92. stadt / land / fluss

Der jüngst im engagierten österreichischen Leykam Verlag erschienene Gedichtband stadt land fluss des 23 Jahre jungen Grazer Lyrikers Christoph Szalay, der den aufregenden Lebenslauf eines Profiskifahrers mit ehemaligen Olympia-Avancen vorzuweisen hat, tastet sich auf vielfältige Art an seine Worte heran. Anlass zur Dichtung gibt in Kapitel 1 die physische Grenzerfahrung mit unmittelbarer Natur: flüchtige schlaglichthafte Texte zeigen draußen auf dem land hautnahes Erleben in Eis, Schnee und Berg. In Kapitel 2 wird stadt als mondäner Raum besungen, wo der einzelne inmitten einer grotesken Sprachversatzstückwelt verlorenzugehen droht. In fluss, dem etwas stilleren dritten Kapitel, fließt Beziehungsalltag in knappe Reflexionen ein und mündet in zyklische Gedichtpassagen. / Armin Steigenberger, Die Berliner Literaturkritik, 11.03.10

SZALAY, CHRISTOPH: stadt / land / fluss: gedichte. Leykam Verlag, Graz 2009. 184 S., 14,50 €.

[Da ich selber nachschlagen mußte, füge ich einen kleinen Beitrag zur Titelkunde hinzu, Buchmendel wird es gefallen: Ein Buch von Ralph Grüneberger, 1989 im Mitteldeutschen Verlag erschienen, trug den Titel „Stadt. Name. Land“. Das ist eine rein sachliche Information ohne jede weitere Bedeutung. M.G.]

91. Mirko Bonnés Essayband „Ausflug mit dem Zerberus“

Schon in seinem ersten Gedichtband, 1994 in einer Auflage von 250 Exemplaren in einem Hamburger Kleinverlag erschienen, ist es zu verfolgen. Mirko Bonné hat eine ganz bestimmte Poetologie im Kopf, eine Möglichkeit, das Wirkliche und seine fiktive Ausgestaltung nicht als Gegensatz wahrzunehmen, sondern als poetische Einheit. Jedes der damaligen 18 Gedichte, so schreibt Bonné heute, „widmet sich einem bestimmten Ort, Orten, an denen ich war, an denen ich gern gewesen wäre, Orten, an denen sich mein Großvater oder ein literarisches Vorbild aufhielt“….

Das zeigt sich auch in einem Gedicht: es wurde in Buenos Aires begonnen, dem Ausgangspunkt der Reise, beschreibt einen verlorenen Nachmittag dort und taucht im Laufe des Textes rhythmisch wieder auf. Zunächst gibt es nur wenige Zeilen, im Fortlauf der Reise kommt es dann zu immer längeren, veränderten Fassungen, in denen einzelne Verse umgestellt oder gestrichen werden. Am Schluss der Antarktis-Prosa steht auch die Endfassung des Gedichts. Der Text stellt dadurch sein Verfertigtwerden immer wieder selbst aus und zeigt den Prozesscharakter der Phantasie. / HELMUT BÖTTIGER, SZ 10.3.

MIRKO BONNÉ: Ausflug mit dem Zerberus. Verlag Schöffling&Co., Frankfurt am Main 2010. 283 Seiten, 19,90 Euro.

90. Russische Lyrikerin Jelena Schwarz gestorben

Die russische Lyrikerin Jelena Schwarz, ein Star der Untergrund-Avantgarde in der Sowjetunion, ist im Alter von 61 Jahren in St. Petersburg gestorben, meldet Die Berliner Literaturkritik, 15.3.

89. Ernst Herhaus ist gestorben

Thomas Kunst schreibt mir:

Ernst Herhaus, einer der für mich überragenden Prosadichter deutscher Sprache, mit 78 Jahren gestorben.

