Handschriften, Drucke, Erstausgaben: Zum 200. Geburtstag von Ferdinand Freiligrath (1810-1876) wird am Dienstag in der Universitäts- und Landesbibliothek der Heine-Uni eine Ausstellung über Werk und Leben des Dichters eröffnet. Die Exponate stammen vom Hermann-Smeets-Archiv der Heimatfreunde Bilk. / Die Welt
(Bis 12.8.)
In Sachsen gibt es erstmals „Tage der Poesie“. Vom 24. bis 26. Juni treffen sich rund 50 Autoren im Leipziger Haus des Buches. Sie wollen bei diesem Podium der Begegnung anhand zahlreicher Beiträge darüber diskutieren, was zeitgenössische Lyrik ausmacht.
Ein „Worttreffen“ soll es nach Auskunft von Initiator Ralph Grüneberger werden, eine Begegnung von Dichterinnen und Dichtern, von Poesie und Positionen, vor allem aber eine Begegnung von Sprache*. / Leipziger Volkszeitung
*) also vmtl: Sprache trifft Sprache. Ob Zuhörer erwünscht sind, wird nicht mitgeteilt.
heißt so ein Sprüchlein. Er gefällt mir. Vor allem weil er zweideutig ist. Spricht man das „o“ im Wort loco kurz, wirds Spanisch und bedeutet verrückt. Ein bißchen verrückt muß schon sein, mancher findet die Grenze nicht. Loco, immer wieder Gedichte zu schreiben, die nicht nur nichts ändern, was man verschmerzen könnte, sondern es ist auch nicht sicher, ob sie überhaupt eineR findet. (Auch das R ist ja vielleicht loco). Loco, immer neue Verlage und Zeitschriften zu gründen, immer neue Blogs, obwohl immer wieder welche eingehen („als ob die alten nicht gelanget hätten“, Brecht), das Geld in den Sand setzen, obwohl die Zahl der Leser oder User kaum mitwächst. Loco, 10 Jahre lang jeden Tag ein paar Lyriknachrichten in die Welt zu setzen in der Hoffnung auf den unbekannten Klicker. (Immerhin, 20 im Schnitt warns zuerst pro Tag, heute im Schnitt zwischen 400 und 600 laut WordPress-Zähler (der meine eigenen Klicks rausrechnet). Also mache ich weiter für meine Leser in Argentinien oder Liechtenstein. Loco, loco. Und dann und nur dann sozusagen globo.
Verrückt, werden 70-80 Prozent der Passanten gedacht haben, als sie mich zehn Wochen im Frühjahr auf einen Schuttberg am Karl-Marx-Platz in Greifswald Erde und Pflanzen auftragen sahen. (Einer aber, der mir sagte, daß er mich jetzt hier sehe, habe seinen Tag gerettet, sei hier umarmt. Willkommen, Bruder.) Mein Guerillagarten wuchs und blühte gelb rot blau weiß lila und so, aber vor 2 Wochen kamen Bagger und fraßen alles weg. Nur Trümmer sind noch da, ich hoffe mal, sie machen meine Arbeit weiter und tragen am Ende Erde und Gras drauf.
Loco 1 und loco 2: seit 4 Wochen hat die sozusagen globale Lyrikzeitung einen kleinen lokalen Bruder. Auf http://pomlit.wordpress.com/ gibts es da lokale Nachrichten. Klar, daß Lyrik dabei ist (aber es gibt noch mehr im Leben, auch in Pommern). Klicken Sie mal rein.
„Glücklich, wer einst sagen kann / es war rough auf meiner Bahn“ – so begrüßt der Dichter Christian Filips sein erstes, bei Urs Engeler verlegtes „Roughbook“ („Heisse Fusionen“) mit einem Ständchen. Mit der Reihe im fast quadratischen Westentaschen-Format beschreitet Engeler in Zeiten der Krise neues Terrain: Neben dem neu gegründeten Engeler Verlag, in dem in unregelmäßiger Folge Bücher mit größerem ökonomischem Potenzial über den Buchhandel vertrieben werden, verlegt Engeler unter dem Label „Rough Books“ Broschuren, die ihre Leser direkt via Internet finden sollen. Halbjährliche Verlagsprogramme wird es nicht mehr geben, nach guter alter Manufaktur-Art wird Engeler einfach Buch nach Buch produzieren. Und siehe da: Die Arbeit scheint ihm wieder Spass zu machen.
