Nach einer anderen Sprache verlangen
die nicht geschriebenen Sätze
Essay von Christiane Kiesow (Greifswald)
Der folgende Text ist eine Reaktion auf Bertram Reineckes Essay „Verstehen noch einmal“ zur Debatte um Ulf Stolterfohts Beitrag1 im Jahrbuch der Lyrik 2008. Wie für seinen Beitrag gilt auch für das Verständnis meines Kommentars, dass man die Debatte mitverfolgt haben sollte (siehe Jahrbücher der Lyrik 2008/2009).
Je nachdem, worin man Bertram Reineckes Ziele beim Schreiben des Essays vermutet, kann man ihn als gelungen oder aber ergänzungsbedürftig empfinden. Wenn es sein Anspruch war, die Positionen der nicht eben einheitlichen Reaktionsfront wohlkommentiert zusammenzufassen und an (s)einen Verstehensbegriff zu erinnern, ist sein Essay vielleicht erfolgreich gewesen. Aber hat sein Beitrag das „Stolterfoht‘sche Theorem“ wirklich plausibler gemacht? Ich finde: noch nicht ganz.
Reineckes Essay ist erst einmal attraktiv, weil es eine vielleicht in Vergessenheit geratene Vielfalt des Verstehensbegriffes zurück ins Bewusstsein holt. Verstehen ist eben nicht nur, sondern auch. Wer Stolterfoht angreifen oder ihm zustimmen will, soll sich also nach Reinecke erstmal besinnen.
Meines Erachtens wird mit Verstehen immer mindestens Zweierlei assoziiert: Einmal gedacht als Ergebnis einer (womöglich intensiven, [heraus]-fordernden und mit Willenskraft verbundenen) Denkoperation, die mit Überwindung eines Widerstandes einhergeht. Nach dem Prinzip: Licht ist Arbeit. Verstehen dann aber auch andererseits als intuitive Einsicht, eine Art „Seelenwahrnehmung“ während des Lesens, weit vor jedem kognitiven Reflexionsakt. Denkt man sich „Seele“ kurz als Sinnesorgan wie etwa Augen, so ist das Verstehen – gedacht als Wahrnehmung – hier natürlich genauso anfällig, einer Art optischen Täuschung zu unterliegen. (Aber, weg von diesen begrifflichen Hilfsprovisorien!)
Nachdem Reinecke den polemischen Kunstgriff von Axel Kutsch entlarvt hat, liest er Hans Thill eine Spur anders als ich. Ich finde, Thills Sorge ist nicht etwa, dass in der Schule Verstehen als überwundenes Missverstehen gelehrt wird, sondern, dass Schule von Anfang an die utopische Vorstellung vermittelt, dass das Verstehen und damit einhergehend Erkennen und Erkenntnis dem Menschen als fortwährend greifbare Option gegenüber der Welt zur Verfügung steht. Es wird also – im Gegenteil – immer viel zu schnell „verstanden“ (was auch immer das im Einzelfall heißt). Woran sich der Schüler gewöhnt. „Ist die verständliche Welt eine Verheißung der niederen Pädagogik, so gestaltet sich das verständliche Gedicht als Pennälertraum.“ Um noch einen Schritt weiterzugehen: Das Problematische an dieser Idee vom Verstehen ist, dass sie immer schon eine verstehensmögliche Sache voraussetzt. Verstehen ist in diesem Fall ein Prozess, der nur dort funktionieren kann (oder als Missverstehen scheitern), wo etwas Verstehbares vorhanden ist. In der Schule wird uns gewissermaßen die Möglichkeit vorgegaukelt, wir hätten es ständig mit einer potentiell verständlichen „Welt“ zu tun. Eine Welt, deren Nachvollziehbarkeit l e d i g l i c h noch aufgedeckt werden müsse (in maximal ein bis zwei Schritten). Das heißt, wir werden darauf ausgerichtet, jedes Phänomen als auflösungsfähiges Problem zu denken, also immer schon einseitig wahrzunehmen. So auch Gedichte. Und alles, was etwas be-deuten soll. Aber was wäre denn das für eine faszinationslose Welt? Oder, um es mit einem leider hervorragenden Deutschlehrer zu sagen: „Diese Welt benötigt dann doch wirklich nicht mehr als tausend Begriffe, um vermessen zu werden. Mir wird diese Welt zu rund.“ Warum also mit Thills Beitrag für Stolterfohts Satz „Das Verstehen in der Lyrik hat der Teufel gesehen.“ eine Erklärung angeboten ist? Weil er Stolterfoht vielleicht zu recht unterstellt, dass Verständlichkeit als Kriterium (für Kunst und speziell für Gedichte) überbewertet wird. Allein, dass (wie mein Lyrikdozent2 es neulich in einer Vorlesung formulierte) viele Leser „Gedichte in verständliche und unverständliche unterteilen“, als sei damit irgendeine Qualifikation vorgenommen, i s t schon das Ergebnis einer zugrundeliegenden Fehlorientierung.
