In Michael Brauns DLF-Lyrikkalender am 18.2. das Gedicht „a wird eintreten“ von Oskar Pastior zum Lesen und Hören.
Begehren ist besser als Natur. Die Naturschönheit ist immer tautologisch (schön ist, was schön aussieht). Deshalb ist sie an sich auch so langweilig. Und muß mit anderem aufgeladen werden. Mit Mystik und Lyrik zum Beispiel. Der Honig, der in Vergils Text vom Himmel fällt und von Bienen lediglich gesammelt wird, ist viel schöner als der Honig, der von den Bienen ganz natürlich produziert und von Imkern kultiviert wird, allerdings auch weniger nahrhaft. / Peer Schmidt, junge Welt 18.10., über den Berlinalefilm »Bal« (Honig) (BRD/Türkei 2010) von Semih Kaplanoglu.
„La Guerra – Der Krieg“ ist der letzte Band der Werkausgabe des 1939 verstorbenen spanischen Nationaldichters Antonio Machado. Die Texte, die vor dem Hintergrund des Spanischen Bürgerkriegs entstanden, zeugen von seiner wachsenden Desillusionierung.
„Ich denk an Spanien, das ganz verkaufte,/von Fluß zu Fluß, von Berg zu Berg, von Meer zu Meer.“ dichtet Antonio Machado im Februar 1937 in Valencia, wohin er, aus Madrid kommend und der republikanischen Regierung folgend, vor den vorrückenden Truppen des Putsch-Generals Franco geflüchtet ist. …
Letzte Gedichte, darunter das auf die Ermordung Federico García Lorcas hin entstandene „Das Verbrechen geschah in Granada“, und Essays, Berichte und Bekenntnisse, einen Dramentext und Reflexionen von Machados „apokrypher“ Kunstfigur Juan de Mairena versammelt dieser Band. / Gregor Ziolkowski, DLR 16.2.
Antonio Machado: La Guerra – Der Krieg
Schriften aus den Jahren des Spanischen Bürgerkriegs
Herausgegeben und aus dem Spanischen übertragen von Fritz Vogelgsang
Ammann Verlag, Zürich 2010
320 Seiten, 34,95 Euro
ICH WERDE MÜDE, WEIL ICH NICHT MEHR DREIZEHN BIN,
Zu keinem Großkonzern gehör, zu keiner Schule,
Mich fickend, pissend, scheissend in den Medien suhle,
Gewalt und Sex kopiere, Angepasstheit hin
Und Ausgelaugtheit her, es gibt Genieoasen
In jedem Zeitungswinkel, in den Talk Show Soaps,
Mit siebzehn hätt ich alles hinter mir, des Lobs
Nun voll, liess ich mir von den Jurys einen blasen,
Wie kann man diese Brühe sich nur einverleiben,
Es gäb kein Land, in dem ich lieber draussen läge,
Die Ostsee und der rauhe Wind, die ganze Scheisse.
In Sachsen lohnt es sich, noch länger wach zu bleiben,
Für meinen eigenen Tod wär ich wohl viel zu träge,
Ich seh den Güterzügen zu und werde weise.
/ Thomas Kunst, Leipzig
Polen 2
Und als sie mich, trotz allem, zu ihrem Dichter
erklärten.
Und als ich, statt den ironischen, bitteren
Augenblick abzuwarten
und triumphierend zu leugnen, in diesem
ordinären Licht stand und blinzelte.
Und als
(das sage ich nicht, aber das gibt’s,
das gibt’s!)
Aus: Jahrbuch der Lyrik 2001. Hg. von Christoph Buchwald und Ludwig Harig. München: C.H. Beck 2000, S. 103. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall
Englische Nachdichtungen seiner Gedichte gibt es hier .
