33. Pro patria

(Türkische Früchte 2)

Orhan Veli Kanık (1914-1950)

Vatan İçin

Neler yapmadık şu vatan için!
Kimimiz öldük;
Kimimiz nutuk söyledik.

Für das Vaterland

Was taten wir nicht für das Vaterland!
Manch einer von uns ist gestorben.
Manch einer hat Reden gehalten.

Annemarie Schimmel: Aus dem goldenen Becher. Türkische Gedichte aus sieben Jahrhunderten. Köln: Önel-Verlag. 2. überarb. Aufl. 2002, S. 226.

32. Arabische Kulturrevolution

‚Hast du jemals davon geträumt, dass die einfachen Leute auf die Straße gehen und „nein“ sagen könnten?‘ Der aus dem Irak Saddam Husseins geflohene, heute in Deutschland lebende Schriftsteller und Lyriker Abbas Khider – Verfasser des Romans ‚Der falsche Inder‘ (Edition Nautilus) – stellte diese Frage seiner ägyptischen Kollegin Mansura Eseddin bei den Arabischen Literaturtagen an diesem Wochenende in Frankfurt.  …

Auffällig an diesen Literaturtagen war, in welchem Maße schreibende Frauen diskursbestimmend waren. Man ahnt im Gegenzug die Krise der patriarchalischen arabisch-männlichen Identitäten. Vielleicht sind ja die Frauen das Subjekt einer arabischen Kulturrevolution, die bereits im Gange ist und auch keines Voltaire mehr bedarf, dessen Fehlen Boualem Sansal beklagte. Wenn das kein ‚arabischer Traum‘ ist, wie jener, von dem Abbas Khider in Frankfurt als ‚von einer neuen Art Liebe‘ sprach. Das wäre dann auch Politik und erst recht Literatur. / VOLKER BREIDECKER, Süddeutsche Zeitung 23.1.

31. Türkische Früchte (1)

Lustig, grad hab ich beschlossen, unter diesem Titel eine Serie türkischer Lesefrüchte zu beginnen, Früchte reisevorbereitender und -begleitender Lektüre, da beschert mir fixpoetry in der Reihe Gedicht des Tages eins von Reisen in die Teikür, damit fang ich also an:

Elke Erb

ADIEU

War im Traum in der Keitür, Reise, zu mehreren,
bin da noch, räudiges Stadt-Auf-und-Ab, was im Traum
zur Ansicht kommt (den schlafenden Augen!),

bunt, grell, aber wie
warmfarbig & -formig,warm-formig,
was da ist, aber es leitet nicht, nämlich –

& auf dem Gipfel:
wie zurück? Zurück nämlich wie?

Haarig, behaart – oder sieh
eine Kiste mit faulem Obst. Greifen in sie.
Bei uns, wo es leitet, gewußt wie

 – auch: der Griff in. In ihr Zeug. In den Tod.
Bei denen: behaart. Bei uns: Todestauschseligkeit.
Nachdem es getätigt war – schnell vergessen.

Muh, muh, weil ich die Sprache nicht spreche –
wo ich bin, auf Reisen.

 

24.12.07

Aus: Elke Erb, Meins. Gedichte. roughbooks 2010, S.101

30. Der letzte neue Dichter ist tot

Xuan Tam, der letzte Vertreter der vietnamesischen Tho Moi- (Neue Lyrik)-Bewegung, starb in Hanoi im Alter von 97 Jahren. Die Tho Moi-Bewegung wurde im frühen 20. Jahrhundert durch westlich beeinflußte junge Intellektuelle begründet. Zu seinen Gefährten gehörten die Dichter Te Hanh, Xuan Dieu, The Lu und Luu Trong Lu, die die Sprache erneuerten und mit der feudalen Vergangenheit brachen.

Im August 1945 schloß er sich der  Cach Mang (Revolution) an. Er arbeitete in verschiedenen Funktionen in der Verwaltung und der Staatlichen Plankommission. / Viet Nam News

29. Zu schwarz? Zu kommunistisch?

Vater und Sohn Duvalier („Baby Doc“ und „Papa Doc“) regierten das Land mit brutalem Terror. Der Schriftsteller Michel Séonnet widmet einem der Opfer der Duvalier-Herrschaft, dem haitianischen Dichter Jacques-Stephen Alexis, eine Hommage: er stellte sein ihm gewidmetes Werk ins Netz, „Jacques-Stephen Alexis, ou Le voyage vers la lune de la belle amour humaine“ (Jacques-Stephen Alexis oder Die Reise zum Mond der schönen Menschenliebe), das 1983 erschienen war.

