126. Gestorben

Letzte Nacht ist in Grono der 89-jährige Bündner Dichter und Kulturpreisträger Remo Fasani gestorben. … Fasani veröffentlichte neben Gedichten zahlreiche literaturkritische Bücher. Bekanntheit erlangte er auch als Übersetzer von deutschsprachiger Lyrik, unter anderem von Joseph von Eichendorff und Rainer Maria Rilke. / südostschweiz.ch

Gedichte, italienisch/deutsch – übersetzt von Christoph Ferber – Limmat Verlag, Zürich 2006 – 187 S., 23,- € (Leseprobe)

 

125. Poesiefestival ARS POETICA, Bratislava

29.9.-3.10.

u.a. mit Michael DONHAUSER / AT / Stefan SCHMITZER / AT / Gabriel ROSENSTOCK / IR / Antoni PAWLAK / PL / Mila HAUGOVÁ / SK / Claude FAVRE / FR /  Daniela SEEL / DE / Tristan MARQUARDT / SUI / Catherine BOWMAN / USA / Ana GORRÍA / ESP / Tom SCHULZ / DE /

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124. Eingeweiht

Else Lasker-Schüler war in die Weltgeheimnisse eingeweiht. Sie wusste, „dass die Mondbewohner den Kartoffelpuffer lieben“ und wie die Pavianmutter ihr Paviänchen in den Schlaf singt. Sie hat Satan in den Himmel eingesperrt, Gott in die rauchende Hölle und dann die schönsten Gedichte der Weltliteratur verfasst. / hagalil.com

123. Gedicht, Gedicht, Gedicht

Die Abläufe eines Poesie-Marathons können ermüdend sein: Gedicht, Gedicht, Gedicht, Fragen, Applaus. Dazwischen mal ein Handyklingeln oder scheppernde Weingläser. Völlig anders dagegen die „Rottenkinckschow“, eine Frühstücks-Performance dreier eigenwilliger Lyrikerinnen, die ihren Namen im Titel versteckten. Zu Proustschen Eclairs und Goethes „grüner Sauce“ im Rauchlachs-Baguette durfte man einige Wörter der Menschenfressersprache Tupi erlernen, bis man sich bei diesem Volk selbst vorstellen konnte: „ich bin das Essen“. Wirklich opulent und lustvoll zelebriert waren die Texte von Durs Grünbein. Bestens gelaunt malte der Büchner-Preisträger, ein Wort-Professor der hiesigen Kunstakademie, seine sinnlichen Gemälde und fantastischen Elegien. Genauso virtuos las er einen Tag später Verse des verstorbenen Dichters Thomas Kling. Ein Hörgenuss für die voll besetzten Sitzreihen und die im Heine-Haus so beliebten Stufenhocker. Selbst Literatur-Hund Paco spitzte bei Grünbein seine Ohren. / CLAUS CLEMENS, Rheinische Post

122. Gestorben

Der ungarische Dichter János Csokits, der im Alter von 83 Jahren starb, wird für immer eher als Ko-Übersetzer der ungarischen Dichters János Pilinszky zusammen mit Ted Hughes bekannt sein. [schreibt der Guardian und meint Britain]. Darin ähnelt er Edward Fitzgerald, dessen Verse weithin vergessen sind, während seine kongeniale Übersetzung des Rubaiyat von Omar Khayyam im literarischen Gedächtnis lebt. [Auch der Vergleich mit Fitzgerald wirft die Frage auf, ob es im Ungarischen ebenso ist und: ob man jemanden „vergessen“ kann, den man noch gar nicht zur Kenntnis genommen hat].

Csokits wurde in Budapest geboren und begann 1946 ein Jurastudium in Budapest, das er nicht beenden konnte, weil er das Land im Frühjahr 1949 nach der kommunistischen Machtübernahme verließ. Ab 1950 lebte er in Paris, später arbeitete er bei Radio Free Europe in München und bei der BBC in London. 1986 ging er nach Andorra und kehrte kurz nach der Wende von 1989 nach Ungarn zurück. / George Gomori, Guardian 22.9.