Seine Romane „Kapitulation“, „Gebete in die Gottesferne“ und „Der zerbrochene Schlaf“ zählen für mich zu den bewegendsten, insistierendsten und sprachgewaltigsten Auseinandersetzungen mit dem Thema Alkohol
in der bundesrepublikanischen Literatur. („Das Ende meines Trinkens war das Ende meiner Ferngespräche.“)

88. Anthologie 33: Arthur Rimbaud, Marine / Seestück

Marine

Les chars d´argent et du cuivre –
Les proues d´acier et d´argent –
Battent l´écume, –
Soulèvent les souches des ronces.
Les courants de la lande,
Et les ornières immenses du reflux,
Filent circulairement vers l´est,
Vers le piliers de la forêt,
Vers le fûts de la jetée,
Dont l´angle est heurté par des tourbillons de lumière.

Hafen

Die silbernen, kupfernen Wagen,
Schiffsschnäbel aus Silber und Stahl
Peitschen den Schaum,
Pflügen der Brombeere Ranken.

Die Ströme der Steppe,
Die unendlichen Spuren der Flut
Kreisen nach Osten hin ab,
Zu den Säulen des Walds
Zu den Bohlen der Dämme,
Im Winkel getroffen vom Wirbeln des Lichts.

Gerhard Haug, in: Arthur Rimbaud, Illuminationen. Übertragen u. herausgegeben von Gerhard Haug. Hamburg: Heinrich Ellermann 1947 (=Das Gedicht. Blätter für die Dichtung), S. 24.

Seestück

Wagen aus Silber und Kupfer –
Aus Stahl und Silber der Bug –
Durchpflügen den Schaum, –
Entwurzeln die Brombeerstrünke.
Die Ströme der Heide
Und die unendlichen Spuren der Ebbe,
Ziehen in Wirbeln gen Osten,
Zu den Pfeilern des Waldes –
Zum Holzwerk der Mole,
Gegen deren Balken andrängen Strudel von Licht.

Uwe Grüning, in: Arthur Rimbaud, Gedichte. französisch und deutsch. Hrsg. u. mit einem Essay von Karlheinz Barck. Leipzig: Reclam 1989, S. 137.

Seestück

Die Wagen von Silber und von Kupfer –
Die Buge von Stahl und von Silber –
Schlagen den Schaum, –
Heben hoch die Strünke der Dornen.
Die Ströme der Heide
Und die Spuren, unermeßlichen, der Ebbe,
Ziehen kreisend gen Osten,
Zu den Pfeilern des Walds,
Zu den Stämmen des Damms,
Dessen Kante gepeitscht wird von Wirbeln von Licht.

Deutsch von Michael Gratz

Dieses Gedicht aus dem Jahr 1872 ist das erste französische Gedicht in reimlosen freien Rhythmen (und eins von nur zweien dieser Art bei Rimbaud überhaupt). Meine Übersetzung bemüht sich um eine exakte Übertragung der grammatischen Struktur und der Wortfolge, da dies nach dem Wegfall von Reim und Metrum die wichtigsten Ordnungsfiguren des geschlossen wirkenden Textes sind. Lieber nimmt sie eine kleine Bedeutungsverschiebung in Kauf (heurté heißt gestoßen, nicht gepeitscht).

© (Für Auswahl, meine Nachdichtung und Kommentar) Michael Gratz 2000.

Nachtrag 2010

Der grammatische Parallelismus ist das auffallendste formale Merkmal dieses Textes. Vielleicht auch ein Schlüssel zum Verständnis. Hugo Friedrich (Die Struktur der modernen Lyrik) betont die Rätselhaftigkeit: „es ist eine Nicht-Wirklichkeit, eine Vernichtung der Sachunterschiede“ [zwischen den ineinandergeblendeten Ebenen von See- und Landstück]. Aber warum gleich deuten? Paul Verlaine, der die Gedichte der „Illuminations“ zuerst herausgegeben hat, wies darauf hin, daß Rimbaud den Titel englisch verstanden wissen wollte, im Sinne von „coloured plates“, kolorierten Stichen. Kleine bunte Bildchen, nicht „Erleuchtungen“! Man stelle sich vor, hier wird in teils kühnen, teils fast konventionellen Metaphern und Figuren ein Sonnenaufgang über dem Meer „gemalt“. Die Wagen wären dann einfach (silber- und kupferfarbene) Wolken, die am Himmel entlangfahren, die stoßen am Horizont mit der Gischt zusammen und münden in senkrecht hindurchstoßende Lichtwirbel.

