64. Finnland, Japan und zurück

Jens Petersen hat Goethe, Mörike, Rilke, von Fallersleben und viele andere durch die elektronische Mangel gedreht.

Die Google-Sprachtools wurden als digitale „Assistenten“ verwendet, um ganz neue Lyrik zu produzieren. Plötzlich erzielen selbst die romantischsten Klassiker eine urkomische Wirkung, wenn sie auf dem Umweg über Finnisch und Japanisch wieder im deutschen Idiom zurück sind. Oft ergibt sich auf diesem Wege totaler Nonsens, manchmal aber auch erstaunlich eindringliche, ernst zu nehmende Verse. / fair-news.de

„Vergiftung, flüsterte mein Lied: Mein Sohn ist ein Nebel.“ (ISBN 978-3-86850-653-2) ist ab sofort im Buchhandel und in Onlineshops erhältlich (14,99 €) darüber hinaus auch als ebook.

63. Das Grün auswendig lernen

Dann wird es heiterer, der Pflanzenreichtum auf Teneriffa, ein Rosenwort für Gertrude Stein, deren bekanntester Satz „Rose is a rose is a rose is a rose“ besser ins Alemannische als ins Hochdeutsche zu übersetzen sei: „A Ros isch a Ros isch a Ros“ und Chamisso, dessen Verse Robert Schumann vertonte, darf an diesem Abend auch nicht fehlen. Zum einen ist José Oliver seit 1997 Träger des nach Adelbert von Chamisso benannten Preises, der Poeten verliehen wird, die in Deutsch als Fremdsprache schreiben, zum anderen hat Chamisso als Botaniker gewirkt, mehr als 150 Pflanzennamen sind nach ihm benannt. Oliver präsentiert Chamissos Loblied auf die Nützlichkeit der Birke.

Höhepunkt des Abends ist aber zweifellos das intensive Gedicht auf die vielen Grüns des Schwarzwalds, „das Grün auswendig lernen, Andachtsgrün, Tabernakel, Kuckucksschrei, Windgefieder, tragen fort die Altschneenarben, Windwipfelzittern, Dämmerfluss der Müdigkeit, Lupinenfeuer“, frei und ohne Gewähr den nomadischen andalusisch-alemannischen Heimatdichter zitiert, dessen filigrane Sprachschöpfungsstrukturen wie von selbst den Bildern von Rainer Nepita nahe sind. Am 19. Mai stellt Oliver seinen neuen Gedichtband „fahrtenschreiber“ in der Hausacher Buchhandlung Streit vor. / Susanne Ramm-Weber, Badische Zeitung 14.5.

62. Bahnbrechender Einzelgänger

Innokenti Annenski gehört zu den grossen Illusionslosen, doch genau dies machte ihn frei. Frei, sich in «Quälenden Sonetten» und «Redefetzen» auszudrücken, aber auch in einem hoch lautmalerischen Gedicht wie «Glöckchen klingen» (1906), das futuristische Lautexeperimente vorwegnahm. «Ding-Dang-Dong, / Ding-Dang . . . / Dido Lado, Dido Lado / Lida fürs Ding-Dang-Dong herrichten, / Dido für Leda herrichten, / sichteten, richteten, / was mit Dido angerichtet . . .» Martina Jakobson, die in der verdienstvollen Edition Rugerup erstmals eine repräsentative Auswahl von Annenski-Gedichten auf Deutsch vorlegt, hatte nicht wenige Schwierigkeiten zu meistern. Manches ist ihr vorzüglich gelungen, an andern Stellen, wo Annenskis Stil äusserste Lakonie verlangt, stören allzu häufige (erklärend-verunklärende) Füllwörter, mögen sie auch metrisch-reimtechnischen Überlegungen geschuldet sein. Der Entdeckung des bahnbrechenden Einzelgängers Innokenti Annenski steht aber nichts mehr im Wege. / Ilma Rakusa, NZZ 27.4.

Innokenti Annenski: Wolkenrauch. Gedichte (zweisprachig). Aus dem Russischen übertragen und herausgegeben von Martina Jakobson. Edition Rugerup, Hörby 2010. 155 S., Fr. 27.80.