121. Philosophendampfer oder Exekution

Gorki war nach der Verhaftung Nikolaj Gumiljows,  (der mit 60 anderen Verdächtigen Anfang August der “konterrevolutionären Verschwörung” angeklagt worden war) nach Moskau zu Lenin geeilt. Nach der einen Version hatte Lenin sich geweigert, den Dichter – der übrigens unschuldig war – zu “begnadigen”, nach der anderen war Gorki mit der Begnadigung in der Tasche zu spät gekommen. Nikolaj Gumiljow war bereits nahe Leningrad erschossen worden – am 24. August 1921.

Er war der erste bedeutende Dichter, dem dies durch die Bolschewiki widerfuhr.  Ossip Mandelstam, der ebenfalls zu dem kleinen, aber für die russische Lyrik überaus große Wirkung entfaltenden Kreis der Akmeisten zählte, wurde Jahre später durch die Stalinisten umgebracht.
Für die Ermordung Gumiljows ist aber Lenin und die von ihm sehr frühzeitig gegründete und mit allen Machtbefugnissen ausgestattete Tscheka verantwortlich.

Direkt auf Betreiben Lenins zurück geht die Ausweisung von über 160 Philosophen und Wissenschafter, die gewaltsam auf zwei Dampfer (“Philosophendampfer”) gebracht wurden. Als Begründung hatte Trotzkij später angegeben:

„Wir haben diese Leute deshalb ausgewiesen, weil es keinen Anlass gab, sie zu erschießen, doch sie zu dulden, war unmöglich.“

/ Haftgrund

120. Gegenstrophen – Lyrik im Literaturhaus 2011

mit Nora Bossong, Kurt Drawert, Christian Lehnert, Ulf Stolterfoht & John Eckhardt

Moderation: Michael Braun, Cornelia Jentzsch, Martin Rector

Dienstag, 27.09.2011, 19.30 Uhr // Literaturhaus Hannover mehr

Das moderne Gedicht, hat Paul Celan einmal gesagt, sei seinem Wesen nach dialogisch, es könne eine Flaschenpost sein: „Gedichte sind auch in dieser Weise unterwegs: Sie halten auf etwas zu.“ Aber welche Bewegungsrichtung wählt das moderne Gedicht, worauf hält es zu? Und ist es nicht eher monologisch als dialogisch? Jede neue Generation von Lyrikern hat sich vor diesen Grundsatzfragen zu bewähren, in jeder lyrischen Saison wird auch die Zeitgenossenschaft zur begehrten Ressource. Seinen Geltungsanspruch, die poetische Grammatik der Zeit zu finden, kann ein Gedicht aber nur beglaubigen, wenn es als semantisches, klangliches und syntaktisches Abenteuer daher kommt.

Unser Lyrikfest ermöglicht einen neugierigen Blick auf Sprachabenteuer: Flaschenpost mit lakonischer und ironischer, sinnlicher und wahrnehmungsscharfer, mystischer oder auch experimenteller Dichtung!

119. Begegnung mit einem Securitate-Offizier

Zu dieser Zeit hatte ich mit einem ersten Erfolg, dem Förderpreis des Temeswarer Literaturkreises „Adam Müller-Guttenbrunn“, Gedichte geschrieben und war noch Hilfsarbeiter in der Konservenfabrik meiner Heimatstadt Sannicolau Mare (Großsanktnikolaus). Ich wusste erst nicht, ob und wie genau ich meinem Tagebuch das unfreiwillige Treffen mit einem Securitate-Offizier anvertrauen sollte. So sind unter dem 20. November 1986 nur wenige Zeilen zu finden, die aber recht eindeutig meine Gemütslage beschreiben: „Ogottogott! Da gehen Schlächter um. Mensch, such das Weite, Mensch.“ Fliehen, aber wohin?

