90. Citypoetin

Wer es ausprobiert hat, wie es sich anfühlt, vom Gedichteschreiben zu leben, kann ermessen, wie glücklich – und begabt – Kate Clanchy sein muß, wenn sie einen Verleger für ihren ersten Gedichtband fand und den bedeutendsten britischen Lyrikpreis, den Forward, im Alter von erst 28 Jahren errang.

Als Englischlehrerin in Romford hatte sie das Glück, auf einen Creative-Writing-Kurs geschickt zu werden, wo Carol Ann Duffy, die jetzige Poet laureate, ihre Mentorin wurde.

Vor dem 40. Lebensjahr veröffentlichte sie 3 Gedichtbände und erhielt zahlreiche Preise.

Ihre Gedichte beschäftigen sich mit Erfahrungen von Frauen wie Schwangerschaft (“you, love, / are perhaps ten cells old”) und Geburt: “There, / you issued forth in scarlet flumes, / in cinescope, in a sunrise of burst veins.”

Jetzt wurde Kate Clanchy zur neuen Stadtpoetin von Oxford ernannt. / Oxford Times

89. Meine Anthologie: Auf der Galeere

Richard Leising

GESANG DER RUDERSKLAVEN BEI STURM

Es leidet, o Herr, deine Erde
An Untergehenden
Keinerlei Mangel! Noch kannst du wenden
Von uns dein Angesicht!
Was taugen wir angekettet der Welt auf dem Grunde des
Wassers?
Ziehe du ab von uns
Deine sausende Hand, peitsche
Deine christliche See über andere Meere
Und lass uns leben, leben, leben, o Herr
Auf der Galeere!

aus „Gebrochen deutsch.“ Langewiesche-Brandt 1990

88. Vanitasmaschinchen

Neologismen wie „Netzkürzelgesang“, „Sprachsträhnen“ oder „Vanitasmaschinchen“: Wer verwendet derlei Wortneuschöpfungen oder kreiert sie gar? Der Dichter Thomas Kling. In seinem lyrischen Zyklus „Vogelherd. mikrobucolica“ thematisiert der 2005 verstorbene Lyriker in der seit alters bekannten Fangvorrichtung für Vögel und ihrem Gesang immer auch das Gedicht (besagtes „Vanitasmaschinchen“) und die Situation des Dichters selbst. Die Kölner Literaturwissenschaftlerin und Hörfunkautorin Ulrike Janssen hat den Zyklus in Zusammenarbeit mit Norbert Wehr zum Ausgangspunkt einer Radio-Recherche über den Dichter gewählt – einer Expedition in die poetische (Klang-)Welt Klings, für die sie bei den diesjährigen Donaueschinger Musiktagen mit dem Karl-Sczuka-Förderpreis für Hörspiel als Radiokunst ausgezeichnet wurde. / Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung

87. John Montague liest

Mi 26.10. 20:00

Erste Landschaft, erster Tod

In Lesung und Gespräch: John Montague (Autor, Irland)

Moderation: Hans-Christian Oeser (Übersetzer, Berlin)

John Montague ist einer der bedeutendsten irischen Dichter der Gegenwart. Der »Doyen der Poesie von Ulster« schlägt in seinen Texten die Brücke von der älteren Dichter-Generation zu den jüngeren Zeitgenossen. Vom ersten Gedichtband an, »Poisoned Lands« (1961), bestachen seine Verse durch Schlankheit, Sinnlichkeit, Kraft und Präzision. Sein einflussreicher Gedichtband »The Rough Field« (1972), eine faszinierende Sequenz über eine Reise in das zerrissene Nordirland, vereinigte Persönliches mit Politischem. Montague versteht sich trotzdem als Kosmopolit, als Mittler zwischen Amerika, dem europäischen Kontinent und dem insularen Irland.