Und „auch in der Tradition galt der Text immer schon als geheimnisvoll. Ein altes Wort aus der Kabbala weiß, dass die Schrift siebzig Gesichter hat.“ Ich frage mich an der Stelle heimlich, ob etwa Konfirmanden sogar besser mit Gedichten umgehen können, ist doch zumindest das Bewusstsein vom immerhin vierfachen Schriftsinn Teil der Bibelexegese. Hat mir mein Religionsunterricht letztlich mehr genützt als der Deutschunterricht? Sollte sich der Germanistik-NC zukünftig auch an der Religionsnote orientieren?
Noch ein Seitenast: Wo argumentiert wird, der Autor schere sich mit unverständlichen Gedichten einen Dreck ums Verstandenwerden, „also um den Leser“, wird Kunst als Kommunikationsmedium verstanden. Kann man machen. Mit einigen Texten, Gedichten. Mit vielen vielleicht. Aber Stolterfoht sprach ja gar nicht vom Autor. Er sprach von G e d i c h t e n, die sich einen Dreck ums Verstandenwerden scheren. Gisela Trahms streicht für sich diesen Unterschied. Ob das zulässig ist, darüber kann man sich streiten. Aber es ist immer schwierig, eine Position zu widerlegen, wenn man die aufgemachte Differenzierung unterwandert, ohne diesen Schritt ausreichend zu begründen.
Für jemanden, zu dessen Lieblingsbeschäftigungen es gehört, anderer Gedichte zu parodieren, ist die Erklärung: Verstehen heißt so viel wie „Ich traue mir zu, in seiner Art [sinnvoll] weiter zu sprechen.“ – natürlich eine vorteilhafte Positionierung. (Man ist ja hilflos gegen seine eigenen Stärken.) Klingt sie auch erst einmal einleuchtend, ergeben sich für mich aber mit dieser Behauptung sofort mindestens drei Probleme:
Erstens. Damit ist das Phänomen der Überprüfung durch andere („Immer ist ein Experte zugegen, der bewerten muss, ob das Gesagte stichhaltig ist.“) nicht aus der Welt geschafft – Gut. Jetzt wird nicht mehr g e s a g t, was man gesehen hat, sondern g e z e i g t. Aber was verändert das? Zum Beispiel zeigt dieser Kommentar zu Milautzckis Parodie, dass die Bewerter immer genau ein Widerwort weit entfernt sind. Wer soll hier entscheiden, ob nun sinnvoll weitergesprochen wurde? Und was bedeutet das Angebot Reineckes im Umkehrschluss für die Voraussetzungen und Fähigkeiten des Lesers? Was wird aus dem armen Germanistikstudenten, der nun nicht einmal mehr mit antrainiertem Fachprosa-Sixpack an die Gedichte herantreten kann, sondern selbst zum Dichter werden muss, um sein Verständnis unter Beweis zu stellen. (Bertram, hast Du nicht neulich mir gegenüber noch behauptet, Parodieren sei eine Kunst?) Wie sieht es dann mit dem Leser aus? Muss er „Künstlerpotential“ haben, um verstehen zu können? „Ein kundiger Leser könnte kunstreich Variationen in den Text einflechten.“, schreibt Reinecke. Das ist mir ein bisschen viel Konjunktiv. Dann wären wir ja genau da, wohin die Lyrik gern verortet wird: im Elfenbeinturm. Dichter schreiben für Dichter.