Drei Tage später, unter dem 23. November, findet sich ein etwas konkreterer Bericht, mit dem ich mir vielleicht Mut machen wollte: „War teils ganz gelassen. Hände in den Hosentaschen, Beine ausgestreckt. Jedenfalls überließ ich dem Genossen nichts Schriftliches, wäre auch gelacht. Er schien enttäuscht. Ich bekam eine Telefonnummer, die ich nicht benutzen werde, und interessante Vorschläge, die mich kalt lassen. Die Schaufel nimmt mir sowieso keiner aus den Händen. Ich befürchte (vorläufig) nichts Schlimmes. Ich hatte nur vor Schlägen Angst.“ Die Securitate argumentierte im Zweifel durchaus mit der Faust. …

Er versuchte es mit Zuckerbrot, was sich im Tagebuch so niederschlug: „Der Arsch erzählte mir von Beförderungen, Auslandsreisen, fragte mich, wie ich denn in Temeswar wohnen möchte.“ Am Ende gab er mir wieder seine Telefonnummer.

In diesem dreistündigen Gespräch zitierte er plötzlich aus einem meiner Gedichte, „aus poezia cu ledi, cu semne egiptene, cu pasarea aia“, also „aus dem Gedicht mit Lady, den ägyptischen Zeichen, diesem Vogel“. „Der Arme!“, hatte ich dazugeschrieben, denn er kam kaum klar mit meinem „Gedicht um Hanna“, das 1986 in der Bukarester Zeitschrift „Neue Literatur“ erschienen war, und ich fragte mich damals in meinem Tagebuch: „Wer übersetzt ihm wohl?“ / Marius Koity, Ostthüringer Zeitung 25.9.

Marius Koity ist OTZ-Redakteur in Pößneck. 1966 in Großsanktnikolaus (Rumänien) geboren, arbeitete er ab 1988 als Redakteur bei rumänien-deutschen Zeitungen. 1992 übersiedelte er nach Deutschland und lebt in Gera. Seit 1984 veröffentlicht er Gedichte in Anthologien und Zeitschriften (u. a. „Palmbaum“, Jena), für die er in den 1980er Jahren zwei Preise erhielt. Gelegentlich arbeitet er auch als Rumänisch-Übersetzer.

118. Das Minenfeld des politischen Gedichts

Auszug aus dem Gegenstrophe-Essay von Bertram Reinecke bei Poetenladen

(Vgl. L&Poe Sep #44. Das Gesicht des Gegenwartsgedichts)

 

Auch mit politischen Themenfeldern lässt sich … der Bild­speicher des Lesers leicht anzapfen: Voß zitiert in seinem „Volkslied“ den Lindenbaum, das Horst-Wes­sel-Lied, Tribünen­gesänge. Ein weiter Bogen durch zwei Systeme, die deutsche Natur usw. Sicherlich löst das schon irgendwas im Leser aus. Fragt man sich aber, ob das Gedicht irgend etwas bedeutet (denn ich entnehme es schließ­lich Alles außer Tiernahrung, Neue politische Gedichte), dann nicht mehr, als dass die deutsche Lied­tradition irgendwie mit den Kata­strophen des Jahrhunderts verstrickt ist. Das ist viel Aufwand für einen Allgemeinplatz, dem der deutsche Dichter selbst­miß­trauisch beipflichtet, ob wohl man ja ebenso beliebig herausarbeiten könnte, wo diese Tradition noch Schlimmeres verhindert hat. Da ein solcher Fremdbezug von Bildern aus dem Gedächtnis des Lesers, ein Nabel­schnur­effekt also um so besser funktioniert, je weniger das Gedicht selbst nährt und je mehr es die Bild­erin­nerungen des Lesers strömen lässt, könnte man einwenden, es handele sich hier nicht um Sprachge- sondern eher Sprachverbrauch. Gerade in einer zusehends medial ver­mittelten Welt wird man jedoch auf dies Mittel kaum verzichten wollen. Allerdings scheint mir ein sparsamer Einsatz angebracht. Auch Norbert Lange nennt zu seinem Text „Schuhgrößen“ (Jahrbuch der Lyrik, poet nr. 9) die Referenz „Kann Spuren des Horst Wessel Liedes enthalten“ und vertieft damit seinen Text. Diese Vertiefung besteht aber nicht nur darin, dass die Ebene von Grenzverletzung und Okkupation, die beide Kontexte verbindet, vage in den Text tritt, sondern zunächst dadurch, dass seine Schilderung von Fetischismus, die als Schilderung sauberer und süßlicher daherkommt als die Realität, das Unselbstverständliche des Vorgangs wieder ins Bild rückt, insofern sozusagen stinkende Knobelbecher über der Szenerie hängen. „Becher und Göring mit dem Fahrrad im Darß suchen“ (Jahrbuch, Alles außer Tiernahrung, An Deutschland gedacht, Ostsee­gedichte) von Gräf verleiht mit Zeissgläsern (mediale Referenz), Stukas und Schwarzhemd einem Naturgedicht „unter dem Wucher/ der Farne“ Unruhe. Die aufgerufene politische Dimension tritt dahinter zurück.