61. Deutsche Dichterin

Die vor 40 Jahren verstorbene Schriftstellerin Nelly Sachs galt lange Zeit als lyrische Anwältin Israels, ihr Werk wurde nicht zuletzt durch die Begründung zum Erhalt des Nobelpreises 1966 oft auf die jüdische Thematik festgeschrieben. Dem schwedischen Schriftsteller Aris Fioretos ist es nun gelungen, mit einer neuen Werkausgabe den Blick auf den gesamten literarischen Kosmos von Nelly Sachs zu öffnen. / Carola Wiemers, DLR

Nelly Sachs: Gedichte 1940-1950. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden. Hrsg. von Aris Fioretos. Bd. 1. Hrsg. von Matthias Weichelt. Suhrkamp Verlag 2010. 344 Seiten. 44 Euro.

Nelly Sachs: Gedichte 1951-1970. Bd. 2. Kommentierte Werkausgabe. Hrsg. von Ariane Huml und Matthias Weichelt. Suhrkamp Verlag 2010. 426 Seiten. 44 Euro.

Franz Lennartz, Deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, 1969:

Sachs, Nelly (10.12. 1891 in Berlin), eine dichterische Schwester  des „schwarzen Schwans Israels“, der Else Lasker-Schüler, verbrachte „sieben Jahre unter Hitlers Schreckensherrschaft“ und wurde im letzten Augenblick vor der „Verschickung“ im Frühjahr 1940 mit ihrer Mutter nach Schweden gerettet. Diese „Rettung“ war durch die Dichterin Selma Lagerlöf und den Malerprinzen Eugen von Schweden vorbereitet worden.

60. Andreas Altmann las

Mit der „Aktion wider den undeutschen Geist“ ging der 10. Mai 1933 unrühmlich in die deutsche Geschichte ein. Am Mittwoch ist der „Tag der Bücherverbrennung“ ein Gedenktag, der moderner Literatur Raum gibt. Aus diesem Anlass lasen am Montag 53 Autoren der internationalen Schriftstellervereinigung P.E.N. in den 53 Städten der Metropole Ruhr 2010. In der Heiligenhauser Stadtbücherei wurde Lyrik geboten: Andreas Altmann zu Gast im Lesecafé. / derwesten.de

59. Umbenennung

Die Anlieger haben in letzter Minute versucht, Agnes Miegels Ehre als Heimatdichterin zu retten. Es bleibt unbestritten, dass Agnes Miegel sich um die deutsche Literatur verdient gemacht hat – und um die ostdeutsche Heimat der vielen Heimatvertriebenen, die auch in St. Arnold leben. Es sind Texte und Gedichte, die die Heimat beschreiben – und die unpolitisch sind. Entscheidend für die Einordnung ihres Charakters aber sind Miegels Schriften und Gedichte, die politischen Charakter haben. Lobeshymnen auf Adolf Hitler zum Beispiel, in denen sie schreibt „Laß in deine Hand, Führer, uns vor aller Welt bekennen; Du und wir, nie mehr zu trennen, stehen ein für unser deutsches Land!“ Es ist unmöglich, diese Seite ihres Schaffens auszublenden. Es sind diese „Weiheverse“ Agnes Miegels, die sie als Namensgeberin einer Schule oder einer Straße untragbar machen. /  JÖRG HOMERING, Ibbenbürener Volkszeitung

Vgl. hier

58. Fragile Dichterexistenz

Flucht und Verwandlung heißt die vom schwedischen Autor und Übersetzer Aris Fioretos kuratierte Ausstellung, die dem Besucher die fragile Dichterexistenz der Nelly Sachs in Erinnerung ruft. Zu sehen sind da also beispielsweise die Kette aus Mondsteinen, die sie zur Nobelpreisverleihung trug, Privatfotos, auf denen sie zusammen mit einer Freundin das Festkleid für den Anlass anprobiert – aber eben auch die ängstlichen Briefe an Celan, in denen sie von einer »Nazi-Spiritist Liga« berichtete, von der sie verfolgt werde. Fioretos gelingt eine Gratwanderung: Die Schau spürt der Person hinterher und zeigt Privatestes, ohne sie posthum zu verletzen. Gefallen hätte es der Dichterin wohl dennoch kaum. Denn dass Nelly Sachs diskret sein wollte, verdeutlicht das Zitat an der Wand aus einem Brief, den sie 1959 an den Germanisten Walter A. Berendsohn schrieb: Sie wolle »hinter meinem Werk verschwinden«; sie wünsche sich, »daß man mich gänzlich ausschaltet – nur eine Stimme, ein Seufzer für die, die lauschen wollen«. / Alexander Cammann, Die Zeit 12.5.