Wie kaum einem anderen Dichter seiner Generation ist es Alois Hergouth gelungen, den Begriff „Heimat“, durch den Nationalsozialismus seiner Würde beraubt, neu zu beseelen und ihm einen neuen, grenzüberschreitenden Inhalt zu geben.
Der Leserin, dem Leser seiner Gedichte empfahl er, den Namen des eigenen Landes leise und verhalten auszusprechen, ohne Pathos, ohne die Trommel zu rühren und die Fahne zu hissen. „Nenn es so einfach, wie du Mutter sagst und Brot“. / CHRISTIAN THEISSL, Kleine Zeitung
Wo früher ein paar Regalmeter Lyrik zu finden waren, ist jetzt auf ein kleines Regal Lyrik mit Drama gemischt gedrängt.
Wo früher anspruchsvolle Literatur zu finden war, dort sind jetzt ganze Regalreihen mit Esoterik-Mist zu finden / mehr
Der Peter-Huchel-Preis 2012 geht an die Berliner Lyrikerin Nora Bossong. Sie erhält die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung für ihren Gedichtband „Sommer vor den Mauern“. Das hat eine siebenköpfige Jury am Vormittag in Freiburg entschieden.
Die Jury begründete ihre Entscheidung unter anderem mit Bossongs großer Beobachtungsgabe und ihrem präzisen Stil. Mit ihrem „neugierigem und erfahrungshungrigem Blick“ spüre sie „literarische Szenen in der Wirklichkeit auf und verleihe ihnen auf meisterhafte Weise sprachliche Form“. Zudem verfüge sie über ein breites Repertoire poetischer Mittel. Dabei spanne sich ihr Horizont vom Heimatgedicht über das Liebesgedicht bis zur Reise- und Bildbeschreibung. Mit Witz und Sensibilität lasse Nora Bossong in „Sommer vor den Mauern“ Gefühl sprechen, ohne sich in weltabgewandte Innerlichkeit zurückzuziehen.
Die 30-jährige Schriftstellerin stammt aus Bremen, studierte in Leipzig und lebt mittlerweile in Berlin. Der Huchel-Preis wird gemeinsamt vom Land Baden-Württemberg und dem SWR finanziert.
Zu den Preisträgerinnen und Preisträgern gehörten unter anderen Ulf Stolterfoht, Gerhard Falkner, Friederike Mayröcker und Marion Poschmann. Der Preis wird am 3. April in Staufen überreicht. Der Tag ist der Geburtstag des Lyrikers und Kulturredakteurs Peter Huchel. / SWR
Das „Berliner Tageblatt“ berichtete über den tragischen Unfall: „Der ertrunkene Referendar Dr. Georg Heym war auch literarisch hervorgetreten, er hatte vor einiger Zeit einen Band Gedichte Das ewige Leben veröffentlicht, die Spuren einer schönen Begabung zeigen.“ Hier wurde nachlässig recherchiert, denn der erwähnte, 1911 erschienene Gedichtband trägt den Titel „Der Ewige Tag“.
