45. Tübinger Schreiben, Eßlinger Rechnen

Punkte, Orte, Linien: Das ist das Thema in der Lyrik von Eva Christina Zeller, die gestern als Bahnwärter-Stipendiatin in Esslingen begrüßt wurde. Wo bin ich? Was bin ich? Das sind die zentralen Fragen ihres Schreibens. Stilistisch liegt es zwischen Friederike Mayröcker und Inger Christensen, inhaltlich ist es vielleicht ein „Tübinger Schreiben“ . Damit ist eine poetische Verfahrensweise gemeint, die von der Philosophie ausgeht, und die Stimmungen und die Welt unter deren Ideen ordnet. …

Um 6500 Euro zu sparen, hat der Gemeinderat bekanntlich das Bahnwärterstipendium ausgesetzt.

/ Ulrich Stolte, Stuttgarter Nachrichten / Filder Zeitung 8.4.

44. Arabische Sizilianer

Die in Berlin lebende Sängerin Etta Scollo stammt aus Sizilien. Sie singt gegenwärtig arabische Dichter aus Sizilien. Mit der Künstlerin sprach Antje Rößler, ND 9.4.:

ND: Wie sind Sie auf die arabischen Sizilianer gestoßen?
Scollo: In der Bibliothek von Bologna fand ich zufällig eine Anthologie mit etwa 70 modernen italienischen Übersetzungen von Gedichten arabischer Poeten, die auf Sizilien lebten. … Ibn-Hamdis, der bekannteste Dichter dieser Zeit, beschreibt vor allem die Schönheit der Insel Sizilien.

43. Millionen für Dichter

Die saudische Dichterin Hissa Hilal errang in der Endausscheidung des populären arabischen Lyrikwettbewerbs von «Abu Dhabi TV»«Dichter für Millionen» den dritten Platz. Dafür erhielt sie das Preisgeld von drei Millionen Dirham (rund 611 000 Euro).

Als sie in einer früheren Folge der Sendung ein Gedicht gegen fanatische Religionsgelehrte vortrug, die junge Männer zu Selbstmordattentaten anstacheln, tauchten in Islamistenforen im Internet Todesdrohungen auf. / MdZ 8.4.

Sieger wurde ein Dichter aus Kuwait, Nasser al-Ajami, Platz 2 ging an Falah al-Mowraqi, ebenfalls Kuwait.

Mehr: Voice of America /

42. Open for Entries: The National Poetry Competition 2010

Now in its 33rd year, the Poetry Society’s National Poetry Competition is one of the world’s biggest and most prestigious poetry competitions. Winners have been both established and emerging poets, including Carol Ann Duffy, Ian Duhig, Philip Gross, and Jo Shapcott. Prizewinners also see their work published in the Poetry Society’s leading international journal,Poetry Review.

The judges this year are poets George Szirtes, Deryn Rees-Jones, and Sinéad Morrissey. The prizes are £5,000 for the overall winner, £2,000 for the second, £1,000 for the third, and seven commendations of £100. The deadline is October 31, 2010. Enter online or download an entry form at www.poetrysociety.org.uk.

41. Sprache des verlorenen Paradieses – Pasolinis „Dunckler Enthusiasmo“ auf der Bühne

Das poesiefestival berlin bringt am 12.6.2010 den Gedichtband „Dunckler Enthusiasmo“ von Pier Paolo Pasolini auf die Bühne.

Ursprünglichkeit und Unschuld: das war die lebenslange, ungestillte Sehnsucht des Dichters Pier Paolo Pasolini. Die Sprache des verlorenen Paradieses und der Auflehnung gegen die Gesellschaft war für ihn der Dialekt der Mutter, das Friaulische. Unter der Regie von Leopold von Verschuer führt das poesiefestival berlin am 12. Juni um 20 Uhr in der Akademie der Künste die Gedichtesammlung „Dunckler Enthusiasmo“ des italienischen Autors auf. Die Übersetzung stammt von Christian Filips, der für diesen Zweck eine eigene Sprache entwarf aus Mittelhochdeutsch, Lutherisch, Sozio- und Dialekten ebenso wie aus Journalisten- und Fachsprachen.

