Für den Bischof von London war der „Hound of Heaven“ „eines der erschütterndsten Gedichte, die je geschrieben wurden“, für G.K. Chesterton „das größte religiöse Gedicht moderner und eines der größten aller Zeiten“. Oder, mit Chestertons Witz andersherum formuliert: „Die knappste Definition des Viktorianischen Zeitalters: Francis Thompson blieb ihm außen vor.“ …
Immerhin druckte die 2000 im Münchner Beck Verlag erschienene Anthologie „Englische und amerikanische Dichtung“ drei Strophen aus dem „Hound of Heaven“ nach – in Geilingers recht biederer Übersetzung.
Hätte nur damals schon Paul Wührs Übertragung vorgelegen! Sie präsentiert nun, Ergebnis einer fast zwanzigjährigen Zusammenarbeit mit dem Salzburger Anglisten Holger Klein als Lieferanten von Interlinearversionen, eine kleine Auswahl der Gedichte in ganz eigener Übersetzer-Handschrift. Hier übersetzt ein Dichter, der sein ganzes Leben lang Verse schreiben wollte wie die des Dichters, die er überträgt. Der Band, der dabei entstand, ist das Ergebnis einer hartnäckigen Liebesmüh.
Wührs Liebe ist eine Hassliebe – Hass nicht auf den Dichter des „Hound of Heaven“, sondern auf dessen theologische Vereinnahmung und hagiografische Verklärung durch englische und deutsche katholische Interpreten, auf den „Hofpoeten des Vatikans“, zu dem er gemacht wurde. Wühr nimmt den Dichter Thompson in Schutz vor dessen eigenem Katholizismus, mehr aber noch vor Exegeten, die ihn in konfessionelle Rechtgläubigkeit einzusperren versuchen. / Manfred Pfister, Rheinischer Merkur 9
Francis Thompson: Der Himmelhund und andere Gedichte. Ins Deutsche übertragen von Paul Wühr. Stiftung Lyrik Kabinett, München 2009. 92 Seiten, 20 Euro.
Meineckes leidenschaftliches Verhältnis zur Musik, das er als DJ und Radiomacher für den Bayerischen Rundfunk von Beginn seiner Karriere an gepflegt hat, hat genau hier seinen Ursprung. „Die Sprache ist ja immer auch ein Knast, den man von innen anbohren möchte. Die Beat-Poeten der vierziger Jahre waren deswegen so gierig auf neue Bebop-Platten von Charlie Parker oder Slim Gaillard. Letzterer sang noch, aber es gab keinen Text mehr. Er nannte seine Phantasiesprache ,Vout“. Und Rainald Goetz hat sich Hunderte Nächte lang Techno im Münchner ,Babalu“ angehört.“ / SZ 24.2.
Die ersten Dichter waren in vielen Gesellschaften Historiker, Bewahrer der Geschichten einer Kultur in mündlicher Überlieferung. Erst in jüngerer Zeit wurde die Linie zwischen Poesie und Geschichtsschreibung als unterschiedener Arten, die Wahrheit zu sagen, strenger gezogen – die Wahrheit der Dichtung als eine Sache der Kunst, der Funken Einsicht zwischen den Worten, während sich die der Geschichte in Richtung Wissenschaft und Aufhäufung von Daten bewegte. Um so mehr trifft mich die Nachricht, daß ein Gedicht als „Beweismittel“ für eine revidierte Beurteilung der Hinrichtung von Anne Boleyn durch Henry VIII. diente.
Wie die Zuschauer der Serie The Tudors wissen, hielt man die Anschuldigungen von Ehebruch und Inzest, auf Grund derer sie hingerichtet wurde, für wahrscheinlich erfunden, um dem König zu ermöglichen, erneut zu heiraten und einen männlichen Thronerben zu bekommen. Doch in einer neuen Biographie, die dieses Jahr bei der Yale University Press erscheint, Anne Boleyn: Fatal Attractions, argumentiert Professor G.W. Bernard, daß die Beschuldigungen zu Recht bestanden, und liefert als Beweis ein Gedicht des französischen Botschafters an Henrys Hof, Lancelot de Carles. / Bob Holman, poetry.about.com
Das Gedicht beweise laut Guardian, daß sie zahlreiche Affären hatte und nennt einige Namen von Männern – drei von denen, die tatsächlich zusammen mit ihr hingerichtet wurden.
Anakreons Art
Die lange Straße lang nach Fürstenwalde
Die Dame saß am Steuer ihres Autos
Unter Bäumen voll von Mistelzweigen.
