103. Annes Kastanie

Jene Kastanie, die bis zu einem Sturm im Jahr 2010 im Hinterhof der Prinzengracht in Amsterdam stand und dem jüdischen Mädchen in ihrem Versteck vor den Nazi-Schergen ein Lichtblick war. Der niederländische Dichter Jos Versteegen hat in drei Gedichten die Zwiesprache von Anne mit der Kastanie ausgedrückt, ein viertes Gedicht ist dem Sturz des Baumes gewidmet. Der Markdorfer Komponist Johannes Eckmann hat diese Gedichte vertont. / Stefanie Lorenz, Schwäbische Post 26.1.

102. BELLA immer noch

Rätselhaft, ja, mysteriös erscheinen die Gedicht-Übermalungen von Christian Hawkey, bei denen mit Tipp-Ex Sonette von Elizabeth Barrett Browning und deren Übersetzung durch Rilke bis auf wenige Worte und Wortteile unkenntlich gemacht wurden: eine subtile Verführung, mal wieder zu den „Sonetten an Orpheus“ zu greifen und sie neu zu entdecken.

Dieter M. Gräfs „Kunstausbruch, Guerillafische“ schließlich kommt als vorgelochtes Faltblatt daher, das nach dem ziegelroten, ziegelschweren Ordner „Schönfelder: Deutsche Gesetze“ schreit.

BELLA triste 30 (Sonderausgabe). 15 Euro. Mehr zu diesem Heft und Leseproben finden Sie hier.

/ Andreas Heckmann, culturmag / Am Erker

101. Ernst-Meister-Ausgabe

Die fünfbändige Textkritische und kommentierte Ausgabe der Gedichte Ernst Meisters enthält in den Bänden 1-3 sämtliche zu Lebzeiten publizierten Gedichtbände Ernst Meisters sowie verstreut publizierte Lyrik auf der Basis der Erstausgaben bzw.-drucke. Der vierte Band bietet den textkritischen Apparat mit der Darstellung ausgewählter Textstufen; ergänzt wird dieser Band durch einen elektronischen Teil, der auf der Homepage der Ernst Meister-Arbeitsstelle als Download zur Verfügung steht. Es folgt der fünfte Band mit Kommentaren zu den einzelnen Gedichten sowie Bandeinführungen.

Axel Gellhaus und Eckart Oehlenschläger werden die Ausgabe vorstellen und Möglichkeiten der Information, die sie bereithält, an Beispielen demonstrieren, darunter die Genese von Texten durch verschiedene Phasen der Niederschrift hindurch, dargestellt einmal im textkritischen Apparat, zum anderen nachzuverfolgen an den Scans der Handschrift. Beispiele für Erfolge und Grenzen der Arbeit am Kommentar bilden ein weiteres Thema. / Buchhandlung Böttger

100. Trügerische Idyllen

Zuerst eine Verwirrung: Was hat der Titel des Buches mit den Gedichten zu tun? In Synke Köhlers Lyrikdebüt »waldoffen« stehen wir nicht im Wald, sondern fast ausnahmslos an Gewässern, wie schon die Kapitelüberschriften »Strandläufer« oder »Grenze im Fluß« suggerieren. Die Autorin beschreibt uns den Horizont über dem Meer, Fische, Muscheln und Strände, lädt uns ein zu poetischen Bootstouren. Ihre Zeilen sind ganz leicht dabei, »durch die grünen Flaschen betrachtet // wirkt das Leben hier sehr grün«, und schon möchte man der Autorin ihr eigenes Gedicht vorhalten: »es bleibt kein Eindruck // nicht mal im Sand«. Doch das wäre nicht richtig. Zugegeben, auf den ersten Blick wirken die ungestörten sonnigen Nachmittage weichgezeichnet und kantenlos, und manchmal sind sie das auch. Wozu soll man da mitkommen, wenn doch nichts Besonderes wartet außer Landschaftsbeschau und die Suche nach Surfern in den Wellen? Doch bei genauer Betrachtung werden einige trügerische Idyllen sichtbar: Der Himmel ist nicht blau, sondern »gestochen blau«, Fischer gar nicht erst vorhanden, der Tang modert, und »bemängelt wird das fehlende Flimmern der Luft«. Diese Beobachtungen sind eine Einladung zu intensiver Lektüre, der Spaziergang zum »Strand mit den sandigen // Zungen« scheint interessant zu werden. Erst einmal in das feinmaschige und unprätentiöse Netz der Autorin getappt, bleiben selbst die Umkreisungen zwischenmenschlicher Beziehungen nachvollziehbar, was Köhlers schräger und zugleich sensibler Wahrnehmung zu verdanken ist: »schau dir die Verwesung an // das Meer weckt falsche Erwartungen // (…) wahrscheinlich hat das Meer uns // nie gemeint«. / Peggy Neidel, junge Welt 26.1.

