Wäre Burroughs ein Charakter in einem Spielfilm, wäre er vollkommen unglaubwürdig, ein verheirateter homosexueller Mann, der die konventionelle Schwulenbewegung hasst und der seine Frau (in Mexico City) im Rausch erschießt, als die beiden Wilhelm Tell nachspielen. Ein Junkie, der wahrscheinlich über 50 Jahre abhängig war und währenddessen mindestens eine komplett neue Literaturbewegung, inklusive neuer Technik, geschaffen hat und nie ohne mindestens eine Knarre ins Bett ging. Davon abgesehen zeigt A Man Within auch den unglaublichen Einfluss, den Burroughs auf Bands wie die Sex Pistole, Nirvana oder Sonic Youth hatte. Durch seinen Ruf und seinen gigantischen Einfluss ist ist Burroughs normalerweise eine Art unbegreiflicher Titan, dem man versucht durch Anekdoten irgendwie nahezukommen. Durch die unterschiedlichsten Wegbegleiter, die in A Man Within zu Wort kommen und von denen viele einen genauso großen Titanenstatus haben, kann man vielleicht an dem echten Menschen, wenn wahrscheinlich nicht ganz, so doch zumindest eher greifen. / vice.com
Auf nicht weniger als 1200 Seiten hat der Historiker und Herausgeber deutsche Gedichte von 305 Autorinnen und Autoren mit jüdischen Wurzeln versammelt: „Ist es Freude, ist es Schmerz?“
Viereinhalb Jahre recherchierte Schmidt minuziös und hartnäckig für diese alphabetische Anthologie, deren früheste Gedichte von Moses Mendelssohn von 1777 stammen und die aktuellsten u.a. vom 1960 geborenen Maxim Biller. Eine Herkules-Aufgabe, beflügelt von seinem Herzenswunsch nach „einer Symbiose zwischen Juden und Deutschen.“ Und man kann es zweifellos als Wertschätzung lesen, dass Stéphane Hessel, Widerstandskämpfer, Buchenwald-Überlebender und Schriftsteller, das Geleitwort schrieb. „Lebensbilder von Atem nehmender Traurigkeit“ zeige das Buch ebenso wie „die Vielfalt jüdischen Geisteslebens in den deutschsprachigen Kulturen.“
„Vielleicht hilft das Buch ,mehr Verständnis zu schaffen“, hofft der 1928 in Leipzig geborene Herausgeber. Herbert Schmidt war zehn Jahre, als die Nazis in seiner Geburtsstadt Juden in den Fluss trieben und steinigten. Tief brannte sich dieses Erlebnis ins Gedächtnis des Jungen, in dessen Elternhaus Hitler ein Schimpfwort war. …
Auch bei Franz Kafka blieb Schmidt beharrlich: Wer so zärtliche Liebesbriefe schreibt, der hat auch Gedichte verfasst, war er sicher – und grub 12 Vers-Werke Kafkas aus. Ganz selten bekam der Rechercheur eine Absage. Ruth Klüger, die ihre in Auschwitz verfassten Kindheitsgedichte „nicht mehr angemessen“ fand und nicht veröffentlichen lassen wollte, zählt zu den wenigen Ausnahmen. / westen.de
Den Mörike-Preis der Stadt Fellbach 2012 erhält der in Berlin lebende Romanautor und Erzähler Jan Peter Bremer, Jahrgang 1965. Er wurde von der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff gewählt, die diesmal als Vertrauensperson fungierte. Im vergangenen Jahr erschien von Jan Peter Bremer der viel beachtete Roman ‚Der amerikanische Investor‘ (Berlin-Verlag). Der Mörike-Preis ist mit 12 000 Euro dotiert und wird am 7. März 2012 verliehen. Den Förderpreis in Höhe von 3 000 Euro hat Jan Peter Bremer dem Lyriker Konstantin Ames zuerkannt. / Süddeutsche Zeitung 3.1.
Sa 14.1. 19:00
Alice Salomon Poetik Preis 2012 – Verleihung an Emine Sevgi Özdamar
Der Alice Salomon Poetik Preis, vergeben von der Alice Salomon Hochschule Berlin, geht im Jahr 2012 an Emine Sevgi Özdamar.
»Mit Phantasie, Humor und Selbstironie sucht die Autorin nach Um- und Auswegen aus der Sprachlosigkeit und schreckt auch nicht davor zurück, sich zur Not den Weg einfach frei zu sprengen«, so die Jury über die in der Türkei geborene deutsche Schriftstellerin, Schauspielerin und Theaterregisseurin.
Im Anschluss an die Preisverleihung wird die Künstlerin aus ihren Werken lesen.
Der Poetik Preis wird jährlich vergeben, ist mit 6000 Euro dotiert und beinhaltet auch eine Poetik-Dozentur. Die Jury der ASH Berlin zeichnet damit Künstlerinnen und Künstler aus, die durch ihre besondere Formensprache und Vielfalt zur Weiterentwicklung der literarischen, visuellen sowie musischen Künste beitragen und dabei immer interdisziplinär arbeiten und wirken. Zu den Preisträgern gehören bedeutende Künstler wie Gerhard Rühm, Michael Roes, Rebecca Horn, Valeri Scherstjanoi und Eugen Gomringer.
