98. Parlandopark

29.01.12 // Eröffnung im Offenen

Der Parlandopark meldet sich zurück im neuen Jahr.

Nach einer etwas längeren Pause lädt der Parlandopark nun einmal im Monat zu Lesungen und Gesprächen.

Eröffnung im Offenen: Nachdem so lang offen war, ob und wie wir zurückkehren, soll auch der erste Abend die Möglichkeit geben, Neues und Fremdes einzubringen. Texte sind erwünscht, wir alle bringen Texte mit und wollen so auch Möglichkeiten für das Jahr 2012 auskundschaften.

Alle sind herzlich eingeladen, gelesen wird, solang die Kraft reicht, danach gefeiert oder geschwiegen.

Kommt zahlreich.**

Es grüßen
Simone Kornappel, Adrijana Bohocki, Steffen Popp und Hendrik Jackson

Studio 8 Grüntalerstr. 8, 13357 Berlin * Wedding S + U Gesundbrunnen
Sonntag, 29. Januar 2012 20:00 Uhr

97. Carl Weissner gestorben

Der Schriftsteller Carl Weissner, der durch seine Übersetzungen der Werke von Charles Bukowski und der Popsongtexte von Bob Dylan und Frank Zappa berühmt wurde, ist nach Informationen des „Mannheimer Morgen“ im Alter von 71 Jahren in Mannheim gestorben. Angehörige fanden Weissner heute Morgen tot in seiner Wohnung. Carl Weissner zählt zum kleinen Kreis von Übersetzern, die sich durch ihre außerordentliche Sprachsensibilität in der Literaturszene einen Namen machen konnten. / Mannheimer Morgen

(DIe Zeitung kündigt für morgen einen Nachruf an)

96. Liebesgedichte vom Land

Steinunn Sigurdardóttir. Die Autorin (Jahrgang 1950) betrat die literarische Bühne einst als Poetin; ihr lyrisches Debüt erschien, als sie neunzehn war. Nun gibt es – parallel zum jüngsten Prosawerk – erstmals einen kompletten Gedichtband der Isländerin auf Deutsch, «Sternenstaub auf den Fingerkuppen» (das Original von 2007 trägt den weniger kitschigen Titel «Ástarljód af landi», «Liebesgedichte vom Land»).

Die Poetin schreibt bald mit Pathos, bald mit Feingefühl, schreibt von Liebessehnen und unerfüllter Liebe, vom Glück der «Herbst-Liebe» und vom Zauber des Beginns. Unerträglich, notiert sie, sei die Vorstellung, «dass jeder Anfang ein Ende nimmt und das Ende des Kusses der Vorläufer eines Lebens ohne Küsse ist». Die Poetin wird ironisch. «An den Allmächtigen, der Liebhaber und Geliebte zuteilt // Bei allem Respekt, bedenke, / dass eine Geliebte / für einen jungen Mann nicht genug ist.» Eine ältere brauche er, eine, die ihm Gedichte zitiert und «die Seele mit dem Strich streichelt, / wie einem verwöhnten Kater», doch für den Abend bitte eine junge «mit blütenzarten Fingern». / Uwe Stolzmann, NZZ 25.1.

Steinunn Sigurdardóttir: Der gute Liebhaber. Roman. Aus dem Isländischen übersetzt von Coletta Bürling. Rowohlt, Reinbek 2011. 223 S., Fr. 27.50. – Sternenstaub auf den Fingerkuppen. Gedichte, isländisch – deutsch, übersetzt von Gert Kreutzer. Mit Aquarellen von Georg Gu∂ni. Kleinheinrich-Verlag, Münster 2011. 160 S., Fr. 48.–.

95. Füller statt Tastatur

Mamata Banerjee ist nicht nur Ministerpräsidentin (Chief Minister) des indischen Bundesstaates Westbengalen, sondern auch eine bekannte Dichterin. In einer Rede zur Eröffnung der Buchmesse Kolkata (Kalkutta) erklärte sie, warum sie weiterhin lieber mit Tinte schreibt. „Schriftsteller müssen es gleich aufschreiben, wenn sie eine Idee haben. Wenn sie eine Tastatur benutzen, geht der Rhythmus ihrer Gedichte verloren,“, sagte die 57jährige. / IBN live

94. Ringelnatz-Preis für Nora Gomringer

Die Lyrikerin Nora Gomringer erhält in diesem Jahr den Cuxhavener Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik. Er gilt mit 15 000 Euro als „eine der“ höchstdotierten Lyrik-Auszeichnungen in Deutschland. [Zum Vergleich: der Peter-Huchel-Preis, der sich gern als namhaftester Lyrikpreis anreden läßt, liegt bei 10.000].