57. Gomringers Sonette

In der Wortkunst der deutschsprachigen Schweiz nimmt Eugen Gomringer – er ist 1925 in Bolivien geboren − seit Jahrzehnten eine dominante Stellung ein. Kein anderer hiesiger Dichter ist in Anthologien so stark vertreten wie er, keiner ist als Dichtungstheoretiker vergleichbar einflussreich gewesen, und keinem ausser ihm ist die Ehre zuteilgeworden, in Reclams Universalbibliothek mit einem eigenen Gedichtband vertreten zu sein. …

Wenn Gomringer nun, ein halbes Jahrhundert nach der hohen Zeit der «Konkreten», in zwei Büchern eine Sammlung von Sonetten vorlegt, mag sich dies zunächst wie eine späte Desavouierung seiner eigenen innovativen Anfänge ausnehmen, ist doch das Sonett eine althergebrachte, in sich geschlossene, dabei stets von neuem anwendbare Gedichtform – alles Qualitäten, die unterm Gesichtspunkt konkreter Dichtung obsolet sind.

Obsolet wirken allein schon die beiden Buchtitel mit den antiquiert vorangestellten Genitiven: «eines sommers sonette», «der sonette gezeiten». Um aber den Einwand der Antiquiertheit vorab zu entkräften, verweist Gomringer in einer Begleitnotiz darauf, dass auch beim Sonett «die strenge form als disziplin» praktiziert werde; dass auch hier «einer konkreten inneren einstellung eine bestimmte äussere form zu entsprechen» habe; und dass für ihn das Schreiben von Sonetten «ein neues experiment, ein ganz persönliches» geworden sei. / Felix Philipp Ingold, NZZ 12.5.

eugen gomringer / markus marti: eines sommers sonette / a summer’s sonnets. edition signathur, dozwil 2008. 52 S., Fr. 24.–. eugen gomringer / markus marti: der sonette gezeiten / the sonnets‘ tides. edition signathur, dozwil 2009. 64 S., Fr. 24.–.

56. Dichterverehrung

In der Geschichte der Dichterverehrung in Deutschland ist Hausen im Wiesental ein einzigartiges literarisches Laboratorium. Zum 250. Geburtstag Hebels beginnt man hier nun, den größten Sohn des Ortes, der freilich in Basel geboren wurde, mit anderen Augen zu sehen. Was daraus folgen mag? Ein vorschnelles Urteil ist in Hausen nicht am Platz. / Hubert Spiegel, FAZ 12.5.

55. Dankesrede von Arnold Stadler zur Verleihung des Hebelpreises

Arnold Stadler ist ein würdiger, geradezu idealer Hebelpreisträger im Jubiläumsjahr, schreibt die FAZ. Auch ist der Preis wohl ein würdigerer Preis als mancher andere, für die Zeitung; denn sie druckt die Dankrede ab, in der er über vieles plaudert und auch einige Sentenzen gibt wie diese: „Der Mensch ist unterwegs, von hier nach dort, vom Leben zum Tod. Aber unterwegs ist es auch schön.“

54. Musiktheaterbiennale

Die vier Uraufführungen der Münchner Musiktheaterbiennale demonstrieren vier radikal unterschiedliche Zugriffe. Und, um es vorwegzunehmen: Die Vorstellung, das Bild des Anderen ist vom Anderen an sich so weit entfernt, dass sich das neue Musiktheater hier genuin selbst infrage stellt. …