Außerdem ist das „Tageblatt“ nicht ganz auf dem Laufenden, was Georg Heyms Bedeutung angeht: In dem gerade vergangenen Jahr 1911 war es dem angehenden Gerichtsreferendar nämlich gelungen, in der Berliner Avantgarde Fuß zu fassen. Ein wirklich informierter Nachrufschreiber hätte also nicht herablassend von den „Spuren einer schönen Begabung“ gesprochen, sondern hätte wohl den Verlust eines Stars der jungen Literatur beklagt. …
Heyms (auf Berlin beschränkter) literarischer Erfolg zu Lebzeiten verdankte sich vor allem seinen spektakulären Auftritten im „Neopathetischen Cabaret für Abenteurer des Geistes“, das seit 1910 das Forum für avantgardistische Literatur in der deutschen Hauptstadt war. Die Veranstaltungen dieses Cabarets wurden von der Berliner Literaturkritik stark beachtet, und Georg Heym wurde von mehreren Rezensenten als besonders interessante Begabung gewürdigt. Wie Gunnar Decker in seinem jüngst erschienenen, sehr lesenswerten Heym-Essay berichtet, ist dieses Lob allerdings nicht ohne Nachhilfe des Poeten zustande gekommen: Heym hat einige Kritiker so lange beschwätzt, bis sie entnervt bereit gewesen sind, seinen Namen hervorzuheben (das dürfte auch heutigen Rezensenten bekannt vorkommen). / Hermann Schlösser, Wiener Zeitung
Gunnar Decker: Georg Heym. „Ich, ein zerrissenes Meer.“ Ein biographischer Essay. vbb Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2011, 171 Seiten.
Der Biograf spricht von «einer der schönsten, traurigsten, geheimnisvollsten Liebesgeschichten der Weltliteratur». Dieses Pathos ist nicht zu hoch gegriffen. Ohne diese ungewöhnliche Liebe wäre eines der bemerkenswertesten, bewegendsten und auch abgründigsten Werke der Weltliteratur nicht entstanden, zumal nicht die «Hymnen an die Nacht» und das Romanfragment «Heinrich von Ofterdingen» mit seiner Vereinigung von Liebe und Poesie. Die Forschung hat gerne diskutiert, ob Novalis auch ohne sein Sophie-Erlebnis zu seiner Dichtung gefunden hätte. Man kann die Frage getrost auf sich beruhen lassen; sie ist so unbeantwortbar wie müssig: Mit diesem Erlebnis hat er dazu gefunden. …
Die Briefe und vor allem das aussergewöhnlich freimütige «Journal», das Novalis nach dem frühen Tod der Braut geführt hat, ein in seiner Direktheit, Unverstelltheit, ja Tabufreiheit singuläres Dokument, gestatten hier tiefere Einblicke als die mystische Nacht-Lyrik selber. / Ludger Lütkehaus, Neue Zürcher Zeitung 12.1.
Wolfgang Hädecke: Novalis. Biografie. Carl-Hanser-Verlag, München 2011. 399 S., Fr. 38.90. Gerhard Schulz: Novalis. Leben und Werk Friedrich von Hardenbergs. Verlag C. H. Beck, München 2011. 304 S., Fr. 37.90.
Öfter lokale Zeitungen lesen. Hier aus Stendal, mancher wird staunen:
… die Veröffentlichung eines ihrer Gedichte in einem Band der Frankfurter Bibliothek – einem der wichtigsten Werke deutscher Gegenwartslyrik…
Und wers nicht glaubt, wird selig (die andern ja vielleicht seelig, wir gönnens ihnen).
Wer mehr über die ominöse und in der Regionalpresse überaus beliebte „Frankfurter Bibliothek“ wissen will, findet hier ein paar Infos (und Meinungen). Hier nur in aller Kürze die Information, daß es sich weder um „eines der wichtigsten“ noch überhaupt um ein Werk der „Gegenwartslyrik“ handelt, sondern um eine Geschäftsidee, die den Wunsch tausender Laiendichter, sich gedruckt zu sehen, zum Geldverdienen ausnutzt. Wer hier veröffentlicht, wird mit etwa 99,97prozentiger Wahrscheinlichkeit niemals in der Gegenwartslyrik ankommen. Deshalb finden Sie diese und ähnliche Bücher auch nicht in der von Theo Breuer und mir zusammengestellten und mit Leserhilfe immer noch verlängerten Liste von bislang ca. 300 Lyrikbänden des vorigen Jahres.
Da es via Suchmaschinen des öfteren Fragen des Typs „ist die Frankfurter Bibliothek seriös“ gibt, und da die Lyrikzeitung dank treu klickender und manchmal auch verlinkender Leser in Suchmaschinen schnell gefunden wird, folgen hier in Kürze ein paar Begriffsklärungen über
Anmerkung: Wenn Sie Fragen oder Informationen zu diesen Gegenständen haben, wenden Sie sich an uns.