87. Andreas Okopenko 80

Der österreichische Schriftsteller Andreas Okopenko begeht heute seinen 80. Geburtstag. In den 1950er Jahren wurde er als Lyriker und Herausgeber bekannt und entwickelte sich schnell zu einem der bedeutendsten Vertreter der österreichischen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur.

1998 erhielt Okopenko den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur, vier Jahre später den Georg-Trakl-Preis für Lyrik.

Das Spiel mit der Sprache, aber auch die experimentelle Form des Erzählens kennzeichnen die Arbeiten von Andreas Okopenko. 1930 wurde er in Kosice in der Ostslowakei geboren und zog 1939 mit seiner Familie nach Wien. Seine Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg – Okopenko war ein begeisterter Anhänger der Hitlerjugend – verarbeitete der Schriftsteller in dem 1984 veröffentlichten Roman „Kindernazi“. / Rainer Elstner, Ö1

86. Geheime Akademie

Vor zweihundert Jahren gab es in Deutschland täglich mehrere „Literatur-Zeitungen“ zu lesen, die anspruchsvolle und ausführliche Besprechungen literarischer, philosophischer, politischer und naturwissenschaftlicher Neuerscheinungen brachten. Das erstaunliche Niveau damaliger Bildung resultierte nicht aus einer zufälligen Häufung außergewöhnlicher Talente; es wurde vielmehr von jenen wohlorganisierten Institutionen gefördert, die nach dem Sieg der französischen Aufklärung, der Französischen Revolution und der napoleonischen Armeen an die Stelle von Staat und Kirche getreten waren und die Führung der deutschen Nation übernommen hatten: Universitäten, Verlage, Zeitschriften. Die Jenaische Allgemeine Literatur-Zeitung, deren Gründung Goethe 1803 in die Wege leitete, sollte „einer unsichtbaren Akademie ähnlich sein, die aus einer Menge geheimer Lehrstühle besteht“ – geheim insofern, als die Rezensenten nur Eingeweihten namentlich bekannt waren. / Heinz Schlaffer, SZ 9.3.

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE: „Die Actenstücke jener Tage sind in der größten Ordnung verwahrt . . . „. Goethe und die Gründung der Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zeitung im Spiegel des Briefwechsels mit Heinrich Carl Abraham Eichstädt. Herausgegeben von Ulrike Bayer. Wallstein Verlag, Göttingen 2009. 652 Seiten, 39 Euro.

85. Anti-Arndt

Die Arndtdebatte bietet uns allen die Chance, unser Arndtbild zu hinterfragen, zu überdenken und, wenn notwendig, zu korrigieren.