Als wir vor einem Jahr über Ihren Verlag sprachen, haben Sie das Wort „Schließung“ bewusst vermieden. Nun soll es weiter gehen…
Urs Engeler: Das ist die Crux des Wörtchens: Wenn man „Weitermachen“ sagt, denken alle, es geht weiter wie bisher (lacht). Das ist es eben nicht! Es ist alles anders. Es bleibt nichts beim alten. Ich habe seit langer Zeit den Eindruck gehabt, dass die konventionelle Form des Büchermachens, die Form, wie Verlage üblicherweise zu arbeiten versuchen…
Vorschauen im Halbjahresrhythmus…
Engeler: … Vertreter in den Buchhandel schicken, Presseexemplare versenden, all diese Dinge sind mir zunehmend so ärgerlich, frustrierend und lästig geworden, dass ich buchstäblich jeden Spass am Büchermachen verloren habe. Nur hat es mir lange an Konsequenz gefehlt, zu sagen: So, jetzt ziehe ich meine Schlüsse da raus und mache die Sachen so, wie ich sie gut finde – und schere mich nicht mehr um die Standards, die Buchhändler oder Rezensenten für notwendig erachten.
/ Gespräch mit Urs Engeler, Börsenblatt
Siehe auch Engelers roughblog
Von Rainer Wieczorek, Berlin
Sklaverei und sklavische Tendenzen im Heute
Dass die Sklaverei als abgeschafft gilt, ist ein Schriftstück, annehmend von voreilig sich menschlich fühlender Eliten, auch braver Demokraten, unsere uniformierten Weltherrschaften im bunten gräulich blauem Anzug (sich in der Mehrheit wähnend) und diversen Trachtengruppen, wozu auch Frauen gezählt werden können. Da sind dann noch die Nichtherrscher und so etwas wie partizipierende Gaukler der Kritik. Ich und sicherlich viele Wir´s, sind Euch dankbar bis zu unseren Kindern die noch gar nicht da sind, das Ihr die Menschenrechte verteidigt, mehr noch, diese praktiziert in den qkm Eurer Staaten und Euch findungsreich, kraftvoll bis bissig zeigt gegenüber den Verächtern und Einschränkern der allgemeinen Menschenrechte. Vollkommen unabhängig ihrer gesellschaftlichen Stellung, ihrer lächerlichen bis grausamen Macht. Ich Erwarte und Erwarte das WIR Erwarten von Euch, den Organisationseliten der Allgemeinen Menschenrechte, das Ihr überlebensfähige Verteidigungskonzepte erarbeitet gegen Tyrannei und Sklaverei. Auch Ihr Kleinen, Arbeiter, Angestellte, Unterschicht, Ausgegrenzte, Eure weiteren tausend Namen zum täglichen Überlebenskampf der Existenzen, Ihr tragt eine Verantwortung für diese Welt, denn es ist nicht selbstverständlich das die Sklaverei in Reinform als abgeschafft gilt, und es so bleibt. Es ist eine historische Errungenschaft, ein Kampf durch die Jahrtausende, das es keine Staaten mehr gibt die Sklaverei durch ihre Gesetze legitimieren. Täglich werden es mehr Menschen die in Unfreiheit geraten und durch diese Bedrohung reduziert sich die motivierende Kraft der Allgemeinen Menschenrechte. Versagt jeder Tyrannei Eure Gefolgschaft. Forscht und Erwehrt euch krimineller Machenschaften, auch juristischer, politischer, arbeitsrechtlicher Machenschaften die sklavische Tendenzen eröffnen. Räumt auf in Euren Kulturen, da wo sie die Tendenz zeigt im Anderen eine Abwertung seines Menschseins daher zu philosophieren. Ein Aristoteles war auch bereits vor 2377 Jahren ein Verächter der Menschlichkeit, denn so sollte man jeden nennen der herum philosophiert zum zwecke der Rechtfertigung von Sklaverei. Auch ein Schwätzer vor aller Philosophie und Wissenschaft, wenn er Klimazonen mit moralischen und geistigen Fähigkeiten kombiniert und bewertet und dann die einen Menschen nennt und Andere degradiert zu Sklaven als Nichtmenschen. In solchen Gedankenverwirrungen lebt der tägliche Rassismus im heutigen fort, ganz schnell kann es jeden treffen, rutscht ein Mensch in eine empathielose Statistik wegen eines angedichteten Merkmals. Und dann wird befunden was zu geschehen hat, mit Dir Mensch. Auch über Dich wird befunden: Konstantin, Margarete, Ahmed oder vielleicht Yasmin, es ist das Gewohnheitsmäßige das dem Menschen zur zweiten Natur wird und in der Gewöhnung liegt eine Ursache der freiwilligen Knechtschaft oder Andere Empathielos darin zu belassen. „Was geht mich deren Schicksal an !