Bettina Schulte: Laudatio auf Marion Poschmann zum Peter-Huchel-Preis am 3. April 2011
Wer mit Marion Poschmanns Gedichten in Berührung kommt, gerät ins Schwimmen. Das kann man zunächst buchstäblich verstehen. Das Element dieser Dichterin ist das Fluide: Wasser in allen Aggregatzuständen – als Welle, als Wolke, als Nebel, als Dampf, als Regen, als Eis, als Schnee. Man folgt ihr in Räume unter Wasser: „du hast mir Quallen, hast mir Bullaugen gegeben, /zwei runde Fenster in das unscheinbarste Meer“; in Räume voller Schäume: „sofern es mich hier gab, in diesem Raum voll Schäumen / war ich ein Badewahn vor weißer Kachelwand“; in Räume, in denen das Wasser von oben kommt: „es spritzt, es zischt. Fontänen prasseln /nieder auf mich“. Man folgt ihr – in Reminiszenz an eine Kindheit unter Brustenge und Atemnot – ins Solebad im Mülheimer Raffelbergpark mit seinem Inhalationsraum. Dort „atmen (wir) einander ein mit der Geduld der / Engel, Cumulonimbus, Cirrus, Stratus, / inhalieren unsere Schemen, es ist /nichts zu erkennen.“ …
Nein: Die Lyrikerin stellt die sinnliche Gewissheit selbst auf den Prüfstand. Sie nimmt den Prozess der Wahrnehmung selbst ins Visier, indem sie das empirische Sehen auf seine seit Platon behauptete Erkenntniskraft testet. Mit fragwürdigem Ergebnis. Die überwiegend dem Sehvorgang gewidmeten Kapitelüberschriften des Bandes sprechen eine klare Sprache: „Testbilder“, „Störbilder“, „Spiegelungen“, „Trugbilder“ und „Nachbilder“ werden angekündigt. Und das Kapitel ziemlich in der Mitte der Sammlung – es umfasst die meisten Gedichte – variiert den Titel: „die Geisterseher“.
In dieser Zentralabteilung wird der Leser mit „Bilokation“ und „Levitationen“ konfrontiert, zwei klassischen Phänomenen aus dem Reich des Spiritismus. Doch handelt es sich bei Marion Poschmann durchaus um irdisch-diesseitige Beobachtungen: um „Beleuchtungskörper, die in Unterführungen / unter der Decke schwebten“. Damit indes begnügt sich das Gedicht nicht. Schließlich ist die Heilige Stadt der Katholiken Rom im Spiel. Und so heißt es weiter: „zerwühltes / Licht an den Wänden, die Laken und Schweißtücher /bleicher Leiber –“. So elegant kann das Gedicht, selbst mit der Gabe der Bilokation ausgestattet, den Schauplatz wechseln und auf jene Levitation anspielen, die das Kernstück des römischen Glaubens ausmacht – um aber keineswegs abzuheben, sondern fast rüpelhaft auf dem Boden der Tatsachen aufzuschlagen: „elektrifizierte Reliquien, /umschwirrt von Fliegen und Pißgeruch, / sie brannten“, lauten die drei desillusionierten letzten Verse des Gedichts.
Man sieht: Das ist bei aller poetischen Geisterseherei und allen poetologischen Unschärferelationen, bei allem „Dämmerungssehen“ der „Spähtrupps des Unterbewusstseins“, sehr bewusst und sehr präzise gearbeitet. Neben den vertikalen Vernetzungen im Gedicht gibt es gleichzeitig ein horizontales Verweissystem von atemberaubender Dichte. Oft sind es Gedichtpaare, die sich spiegelbildlich gegenüberstehen: „vage Einsichten“ und „vage Aussichten“, „Selbstporträt als Innozenz (nach Velàsquez)“, „Selbstporträt als Innozenz (nach Bacon)“; „Vanitasgedanken bei Nacht“, „Vanitasgedanken am Tag“ – darüber hinaus die Minizyklen „Glanz“ und „Dampf“.
