Andere loben auch. Alban Nikolai Herbst, der es anhören muß, schüttelt sich. Er schreibt in seiner Dschungel Anderswelt „für Michael Lentz und gegen Dirk von Petersdorff. Paulus Böhmer zu Ehren. „Nach” dem Hannoverabend des 16. Septembers 2010. Mit Marion Poschmann und Jan Wagner.“ Herbst tadelt und lobt wohltuend kräftig:
Denn der Kotau, mit dem sich Rector zuvor Petersdorffs betriebsbe-, ja –durchgetriebenen Produkten zu Füßen geworfen hatte, war schlichtweg ekelerregend gewesen – zumal er darauf enormen rhetorischen Nachdruck verwandte, wiewohl doch allenfalls ein Erstaunen sein kann, daß ein Mann mit einer solchen intellektuellen Karriere solche schlechten Verse verfaßt. Tatsächlich meidet Petersdorff in seinen „Gedichten” nicht eine einzige Banalität, ja er gefällt sich und, schlimmer, suhlt uns darin: das gilt für die Formen wie den Inhalt. Wo es hingeht, fleddert er in den letzten Knochen Gernhardts herum, der auch schon lyrisch ein, wenn auch ungewollt, Scharlatan war. Geht es, wie nahezu immer, schlecht, ist Petersdorff kaum mehr als eine Mary Roos der Alltagsgedingse. Das desavouiert die Formen, derer er sich bedient – immer auf das schnellstgefundene Reimwort gehüpft. Zwar ist dies nicht ohne Kunsthandwerk, denn das ist freilich recht toll, wenn selbst die Glätte klappert. „Ein Replikant”, dachte ich aber, „meine Güte: So schreiben Replikanten Gedichte.” Wo wahres Gefühl wäre zu erwarten, Betroffenheit, jaja: sagen Sie nur „sentimental” – das heißt doch nicht, das Engagement sei sentimental auch in Worte zu fassen… – kurz: wo L e b e n ein Gedicht beseelte, wirkt durch Petersdorffs Verse nichts als Mainstream-Prothetik. Gebrauchsgedichte sind das im besten Fall, die aber, durch Kleist(!!)- und Liliencron-Preise, zu Hölderlin hinaufgemetzt worden sind von einem Betrieb, der sich hierin schamloser offenbarte denn je. Unter der plastifizierten Oberfläche schaut Tiefe nicht mal mehr durch. Hier werden gestiegene Brötchenpreise zu Weltschmerz ohne Schmerz, ja Schmerz selber, ganz wie die Liebe, zum Produkt der affirmativsten Melancholie. Die setzt, ganz klar, auf den Ulk. Wäre ich gutwillig, ich spräche von Abwehr, Reaktionsbildung nämlich: das Lachen, auf das Petersdorff so ganz erfolgreich abzielt, hat das Niveau eines ins Feinsinnige nobilitierten Schenkelklatschens. …
Die anderen lachten, wie zu erwarten, denn was des Affen ist, das frißt er. Alleine ich – Leser, ich konnte nicht anders – rief ein „Furchtbar!” in den Applaus.
So war diese Lesung nicht nur eine Maulschelle ins Gesicht Paulus Böhmers – Rector hatte nämlich gar noch „empfohlen”, an Petersdorff den nächsten Hölty-Preis zu vergeben -, sondern eine Beleidigung der drei anderen Autoren, die das Vorprogramm zur Preisverleihung bestritten: eine Verletzung der sanften, melodiösen Gedichte Jan Wagners, der stillen, ausgesprochen formstrengen, bisweilen schwebenden Gedichte Marion Poschmanns und – daß der sich nicht wehrte! – der radikalen und doch gefährdeten Sprache der „100 Liebesgedichte” von Michael Lentz. Sie waren meine Entdeckung des gestrigen Abends.
Der Frankfurter Dichter Paulus Böhmer hat für sein lyrisches Gesamtwerk am Donnerstag den Hölty-Preis für Lyrik in Hannover erhalten.