“ Sehr viel sag ich Euch, Ihr bornierten Bübchen mit Euren sexy Mädchen, Günstlinge und Schlauen, Staridioten, Modeaffen der schnellen Gewinne, alle die Selbstherrlich meinen alles mein Verdienst und diejenigen, die da wissen ein Gott richtet mir das Wohlgefallen: Ihr alle wisst wenig bis nichts von Ursache und Wirkung im Gesellschaftlichem. Woher auch? Getrimmt von den Weisungsgewalten aus Jahrtausenden steckt ein jeder Mensch im Morast des Warenfetisch. Der Mensch ist sich selbst Unbekannt, er ist ein Universum dessen Abgründe, dessen Gipfel er nicht kennt. Die einen kommen darin um bevor sie laufen konnten, andere erwirkt nie eine Befreiung oder Jahre, Jahrzehnte zerrinnen vor einer Ahnung zum Glück. Die Knechtschaft liegt in uns, der Mensch muß sich von innen befreien und von außen geht er in die Offensive, wie die Abolitionisten die Sklavenbefreier im 18. Jahrhundert. Vor dem Einzelschicksal ist es blanker Zynismus, ihn zu einer statistischen Größe zu machen. Wer den Schmerz in der Statistik nicht begreift, es nicht weiß, ist bereits auf dem Weg ins Unmenschliche. Wenn in wissenschaftliche Abhandlungen das Leben der Einzelnen verredet wird, seine Unfreiheit von einem Tag in den nächsten anwächst, er also stirbt von Tag zu Tag, da Versagen Wir an der Menschlichkeit. Wenn Internationale Verhandlungen Jahrein – Jahraus ihr Dasein erwirtschaften und derweilen sterben sie weg, benutzt, ausgebeutet, erniedrigt, bornierten Patriotismus anderer geopfert: Kindersoldaten – Zwangsprostitution – Zwangsarbeit – Kinderarbeit – Nötigung – Schuldknechtschaft – Freiheitsberaubung – Leibeigenschaft – Verdingung – Forced apprenticeship – Chattel Bondage – Chattel Slavery – Menschenhandel! Tausend Namen Dir Deine Würde zu nehmen, tausend Schlauheiten in sklavische Tendenzen hinein. Dann haben WIR Versagt. Soll es wirklich heißen vor der Menschheitsgeschichte: „Das wars, sie hatten versagt“.
Und schaut hinein, in unser eigenes Land, Deutschland. Wie soll man es nennen, eine Privatisierung, ein Verkauf von Wohnungen, Wasserwerken, Verkehrsbetrieben an die international agierenden Finanzmärkte und immer hula hop des schnellen Geldes wegen um den Eliten ihren Wohlstand zu sichern. Das deutsche Establishment versagt an der Herstellung eines Arbeitsmarktes das der Gesamtbevölkerung es ermöglicht ein anspruchsvolles Allgemeinwohl zu erhalten, oder gar ihren Wohlstand zu sichern. Für immer mehr Menschen wird es unmöglich sich jemals einen bescheidenen Wohlstand zu erarbeiten. Hier wird Knechtschaft vorbereitet durch Sklavenlöhne. Zu bezahlende Bildungsprivilegien, ins gehetzte hinein, auf Kreditbasis, erzwingt doch geradezu erpressbare Untertanen. Steigende Abgaben und steigende Preise als Selbstverständlich organisiert, ohne Selbstverständlich höhere Einnahmen überhaupt zu ermöglichen, erzeugt Angst. In welchem Ausmaß vermag ich nicht einzuschätzen, die Konsequenzen liegen im Bereich einer lähmende Starre, Depression, Aggression, Ausflucht ins kriminelle, Selbstmord, Amok, Auswanderung. Der Begriff des Klassenkampf ist tabuisiert, aber dennoch