Das schreibt Jost Ae zur Arndt-Debatte in der Greifswalder Ausgabe der Ostsee-Zeitung vom 13.3. Natürlich hat er Recht. Die Frage ist nur, ob die Chance ergriffen wird. Ich fürchte: nein. Weder von Anhängern noch Gegnern des Namens Ernst Moritz Arndt für die Greifswalder Universität. 1456 vom Greifswalder Bürgermeister Heinrich Rubenow mit Unterstützung des Stettiner Herzogs gegründet als zweitälteste Universität Norddeutschlands, dann fast 200 Jahre schwedische, dann Königlich Preußische Universität, erhielt sie 1933 vom preußischen Innenminister Göring den Namen des Rügeners Ernst Moritz Arndt. Nach dem Zusammenbruch des Nazireichs strich die Verwaltung der sowjetisch besetzten Zone Hakenkreuz und „Ernst Moritz Arndt“ mit Rotstift aus gestempelten Dokumenten, aber in den 50er Jahren besann sich die SED auf „nationale Traditionen“, wozu die „preußischen Patrioten“ Scharnhorst oder Gneisenau und eben auch Arndt gehörten. Seit den 90er Jahren flackert eine Kontra-Arndt-Debatte periodisch auf und ab, jüngst auf studentische Initiative wiederaufgenommen. Eine Urabstimmung der Studenten erzielte allerdings keine  Mehrheit gegen den Namen. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der Universität  findet nicht statt. Arndtgegner verweisen auf Arndt den Franzosenfresser und Antisemiten, während die Befürworter des Namens sich darauf berufen können, daß er in einer Streitschrift die Abschaffung der Leibeigenschaft im damals schwedischen Vorpommern forderte. Manche „Wessis“ schimpfen auf die Ostdeutschen mit ihrem mangelnden Demokratieverständnis, während mancher „Ossi“ von Westarroganz spricht. In Wirklichkeit gehen die Fronten freilich quer durch die „Lager“.

Im Januar (#137. Gedenktag) schrieb ich: „Umbenennungen sind nicht mehr zeitgemäß. Manche Schulen, Straßen, Kasernen oder so Bedürfnisanstalten haben Namen, die nicht jedem gefallen müssen: Aber sie erinnern uns an Geschichte.“ Jetzt muß ich mal in die Gegenrichtung treten, nicht wegen dem Beitrag Aes, dem mein Respekt gilt. Aber in der gleichen Ausgabe steht eine Annonce von über 30 Ost- und Westdeutschen, fast alle Mediziner oder Naturwissenschaftler, die fordern: „Ernst Moritz Arndt muss bleiben“. Ihre Begründung:

Wir wenden uns gegen eine Umbenennung der Greifswalder Universität!

Ernst Moritz Arndt war ein Patriot seiner Zeit, ein demokratischer Vordenker und Freigeist.

Eine Namensenthebung der Greifswalder Universität käme einer ideologischen Geschichtsklitterung gleich, die nicht hinzunehmen ist.

Gewiß, man kann über alle Wertungen trefflich streiten. Ideologische Geschichtsklitterung aber steckt eher in dieser Argumentation. Hat Hermann Göring der Universität den Namen Arndts etwa wegen demokratischer Gesinnung gegeben? Wer mit dieser Begründung für die Beibehaltung des Namens stimmt, muß sich den Vorwurf gefallen lassen, daß er eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der damals stramm konservativen Universität gerade nicht will. Die NSDAP hatte bei Professoren und Studenten schon vor der „Machtergreifung“ starke Positionen (bei den ASTA-Wahlen 1930: 53%, 1931: 60% NSDAP – eine der ersten Unistädte mit absoluter Mehrheit). Von da ging der Wunsch nach Arndts Namen aus – nicht von dessen demokratischer Gesinnung oder Freigeistigkeit, über die man auch diskutieren kann. Wenn der Name bleibt, ist das nicht eine Ermunterung für die dort vorgeführte Geschichtsvergessenheit?

Da dies aber keine Greifswaldzeitung ist, sondern eine in Greifswald redigierte Lyrikzeitung, hier ein gutes Gedicht des Autors, der weiß Gott auch schlechte geschrieben hat. Ich nehme es anstandslos in meine Anthologie auf (nicht ohne vorsichtshalber hinzuzufügen, daß ein Gedicht kein Argument ist):

Ernst Moritz Arndt

Ballade

Und die Sonne machte den weiten Ritt
Um die Welt,
Und die Sternlein sprachen: wir reisen mit
Um die Welt;
Und die Sonne sie schalt sie: ihr bleibt zu Haus!
Denn ich brenn‘ euch die goldenen Aeuglein aus
Bei dem feurigen Ritt um die Welt.