Ebenfalls aus einer fremden Welt, aus China, kommt schließlich „Die Quelle“ von Lin Wang (Musik und Konzept), nach einem Text der Dichterin Can Xue: Eine moderne Frau wird gezeigt, äußerlich in der Arbeitswelt stehend, innerlich nach Bewusstwerdung strebend (nach eben jenem „Lauf der Quelle) und damit alle Kommunikation zerbrechend. Im Gegensatz zum pluralen Ansatz der anderen Premieren dieses Biennale-Jahrgangs arbeitet Lin Wang mit dem Klang der Stille und bleibt dank Regisseur Andreas Bode theatralisch, wenn man so will, ganz konventionell. Glänzende Protagonisten in einem tief auslaufenden Bühnenraum (David Schnell) finden zu einer hochstilisierten Aktion – die zwar auch Videosequenzen und Elektronisches nicht ausschließt, der rituellen Macht des Medialen aber in keinem Moment erliegt. / Tagesspiegel

53. Überraschungssieger

Alle zwei Jahre werden in Meran die neuen Standards für zeitgenössische Lyrik festgelegt.

meint Anton Thuswaldner in der heutigen NZZ und schreibt:

Andre Rudolph? Es gehört zu den Überraschungen in Meran, dass Autoren entdeckt werden, die den Sprung in die grössere Öffentlichkeit bisher nicht geschafft haben – bisher lag von Rudolph, kaum bemerkt, der Band «Fluglärm über den Palästen unserer Restinnerlichkeit» (Luxbooks, 2009) vor. Geboren 1975 in Warschau, aufgewachsen in Leipzig, hat er jetzt jede Chance, als ein Lyriker für die Zukunft gehandelt zu werden. Er erfüllte am genauesten jene Kriterien, die im Verlauf der Diskussionen als unmittelbare Forderungen an die Autoren laut wurden. «Bilder von Konkretheit und Anschaulichkeit» wurde Christoph Buchwald nicht müde zu fordern. «Nirgends ein Etikett, kein Kommentar, wie etwas zu lesen ist», durfte er bei Rudolph erleichtert feststellen. Tödlich erwies sich für Lyriker, wenn sie einen doppelten und dreifachen Boden vermissen liessen.

Nichts da bei Rudolph: Für «Gedichte, die auf vielen Ebenen funktionieren», machte sich nämlich Ilma Rakusa stark, der überdies die Musikalität von Rudolphs Lyrik gefiel. «Ganz hohes Sprachbewusstsein» attestierte Ulla Hahn, die Wortklauberin, dem Autor. Der Innsbrucker Germanist Wolfgang Wiesmüller wurde immer hellhörig, wenn er unsere Gegenwart kritisch durchleuchtet sah: «Skeptizismus und Kulturpessimismus sind herauszuhören.» Hans Jürgen Balmes, zuständig für eigenwillige Deutungen, die ebenso auf den Vorsokratikern wie den Texten der Rockband Nirvana basierten, bewunderte die schnellen Schnitte, die ihn an filmische Verfahren erinnerten.

Angesichts solcher Wucht von Zustimmung ist auch von den Verlierern zu berichten. Sünje Lewejohann wurde zwar mit dem Alfred-Gruber-Preis (3500 Euro) ausgezeichnet, aber ihre besondere Leistung droht vergessen zu werden. Dabei riskierte sie viel. Es kommt nicht oft vor, dass sich Juroren «gerührt und berührt» (Buchwald) fühlen, es nicht schaffen, Gedichte auf rein theoretischer Ebene zu diskutieren. Lewejohann brachte Gefühle ins Gedicht, sprach von Sehnsucht, Liebe und Geborgenheit und führte den Zweifel als beständiges Korrektiv stets mit in ihrem Gepäck.

