136. Haikuzerstücklung

Heute in Tom Bresemanns Reihe clicktriebe innerhalb von Gregor Koalls Lyrikmail

haikuzerstücklung: the air-conditioned nightmare pt. II von Kristoffer Patrick Cornils (*1987)

(kommt übrigens in der wohl vor auslieferung stehenden neuen randnummer!)

Da auf der Lyrikmailseite noch Hebbel steht, rück ich in der Hoffnung auf Einverständnis aller Beteiligten hier mal den Text ein (Text so wie er in der Lyrikmail stand. Nur der Smiley hat sich von allein aus Doppelpunkt und zwei | verwandelt):

haikuzerstücklung: the air-conditioned nightmare pt. II:

I frühling (langatmige ouverture)es ist keine feststellung: there will bebreakages in japanese in dem der weisevon ihm spricht der löwenkopfder aus wasser platscht da wo: ‚kirschblüten tanzen‘.II sommer (einsatz, fortissimo) auswendig gelernte briefewie aus schlamm geschleudertehandgranaten erfolgreicher zusammensetzung: saki, wir kennen dich,wir treiben ostwärts.III herbst (mit auslassung)tokyo narkotisch.miso und plastik auf dejimawie ein schlag im papiermit dem der pazifikder pazifikkrieg entschieden wurde.IV winter (suspense)der wind in den augen deraircon das tokyo narkoI have a constant fear that someone’s always near-leptischer eintagsfliegenV frühling ((wieder)aufnahme)sagawa issei mit thyrsosstab:der botschafter guten geschmacks:man shalt not eat man, -vorgeschmacks:als man sich am 31. 03. 1854 auf diestühle der götter setzte, zum angerichteten mahle:VI sommer (grande finale)das tokyo nekropolitaner vergangenheiten:das leise hiroshima dieser zeiten :||

Neuer Anlauf, hier die korrekt gesetzte Fassung des Anfangs als Grafik:

oll

 

(randnummer sieht übrigens toll aus + liest sich gut: muß man sich besorgen!)

 

 

135. Widersprüchliche Berichte

„Wir haben schon gewonnen.  Es fragt sich nur, wie viel,“ sagt der tunesische Internetaktivist Slim Amamou, der nach dem Sturz des alten Regimes für 5 Monate Staatssekretär in der Übergangsregierung war.

„Heute ist die Zensur weitestgehend aufgehoben“, sagte er. Das Agence Tunisienne d’Internet (ATI), die oberste Zensurbehörde, habe Berufung gegen alle Zensurbestrebungen eingelegt und einen Wandel zu einer Behörde vollzogen, die nun die Freiheit des Internets verteidige.

Nun ehrte ihn die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin mit dem Menschenrechtspreis.

Schlechtere Nachrichten aus Ägypten:

„Im Moment geht es wieder abwärts. Es gibt Verbote, Zensuren, die Talkshows im Fernsehen scheinen gesteuert und Journalisten werden verhaftet und gefoltert.“ Im September 2011 wurde etwa die Redaktion des Fernsehsenders Al Dschasira in Kairo durchsucht und danach geschlossen. Die Repressionen der Militärjunta werden als Rückkehr in die Ära Mubaraks gewertet.

(…) „Der Protest ist noch im Gange. Die Menschen werden nicht mehr ihren Mund halten“, sagte Kassem.

/ Tagesspiegel 27.9.

Skeptisch ist dagegen der kürzlich mit dem Goethepreis geehrte Dichter Adonis. „Es gab keine arabische Revolution“, sagt er. Köpfe seien ausgetauscht worden, aber die Strukturen blieben. Der Nouvel Observateur sprach mit ihm.