stattfindend, zur Zeit von „Oben“ angetrieben, von der Journaille immer als sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich benannt, ist eine treibende Kraft in die Veränderung, die kommt. Die Medien transportieren als öffentliche Meinung Herrschaftswissen,-manipulationen,-interpretationen und ihre eigene Medienmeinungskorrektur dazu, gemaßregelt durch den Herausgeber. Unsere Medien verkaufen wesentlich mehr Meinung, das ist billiger als teure Recherche zu gesellschaftlichen Fakten. Dieser Umstand erbringt mehr „Rendite“ und wird somit Teil des Problems. Da entsteht ein Bild von Gesellschaft, von gesellschaftlicher Weltdeutung, der eingeschränkten Art. Es muß einer ein maßloser Dummkopf sein, der den kleinen Horizont da nicht erkennt. Der Job der Öffentlichen Meinung bewegt sich hier ein Stück weit in die Traumdeutung. Es wird ins sträfliche führen, das Gesellschaftsprozesse jenseits der Eliten keine Medien haben die über sie berichten. Und dann wäre da noch eine Frage an Frau Bundeskanzlerin Angela Dorothea Merkel, auch an den Stellvertreter der Bundeskanzlerin Herr Guido Westerwelle, auch an Euch den Funktionären der Verbände, Parteien, die Wirtschaft, das Establishment – was für ein Deutschland wollt Ihr? Privilegiennation! – Nation der Gewinnspiele und Stars! – Der lange Marsch in die Sklaverei! – Wenn da keine Antworten kommen die Überzeugen, wenn da keine Handlung möglich wird für die ausgegrenzten Massen, dann werdet ihr privilegierte Parallelgesellschaft bis zu dem historischen Punkt der Sinnlosigkeit. Demokratie steht für Würde, jedes ihrer Mitglieder und die Würde muß Schön sein, im menschlichen ankern.
Sende mir Deine Mail Art: Rainer Wieczorek, Reuterstraße 85, 12053 Berlin. Bitte bis Ende Januar 2011, Juryfrei, Technikfrei, Dokumentation und Ausstellung in der Galerie „R31“ hier in Neukölln.
Infos zur Person www.rainerwieczorek.de und auch 030/ 61 3456 2
Rainer Egon Oscar zu Heinrich von de la Boétie (1530-2010)
—
Rainer Wieczorek (Künstler/Soziologe/DADAsoph) http://www.rainerwieczorek.de
POSTANSCHRIFT: „Produzentengalerie Rainer Wieczorek“ Reuterstr. 85 in 12053 Berlin, 030 61 3456 2
„Evolutionsbüro“ Greifswalderstr. 20
mit „Streikposten 2“ und der „KUNSTdemokratie“
Die Vereinigten Staaten hatten einen Staatschef, der auch ein großer Schriftsteller war. Nur Marc Aurel kann ihm das Wasser reichen: Abraham Lincoln. Wie viele Prosameister las und schrieb er auch Gedichte. Sein Gedicht „My Childhood-Home I See Again“ vereint geschmeidige, wenn auch konventionelle Passagen im Balladenmaß mit einem anderen Element, kräftig in der Phantasie und wild. Es stellt auch interessante Fragen an die Lyrik selbst – ihre Fähigkeit, die Bedeutung der Wörter mit der Kraft körperlicher Gesten zu verbinden.
Robert Pinsky: Meet Abraham Lincoln, Poet
SOURCE: Slate (6-22-10)
[Former Poet Laureate Robert Pinsky’s latest book of poems is Gulf Music.]
Als Kind schrieb er dieses Gedicht in ein Schulheft:
Abraham Lincoln,
His hand and pen:
He will be good but
God knows When.
Kein schlechter Anfang. Der erste Abschnitt des von Pinsky erwähnten Gedichts lautet so:
My Childhood Home I See Again
By Abraham Lincoln (1809-1865)
I
My childhood’s home I see again,
And sadden with the view;
And still, as memory crowds my brain,
There’s pleasure in it too.
O Memory! thou midway world
‚Twixt earth and paradise,
Where things decayed and loved ones lost
In dreamy shadows rise,
And, freed from all that’s earthly vile,
Seem hallowed, pure, and bright,
Like scenes in some enchanted isle
All bathed in liquid light.