Der junge Pasolini evoziert in seinem Frühwerk mit dem Friulanischen das Dorf und die Landschaft im Friaul, im Nordosten Italiens. Er kreiert eine antibürgerliche Utopie, das Bild von einem einfachen Leben, einer „besseren Jugend“. Dieses Ideal hat Pasolini während seiner gesamten bewegten Karriere als Schriftsteller und Filmemacher niemals aufgegeben. Kurz vor seinem Tod griff er die frühen Gedichte wieder auf, variierte und kommentierte sie. Die konstruierte Idylle verbindet sich hier mit einer wortgewaltigen Klage über die konsumorientierte Massengesellschaft und einer Abrechnung mit Italiens faschistischer Vergangenheit. Nirgendwo sonst in Pasolinis Schaffen tritt dessen obsessives Leiden an der Moderne und seine Suche nach einer Alternative deutlicher zu Tage.

Die Fassung für das Theater greift die Dichotomie zwischen Kindheitsutopie und einer als tragisch empfundenen  Realität durch eine Zweiteilung des Bühnenraumes auf. Das mütterliche Dorf steht auf der einen Seite, die globalisierte Welt auf der anderen. Es entstehen zwei Echoräume, die einander beständig antworten. Die späten Gedichte reagieren auf die frühen – und umgekehrt.  Dabei wird deutlich, dass Pasolinis politischer Kampf gegen die Massenkultur für eine „archaische, agrarische Ordnung“ nicht zu gewinnen ist. Die ursprüngliche Welt des Friaul muss dem Neuen weichen, der Dichter ist aus seinem Paradies vertrieben.

Die Musik stammt von dem Schweizer Komponisten Bo Wiget, einem „Glücksfall für die Theatermusik“ (Diedrich Diederichsen).

Pier Paolo Pasolini (*1922 Bologna, † 1975 Ostia) war einer der wichtigsten und wegen seines skandalträchtigen Lebens und seiner politischen Einstellung auch umstrittensten italienischen Schriftsteller und Filmemacher. Im November 1975 kam er unter noch immer nicht ganz geklärten Umständen gewaltsam ums Leben.

Das poesiefestival berlin wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds und findet statt in Kooperation mit der Akademie der Künste.

Mit freundlicher Unterstützung der MARITIM Hotels Berlin.

Langpoem: Dunckler Enthusiasmo
Pier Paolo Pasolini
Sa. 12. Juni 2010, 20.00 Uhr
Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
Mit: Leopold von Verschuer (Regie, Schauspiel), Bo Wiget (Musik), Eva Brunner (Schauspielerin), Linda Olsansky (Schauspielerin), Christian Lindhorst (Chorleitung)

Poesiegespräch: Prophet Pasolini?

Sa 12. Juni 2010, 18.30 Uhr

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin

Mit Christian Filips (Übersetzer, Berlin), Durs Grünbein (Autor, Berlin), Leopold von Verschuer (Regisseur, Berlin)

40. Lesung mit Pietro Montorfani in der Lettrétage

Pietro Montorfani, Lyriker aus der italienischsprachigen Schweiz, stellt sich am kommenden Sonnabend in einer Lesung in der Lettrétage vor:

Lyrik aus der italienischen Schweiz
Lesung: Pietro Montorfani

Sonnabend, 10. April 2010, 19.30 Uhr in der Lettrétage
Methfesselstraße 23-25, 10965 Berlin

Eintritt frei

Pietro Montorfani, derzeit Stipendiat im LCB, liest am kommenden Samstag in der Lettrétage in Kreuzberg aus seinem Gedichtband „Quasi un Hopper“. Wie der amerikanische Maler Edward Hopper entwirft Montorfani in seinen Gedichten Bilder von einzelnen Personen, jede einzigartig durch kleine Details und Fragmente einer Lebensgeschichte.

Der Lyriker Pietro Montorfani wurde 1980 in Bellinzona (Schweiz) geboren. Nachdem er als Kulturredakteur für das „Giornale del Popolo“, gearbeitet hat, verbrachte er zwei Jahre als Assistent für italienische Literatur an der Universität Mary Washington in den USA. Er promovierte an der Katholischen Universität von Mailand über die italienische Literatur der Renaissance und ist heute Chefredakteur der Zeitschrift Cenobio, der größten Literaturzeitschrift der italienischsprachigen Schweiz. Montorfani erhielt ein HALMA-Stipendium der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.