Ein Gedicht über die Verwüstung der japanischen Küste durch das Erdbeben und den Tsunami vom vorigen Jahr gehörte zu den Siegertexten des alljährlichen Lyrikwettbewerbs im Kaiserlichen Palast in Tokio, die am Donnerstag von einem Männerchor in gedehntem Singsang vorgetragen wurden.
Im Gedicht des 71jährigen Katsuto Kobayashi, der früher in einem Kraftwerk gearbeitet hatte, drückt der Autor Stolz über alternative Energien aus und zeichnet das Bild glänzender Sonnenbleche im Morgenlicht.
Ein anderer Gewinner, der 72jährige Schneider Kojiro Yamasaki, schreibt über die Erleichterung, die er spürte, als er nach 3 Tagen der Ungewißheit erfuhr, daß sein Sohn, der sich im Katastrophengebiet aufhielt, in Sicherheit war. / Washington Post
Rudolf Hagelstange ist als Schriftsteller überliefert, der vor allem mit seiner Lyrik nach 1945 gesamtdeutsche Bedeutung erlangte und in beiden deutschen Staaten mehrere Auflagen erreichte. Er suchte inmitten der zeitbezogenen Konflikte von einer christlichen Position aus eine verlässliche Zuflucht in einem „abstrakten Humanismus“. In seinen Versen offenbart der Dichter das „Pathos des Bekennenden“, eine immense Bildfülle und eine große Formenvielfalt. Damit überzeugte Hagelstange den offiziösen Literaturbetrieb diesseits und jenseits des Eisernen Vorhanges. Das machte ihn zu einem Hauptrepräsentanten der deutschen Nachkriegsliteratur und trug ihm zahlreiche Ehrungen ein. / MARTIN STOLZENAU, Südkurier
Das große Publikum verkannte ihn, aber Rémi-Paul Forgues war einer der Großen der zeitgenössischen Poesie Québécs. Er wurde 1926 geboren und starb am 7.1. in Montreál. Er bewunderte die von André Breton begründete surrealistische Bewegung und teilte sein Leben zwischen Poesie und Musik – er war Pianist. Obwohl er ein Schüler des Meisters der automatistischen Bewegung Paul-Emile Borduas war, weigerte er sich, das Manifest „Globale Verweigerung“ von 1948 zu unterzeichnen, ein Aufbegehren gegen die Konventionen und zugleich Proklamation einer abstrakten Kunst. Seit Beginn der 50er Jahre litt er unter Depressionen. Obwohl er nur ein Buch veröffentlichte, Poèmes du vent et des ombres (Hexagone, 1974) (der Rest findet sich verstreut in Zeitschriften), schuf er ein bedeutendes Werk. / LEXPRESS.fr 11.1.
Die Mörder von Roque Dalton, einem der bedeutendsten salvadorianischen Schriftsteller, werden straflos bleiben – zumindest in ihrer Heimat. Ein Gericht in San Salvador hat am Montag das Strafverfahren gegen die ehemaligen Guerilla-Kommandanten Joaquín Villalobos und Jorge Meléndez definitiv eingestellt. Der Fall sei verjährt, begründete Richter Romeo Giammattei seine Entscheidung. Villalobos und Meléndez sollen den Mord an Dalton geplant und an der Vollstreckung beteiligt gewesen sein. Der Dichter und Romancier war nach Zeugenaussagen am 10. Mai 1975 in der Nähe von San Salvador erschossen worden. Seine Leiche wurde nie gefunden.
… Dalton, ein undogmatischer Denker, passte nicht in das militärische Schema von Befehl und Gehorsam. Man warf ihm vor, Agent des US-Geheimdienstes CIA zu sein und für den kubanischen Geheimdienst zu arbeiten. Obwohl es dafür nie Anhaltspunkte gab, wurde sein Tod beschlossen und vollstreckt. Seine Leiche wurde auf einem Lavafeld verscharrt und wahrscheinlich von streunenden Hunden verschleppt. / CECIBEL ROMERO, taz 10.1.