Und die Sternlein gingen zum lieben Mond
In der Nacht,
Und sie sprachen: du, der auf Wolken thront
In der Nacht,
Laß uns wandeln mit dir, denn dein milder Schein
Er verbrennet uns nimmer die Aeugelein.
Und er nahm sie, Gesellen der Nacht.

Nun willkommen, Sternlein und lieber Mond,
In der Nacht!
Ihr versteht, was still in dem Herzen wohnt
In der Nacht.
Kommt und zündet die himmlischen Lichter an,
Daß ich lustig mitschwärmen und spielen kann
In den freundlichen Spielen der Nacht.

Aus: Gedichte von Ernst Moritz Arndt, Frankfurt / Main: P.W. Eichenberg 1818, S. 332.

Anekdote

(verbürgt von meinem Antiquar)

In der zweiten Hälfte der 90er Jahre betrat ein Herr ein Antiquariat in Greifswald in Vorpommern und fragte: „Haben Sie Bücher von Ernst Moritz Arndt?“

Der Antiquar, der auf ein wenigstens kleines Geschäft hoffte, führte den Herrn an einen Glasschrank und zog ein oder zwei Erstausgaben heraus. Aber der Herr warf keinen tieferen Blick auf die Bände, sondern sagte mit Empörung in der Stimme: „Das habe ich mir gedacht, daß Sie hier solche Bücher verkaufen!“

Was der Antiquar (der wie der Herr aus den sogenannten Alten Bundesländern stammte) dem empörten Herrn antwortete, habe ich vergessen oder nicht überliefert bekommen.

Das Buch mit den Gedichten aber habe nachher vielleicht ich gekauft.

84. Gestorben

Der in Marathi schreibende Dichter Govind Vinayak Karandikar starb in Mumbai nach kurzer Krankheit im Alter von 91 Jahren. Geboren wurde er am 23.8. 1918 im Bundesstaat Maharashtra als Sohn eines armen Bauern. 2003 erhielt er den angesehensten Literaturpreis Indiens, den  Jnanpith-Preis. Als Dichter war er unter dem Namen Vinda Karandikar bekannt. / dnaindia

83. Kaumsolz

atemhole

innen der lungenbaum das
einmalgeäst mit dem luftsaft.
hochgekrempelte sorge.
obenwabe. auchholz. windig.

unten im elefantenfuß
boden zieht einmal ums andre
die wurzel am

kaumsolz.

hängeknitter. vorsteherlampe.
auchmilch.

wer also mehr weiß […]
vom klumpigen […] flügel
schlag an die decke […]
vom […] fallisch
ernährboden

: soll sich doch werfen
im sprung
ins luftparadies

deiner atemhole.