Das Double „vage Einsichten“/ „vage Aussichten“ sticht durch eine Eigenheit noch hervor: Es handelt sich um gereimte Sonette. Wie Marion Poschmann die aus der Renaissance überlieferte Urform des Gedichts wiederbelebt und tauglich macht für das 21. Jahrhundert: Das ist ganz hohe Kunst. Hören Sie selbst die die virtuosen und klangschönen Verse der Dichterin.
sofern es mich hier gab, in diesem Raum voll Schäumen
war ich ein Badewahn vor weißer Kachelwand
und meinem Spiegelbild es schien mir unbekannt
ein heller Widerstand in unsichtbaren Träumen.
dies war der Stoff, aus dem sich nackte Körper bäumen.
der bleiche Wasserdampf, die ausgetilgte Hand.
ein Bild, ein Fertigteil mit ungewissem Rand
wie ist die Welt so still in Seifenblasenräumen.
es fiel mir leicht, und doch – wie wäscht man Spiegelbilder?
meins floh, es war nur schwer zu mir zurück zu bitten
aus blindem Kondensat in diese Zimmerzeit.
ich wischte weg, was war, ich sah mich mild und milder.
ich lag dort aufgebahrt in meinem Dämmerkleid
ein grauer Gegenstand, um den die Nebel glitten.
Mehr: Bericht der „Badischen Zeitung„
Seine „Metaphorik der Überraschung“ sei als „Kritik der Lahmarschigkeit“ des herkömmlichen Gedichts zu verstehen. Lerner habe mit „Die Lichtenbergfiguren“ einen „furiosen Gedichtband“ geschrieben, ein „Meisterstück moderner Sonett-Kunst“, das „lyrische Direktheit mit kluger poetologischer Reflexion verbindet“.
Lerner und sein deutscher Übersetzer, der ein Jahr ältere Steffen Popp, haben gestern Morgen den Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie erhalten.
Laudatorin Monika Rinck sagte ambitionierte Sätze wie „Die Gedichte wissen, was sie tun, indem sie mit den Dingen zusammenstoßen“ und „Wir sehen das Gewohnte, das Ungewohnte und das, woran man sich unmöglich gewöhnen kann, in der Kombination von Beidem.“ …
Lerner las mit warmer, dunkler Stimme seine Gedichte, Popp tauchte sie in seine eigene Melodie. „Gather your marginals, Mr. Specific. The End/is nigh“, schreibt Lerner. Und Popp übersetzt: „Pack deine Fußnoten ein, Dr. Akribisch. Das Ende/ ist nah.“
Man sollte ganz dringend die Gedichte von Lerner lesen. / Sabine Müller, Münstersche Zeitung
Ben Lerner: Die Lichtenbergfiguren. Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Steffen Popp. Luxbooks, 52 S., 18,50 Euro.
Von Bertram Reinecke
Wer diese Gedichte beschreiben möchte, dem mag der spätere Kolbe einfallen. Auch hier herrscht ein sonorer Ton, der der Geschichte eingedenk ist, der die Tradition kennt, das Pathos aber zurückstutzt und nur durch das Alltagsweltliche oder Geschichtliche hindurch aufblitzen lässt.
Auch mag dem Gedichtleser ein Name wie Andre Schinkel einfallen. Wie dieser legt Schulreich dem sprechenden Gegenüber oft gefeilte Sentenzen in den Mund. Insgesamt ein Sprechen, dass versucht, dem Schönen sein Eigenrecht einzuräumen, das Weltfremde, dass der klassischen Schönheit vielfach zu eignen scheint, jedoch gänzlich abstreifen will.
Wer so vergleichend vorgeht, ist aber immer in Gefahr, seinem Gegenstand unrecht zu tun. Auch hier, insofern Schulreich leicht in den Ruch geriete den Stil größerer Kollegen zu kopieren. Er mag sie lesend kennen und schätzen, verfolgt seine eigene Arbeit aber auch schon seit über zwanzig Jahren und sein Band zeigt auch ältere Beispiele, sodass es immer ebenso gut möglich ist, dass die ostdeutschen Verhältnisse der Jahrtausendwende in ihrem konkreten So und So diesen Ton gefunden haben und dass sozusagen der (Welt)Geist der Nachwendezeit diesen Ton ausprägte in einem koevolutionären Prozess.