Auf seiner Website schreibt er: „Zu schwarz, Alexis? Zu kommunistisch? Dem politischen Mord folgte eine Art literarisches Vergessen.“ / ActuaLitté

28. Hertha Kräftners Lebensroman

In ihren ‚Notizen zu einem Roman in Ich-Form‘, im Frühjahr 1951 entstanden, schlüpfte sie in die Rolle einer Frau, die alles im Griff hat. ‚Ich bin verärgert, weil der junge St. heute nicht gekommen ist. Ich war sicher, ihn bei Professor K. zu treffen, um ihm einige Häuser um Maria am Gestade zu zeigen. Ich weiß, dass er es will und da ich es auch will – warum sollte ich den Ort des Ereignisses nicht bestimmen? Die Szene würde sich so entwickelt haben (…).‘ Eine von sich selbst eingenommene Koketterie, die sehr heutig wirkt, Kräftner aber im gleichermaßen prüden wie ’sittlich angegriffenen‘ Wien der Nachkriegszeit mit manch bösem Wort heimgezahlt wurde: ‚Nymphomanin‘ schimpfte Hermann Hakel, der erste Gedichte Kräftners in seiner Zeitschrift Lynkeus veröffentlichte, der Toten hinterher. Dabei sieht man in den Briefen, die in ‚Kühle Sterne‘ mit den von Kräftner genau datierten Werken einen nachvollziehbaren Lebensroman ergeben, dass sie jedem Verehrer, vom ‚Verlobten‘ Otto Hirss bis zum letztem neuen Lebensbegleiter Wolfgang Kudrnofsky, jeweils sehr individuell zugetan war. / HANS-PETER KUNISCH, Süddeutsche Zeitung 27.1.

DINE PETRIK: Hertha Kräftner. Die verfehlte Wirklichkeit. Edition Art Science. Wien 2011. 186 Seiten, 16 Euro.

27. Dichter-Mörder

Paukenschlag im sogenannten Dichter-Mord: Laut einer Bozner Tageszeitung soll die Kripo in Südtirol dem Mörder, der Gedichte (in japanischer Versform) am Tatort hinterließ, dicht auf den Fersen sein! Denn: Gerichtsmediziner der Uni Innsbruck haben erstmals DNA-Spuren auf der Kleidung des Opfers sichern können – sie sollen von Hautfetzen stammen. / Thomas Staisch, heute.at

26. Islam Erwache

Der „Islamische Revolutionsführer“ Ayatollah Seyyed Ali Khamenei betonte die wichtige Rolle der Literatur im „Islamischen Erwachen“.

Er sprach am Montag in Teheran bei einem Treffen mit iranischen und ausländischen Literaten beim „Internationalen Kongreß für die Literatur des Islam ischen Erwachens“.

Er forderte die literarischen Figuren der islamischen Länder auf, Gedichte zu schreiben, die die „Erhebung des Islamischen Erwachens“ beförderten.

An dem Treffen nahmen Gäste aus Tunesien, Ägypten, Libanon, Bahrain und mehreren anderen Ländern teil und lasen Gedichte zu Ehren des Propheten Mohammed, des „Islamischen Erwachens“ und des 33. Jahrestages der Islamischen Revolution. / Tehran Times

25. Wiederworte

„Luftwege“, das erste Gedicht in Ulla Hahns jüngster Publikation „Wiederworte“, ist ein programmatischer Text: „Nach Jahrzehnten / noch einmal gelesen / Gedichte der jungen Schwester / Ant-Worten geschrieben / Widerworte Wiederworte…“ Die „junge Schwester“ ist die Autorin selbst, Ulla Hahn vor dreißig Jahren. / Christian Schacherreiter, Oberösterreichische Nachrichten

Ulla Hahn: „Wiederworte“, Gedichte, DVA, 180 Seiten, 17,50 Euro.