John (Patrick) Montague wurde 1929 in New York als Sohn irischer Auswanderer geboren. Seine Kindheit verbrachte er auf einem Bauernhof in der nordirischen Grafschaft Tyrone. Er studierte Englisch und Französisch. In den sechziger Jahren lehrte er in Berkeley, Dublin und Vincennes sowie am University College Cork. Seither lebt er als freier Schriftsteller in Cork. In regelmäßigen Abständen war er Poet-in-Residence am New York State Writers’ Institute. Von 1998 bis 2001 war er Irlands erster Inhaber des Lehrstuhls für Dichtkunst.

Zuletzt erschien auf Deutsch in der Edition Rugerup »Erste Landschaft, erster Tod« (2008, Übersetzung Margitt Lehbert und Hans-Christian Oeser). Montague, Mitglied der Irish Academy of Letters und der irischen Akademie der Künste (Aosdána), ist Empfänger zahlreicher Auszeichnungen und Preise.

Hans-Christian Oeser stellt den Autor im Gespräch vor und liest gemeinsam mit ihm die Gedichte und ihre Übersetzungen.

Eine Veranstaltung der Botschaft von Irland in Zusammenarbeit mit der Literaturwerkstatt Berlin

86. „Alles ziemlich peinlich“

… finde ich. Für diese Literaturszene und für floppy. Wenn sie das auch noch veröffentlichen, schießen sie sich selbst ins Knie. Hätte ich das nur vorher gelesen … Diese Sattheit, diese Unbedarftheit … sehr bezeichnend. Aber so sind hier die Leut‘.

Gefunden in: lauter heiland nr. 0. Beilage von floppy myriapoda. Subkommando für die freie Assoziation. Heft 18, Oktober 2011 (Texte von Alexander Krohn, Rex Joswig, Ann Cotten, Ernst Fuhrmann, Clemens Schittko, Tom de Toys, HEL Toussaint, Kai Pohl, Arne Rautenberg u.v.a.)

Mehr

85. „Lyrikbetrieb und Preisunwesen“

Von Ulf Stolterfoht

Ich schreibe seit zwanzig Jahren hauptberuflich Gedichte und kann seit elf Jahren davon leben. Mittlerweile ist die Familie auf fünf Mitglieder angewachsen, und also können oder müssen jetzt fünf davon leben.

Es war nie mein Ziel, vom Gedichteschreiben leben zu können. Ich hätte es sowieso nicht für möglich gehalten, daß es geht, und jetzt schon so lange einigermaßen gut geht – mit Eltern im Hintergrund, die in Zeiten der Not immer wieder aushelfen, und mit Phasen, in denen man nicht weiß, von was man die Windeln bezahlen soll.

Ich bin sehr stolz darauf, daß ich vom Gedichteschreiben leben kann. Für mich ist es keine schöne Vorstellung, wieder mit Zapfen oder Kellnern anfangen zu müssen. Ich würde es aber schon machen, um weiter schreiben zu können. Daß ich vom Gedichteschreiben leben kann, liegt daran, daß ich jedes Jahr ein Stipendium oder einen Preis bekommen habe, manchmal sogar beides. Sobald sich daran etwas ändert, ändert sich die ganze Situation.

Für Preise muß ich in der Regel nichts tun, für Stipendien bewerbe ich mich. Es gibt allerdings auch Preise, für die man einreichen muß. Das habe ich oft getan. Ich weiß über die Zusammensetzung von Jurys in der Regel nichts. Wenn ich darüber etwas weiß, weiß es jeder andere Bewerber auch. Ich bin einigermaßen freundlich und höflich, und werde von Leuten, die dann irgendwann einmal in einer Jury sitzen, sicher als freundlich und höflich eingeschätzt.