Was bedeuten, sprach ich, Mistelzweige?
Unter Mistelzweigen darf man Damen
Oder doch die Dame seines Herzens
Sagt ich: darf man? muß man, wenn man höflich
Ist, der Mann, zur Dame seines Herzens
Muß der Mann der Dame auf der Straße
Auf der Straße unter Mistelzweigen
Muß der Mann, die Dame darf es fordern
Macht ers nicht, mit Recht ist sie beleidigt
Bräuchlich ist es unter Mistelzweigen
Und sie muß nicht sagen, daß sie´s fordert
Da es sich von selbst versteht wie bräuchlich
Wird der Mann, sie ist ja eine Dame
Ungefragt ihr an die Fotze greifen:
Also sprach ich, vielmehr schwieg die Worte
Sprach die Worte nachher oder schrieb sie
Liebend auf die Dame meines Herzens.
Aus: Karl Mickel, Palimpsest. Gedichte und Kommentare 1975 – 1989 (= Schriften 2). Halle – Leipzig: Mitteldeutscher Verlag 1990, S. 17.
Anthologie als Nekrolog. Nach Jandl nun Mickel. Der Dichter aus Sachsen, der seit Jahrzehnten in Berlin lebte, ist am 21.6.2000 gestorben.
Das Gedicht in Anakreons Art zeigt Mickel a) als unerschrockenen Realisten („Was in den Köpfen ist, muß auch ins Gedicht“), b) als Meister des Handwerks, der die Regeln seines Fachs gelernt hat, c) als Dichter.
Das Versmaß ist der Serbische Trochäus (ein reimloser fünfhebiger Trochäus) – in der dt. Dichtung u.a. durch Herder, Goethe und Platen verwendet. Mickel verwendet den Vers ab der dritten Zeile ganz regelmäßig (und nirgends klappernd). Souverän die Art, wie der Dichter Spannung erzeugt durch Wiederholung von Wörtern und vor allem variierende Wiederholung von Wortgruppen. Die Verse 5 bis 18 (bis zum Doppelpunkt) bilden einen einzigen Satz, der durch die Wiederaufnahmen und Einschübe hindurch Spannung aufbaut und so die – von Klopstock hervorgehobene – Spannungsfähigkeit deutschen Satzbaus extrem ausnutzt. Die drei letzten Zeilen bauen die Spannung wieder sanft ab. Die häufigsten Haupt-Wörter in aufsteigender Folge sind: Mann (4) – Mistelzweig (5) – Dame (8). Das letzte Wort hat die „Dame meines Herzens“, liebend.
© (Für Auswahl und Kommentar) Michael Gratz 2000.
„Du wirst doch jetzt nicht aufstehen und ein Bier trinken, nachdem ich dir den Platz in meinem Bett geboten habe?“ 3500 Jahre ist es her, dass eine Dame der feinen ägyptischen Gesellschaft ein Gedicht an ihren Liebhaber in diesem Ton verfasste – deutlich, offen, selbstbewusst. Eine ganze Sammlung von Liebesgedichten, verfasst von Frauen wie von Männern, wurde vor nicht allzu langer Zeit im heutigen Luxor, der antiken Stadt Theben gefunden. Der Schriftsteller Raoul Schrott hat die Texte aus dem altägyptischen Original, weniger übersetzt als übertragen und unter dem Titel „Die Blüte des nackten Körpers“ herausgegeben. … Auch wenn Raoul Schrott nachdrücklich versichert, dass er die Verse nicht erfunden hat – sie tragen unverkennbar seine Handschrift. / Rotraut Hock, Allgemeine Zeitung 4.3.
Sein Werk wurde in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien publiziert, unter anderem auch in der tschechischen Literaturzeitschrift „HOST“. Der Abend im Goethe-Institut wird vom tschechischen Lyriker Radek Fridrich moderiert und konsekutiv gedolmetscht. / Prager Zeitung
Jan Wagner liest seine Gedichte, Montag, 8. März, 19 Uhr, Goethe-Institut Prag, 1. Stock, Masarykovo nábřeži 32, Prag 1
Raoul Schrott ist nach Mainz gekommen, um bei „Literatur im Foyer“ einen Band mit Liebesliedern aus dem Alten Ägypten vorzustellen. Liebesgedichte hat auch Michael Lentz dabei – genau 100 in seinem neuen Buch. Die Liebe heute und vor 3.000 Jahren: Wie werden die Antworten ausfallen, wenn wir die beiden Schriftsteller mit den gleichen Interview-Fragen konfrontieren? Lesen Sie selbst. / SWR Nachrichten
für März:
Platz 4-5 (-) 75 Punkte
ANDRE RUDOLPH: Fluglärm über den Palästen unsrer Restinnerlichkeit
Gedichte. Mit Illustrationen von Annette Kühn.
