Lesung mit Anne Dorn und Michael Fiedler
Reihe Neue Lyrik
Freitag, 03. Februar 2012, um 20.00 Uhr
Alte Nikolaischule, Nikolaikirchhof 2, Leipzig
Moderation: Jayne-Ann Igel und Jan Kuhlbrodt
Musik: Peter Borck (Bratsche) und Axel von Huene (Cello)
Johann Sebastian Bach – Witold Lutosławski – Krzysztof Penderecki
Eintritt frei
Der Unternehmer und Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889 bis 1951) stellte von Ficker einen großen Geldbetrag zur Förderung notleidender Dichter zur Verfügung. Trakl sollte neben Rainer Maria Rilke (1875 bis 1926) 20 000 Kronen erhalten, die alle seine Geldnöte für Jahre behoben hätten. Doch er sah sich außerstande, das Geld abzuholen, begann vor dem Bankgebäude zu zittern und vermochte die Schwelle nicht zu übertreten. …
Während der Schlacht bei Grodek, der er sein letztes Gedicht widmete, musste er 90 Schwerverwundete weitgehend ohne Medikamente versorgen. Er erlitt einen Nervenzusammenbruch und wurde aufgrund eines Selbstmordversuchs zur Beobachtung in ein Garnisonsspital nach Krakau verlegt.
An von Ficker schrieb er: »Ich bin seit fünf Tagen hier in Garn[i]s[ons] Spittal zur Beobachtung meines Geisteszustandes. Meine Gesundheit ist wohl etwas angegriffen und ich verfalle recht oft in eine unsägliche Traurigkeit. Hoffentlich sind diese Tage der Niedergeschlagenheit bald vorüber.«
Von Ficker berichtete über seinen letzten Besuch bei Trakl: »Er schien gedrückter als am Vortag [. . . ]. ›Wollen Sie hören, was ich im Feld geschrieben habe?‹ , fragte er [. . .]. Und nun las mir Trakl leise, mit der schlicht hinsagenden Stimme, die ihm eigen war, zwei Gedichte vor: ›Klage‹ und ›Grodek‹ [. . .]. / Christoph Friedrich, Pharmazeutische Zeitung
Die New Yorker Künstlerin Lisa Oppenheim, geboren 1975, war fasziniert von den Übersetzungen chinesischer Gedichte durch den Schriftsteller Ezra Pound, der die Schriftzeichen in sehr bildliches Englisch übertrug – heutige Neuübersetzungen sind wesentlich nüchterner. Oppenheim potenziert Pounds Bildlichkeit, in dem sie einem von ihm übersetzten Gedicht des chinesischen Lyrikers Li Bai aus dem 18. Jahrhundert Filmaufnahmen gegenüberstellt. Sie lässt sie über einen Projektor parallel zu den Worten ablaufen. Gedreht hat sie diese Motive in China Town, an einem Ort also, an dem sich Chinesisch und Englisch ständig mischen und modifiziert werden.
Auch Alejandro Cesarco widmet sich literarischen Vorbildern und hängt zehn englische Übersetzungen von Dantes Gedicht „Inferno“ nebeneinander, die alle ab dem 19. Jahrhundert entstanden sind. Die Sprache wird moderner, klarer, aber Bedeutungen verschieben sich auch. / Anna Pataczek, Tagesspiegel
Deutsche Guggenheim, bis 9.4., Unter den Linden 13/15, tägl. 10-20 Uhr
EINLADUNG ZUR LANGEN LYRIKNACHT
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Am Freitag, 3. Februar 2012, feiert das Verlagshaus J. Frank | Berlin die
Poesie mit einer Langen Lyriknacht!
Worin besteht das Verführerische an der Poesie? Wie ist die geheimnisvolle
Sphäre beschaffen, an der sie entsteht? Was überhaupt sind Gedichte, jene
Universen auf kleinem Raum? Und welche Position können sie gerade heute
einnehmen?
Diesen Fragen gehen die Lyrikerinnen und Lyriker des Verlagshaus in ihrer
Langen Lyriknacht nach!