Ich glaube, daß manche Leute, die in Jurys sitzen, denken, daß jemand, der drei Kinder hat und die Art von Lyrik schreibt, vielleicht mal wieder was vertragen könnte. Ich habe keine Vorstellung davon, wie der Betrieb funktioniert. Ich habe Freunde und Bekannte, die wahrscheinlich Teil dieses Betriebes sind. Wenn es ihn gibt, bin ich wahrscheinlich selber ein Teil des Betriebs. Ich war bisher viermal Teil einer Jury, dreimal davon deshalb, weil ich der vorherige Preisträger war. Beim vierten Mal weiß ich den Grund nicht mehr. Ich werde alles daran setzen, in Zukunft nie mehr Teil einer Jury zu sein. Ich war nie Mitglied einer Jury, die über ein Stipendium entscheidet.

Wenn ich weiterhin ein Leben als Gedichteschreiber führen möchte, werde ich auf Preise und Stipendien auch in Zukunft angewiesen sein. Ich bin diesbezüglich allzeit annahmebereit.

Ich freue mich sehr, wenn mich ein Preis ereilt.

Ich freue mich für jede/n andere/n, wenn er/sie ihn bekommt.

Lyrik bedeutet Solidarität.

 

 

84. Debatten

apropos: der herr, der schrieb: „kann man das nicht abstellen“ und die debatte meinte, sei versichert, daß ich „das“ und das das nicht für besonders konstruktiv halte und nicht ihm zu liebe die bremse gezogen hab. ich danke axel kutsch für den anstoß für eine wie ich meine doch nützliche debatte. ich danke allen konstruktiven beiträgern (daß wir da nicht alle an dieselben denken, ist normal – die ich meine, wissen das dann schon). nervend an debatten ist am meisten selbstgerechtigkeit und ignoranz, aber läßt sich „das“ abstellen? nein.

die nächste debatte kommt bestimmt (ich freu mich drauf).

die bisher meistkommentierten artikel (vielleicht mach ich zur regel, daß wir bei 50, im ausnahmefall bei 66 aufhören):

140. Sprachforscher und Erfinder 66
30. „Ganz, ganz tolle Gedichte“ 66
65. Hohle Nüsse und Saftbetrieb 50
65. Wie findet Lyrik heute eine Öffentlichkeit? TeaTimeLesungen und Gespräche 36

83. American Life in Poetry: Column 342

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

 

Your high school English teacher made an effort to teach you and your bored classmates about sonnets, which have specific patterns of rhyme, and he or she used as an example a great poem by Keats or Shelley, about some heroic subject. To counter the memory of those long and probably tedious hours, I offer you this perfectly made sonnet by Roy Scheele, a Nebraska poet, about a more humble, common subject.

 

Woman Feeding Chickens

 

Her hand is at the feedbag at her waist,
sunk to the wrist in the rustling grain
that nuzzles her fingertips when laced
around a sifting handful. It’s like rain,
like cupping water in your hand, she thinks,
the cracks between the fingers like a sieve,
except that less escapes you through the chinks
when handling grain. She likes to feel it give
beneath her hand’s slow plummet, and the smell,
so rich a fragrance she has never quite
got used to it, under the seeming spell
of the charm of the commonplace. The white
hens bunch and strut, heads cocked, with tilted eyes,
till her hand sweeps out and the small grain flies.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Roy Scheele from his most recent book of poetry, A Far Allegiance, The Backwaters Press, 2010. Reprinted by permission of Roy Scheele and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

82. Quellen

Um der Vernutzung durch Konsum und Verwaltung zu entgehen, verfiel der psychoanalytisch geschulte Dichter zeitweise sogar ins Basteln und Kleben, ins Lallen und Zungensprechen: Kaum eine Quelle, die Zanzotto nicht anzuzapfen verstand. Er dichtete Quasi-Kinderverse. Er besang den Milupa-Brei, zerschnitt Hölderlin-Verse und bediente sich ausgiebig bei Werbebotschaften, um zu jener „Winzlings“-Form zurückzufinden, die funkelnd und flunkernd eine ganze Welt zusammensingt und -reimt: „Schneewittchen Sonnwittchen Nivea / Und schwupp sind die Winzling-linge / Im Supersüßmarkt drinnen …“

Der Träger des Tübinger Hölderlin-Preises 2005 suchte in den Bereichen des Nicht-Wissens und des Unartikulierten, des Anders-Wahren und Halb-Unsinnigen nach poetischem Material. Da ihm die Welt zu leicht verfügbar geworden schien, steuerte er den Mond an. Nur dass die Erde dieser neue Mond hätte werden sollen.