Kaumsolz

‚atemhole’ erschien bereits vor vier Jahren, und ich hab mir dies Gedicht jetzt wieder angeschaut, weil Michael Gratz mich einlud, etwas zu einem eigenen Text zu sagen, und weil mich gerade (wieder) sexuelle oder zumindest den Körper betreffende Themen interessieren. Dies Letztere liegt zum Teil an dem glücklichen Umstand, dass ein anderes Gedicht aus diesem Umkreis derzeit vom Berliner Komponisten Pèter Köszeghy vertont wird, zum andern an der Art dieser Dauerkonstellation, die eine ist, von der gesagt wird, sie suche sich den Autor (und nicht umgekehrt). Das Sexuelle erscheint hier verschlüsselt, das ist klar. Der Neologismusexzess wirkt (auf mich jetzt) erst mal abschreckend. Aber einfacher, was den Klartext betrifft, geht es kaum. Ich möchte hier jetzt in den Trichter zurückmurmeln, auf den Punkt zu als das Gedicht vor sechs Jahren entstand, was im Moment nichts anderes bedeutet als es abzulaufen wie einen Gemüsegarten oder zumindest eine Schneise durch Mischwald; und was quasi einer sich selbst erfüllenden bzw. zerstörenden Übersetzung gleichkommen könnte, nähme man es als Kommentar. Das Gedicht zeichnet den männlichen Körper nach und stellt ihn auf ganz alte überkommene Weise ins Oben-Unten-Schema, das die Interpretation gleich mitliefert. Oben ist die Luft, die ich atme; unten die anatomische Automatik, die mich durch alles hindurchlotst. Bis zur ‚auchmilch’ zeigt das Gedicht nur diesen Gegensatz. Also dadurch, dass es ein Gegensatz ist, stellt es sich ganz selbstverständlich ins Abendland, in sein (neu-)platonisch-christlich Verquastes. Man kann sich nicht aussuchen, in was für einem Kontext man steht. Frei nach Rimbaud: Was kann ich dafür, wenn ich als nassgewordene Pappschachtel in den Magazinen der Alexandrinischen Bibliothek aufwache? Diese Frage, was Tradition, also Schnipsel davon, bedeuten können, stellte ich mir, um mir vor Augen zu halten, ob und wie im Gedicht funktionieren könnte, was so naheliegt. (An jedem gesprochenen Wort hängt der Körper des Sprechers.) Ausschlaggebend für die semantischen Brösel dieses Gedichts ist, glaube ich, dass ich dem Kern des Problems, also dem Etwas, das sie zusammenhält, offensichtlich den Namen ‚kaumsolz’ gebe. Was ist das? Schöne evidente, prinzipielle Verschrobenheit, ihre Abkürzung, ihr Eigenname. Was so heißt, kann nur einmalig prinzipiell sein. Einsam und verdeckt hockt es im Herzen der Finsternis als lebenslanges Energiebündel. Zurück zur Atemluft: Der beinharte christliche Materialismus hat ja eine Entsprechung, das Oben, den Geist, das Pneuma – mal sehn, wie weit das reicht.

/ Marcus Roloff

‚atemhole’ aus: Gedächtnisformate. Gedichte, Gutleut Verlag, Frankfurt am Main/Weimar 2006

In der Reihe „Selbstanzeige“ bisher:

2009 Mrz 130. Aus der Lesbarkeit befreit (André Rudolph)

82. Nora Gomringer leitet Künstlerhaus

Stabwechsel im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg: Die erst 30-jährige Nora Gomringer hat hier künftig das Sagen. Sie ist damit die jüngste Leiterin einer staatlichen Kultureinrichtung in Bayern.

Der Wechsel könnte krasser kaum sein: Auf den 65-jährigen, distinguierten Kunstkenner Bernd Goldmann, der in Ruhestand geht, folgt die junge Wilde. »Punk und Aufstand» möchte sie zwar nicht gleich in das Haus bringen, aber doch mehr Bewegung und Offenheit. Dafür bekennt sich Nora Gomringer auch klipp und klar zum Event: »Ich sehe das zwar sehr gespalten, aber als Notwendigkeit.» …

Im Herbst kommt ihr neuer Lyrik-Band heraus. Als lesende Autorin, Poetry-Slam-Künstlerin und Rezitatorin hatte sie bislang einen vollen Terminkalender, der sie quer durch die Lande führte. »Das werde ich künftig nur noch nebenher und am Feierabend machen», sagt sie. / Hilpoltsteiner Zeitung

81. Unsere Hoffnung

Bevor der jüdische Staat Israel – mit weitreichenden Folgen für die Region – gegründet wurde gab es zionistische Visionäre, meist Europäer, die nach 1948 weltbekannt wurden und zu deren Ehren Straßen, Plätze und sogar Städte in Israel benannt wurden, allen voran Theodor Herzl. Einer, der selbst in Vergessenheit geriet, aber eigentlich ein primus inter pares war, ist Naphtali Herz Imber.