Mit Björn Kuhligk, Ron Winkler, Florian Voß, Max Czollek, Birgit Kreipe,
Asmus Trautsch, Mikael Vogel und Jinn Pogy.
Z-Bar // Bergstraße 2 / 10115 Berlin
Ab 21:00 Uhr // Eintritt 5,- €
Kartenreservierungen per E-Mail an post@belletristik-berlin.de
VERLAGSHAUS J. FRANK | BERLIN
Greifswalder Straße 39 / 10405 Berlin
Bevor du liebst
lerne durch Schnee gehn
ohne Fußspur.
Türkisches Sprichwort
Aus dem Englischen des Edward Powys Mathers, aus:
The Garden Of Bright Waters
One Hundred And Twenty Asiatic Love Poems
Translated by Edward Powys Mathers
1920
(hier online, Suche nach „Turkey“)
Noch eine leicht verspätete Nachricht aus Prag (ein Archiv veraltet nicht):
Der Dichter Rainer Maria Rilke ist in seine Geburtsstadt zurückgekehrt, schreibt Markéta Kachlíková am 7.12.:
Rainer Maria Rilke, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Autor der „Duineser Elegien“ und zahlreicher weiterer Gedichtbände, wurde am 4. Dezember 1875 in Prag geboren. Die Beziehung des Dichters zu seiner Geburtsstadt blieb sein ganzes Leben lang ambivalent. Er hat sie als Zwanzigjähriger für immer verlassen, doch in seinen Werken blieb Prag immer präsent. An diesem Mittwoch ist Rainer Maria Rilke symbolisch in seine Heimatstadt zurückgekehrt: Am Haus Nummer 16 am Prager Graben wurde für ihn eine Gedenktafel feierlich enthüllt. Besonders dafür eingesetzt hat sich das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren. / Radio Prag (dt.)
Der Lyriker, Übersetzer, Verfasser von Kinderbüchern und Chansontexten Pavel Šrut (71) wurde am 26.1. mit dem vom tschechischen PEN-Club vergebenen Karel-Čapek-Preis ausgezeichnet. Der Preis wird alle zwei Jahre für ein Lebenswerk verliehen, das wie das Čapeks durch demokratische und humanistische Werte gekennzeichnet ist. Der Präsident des tschechischen PEN-Club, Jiří Dědeček, sagt über ihn: „Pavel Šrut hat schon zwei oder drei junge Generationen mit seinem Werk beeinflußt. Am bekanntesten sind die Chansons, die er für den Musiker Petr Skoumal schrieb. «Kdyby prase mělo křídla» („Wenn die Schweine Flügel hätten“) basiert auf dem Gedicht «If Pigs Could Fly» von James Reeves. Pavel Šrut, der von den 70er Jahren bis zum Sturz des Kommunismus nicht publizieren durfte, hat an die 50 Bücher verfaßt, vor allem Gedichtbände und Liedtexte für Kinder und Erwachsene. / Magdalena Hrozínková, Radio Prag (frz.)
Wegen des großartigen Gedichts „Gedichte über Polen“ von Adam Zagajewski lohnt es sich, Cicero anzuklicken:
Zagajewski und seinen Mitstreitern ging es damals schlicht um die Aufrichtigkeit der Kunst und um die Überwindung der Dichotomie von engagierter und absoluter Poesie.
Unser Gedicht ist in dieser Zeit entstanden, in den frühen siebziger Jahren, als Zagajewski seine Leser zwingen wollte, seine Texte im Kontext der politischen Gegenwart und der damit verbundenen existenziellen Probleme zu lesen. „Gedichte über Polen“ ist ein ironischer und ein beklemmender Text zugleich. Die Sprache des Dichters, kann man hier erfahren, spiegelt immer auch sein Schicksal wider, welches zugleich das seines Landes ist – eines märchenhaften, doch wehrlosen Landes, das vom Dritten Reich und von der Sowjetunion real und ideell einverleibt wurde.
/ Joachim Sartorius, Cicero
Hier ein paar weitere Gedichte des Autors, hier eine Rezension von Jan Wagner.