Luxbooks
18,50 Euro
ISBN: 978-3-939557-90-6
104 Seiten
„Mittelschwere Lektüre“
„bieder sind wir, doch verschwommen schön“: Das Debüt des Prosanova- Preisträgers von 2008 und gleichzeitig der Beginn einer neuen Reihe junger deutscher Lyrik bei luxbooks.
Zum Autor:
1975 in Warschau geboren, 1993-1999 Studium der Germanistik, Philosophie und Slawistik in Leipzig und Freiburg, 2004 Dissertation über J. G. Hamann
2004-2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Forschungs-Institut in Halle/ Saale
Platz 8 (-) 29 Punkte
DANTE ALIGHIERI: La Commedia/ Die Göttliche Komödie Inferno / Hölle
Reclam Verlag
„Schwierigere Lektüre“
„Lasst alle Hoffnung fahren, wenn ihr hier hereinkommt.“ So ist der Eingang zu Hölle von Dantes „Göttlicher Komödie.“ Aber am Ende winkt doch das Paradies. Eine Neuübersetzung und ein ausführlicher Seitenkommentar, der den Leser, wie Vergil den Erzähler, durch die Hölle leitet.
Und noch ein, diesmal literarischer, Fund aus jener Silvesterausgabe (die alten Zeitungen lassen mich nicht los). Gustav Falke [d.J.] bespricht eine mißlungene Übersetzung des persischen Dichters Rumi. Mißlungen nicht vorwiegend wegen der zahlreichen Deutschfehler des iranischen Übersetzers (hier hätte der Verlag ruhig einen Korrektor einschalten sollen! Natürlich verkneift sich die Zeitung nicht den Schlenker gegen „die Problematik von Digitaldruckwerken“, nunja). Auf lehrreiche Weise mißlungen sei sie vor allem wegen zensierender Eingriffe des Übersetzers. Das Persische unterscheidet das grammatische Geschlecht des/der Geliebten nicht. In dieser Übersetzung werde „der Angeredete“ des Gedichts stets als „die Geliebte“ statt „der Geliebte“ übersetzt. Allerdings habe Rumi seine geistige Initiation der Begegnung mit einem Mann zugeschrieben und diesem auch das Buch, seinen Diwan, gewidmet. Der Übersetzer gehe in seiner Übervorsichtigkeit sogar soweit, den Erzengel Gabriel „Gabriele“ zu nennen und „meine Liebling“ anzureden. (Das Wort Lieblingin ist ihm offenbar unbekannt). Und auch der abendliche Gang in die Schenke werde in dieser Übersetzung verblümt: stattdessen betritt er die „Welt der Trunkenheit“. Und wenn in einem Gedicht der Wein von einem – uns von Omar Khayyam, Hafis und Goethe bekannten – Schenkknaben gereicht wird, ist hier von einer „zierlichen Dame“ die Rede. „Dabei liegt die poetische Pointe der Gedichte gerade darin, das Hohe mit dem Niedrigen zu verbinden. Und sufistisch sind sie, weil sie nicht einfach eine Weltanschauung präsentieren, sondern von Erfahrungen ausgehen, die jeder machen kann.“
(Und damit wären wir wieder, ich nehme all meinen Mut zusammen und liste Themen der letzten Tage zusammen: beim Wurstbrot, bei Benn und Tom de Toys.)
Rumi, Dschalaluddin: Gipfel der Liebe. Ausgewählte Vierzeiler. Zweisprachige Ausgabe
Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, ISBN 3869011718, Gebunden, 212 Seiten, 16,00 EUR
Aus dem Persischen von Ali Ghazanfari
Die Leipziger und insbesondere die Frankfurter Buchmesse dieses Jahres werfen ihre Schatten voraus. Gastland in Frankfurt wird in diesem Oktober Argentinien sein, und daher bildet Argentinien jetzt schon einmal einen Schwerpunkt in unserem Programm. Zunächst ist am 11. März mit Martín Kohan ein prominenter argentinischer Autor zu Gast, und vom 23. bis zum 25. März findet die von deutscher wie von argentinischer Seite ebenfalls hochkarätig besetzte 1. Argentinisch-deutsche Schriftstellerkonferenz „Botenstoffe“ statt, bestehend aus nichtöffentlicher Tagung und mehreren öffentlichen Lesungen in der Lettrétage und im Instituto Cervantes. TeilnehmerInnen: Lola Arias, Pablo Ramos, Laura Alcoba, Felix Bruzzone, Sergio Raimondi, Tilman Rammstedt, Nora Bossong, Juliane Liebert, Julia Zange, Daniel Falb.