Unter diesem Titel erschien eine Auswahl aus dem Werk der arabischen Dichterin Khansa (Al-Khansa, Al-Khanza) (590-644*). Le Verdoyant schreibt:
Khansa gehörte zur Generation des Propheten Mohammed, der ihre Verse schätzte. Ihre Gedichte erregten die Bewunderung ihrer Zeitgenossen, aber auch den Enthusiasmus von Dichtern nachfolgender Generationen. Sie war die fruchtbarste Autorin der archaischen Epoche – über tausend Gedichte werden ihr zugeschrieben. Nach einer Begegnung mit Mohammed trat sie zum Islam über.
Moi, poète et femme d’Arabie
KHANSÂ Al-H̠ansā‘ (en arabe: الخَنْساء)
Sindbad
Anissa Boumediène (Traducteur)
ANNIE ANISSA EL-MANSALI (Traducteur)
Einige Proben in:
“Die Flügel meines schweren Herzens. Lyrik arabischer Dichterinnen vom 5. Jahrhundert bis heute” (Manesse 2008)
* Andere Quellen sagen: 575-646
Das Verschwinden der Poesie aus den Zeitungen beklagen David Vajda und Tobias Heitzer, das Vermodern von Gedichten auf Blogs ist ihnen zuwider. „Das Wort an sich zählt“, sagt Letzterer. Gedichte müssen vorgetragen werden, finden sie. Sie sind auf der Suche nach einer zeitgenössischen Präsentationsform für das am schwersten zu vermittelnde literarische Genre: die Lyrik. Dabei denken die beiden Studenten nicht an klassische Lesungen, etwa in Buchläden – etwas höher muss der Glamourfaktor schon sein.
Sie haben keinen Verlag gegründet, über den sie Liebhabereditionen ihrer Werke herausgeben, sondern ein Poesielabel mit dem Namen „Perplex“. „Wir wollen eine Plattform für Junglyriker sein“, sagt Tobias. Im Dezember 2008 kam ihm und Vajda die Idee, mit der sie mit einer Lesung im Dezember 2009 an die Öffentlichkeit traten. / zeitjung.de
gibt die taz unter Rubriken wie: „Der Film in einem Satz“, „Darum geht‘s“,“Der beste Moment“ und unter „Diese Menschen mögen diesen Film“ lesen wir:
Wer “I’ll Be There” über Bob Dylan mochte und sich gerne noch einen xten Handlungsstrang mit einer comichaften Bebilderung von Dylans “Subterranean Homesick Blues” gewünscht hätte.
Das Ensemble der Akademie für gesprochenes Wort feiert am Freitag, 26. Februar, um 19.30 Uhr den hundertsten Geburtstag von Max Bense.
Die Sprecher Florian Ahlbohrn, Daniel Zinnöcker, Julia Katterfeld, Sarah Stuckenbrock und Nina Lentföhr verbinden Benses Texte in einer Collage mit den Texten seiner Zeitgenossen Helmut Heißenbüttel und Reinhard Döhl. In Stuttgart
Les chants de Maldoror
Tal des Moloch, Narr des
Alls. Rote Mordschande
der Scham – o rasend toll
des roten Dolchs Alarm.
Aus: Aus zerstäubten Steinen. Texte deutscher Surrealisten. Aachen: Rimbaud, 1995, S. 86.
Les chants de Maldoror: Gedichtsammlung von Lautréamont (eigtl. Isidore-Lucien Ducasse), 1847-1870. Deutsch bei Rowohlt (Die Gesänge des Maldoror)
Manchmal ist das Alltägliche mir zuviel. Da warf mir vorhin mein Computer meinen Chablis-Text, Thema Gedichte, auf den Monitor. – – – – Chablis ist eine Gemeinde in der Region Burgund (Frankreich). Der dort angebaute Wein ist fruchtig, trocken und von einer erfrischenden Säure. Chablis hat meist eine grün-goldene Farbe. – Chablis war auch der Nick eines online-Freundes. Meine Zeilen über LYRIK an Chablis setze ich hier drunter.
