Heute wäre der 85. Geburtstag des deutsch-sorbischen Dichters Kito Lorenc. Zum Anlass ein Gedicht aus einem Heft, das zum 65. Geburtstag 2003 beim verdienstvollen Verlag Ulrich Keicher erschien, herausgegeben von seinem Freund Manfred Peter Hein.
URWORTE dreier schreibender Vorruheständler im Goethejahr Ich blick’ in die Ferne, daß ich wen töte; im Busen brennt es — ich wurde kein Goethe. Sieh da! Sieh da, schon bin ich ein Killer, mein Los, es ist ähnlich: Ich wurde kein Schiller. Gedenkt, wenn ihr von unseren Morden sprecht auch meiner mit Nachsicht: Ich wurde kein Brecht
Aus: Kito Lorenc, Achtzehn Gedichte der Jahre 1990-2002.Auswahl von Manfred Peter Hein. Warmbronn: Keicher, 2003, S. 21
Adrian Kasnitz
14.06. [An diesem Bier heißt alles Köln] An diesem Bier heißt alles Köln an diesem Morgen heißen alle Verfickt n. m. an heißem Kaffee klebt deine Zunge an dieser Aussicht klebt dein Verstand an diesem Tag ist nichts zu gewinnen an diesem Verlust kannst dich lang’ erquicken an diesem Abend ist alles Bier an dieser Nacht heißt alles Du
Aus: Adrian Kasnitz: Kalendarium #6. Gedichte. Köln: parasitenpresse, 2020
Kurt Marti
(* 31. Januar 1921 in Bern; † 11. Februar 2017 ebenda)
wir müssen platz machen
hat er gesagt
platz für die jungen
es sind zu viele menschen
es ist zu wenig platz auf der welt
hat er gesagt
und jetzt
hat er platz gemacht
seine wohnung wird frei
sein parkplatz steht zur verfügung
bald fährt ein anderer seinen wagen
er steigt in keine tram mehr
fremde sitzen am mittagstisch seiner wirtschaft '
die rente kann zinstragend angelegt werden
ein neuer kunde findet beim zahnarzt zulaß
wir müssen platz machen
hat er gesagt
es ist zu wenig platz auf der welt
Aus: Poesiealbum 272: Kurt Marti. Auswahl von Helmut Braun. Grafik Martin Goppelsröder. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2022, S. 12
Moriz Seeler
(geboren 1. März 1896 in Greifenberg in Pommern; am 15. August 1942 in das Ghetto Riga deportiert und nach der Ankunft ermordet)
Grab eines Dichters Immer segeln Wolken, weiße Dschunken, Über diesem Grab und schimmern blank. Doch der Hügel ist schon eingesunken, Und das Kreuz steht schräg im Untergang. Niemand haust und wohnt in diesem Grabe, Und da west kein abgestorbner Rumpf. Der drin lag, flog fort und sitzt als Rabe Irgendwo auf einem Weidenstumpf. Stumm und schwarz und frierend blieb er hocken. Aber einmal wird er gräßlich schrein — Und dann stürzt der Bau der Welt erschrocken Wie ein Ankersteinbaukasten ein.
Aus: Versensporn 24. Moriz Seeler. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2016, S. 34
Mehr über den Dichter
Elfriede Jelinek
frühling
ein märzenhauch vom
knabenrot die
zunge schmeckt ein
himbeer traum
wer hackt den brunnen
wund und wund
und an dem mund
der kreidigrinne
nackenschweiß
ein zähnchen in den
finger sticht der
braut die
katze gelb und wund
erschreit
der knabe rot vom
giebel fliegt
am weißen halse
tiergelausch
sein saft läuft
taubenschenkel
lang
ein blasser nagel lieb
im frauen weiß
noch steckt
im talg
ein märzenhauch vom
knabenrot
Aus: Poesiealbum 370. Elfriede Jelinek. Auswahl Susanne Rettenwander. Grafik von Xenia Hausner. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2022, S. 30f. 32 Seiten, € 5.