Lang ist die Liste seiner auf Französisch vorliegenden Bücher:

Le regard d’Orphée
Adonis
Editions Fayard, 20,90 €

Mémoire du vent
Adonis
Gallimard, 8,46 €

Le livre
Adonis
Seuil, 23,75 €

La priere et l’epee
Adonis
Mercure de france, 18,83 €

Le temps des villes
Adonis
Mercure de france, 18,83 €

La forêt de l’amour en nous
Adonis
Mercure de france, 15,96 €

Introduction à la poétique arabe
Adonis
Sindbad-Actes Sud, 12,32 €

Identité inachevée et ouverte
Adonis
Rocher Eds Du, 10,93 €

Commencement des corps, fin de la mer
Adonis
Mercure de france, 13,30 €

Chronique des branches
Adonis
La Difference, 5,08 €

Chants de Mihyar le Damascène
Adonis
Gallimard, 9,98 €

Celebrations
Adonis
La Difference, 14,25 €

Tombeau pour New York Prologue à l’histoire des tâ’ifa Ceci est mon nom
Adonis
Sindbad-Actes Sud, 10,00 €

134. Poet|bewegt

Noch mal Chemnitz:

Poet|bewegt – Wettbewerb für junge Literatur

Die Jury hat gesprochen. Zehn schafften es ins Finale.

Zehn junge Autorinnen und Autoren haben es in die Finalrunde, die 5. Literatur Arena im Chemnitzer Schauspielhaus geschafft.

Darunter für Lyrik:

  • Tobias Roth | Berlin | Epitaph für Abraham Louis Breguet und uns
  • Yevgeniy Breyger | Magdeburg | hundejahre
  • Max Czollek | Berlin | ferngespräche I-III
  • Rick Reuther | Berlin | flecken, havarie (ehe kunde)
  • Lea Schneider | Berlin | Lyrik – 3 Texte

133. Exportgeschäft

„Lumpereien im Chemnitzer Staatsgymnasium“, „Flieg flog … leider nicht“: Mit Schlagzeilen wie diesen eröffneten heute vor 80 Jahren Chemnitzer Nationalsozialisten eine bis dahin beispiellose mediale Hetzjagd gegen einen Schüler der Abiturientenklasse des damals angesehensten Chemnitzer Gymnasiums. Der 18-jährige Helmut Flieg hatte drei Wochen zuvor, am 7.September, in der örtlichen SPD-Zeitung „Volksstimme“ unter dem Titel „Exportgeschäft“ ein bissiges Gedicht über den Einsatz deutscher Militärberater im bürgerkriegsgeplagten China veröffentlicht.

Aus Helmut Flieg wurde wenige Jahre später Stefan Heym, und die Vorgänge vom Herbst 1931 markierten den eigentlichen Beginn seiner literarischen Laufbahn. / Michael Müller, Freie Presse 28.9.

Dem Artikel ist ein Faksimile des Gedichts beigegeben, hier ein Auszug:

Exportgeschäft

Wir exportieren! Wir exportieren!
Wir machen Export in Offizieren!
Wir machen Export! Wir machen Export!
Das Kriegsspiel ist ein gesunder Sport!

Die Herren exportieren deutsches Wesen
zu den Chinesen! Zu den Chinesen!
Gasinstrukteure, Flammengranaten
auf arme, kleine, gelbe Soldaten –
Denn daran wird die Welt genesen …

(…)

Wir lehren Mord! Wir speien Mord!
Wir haben in Mördern großen Export!
Hurra!
Es freut sich das Kind, es freut sich die Frau,
von Gas werden die Gesichter blau.
Die Instruktionsoffiziere sind da!

Was tun wir denn Böses? Wir verbreiten doch nur
die deutsche Kultur!

132. Benn im Eimerchen

das muß wohl stimmen, das hört man jetzt öfter:

„Ist unser Volk der Reimerchen seit Gottfried Benn im Eimerchen?“ fragte 1965 der paukende Kabarettist Wolfgang Neuss. Fast ein Jahrzehnt nach seinem Tod war Benn noch der Maßstab. Ein paar Jahre später schien er dann endgültig ins Hintertreffen geraten gegenüber seinem immerwährenden Antipoden Bertolt Brecht. Erst in den 90er Jahren hat sich das Verhältnis der bedeutendsten deutschen Lyriker des 20. Jahrhunderts wieder gedreht: Brecht wird zwar noch gelesen, aber Benn ist heute für junge Dichter und die Wissenschaft weitaus interessanter. / Harald Ries, WAZ 27.9.: „Gottfried Benn ist der Maßstab“

In diesem Jahr wäre Gottfried Benn 125 Jahre alt geworden. An der Universität Siegen findet deshalb vom 29. September bis 1. Oktober ein internationales Symposium über den 1956 gestorbenen Arzt und Schriftsteller statt.