Es sollen darum nun die Eigenarten von Schulreichs Ton abgegrenzt werden: Gedichte der vorgenannten Dichter scheinen oft eine feine Unterscheidung zu machen: Entweder entscheiden sie sich für den Alltag dezidiert. Oder sie stellen sich auf den Standpunkt der Geschichte. Angesichts eines wichtigen Themas scheint der Alltagskram nicht wichtig. Mag er auch gewissermaßen als Zitat exemplarisch aufgerufen werden, so neigen die Texte doch dann dazu, notwendige Verrichtungen zu thematisieren. Als würden die Subjekte der Geschichte nicht zu allen Zeiten auch in der Kneipe sitzen und Bier trinken. Bei Schulreich ist das anders. Ein Gedicht über den Jugoslawienkrieg endet z.B. so:
Fett rändert im Napf, in Erregung
ich rufe und rufe nach Bier:
Ein Schrei fasst Raum, hinterm Fluß
zieht Musik auf, Engelstrompeten.
Ich zahle und sitze. Kommtgeht.
Eines über Weimar bzw. Buchenwald ähnlich:
Weimar und alle verlassen,
bar jeder Kämpfe, Krämpfe
genieße ich die pure Frucht,
habe die Schatten gezählt.
Ein letztes Funkeln von aufklärerischem Geist scheint in unseren Lektüren zu leben und schnell kommen uns solche Stellen dann beliebig oder irgendwie unsauber vor. Wenn schon Biergelüst und Schrecken gegeneneinander geschnitten werden, dann soll das Gedicht gefälligst wenigstens eine Klage über Utopieverlust enthalten oder etwas dergleichen. Bei Schulreich wirkt alles oft beiläufig, schulterzuckend, als könne man sich abfinden. Aber mal ehrlich: Wenn wir die Nase rümpfen, ist es dann nicht eher, weil wir, wenn wir lesen, manchmal gerne bessere Menschen wären als wir sind? Obwohl wir doch, wenn wir die Weltprobleme wälzen, auf kleine Annehmlichkeiten ebenso ungern verzichten? „Höher hinaus will ich nicht“ bekennt Schulreichs Gedicht „Von Wettern gewaschen“ und anderswo heißt es:
Wir scharen uns
einen neuen Winter um Punschgläser, Zapfhähne,
trennen uns früh, weil niemand
Gott ist am Tisch, den wir verlassen
„… Das Bier erlischt/ in unbemossten Gläsern.“ Die zweite Besonderheit die damit zusammenhängt, besteht darin, dass sich Schulreichs Texte weiter von der Alltagssprache abzusondern trachten, als der Durchschnitt der Gedichte eines Hilbig und Kolbe, beziehungsweise, dies an Stellen tun, wo es diese beiden Dichter nicht für notwendig erachteten. „Wenn“ und „als“ sind sehr häufig durch das gehobene „da“ ersetzt. Inversionen tauchen plötzlich aus einem viel zurückhaltenderen Sprechgestus hervor:
hören den Spatzen zu die neuerliche Nester baun
unter dem First. Hinter der Stirn brüten wir aus
was niemals wir beginnen …
Im ruhigen prosanahen lose gebundenen Sprechen schwimmen Verse mit, die von der Gespanntheit an Hölderlin oder Klopstock erinnern: „da sind, die ich aus den Sinnen verlor, rücken Stühle“ heißt es im Gedicht „Nachtwerk“ oder „Höbe ich jetzt die Hand aus dem Blatthaus, ich könnte“…
Wenn mir auch die Funktion solcher auffahrenden poetischen Gesten nicht immer klar wird, so machen sie doch unaufdringlich fühlbar, dass hier etwas zusammengedacht wird, was ansonsten fein säuberlich in getrennten Schubladen liegt.
„Den Leipziger Südraumdichter Ekkehard Schulreich einen Schöngeist zu nennen, fällt schwer, und wahrscheinlich würde er solch Etikett auch als finstere Beleidigung vermerken“, stellt denn auch der Kollege Norbert Weiß im Nachwort fest. Schulreichs Dichtung ist eng mit dem Südraum von Leipzig verbunden. Als Lokalredakteur tut er sich auch beruflich dort um. Und wenn man bei Sächsischem Habitus und Kohleabaggerung sofort an Hilbig denken mag, ist das nicht seine Schuld. Er hört sich unter den gleichen Leuten um. Er kennt seine Leute, weiß was sie wissen, schreibt für die, die das erlebt haben. Er zitiert etwa verfremdet das Lied: „Soldaten sind vorbei marschiert“, bezieht sich auf vergangenen Funktionärssprech „… ehe/ der Schichtbus uns verlud in die Schlacht“ oder schneidet alte Zumutungen und neue gegeneinander:
… Meine Hand
für mein Produkt; Hands up, Lady, hands up!