24. Preis für Maja Haderlap

Der mit 8.000 Euro dotierte Rauriser Literaturpreis geht heuer an die bekannte und profilierte Autorin Maja Haderlap. Sie erhält den Preis für ihren Debütroman „Engel des Vergessens“, der 2011 im Verlag Wallstein in Göttingen erschien. …

Die Kärntner Slowenin Maja Haderlap wurde 1961 in Bad Eisenkappel in Kärnten geboren und gewann im Vorjahr den Ingeborg-Bachmann-Preis für ihren Text „Im Kessel“. Maja Haderlap gilt seit Langem als die bedeutendste lyrische Stimme unter den slowenischen Österreicherinnen. Seit ihrem ersten Gedichtband aus dem Jahr 1983 hat sie sich im Bundesland Kärnten als eine der bemerkenswertesten Kräfte der Gegenwartsliteratur etabliert. Sie ist zweisprachig aufgewachsen und schreibt sowohl in Slowenisch als auch in Deutsch. / salzburg.at

23. Gottesgedichte

Noch deutlicher spürt man die vorbestimmte Blickrichtung bei Helmut Zwanger, der bisweilen in einen hymnischen Predigtton verfällt. Da „wird der Mensch wahrgenommen als das Gefundene und als der zu Findende“ (dies anlässlich der Worte „fundus und findling“ in einer Zeile bei Ulrike Draesner)da „klingt das Versprechen Gottes auf“ und „Im Akt der Dichtung geschieht das lebensschöpferische Wort“. Nun, dieser Stil ist Geschmackssache. Mir erschiene etwas mehr neugierige Nüchternheit erfreulicher und vielleicht auch der Sache dienlicher.

…  Ärgerlich sind auch manche Deutungs-Schnellschüsse, bei denen man rufen möchte: Halt! Langsam! So überführt Helmut Zwanger einzelne Zeilen von Nelly Sachs umstandslos in Gleichungen:

„Die Erhellten vom Erstlingsmeer“ – das sind die Worte aus der befreienden Exodustradition.

„Die Augen-Aufschlagenden“ – das sind die hellsichtig-prophetischen Wahrheitsworte.

/ Christa Wißkirchen, fixpoetry

Gottesgedichte – Ein Lesebuch zur deutschen Lyrik nach 1945
Karl-Josef Kuschel, Helmut Zwanger (Hg.) 224 Seiten, geb.
ISBN 978-3-86351-006-0  € 22,– Klöpfer und Meyer, Tübingen 2011

22. Kaiserin von Hindustan

1897 gab es schon mal ein 60jähriges Thronjubiläum im British Empire. Die Welt am Sonntag berichtet:

Seit dem Januar 1877 war die Queen [Victoria] zugleich Kaiserin von Indien. Wilhelm, Sohn des preußischen Kronprinzen Friedrich, wurde wieder einmal nur durch Spott Herr seines Neides auf England, das Land seiner Mutter, Victorias Erstgeborener Vicky, und nannte die Großmutter gerne „Kaiserin von Hindustan“. …

Einem Reporter der „Daily Mail“ verschlug es die Sprache, wie das imperiale England da so fassbar vor seinen Augen vorbeizog: „Man beginnt zu verstehen wie nie zuvor, was das Empire wirklich bedeutet“, floss es ihm aus der Feder. „Wir schicken einen Boy nach hierhin, einen Boy nach dorthin, und er zähmt die Wilden und bringt ihnen bei, zu marschieren und zu schießen, und er glaubt an sie und stirbt für sie und die Queen. Einfache, dumme, uninspirierte Leute, so nennt man uns, und doch tun wir das für jeden Wilden, dem wir begegnen.“

Ein Echo dieser Worte findet sich in Rudyard Kiplings zwei Jahre später veröffentlichtem berühmtem Gedicht „The White Man’s Burden„, mit dieser Eingangsstrophe: „Weißer, trag deine Bürde, / schick deine Besten fort, / die Söhne in die Fremde / den Eingebor’nen dort / zu dienen, sie versorgen, / die wild und störrisch sind, / die neuen, finst’ren Völker, / halb Teufel noch, halb Kind.“ …

Hybris und Nemesis: Das war das Signal für Rudyard Kipling, der in der Welt als Lobsänger des Empire galt, doch der dem diamantenen Jubiläum eines der prophetischsten Gedichte der englischen Sprache widmete, dunkel in seiner Farbe. Eigentlich hatte Kipling „The White Man’s Burden“ zu diesem Anlass schreiben wollen, doch legte er das für später beiseite und veröffentlichte stattdessen in der „Times“ vom 17. Juli 1897 ein mit „Recessional“ überschriebenes Sonett, Schlussgesang gleichsam auf den diamantenen Gottesdienst des Empire.