Christo Botew
(auch Hristo Botev, bulgarisch Христо Ботев, * 25. Dezember 1847 jul. / 6. Januar 1848 greg. in Kalofer; † 20. Mai jul. / 1. Juni 1876 greg. – bei einem Aufstand gegen die türkische Herrschaft erschossen bei Wraza)
AN MEINEN BRUDER Schwer lebt es sich, Bruder, mein treuer bei der Hohlköpfe Unverstand! Meine Seele siecht im Feuer, mein Herz im Wundenbrand — und wahrt doch in seinem Grunde die Heimat ohn’ Unterlaß! Doch ich, Bruder, ich geh vor die Hunde, weil ich diese Hohlköpfe haß! Träume düster, stürmische Gedanken haben meine Seele durchtost, ach, wer heilt denn, wer hält denn dem kranken Herzen die Hand auf zum Trost? Bruder, da findest du keinen, weder Freud hat noch Freiheit mein Herz, und es trommelt Antwort auf das Weinen des Volkes in rasendem Schmerz. Oft über dem traurigen Grabe des Volks wein ich heimlich. Doch sprich, wen sonst denn zu achten ich habe in der Welt hier, heimtückisch und siech. Niemanden! Ohne Echo bleibt die edle Stimme; und stumm bleibst auch du, wenn das Wort Gottes, das Weinen des Volks, gehet um.
Aus dem Bulgarischen von Wolfgang Köppe und Inge Kuschel, aus: Christo Botev, Gedichte und Prosa (viersprachig). Sofia: Narodna Mladesch, 1980, S. 344f.
Към брата си Тежко, брате, се живее между глупци неразбрани; душата ми в огън тлее, сърцето ми в люти рани. Отечество мило любя, неговият завет пазя; но себе си, брате, губя, тия глупци като мразя. Мечти мрачни, мисли бурни са разпалили душа млада; ах, ръка си кой ще турне на туй сърце, дето страда? Никой, никой! То не знае нито радост, ни свобода; а безумно как играе в отзив на плач из народа! Често, брате, скришом плача над народен гроб печален; но, кажи ми, що да тача в тоя мъртъв свят коварен? Нищо, нищо! Отзив няма на глас искрен, благороден, пък и твойта й душа няма на глас божий - плач народен!
Ernst Jandl
the flag
a fleck
on the flag
let’s putzen
a riss
in the flag
let’s nähen
where’s the nadel
now
that's getan
let’s throw it
werfen
into a dreck
that's
a zweck
Aus: Ernst Jandl, werke 2 (werke in 6 bänden). München: Luchterhand, 2016, S. 116
Wilhelm Busch
(* 14. April 1832 in Wiedensahl; † 9. Januar 1908 in Mechtshausen)
Aus: Balduin Bählamm,
der verhinderte Dichter
(1883)
Erstes Kapitel
Wie wohl ist dem, der dann und wann
Sich etwas Schönes dichten kann!
Der Mensch, durchtrieben und gescheit,
Bemerkte schon seit alter Zeit,
Daß ihm hienieden allerlei
Verdrießlich und zuwider sei.
Die Freude flieht auf allen Wegen;
Der Ärger kommt uns gern entgegen.
Gar mancher schleicht betrübt umher;
Sein Knopfloch ist so öd und leer.
Für manchen hat ein Mädchen Reiz,
Nur bleibt die Liebe seinerseits.
Doch gibt's noch mehr Verdrießlichkeiten.
Zum Beispiel läßt sich nicht bestreiten:
Die Sorge, wie man Nahrung findet,
Ist häufig nicht so unbegründet.
Kommt einer dann und fragt: Wie geht's?
Steht man gewöhnlich oder stets
Gewissermaßen peinlich da,
Indem man spricht: Nun, so lala!
Und nur der Heuchler lacht vergnüglich
Und gibt zur Antwort: Ei, vorzüglich!