Das HALMA Netzwerk verbindet 26 literarische Zentren in 21 Ländern und wurde 2006 von der Robert Bosch Stiftung, der Borderland Stiftung und dem Literarischen Colloquium Berlin initiiert. Drei Halma-Stipendiaten werden in diesem Jahr im LCB leben und arbeiten: Pietro Montorfani (Arbedo/Schweiz) im April, Elena Jurissevich (Genf) im Juli sowie Flavio Soriga (Cagliari/London) im Oktober. Die Stipendien wurden durch die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und die Europäische Kommission ermöglicht.

weitere Informationen:
www.halma-network.eu

39. Proto

Ein blauer Einband, ein neonroter Aufkleber, fünf Autorennamen – so sieht sie aus, die Erstausgabe der neuen Düsseldorfer Literaturzeitschrift „Proto“. Der 35-jährige Herausgeber Sascha Lück hat die roten Sticker einzeln auf jedes der 600 Exemplare geklebt. „Das Magazin ist eben ein bisschen wie mein Kind“, begründet er. Ein Gespräch mit ihm über die Entstehung des Heftes in der Welt vom 8.4.

Genannt werden Gedichte von Astrid Kohlmeier

38. Messebericht Edition Rugerup

Liebe Freunde der Edition Rugerup,

erst einmal: wir haben die Messe nicht nur überlebt, sondern genutzt und genossen. Die Edition hat einen Stand mit luxbooks geteilt, was nicht nur aus professioneller Sicht eine ausgezeichnete Entscheidung war: unsere Programme ergänzen sich, über unsere Pläne und Wünsche konnten wir uns angeregt austauschen, und ich erfuhr auch eine Menge praktische Dinge, die uns mit Sicherheit weiterhelfen werden. Christian Lux und Annette Kühn also herzlichen Dank für ihre offenherzige und selbstlose Hilfe und für wärmende Gespräche. Wir hoffen auf mehr Zusammenarbeit in der Zukunft!

Für einen kleinen Verlag, der auf einem schwedischen Bauernhof gegründet wurde, ist die Messe eine einmalige Gelegenheit, die Menschen, mit denen man sich per Mail austauscht, endlich persönlich kennenzulernen. Ich möchte hier kein Who’s Who der Edition anlegen, aber ich habe mich über Ihre Besuche am Stand sehr gefreut und ziehe es bei weitem vor, Menschen zu schreiben, denen ich persönlich begegnet bin.

Am 19.3. fand der Rugerup-Abend in der Galerie KUB statt, es lasen Dorothea Grünzweig aus ihrer Hopkins-Übersetzung (Jürgen Brôcan nannte diese in der NZZ einen „Meilenstein in der deutschsprachigen Hopkins-Rezension“ und lobte Grünzweigs Übersetzung als die bislang gelungenste), Christine Koschel aus dem von ihr wunderbar übersetzten MacEwen-Band „Die T. E. Lawrence Gedichte“ und Martina Jakobson aus ihrem hochgelobten Auswahlband „Wolkenrauch“ von Innokentij Annenskij. Wir fanden die Heizung zu laut und ließen sie ausschalten, was leider dazu führte, daß es (eigentlich passend) bei Annenskij schnell sibirisch kalt wurde. Nach der Pause wurde es wieder warm und die mitreißenden Gedichte über Lawrence von Arabien fanden großen Anklang unter den Hörern.

Offenbar wurde auf der Messe wieder viel über elektronische Bücher und Literatur im Internet diskutiert. Als wir unsere ersten Bände drucken ließen, ging es uns unbedingt um das Buch, das Buch als Medium, Kulturträger und liebevoll gestalteter Gegenstand. Das erhöht zwar die Kosten für die Produktion, grenzt aber das „Produkt“ deutlich von jeder elektronischen Ästhetik und Vernunft ab. Wir hoffen, daß sich das… nun, „auszahlt“ ist das falsche Wort, aber daß es sich lohnt und halten läßt.

Leider fand ich bei meiner Rückkehr nach Rugerup eine Remissionsanfrage vor: unser Grossist (der nicht nur die Titel in Internetläden kaufbar macht, sondern auch für viele große Buchhandlungen die einzige Bestellstrategie ist) schrieb: unten aufgeführte Titel möchte ich zur Remission anfragen. Es handelt sich hierbei um Titel, welche aus wirtschaftlichen Gründen bei uns aus dem Sortiment genommen wurden. Bitte senden Sie mir hierfür die Remissionsgenehmigung zu. Das ist ein schwerer Schlag für uns, war der Gedanke doch, Bücher von solcher Qualität und kulturellem Wert zu veröffentlichen, daß sie sich über viele Jahre tröpfchenweise verkaufen. Der Verlag sollte eines Tages auch dank der Backlist existieren können. Eine zweisprachige Auswahl aus dem Lebenswerk eines wichtigen Dichters ist ja nach zwei Jahren nicht passé. Man sollte wohl auch den begehrten Bestseller bei einem gut sortierten kleinen Buchladen kaufen, um diese Läden nicht zu gefährden. Solche Buchhändler schauen immer noch unter buchhandel.de nach, ob ein Buch lieferbar ist, und bestellen es dann bei unserer Auslieferung in Berlin. Übrigens sind dort die Konditionen für kleine Verlage auch günstiger!