Die Stadt Cuxhaven vergibt den Preis seit 2002 alle zwei Jahre. Bisherige Preisträger sind Peter Rühmkorf, Robert Gernhardt, Wolf Biermann, Barbara Köhler und Wulf Kirsten.

/ news.de

93. Metroman

Dieser deutsche Dichter französischer Sprache wird wohl noch lange eine Verlegenheit bleiben. Die Franzosen haben ihn nie als einen der Ihren anerkannt, trotz der Komplimente von Voltaire, Marmontel und anderen zu seinen Lebzeiten. Und in Deutschland ist er unbekannt geblieben, trotz wiederholter Versuche, ihn durch Übersetzungen zu popularisieren, wie unmittelbar nach seinem Tod, wie zur 200. und jetzt zur 300. Wiederkehr seines Geburtstags. Es scheint, als ob er mit Übersetzungen ins Deutsche nur immer ferner rückte und wir immer weniger verstehen, was diesen unermüdlichen Reime-Schmied, diesen frenetischen Metromanen, wie er sich selber nannte, bewegte. …

Gedichte müssen nicht immer als autonome Kunstwerke verstanden werden, schon gar nicht die rhetorisch wirkungsbezogenen Verse eines Autors, der selber hellsichtig von seiner tudesken und bizarren Muse sprach (‚ma muse tudesque et bizarre‘), von seinem ‚français barbare‘ und der sich lediglich etwas darauf zugutehielt, ‚frei von allen Abhängigkeiten‘ das auszusprechen, was er jeweils wollte.

Liest man heute seine Verse, die in den sechs Bänden ‚Oeuvres poétiques‘ der Preuß’schen Ausgabe von 1854 nicht weniger als 1600 Seiten umfassen, wird man viel Ödland durchmessen müssen, langweilige Reimerei im klassizistischen Stil, steifleinene Gedankenpoesie und langatmige Ergüsse, die häufig der kritischen Kontrolle ermangeln. Man spürt, dass Französisch nicht Friedrichs Muttersprache gewesen ist, sondern eine erlernte Bildungssprache, die er mit einem gewissen Respekt behandelte. / REINHART MEYER-KALKUS, SZ 21.1.

JÜRGEN OVERHOFF, VANESSA DE SENARCLENS (Hrsg.): An meinen Geist. Friedrich der Große in seiner Dichtung. Eine Anthologie. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2011. 336 Seiten, 24,90 Euro. 

 

92. Großschriftsteller

Zweifellos war Valéry, was man einen Großschriftsteller genannt hat, doch im Grunde geht die Charakterisierung an seinen Absichten vorbei. Die Literatur, schreibt er 1917, ‚muss auf einem noch nicht vorstellbaren Grad von Wissenschaftlichkeit ankommen und dann verschwinden‘.

Das ist starker Tobak. Man darf es als das Kunststück seines Lebens bezeichnen, dass es Valéry gelang, für solche Verhöhnungen der bürgerlichen Kunstreligion Respekt erworben zu haben. / RALF KONERSMANN, SZ 16.1.

DENIS BERTHOLET: Paul Valéry. Die Biographie. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs und Achim Russer. Mit einem Vorwort von Jürgen Schmidt-Radefeldt. Insel Verlag, Berlin 2011. 660 Seiten, 39,90 Euro.

91. Kein Themenjobber

Unwiderruflich vorbei ist jedenfalls die Zeit der zu nationalen Institutionen erhobenen «Grossschriftsteller» wie Thomas Mann. Heute geben, als Schrumpfform sozusagen, die fixen «Themenjobber» den Ton an, die sich als fluide Existenzen dorthin spülen lassen, wohin die medialen Gezeiten sie treiben. Zu ihnen gehört «da Schuh Froanz» (wie es in seinem Gedicht «Tod auf Bestellung» heisst) zu unserem Glück nicht. / Oliver Pfohlmann, NZZ 17.1.

Franz Schuh: Der Krückenkaktus. Erinnerungen an die Liebe, die Kunst und den Tod. Verlag Paul Zsolnay, Wien 2011. 255 S., Fr. 27.90.

90. Syntax

«Ich entdeckte eine einfache Wahrheit: Die Grammatik ist das Tor zur Literatur. Wenn du einen Text grammatikalisch analysierst, betrittst du das intime Labor eines Schriftstellers. Nur wer die Syntax beherrscht, der beherrscht auch das Wort»  / Jan Koneffke schreibt in der NZZ über den rumänischen Schriftsteller Ion Vianu, aus dessen Erinnerungen das Zitat stammt.