Mit wuchtigen Worten beschwor er seine Landsleute, nicht dem Hochmut zu verfallen und im Sonnenglanz der Macht christlicher Demut zu entraten: „Gott unsrer Väter, altbekannt, / Herr unsrer überdehnten Schlachtreihen, / unter dessen furchtbarer Hand wir ausüben / Herrschaft über Palme und Kiefer – / Herr Gott der Heerscharen, bleib dennoch bei uns, / dass wir nicht vergessen – dass wir nicht vergessen.“ (Übersetzung Gisbert Haefs, Haffmans Verlag). Jede der folgenden Strophen endete mit diesem magischen Refrain: „lest we forget – lest we forget.“ Der Dichter ahnte den Untergang, die Strafe: „Fern gefordert schmelzen unsere Flotten; / auf Düne und Festland erlischt das Feuer: / Weh, all unsrer gestriger Pomp / ist gleich dem von Niniveh und Tyros! / Richter der Völker, verschone uns dennoch, / dass wir nicht vergessen – dass wir nicht vergessen!“

21. Mich beispielsweise

Obwohl Drawert, Jahrgang 1956, nicht zum Underground der DDR gehörte, findet sich in seinen frühen Gedichten viel Kritisches, freilich zumeist als Ausdruck einer inneren Emigration: „Mich beispielsweise, lieber Czechowski, / interessiert tatsächlich nur noch / das Privateigentum der Empfindung, / der Zustand des Herzens, wenn die schwarze Stunde / am Horizont steht, die Würde der Scham / und das Ende der Hochmut.“

Dass Drawert einen moralischen Raum des Sprechens reklamiert, mag manch einem überholt erscheinen. Doch Drawerts aufklärerische Haltung fragt nach der Zerstörbarkeit des Individuums und nach der möglichen Rettung des Schönen. / Tom Schulz, Tagesspiegel

Kurt Drawert: Idylle, rückwärts.
Gedichte aus drei Jahrzehnten. C.H. Beck, München 2011. 272 Seiten, 19,95 €.

20. Federico Hindermann †

Der Dichter, Übersetzer und Verleger Federico Hindermann ist am 31. Januar in Aarau gestorben. Ab 1971 leitete er für zwei Dekaden den Manesse Verlag in Zürich. … Als Übersetzer übertrug Hindermann unter anderem Werke von Emilio Cecchi, Luigi Pirandello, Anna Felder, Elio Vittorini, Albert Camus, Gérard de Nerval und Jules Supervielle. Er veröffentlichte auch eigene Gedichte in deutscher und italienischer Sprache.

Im Limmat Verlag liegt eine Sammlung mit Gedichten Federico Hindermanns vor: „Docile contro | Fügsam dagegen“, Gedichte italienisch und deutsch. Ausgewählt und übersetzt von Antonella Pilotto (144 Seiten, 21,50 Euro, ISBN 978-3-85791-563-5). / Börsenblatt

Hindermann lebte seit seiner Jugend in der deutschen Schweiz und galt als «die bedeutendste zeitgenössische italienische poetische Stimme ausserhalb der Grenzen der Italofonie», wie es der Schriftsteller Fabio Pusterla einmal ausformuliert hatte. / Klein Report

19. Nachschub

Zu wenig Gedichte? Politiker greifen ein, wenn man BILD glauben darf:

GESCHEITERTER CDU-NORD-CHEF GEHT UNTER DIE LYRIKER
Zärtliche Zeilen von Johann Wolfgang von Boetticher

Er schreibt ein Sonett nach Keats. Und? Karasek gefällts.