Damit sind wir auf dem verminten Feld des politischen Gedichts angelangt. Gerne wird es gefordert, viel seltener gedruckt. Vermint ist das Feld zunächst durch Inbegriffe des politischen Gedichts, die heute zumeist abgelehnt werden und schon fast gänzlich verschwunden sind. Der Band Stimmwechsel polemisiert bei­läufig gegen „Agitprop oder Gutgemeintes“, ohne genauer zu sagen, was dies sei. Warngedicht, Zeigefingergedicht, relevanter Realismus usw. wären Topoi, mit denen das politische Gedicht ebenfalls verbunden wird. Auch wenn man diese Topoi dann und wann auf negative Beispiele besonders in An Deutschland gedacht anwenden mag, ist damit noch nicht klar, ob man mit solch vagen Abgren­zungen nicht vielleicht zu viel oder zu wenig ausgrenzt. […] Verstehen wir als Agitprop­gedicht im engeren Sinne zunächst den kurzen fasslichen Text, der mit einem sprachlich-inhaltlichen Dreh den Zuhörer überraschen und zum Nachdenken und schließlich Handeln zwingen soll, wie wir das oft von Erich Fried kennen. Es gibt diese Texte noch, aber sie haben sich gewandelt: „Die Menschen­würde ist unantastbar/ ›richtig‹, erwiderte der Polizist/ mit unseren Knüppeln/ tasten wir auch nicht“ hätte man vielleicht vor 30 Jahren den zentralen Gedanken der ersten Strophe von Weigonis „Totentanz und Tortenwurf“ (An Deutschland gedacht) formuliert. Der Dichter bettet solche Pointen allerdings in einen surreal anarchi­schen Dance Macabre, der konkrete Momente von Lebens­form und Geschichte in den Text hineinschlingt.

Eine andere Form des Agitpropgedichts versteckt den Zeigefinger, indem der behandelte Missstand aus der Öffentlichkeit in die private Vereinzelung verlegt wird. In Engelhards „Der Vater löscht das Lampenkind“ (Jahrbuch) bezieht sich das zentrale Bild der Überschrift auf das Ende des Leuchtens eines Kindergesichts, nach einer angedeuteten sexualisierten Interaktion zwischen Vater und Tochter. Dieser Text folgt leicht verrätselt dem Mechanismus des Agitprop­gedichtes.