In der Straße der Besten, zwischen Abba,
silikongerundeten Schönen im Spind, Silikose
Das ist eine ganz andere Haltung als sie Hans Ulrich Treichels Gedichte verkörpern, der der gleichen Gegend vor einigen Jahren ebenfalls einen Gedichtband widmete. Wo Treichels Ironie eher eine (melancholische) Distanz zu seinem Gegenstand wach hält, nutzt Schulreich dies Mittel, um gesellschaftliche Geltungsansprüche anzugreifen. (Lediglich, dass sie auch die Geltungsansprüche des lyrischen Ichs manchmal ironisch unterlaufen, stellt eine gewisse Gemeinsamkeit zwischen beiden Dichtern her.) Während jedoch Treichel aus dem Detail vor allem exotisches Kolorit für seine allgemein (West)menschlichen Beobachtungen zieht, und man sich fragt, ob etwa in seinem Gedicht „Interregio Berlin – Leipzig“ die „Kekse [..] aus Zwickau“ nicht ebenso aus Delitzsch und der „Kakao aus Plauen“ nicht ebensogut aus Radebeul stammen könnten, schreibt Schulreich eher wie ein Lokaljournalist, der „lebensecht“ zeichnet, weil er den Portraitierten am nächsten Tag wieder auf der Straße (bzw. beim Bier) begegnet. (Man hört, dass sein Verleger auf den Autor durch eine Lesebühne in dieser Gegend aufmerksam wurde.)
Interessante Gedichte und Prosagedichte, die zeigen, dass es auch nachdem der Ziegelstein „Es gibt eine andere Welt“ mit sächsischen Gegenwartsgedichten erschienen ist, dort noch Stimmen gibt, die man neu für sich entdecken kann.
Ekkehard Schulreich „Fette Jahre“. FHL Verlag. 154 Seiten Hardcover mit Lesebändchen mit Ilustrationen von Eckhard Zehne, 18 Euro
Vor lauter Donner
bekommt das Firmament heut Risse.
In der alten Welt
antworteten fast jedem Gewitter
eine entkleidete Nymphe
und ein ruhiger Hirt.
Sie sagte, zwischen zwei Schreien,
zwischen zwei Tränenausbrüchen:
»Ich habe ein Laubdach gefunden
und einen schlafenden Freund.«
Und er:
»Frohe Botschaft vor dem Ende der Welt:
noch immer läßt die Sternenmilch
deinen Busen schwellen.«
Philippe Jaccottet : Antworten am Wegrand. Deutsch von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. München Wien: Hanser 2001, S. 56.
(Numerierte Beiträge meiner Anthologie stammen aus der ersten Staffel von 2000/ 2001)
Noch einmal Österreichisch. Die Presse beginnt eine Reportage über den Wiener Wurstelprater mit Versen von Heimito von Doderer. Einem Vers, genauer gesagt:
Lichtvoll bricht die Sonne durch die alten Praterbäume – und das war’s dann schon mit Heimito von Doderer. Über den ersten Satz der ersten Strophe kommen wir nicht hinaus. Es gibt hier keine weißen Tische, keine „golddurchschossnen Räume“, keinen „purpurblutenden“ Sonnenuntergang hinter „schweren Wipfeln“. Es gibt viel Lärm, grelles Licht, lautes Geschrei und den Geruch von altem Speiseöl.
Wir sind hier weit weg von der Idylle, die der große österreichische Autor in seinem Gedicht „Praterabend“ beschreibt.
Die Presse sprach mit dem Schauspieler und Regisseur Otto Schenk auch über Gedichte:
Na ja, den Morgenstern mag ich auch sehr gern, er bedient meinen Humor, und auch Brecht ist ein großer Lyriker, vor allem dort, wo er sich selber fremd wird. Aber Rilke bin ich ganz verfallen, seit ich bewusst gelesen habe. Er ist für mich der, der es am besten sagen kann, es ist so endgültig und unwidersprochen schön, was er in den Meistergedichten sagt. Vor allem die schlichten Worte, die im Alltag darben, liebe ich so. Bei aller ätherischen Ausartung, wie man das böse nennt, verlässt er nie das Menschenwort, das einfach Gesagte, das kommt auch so plötzlich, so überraschend. Es macht ihn Brecht ähnlich. Ich finde gar nicht so viel Unterschied zwischen einem guten Gedicht von Rilke und von Brecht.