Als Heidelberger Anglistik-Student gründete Weissner 1965 sein Literaturmagazin Klectoveedsedsteen, benannt nach einem Titel von Charlie Parker. »Ein kompletter Satz liegt heute wahrscheinlich nur in der New York Library, von der Ausgabe mit der Schallplatte hab’ ich selber kein Exemplar.« Die Rowohlt-Anthologie »Beat« und zwei Sondernummern des Times Literary Supplement über Underground-Literatur hatten ihn inspiriert. Deutsches veröffentlichte er nicht, und »das Heft hat hier vielleicht mal zwölf Stück verkauft«. Aber es erreichte die Internationale der literarischen Opposition. Bukowski, Burroughs, Ginsberg schickten ihm Texte. …
Die bahnbrechende Anthologie »Acid« von Brinkmann/Rygulla war sein Einstieg ins Übersetzen. 1970 pushte und übersetzte er das erste Buch des bei uns unbekannten Charles Bukowski, und mit »Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang« kam der Durchbruch, der ohne Weissner ziemlich sicher nicht stattgefunden hätte, und nicht bei einem großen, sondern beim kleinen Maro Verlag.
Der eigentliche Punkt bei Carls Karriere war, daß diese Autoren ihn als einen der ihren ansahen, er veröffentlichte in vielen Magazinen, in denen ihre Texte erschienen und, ja, er schrieb englisch. »Das war einer der besten Texte, der mir in den letzten Jahren untergekommen ist«, kommentierte Bukowski in einem Brief, »das Ding hat mich fast zum Heulen gebracht.« / Franz Dobler, junge Welt 27.1.
Buschmanns* Gedichte stecken voller Melancholie. Sie handeln von verloren gegangener Größe, von innerem Asyl, von der Frage nach dem Wieso. Zwischen den Lyrikblöcken – allesamt in ausgefeiltem Hexameter-Versmaß vorgetragen – die hochklassige Stimme der Martens. / Märkische Oderzeitung
*) der in Groß Briesen lebende Hobby-Lyriker Wolfram Buschmann. Vgl. hier: Hat Biermann bei Buschmann abgekupfert?
Was diese Bilderreihung, welche keine noch so verwinkelte Gleichung scheut, zu erzeugen vermag, ist das Gefühl, in einem aufgeladenen Filmkosmos zu sein. Assoziationen, Metaphern und ganze Satzkonstruktionen folgen darin den Prinzipien der filmischen Montage- und Schnitttechniken. Zudem wählt der Autor nicht selten den Zoom von der scheinbaren Realität – denn oftmals entlarvt sie geradezu das Gegenteil – auf einen im Gedicht befindlichen Fernsehschirm, in dem sich neue Kulissen ergeben. Dass die Grenzen dadurch fluide werden, ist Teil eines genialen lyrischen Programms. „Was sonst noch eine Rolle spielt, egal ob im Film / Oder auf des Lebens breiter Flur“ pendelt daher nicht nur zwischen Personen, Handlungen und verschiedenen Raumkonstellationen, sondern vor allem zwischen Fiktion und Wirklichkeit.
…
Wer die Gedichte nur als formverliebtes Experiment liest, hat nicht unrecht und sicherlich viel zu lachen. Wer sie aber mit all ihren Abwegen, Sprüngen und Brüchen zu entschlüsseln versucht, wird auf reichhaltigere Schätze stoßen: Subtil wabern in den kleinen Geschichten nicht selten durchdachte, gesellschaftskritische Anspielungen, wobei sich kein Vers je eines moralisierenden Tones bedienen würde. Viel zu frei und unscharf sind die Gedichte arrangiert als dass sie auf eine Kernbotschaft zu reduzieren wären. Aber genau darin tritt die Genialität von Einzingers Dichtung eben zutage. So ist es gerade die unauslotbare Absurdität, die kommentarlos die vielen Verse durchzieht und damit erst die Sinnoffenheit stiftet. Was politisch ist und was nur Farce, muss zweifelsohne jeder Leser selbst aus den viel- oder vielleicht nichtssagenden Textstücken herausdestillieren. In jeder Hinsicht verspricht die Spurensuche ein ungemeines Vergnügen. … Wir empfehlen: Ein kleines Buch mit großen Wundern! / Björn Hayer, Die Berliner Literaturkritik, 29.01.12
EINZINGER, ERWIN: Die virtuelle Forelle. Jung und Jung Verlag, Salzburg 2011. 144 S., 22 €.