Mit Inbegriffen des politischen Gedichts, die auf bekannte Muster zurückgreifen, kommt man also nicht weit, will man herausfinden, welche Perspektiven es bietet. Man muss eine Stufe tiefer ansetzen. Da fällt auf, dass die Verfechter des politischen Gedichts diesem oft wie selbst­verständ­lich hohe Zu­gäng­lichkeit ab­fordern, wahr­scheinlich aus der Intuition, dass Wirksamkeit Allgemein­verständ­lich­keit einschlösse. Ja, oft hat man das Gefühl, dass die Forderung nach dem poli­tischen Gedicht nur ein Trojanisches Pferd sein soll, endlich das „verständliche“ Gedicht wieder einzuführen. In solcher Haltung liegen zwei Miss­verständnisse verborgen:

Man fordert nicht irgend ein politisches Engagement sondern das gute Neue: Wolf Martins Machwerke („Kronen Zeitung“) fordert man nicht. Entweder ist dies gute Neue gar nicht neu sondern bereits Konsens oder man fordert politische Gedichte, die auch politische Gegner auf den Plan rufen. Da ist es zynisch, vom Dichter zu erwarten, er solle die Kartof­feln aus dem Feuer holen und ihm gleichzeitig noch die Camouflage zu verbieten. Zweitens ist es ein Irrtum zu glauben, dass schwierige Gedichte nicht wirkmächtig werden könnten. Der Interpretationsstreit um Celans „Eden“ hat eine ganze Richtung herme­neutisch mensch­heitlicher Inter­pretier­kunst, die bei gesellschaftlichem Konfliktpotential nicht hinsah, auf dass man ihren Balken im Auge (auch: Brett vorm Kopf) nicht sähe, nachhaltig beschädigt. Mehr Wirkung kann sich ein Einzel­gedicht kaum wünschen.

Es ist also zunächst einmal kein Wunder, dass der Herausgeber von Alles außer Tiernahrung sich gegen das allzu direkte, allzu zugängliche politische Gedicht wehrt und unter anderem dessen Kassiberfunktion betont. Auf der anderen Seite gibt es dann immer das Problem, dass ein Kassiber, der mich nicht erreichen soll, mich auch oft nicht erreicht. Er setzt deshalb die Maßstäbe, was es heißt, etwas Politisches zu äußern, nicht allzu hoch an.

Andererseits gibt es bei ihm einen Reflex gegen alles „angesäuert Moralische“, Utopische. Das klingt denn doch etwas nach: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Immer wenn ein Gemeinplatz jahrelang und ungefragt wiederholt wird, wie der vom Ende der Utopien nun seit über zwanzig Jahren, legt sich der Verdacht nahe, er sei in sich selbst ideologisch. Das grundsätzliche Problem: Wer eine wenig bekannte Position vertritt, muss sie zunächst erstens verein­facht darstellen, zweitens argumentieren. Jede konsistente Argumen­tations­kette lässt sich als Ideologie diskreditieren, jede vereinfachte Darstellung als zu einfach zurückweisen. Für den Status quo hingegen, den jeder in gewisser Breite kennt, muss niemand argumen­tieren, da reicht Anspielen. Das wirklich Neue wird im Gedicht noch einmal sprachlos, wenn ihm mit zu viel antiideologischem Misstrauen begegnet wird, da das regel­gemäße Argument ohnehin seine Stärke nicht ist.

Ein politisches Gedicht in Alles außer Tiernahrung reduziert sich damit auf ein normales Gedicht, das politisch beladene Wörter enthält. (Fast) jedes einzelne Gedicht mag bedenkens­wert sein, über die Strecke klingt zu viel Feuilleton durch. Stärker wird der Band paradoxer Weise z.B. da, wo er dem Budenzauber mit Politbegriffen entgegentritt: „Die Flucht aus zweiter Hand wird ausge­gessen … Moralisch sauber nur mit Kriegsverlauf.“ (Kunst); „es sind dieselben moewen, deren vorväter/ als mitlaeufer unter den nazis dienten “ (Lafleur). Stärker wird der Band auch da, wo ein politisches Thema ergriffen wird, ohne auf politische Ereignisse anspielen zu müssen. Norbert Langes Suchbilder­zyklus stellt eine absurde Medi­tation auf die durch TV ver­mittelten Sprach­möglichkeiten auf deut­schen Durch­schnitts­terrassen dar4, die vorführt, an welchen Kleinig­keiten deren sprach­licher Weltzugriff bereits zum Scheitern verurteilt ist.