As dusky mountains please the eye
When twilight chases day;
As bugle-tones that, passing by,
In distance die away;
As leaving some grand waterfall,
We, lingering, list its roar–
So memory will hallow all
We’ve known, but know no more.
Near twenty years have passed away
Since here I bid farewell
To woods and fields, and scenes of play,
And playmates loved so well.
Where many were, but few remain
Of old familiar things;
But seeing them, to mind again
The lost and absent brings.
The friends I left that parting day,
How changed, as time has sped!
Young childhood grown, strong manhood gray,
And half of all are dead.
I hear the loved survivors tell
How nought from death could save,
Till every sound appears a knell,
And every spot a grave.
I range the fields with pensive tread,
And pace the hollow rooms,
And feel (companion of the dead)
I’m living in the tombs.
Mehr hier
Die Worte hüpfen über das Zeilenende: „For the game of lawn tennis there’s no better symbol than / Wimbledon“. Es ist ein kleiner, augenzwinkernder Reim, der eine große Tradition auf den Punkt bringt. Er stammt aus einem Gedicht des Autors Matt Harvey, der das diesjährige Turnier als offizieller „Championship Poet“ begleiten wird. / Tagesspiegel
Fast zur gleichen Zeit erschienen im Frühjahr 2010 zwei Bücher mit Liebesgedichten: Raoul Schrotts Anthologie mit Texten altägyptischer Liebeslyrik und Michael Lentz’ Gedichtband „Offene Unruh“. Der Unterschied könnte nicht größer sein. Während die fast 3.500 Jahre alten Gedichte in hochpoetischer Sprache ein wahres Liebesfest aus Sehnsucht und Liebesglück feiern, werden die Lentz-Gedichte von einem sachlich-kühlen, „unruhigen“ Sprachton geprägt. Die ungetrübte Liebe dort wird in den modernen Texten von einem gebrocheneren Bild der Gefühle verdrängt. Die Liebe ist „ein wort das auf der stelle tritt“, „ein zuviel gesungenes lied“, so heißt es bei Lentz. Seine Verse handeln auch von der Unvollkommenheit der Liebe und dem Misstrauen gegenüber einer verbrauchten Sprache der Gefühle.
Diese skeptische Haltung fehlt in den altägyptischen Texten, die Schrott in seinem Band vorstellt, völlig. Die Texte, entstanden um 1300 v. Chr., aufgeschrieben auf Tontafeln, Vasen, Tonscherben und Papyrusrollen, durch Zufall erhalten, sind beeindruckende literarische Zeugnisse, heute fremd in ihrer ungebrochen romantisierenden Verklärung von Liebe, aber zugleich faszinierend darin, dass sie Liebe so ausschließlich und selbstverständlich zum Mittelpunkt des Lebens machen. …
Vergleiche der Geliebten, der „einzigen schwester“, mit dem „funkelnden sirius der am horizont aufsteigt / zum beginn eines guten jahres“ mit Lapislazuli oder mit Lotosknospen stehen am Beginn der Entwicklung einer poetischen Bildersprache. Sie wird um 1300 v. Chr. aufregend neu gewesen sein. Im „Hohen Lied“ beispielsweise, das vierhundert bis sechshundert Jahre später entstand, oder in den Gedichten der Sappho um 600 v. Chr. waren die sprachlichen Möglichkeiten, die in den altägyptischen Gedichten noch „erfunden“ und erprobt wurden, bereits Allgemeingut lyrischen Sprechens und wurden in immer neuen Formen belebt und erweitert.
/ Herbert Fuchs, literaturkritik.de
Raoul Schrott: Die Blüte des nackten Körpers. Liebesgedichte aus dem Alten Ägypten.
Carl Hanser Verlag, München 2010.
96 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783446234857
Besuch aus Moskau 1955
Fadejew! – Paustowski! – Korneitschuk!
Issakowski! – Bashan! – Schtipatschtow*!
Ketlinskaja! – Kassyl! – Katajew!
>>Ach, lebt die Achmatowa noch?«
Bek! – Lebedew-Kumatsch! – Sjomuschkin!
Scholochow! – Polewoi! – Lugowskoi!
Surkow! – Schaginjan! – Libedinski!
»Und lebt die Achmatowa noch?«
Perwomaiski! – Fedin! – Lukonin!
Ja, sie lebt!, nun hören Sie doch!
Assejew! – Ashajew! – Fadejew!