Sonst schicken wir noch fröhliche Frühlingsgrüße in die Runde, freuen uns über unsere Praktikantin Paula Bögel, die gestern aus Deutschland angereist ist und uns sehr helfen wird, und wünschen Ihnen Muße und Gesundheit.

Mit besten Grüßen

Margitt Lehbert
Edition Rugerup
Nimrod Förlag AB
Rugerup 8379
S-24296 Hörby
t/f: +46 415 60337
www.rugerup.de

37. Bei Rumi in Konya

(Woche der türkischen Poesie)

Konya war in seldschukischer Zeit Sommerresidenz (im Winter zog man ans freundlichere Mittelmeer). Die, mindestens, Halbmillionenstadt, wahrscheinlich sind es viel mehr, wird uns als konservativ beschrieben, und man sieht, daß alle Frauen verschleiert sind und sieht so viele schwarze Ganzverkleidete wie sonst nur in Deutschland. („Die haben wir alle zu euch geschickt“, sagt Orhan).

Der heilige Paulus war hier, später Friedrich Barbarossa und Marco Polo. Vor allem aber Rumi, der große persische Mystiker. 1207 oder wahrscheinlich ein paar Jahre früher wurde er im heutigen Afghanistan geboren. Er war der Sohn eines berühmten Gelehrten, der den Ehrennamen „Sultan der Gelehrten“, Sultan al-Ulema, erhielt. Ob auf der Flucht vor den Mongolen oder wegen wissenschaftlicher Neider gingen Vater und Sohn nach Anatolien. Eigentlich hieß er Muhammad, daraus wurde Mawlana Jalal Al-Din (Jellaladin) Al-Rumi. Rumi heißt Anatolien, Mawlana (Mewlana) heißt sovielwie „Edelmann“, heute aber, lesen wir, ist das Wort ganz auf den Dichter und Mystiker übergegangen. Mawlana ist Rumi. Noch heute wird er in seiner Stadt Konya verehrt. Wir haben es gesehen. Das von Rumis Sohn gegründete Kloster des Ordens der Tanzenden Derwische, obwohl von Atatürk verboten und in ein Museum verwandelt, ist noch heute ein Wallfahrtsort. Keineswegs nur Touristen, vielleicht mehr noch Einheimische und vor allem Frauen sehen wir ehrfürchtig durch die Hallen wandeln. Hier ist er begraben, ein riesiger, schräg aufgestellter Sarkophag bezeichnet die Stelle. Es ist aber viel zu voll, um in Ruhe zu schauen. Schon sind wir vorbeigedrängt. Im Nebenraum eine Glasvitrine, darin ein großes prächtiges Buch, das wie ein Koran aussieht, aber es ist Rumis großer Diwan. Er schrieb Persisch, aber seine Gedichtsammlung, 43.000 Verse, enthält auch Texte in arabischer, türkischer und griechischer Sprache. Das Exemplar in Konya, vor dem wir stehen, gilt als ältestes erhaltenes. Mehr ein Heiligtum als ein Gedichtbuch. Wir sehen eine Frauenhand, die zärtlich über das Glas streicht. – Im nächsten Raum wieder ein Auflauf. Schwarzvermummte ältere Frauen, die eine Glasvitrine küssen. (Fotografieren und Filmen ist hier verboten). Gleich daneben freilich hält eine verschleierte junge Frau ein Handy ans Ohr. Es dauert ein Weilchen, bis wir auf der anderen Seite der Vitrine stehen, auf der ein Schild tatsächlich den „Bart des Propheten“ verheißt. Um es lesen zu können, muß ich meinen profanen Vollbart auf einen halben Meter der Reliquie nähern. Ich war beim Barte des Propheten! Über Rumi später mehr.