Wer dem politischen Gedicht abfordert, mir zu sagen, worüber ich nachdenken soll, ohne mir zu sagen, was ich denken soll, kann ebenso gut ein Kindheits­gedicht mit Nabelschnur als konser­vatives Polit­gedicht ablehnen, weil es deutsche Innerlichkeit befördert. Dann ist das Feld wieder offen. Mit anderen Worten: Ich weiß, dass es interessante politische Gegenwartsgedichte gibt. Es wird nur keinen Konsens darüber geben, welche dies sind. Denn entweder bewegen sie sich am einen Ende der Kunstskala, struppig und ruppig, einen auch mal mit schiefen Meinungen überfah­rend, wie Clemens Schittko, oder es sind versteckte, manchmal schrullige Kassiber, bei denen die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz offen bleiben muss. Was dazwischen ist, neigt schnell dazu auszusehen, als wollte jemand seine gepflegten Kunstmittel auf dem Rücken eines Missstands durch die Landschaft führen. Dazu kann man jedes Gedicht einer politischen Lektüre unterziehen. (Für einen Anthologisten ist damit das politische Gedicht keine ergiebige Aufgabe.)

 

Michael Braun, Kathrin Dittmer, Martin Rector (Hg.)

Gegenstrophe
Blätter zur Lyrik 3
Wehrhahn Verlag 2011
120 Seiten, Hardcover
Preis: 12,80 €

117. Mystische Irritationen

Man findet eine Lyrik von Gottesliebe und von Gottes Liebe nicht nur bei Johannes Klimakos, sondern auch beim heiligen Bernhard von Clairvaux (1090 bis 1153), der ein wahres Liebesleben der bräutlichen Menschenseele mit dem Bräutigam Christus besang («O Liebe, unaufhaltsam, heftig, flammend, ungestüm . . .»). Zudem war Bernhard Ordensgründer, Kirchenpolitiker und Prediger für den Zweiten Kreuzzug, Letzteres flammend und heftig – es sind im Museum Rietberg eben auch ein paar mystische Irritationen auszuhalten. / Christoph Schneider, Tages-Anzeiger

116. Dichtender Pfarrer

Meine Lyrik ist nicht religiös in dem Sinne, dass sie verkündigen will, aber sie schöpft aus dem religiös-biblischen Sprachschatz. In einigen Gedichten setze ich mich mit biblischen Texten auseinander, andere beschäftigen sich ganz grundlegend und reflektierend mit der Sprache. Auch meine Begegnungen mit alten und sterbenden Menschen fließen immer wieder in die Gedichte ein. / Thomas Weiß, Badische Zeitung

115. Sprache der Kneipen

Deutschland – das Land der Dichter und Denker. Welch große Poeten hat unsere Heimat schon erlebt. Welch große Lyrik wurde hier bereits verfasst. Doch vielleicht ist hierzulande im dritten Jahrtausend gar kein Platz mehr für Pathos und Poesie? Vielleicht will die Masse die Sprache der Straße. Die Sprache der Kneipen. „Bosse“ spricht sie. Und Bosse singt sie – ab November auf den Konzerten der Bosse Wartesaal Tour 2011.

Bosse spricht die Art Stammtisch-Slang, die wir tagein tagaus hören. Warum sollte man in der Musik also vehement alles ins Reimschema quetschen, was Vokale hat? „Und Du stützt Deinen Kopf auf einem Glas Weizen und ich stütz meinen Kopf, bis sie uns rausschmeißen. Und wir schauen uns nur an, wenn der andere nicht hinsieht.“ – eine Zeile, die typisch für das neue Bosse Album „Wartesaal“ (2011) ist.

