter Schriftstellern verbreitete Alkoholismus hänge eher mit der psychischen Natur vieler Autoren zusammen, die der eines verwundbaren Kindes ähnele.“
29.1.2010 (11:30h) @ www.dradio.de/kulturnachrichten/201001291100/2
Als ich vorhin zufällig im Radio das ganze Interview zu dieser Kurzmeldung hörte, fragte ich mich, ob das dazugehörige Buch nicht „gut läuft“ und die erneute Aufwärmung verhindern soll, daß der Verleger im Frustsuff ertrinkt, denn: das hatte ich doch schonmal gehört oder gelesen… aber wo und wann? NATÜRLICH: IN DER LYRIKZEITUNG :-))) Nämlich vor fünf Jahren:
http://www.pom-lit.de/lyrikzeitung/lpoe2005okt2.html
= 92. Mit Rum gedruckt:
(…) Der Schriftsteller Michael Krüger ahnte es schon vor Jahren: Schreiben und Trinken bedingen einander. In seinem Buch „Literatur und Alkohol“ stellte er den unbedingten Zusammenhang von Poesie und Promille her. / Spiegel 21.10.
Michael Krüger / Ekkehard Faude: „Literatur und Alkohol“ (Libelle Verlag):
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/371804/
= 29.04.2005 © 2010 Deutschlandradio: „Vom Trinken und Schreiben“ (Von Katharina Rutschky)
Bei der weiteren Recherche staunte ich nicht schlecht: Dieses Buch wurde damals ja bereits im DRadio besprochen! Nun bleibt für mich die Frage offen, ob das HEUTIGE Interview womöglich DERSELBE Beitrag von damals ist? Ein Lückenfüller??? Oder Aufwärmung des Themas in Zeiten von allmählich hinfort schmelzendem Glühwein??? Da kam mir die zündende Idee: ich habe doch selbst einmal 1 Gedicht unter A-Einfluß fabriziert, ja doch: 1 einziges Gedicht von mir ist WÄHREND DES A-RAUSCHES entstanden! Das war… warte… müßte 1997 in jenem Düsseldorfer Café xy gewesen sein, wo „Das Rilke Radikal“ während seiner D’doof-Tour gastierte! Ha! Gefunden! Und so kann ich nun den r-A.-dio-Beitrag auffrischen und die Hanser-Hypothese wiederlegen, daß Alkohol nur vor oder nach dem Inspirationsrausch konsumiert würde, sondern auch DABEI – welch unglaublich unerwartete Sensation! Der Titel meines Gedichtes lautet „(ohne Titel)“, veröffentlicht ist es im vergriffenen 97er-G&GN-Heft „FÜR IMMER WACH“:
Tom (de) Toys, 7.4.1997 @ Café Modigliani
(ohne Titel)
schon wieder nichts
zu schreiben nur die zeit
die jeder geist benötigt
um sich selbst
zu überlisten als ein
brillenloses ungetüm
mit sprachgenossenschaften
in den einzelnen
bewußtseinslandeplätzen
windungen mit windgeschwindigkeit
das lachen bleibt
im linken nasenflügel stecken
wie ein amputierter engel
der zu keiner bodenständigkeit
bereit sein kann solange
bilder gegen bilder kämpfen
P.S. mein anderes A-Gedicht vom 18./19.2.1996: „KARNEVAL IN DOITSCHLAND (100 JAHRE B(R)ETON)“ ist NICHT unter A-Einflußß entstanden, sondern IMITIERT nur den a-bedingten Drehimpuls des Sprachzentrums und wurde damals von einem Kölner Realschüler im Deutschunterricht (nicht bei Theo Breuer, da waren nur Mädels) dementsprechend grandios performt! auch darüber berichtete L&POe bereits:
http://www.pom-lit.de/lyrikzeitung/lpoe2008jan3.html
= 122. Karnevalismus: Das folgende „karnevalismuskritische“ Gedicht von De Toys wurde damals von Schülern einer Kölner Realschule, wo er eine Deutschunterrichtsstunde mitgestaltete, theatralisch performt, um die „besoffene“ Auflösung des Reims stimmakrobatisch nachzuempfinden, wodurch allen der fröhliche Zugang zur Lyrik erleichtert wurde…
(c) G&GN-Institutsarchiv @ http://www.wulle.de/GGN/TACHELES/tt2.htm#karneval
Kommenden Donnerstag können Literaturfreunde in Hamburg zwischen dem neuen ham.Lit-Festival und einem Abend zu Ehren des Autors Hermann Peter Piwitt, der gerade 75 wurde, wählen.
„Vom Roman bis zur experimentellen Lyrik, über Erzählung und Slam, spannt das Festival einen Bogen bis hin zur Musik“, sagt die Website des Festivals. Dabei sind u.a. Jan Wagner, Ann Cotten, Daniel Falb, Monika Rinck. (Das Wort „experimentell“ gehört ja zu den leeren Füllwörtern des Betriebs. In dem Kontext bedeutet es meist einfach: „Seht her, wir haben auch Lyrik dabei“).
Über die andere Veranstaltung berichtet Frank Keil, Die Welt 31.1., daß
einer der ganz großen Hamburger Autoren geehrt wird: Hermann Peter Piwitt. Den Schriftsteller, der gerade 75 Jahre alt wurde, hat man einst in einem Atemzug mit Peter Rühmkorf, Hans-Magnus Enzensberger oder Martin Walser genannt. Und dann? „Die merkwürdigen Usancen des Literaturbetriebes führten dazu, dass Hermann Peter Piwitt mehr und mehr zum Geheimtipp avancierte und seine öffentliche Wahrnehmung sank“, heißt es leidlich verlegen im Programmflyer des Literaturhauses.