36. Randnotiz

von Achim Wagner

(mit freundlicher Genehmigung aus seinen Facebook-Seiten)

Samstag, 20. März 2010 um 18:54

was mir schon zu beginn meines aufenthalts in istanbul auffiel, war die erstaunliche dichte, respektive anzahl belletristischer buchhandlungen, gleiches gilt für ankara, für izmir. nun gilt die türkei als vergleichweise leseunfreundlich, statistisch gesehen, auf nachfrage sagten mir türkische bekannte, dass es eben in den großen städten noch genügend leser gäbe, auf dem land sähe das anders aus, was aber – denke ich – für jede weltgegend gilt, und durch den beständigen – und enormen – zuzug nach istanbul und eben nach ankara und izmir ballt sich bereits offiziell 30 % der türkischen bevölkerung in den drei größten städten des landes, inoffiziell sind es um die 40 %; was mir entsprechend auffiel, war die literarische bildung – quer durch alle gesellschaftsschichten – was mir nebenbei natürlich sehr hilfreich war und ist, um für mich neue literarische entdeckungen zu machen. der literarischen bildung entspricht ein politisches interesse, im wissen um die geschichtliche vergangenheit des landes, es gibt eine fundierte diskurskultur, die mich wiederum in meiner eigenen haltung bestätigt, dass sich kulturelles interesse und politische anteilnahme gegenseitig bedingen sollten, miteinander verbunden sein sollten, voneinander los gelöst, führen sie lediglich zu einem oberflächlichen ästhetischen oder politischen dogmatismus… auf facebook findet sich „her gün 1 şiir“ (jeden tag ein gedicht), mit 38000 „fans“, gregor koalls sehr schönes lyrikmail-projekt hat etwa 16000 abonnenten, statisch gesehen liegt deutschland (sehr) weit vor der türkei, in der lesefreundlichkeit…

(Woche der türkischen Poesie)

35. Robert-Frost-Woche

About.com: poetry von Bob Holman & Margery Snyder, “ your Guide to Poetry“, begann den grausamsten Lyrikmonat mit einer täglichen Portion Robert Frost:

Robert Frost is one of the most beloved and most often quoted of American poets, and Friday, March 26 marked the 126th anniversary of his birth–Happy Birthday, Mr. Frost!

Heute schickten sie das längste und das kürzeste Gedicht aus ihrer Frostsammlung. Aus dem längsten, “The Death of the Hired Man”,  ein Zitat: “Home is the place where, when you have to go there, / They have to take you in….”

Als die DDR 1976 den Liedermacher Wolf Biermann während eines Konzerts in Köln ausbürgerte (wozu sie ihn eigens deshalb vorher rausgelassen hatte), war davon die Rede, daß er ja aus Hamburg in die DDR gekommen war. Er hatte sich nicht bewährt und die DDR entzog ihm „das Recht auf weiteren Aufenthalt“ und schickte ihn in seine „Heimat“ zurück. Daraufhin warnte der gebürtige Sachse Stefan Heym, das Ausbürgern könne sich einbürgern. Bald erschien (was steht im ND?) ein Kommentar, in dem „der amerikanische Staatsbürger“ Heym kritisiert wurde. Die Nachtigall trapste. (Heym, als Jude vor Hitler geflohen, kam in amerikanischer Uniform nach Deutschland zurück. Deutschland Deutschland: Saarländer droht Sachsen mit Abschiebung nach Amerika!)

Andere können das auch. Wurden nicht in Deutschland geborene „Ausländer“ in die Türkei abgeschoben oder so. – Vorige Woche traf ich einen Berliner, in Antalya/ Türkei, den die Behörden seiner „Heimat“ bei einem Besuch im „Mutterland“, wie man dort sagt, für 18 Monate zur türkischen Armee einzogen. „They have to take you in“ – taten sie ja auch.

Jetzt höre ich aus den USA, daß der Friedensnobelpreisträger einen amerikanischen Staatsbürger zur Tötung freigegeben hat, auch ohne Gerichtsurteil:

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass US-Präsident Barack Obama den radikalen Islamisten-Prediger Anwar al-Awlaki auf die CIA-Liste mit den am meisten gesuchten Extremisten gesetzt hat. Das bedeutet, dass Obama die Festnahme oder die Tötung al-Awlakis, der einen US-amerikanischen Pass hat, zum Ziel hat.

“Home is the place where, when you have to go there, / They have to take you in….” Denkste!