Im Durchschnitt ist man kummervoll
Und weiß nicht, was man machen soll. –
Nicht so der Dichter. Kaum mißfällt
Ihm diese altgebackne Welt,
So knetet er aus weicher Kleie
Für sich privatim eine neue
Und zieht als freier Musensohn
In die Poetendimension,
Die fünfte, da die vierte jetzt
Von Geistern ohnehin besetzt.
Hier ist es luftig, duftig, schön,
Hier hat er nichts mehr auszustehn,
Hier aus dem mütterlichen Busen
Der ewig wohlgenährten Musen
Rinnt ihm der Stoff beständig neu
In seine saubre Molkerei.
Gleichwie die brave Bauernmutter.
Tagtäglich macht sie frische Butter.
Des Abends spät, des Morgens frühe
Zupft sie am Hinterleib der Kühe
Mit kunstgeübten Handgelenken
Und trägt, was kommt, zu kühlen Schränken,
Wo bald ihr Finger, leicht gekrümmt,
Den fetten Rahm, der oben schwimmt,
Beiseite schöpft und so in Masse
Vereint im hohen Butterfasse.
Jetzt mit durchlöchertem Pistille
Bedrängt sie die geschmeidge Fülle.
Es kullert, bullert, quitscht und quatscht,
Wird auf und nieder durchgematscht,
Bis das geplagte Element
Vor Angst in Dick und Dünn sich trennt.
Dies ist der Augenblick der Wonne.
Sie hebt das Dicke aus der Tonne,
Legt's in die Mulde, flach von Holz,
Durchknetet es und drückt und rollt's,
Und sieh, in frohen Händen hält se
Die wohlgeratne Butterwälze.
So auch der Dichter. – Stillbeglückt
Hat er sich was zurechtgedrückt
Und fühlt sich nun in jeder Richtung
Befriedigt durch die eigne Dichtung.
Doch guter Menschen Hauptbestreben
Ist, andern auch was abzugeben.
Der Dichter, dem sein Fabrikat
So viel Genuß bereitet hat,
Er sehnt sich sehr, er kann nicht ruhn,
Auch andern damit wohlzutun;
Und muß er sich auch recht bemühn,
Er sucht sich wen und findet ihn;
Und sträubt sich der vor solchen Freuden,
Er kann sein Glück mal nicht vermeiden.
Am Mittelknopfe seiner Weste
Hält ihn der Dichter dringend feste,
Führt ihn beiseit zum guten Zwecke
In eine lauschig stille Ecke,
Und schon erfolgt der Griff der rasche
Links in die warme Busentasche,
Und rauschend öffnen sich die Spalten
Des Manuskripts, die viel enthalten.
Die Lippe sprüht, das Auge leuchtet,
Des Lauschers Bart wird angefeuchtet,
Denn nah und warm, wie sanftes Flöten,
Ertönt die Stimme des Poeten. –
Vortrefflich! ruft des Dichters Freund;
Dasselbe, was der Dichter meint;
Und, was er sicher weiß, zu glauben,
Darf sich doch jeder wohl erlauben.
Wie schön, wenn dann, was er erdacht,
Empfunden und zurechtgemacht,
Wenn seines Geistes Kunstprodukt,
Im Morgenblättchen abgedruckt,
Vom treuen Kolporteur geleitet,
Sich durch die ganze Stadt verbreitet.
Das Wasser kocht. – In jedem Hause,
Hervor aus stiller Schlummerklause,
Eilt neugestärkt und neugereinigt,
Froh grüßend, weil aufs neu vereinigt,
Hausvater, Mutter, Jüngling, Mädchen
Zum Frühkaffee mit frischen Brötchen.
Sie alle bitten nach der Reihe
Das Morgenblatt sich aus, das neue,
Und jeder stutzt und jeder spricht:
Was für ein reizendes Gedicht!
Durch die Lorgnetten, durch die Brillen,
Durch weit geöffnete Pupillen,
Erst in den Kopf, dann in das Herz,
Dann kreuz und quer und niederwärts
Fließt's und durchweicht das ganze Wesen
Von allen denen, die es lesen.