89. Berliner Journal

Sieglinde Geisel  über einen Auszug aus Frischs «Berliner Journal»:

Eine Zufallsbegegnung mit Wolf Biermann, noch vor dessen Ausbürgerung, ergibt ein funkelndes Kurzporträt: «Biermann redet unaufdringlich, sehr präsent und sensibel, dazwischen seine Kauz-Mienen, ein völlig unverschüchterter Mann, im Staat kaltgestellt, wie man weiss.» In einer späteren Notiz über die erneute Lektüre von Biermanns Werken kommt Frisch zum Schluss, dass diese sich von der Biografie des Autors nicht lösen lassen: «Wenn er in den Westen wechselte, gäbe es keinen Wolf Biermann mehr für alle Zeit.» / NZZ 21.1.

88. Wunderdinge

Die Lektüre der Essays von Snyder entfachte in mir ein  Gefühl der Befreiung, denn sie fütterten meine altlinken Vorurteile nicht. Da wo sie mich zum Nicken zwangen, nahmen sie meist eine Wendung, die das Denken wieder einsetzen ließ.

Es heißt beispielsweise unter der Kapitelüberschrift „Leopardenmütter“ : “Metaphern von der ‚Natur als Buch‘ sind nicht nur ungenau, sie sind sogar schädlich. Die Welt mag zwar von Zeichen übersättigt sein, sie ist aber kein fixierter Text, mit ganzen Archiven und Kommentaren. Die übermäßige Bindung an das Buch als Modell, geht mit der Annahme einher, vor Beginn der Geschichtsschreibung habe sich nichts ereignet.“

Hier trifft  amerikanische Tradition frontal auf Kontinentaleuropäische, die sich in Derridas Dekonstruktivismus manifestiert. Im Ergebnis des Crashs erwarte ich mir geradezu Wunderdinge. Die Reflexion ist eröffnet. Und als nächstes werde ich mir Snyders Gedichte bestellen. / Jan Kuhlbrodt, fixpoetry

Gary Snyder: Lektionen der Wildnis, aus dem amerikanischen Englisch von Hanfried Blume, 263 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-88221-657-8, Euro 26,90 Matthes & Seitz, Berlin 2011

87. Alfred Wolfenstein

Der Schriftsteller Alfred Wolfenstein wurde 1883 in Halle geboren, eine Straße in der Saalestadt trägt heute seinen Namen. Er gab mehrere Gedicht- und Novellenbände heraus – und doch ist er vielen unbekannt. Einer, der das ändern möchte, ist Bernhard Spring, Jahrgang 1983, Autor und Journalist aus Merseburg. Am Freitagabend stellte er in der Weißenfelser Brand-Sanierung vor rund 50 Gästen sein Alfred-Wolfenstein-Lesebuch vor. 2011 gab er das Buch heraus und möchte mit Lesungen den Hallenser Schriftsteller bekannter machen. „Wolfenstein ist einer der großen aber vergessenen Autoren des 20. Jahrhunderts“, sagte Spring. / CLAUDIA PETASCH, Mitteldeutsche Zeitung 22.1.

86. „Worte haben Muskeln“

Gahse verließ Ungarn mit ihren Eltern 1956. Zehn Jahre war sie damals alt. Sie liebt die ungarische Sprache, die ungarische Lyrik und bedauert die mangelnde Sprachforschung in Ungarn. Ihr eigenes Denken aber geschieht in deutscher Sprache, ihre plastischen, kraftvollen Bilder entstehen in deutschen Worten. „Worte haben Muskeln“, empfindet Gahse. Und die Donau? „Sie ist das gute Rückgrat Europas.“ / Augsburger Allgemeine