34. Quasiliteratur

Es kommt viel Neues und Spannendes aus dem Osten und Südosten des vereinigten Europa. Aus Rumänien ist es z.B. eine Literatur zwischen Lyrik und Prosa. Quasiliteratur wird sie in Rumänien genannt. Ihre Anhänger «gehen davon aus, dass die Welt simultan durch alle unsere Sinne wahrgenommen wird, die umgebende Realität wird gleichzeitig gesehen, gehört, gerochen, gekostet, angetastet. Der Schriftsteller wechselt auch seine Stimmungen immer wieder nach seinen Wahrnehmungen, und seine Empfindungen befinden sich in einem ständigen Wandel.  … Also weg mit den Barrieren zwischen Genren und Gattungen. Ein Buch ist ein Mensch, ein Buch ist die Welt, deshalb muss es ‹alles in einem› sein: Poesie, Erzählung, Essay, Theater – ein permanenter Wechsel von Stimmen und Gattungen.» / kultiversum.de

33. Blick in den Himmel

stan lafleur, mittelbadisch-rheinischer Dichter mit Wohnsitz in Köln, hat ein
Jahr lang an verschiedenen Punkten der Welt seinen Kopf in den Nacken gelegt, um
in den Himmel zu blicken. Herausgekommen sind dabei Gedichte über zahlreiche,
letztlich durchaus irdische Phänomene wie Gott, Banken, Autounfälle und die irren
Farben der 1970er Jahre. lafleurs Gedichte schweben zwischen Räumen und Zeiten,
und an großzügigen Tagen gab der Himmel gar rare Blickfluchten Richtung Kosmos frei.

http://www.rheinsein.de

Heute in Gregor Koalls Lyrikmail: ersatztorwart

32. Kreislers Gedichte

„Was steht im ND?“ (Wolf Biermann). Na: Lyrikkritik. Wie diese:

Kreisler zitiert Max Beerbom: »Wenn man ein Schaf auf zwei Beine stellt, ist es deswegen kein Mensch. Aber wenn man eine ganze Schafherde auf zwei Beine stellt, ist es ein Publikum.« Das laute Lachen im Leipziger Centraltheater quittierte Georg Kreisler mit dem Satz: »Das ist nicht nur komisch, sondern auch richtig.« Und weiter: »Das Publikum ist grausam, fast so grausam wie ein Literaturkritiker, wobei ein Publikum, im Gegensatz zum Kritiker, intelligent ist.«

Der Autor, Komponist und Satiriker hat seinen ersten Band ausschließlich mit Lyrik vorgelegt, stellte diesen zur Leipziger Buchmesse vor. »Zufällig in San Francicso – unbeabsichtigte Gedichte« heißt das Buch, das jüngst im Berliner Verbrecher Verlag erschienen ist. / Jörg Meyer, ND 7.4.

Georg Kreisler: Zufällig in San Francisco – unbeabsichtigte Gedichte. Verbrecher Verlag, 128 S., geb., 19 €.

31. Griffin Poetry Prize Shortlist

Nicht 5.000 wie der Koeppen-, nicht 10.000 wie der Huchel- oder 15.000 wie der Ringelnatzpreis, auch nicht 30.000 wie der Malkowskipreis (alles in Euro und ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl an schwäbisch-badische oder pommersche Preisstifter!): $75,000 beträgt der bedeutendste kanadische Lyrikpreis, der Griffin Poetry Prize. Der privat gestiftete (nach dem Stifter Scott Griffin benannte) Preis wurde aus Anlaß seines 10. Jahrestages von zuvor $50,000 auf diese Summe erhöht. Er wird gleich zweimal verliehen, gleichhoch an kanadische und internationale Dichter. Erstmals werden in diesem Jahr darüber hinaus alle Finalisten mit  $10,000 bedacht. „Wir wollten den Dichtern und der internationalen Welt sagen, daß dieser Preis und die Lyrik sehr wichtig sind“, sagte der Stifter.

Auf der Shortlist für den kanadischen Preis steht die – im Januar verstorbene – Dichterin P.K. Page mit dem Band Coal and Roses, einer Sammlung von Glossen (Gedichten, die aus einer Zeile eines fremden Gedichts ein neues aufbauen) neben Kate Hall (The Certainty Dream) und Karen Solie (Pigeon). Die shortlist für den besten internationalen Gedichtband (in englischer Sprache, übersetzte Titel eingeschlossen):

  • John Glenday aus Cawdor, Schottland, für Grain.
  • Louise Glück aus Cambridge, Mass., für A Village Life.
  • Eilean Ni Chuilleanain aus Dublin für The Sun-fish.
  • Valérie Rouzeau aus Saint-Ouen, Frankreich, für Cold Spring in Winter, übersetzt aus dem Französischen von Susan Wicks.

Alle Autoren werden in der Koerner Hall in Toronto am 2. Juni, am Vorabend der Preisverleihung, lesen.

Diese shortlist wurde aus 500 nominierten Büchern ausgewählt. / cbcnews 6.4.