Begründung der Jury: Dr. Thomas Wohlfahrt (Sprecher der Jury und Leiter der Literaturwerkstatt Berlin)
Laudatio: Dr. Harald Jähner (Ressortleiter Feuilleton bei der Berliner Zeitung)
Die Hochschule lädt anschließend im Rahmen des Neujahrsempfangs zu Gesprächen am Buffet ein.
Gäste der Preisverleihung können die Ausstellungen der Berlinischen Galerie von 10:00 bis 19:00 Uhr kostenlos besuchen.
Ort: Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, 10969 Berlin
Der Eintritt ist frei. Um Anmeldung per E-Mail unter poetikpreis@ash-berlin.eu bis zum 9. Januar 2012 wird gebeten.
Eine Veranstaltung der Alice Salomon Hochschule Berlin, unterstützt durch die Literaturwerkstatt Berlin.
Dieter Ronte schrieb über die an Hokusais berühmten Holzschnittzyklus angelehnten digitalen Collagen, die als Fresken im Raum installiert sind: „Die Erfahrungen in der Analyse japanischer Gedichte transformieren in der visuellen Kunst von Také zum unendlichen Bild, das sich nicht sofort in das logische Sehen des Europäers integriert.“ „Nowhere Kyoto“ heißt eine abstrakte Komposition, die sich als Meer aus erdachten, leuchtenden Blüten lesen lässt. Tatsächlich sind Takés Abstraktionen aus konkreten Einzelmotiven zusammengesetzt, die sich erst bei eingehender Betrachtung erschließen. (Preise von 7600 bis 38.300 Euro.) / FAZ
by Seichi Niikuni, 1971. André Vallias: graphics. DJ Dodô: percussion, laptop. Lica Cecato: voice, „translation“, theremin, pre-recordings. Show at CCBB, Rio de Janeiro, April, 2007 to ERRATICA web-magazine
eugen gomringer der vater der konkreten poesie kommt in den raum für irgendetwas und hält einen vortrag
am 11. januar 2012 um 16 uhr, eintritt frei
burg giebichenstein, kunsthochschule halle, neuwerk 7, 06108 halle, raum 208
Nach Diekmann-Krieg jetzt Jünger-Stahlgewitter. – Konstantin Ames kommentiert:
Der Vergleich der selbstverschuldeten Ertappt!-Malaise mit einem Weltkriegsszenarium, geschildert in einer nihilistischen Bekenntnisschrift (aus dem Dunstkreis der sog. Konservativen Revolution), die „In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger ist, verrät, dass dieser Bundespräsident offenbar nicht in historischen Dimensionen zu denken in der Lage ist. Oder es handelt sich bei der Person von Christian Wulff um einen geschmacklosen Provokateur am Rand des Nervenzusammenbruchs.
Der renommierte Basler Lyrikpreis geht im Jahr 2012 an Klaus Merz. Die Jury schreibt in ihrer Begründung: „Wie wenige Dichter bringt er das Kunststück fertig, lyrische Prinzipien auch in seiner Prosa umzusetzen. Die Schauplätze seiner Erzählungen sind stets unspektakuläre Orte, an denen Merz mit wenigen Strichen und rhythmischen Lenkungen Charaktere und die rätselhafte Welt der Empfindungen aufscheinen lässt.“ …
Der Basler Lyrikpreis wird von der Lyrikgruppe Basel bestehend aus Urs Allemann, Rudolf Bussmann, Ingrid Fichtner, Wolfram Malte Fues, Peter Gisi, Rolf Hermann und Kathy Zarnegin vergeben. Die Preisverleihung findet im Rahmen des 9. Internationalen Lyrikfestivals Basel am Sonntag, dem 29. Januar 2012, im Literaturhaus Basel statt. / Dorfzeitung
Sechsundachtzig Jahre alt hat Anne Dorn werden müssen, um ihren ersten Gedichtband zu veröffentlichen — und damit das vielleicht dienstälteste Debut der deutschen Lyrik vorzulegen. Aus ihren Gedichten unter anderem im „Jahrbuch der Lyrik“ ist sie dem aufmerksamen Publikum natürlich längst bekannt, als eine große und souveräne Stimme. „Wetterleuchten“ hat sie den Band betitelt, knapp, präzise, unprätentiös. Aus welcher Anzahl Gedichte aus wievielen Jahren ist der Band ausgewählt und zusammengestellt worden? Wir erfahren es nicht. Minimale Verschiebungen in Form und Ton sind zwar zu bemerken und geben Anlaß zur Vermutung, könnten Jahrzehnte sein, dennoch ist der Band von ungewöhnlicher Geschlossenheit, die ihn zu einem Ereignis macht. / Jürgen Brôcan, fixpoetry
Anne Dorn: Wetterleuchten. Nachwort: Jayne-Ann Igel, gebundene Ausgabe 80 Seiten, Euro 16.80 poetenladen, Leipzig 2011. Herausgeber: von Jayne-Ann Igel, Jan Kuhlbrodt, Ralph Lindner
Der Einzelgänger war nicht nur ein glänzender Theoretiker, sondern auch ein sinnenfreudiger, humorvoller Mensch, zugetan den kulinarischen Genüssen: „Ein Gedicht ist ein Kaffee. (Wiederbelebung)“. Gern mixt man sich sein „Parfait Martinique: Mockamousse, Rum drüber, ein Klecks Schlagsahne obendrauf“. / Dorothea von Törne, Die Welt
Wallace Stevens: „Hellwach, am Rande des Schlafs“ Aus dem Englischen von Hans Magnus Enzensberger u.a. Hanser, München. 352 S., 24,90 Euro.