85. Meine Anthologie: Von Gedichten

Bernd Jentzsch

VON GEDICHTEN

1) Zahl-, schutz-, macht-, folgenlos. 2) Aber wenn sich etwas zu verändern beginnt, zeigt man auf die, die sie gemacht haben. 3) Wer Gedichte machen will, muß einmal gestorben sein zur Hälfte / des Lebens; ein Widergänger, die leuchtenden Adern im Staub. 4) Wilders Komödien, Becketts Prosa, das Spargelbund Manets von 1880 sind Gedichte. Und Vallejos Schreie, die eure Mittagsruhe beeinträchtigten. Note zu 1) Zunehmend kunstlos, d. i. Magerstufe der Welthaltigkeit. 5) Gemalte Fensterscheiben Beton, vollgesprayt. 6) Der Lyriker braucht die Vernunft nicht zu fürchten, denn sie fürchtet ihn doch auch nicht. Oder 7) Was die Welt im Innersten zusammenhält. Seit E = mc² konjugieren wir in der falschen Zeitform. 8) Einer hats gewußt, Zu den Akten. 10) Vor Auschwitz hätten wir es auch ohne sie zu Auschwitz gebracht; jetzt fehlen sie. 11) Bertolt, erhebe dich! Ruft auch Dante zurück. Rotte der selbsternannten Dichter, weggetreten! 9) Kohlrabi ist eine Gemüsesorte. Zeigt mir den Vers, der wahrhaftiger ist. 12) Sie hätten euch, die ihr sie nicht lest (das eingeschlossen), bei der Evolution behilflich sein können von Wilden zu den Halbwilden. 13) Gedichte sind nicht für mostpeople; einige taugen, vielleicht, für dich und mich. 14) Damit schließe ich jedwedes! Poesiealbum, endgültig. Herrenanrufe zwecklos. Ab in die Wüste! Note zu 1) Und schlecht bezahlt.

1991, am Muttertag

Aus: Die alte Lust, sich aufzubäumen. Lesebuch. Eine Auswahl des Autors. Mit einem Nachwort von Bernd Leistner und 22 Abb. Leipzig: Reclam, 1992. S. 212f.

Bernd Jentzsch im Lyrikwiki

84. Chronische Poetische Aporie (CPA)

In folgendem Gespräch wird das übliche Frage-Antwort-Spiel umgekehrt und zu einem Antwort-Frage-Spiel. Charles Bernstein wurde gebeten, zu Zitaten aus seinen Texten Fragen zu stellen. Sein umfangreiches, bisher nicht übersetztes Werk* befasst sich auf ebenso ironische wie politische und chaotische Weise mit den Unwägbarkeiten aller Bedeutungen

Antwort Bernstein: Xo.

Frage Bernstein: Was ist der kleinste Sinn-Baustein? Ein Fonem – der winzigste Laut, den man als eigenständige Einheit hören kann? Oder ist die Sprache in ihrer Gesamtheit der kleinste Baustein?

Antwort Bernstein: Ideen sind tot, außer im Spiel.

Frage Bernstein: Was denken Sie über die abstrakten Begriffe der Politik, Theologie, Philosophie und Literaturtheorie: Konstruktion und Transzendenz, Sein und Vergeben, Dialektik und Möglichkeit, Freiheit und Rausch, Materialität und Affekt, Melancholie und Staatsbürgertum, Nation und Gedanke, Verwirrung und Wildnis, Demokratie und Begrenzung?

(…)

Bernstein: jed jimmsy’s cack. ib giben durrs urk klurpf. ig ooburs quwate ag blurg.

Frage Bernstein: Sind Sie ein jüdischer Dichter? Für Brian Ferneyhough haben Sie ein Libretto über Walter Benjamin geschrieben, „Shadowtime“ (Schattenzeit). Ist das aus einer jüdischen Perspektive geschrieben? In einem Aufsatz in der Zeitschrift „Radical Poetics and Secular Jewish Practice“ schreiben Sie, dass Sie sich verpflichtet fühlen, die Arbeit nichtreligiöser europäischer jüdischer Kultur weiterzuführen, die im systematischen Vernichtungsprozess des Zweiten Weltkriegs ausgelöscht wurde. Aber ist das nicht alles längst Vergangenheit? Können wir das nicht hinter uns lassen?

Bernstein: Grandiose Verstopfungen.

Frage Bernstein: Wie finden Sie die österreichische Küche?

Bernstein: Wenn ein Text in ein Gedicht-Kostüm gesteckt wird, dann ist das an und für sich eine Provokation, die grundlegenden Fragen zu Sprache, Sinn und Kunst zu betrachten. Chronische Poetische Aporie (CPA).

Frage Bernstein: Gibt es keinen Weg, der Künstlichkeit zu entkommen? Wie wäre es mit natürlicher Sprache und direkten Aussagen? Was ist Ihnen lieber, ein Saal voller Spiegel oder die erhabene Majestät eines in der Morgendämmerung verschwindenden Berges, wenn Nebelschwaden den Anblick wegbrennen wie heimkehrende Engel?

/ Der Standard 20.1.

Charles Bernstein liest am Donnerstag, den 26. Jänner, um 18 Uhr in der Alten Schmiede – Literarisches Quartier, Schönlaterngasse 9, 1010 Wien.

*) vgl. aber hier: 58. Attack of the Difficult Poems – Angriff der Schwierigen Gedichte