Der von Stadt und Sparkasse gestiftete Preis gilt mit 20 000 Euro als der höchstdotierte Preis für Lyrik im deutschsprachigen Raum. Er wird seit 2008 alle zwei Jahre verliehen und erinnert an Ludwig Christoph Hölty (1748-1776), einen bedeutenden deutschen Lyriker. / Focus
Nun hat der Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, Stefan Sienerth, die schriftliche Erklärung entdeckt, mit der sich der junge Oskar Pastior verpflichtete, als „IM Stein Otto“ für den Geheimdienst Securitate tätig zu werden. Sienerth hat auch herausgefunden, wie es dazu kam: Demnach war Pastior unter anderem wegen einiger antisowjetischer Gedichte, die er während seiner Gefangenschaft geschrieben hatte, ins Visier der Securitate geraten. Am 8. Juni 1961 wurde ihm dann die Zusage zur Mitarbeit abgenötigt. / Süddeutsche Zeitung
Schwer, keine Satire zu schreiben. Und ungerecht, es zu tun. Was kann Daniela Danz dafür, wenn Die Zeit ausruft: „Die deutsche Lyrik hat eine neue Stimme“ (ihrem Rezensenten Florian Illies verschlägt es selbige keineswegs, im Gegenteil, es beflügelt ihn zum Selberdichten: „Wie Daniela Danz in ihrem Band »Pontus« den Atem der Geschichte* in Poesie übersetzt“, Die Zeit 13/ 2009). Und ist Ann Cotten schuld, wenn dieselbe Zeit knapp anderthalb Jahr später sie zur Jeanne d’Arc ausruft, die die deutsche Lyrik aus dem Würgegriff der Experimentellen befreit? Neinnein, meine Anmerkungen betreffen keine der genannten Autoren (die ich selber durchaus unterscheiden und jedenfalls keiner Gruppe, auch keiner Spitzen-Gruppe zuschlagen möchte), auch keinen der anderen von ihm ehrend genannten Autoren. Es geht mir ausschließlich um die Art, wie im Hochfeuilleton über Lyrik geschrieben wird. Keine Satire; aber ein bißchen Polemik.
Jochen Jung schreibt in der jüngsten Zeit über ein neues Buch von Ann Cotten. Er lobt es sehr, und auch ich glaube, es verdient Lob. Soweit stimmen wir überein. Es bereitet Mühe, aber die wird belohnt, sagt Jung. Glaub ich auch.
Dann hebt er zu einer Einordnung an, stante pede und hohen Flugs:
Gerade geht ja das Jahrzehnt zu Ende, in dem ein Dutzend in den Siebzigern Geborene die Eckensteherin Lyrik wieder ans Licht holten, dass es eine helle Freude war. Bei Gedichten dachten dazumal die meisten ja nur noch an Robert Gernhardt, den Wilhelm Busch jener Jahre, von dessen Auflagenzahlen wie von den Zahlen der ihm zufliegenden Herzen selbst Rilke oder Benn nicht einmal hätten träumen können. Gewiss, Witz sells, erst recht, wenn er so lebensklug gekonnt ist wie bei Gernhardt, aber Lyrik kann und will doch entschieden mehr.
Das zeigten damals so ungleiche Flugtiere wie Nico Bleutge, Daniela Danz, Marion Poschmann oder Ron Winkler, um ungerechterweise nur ein paar zu nennen. Sie wussten und wissen unserer Alltagswelt bilderreich und formbewusst einen Glanz zu geben, den ihr die Prosaschreiber streng und neunmalklug verwehrten. So ist es denn auch ganz richtig, dass die Senioren der Darmstädter Akademie kürzlich erst den wunderbaren Jan Wagner in ihren Kreis aufgenommen haben.
Ich könnte weiter zitieren, werde es auch, aber ein paar Anfragen sind fällig. Jung fliegt über zwei Jahrzehnte, in denen, auch in der Lyrik, viel los war. Aber was genau? Sein „ja“ heischt Konsens – vielleicht zu schnell. Ja und ja: viele neue Namen tauchten auf, und auch die helle Freude sei konzediert. Ungleiche Flugtiere: aber hallo, klar doch! Und wie war das noch vorher, dazumal? Die meisten hätten damals nur an Gernhardt gedacht? War das so?