„Armut ist ein großer Glanz von innen“ lässt mich ein bisschen schaudern. Da möchte ich ihm sagen: „Probier es nur einmal!“ Er meint es sicher anders, gerade im „Stundenbuch“ redet Rilke manchmal geradezu sozialistisch. Es gibt auch in der letzten Duineser Elegie, in die ich mich mit Achtung, Freude und Begeisterung begebe, Stellen, die mir unverständlich sind. Man findet aber auch so viel aufregend Untypisches bei ihm.
Die Schriftstellerin Marion Poschmann wird morgen 11 Uhr mit dem diesjährigen Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik ausgezeichnet. Die 41-Jährige erhält die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung für ihren Band «Geistersehen». Für die Jury überzeugt Poschmanns Lyrik durch sprachliche Virtuosität und gedankliche Geschlossenheit. Verliehen wird der Preis im südbadischen Staufen (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald). / Schwäbische Zeitung
Im SWR-Radio gibt es einen ausführlichen Bericht am 5.4. 17:05 Uhr.
Warum diese alten sehnsuchtsgetränkten Gedichte auskramen… Kein geringerer als mein geschätzter Dichterkollege HEL ToussainT behauptet schon lange allen Ernstes, ich sei eher ein MYSTIKER als ein LYRIKER – ein veralteter Unterschied, den meine Poetologie der „Direkten Dichtung“ natürlich ad absurdum führt (und den vermutlich kein mystischer Dichter jemals selbst machte!). …
Aber zurück zu den wichtigen Dingen des Lebens: die SEHNSUCHT ritt mich wirklich inbrünstig und tief, bevor ich mein erstes „echtes“ (erfülltes) Liebesgedicht (gemäß der daraus hervorgegangenen E.S.-Forschung) niederschrieb. Und da fast jeder (junge oder steinalte, oder auch beides in einem) Mensch diesen allgemeinen „Lebenshunger“ nur allzu gut kennt, erfüllen die folgenden Texte vielleicht HEUTZUTAGE einen unvorhersehbaren Sinn, der in den 90ern nämlich noch gar nicht existieren konnte: dem heimlichen Sucher in seelischer Seenot im INTIMEN INTERNET Mut zu machen, daß er/sie NICHT der einzige einsame Mensch auf der Welt ist und „sogar solche“ vermeintlich „öffentlichen Menschen“ ganz stinkparanormale Verbündete in psychiatrisch grenzwertigen Zuständen sind… In diesem Sinne wünsche ich dem geneigten Leser GUTE UNTERHALTUNG bei der nicht-geleckten Lektüre dieser gradlinigen und dabei abgrundtief gratlinigen Lyrik, wie ich sie niemals mehr schreiben werde. Die Sehnsucht wandelt sich, auch der Stil (oder? oder klingen meine aktuellen Gedichte so ähnlich? was sagen die GerNmanisten*?) – andererseits fühle ich mich persönlich dank des mehrwöchigen Klinikaufenthaltes ausgerechnet diesen „peinlichen“ Frühwerken irgendwie fast verbundener als den aalglatten Lochgebeten (die kosmische Schmiere ist schuld!!!), denn ich erkenne in ihnen meine LEIDENSCHAFT (also die Fähigkeit, esoterisch-empirisch-ekstatisch zu leiden) als 1 LEGITIME Motivation zum Dichten viel purer, pathetischer und damit hautnäher & herznäher! Ich sage HERZNÄHER, weil ich so gerne im „GROßEN“ GEIST bade, der die „unendliche Leere“ besingt (die zweite Motivation!) und dabei sein eigenes Herz überspringt…
Lieber Hel, lieber Kai, hier sind sie nun, meine Herzschmerzgedichte – entscheidet erneut, ob ihr das einmal gefällte Urteil über mich revidieren heißt jetzt korrigieren heißt jetzt ausjustieren heißt EIGENTLICH illegalisieren müßt! Ich sage ALAAF! HELAU! UND HELAAF!!! HOCH LEBE DIE DICHTUNG – GANZ GLEICH WELCHER SORTE!!!