»Sie lebt, die Achmatowa, noch?«
Adolf Endler, Der Pudding der Apokalypse. Gedichte 1963 – 1998. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999, S. 68.
10 Gedichte können Sie lesen und sich vom Autor vorlesen lassen bei www.lyrikline.org
Zum Verständnis des Gedichts muß man nur wissen, daß die große russische Lyrikerin Anna Achmatowa fast 50 Jahre „vor den Augen ihres Lands“ verborgen wurde.
*) Schtschipatschow, beliebter sowjetischer Lyriker. Vgl. das Gedicht „Der Engel“ von Jewtuschenko:
Jewgeni Jewtuschenko
Der Engel
Ich trinke nicht! Ich liebe meine Frau.
Ausschließlich meine, ich betone das.
Ich bin ein Engel. Fehlte nur noch, dass
ich Stschipatschows Gedichte wiederkau.
Das ist ein Leben! Ich bin müd und matt:
Verhüllt, ihr Fraun, die Täler und die Hügel.
Da ruckt es doch und zuckt im Schulterblatt,
aha, s’ist der linke Flügel.
Was tun? Was tun? Ich lebe so dahin.
Die Flügel wachsen, es kursieren Witze:
„Schon gehört, der Schneider macht ihm in
die Hemden, Jacken, Mäntel jetzt die Schlitze.“
Ich schlucke das. Weil ich ein Engel bin,
halt ich dem Schläger auch die zweite Backe hin.
Ich bin ein Engel. Daß ich rauch
beweist nichts andres als: die Engel rauchen auch.
Ich wiege nichts mehr. Ich bin reiner Geist.
Ich schwebe überm Pflaster wie ein Hauch.
Ich schwebe, schwebe. Niemand dreht sich um.
Was können die Frauen schon an mir sehen.
Ich bin ein Engel. Ich muss vorerst stumm
erdulden, wie sie lustlos weitergehn.
Mein Dienstgrad ist im Himmel eingetragen,
als Engel bin ich höhern Orts bekannt.
Jedoch bedenkt: Zu dem sie Satan sagen,
der war als Engel Luzifer benannt.
(Ungefähre Mitschrift von der Schallplatte „Jazz, Lyrik, Prosa„, 1967. Die meist satirischen Texte dieser Platte, vorgetragen und gesungen von bekannten Schauspielern wie Manfred Krug und Eberhard Esche, kennen viele bis heute fast auswendig.)
Gino Chiellino schreibt seine Gedichte, anders, als sein Name es vermuten ließe, auf deutsch. Er ist 1946 in Süditalien geboren, in Kalabrien, und lebt seit 1970 in Deutschland. Heute wohnt er in Augsburg.
Doch nicht nur dieser Einschnitt ist markant. Er selbst nennt als vielleicht wichtigsten Einschnitt denjenigen, den er als 13-Jähriger erlebte: In diesem Alter verließ er den Bannkreis seiner „Geburtssprache“, des Dialekts seines Heimatortes Carlopoli. Das Leben in „drei Sprachen“ ist also die entscheidende Erfahrung seiner Gedichte, und Chiellino findet drei Worte, die eine elementare Erkenntnis für ihn beinhalten: sciolle, stroppe und hienu, das sind Begriffe aus dem Kalabresischen, und sie bedeuten Scholle, Gestrüpp und Heu.