Ich hab Gernhardt gelesen und über seinen Witz geschmunzelt, ja: wenn ich an Gernhardt dachte. Wenn ich an Lyrik dachte, in den 90er Jahren: o, es gab die Älteren, unsortiert und willkürlich: Mickel Jandl Pastior lebten da noch! Kling! war noch jung und lebte, Hilbig! Mayröcker Hein Endler Erb Lorenc Meckel Klünner waren da, Papenfuß Fels Kolbe Rosenlöcher Häfner, etliche aus Rumänien Gekommene waren noch oder wieder da; Jüngere tauchten auf, Stolterfoht Falkner Beyer Lentz Kunst Egger Waterhouse Czernin …, manche Ältere lernte ich jetzt erst kennen, Richard Anders zum Beispiel; mancher Name, der gar nie ins Feuilleton gelangte… lange müßte ich aufzählen, bevor ich zu Gernhardt komme. Nicht meine Freunde und ich: die Zeit wars, die nur an den einen dachte, die ihm seitenlange Kolumnen bot, was gut gewesen wär, wenn nicht das einzige. Sind wir die wenigsten? Sind die die meisten? Ach was! Lyrik konnte und wollte und tat entschieden mehr als das Feuilleton fressen wollte.
Aber war es so nicht überhaupt? Kannte ich das nicht aus der verblichenen Republik? Eine dürre Gouvernante, die einen blühenden Garten beschimpft, sagte Endler, da war ich Student. Wenn ich schimpfen durch ignorieren ersetze: eine perfekte Definition des Feuilletons.
Und heute? In der Mitte jenes von Jung genannten Jahrzehnts „tauchten“ nicht nur neue Namen auf. Wenn sie „auftauchen“, waren sie längst schon dagewesen. 1992 erschien die erste Nummer von Urs Engelers „Zwischen den Zeilen“. Von Anfang an vermischt Alte und Junge, Ost- und Westler, „Experimentelle“ und eher „Traditionelle“, Bilderreiche, Glänzende und Schrille. In Nummer 1 Grünbein Kerstin Hensel Schertenleib Söllner Norbert Weiss, Nummer 6 Donhauser Duden Igel Kempker Steiger Stolterfoht…; ich springe zu 29: Aebli Camenisch Stefan Döring Enzinger Norbert Lange Lars Reyer Schlenker Tom Schulz, noch mal zurück, 24: Bleutge Bossong Ann Cotten Falb Jackson Rinck Scho…: das war die Lyrik, die wir lasen. Andere Zeitschriften und Verlage wären zu nennen, meist kleine. Das meiste nicht feuilletonabel: na und?
Und dann passiert die wunderbare Verwandlung. Eine Handvoll Großkritiker in den Großen Zeitungen sattelt um und setzt auf neue Pferde. Was setzt: sie erfinden sie. Sie glauben, daß sie sie entdeckt haben. Kookbooks wird das neue Paradigma. (Und dieser großartige Verlag kann nichts dafür: ich spreche vom Feuilleton). Kein Kookbooks-, ein Feuilletonhype!
Nicht daß sie diese Autoren loben, verdient Kritik; daß sie sie loben, um andere herab- (und sich hinauf-) zusetzen. Gleich im nächsten Satz bei Jung geht’s richtig los:
… dass die Senioren der Darmstädter Akademie kürzlich erst den wunderbaren Jan Wagner in ihren Kreis aufgenommen haben.
Jan Wagner, ja, aber nicht Oswald Egger oder Ulf Stolterfoht oder Raphael Urweider,
(schöne Reihe das!)
… nicht eine oder einen jener also,
(also!)
…die unter Lyrik weniger Wirklichkeitszauber verstehen und dafür mehr mit Ideen arbeiten, …
(meint der jetzt Egger oder eher Urweider???)
vor allem aber mit und an der Sprache selbst.
(Urweider oder eher Stolterfoht?????)
Das geht so weiter, jetzt kommt der ganze Schmarrn mit den „Experimentellen“, die in der „Bastelecke“ sitzen, „von der Leserschaft kaum wahrgenommen“, aha, also anders als Ann Cotten, Ron Winkler, Nico Bleutge? Vielleicht sollte man erst mal Verkaufszahlen erforschen. Suhrkamp (Ann Cottens Verlag) wird höhere Auflagen haben als Kookbooks: aber werden auch mehr verkauft? Mehr gelesen? Nehmen wir mal drei Suhrkampautoren, von denen dieses Jahr Gedichtbände erschienen: Ann Cotten, Nelly Sachs und Oswald Egger. Wer von denen wird mehr verkauft? Mehr besprochen? Mehr gelesen? Nur für die mittlere dieser Fragen würde ich eine Vermutung wagen. Wobei es Unterschiede zwischen, sagen wir Zeit und FAZ geben wird. (Während die Schweizer Neue Zürcher, wie mir scheint, ohnehin weniger von solchen Frontstellungen betroffen ist.)