Das Gedicht „Sunday Morning“ (with coffee and oranges) / Aphorismen wie der mit dem Kaffee
Hier 3 weitere Aphorismen von Stevens:
Poetry is not personal.
* * *
The real is only the base, but it is the base.
* * *
The poem reveals itself only to the ignorant man.
Wie haben wir Biermanns legendäre „Drahtharfe“ geliebt, jene ersten, bei Klaus Wagenbach veröffentlichten Balladen, Lieder und Gedichte aus eigener Feder! Sein entschiedenes „Warte nicht auf bessre Zeiten“ und die „Ausbürgerung“ aus dem verhassten DDR-Staat nach seinem berühmten Kölner Konzert 1976 machten den Liederdichter zur Identifikationsfigur des Zorns. Pegasus bleibt auch im Umgang mit den Texten anderer ungezähmt und bissig. Getreu seinem einst als Heine-Professor an der Universität Düsseldorf verkündeten Motto: „Eine Nachdichtung kann nie so gut sein wie das Original – wohl aber besser!“ heftet er dem trostlos durch abendliche Winterkälte trottenden Gaul des Amerikaners Robert Lee Frost in seiner deutschen Fassung von „Stopping By Woods On A Snowy Evening“ etwas an, was es im Original nicht gibt: einen Refrain. Dem Russen Bulat Okudshava dichtet das Schlitzohr gar die gesamte dritte Strophe des bekannten Liedes „Ach die erste Liebe“ dazu. Was als melancholisches Liebeslied beginnt, wird bei Biermann zum bitterbösen politischen Gesang, der die Entwicklung vom Verräter aus Schwäche bis zum Mörder skizziert. / Dorothea von Törne, Die Welt
Wolf Biermann: Fliegen mit fremden Federn. Hoffmann und Campe, Hamburg. 528 S., 26 Euro.
Ein Sympathisant italienischer Rechtsradikaler tötete zwei Senegalesen. Die Gruppe „Casa Pound“ bezieht sich auf den US-Dichter Ezra Pound, der Wucher und Juden hasste. / Die Welt 19.12.
Das neofaschistische Ambiente in Italien ist wesentlich vielschichtiger als man denkt. Die neueste Ausgeburt ist Casa Pound, eine der „innovativen“ Varianten. Der Name der Gruppe bezieht sich auf den amerikanischen Dichter Ezra Pound, der während des Zweiten Weltkrieges offen den Faschismus und nach Kriegsende die Sozialrepublik unterstützte. (…)
Autarkes Europa, nationale Rückeroberung, Schluss mit multinationalen und multiethnischen Gesellschaften, Recht auf Wohnung und Bildung, Energiesouveränität und … die italienische Verfassung neu schreiben. Dies sind einige Punkte des Programms von Casa Pound, das Professor Stefano Bartolini in seinem Artikel „Die Enkel des Duce zwischen Erbe, Neuem, Weiterbestehendem und Entwicklungen zu Beginn des neuen Jahrtausends“ als „linken Faschismus“ definiert. Laut Bartolini handelt es sich hierbei um eine Rückkehr zu den Ursprüngen, einen Versuch, die Fassade zu erneuern: „Die Neofaschisten des 21. Jahrhundertspassen die Kommunikationsformen an, ändern ihre Symbole, erfinden neue Namen, aber bleiben doch, was sie immer waren. Und sie geben noch nicht einmal die gewaltsamsten Praktiken auf.“ / cafebabel
„Als Dichter bewahre ich die archaischsten Werte der Erde, deren Ursprung bis in die späte Steinzeit zurückreicht“, heißt es in dem frühen Band „Mythen & Texte“. Der Bogen in den „Wildnis“-Essays ist weit gespannt: Sprachforschung und Mythen-Deutung haben darin ebenso ihren Platz wie Abhandlungen über die Zukunft der Region und die „uralten Wälder des Westens“. / Olaf Velte, FR
Gary Snyder: Lektionen der Wildnis
Aus dem Englischen von Hanfried Blume
Matthes & Seitz, Berlin 2011
263 Seiten, 26,90 Euro
Mehr: DLR
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