*
In einem Punkt hast du Spürsinn gezeigt, Chablis und ins Schwarze getroffen. Du „rügst“ die Zeilen
Orangen sind in der Orangerie,
Spargel in Buntblechdosen.
Der Fürst hat um ein Gedicht gebeten.
Huldvoll hält es die Maitresse
in den von Sünde durchscheinenden Händen.
– Ja, diese Zeilen sind ein Fremdkörper. Ich habe sie, aus anderem Zusammenhang, ins Gedicht hinein genommen. Das ist ein bekanntes Verfahren. Man nennt es Montage. – Der Fremdkörper tritt durchaus zum vorangegangen Teil des Gedichts in Beziehung. Um einen solchen Sprung mitzumachen, ist der Leser gefordert, beweglich zu sein. Er hat ja bereits unterschiedliche Gedanken und Bilder mitgedacht. Er hat den Titel „Eine Straße für uns“ aufgenommen. Dann kam das Drehkreuz, die Wiederholung. Die Tretmühle, das Laufrad. („Und täglich grüßt das Murmeltier“, Filmkomödie mit Phil Connors).
– Die Chausseebäume, die verschrumpelnden Äpfel, oder sind es alte Männer, die da baumeln? Es gibt auch köstliche Dinge, wie Spargel, in Buntblechdosen. Oder jene Geliebte des Fürsten, die um ein Gedicht gebeten hat. Auch für sie mag es (in all den Wiederholungs-Sünden) ein Verlangen, eine Sehnsucht geben nach „eingefangenem Licht“, und wenn, – in einem Text.
– Eine Zeile des Gedichts „umfängt“ etwa das, was man in einem Atemzug sagen kann. Deshalb, Chablis, sind Satzzeichen wie Komma und Punkt am Ende einer Gedichtzeile unnötig. Die folgende Zeile hat ja ihren eigenen neuen Anhub (Atemwechsel). Möglicherweise bist du durch und durch eine prosaische Natur. Man muss, Chablis, um der Lyrik zu begegnen, sich loslassen können. Gedichte sind Gebilde, in denen Worte (auch durch ihre Nachbarschaft) in einer ganz eigenenWeise heran strömen, wobei sie durch Rhythmus, im Tempo (oder in Verzögerung) Bedeutungs-Ebenen schaffen. Ein Gedicht, im Voranschreiten, kann sich entfalten und dabei quasi „sich selbst aufladen“. Es wird zum Träger energetischer Phänomene, die auf den Leser übergehen. Dabei ist das Gedicht oft wie eine Partitur, die erst der Leser, in einem sinnlichen Prozess und in eigenem Zutun des produktiven Assoziierens zum Klingen bringt. Eine Aneignung.
– Du hast versucht, Chablis, dem Verstehen des Gedichts näherzukommen, indem du die Zeilentrennung aufhebst. Damit zerstörst du die zarte Gestalt der Lyrik. Ein Gedicht ist ein kurzer Text in einem zerbrechlichen Gehäuse. Und doch hat das Gedicht Kräfte, ja vibrierende Energie in sich. Ezra Pound hat gesagt, ein Gedicht müsste bis zum Äußersten mit Sinn „geladen“ sein.
– Ich bin dir dankbar, Chablis für deine Stellungnahme. Erst im Austausch werden wir den Dingen näherkommen. Ich fürchte aber, dass du meinem Text nicht locker genug gegenüber trittst. Da schlingt sich ein Wortband in den Raum. Es bläht sich durch die Stube, flattert aus dem Fenster, Wände und Grenzpfähle gibt es nicht mehr. Die Leser empfangen Laute, Bedeutungskörper, Signale, Zeichen. Je sinnlicher die Zeichen sind, je bunter, je schwingender sie sich zu einem Dauerton formen, der lauter Variable hat, um so eher taucht der Leser ein. – So ein Eintauchen ist wie eine Schwimmstunde in der „Ursuppe“. Unser Zwischen-, unser Unter- und das Unbewusstsein, sie werden angesprochen.