Von allen großen Zeitungen die geringste Lyrikkompetenz aber hat gewiß die Tante Zeit. Daran wird das Cottenlob wenig ändern. Wiewohl es zu begrüßen ist. Noch begrüßenswerter, wär es nicht mit jener Frontstellung gekoppelt, auf die ich noch etwas eingehen möchte.
Jungs hämische „Experimentellen“-Schelte soll genauer betrachtet werden. Er scheint sich um sie zu sorgen, und dabei braucht er keine Anführungszeichen:
Ihnen, die man mit einem unerfreulichen Anklang an den Physikunterricht die Experimentellen nennt…
Man? Er also gerade, Jung, nennt sie so, und es erinnert ihn unangenehm an den Physikunterricht. Vielleicht hatte er keinen guten, mag sein. (Für mich waren die Experimente in Physik und Chemie überhaupt nicht unerfreulich). Andererseits vergesse ich bei dem Wort nie die Anführungszeichen. Er braucht sie aber für seine Metaphorik und für seine Bewertung. Ehrlicher wäre aber doch, er sagte „ich“ statt „man“.
ihnen, vor denen keine Syntax sicher ist
ja, das scheint schlimm zu sein, heilige Syntax! Sollte mal Klopstock lesen: den Dichter und den Grammatiker!
… schien die Sprengkraft abhandenzukommen.
Na immerhin kann nur das abhandenkommen, was zuvor da war.
Dabei macht er eine kleine feine Ausnahme. Die Experimentellen ohne „“, die von der Leserschaft „kaum wahrgenommen in einer Art Bastelecke“ saßen, wären, meint er, nicht nur kaum, sondern gar nicht wahrgenommen worden, hätte nicht eine,
… die Älteste unter ihnen, Friederike Mayröcker, sich als mirakulöses Blumenkind entpuppt
Sieh mal an, an die traut er sich nicht heran! Auch das erinnert mich an DDR-Zeiten. In den 70er Jahren hatte ich als Student in Ostberlin Gelegenheit zu Gesprächen mit dem kanadischen Schriftsteller Jack Winter, der eine großartige Paraphrase auf Mark Twains bitterböse Satire gegen den belgischen König Leopold geschrieben hatte, jenen Leopold, dem das riesige Kongoland als Privatbesitz gehörte, King Leopold’s Soliloquy. Winter sprach mit mir über die kulturpolitischen Verhältnisse in der DDR und sagte: Sie wollen (er meinte nicht mich, sondern die Verwalter) von allem nur einen Vertreter. „And I know why“, so begann meine Antwort. Diese Kritiker ähneln jenen, auch hier: Sie loben die eine neue Stimme, and I know why! Auch hier geht es um Herrschaft, um Kontrolle. Sie verabscheuen jene, die sie Experimentelle nennen, aber verehren oder respektieren den einen Jandl, die eine Mayröcker. Spät in beiden Fällen, aber dann doch. Warum, das sagen sie freilich nicht. Verdienen die etwa solche Verteidiger? Es geht um Kontrolle, und es offenbart den Spießer, der die Abartigen verabscheut, aber den einen Großen oder die eine Große auch mal ausnimmt.
Ich sagte, er sorgt sich um die Experimentellen. (Was auch immer es sagt, wenn man etwa Friederike Mayröcker mit dem Wort belegt). Ihnen komme die Leserschaft abhanden und die Sprengkraft. Es kommt noch schlimmer.
Noch schlimmer:
Sagt Jung,
Dass da überhaupt gelegentlich gesprengt werden muss in der Literatur, die vor lauter Inhalt ganz formvergessen ist,
was auch immer das heißt, und über wen,
das schien eine Jeanne d’Arc zu brauchen.