Am 17. März wird im Rahmen einer weiteren zweisprachigen Lesung der Kolumbianer Memo Anjel zu Gast sein. Am 24. März wird die Lettrétage Schauplatz eines KOOKspezial, es lesen Ann Cotten, Daniel Falb, Steffen Popp, Monika Rinck und Ron Winkler.
Noch ein Vorab-Hinweis am Rande: Am Freitag, den 12.3. findet in der Buchhandlung Leseglück nach längerer Pause wieder eine Lesung aus unserem Buch Covering Onetti statt. Besonders freut uns, dass erstmals überhaupt die in Montevideo lebende Autorin Martina Kieninger ihren Text vortragen wird; zudem gibt es die Gelegenheit, die Geschichte von Luise Boege mit dem von Denis Abrahams gelesenen Onetti-Original zu vergleichen.
Besuchen Sie die Lettrétage auf der Leipziger Buchmesse! Vom 18. bis 21. März sind wir in freundschaftlicher Standgemeinschaft mit dem Leipziger Poetenladen in Halle 5, Stand D 207 zu finden. Außerdem gibt es Lesungen aus Covering Onetti auf der Leseinsel junger Verlage, am Gemeinschaftsstand lateinamerikanischer Länder sowie während der langen Leipziger Lesenacht in der Moritzbastei.
Doch am schwersten wiegt für Volker Braun die Siegermentalität. Die Wiedervereinigung sei «kaufmännisch unklug» gehandhabt worden; im Gegensatz etwa zum EU-Beitritt Portugals habe es für die DDR keine Karenzzeit gegeben. Das Volkseigentum der DDR verwandelte sich unter Marktbedingungen in ein Defizit, ganze Landstriche verloren ihre Betriebe, und es gab keinerlei Anerkennung für die Leistungen der Menschen – diese Erfahrungen seien nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht verheerend gewesen. «Es war keine gleichberechtigte Situation, in der man aneinander hätte gewinnen können, und psychologisch hatte es zur Folge, dass man nicht mit Neugierde und Lust auf die andere Gesellschaft zuging.» Wünscht er sich manchmal, die Geschichte wäre anders verlaufen und der Osten hätte gesiegt? Volker Braun winkt ab: «Die Dummheit der Sieger wäre noch monströser gewesen.» / Sieglinde Geisel, NZZ 23.2.
Ein Nerd stellt sich auf die Bühne, erzählt die Geschichte der Interpunktion und 100 Leute hören zu. Neue Events bereichern Münchens Subkultur, so auch Lyrik-Abende mit DJ oder multimediale Lesungen.
Normalerweise sollte man nicht davon ausgehen, ein Publikum von mehr als hundert Leuten zu bekommen, wenn man an einem gewöhnlichen Mittwochabend in einem öffentlichen Lokal zu einem Vortrag über die Geschichte der Interpunktion einlädt. Auch wenn es noch zwei weitere Vorträge gibt an diesem Abend, über monovokale Dichtung und über das Pareto-Prinzip nämlich. / F. Kotteder, süddeutsche.de
(Neu ist mir auch die Kopplung von Event und Subkultur. Wahrscheinlich bin ich ja dafür zu alt. Wahrscheinlich sehen sie heute die Grenze zwischen Sub- und Kultur einfach nicht mehr – es ist ihnen nicht wichtig. Wahrscheinlich können sie in Ruhe abwarten, daß die Alten bittschön abtreten. Wahrscheinlich würde ich trotzdem zu dem Vortrag über monovokale Dichtung gehen. Vielleicht es dann bereuen, vielleicht nicht.)
Kerstin Gundt ist nicht nur Dipl. Politologin, sondern auch Liedermacherin und Dichterin. Sie wird den Abend durch ein Quiz sowie durch eigene Lieder und Gedichte zum Thema auflockern. Die Autorin interessiert sich dafür, das Problem der Arbeitslosigkeit zu lösen und möchte dazu beitragen, dass alle Menschen in diesem Land in Wohlstand und Würde leben können. / ND Termine
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