Nun lebt in Leib und Seel der Leute,
Umschlossen vom Bezirk der Häute
Und andern warmen Kleidungsstücken,
Der Dichter fort, um zu beglücken,
Bis daß er schließlich abgenützt,
Verklungen oder ausgeschwitzt.
Ein schönes Los! Indessen doch
Das allerschönste blüht ihm noch.
Denn Laura, seine süße Qual,
Sein Himmelstraum, sein Ideal,
Die glühend ihm entgegenfliegt,
Besiegt in seinen Armen liegt,
Sie flüstert schmachtend inniglich:
»Göttlicher Mensch, ich schätze dich!
Und daß du so mein Herz gewannst,
Macht bloß, weil du so dichten kannst!!«
Oh, wie beglückt ist doch ein Mann,
Wenn er Gedichte machen kann!
Ursula Krechel
(* 4. Dezember 1947 in Trier)
Die Frau mit dem grausamen Mund
Die Frau mit dem grausamen Mund
durchmißt die Messe, mißt, wägt ab, handelt
trägt einen falschen Namen, der richtig ist
zwischen den Visitenkarten von Wölfen
fehlt ihre Karte, aber ihr Ruf bleibt.
Spricht sie, vergißt sich ihr Mund.
Die falschen Eröffnungen beweisen kein Ende
wo der Verdacht sitzt, bleibt die Koje geschlossen
die Frau mit dem grausamen Mund schweigt.
Ihr Mund spricht.
Aus: Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1984. Im Weltriß häuslich. Hrsg. Christoph Buchwald und Gregor Laschen. Darmstadt und Nneuwied: Luchterhand, 1984, S. 58
Salvador Espriu
(* 10. Juli 1913 in Santa Coloma de Farners; † 22. Februar 1985 in Barcelona)
SO EINFACH, DASS ES DIR NICHT GEFALLEN WIRD Müde so vieler Verse, die nicht Gesellschaft leisten — der rühmenswerten Verse von exzellenten Meistern —‚ müde der Staatsaktionen des splitternackten Kaisers, der Jammerei des Windes, des alten Widersachers, des eignen Überhebens, ohne Botschaft, sag ich euch jetzt, mit unverbrämten Worten, mit ganz spontanem Schrei, fern aller Künstlichkeit, daß ich nichts will als stillstehn auf dem Weg, ergeben zugetan der letzten Ungerechtigkeit, und mich dann niederlegen für immer, ohne Kummer, tot, auf der guten Erde.
Aus dem Katalanischen von Fritz Vogelgsang, aus: Salvador Espriu, Obra Poetica. Das lyrische Werk in drei Bänden. Katalanisch und Deutsch. Herausgegeben und übertragen von Fritz Vogelgsang. Zürich: Ammanm, 2007, S. 373
DE TAN SENZILL, NO T’AGRADARÀ Cansat de tants de versos que no fan companyia — els admirables versos de savis excel∙lents —, i de mirar com passa l’emperador tot nu, i del gran plany del vent, aquest vell adversari, i de l’excés de mi, sense missatge, ara us diré, amb paraules ben clares, amb crit elemental, lluny d’artifici, que vull només parar-me en el camí, ja decantat amic de l’última injustícia, i ajaçar-me per sempre, sense recança, mort, damunt la bona terra.
Zum 120. Geburtstag des französischen Schriftstellers Raymond Queneau, der vor allem als Oulipot bekannt wurde (Stilübungen; Zazie in der Metro; Hunderttausend Milliarden Gedichte) ein Auszug aus seinem surrealistischen Frühwerk.
Raymond Queneau
(* 21. Februar 1903 in Le Havre; † 25. Oktober 1976 in Neuilly-sur-Seine bei Paris)
Aus: Elfenbeintour*
(...)