De Toys – Berlin-Neukölle, den 1. scherzfreien April 2011
*) nisten mager, Anm. Lyrikzeitung
In der idance company tanzen Menschen mit Downsyndrom. Schriftsteller Peter Turrini war skeptisch – und macht jetzt mit Texten selbst mit:
Gestern Abend saß Turrini selbst auf der Bühne der Wiener Kammeroper. Im Scheinwerferlicht die idance company, sie tanzt zu Tango und Xavier Naidoo, zurückhaltend, temperamentvoll, immer ausdrucksstark, manche der Tänzer behindert, andere nicht. Turrini liest dazu Gedichte. Texte, die er vor gut 30 Jahren geschrieben hat: Damals war er 35 und saß in der Psychiatrie. Ein Arzt hatte ihm erklärt, dass er nicht mehr herauskomme, wenn er sich nicht mit den Erfahrungen seiner Kindheit konfrontiere, und verlangte bei jeder Visite ein Gedicht.
/ Teresa Schaur-Wünsch, Die Presse
Der Werkkreis Literatur der Arbeitswelt veröffentlichte „35 unterschlagene Gedichte“ von Alfons Petzold. Frank Milautzcki schrieb darüber bei fixpoetry. 2 Auszüge:
1
1911 erschien der Band „Seltsame Musik“ mit sozial engagierter Lyrik von Alfons Petzold beim Wiener Verlagsbuchhändler Theodor Daberkow, der sich sonst eher humoristischen Vorträgen, Parodien, Travestien und Couplets verschrieben hatte, aber diesem offensichtlichen Dichtertalent aus den Gossen nicht widerstehen wollte, als eine reiche Förderin das Portemonnaie zückte und ihre „Unterstützung“ auf den Tisch blätterte. Es war bereits Petzolds zweiter Band Gedichte. Gefördert wurde er (auch finanziell) von der Baronin Frida von Meinhardt, die in ihrer früheren Karriere als Schauspielerin gescheitert war und sich in der Folge als Rezitatorin österreichischer Dichter versuchte, dabei sehr bald Affinitäten zur Arbeiterbewegung entwickelte und schließlich ihre Vorträge in die Wiener Arbeiterbildungsvereine verlegte, wo sie dankbarere Zuhörer fand und 1907 auch Petzold kennenlernte. Sie schrieb das Geleitwort zur „seltsamen Musik“, worin sie ihr Hintergrundwirken nicht gerade verschwieg, und handelte sich prompt schärfste Kritik aus den Reihen der Sozialisten ein: sie töne mit einer Selbstgefälligkeit, die typisch sei für die Söhnchen und Töchterchen der Bourgeoisie – Alfons Petzold sei als Arbeiterdichter ganz aus sich gewachsen und schulde niemandem einen Dank, auch einer Frida von Meinhardt nicht. „Was u n s Petzold so lieb und wert macht: daß er der Dichter der Arbeit, der Not, daß er u n s e r Dichter ist. Ein Sänger der Freiheit, ein Rufer zur Enthebung aus dem kapitalistischen Joch.“ hieß es im Literarischen Beiblatt „Ohne Herrschaft“ der anarchistischen Zeitschrift „Wohlstand für alle“ im November 1911, inclusive Hervorhebungen.
2
Nachwievor gilt: ausgesprochen sozialkritische Dichtung ist – aus dem Blickwinkel der Literaturkritik gesehen – selten gut und gute Dichtung – aus dem Blickwinkel der Sozialkritik gesehen – selten explizit sozialkritisch. Das hat mit Klassen von Aspekträumen zu tun, in denen Text entsteht, nachdem man sich einen Verhalt aus einem eigenen Kontext heraus angesehen hat. Die Aspekte der Welt, denen sich die fast immer universitär geschulten Dichter/innen glaubhaft widmen können, sind naturgemäß verschieden zu denen, die ein Malocher aus seiner Welt wird herauslesen können. Das ist einfach so und nicht weiter schlimm. Es ist für einen Arbeiter schlichtweg nicht sehr interessant, was manche Sprachexperimentatoren hervorstolpern und umgekehrt gehören die basics des Arbeiterlebens und dessen Betroffenheiten nicht unbedingt zum Vokabular des literaturbetrieblich geforderten/geförderten Abstraktheitsgrads. Dennoch gibt es fruchtbare Überschneidungen und der großer Teil der Lyrik heute ist mehr denn je in Aspekträumen unterwegs und lebendig, die man in allen Lebenskontexten verorten kann. Sie ist gegenwartsorientiert und nicht ewigkeitsgeil.