52. Unakademischer Dichter

Schreiben war für Rosenkranz eine Notwendigkeit. „Wenn ich nicht die Möglichkeit des Ausdruckes gehabt hätte, wäre ich erstickt an meinem Leben.“ Ob die Kindheit in der Bukowina, das KZ, der Gulag – als „einer der wenigen nicht akademischen deutschen Dichter“, so Hörner, schrieb er „aus einer bodennahen Perspektive mit einer Abneigung gegen intellektuelle Mätzchen“. Zur deutschen Sprache, die nicht die Muttersprache war, hat Rosenkranz „ein Verhältnis wie zu einer verlorenen Geliebten“ gehabt. Er kannte sie ganz genau, spielte mit ihr – bei aller Dramatik – immer wieder auch humorvoll, etwa wenn er dem Pfarrer erwidert, „Wein ist als Dein Wort nicht schlechter“.

Am Ende seines Lebens verliert der Dichter das Augenlicht, das Gehör und die Stimme. 2003 verstarb er im Alter von fast 100 Jahren. „Er wäre wohl skeptisch darüber gewesen, in die Fänge des modernen Literatur- und Medienbetriebes geraten zu sein“, sagte seine Witwe Doris Rosenkranz über ihren Mann. Lange habe er sich mit dem Gedanken getragen, alle Gedichte zu verbrennen. / Margit Haas, Südwestpresse

51. Lesereihe EXTRA

Lesereihe | Performance

EXTRA

Forum Stadtpark, Graz

Fr, 14.05. & Sa, 15.05., jeweils 20:00 Uhr, Hauptraum, Eintritt frei

Die Lesereihe EXTRA gibt einen Überblick über die unterschiedlichen experimentellen und angriffigen Nischen und Ränder des Literaturbetriebs.

  • – Ulrich Schlotmann (Berlin)
  • – Ulrich Holbein (Kassel)
  • – Markus Berger (Kassel)
  • – Clemens Schittko (Berlin)
  • – Ralf B. Korte (Berlin)
  • – Helmut Schranz (Graz)
  • – Max Höfler (Graz)

Die Literatur spielte für das FORUM STADTPARK seit jeher eine gewichtige Rolle. Vor allem die so genannte experimentelle Literatur, wie zum Beispiel die selbige der Wiener Gruppe fand im FORUM STADTPARK immer schon eine verlässliche Heimat. Dass es die experimentelle und avancierte Literatur in den letzten Jahren durch die verstärkte Kommerzialisierung des Literaturbetriebs nicht immer leicht hatte, weiß man nicht erst seit dem Pop-Boom der 1990er-Jahren.

Der neue Literaturbeauftragte des FORUM STADTPARK, Max Höfler, setzt an dieser Stelle an und möchte das Haus wieder zur Anlaufstelle der so genannten experimentellen und avancierten Literatur machen. Hierzu findet am 14.05. und 15.05. zum ersten Mal die zweitägige und international besetzte Lesereihe EXTRA statt. Sie soll zum einen einen Überblick über die unterschiedlichen Formen der experimentellen, angriffigen und engagierten Nischen und Ränder des Literaturbetriebs geben. Zum anderen soll diese Lesereihe ausloten, inwiefern diese Literaturformen noch gesellschaftliche Relevanz erzeugen können. …

Markus Berger, der zum ersten Mal in Graz zu sehen sein wird, wird das Grazer Publikum mit einer mehrstimmigen, multimedialen Leseperformance seines Textes Kriechkalebasse Oder: der Welt erste Abmahnung überraschen. Neben Bild und Ton werden bei dieser Performance auch die Grazer Autoren Max Höfler und Helmut Schranzmitwirken. Letzterer wird ebenso wie der Berliner Ralf B. Korte aus eigenen Texten lesen. Beide zählen zu den festen Größen der Literaturszene und sorgen mit ihrer Avant-Avantgardezeitschrift perspektive seit den 1990er-Jahren für rege Diskussionen in der Literaturszene. Für Aufregung sorgten sie nicht zuletzt durch ihre Aktion Solitude beim Symposium „Avantgarde – auslöschen oder verbessern?“, bei der sie mit einer Spielzeugpistole bewaffnet das Podest stürmten, das Mikrofon kaperten und ein Manifest verlasen: Avantgardistische Literatur darf kein reines Formenspiel oder auf Kanonisierung aus sein, sondern muss immer eine engagierte und angriffige Tätigkeit des Dagegenhaltens sein, waren und sind ihre Forderungen.