Das Gerippe dieser Monstren eingestürzt
Aus seinem Staub entfliehen goldene Vögel
Freude der Federn Schnelligkeit der Flügel
Schleppe aus Juwelen die den Augen Verliebter entfliehen
Exaltierte Flammen durchsichtige Nacken
Brüste der Sanftheit Sternentorsos
Wachsame Wächter des schmeichelnden Morgenrots
Des kristallinen Morgenrots des immerwährenden Morgenrots
Panther mit blauem Fell
Die Liebe entsteht aus den Begegnungen
eine Krake frißt den Regenbogen
Ein parfümiertes Käuzchen schützt mit seinem Flügel
Die ironischen Gespenster und die Freunde des Verbrechens
Die geschwärzten Abhänge der Pflicht
zerbröckeln beim Beben der Müdigkeit
Noch einmal hat sich die Dämmerung in der Nacht verloren
Nachdem sie auf die Wände geschrieben hat
ES IST VERBOTEN
NICHT ZU TRÄUMEN
In »La Revolution Surrealiste«, Nr. 9/10, Okt. 1927
Deutsch von Eugen Helmlé, aus: Das surrealistische Gedicht. Hrsg. Heribert Becker, Édouard Jaguer und Petr Král. 3. korr. ju. erw. Aufl. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2000, S. 1108
(*) Im Original Wortspiel: Le Tour de l´Ivoire heißt Die Elfenbeintour und spielt auf den Elfenbeinturm (Tour d’ivoire) an.
Hier gibt es eine englische Übersetzung des kompletten Texts. Hier die Doppelseite der Originalpublikation von 1927:


Joseph von Eichendorff
(* 10. März 1788 auf Schloss Lubowitz bei Ratibor, Oberschlesien; † 26. November 1857 in Neisse, Oberschlesien)
Zwielicht Dämmrung will die Flügel spreiten, Schaurig rühren sich die Bäume, Wolken zieh’n wie schwere Träume – Was will dieses Grau'n bedeuten? Hast ein Reh du, lieb vor andern, Laß es nicht alleine grasen, Jäger zieh'n im Wald' und blasen, Stimmen hin und wieder wandern. Hast du einen Freund hienieden, Trau' ihm nicht zu dieser Stunde, Freundlich wohl mit Aug' und Munde, Sinnt er Krieg im tück'schen Frieden. Was heut müde gehet unter, Hebt sich morgen neugeboren, Manches bleibt in Nacht verloren – Hüte dich, bleib' wach und munter!
Aus: Eichendorff, Novellen und Gedichte. Ausgewählt und eingeleitet von Hermann Hesse. Frankfurt/Main: Insel, 1984, S. 247
Thomas Brasch
(* 19. Februar 1945 in Westow, North Yorkshire; † 3. November 2001 in Berlin)
CHLEBNIKOW 1
Neben den Werkhallen stehen die Drehbänke auf dem Schrottplatz. Am Fenster die Losung: Automaten treten zur Arbeit an. Aber eine Schreibmaschine bleibt eine Schreibmaschine, sagt der Dichter R. Mit Maschine oder Federkiel nur: Literatur bleibt Literatur. Haltet die Formen rein, sagt der Zeitungskritiker F. auf der Schaukel, ein Gedicht ist ein Gedicht ist keine Erzählung ist kein Theaterstück. In den Werkhallen laufen die Bänder: Lucie fräst, Artur dreht, Kollendt bohrt: Montage. Was ist über den Mann dort zu sagen. Der Wind geht ihm schon auf die Knochen (das Ende der Kälte wird seit 40 Jahren verkündet), aber er wahrt Haltung: Auch nackt bin ich kein anderer Mann. Der alte Mantel ist hin, ein neuer nicht zu haben. Eine neue Haltung ist nicht zu haben, also bleiben wir bei der alten, wahren die Form (ein Gedicht ist ein Gedicht) und der Wind geht bis auf die Knochen. Die klappern wie die alten Reime.
Aus: Thomas Brasch, „Die nennen das Schrei“. Gesammelte Gedichte. Hrsg. Martina Hanf und Kristin Schulz. Berlin: Suhrkamp, 2013, S. 80
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