125. Geburtstag war am 2. Mai, 55. Todestag am 7. Juli.

131. „Beginne Gedichte zu hassen“,

schreibt Georg Kolbe mit rotem Stift auf einen Zettel. In einem Aktenordner hat der Bildhauer alle Gedichte abgeheftet, die ihm Bewunderer gewidmet haben. Solche beiläufigen Notizen finden selten den Weg in die Öffentlichkeit. Das Georg Kolbe Museum hat jetzt* die Idee, den Besuchern einen Blick in sein Archiv zu gewähren. / Simone Reber, Tagesspiegel

*) Dieser Artikel vom Dezember 2010 erschien heute bei google.news

130. «Schön wie ein Schweigen»

Zum Tod des Lyrikers Remo Fasani schreibt Christoph Ferber, NZZ 28.9.:

«Mein Lieber R. Dein Brief – schön wie ein Schweigen – hat mich sehr gefreut.» So beginnt Cristina Campo, die berühmte italienische Dichterin, am 24. Oktober l953 einen Brief an Remo Fasani. Der Empfänger hat mir das Büchlein, eine Sammlung der an ihn gerichteten Briefe von Cristina Campo (Marsilio, Venedig 2010), mit dem bezeichnenden, an die «Promessi Sposi» erinnernden Titel «Un ramo già fiorito» diesen Sommer im Altersheim von Grono im Misox überreicht. Nun ist er in der Nacht auf den 27. September ebendort gestorben, heimgekehrt «ins Schweigen». «Und alles ist ausgesprochen und es bleibt / nur die Heimkehr ins Schweigen», wie es in einem der Neunzeiler aus seinem wohl besten Gedichtzyklus, den 2000 verfassten «Novenari», heisst.

129. Zeichensetzung

Grüß Gott, Archiv!

Grüß-Gott-Archiv

Grüß Gott-Archiv

Grüß, Gott, Archiv!

128. Die Marxstrophe für Anfänger

Liebe Demokraten und Nichtauslacher über eigenes Unvermögen

Der folgende Text wurde überarbeitet für einen Performancesabend in Weimar und später ein Festival in Minden, zur allgemeinen Aufmunterung über SOZIALE GERECHTIGKEIT und TEILHABE NEU NACHZUDENKEN und WIE DURCHZUSETZEN?

Von Rainer Wieczorek

Stellen sie sich vor, verehrtes Publikum, eines morgens, da fährt einer zur Arbeit im Cabriolet.

Die Sonne scheint, die Frau ist schön, die Kinder gut genährt und werden vorzüglich behandelt in der Schule. Ein Gymnasium selbstverständlich.

Er freut sich auf seinen neuen Arbeitsplatz. Der erste Tag als Generaldirektor über alle Berliner Museen der Bildenden Künste und die unverschämte Gehaltsforderung wird auch gezahlt. Herrliches Berlin.

Er sieht sie schon die Nationalgalerie, in zwei Stunden ist der Empfang.

Champus mit edel belegten Schnittchen und all diese schönen Kleider, üppigst geformt, mit ihren blauen strammen Anzügen. Ahhhhch ist das schön. Na ja, die sitzen selten gut.

Und dann, schon vor dem Parkplatz, Leute, Pöbel, Dutzende, Hunderte.

Transparente.

Das Museum eingekesselt.

Megafone brüllen:

Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik

Wir Künstler streiken heute in der ganzen Stadt. Die Theater sind besetzt. Die Fernseher und Radiostationen verlesen unsere Forderungen.

Wir diskutieren mit bereitwilligen Politikern.