Zanzotto, dessen deutsche Übersetzungen u. a. bei den Verlagen Folio und Urs Engeler Editor greifbar sind, ist 90-jährig in einem Krankenhaus in Conegliano bei Treviso gestorben. / Ronald Pohl, DER STANDARD 19.10.

Mehr: NZZ / Romandie.com (frz.) / Tribune de Genève / buecher.at / Kleine Zeitung / Le Monde /

81. Andrea Zanzotto gestorben

Bei Schreibheft Zeitschrift Für Literatur gelesen:

Der italienische Dichter Andrea Zanzotto, Freund Pier Paolo Pasolinis und Federico Fellinis, ist tot. Er, der als einer der eigenwilligsten Dichter des 20. Jahrhunderts galt, starb heute im Alter von 90 Jahren.
Das große, von Theresia Prammer herausgegebene Pasolini-Dossier in „Schreibheft 73“ enthält drei Texte von ihm : Die Gedichte „Für Pier Paolo Pasolini“ und „Quer durchs Friaul“ sowie den Essay „Pasolini Poet“.
http://www.schreibheft.de/archiv/schreibheft-73/

Im roughblog ein Gedicht Italienisch und Deutsch

Zur Werkausgabe bei Engeler

80. Gedichte mit Arsch in der Hose

Junge Welt, Mittwoch 12. Oktober 2011

Tom Bresemanns zweiter Lyrikband erfordert mündige Leser

Von Peggy Neidel

Das Lyrikdebüt des Berliners Tom Bresemann vor einigen Jahren wurde als das eines „zornigen jungen Mannes“ bezeichnet. Die Wut scheint noch nicht verflogen und hilft offenbar, inhaltliche Belanglosigkeit zu vermeiden. In seinem zweiten Band „Berliner Fenster“ hält Bresemann weiterhin Ohrfeigen und nasse Handtücher bereit. „stellt angestellte aus / und aufsteller ein! / karma kapitalismus: / wieder so ein ohrwurm. / reclaim the claims. // im fernsehen grassieren flüchtlings- / camps, supported by Reebok. // du auf der couch, mit deinen tele- / prompteraugen, und ich / nebenan, als host- / age eines realityformats.“

Anglophilie mag bei manchem Stilmittel sein, um Texte aufzuhübschen oder jugendliches Sprachdraufgängertum zu beweisen. Bresemann dagegen entlarvt mit dem Denglisch-Sprech alltägliche Phrasen, sucht immer die Ironie als Spitze der geballten Faust, um mit jener seinen Unmut am Heute deutlich zu machen. Das belebt und reinigt das innere Ohr; die Mischung aus sinnigem Aussagesatz gepaart mit Wortneuschöpfungen á la „clipmoppgeklapper“, „assimilationsinschallah“ oder„kirmeszickezacke“ tut dann ihr übriges, um immer wieder aufzurütteln. In ihrer Art haben die Gedichte gesellschaftliche Funktion, weil sie dazu auffordern, mitzudenken, Fragen zu stellen, Realität zu reflektieren. Das ist eben auch Kunst: Sie piekt und bietet wenig Erquickung für Schutzsuchende oder Mondanbeter.