Alfons Petzold: 35 unterschlagene Gedichte. Ausgewählt und zusammengestellt von Herbert Exenberger. Mit einem Vorwort von Friedrich G. Kürbisch. Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, Wien 2010.
Wien. Heut nacht wurde eine strassenbahn gestohlen. Unbekannte fuhren damit stundenlang durch wien. In der frueh stands bei meiner ecke. Jetzt glauben alle: ich wars, weil auf einem sitz 2 meiner gedichte lagen! Helmut Seethaler www.facebook.com/zetteldichter
Das Folgende ist offensichtlich kein Aprilscherz und, ich fürchte, völlig ernst gemeint:
Prälat statt Prolet und Papst statt Paparazzi.
Quadragesima statt Quadbandsimsen.
Ritus statt Koitus.
Synode statt Synergie.
Tischlesung statt Dichterlesung.
Urbi et orbi statt Ulli im Obi.
Vatikan statt Vagina.
Wunder statt Plunder.
PaX statt DAX
Mystik statt Müsli.
Zölibat statt Z.
(Komisch: Schrift statt Schwanz, darauf kommen sie nicht. Männer!) Schöner könnte ich (gelernter Protestant) es auch nicht sagen, aber bei mir würden sies völlig zu Recht für böse Satire halten. (Wär ne schöne Welt: der Prälat müßte die Kohlen schippen, mal bildlich, und im Vatikan fänd Ritus statt, und es hieß PaparaZölibatZölibati, was noch lustiger wird, wenn man anfängt, auch den ersten Buchstaben vom Zölibat zu ersetzen: kann eim schwindlig von wern!)
Gefunden bei BKD (Bund Katholischer Dichter).
Dort gibts auch eine Umfrage:
Wer ist in Ihren Augen der größte katholische Dichter?
Peter Handke / Martin Mosebach / Hugo Ball / Angelus Silesius
Ich tippe auf Mosebach – obwohl, der Schelm hat doch’n Kissenbuch geschrieben. Bißchen bleiern, aber für ihn ganz schön schelmisch: „und das Schwert, das ich erhalte, / dient der Frau, der ich gehöre“. (Und wenn Gott protestantisch ist, wird er ihn bestrafen, nicht wegen dem bißchen Schwert, sondern weil er dem Czernin seine Gedichte hat taufen wollen).
Und wenn nicht: Gott und NL, auch Handke und Silesius, bei Ball weiß ich nicht genau, Konvertiten sind streng, werden mir verzeihen.
Quellenangaben:
Martin Mosebach: Das Kissenbuch. Gedichte und Zeichnungen. Insel Taschenbuch 2007 (S. 26)
Martin Mosebach: Zum Werk von Franz Josef Czernin. In: Czernin. staub. gefäße. gesammelte gedichte. München: Hanser 2008
Nachtrag zur Umfrage: Hugo Ball war vorn; aber da man das Ergebnis nur sieht, wenn man selbst abstimmt, hab ich Angelus Silesius eine Stimme gegeben, und damit zieht er mit Ball gleich. Der nächste ist Zünglein an der Waage (jetzt kein Wortspiel bitte).
„Da hört der Dichter auf, da fängt der ganz kleine Pinscher an.“ Keinem anderen als dem heutigen Jubilar galten 1965 diese starken Worte des damaligen Bundeskanzlers Ludwig Erhard, der sich wahnsinnig über dessen „Spiegel“-Essay „Der Klassenkampf ist nicht zu Ende“ echauffierte. Dass dies für Rolf Hochhuth immer noch nicht der Fall ist, beweisen sein unlängst erschienener Band „Essayistische Prosa und Gedichte“ und die Tatsache, dass er heute zu seinem 80. Geburtstag im russischen Wolgograd, dem einstigen Stalingrad, aus seinem Churchill-Drama „Soldaten“ liest, das 1967 schwer am Lack des historischen Schwergewichts kratzte. …
Er bewegte viel, mit seinem Text „Juristen“ 1979 etwa den baden-württembergischen Ministerpräsidenten und ehemaligen Marinerichter Hans Filbinger zum Rücktritt. … Ein sattes Land braucht solche Dichter und ein vom Enthüllungseifer beflügelter, radikaler Aufklärer hat alles Recht, anstrengend zu sein. Belächelt zu werden, galt Moralisten schon immer als Auszeichnung. / Ralf-Carl Langhals, Mannheimer Morgen 1.4.
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