114. American Life in Poetry: Column 339

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

People have been learning to cook since our ancient ancestors discovered fire, and most of us learn from somebody who knows how. I love this little poem by Daniel Nyikos of Utah, for its contemporary take on accepting directions from an elder, from two elders in this instance.

 

Potato Soup

I set up my computer and webcam in the kitchen
so I can ask my mother’s and aunt’s advice
as I cook soup for the first time alone.
My mother is in Utah. My aunt is in Hungary.
I show the onions to my mother with the webcam.
“Cut them smaller,” she advises.
“You only need a taste.”
I chop potatoes as the onions fry in my pan.
When I say I have no paprika to add to the broth,
they argue whether it can be called potato soup.
My mother says it will be white potato soup,
my aunt says potato soup must be red.
When I add sliced peppers, I ask many times
if I should put the water in now,
but they both say to wait until I add the potatoes.
I add Polish sausage because I can’t find Hungarian,
and I cook it so long the potatoes fall apart.
“You’ve made stew,” my mother says
when I hold up the whole pot to the camera.
They laugh and say I must get married soon.
I turn off the computer and eat alone.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Daniel Nyikos. Reprinted by permission of Daniel Nyikos. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

113. Molossus

… ist ein bei uns selten genannter (wenngleich nützlicher) Versfuß. Und noch einiges andere, so „an online broadside of world literature“ – eine Breitseite. Hier ein Faksimile, das vorn einen handschriftlichen Brief von Allen Ginsberg und auf der Rückseite ein offensichtlich verworfenes maschinegeschriebenes Manuskript birgt – eine erotische Erzählung, die nun vielleicht für immer Fragment bleiben wird.

112. 1 Tag Poesiefest

Sonnabend 24.9. Düsseldorf

Ab 11.00 Uhr: Poetisches Frühstück
Probieren Sie Proust’sche Madelaines und Apfeltörtchen nach Heinrich Heine, sowie andere literarische Leckerbissen.
Kooperationspartner: „Cateringart“

Begrüßung: Christoph Meyer Generalintendant Dt. Oper am Rhein

11:30 Uhr: »Die Rottenkinckschow« mit 
Ann Cotten, Monika Rinck und Sabine Scho, 
drei der derzeit eigenwilligsten Dichterinnen, die sich zusammengetan haben, um die Idee der «Performance» zu leben, nach der Devise, wer übt, ist feige. Gut vorbereiet, aber ungeübt, halten sie es ganz mit dem Dämon der Selbstüberraschung …

14.00 Uhr
Begrüßung: Regina Wyrwoll Generalsekretärin Kunststiftung NRW

Erinnerung an Thomas Kling
Durs Grünbein liest Gedichte von Thomas Kling
Moderation und Gespräch: Tobias Lehmkuhl
Essayist und Literaturktitiker,u.a. Süddeutsche Zeitung

15.30 Uhr
Erinnerung an Rolf Dieter Brinkmann
Maleen Brinkmann liest frühe Gedichte von Rolf Dieter Brinkmann
Moderation und Gespräch: Norbert Wehr
Autor, Literaturkritiker, Herausgeber des «Schreibheft», Zeitschrift für Literatur

18.00 Uhr
Begrüßung: Staffan V. Holm, Generalintendant Schauspielhaus Düsseldorf

Lesung:
Oswald Egger
Moderation und Gespräch: Beat Wismer

Lesung:
Barbara Köhler
Moderation und Gespräch: Beat Wismer

Über Schnittpunkte der Künste kommen die Lyriker Oswald Egger und Barbara Köhler ins Gespräch mit dem Generaldirektor des museum kunstpalast Beat Wismer
Egger schrieb den einleitenden Essay für die Publikation zur Neupräsentation der Sammlung des museum kunstpalast, Köhler bespielt bis Ende September einen Raum im Museum.

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