Die Realität im Allgemeinen und die Berliner Realität im besondern ist Bresemanns Referenzmaterial: sozialer Abstieg, Werbeflut, Migration, Gated Communities, happy Gleichgültigkeit – der Autor spricht den Leser an und spricht ihn wach. Das ist erklärtes poetologisches Ziel. In den Anmerkungen nennt er seine Gedichte „unverhohlene Gesprächsangebote“, die unbequem sein müssen, die „Arsch in der Hose haben“ sollen. Da fliegt das nasse Handtuch nach Berlin, ins „happy- / endantlitz der innenstadt“, in der man das „mediasexuelle topevent aus der deckung“ betrachten kann. Oder es fliegt in entgegengesetzte Richtung: „Oh große Bleiche Westdeutschland / mit deinen a.D.-Nazimüllern, / deinen Vorgartenrinkmännern! / O faule Leiche Westdeutschland, / riechst aus dem Dortmund / wie aus dem Darmstadt“. Leider überschlägt sich Bresemann manchmal vor lauter Spott und schickt seine Gedichte ins Kalauerhafte. Wenn sich der Autor zu sehr aufregt und dadurch sein Feingefühl für Kritik verlorengeht, kann es schon mal möchte-gern-poetisch werden („die karotten / unserer geschlechtsorganik verreißen / den stammwuchs im eiswald“) oder eben reibungsarm, ergo platt („die welt war ein scheißhaus“).

Generell übertreibt Bresemann gern mit dem Griff unter die Gürtellinie. Er mag genervt sein vom Lyrik-Langeweileschreiberling, vom Selbstbespiegelungsmonster deutscher Dichterstätten, vom Wahnsinn der Welt: Seinem Protest verleiht man nicht mehr Ausdruck, indem man sprachlich in unteren Kategorien wandert. Je mehr Penisse, vaginale Ergüsse oder Sperma am Anus, desto weniger glüht der Leser mit. Dennoch überwiegt ein positives Fazit, denn Bresemanns Gedichte haben oft unschlagbares Stichelpotenzial. Und auch, wenn es wieder sexuell wird, ein wenig davon steht den Gedichten des Wutschreiberlings Bresemann ganz gut zu Gesicht: „heute (…) putz ich meine schuhe, / fahr zum zoo und lass mir einen blasen – // so beginnt ein tag wohl / -gesetzten epigonentums, / und wenn schon – / wenigstens well dressed“.

Tom Bresemann: Berliner Fenster. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2011, 94 S., 16 Euro

79. „die gunst der woge ist gischt“

Bert Papenfuß, Johannes Jansen und Elke Erb* haben einst mit ihren Gedichten die offizielle Parteirhetorik der untergehenden DDR ausgehebelt. Das Politische ist auch später nie ganz aus den Werken der früheren Avantgardisten der Ostberliner Literaturszene verschwunden. Gesinnungs-Lyrik und ein gewisser Anachronismus wurde ihnen und vor allem Bert Papenfuß deshalb vorgeworfen.

Doch jenseits dessen haben sie auch verspielte, sinnliche, schelmische, individualistische Befindlichkeiten besingende Verse geschrieben, die die in Cottbus lebende Malerin Mona Höke so berührt haben, dass sie daraus eine Grafik-Lyrik-Mappe schuf. „die gunst der woge ist gischt“ heißt sie. / Märkische Oderzeitung

Bis 28.10., Mona Höke – Malerei/Grafik, Kulturministerium, Dortustraße 36, Potsdam, Mo–Fr, 7.30 Uhr–17.30 Uhr

*) Ansonsten recht unterschiedliche Autoren

78. Die estnische Literatur und Baudelaire

Baudelaire war der in Estland im 20. Jahrhundert am meisten übersetzte französische Autor, obwohl eine Gesamtübersetzung der Fleurs du mal erst vor einigen Jahren erschien. Katre Talviste schrieb ein Buch über Baudelaire und die estnische Lyrik. / fabula