So kriegt er den Bogen zurück zu Ann Cotten. „Ab sofort“, dekretiert die Zeit, gehören ihre Gedichte
zum Besten, was die deutschsprachige Lyrik dieser Tage kann…
Jawoll doch, ja, kann sogar sehr gut sein. Aber brauche ich dafür die Zeit? Ich halte es lieber mit Urs Engeler und den anderen, denen es um die vielgestaltige Lyrik geht und nicht um Zensuren und Marschordnungen.
Ich aber ende mit einem letzten Zeit-Zitat:
Die Jungfrau wirft den Fehdehandschuh.
Jeanne de Cotten, voilà:
Dass ihr nicht alles gefällt, was die Kollegenschaft so schreibt, war bei einer so extremen Position, wie sie sie anpeilt, zu erwarten…
So extrem: das lasse ich mal da stehen, wo es steht, in der Zeit Nummer 38, Seite 53.
*) Als Jüngling schrieb ich auch mal Gedichte. In einem quasi ähnlich: „der Atem der Geschichte / aus ihren Mündern o wie süß! / ruf ich im Chor“. (Pardon, ich meinte das aber ironisch)
SAMSTAG, 18. SEPTEMBER 2010
19.00-20.00 DIE LYRIKKNAPPSCHAFT SCHÖNEBERG ON TOUR // ST. MARTINS-KIRCHE // Tobias Amslinger (Berlin), Dagmara Kraus (Leipzig) und Norbert Lange (Berlin) // Zeiten der Krise fordern den Zusammenhalt. Auch auf dem Feld der Literatur. Die 2009 in Berlin gegründete Lyrikknappschaft Schöneberg widmet sich der sittlich-moralischen Unterstützung von Dichtern und deren Arbeit im Wortbergwerk. Unter ihrer Ägide entstanden mehrere Bücher und jüngst das Online-Magazin karawa.net. In Roringen präsentieren drei der Knappen allerneueste Gedichtfunde und Resultate ihrer Bohrungen im Satzbau.
20.30-21.30 DIE METALL-ZÄHNCHEN GEWETZT: NORA GOMRINGERS TEXTE UND FRANZ TRÖGERS KOMPOSITIONEN FÜR SPIELUHR // ST. MARTINS-KIRCHE // Eine der profiliertesten Vortragskünstlerinnen ihrer Generation ist Nora Gomringer (Bamberg). Die 1980 geborene Lyrikerin wurde mehrfach ausgezeichnet und war zu Gast auf zahlreichen internationalen Poesiefestivals. In der Roringer Kirche tritt sie in einen ganz besonderen Dialog: ihre furiosen Sprachkaskaden treffen auf die Spieluhrmusik von Franz Tröger (Bamberg).
Ort: St. Martins-Kirche, Göttingen-Roringen (Lange Straße)
SONNTAG, 19. SEPTEMBER 2010
11.00-12.00 DIE PRÄZISEN VERGNÜGEN // EINE MAX-BENSE-MATINEE // ST. MARTINS-KIRCHE // Tobias Amslinger (Berlin), Dagmara Kraus (Leipzig) und Norbert Lange (Berlin) // Philosophie, Physik und Poesie: Wie kaum einer sonst beschäftigte sich Max Bense (1910-1990) mit den Zusammenhängen von Technik und Kunst, Geistes- und Naturwissenschaften. Der Stuttgarter Professor untersuchte Die Mathematik in der Kunst und dichtete mit Die Zerstörung des Durstes durch Wasser das zufällige Textereignis einer Liebesgeschichte. 2010 wäre Bense hundert Jahre alt geworden. Grund genug, sein wissenschaftliches und poetisches Werk in einer Lesung vorzustellen.
***
Weitere Informationen unter http://www.stallarte.de
Es war sein 15. Ausreiseversuch. Und ist nun tatsächlich seine erste Auslandsreise. Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu kann als Gast am Internationalen Literaturfestival Berlin teilnehmen. Am Mittwochmorgen landete der bislang mit einem Ausreiseverbot belegte Autor in Berlin, wo er bis zum 31. Oktober im Rahmen einer Autorenresidenz bleiben wird. …
Der 1958 in der Provinz Sichuan geborene Dichter und Prosaautor fiel mit einem Gedicht über das Tiananmen-Massaker 1989 in Ungnade. Er war vier Jahre in Haft, stand unter Hausarrest. Als Dissident sieht er sich trotzdem nicht – er wolle in China bleiben und die Wahrheit sagen, erklärte er. / taz 16.9.
Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld haben den Suhrkamp Verlag als Trojanisches Pferd in die Festung Kulturindustrie gestellt: Es sieht aus wie ein Geschäft, es arbeitet wie ein Geschäft, ist aber in Wahrheit mehr als ein Geschäft. …
Ein Verlag kann gegen all das, was gerade geschieht, allein nichts ausrichten, das kann nur die Gesellschaft, die es geschehen lässt oder nicht. Ein Verlag ist keine öffentliche Bibliothek. Ein Verlag ist kein wirksamer Schutz gegen das Übersehenwerden. Ein Verlag ist kein Ersatz für eine Literatur-Gewerkschaft. Ein Verlag ist kein Museum. / Ulla Berkéwicz, Die Zeit 35
WIR LASSEN UNS ZU SELTEN GEHEN, WESEN
Wie du genießen Unverbindlichkeit,
Entfernungen, die Spielerei zu zweit,
Ich kann nicht ständig schreiben, saufen, lesen,
Zu dritt und daran denken, daß die Zeit,
Obwohl es Frauen gibt, die seltsam leben,
Erkältungen an Wiesen weitergeben,
Die Zeit vergeht, die Spielerei zu zweit,
Obwohl es Wesen gibt, zu dritt, die lieben,
Die sich erklären und dabei erkälten,
Was glaubst du, soll ich daran nicht verstehen,
Die Wiesen sind noch lange wachgeblieben,
Ich lasse unsere Spielerei nicht gelten,
Wir beide lassen uns zu selten gehen.
/ Thomas Kunst
Für das politische Personal in Brüssel hat Schröder, der zu aktiven Zeiten nicht gerade als überzeugter Europäer galt, nur Hohn und Spott übrig. Über den belgischen EU-Ratspräsidenten und Haiku-Fan Herman Van Rompuy sagt er: „Das mag ein kluger Mann sein, ich höre, er schreibt japanische Gedichte.“ Dessen Wahl sei jedoch eine „klassische Fehlentscheidung“ gewesen, die vor allem Deutschland und Frankreich zu verantworten hätten. / Märkische Allgemeine
Eröffnung der Kulturspelunke Rumbalotte continua
am 17. September 2010 um 20 Uhr
in der Metzer Str. 9, 10405 Berlin.
Ab 18. September täglich ab 15 Uhr geöffnet.
Am Sonntag, den 19. September 2010 ab 20 Uhr:
Protestvergißmeinnicht
Ein Abend zum 80. Geburtstag von Adolf Endler
Texte, Film und Musik mit Bert Papenfuß, Brigitte Struzyk, Eberhard Häfner, Detlef Opitz, Peter Wawerzinek, Johannes Jansen, Annett Gröschner, Andreas Koziol, Gerd Adloff, Lothar Trolle, Leonhard Lorek, Gottfried Rößler, Cornelia Jentzsch, Jan Faktor, Peter Geist, Konrad Endler, Stefan Döring und Elke Erb.
Am Freitag, den 24. September um 21 Uhr:
Inauguration der Veranstaltungsreihe
DER WEISSE HAI IST GUT – Minikino & Maxitheater
Moderiert von Mario Mentrup. Präsentation des ARTOUT PROJECT (in englisch).
Siehe: www.artout.org/about.html
DER WEISSE HAI IST GUT findet ab dem 30. September jeden Donnerstag in der Kulturspelunke Rumbalotte continua statt.
Bloom nämlich schrieb geradezu provokativ ein Buch mit dem Titel „The Western Canon“. Vier Weltalter der Dichtung eröffnen sich nun als sehr populär gehaltenes Panorama vor dem Leser: das theokratische Zeitalter (es ist sehr lang, indem es vom Gilgamesch-Epos bis zum Nibelungenlied reicht), das aristokratische, das demokratische (in etwa die klassische Moderne) und schließlich das „chaotische“ Zeitalter – die unmittelbare Gegenwart Blooms.