Diese verblüffende Übereinstimmung mit dem Deutschen ist wie ein autobiografischer Fingerzeig, nicht nur, weil das „H“ in „hienu“ als einziger Laut aus der vorchristlichen Ursprache in dieser Region noch existiert. / Helmut Böttiger, DLR
Gino Chiellino: Landschaft aus Menschen und Tagen
Gedichte. Edition Lyrik Kabinett bei Hanser
München 2010
72 Seiten, 14,90 Euro
„Entwicklung höherer Komplexität als Aufgabe der Kunst – keine Dekoration!“
(Jörg Janzer, 9.9.09)
G&GN-Institut Berlin-Neukölln 21.6.2010 / Erstmals in der über zehnjährigen Geschichte des alternativen Lyriknobelpreises für DEUTSCHSPRACHIGE LEBENDE DICHTER hat ein Anwärter den Preis abgelehnt: Der bald 70-jährige Berliner Jörg Janzer (alias Dr. George Ervin Negentropos), ein ehemaliger Psychiater und interdisziplinärer Künstler (Musik, Malerei, Literatur, Performance), nannte als Grund für seine Entscheidung, den Preis abzulehnen, daß seine Werke aus anderen Disziplinen als der Lyrik für ihn persönlich wichtiger sein und ihm bedeutender erschienen als die Gedichte. Tom de Toys, der Erfinder des Nahbellpreises am sogenannten „Institut für Ganz & GarNix“ (gegründet 1990 in Köln, seit 1999 online: www.GGN.de), lernte Janzer bereits 1998 kennen, als sich beide noch im Szene-Umfeld des Berliner Kunsthauses Tacheles auf der Oranienburgerstraße im Bezirk Mitte aufhielten. De Toys betrieb 1998-2000 einen Literatursalon im Tacheles und hörte Janzer eines Tages auf der Straße vor dem Kunsthaus in einer Art Trompete spielen, die ihm von der meditativen Technik des Neurotrompeters seiner eigenen Band „Das Rilke Radikal“ (www.NEUROLYRIK.de) vertraut war. Seitdem De Toys kurz darauf Janzers Texte in einer Vitrine im Alten Postamt ausgestellt sah, ist er begeistert von dessen poetischem Talent, das in mehreren Disziplinen spürbar wird. So verstrahlen auch die Miniaturzeichnungen von Buddha im konturbetonten Comicstil, die vor einigen Jahren auf der Kreuzberger Oranienstraße in einer Galerie zu sehen waren, eine spirituelle poetische Kraft, die so leicht und tiefsinnig auf den Betrachter überspringt wie auch das schelmische Lachen des weißhaarigen Künstlers selbst, den man oft auf Rollerscates die Kastanienallee herunterfahren sieht. Vom Senat erhält er laut eigener Aussage ein lebenslängliches kleines Stipendium (quasi wie ein Ehrenbürger), was ihm hilft, sich seiner umfassenden Forschung über das Menschsein widmen zu können. So entwickelte er vor einigen Jahren eine spezielle orthopädische Erfindung gegen Rückenprobleme und vertritt auch heute noch sehr kritische, progressive Ansichten über die Psychiatrie und deren Institutionen. Das führte damals auch dazu, daß er den allzu konservativen Kollegen zu unbequem wurde und seinen Job als Klinik-Chef verlor, ja sogar selbst als psychisch krank abgestempelt wurde! Solche Anekdoten erzählt er heutzutage mit lächelndem Stirnrunzeln – Janzer ist ein ernster, aber auch sehr humorvoller Geist, der die Wahrheiten hinter den Schmierenkomödien enttarnt, aber darum weiß, wie sehr das freiheits- und gerechtigkeitsliebende Wahrheitsbestreben engagierter Künstler die menschliche Alltagsmaskerade überfordert… Das G&GN-Institut bedauert sehr, daß wir ihm den Nahbellpreis nicht verleihen dürfen. Noch vor drei Jahren vereinbarten De Toys und Janzer ein Treffen in dessen Atelier, bei dem De Toys eine Auswahl der Gedichte zusammenstellen sollte, um damit ein Heft in der Edition „naHbell“ heraus zu geben. Als es dann endlich am 9.9.2009 zu jenem historischen Treffen in Janzers Stammcafé „Haliflor“ an der Ecke Schwedter Straße im Rahmen seines monatlichen „SALON DU NEUF“ kam, entstand zunächst ein Video-Interview, in dem Janzer zwar schon ein wenig gereizt reagiert, als fühle er sich nicht ernst genommen, aber erst wenige Minuten nach dem Interview zeigte er sich völlig überrascht und verwundert über das Vorhaben der Preisvergabe und erklärte, er wolle den Preis lieber für seine andere Kunst erhalten. Da der Nahbellpreis aber ausschließlich für Dichtkunst vergeben wird („für die Unbestechlichkeit im lebenslänglichen Gesamtwerkprozess“), unternahm De Toys einen letzten Überzeugungsversuch mit dem Argument, daß das G&GN-Institut selbstverständlich auf seine anderen Kompetenzen hinweisen würde und die Literatur lediglich exemplarisch in den Vordergrund rücke, um für ihn als Gesamtkünstler zu werben. Leider ohne Erfolg: Janzer lehnte beinahe entsetzt ab! Das Gespräch endete an dieser Stelle mit gegenseitigem Mißmut und die beiden sind sich seitdem nie wieder begegnet. Trotzdem erlauben wir uns heute, Jörg Janzer als großartigen, spannenden Ausnahmekünstler zu erwähnen und haben entschieden, keinen „Ersatzdichter“ für den diesjährigen 11.Nahbellpreis zu nominieren sondern Janzer in unserer Ehrengalerie mitsamt seiner Ablehnung zu führen. Umso mehr freuen wir uns bereits auf das kommende Jahr: der SocialBeat-Veteran Hadayatullah Hübsch wird dann am 21.6.2011 als 12. Nahbellpreisträger seine Urkunde empfangen und bedankte sich noch vor wenigen Tagen für die Anwärterschaft, als wir das Glück hatten, ihn auf seiner jüngsten Berliner Lesetournee stimmgewaltig in Begleitung von Matt Grau (an der Gitarre) mit typisch rythmisch-heftigen politischen, aber auch selten gehörten melodisch-feinsinnigen brandneuen Poemen zu erleben.