Katre Talviste, La Poésie estonienne et Baudelaire
Paris : L’Harmattan, coll. Bibliothèque finno-ougrienne, 336 p.
29,50 € (version numérique : 22,13 €)
EAN 13 : 9782296560796

77. Autorentage Schwalenberg zu Michael Krüger (28.-30.10.)

Detmold (Kreis Lippe) Das Literaturbüro Ostwestfalen-Lippe führt in diesem Jahr die Autorentage Schwalenberg zu Michael Krüger durch. Michael Krüger prägt als Verleger, Herausgeber, Übersetzer sowie Förderer gegenwärtiger Literatur das literarische Leben Deutschlands wie kein zweiter. Als Schriftsteller hat er ein Werk von über 30 Büchern mit Gedichten, Romanen, Novellen, Geschichten und Essays vorgelegt, das eine seismografische Erkundung des Zustandes unserer Zeit und Gesellschaft unternimmt, sagt die Programmleiterin des Literaturbüros Brigitte Labs-Ehlert. 

Mit seinen Gedichten hat er auf die Entwicklung der Poesie Einfluß genommen; als Essayist und Herausgeber der bedeutendsten deutschen Literaturzeitschrift ‹Akzente› hat er die europäische und anglo-amerikanische Avantgarde mit der deutschsprachigen verknüpft; in seinem Verlag publizieren die meisten Nobelpreisträger. Qualität statt Nivellierung, Gedankenreichtum statt Komplexitätsreduktion ist sein Credo.

In Schwalenberg trifft Michael Krüger Lyriker dreier Schriftsteller-Generationen. Die Avantgarde des 20. Jahrhunderts ist mit dem wichtigen schwedischen Autor Lars Gustafsson und dem amerikanischen Poeten Stanley Moss vertreten. Der mit vielen Auszeichungen geehrte Lutz Seiler überzeugt seit seinem Debüt 1995 mit kunstvollen Natur- und Zeitgedichten, der Romancier und Lyriker Matthias Göritz brilliert mit sprachbewußten Elementargedichten, die jüngere Generation kommt mit Sloweniens bekanntestem Dichter Aleš Šteger und Jan Wagner, die virtuos den Kanon lyrischer Formensprache mit neuen Inhalten bedenken. Der Literaturwissenschaftler Friedmar Apel liest die Welt durch Michael Krügers Gedichte, der Komponist Siegfried Mauser erläutert deren Musikalität. Gespräche führt Michael Krüger über das Schreiben von Gedichten und gemeinsam mit dem Soziologen und Risikoforscher Ulrich Beck über die Bedeutung von Lesen und Literatur in Zeiten von globaler Visualiserung. / Lippe Blatt

76. Lust des Lyrikers

Im wohltuenden Gegensatz zu essayistischen Brillanzerzeugern, deren Texte immer etwas klüger klingen sollen als sie wirklich sind, zeichnet sich Jan Wagner in seinen Aufsätzen eher durch intellektuelle Bescheidenheit aus: „Was kann das Steinchen über das Mosaik berichten? Wie beschreibt der Faden den Gobelin?“ So charakterisiert er seine eigene Position in „Vom Pudding. Formen junger Lyrik“.

Interessant sind seine Einlassungen zur Formsprache, eindrucksvoll der Fundus, aus dem er schöpft. Und immer wieder stößt man darin auf Formulierungen, die selbst fast wie Gedichte klingen: In einem gelungenen Gedicht, das die Spannung zwischen Form und Regelverstoß hält, heißt es einmal, sei „neben dem Widerspruch auch der Bannspruch enthalten, der Zauberspruch, die Beschwörungsformel“. Form und Magie, die sich in dem Wort „Formel“ treffen: Da geht die Lust des Lyrikers an einem präzisen Wort mit dem Essayisten durch und für den Leser ist es eine Freude. / Katharina Döbler, DLR

Jan Wagner: Die Sandale des Propheten
Berlin Verlag, Berlin 2011
120 Seiten, 19,90 Euro