In allen Galerien wurden die Bilder von den Wänden gehangen, kein Mensch singt, kein Mensch tanzt, vor allen Buchläden sind Streikposten aufgestellt, alle Musik schweigt, nur Transparente werden noch gemalt, auf denen steht:

Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik

Filmriss. Einfliegende Stars und Sternchen bekommen frei und bekommen eine Stadtrundfahrt spendiert vom Streikkomitee zu allen aufregenden Orten des Streiks. Alle Videotheken haben geschlossen. Ein Mathematiker rechnete aus, das im Durchschnitt jeder Bundesbürger nach zwei Wochen seine archivierten Kulturbestände durchsichtet hat. Romansammler brauchen länger. Nur noch Wiederholung,Wiederholung, Wiederholung. Das Internet wird mit DADAviren bombardiert. Nichts geht mehr, nur noch Sport und Bilderlose Tageszeitungen ohne Feuilleton, und da steht auch nur alles über unseren:

Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik

Das Streikkomitee berät, wenn der Trust Jahrmillionen alte Gene zu seinem Eigentum erklärt und das auch noch akzeptiert wird von gewaltigen Staaten, dann können wir auch nach Ägypten fahren und die Pyramiden zuhängen, Christo hat zugesagt und auf der Folie steht:

Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik

für Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum. Für Freigabe der Städte und Landschaften zur Gestaltung. Der Erweiterte Kunstbegriff befreit den vernormten, eingepressten, das getriebene Rädchen Mensch. Auf das jeder wird ein Künstler. Künstler durch Eigenformung, im neuen Arbeitsbegriff als Arbeit – Spiel – und Müßiggang zusammengefasst. Lohnpartizipation an den Maschinenleistungen der Menschheit. Mensch sein: Autonom, Selbstbestimmt im eigenen Denken, im eigenen Handeln, im eigenen Sein. In dieser sich demokratisierenden Demokratie mit offenen Grenzen zur Anarchie. Keine Macht für Niemand über Jemand und Frauen sind immer mit gemeint. Kein Mensch ist prinzipiell ausgeschlossen. Und darum:

Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik – Streik

Rainer Wieczorek, Neubearbeitung am Morgen des 28.9.2011

Und die Gewerkschafter unter Euch sollten mal langsam über die Durchsetzung des Generalstreiks Nachdenken!

Rainer Wieczorek (Künstler/Soziologe/DADAsoph) www.rainerwieczorek.de


127. außerbetrieb: Lost in Postpoetry, All Work and no play & Konfrontation

Der außerbetrieb geht auch diese Woche weiter. Gleich morgen, am Mittwoch, den 28. September um 19:30 Uhr erwartet Sie die Performance-Installation Lost in Postpoetry. Der Autor und sein Text – eine Beziehung ohne Entkommen? Wie steht der Autor zum Text, und inwieweit entfernt sich dieser von seinem Urheber, verfolgt andere Richtungen oder wird verloren? Jinn Pogy hat die Autoren Norbert Lange und Mara Genschel sowie die Soundkünstlerin Elen Flügge eingeladen, sich gemeinsam in den Orbit der poetischen Relationen, Navigationen und Verluste von Text, Laut und Poesie zu begeben.

Am Donnerstag, den 29. September ab 19:00 Uhr folgt die zweite Sitzung des Autoren-im-Horrorfilm-Workshops All Work and no play von und mit Georg Leß. Mit dabei sind diesmal der Autor Jörg Albrecht sowie die Horrorfilm-Schauspielerin Anna Roth. Man kann jederzeit in den Workshop ein- und aussteigen, eine Teilnahme an allen drei Sitzungen ist nicht zwingend erforderlich.

Am Freitag, den 30. September ab 19:30 Uhr kommt es zur Begegnung von Gegenwartslyrik und Literaturwissenschaft. Oder soll man sagen: zur Konfrontation? Jedenfalls scheint es noch immer einige Berührungsängste zu geben. Dies gilt jedoch sicher nicht für die Teilnehmer/innen des Abends. Es lesen und diskutieren: Daniela Seel, Norbert Lange, Steffen Popp, Tom Schulz, Prof. Dr. Remigius Bunia (Freie Universität Berlin), Dr. Michael Gratz (Universität Greifswald), Dr. Tim Lörke (Freie Universität Berlin) und Johannes Schüller (Master-Student Freie Universität Berlin).

Wir würden uns freuen, wenn Sie dabei sind!