(Übrigens heißt die Welt-Überschrift: „Junge Wilde und ein alter Meister“)
Das Literaturhaus Frankfurt und das Hessische Literaturforum im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm bekommen neue Leiter. Der Lyriker Hauke Hückstädt wird Programmgeschäftsführer, und Harry Oberländer übernimmt die Stelle seines bisherigen Chefs Werner Söllner. Dieser hatte bei einer Münchner Tagung über die Securitate eingestanden, eine Zeitlang für den Geheimdienst gearbeitet zu haben. Bericht bei Faz.net
Vgl. L&Poe
Ich glaube eben nicht, dass man während des Rausches schreibt. Es gibt Ausnahmen. Also zum Beispiel der berühmte französische Dichter Henri Michaux hat im Peyote-Rausch automatisch Texte geschrieben. Es gibt auch andere Beispiele, die das versucht haben. Nur ist das eher sozusagen aus der surrealistischen Periode der Écriture automatique, dass man versucht hat, was kommt eigentlich raus, wenn man die Barrieren des Bewusstseins niederreißt und sich im Rausch befindet.
… einer der berühmtesten Fälle ist natürlich immer Dylan Thomas, der ein wirklicher Alkoholiker war, also ein Kranker, ein krankhafter Trinker, der aber dann, wenn er gesoffen hat, tatsächlich so etwas Dionysisches kriegte, und seine unerhörten Metaphern sozusagen sind auch dem Rausch geschuldet.
/ Michael Krüger im Gespräch mit Jürgen König, DLR 29.1.
Feinde hat er viele, denn der Homo sapiens sapiens, besonders wenn er auch noch Kritiker und Schriftsteller ist, hat Probleme mit Gattungsgenossen, die geheimnisvoller als er selber sind. Ian Hamilton („Lyriker, Essayist und Robert-Lowell-Biograf“) hat lange auf den Spuren Salingers geforscht. Eine Erforschung des „Privaten“, die er mangels hinreichender Ergebnisse als Essay präsentiert. Aber wenn man „Das Werk und der Rest. Auf der Suche nach J.D. Salinger“ gelesen hat, hat man den Eindruck, noch weniger über den Menschen zu wissen: als habe Hamilton die Puzzleteile beim Lesen nur neu arrangiert. Und das Werk, zerpflückt mit dem einzigen Ziel, Hinweise auf die Biografie zu finden, macht einer parasitären Textauslegung Platz. / Jacques A. Bertrand, Le Magazine Littéraire (Nachdruck einer Rezension von 1989)
Ian Hamilton: Auf der Suche nach J. D. Salinger („In search of J. D. Salinger“). Limes-Verlag, Berlin 1989
Christophe Fricker, mittlerweile 32 Jahre alt und folglich in dem Alter, wo man so langsam seinen Platz im Leben einnimmt, beschreibt in diesem Buch die Reisen seiner Zwanzigerjahre. Der seit Jahren an einer amerikanischen Hochschule deutsche Literatur unterrichtende Autor, der im vergangenen Jahr den Hermann-Hesse-Förderpreis erhielt für seine bemerkenswert formbewusste Lyrik, ist sich der Ambivalenz von sogenannter Reiseliteratur durchaus bewusst. Ironisch und subtil thematisiert er ihre Gefahren. …
Auch der Lyriker macht sich in diesen anschauungsgesättigten, doch immer auch reflektierten Texten bemerkbar, insofern der Autor geradezu Pilgerfahrten zu dem von ihm besonders geschätzten Dichter Dick Davis in Columbus, Ohio oder zu Robert B. Shaw unternimmt, der am Mount Holyoke College lehrt, das man durch Joseph Brodsky kennt. /Tilman Krause, Die Welt 30.1.
Christophe Fricker: Larkin Terminal. Von fremden Ländern und Menschen. Plötter, Leipzig. 144 S., 14, 90 Euro.
2001 wurde der Ernst-Jandl-Preis initiiert, der mittlerweile alle zwei Jahre verliehen wird. 2009 wurden alle beim Preis lesenden Autorinnen und Autoren sowie die Jurymitglieder gebeten, sich künstlerisch mit einem Jandl-Gedicht auseinanderzusetzen. Das Ergebnis dieser Arbeiten liegt nun in Buchform vor: von Jandl weg auf Jandl zu ist beim Czernin Verlag erschienen, herausgegeben von Reinhard Urbach. Vertreten sind namenhafte Schriftsteller wie Jandls langjährige Freundin Friederike Mayröcker, der mittlerweile ebenfalls verstorbene Thomas Kling, selbst Ernst-Jandl-Preisträger von 2001, und die Nobelpreisträgerin des Jahres 2009, Herta Müller. Aber auch unbekannte und vor allem junge Autoren finden sich in der Anthologie versammelt. Und alle gedenken sie Ernst Jandl auf vollkommen verschiedene Weise. Kurze Essays, mosaikartige Gedankenbilder, Antwortgedichte, von Jandls Gedichten inspirierte Gedichte, Bilder, Collagen – die Formenvielfalt dieser 47 Begegnungen und Überlegungen, wie es im Untertitel heißt, ist groß. Fortsetzen solle man Jandls Gedichte, hat Helmut Heißenbüttel gefordert. Doch was heißt das? / Kristoffer Cornils, Berliner Literaturkritik 29.1.
URBACH, REINHARD (HG.): von Jandl weg auf Jandl zu. 47 Begegnungen und Überlegungen. Czernin Verlag, Wien 2009. 108 S., 17€.
(Bei der Berliner Literaturkritik steht: von Jandl weg nach Jandl hin. Nach einem Hinweis Ron Winklers, s. Kommentar, habe ich das korrigiert. M.G.)
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