Da ich leider nicht Ungarisch kann, kupfer ich beim lieben Perlentaucher ab:
In literarischen Zeitschriften Ungarns findet seit einigen Monaten eine Debatte über Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukunft des politischen Gedichts statt. Die meisten ungarischen Autoren hatten sich zwar in den vergangenen Jahrzehnten von politischen Themen abgewendet. Dennoch sieht der Kritiker Sandor Bazsanyi einen Ausgangspunkt für die politische Dichtung: „Nach meiner für den persönlichen Gebrauch formulierten Auffassung von politischen Gedichten sprechen diese gegenüber der jeweiligen Gemeinschaft die im ‚hier und jetzt‘ gegebene Situation an, und dabei sollten sie, wovon sie sprechen, mit möglichst direkten Mitteln, also so genau wie möglich, gar leidenschaftlich beim Namen nennen. […] Und so sollte nach meiner Ansicht die ungarische politische Dichtung von heute sein: Bildhaft,aber nicht kosmologisch; direkt, aber nicht propagandistisch; gewichtig, aber nicht ideologisch; und vor allem: leidenschaftlich, aber nicht borniert.“
Elet es Irodalom (Ungarn), 06.01.2012
Lyrikrelevant dort auch The Economist (Großbritannien), Guernica (USA) und Poetry Foundation (USA).
*) Irgendwie muß sie sich ja von der Politik absetzen.
Als „Die Königinnen“ werden Gomringer und Zeul die Bühne regieren, beide direkt, beide eigenwillig, beide sie selbst. Mit voller Stimmstärke und souveränem Körpereinsatz unterhalten und irritieren sie mit ihren intelligenten und humorvollen Gedichten und Songs. Präsentiert werden die beiden von einer dritten Dame mit eigenwilligen Texten voll Wucht: Lydia Daher. / Sandra Zistl, Die Welt
Ich schrieb mal, ich lese die Zeit noch solange die Lyrikaktion im politischen Teil anhält. Siehe da, sie haben sie prompt übers Jahresende hinaus verlängert. Aber heißt das, ich lese Cicero, bloß weil Joachim Sartorius dort eine Lyrikserie hat? Nein. (Hier widmete ich ihm, also Cicero, mal ein Gänseblümchen).
Aber anklicken kann man ihn mal. Hier stellt der Autor ein politisches Gedicht von Adolf Endler vor: Santiago.
Denn wer bei diesen »Schneegedichten« zuerst an die klassische Berieselungslyrik des Goethe-Rilke-Hesse-Triumvirats denkt, der irrt. Ron Winkler, der sich bereits mehrmals als Anthologist der Gegenwartslyrik betätigt hat – man denke zum Beispiel an das grandiose »Neubuch« – legt bei seiner Auswahl keinen Wert auf Kaminfeuerästhetik.
Nicht umsonst stellt er Jakob van Hoddis’ »Tristitia ante…« an den Anfang: »Ich hasse fast die helle Brunst der Städte.« heißt es da. Dankenswerterweise zieht sich verschwindend wenig verkitschtes Weihnachstum durch den gesamten Band. Die Anthologie beißt sich nicht an einem Stil fest, sondern stellt verschiedene Perspektiven nebeneinander, versammelt natürlich viel Schönes, einiges Melancholisches, aber auch sehr Abstraktes, Steriles, sogar Häßliches. Die Autorinnen und Autoren deklinieren den Schnee durch, frei nach Rolf Dieter Brinkmanns Worten »Schnee: wer / Dieses Wort zu Ende / Denken könnte / Bis dahin / Wo es sich auflöst« bis hin zu den »reproduktionen von schnee«, von denen Daniela Seel spricht. …
Die »Schneegedichte« haben Ganzjahresqualitäten. Kann man sich nach Weihnachten auch sich selber schenken. / Kristoffer Cornils, junge Welt
Ron Winkler (Hrsg.): Schneegedichte. Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2011, 208 Seiten, 14,95 Euro
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