Mit seinen hoch gelobten, vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilmen – und seinem einzigen, 1965 prompt schon als Rohschnitt verbotenen Spielfilm („Jahrgang 45“) hat sich Böttcher selbst und sein Publikum immer auf das Eigentliche zurückverwiesen: die Beobachtung des Lebens, den tiefen Respekt vor den Menschen und ihrer Arbeit – und den fehlenden Respekt vor Denk- und Bilderverboten.
Letztere haben Böttcher, der kein Oppositioneller war, aber Freiheit als Lebensmittel beanspruchte, öfter getroffen. 1961 schon, als er einen Film über seine Künstlerfreunde aus dem Dresdner Volkshochschulkurs vorlegte, der den verordneten Bildern vom Leben im sozialistischen Land DDR nicht entsprach. 1988 durfte der Film endlich gezeigt werden.
„Jahrgang 45“ hat erst nach dem Mauerfall seine Uraufführung erlebt, ein Film über die Glückssuche junger Menschen, den Böttcher gemeinsam mit dem Schriftsteller Klaus Poche geschrieben hatte. Eine solche Bildsprache lief der herrschenden Ideologie nicht nur zuwider, sie hat sie schlichtweg gar nicht zur Kenntnis genommen. Böttcher, der seinen älteren Bruder früh, 1944, durch einen Schießunfall bei einer Militärübung verlor, hat sich stets um die Menschendinge, nicht um Kopfgeburten machtlüsterner Männer gekümmert.
Als es dem Künstler nach dem Filmverbot in den 60er Jahren „richtig dreckig ging“, erzählt Matthias Flügge, hat Wolf Biermann geholfen, sein Freund. Dem hat Böttcher 1967 eine feine, aber harte Zeichnung geschenkt, ein Stillleben mit Fleischwolf und Fischgräten. Auch das gibt es in Altenburg zu sehen. / ANDREAS MONTAG, Mitteldeutsche Zeitung
„Strawalde. Jürgen Böttcher – Maler und Regisseur“, bis zum 29. April, Lindenau-Museum Altenburg, Gabelentzstraße 5, Di-Fr 12-18, Sa, So 10-18 Uhr
Es ist unter anderem das große Verdienst der ersten deutschen Print-Ausgabe von Liu Xiaobos „Ausgewählten Schriften und Gedichten“, eben diese Internet-Quellen benannt und ausgewertet zu haben. Werk und Wirkungsgeschichte verwirklichten sich zunehmend im Netz. In seinem Aufsatz „Das Internet und ich“, veröffentlicht im Februar 2006, spricht Liu Xiaobo von einer Internet-Gemeinde, die bereits mehr als einhundert Millionen Mitglieder umfasse, Leser freilich, die der Autor meist nur im Ausland und natürlich nicht in dieser Menge erreichte, weil schon 2006 „der öffentliche Diskurs“ in Festland-China blockiert wurde, versuchsweise jedenfalls. / Herbert Wiesner, welt.de
Der französische Dichter Philippe Beck, Jahrgang 1963, selber Übersetzer aus dem Deutschen, hat aus den altertümelnden Grimm-Texten gegenwärtige französische Gedichte gemacht. … Doch Tim Trzaskaliks Übersetzungen geben samt seiner und Becks Anmerkungen sowie dem Vorwort des Philosophen Jean Bollack einen Eindruck, wie sperrig und provokant innerhalb der französischen Lyrik Becks „Chants populaires“ sich ausnehmen müssen. Beck traktiert die Sprache wollüstig mit dem Skalpell des Grammatikers: „Wer sagt was? / Blut spricht hier. / ‚Mutter’ ist grimmig. / Elementargrimm?“ / Jan Röhnert, Tagesspiegel
Philippe Beck: Populäre Gesänge. Gedichte. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Tim Trzaskalik. Matthes & Seitz, Berlin 2011. 234 S., 26,90 €.
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