Nun war es gerade sein Kunstgriff, diese starken Wertbehauptungen einerseits zu sichern, sie aber gleichsam unter der Hand anders zu füllen. Man kann eine ganz einfache Probe darauf machen: Ezra Pound und T. S. Eliot, die, sagen wir um 1960, die Mitte eines dichterischen Kanons der englischsprachigen Moderne bildeten, fallen weitgehend heraus. Plötzlich sah man in dem Kanon-Buch den Chilenen Pablo Neruda in den höchsten Rang erhoben.
Größe bemisst sich am überwundenen Widerstand. Blooms Idee des „starken Dichters“ ist dabei von Freud geprägt. Das männliche Kind träumt von der Überwindung der väterlichen Macht, und gerade so verhält sich der Dichter, ein ins Riesenhafte und Kulturelle projizierter Ödipus, gegenüber Homer, Dante, Shakespeare und Milton. Aus dem theoretischen Werk von Freuds Tochter Anna über „Das Ich und die Abwehrmechanismen“ destillierte Bloom eine kleine systematische Folge von dichterischen Strategien, die Vorläufer in einem Kampf, einem „Agon“, zu bannen. / Lorenz Jäger, FAZ 11.7. (sic)
Mit den Kindergedichten von Chibo Onyeji werden die Phantasie und vor allem die Neugierde von Kindern geweckt.
Vorausgesetzt man beherrscht Igbo, denn erschienen ist der neue Band des in Österreich lebenden Autors in einem Verlag in Enugu/Nigeria. Mit diesen Gedichten kehrt Chibo Onyeji an die Stätten seiner Kindheit zurück und es ist kein Zufall, dass er dieses Buch in seiner Muttersprache vorlegt. …
Anlässlich der Verleihung des Olaudah Equiano Prize for Fiction (New York, 2007) bekräftigte der Autor in Interviews die Bereicherung des Lebens in mehreren Kulturen und Sprachen. Als Dichter und Reisender zwischen den Welten hat Chibo Onyeji „ỊTỤ AGWA KA AGỤ“ bereits ins Deutsche übersetzt. Es fehlt nur noch ein mutiger Verlag, der diese phantastischen Gedichte dem deutschsprachigen Lesepublikum nahe bringt. / Afrikanet
Chibo Onyeji, ỊTỤ AGWA KA AGỤ, Fourth Dimension Publishing Co., LTD., Enugu / Nigeria, 2009, ISBN: 978-156-608-6
ROTE SOMMER
Derweil der große Haufen sich, in überengen
Behältern drangvoll duldend wie auf Viehtransporten,
Aus Deutschlands nördlich milden Breiten oder Längen
Hinquält zu seinen grauenhaften Urlaubsorten,
Begeben Preußens dünkelhafte Kommunisten,
Gewohnt, in völliger Absonderung zu glänzen,
In Linnen leichtgewandet, duftenden Batisten,
Nach ihren Dörfern sich und Sommerresidenzen.
Und sie verharren vor Parterren mit Verbenen
Und nippen edlen Wein in schattigen Remisen.
Manchmal, nicht allzu oft, empfängt wohl dieser jenen,
Beziehungsweise jener bewillkommnet diesen.
Dann nehmen sie den Tee aus köstlichen Geschirren,
Plaudernd vom Klassenkampf, während ein Pfau, ein bunter,
Gekrönter Mohrenvogel, mit metallnem Flirren
Durch Heckenwege schreitet und zum See hinunter.
Peter Hacks: Die Gedichte. Hamburg: Edition Nautilus 2000, S. 306
(F.W. Bernstein las das Gedicht in der Reihe „Archiv der Poesie“, die der Sender NDR 3 jeden Sonntag um 19.20 Uhr ausstrahlt)
Dieses Gedicht erschien zuerst in der Zeitschrift „konkret“. F.W. Bernstein, der es in der genannten Radiosendung las und kommentierte, hält die im Gedicht besprochenen „dünkelhaften Kommunisten“ für „durchaus arschlochhafte Spitzenfunktionäre“ des SED-Regimes. Davon abgesehen, daß Hacks Bernsteins Meinung über jene anscheinend nicht teilt, halte ich diese Lesart für wenig plausibel. Wer die „Enthüllungsbilder“ des DDR-Fernsehens im Wendeherbst/Winter 1989 gesehen hat, weiß, daß diese eher in einer freiwilligen Kasernierung lebten als in der von Hacks beschriebenen arkadischen Landschaft, und daß selbst ihr „Luxus“ eher militärpreußisch-dürftig als idealpreußisch (im Sinne des Gedichts) leicht und locker war. Außerdem ergibt mit seiner Lesart die erste Strophe keinen Sinn; denn seit wann konnte der große Haufen in der DDR in überengen / Behältern drangvoll duldend wie auf Viehtransporten , vulgo Auto genannt, gen Süden hin zu seinen grauenhaften Urlaubsorten reisen??