– Deine Assoziationen zeigen, dass du nicht nur schnupperst, Chablis, – sondern anbeißt. Es zwickt und zwackt dich. Du fühlst Leerstellen. Da sind Löcher und Nischen im Text und niedliche Nebenhöhlen mit zauberhaften Erotik-Geistern. Ein Wassermann mit Schwarzenegger-Figur tritt aus der Wand und alles ist nicht mehr so, wie in einem Büro, einem Raumschiff, einer Feinstahlküche oder bei einem Stehempfang.
– Ein Gedicht, Chablis, kann in sechs Zeilen „eine Welt“ enthalten.
– Ja, der Kontext, in dem Worte stehen. Moderne Interpreten sind da schnell bei der Hand. So sehen sie bei Shakespeare in seinem 329-Zeilen-Poem „A Lover’s Complaint“ in einem grossen „O“ am Anfang einer Zeile schon das Zeichen für Öffnung, für Lustwünsche. Das führt mich zu einer erstaunlichen Gabe des Gedichts, nämlich bei aller Kürze in wenigen Worten eine Welt, eine dramatische Lebens- oder Liebes-Realität hinzustellen.
– Erich Fried mochte ein Gedicht Rilkes (Nonnen-Klage) besonders, in dem es heißt
„Denk, so kann es vergehn / das Leben / im täglichen Schalle, / ist nicht jede wie jede / wenn nicht irgendein Biß / eine Schramme zurückläßt?“
– Interessant ist, dass man sich oft an einzelnen Gedichten stört, sie aber nicht ganz zur Seite schiebt. So musste ein Redakteur immer wieder böse Leserbriefe beantworten. Er solle keine Sachen mehr von Robert Walser bringen. Man ärgere sich, hieß es, und beim nächsten Mal könne man dann doch nicht davon lassen, sie zu lesen. –
– Robert Walser kam aus Biel (Schweiz), er starb 1956 in Herisau. Seine Bücher werden bei Suhrkamp ständig nachgedruckt. Nobelpreisträger schrieben über ihn. – Hier ist eins seiner Gedichte. Viele hielten es für „übergeschnappt“. Mich reißt es hin.
Was fiel mir ein?
Wie kühl ist mit der Zeit das Herz
mir geworden! Habe ich den Schmerz vergessen,
der eigentlich das Sonnigste des Lebens ist,
woran ich mich erquickte, wie ich noch an keinem
Vergnügen hing? Wann ging die feine Stäubung
dem Schmetterling in mir verloren?
Wann fing es an, wann, wo begann, was mich
entfärbte?
(Robert Walser)
Und damit ENDE, Chablis
/ Wilhelm Fink, Hamburg – www.unterholz.com
Erst war die Blume – dann ihr Bild – dann wurde das Gedicht gesucht. Das Bild: Adonisröschen in der Ruine der Marienkirche, Efes (Ephesos) am 16.2. 2010. In dieser Kirche soll im Jahre 431 ein Konzil die Frage diskutiert haben, ob Maria Gottesmutter oder bloß Christusmutter ist – die Gottesmutterpartei siegte. Ganz in der Nähe das große Theater, in dem der Aufstand der Goldschmiede gegen die von Paulus betriebene Christianisierung („Groß ist die Diana der Epheser„) stattfand.
The poet must be both Casanova and St. Anthony,
He must be Adonis, Nero, Hippolytus, Heathcliff, and Phaedre,
Genghis Kahn, Genghis Cohen, and Gordon Martini
Dandy Ghandi and St. Francis,
Professor Tenure, and Dizzy the dean and Disraeli of Death.
…
Hence the poet must be, in a way, stupid and naive and a little child;
Unless ye be as a little child ye cannot enter the kingdom of poetry.
Hence the poet must be able to become a tiger like Blake; a carousel like Rilke.
Aus: Delmore Schwartz (1913-1966) – Apollo Musagete, Poetry, And The Leader Of The Muses
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