GALERIE ALLER NAHBELLPREISTRÄGER SEIT 2000: www.naHbellPREIS.de
DIESJÄHRIGE G&GN-PRESSEMITTEILUNG ENTNOMMEN VON KNK-ORIGINALQUELLE:
http://knk.punapau.dyndns.org/publisher/site/knk/public/obj/page.php?obj=12399
VIDEO-INTERVIEW MIT JÖRG JANZER: „Aufgabe der Kunst“ (9.9.09: SALON DU NEUF):
http://vids.myspace.com/index.cfm?fuseaction=vids.individual&videoid=62980817
JANZER AUF MYSPACE: www.myspace.com/alzheimerjonglage
Eine bisher an mir vorbeigegangene Seite fliegt mir in einer Anmerkung von Ron Winkler zu, danke! Die literaturwerkstatt Berlin stellt ihre Reihe „Gespräch des Monats“ zum Nachhören ins Netz. Ich höre gerade Sherwin Bitsui, klingt gut! Hier können Sie stundenlang zuhören. Es sprechen: Oskar Pastior, Karl Mickel, Peter Rühmkorf, Adolf Endler, Mayröcker und Erb und…
Ihr nennt es Sprache: Rolf Dieter Brinkmann
Zum Todestag von Rolf Dieter Brinkmann lasen am 22.4.2010 Hans Christoph Buch, Matthias Göritz, Günter Herburger, Stephan Turowski in der Literaturwerkstatt Berlin. Die Moderation hatte Jan Röhnert.
Michael Lentz: Offene Unruh
In seinem aktuellen Buch kehrt Michael Lentz zu Liebesgedichten zurück. In der Literaturwerkstatt Berlin stellte er am 31.3.2010 „Offene Unruh – 100 Liebesgedichte“ vor.
Hier wie gewünscht die NZZ:
Der polnische Dichter Piotr Sommer mag ein ernstes Gesicht haben, wie er einmal schreibt, doch dahinter brütet die Ironie. Mit feinem Gespür für die Kraft der Einzelheiten findet er das Wesentliche nicht in grossen Gedanken, sondern im Beiläufigen: in ironischen Pointen, sprachlichen Vorlieben, absurden Details oder kleinen Erinnerungen. So lauscht er dem «Zwischensinn» noch in der eigenen Vergangenheit nach, klopft die Welt Stück für Stück ab und lässt den Blick über die Dinge wandern. «Die Sprache baut Sätze, der Körper zittert leicht», heisst es am Ende eines Gedichts.
Piotr Sommer: Im Dunkeln auch. Gedichte. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Matthes & Seitz, Berlin 2010. 216 S., Fr. 41.50.
Epigramm
Und Beatrice – schuf sie wie Dante Verse?
Berühmte Laura je der Liebe Glut?
Nun lehrte ich die Frauen sprechen…
Wie bringt man sie zum Schweigen, großer Gott?
1958
Anna Achmatowa, Poem ohne Held. Hg. Fritz Mierau. Göttingen: Steidl 1992. S. 129 (Nachdichtung von Rainer Kirsch)
(Numerierte Beiträge meiner Anthologie stammen aus dem Altbestand von 2000/ 2001)
Эпиграмма
Могла ли Биче словно Дант творить,
Или Лаура жар любви восславить?
Я научила женщин говорить…
Но, боже, как их замолчать заставить!
Лето 1957
Neueste Kommentare