Neinnein, wir müssen uns damit abfinden, daß Preußens dünkelhafte Kommunisten hierheute unter uns leben. Leute, die wider alles bessere Wissen ihrer (West-)Kollegen, daher dünkelhaft und starrsinnig, an ihren utopischen Ideen festhalten. Jajaja, die Szene spielt heute, lieber Herr Bernstein. Kann es sein, er verspottet Leute wie Sie (und mich)?
Aber obwohl ich weder Bernsteins Interpretation noch – spätestens seit er 1976 dem gerade ausgebürgerten Wolf Biermann einen Schmäh nachrief, auf den jener nicht antworten konnte – Hacksens politische Auffassungen teile, sind wir alle drei, Bernstein, ich – und Hacks sowieso – der Meinung, daß dies ein gutes Gedicht ist.
(Numerierte Einträge meiner Anthologie stammen aus der Anfangsphase 2000/ 2001)
Den vierten Teil der Lettrétage-Datenschreiber-Serie widmen Ann Cotten und Bert Papenfuß dem Superstar des Glamrock, Marc Bolan an dessen 33. Todestag. Aber auch Carl von Linné könnte eine gewisse Rolle spielen. Neugierig?
Weiteren Aufschluss erhalten Sie – vielleicht – unter www.datenschreiber.net. Auch ein Besuch auf www.lettretage.de kann informativ sein.
Donnerstag, 16. September 2010, 19:30 Uhr, Eintritt 5,- Euro
Datenschreiber IV: Nemesis Divina – Marc Bolans Bein
Ann Cotten und Bert Papenfuß
Acht Daten, elf Autoren, rund sechzig Jahre Geschichte. Um den Nukleus eines mehr oder minder zufällig »Gegebenen« (lat. datum) herum – sei es tragisch oder trivial, esoterisch oder paranoid – sammelt sich der Sternenstaub der Historie zu einem »schmutzigen Schneeball«.
Aber schreiben wir uns nicht alle von solchen Daten her? Und welchen Daten schreiben wir uns zu? (Paul Celan)
Immer wieder scheint es, als wäre alles aus. Doch jedes noch so stumpfe Ende lebt als Anlass weiter. Unsterblich ist das Relikt. Sterblich ist allein der Geist, dem es nicht gelang, sich vollständig auszudrücken. Was gelebt wird, geht unter, es bleibt, was behauptet wird. »Vor zwei Jahren hätte ich nicht im Radio auftreten dürfen, jetzt kann ich sogar mein Bein zeigen. « Die Zeit hält Schritt. Geht in die Bibliotheken!
Ann Cotten, geboren 1982 in Ames, Iowa, wuchs in Wien auf, lebt heute als Autorin und Übersetzerin in Berlin. Debütierte 2007 mit dem bei Suhrkamp erschienenen Gedichtband Fremdwörterbuchsonette. Aktueller Einzeltitel: Floriada-Räume (Suhrkamp 2010). Erhielt 2008 den Clemens-Brentano-Preis.
Bert Papenfuß, geboren 1956 in Stavenhagen. Gelernter Elektronikfacharbeiter, Ton- und Beleuchtungstechniker, arbeitete ab 1976 als Theaterbeleuchter in Berlin, ab 1980 als freier Schriftsteller. Er war eine der prägenden Gestalten der Prenzlauer-Berg-Literatenszene der späten DDR. Ab 1999 lange Jahre Mitbetreiber des Kaffee Burger. Zahlreiche Auszeichnungen und Publikationen, zuletzt Ation-Agenda. Gedichte 1983-1990, Urs Engeler 2008.
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