Auch der junge Berliner Autor Clemens Schittko wird zum ersten Mal in Graz zu erleben sein. Mit seinen angriffigen Texten spreng er die Grenzen der Lyrik: So bestehen seine amüsanten Texte zuweilen aus seitenweisen Lyrikerbeschimpfungen oder Vokabelvorschläge für den Dichter von heute.

Die Hefte der Zeitschrift perspektive gibt es als Pdf, darin auch die angesprochenen Texte von Clemens Schittko: http://www.perspektive.at/wp-content/uploads/hefte/p59_60.pdf (S. 161) und  http://www.perspektive.at/wp-content/uploads/p62_63.pdf (S. 131).

50. Das poesiefestival berlin geht in die Schulen

Das poesiefestival berlin 2010 macht ein Programm für Schüler und Lehrer.

Mit Lesungen für Schüler an den europäischen Schulen Berlins sowie zwei Fortbildungen für Lehrer veranstaltet das poesiefestival berlin dieses Jahr ein umfangreiches Bildungsprogramm. Dichter des Festivals lesen ihre Gedichte in den Klassen und diskutieren mit den Schülern über Lyrik. Grundschullehrer können sich über den kreativen Umgang mit Lyrik im Unterricht informieren und Oberstufenlehrer über den Einsatz von Poesiefilmen an der Schule.

Dichter aus vier Ländern gehen an die Staatlichen Europaschulen in Berlin, an denen in zwei Sprachen unterrichtet wird. Die Festivaldichter Titos Patrikios, Sara Ventroni, Florence Pazzottu und das Flamenco-Duo Piñana/Tornero, lesen ihre Gedichte, sprechen über ihr Werk und diskutieren mit den Schülern über ihre Arbeit und ihre poetologischen Ideen. Die Schüler bekommen so die einmalige Möglichkeit, mit den Dichtern in direkten Kontakt zu treten.

Poesiefilme des ZEBRA Poetry Film Festival hat der Duden Schulbuchverlag auf einer DVD als Unterrichtsmaterial zusammengebracht. Sie ist Grundlage einer Lehrerfortbildung, auf der sich Lehrer über die Verwendung von Poesiefilmen in der Schule informieren können. Sie werden in diesem Workshop auch mit neuen Unterrichtsmodellen für den Lyrikunterricht vertraut gemacht. Der Dichter Arne Rautenberg und der Filmemacher Lars Büchel, deren Werke auf der DVD vertreten sind, sprechen über Möglichkeiten dieses Mediums.

Für Deutschlehrer der 4. Klasse bietet LesArt eine Fortbildung für den Umgang mit Lyrik an der Grundschule an. Gelehrt werden Techniken für eine kreative Umsetzung von Gedichten innerhalb von Schulprojekten. Die Fortbildung ist Auftakt zu einem Lyrik-Jahresprojekt im Schuljahr 2010/ 2011, dessen Ergebnisse im poesiefestival berlin 2011 dann öffentlich präsentiert werden.

Das poesiefestival berlin findet vom 4. – 12. Juni 2010 statt. Der diesjährige Fokus liegt auf dem Mittelmeer.

Das poesiefestival berlin wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds und findet statt in Kooperation mit der Akademie der Künste.

Mit freundlicher Unterstützung der MARITIM Hotels Berlin.

Mo 7. Juni 9.30 – 16.00 Uhr
Lehrerworkshop: Alle Wörter auf Erden…
LesArt – Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur, Weinmeisterstr. 5. 10178 Berlin
Teilnahmegebühr: 25 EUR
Informationen und Anmeldung bei LesArt unter: Tel 030 2829747

Fr 11. Juni 9:30 – 16:30
Lehrerworkshop: Poesiefilme für den Deutschunterricht
Literaturwerkstatt Berlin, Knaackstr. 97 (Kulturbrauerei), 10435 Berlin
Teilnahmegebühr: 30 Euro
Anmeldung erbeten: kalaitzis@literaturwerkstatt.org
Mit Arne Rautenberg (Dichter, Kiel), Lars Büchel (Filmemacher, Hamburg), Claudia Maaß (Fachdidaktikerin, Lehrerin, Berlin)