Er wurde 1856 als Sohn frommer Juden in Galizien geboren. Nach einer behüteten Kindheit, in der er schon früh die traditionellen, jüdischen Lehren kennenlernte, machte er sich auf den Weg, die Welt zu erkunden. Nichts hielt ihn mehr im Kaiserreich Österreich-Ungarn. Nach dem Tod des Vaters und antisemitischer Übergriffe in seinem Dorf bereiste er den gesamten Balkan sowie Europa – und schrieb dort das Gedicht Tikvatenu (zu dt.: Unsere Hoffnung) –, danach zog es ihn nach Konstantinopel. …

Er galt als notorischer Herzensbrecher, Trinker und Lebemann, der alle im Dorf mit seinen Liedern und Texten unterhielt – besonders mit einem Gedicht: Tikvatenu. Als er den Text vortrug, war ein Bauer so begeistert von dem Text, dass er eine passende Melodie dazu schrieb – damit war der Grundstein für die Hymne des Staates Israel gelegt. … 1948, als David Ben Gurion den Staat Israel ausrief, wurde sein Text – leicht verändert – zur Hymne des Staates Israel erklärt. / Dominik Nicolas Peters,

80. Man glaubt es nicht,

… aber es gibt Menschen, die sagen, die „Neue Zürcher Zeitung“ war früher einmal besser. Ich glaube das nicht und kann es auch beweisen: „Über den Asphalt / läuft ein Bach. Früher / hätte ich gesagt: So läuft das Leben. / Sag ich heut nicht mehr. / Früher hätte ich den Vers-/fluss weiterlaufen lassen. / Jetzt lass ich den Vers so, / wie er ist.“

Tonnen von Zeitungen werden von so einem Gedicht aufgewogen. Und wer druckt es? Die „Neue Zürcher Zeitung“. Der Autor heißt Michail Kukin und es ist aus dem Russischen übersetzt von Kay Borowsky. Ich zitierte das Gedicht, um in der „Presse“ mahnend an die „Neue Zürcher Zeitung“ zu erinnern und weil darin vom Schreiben die Rede ist: Den Dichter Kukin hat eine Müdigkeit erfasst, aber er gibt nicht auf. Früher, da hätte er … Na und, jetzt hat er’s doch schon mit den ersten zwei Zeilen, dann braucht er nur noch hinzuzufügen, dass er früher aus dem Bach einen Fluss gemacht hätte, jetzt lässt er den Bach Bach sein – und schon steht seine gegenwärtige Lyrik. / Franz Schuh, Die Presse 13.3.

79. Sting-Songs

Geduldig von Song zu Song lesend, zweifelt man nicht daran, dass Sting die Poesie liebt. Und vor allem auf den ambitionierten Solo-Platten hat es auch am nötigen Minne-Eifer, am Ringen um Bild und Gedanken nicht gefehlt. Allerdings ließ sich die zuständige Muse nur höchst selten zu einem inspirierenden Kuss verleiten. Und wenn der späte Sting in einer pseudophilosophischen Sentenz mit letzten Weisheiten kämpft, sehnt man sich fast nach den schlichten Formeln der frühen Platten zurück. Natürlich findet sich gelegentlich die eine oder andere schöne Zeile. Bestechend schön ist: „The evening spreads itself against the sky“ / „Der Abend ausgestreckt am Himmelsstrich“. Dieser Vers stammt – Sting verheimlicht es seinem über die vorliegende Sammlung gebeugten Fan durchaus nicht! – von T. S. Eliot. / GEORG KLEIN, SZ 5.3.

STING: Die Songs. Aus dem Englischen von Manfred Allié. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010. 500 Seiten, 22,95 Euro.

78. Gedicht

WINTER OHNE LEUCHTANZEIGE, DU
Hast an einem Sonntag mit dem Jonglieren
Angefangen, mit drei Mandarinen, mit
Drei noch nach einer Woche in Silberfolie
Eingewickelten, auf dem Sofa verstreuten,
Jeweils bis zum Scheitelpunkt hochgeworfenen, mit
Den Fingerspitzen nach innen durch das
Gesichtsfeld parallel etwas näher zum
Körper wieder herangewunkenen, leichter
Aufgefangenen als hochgeworfenen,
Liegengebliebenen Mandarinen.

/ Thomas Kunst, Leipzig