Mehr zu allen Veranstaltungen unter ausserbetrieb.lettretage.de und www.lettretage.de.

126. Gestorben

Letzte Nacht ist in Grono der 89-jährige Bündner Dichter und Kulturpreisträger Remo Fasani gestorben. … Fasani veröffentlichte neben Gedichten zahlreiche literaturkritische Bücher. Bekanntheit erlangte er auch als Übersetzer von deutschsprachiger Lyrik, unter anderem von Joseph von Eichendorff und Rainer Maria Rilke. / südostschweiz.ch

Gedichte, italienisch/deutsch – übersetzt von Christoph Ferber – Limmat Verlag, Zürich 2006 – 187 S., 23,- € (Leseprobe)

 

125. Poesiefestival ARS POETICA, Bratislava

29.9.-3.10.

u.a. mit Michael DONHAUSER / AT / Stefan SCHMITZER / AT / Gabriel ROSENSTOCK / IR / Antoni PAWLAK / PL / Mila HAUGOVÁ / SK / Claude FAVRE / FR /  Daniela SEEL / DE / Tristan MARQUARDT / SUI / Catherine BOWMAN / USA / Ana GORRÍA / ESP / Tom SCHULZ / DE /

Mehr

124. Eingeweiht

Else Lasker-Schüler war in die Weltgeheimnisse eingeweiht. Sie wusste, „dass die Mondbewohner den Kartoffelpuffer lieben“ und wie die Pavianmutter ihr Paviänchen in den Schlaf singt. Sie hat Satan in den Himmel eingesperrt, Gott in die rauchende Hölle und dann die schönsten Gedichte der Weltliteratur verfasst. / hagalil.com

123. Gedicht, Gedicht, Gedicht

Die Abläufe eines Poesie-Marathons können ermüdend sein: Gedicht, Gedicht, Gedicht, Fragen, Applaus. Dazwischen mal ein Handyklingeln oder scheppernde Weingläser. Völlig anders dagegen die „Rottenkinckschow“, eine Frühstücks-Performance dreier eigenwilliger Lyrikerinnen, die ihren Namen im Titel versteckten. Zu Proustschen Eclairs und Goethes „grüner Sauce“ im Rauchlachs-Baguette durfte man einige Wörter der Menschenfressersprache Tupi erlernen, bis man sich bei diesem Volk selbst vorstellen konnte: „ich bin das Essen“. Wirklich opulent und lustvoll zelebriert waren die Texte von Durs Grünbein. Bestens gelaunt malte der Büchner-Preisträger, ein Wort-Professor der hiesigen Kunstakademie, seine sinnlichen Gemälde und fantastischen Elegien. Genauso virtuos las er einen Tag später Verse des verstorbenen Dichters Thomas Kling. Ein Hörgenuss für die voll besetzten Sitzreihen und die im Heine-Haus so beliebten Stufenhocker. Selbst Literatur-Hund Paco spitzte bei Grünbein seine Ohren. / CLAUS CLEMENS, Rheinische Post

122. Gestorben

Der ungarische Dichter János Csokits, der im Alter von 83 Jahren starb, wird für immer eher als Ko-Übersetzer der ungarischen Dichters János Pilinszky zusammen mit Ted Hughes bekannt sein. [schreibt der Guardian und meint Britain]. Darin ähnelt er Edward Fitzgerald, dessen Verse weithin vergessen sind, während seine kongeniale Übersetzung des Rubaiyat von Omar Khayyam im literarischen Gedächtnis lebt. [Auch der Vergleich mit Fitzgerald wirft die Frage auf, ob es im Ungarischen ebenso ist und: ob man jemanden „vergessen“ kann, den man noch gar nicht zur Kenntnis genommen hat].

Csokits wurde in Budapest geboren und begann 1946 ein Jurastudium in Budapest, das er nicht beenden konnte, weil er das Land im Frühjahr 1949 nach der kommunistischen Machtübernahme verließ. Ab 1950 lebte er in Paris, später arbeitete er bei Radio Free Europe in München und bei der BBC in London. 1986 ging er nach Andorra und kehrte kurz nach der Wende von 1989 nach Ungarn zurück. / George Gomori, Guardian 22.9.