Synke Köhler: waldoffen – Gedichte. Allitera Verlag, München 2011, 76 Seiten, 9,50 Euro

99. Nachwuchspreis

Der Cuxhavener Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik geht in diesem Jahr an Nora Gomringer, José F. A. Oliver aus Hausach erhält den Nachwuchspreis. Die Preise werden laut einer Pressemitteilung am 21. April bei einem Festakt im Stadttheater Cuxhaven verliehen. Die Laudatio auf Oliver wird dabei Nora Gomringer halten.

Eine Jury aus Fachleuten bestimmt den Preisträger. Nach den Vorgaben hat dieser das Recht, einen Nachwuchspreisträger zu benennen. Gomringer, die 2011 bereits Gast beim Hausacher „LeseLenz“ war, sprach sich für Oliver aus, „weil seine Texte ungläubig staunen lassen, sind sie doch uneitel dicht-gepackt mit Sprachfreude und Lebensklugheit“. / Schwarzwälder Bote

Die Preisträgerin Nora Gomringer ist Jahrgang 1980, der Nachwuchspreisträger ist 19 Jahre älter. Das ist schon mal ein Unterschied. Ein zweiter ist das Geld, der Preis bringt € 15.000, der Nachwuchspreis immerhin 5.000. Der wichtigste Unterschied allerdings ist noch nicht benannt. Nora Gomringer wurde von einer bestallten Jury ausgewählt, deren Mitglieder in den von der Stadt Cuxhaven veröffentlichten Richtlinien für die Vergabe des Preises benannt werden. Hinzu kommt ab der zweiten Vergabe der jeweilige Preisträger, das war im Jahr 2010 Wulf Kirsten. Demnach ist die Jury bis auf den Preisträgerplatz anscheinend seit mehr als 10 Jahren konstant besetzt laut Satzung*. In dieser heißt es:

§ 1

Der Joachim-Ringelnatz-Preis soll an Dichterinnen/Dichter vergeben werden, die einen bedeutenden, künstlerisch eigenständigen Beitrag zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur geliefert haben.

§ 2

Selbstvorschläge oder Bewerbungen für den Preis sind nicht zulässig.

§ 3

(1) Die/Der Preisträgerin/Preisträger wird mehrheitlich durch ein fünfköpfiges Preisfindungskomitee bestimmt, das in Cuxhaven zusammentritt und dabei über die Vergabe entscheidet.

(2) Das Preisfindungskomitee setzt sich aus vier berufenen Mitgliedern, der/dem jeweiligen Preisträgerin/Preisträger und einer/einem nicht stimmberechtigten Vorsitzenden zusammen.

(3) Als Mitglieder des Preisfindungskomitees werden berufen: Prof. Heinz Ludwig Arnold (Verleger und Publizist, Göttingen); Prof. Dr. Sabine Doering (Literaturwissenschaftlerin an der Universität Oldenburg); Professor Dr. Hermann Korte (Literaturwissenschaftler); Winfried Stephan (Direktor und Vertreter des Verlegers bei Diogenes, Zürich). Den Vorsitz und das Amt des Sprechers übernimmt Professor Dr. Frank Möbus.

Die vierköpfige Festjury plus variablem fünftem Mitglied haben seit 2002 diese Autoren ausgezeichnet:

1. 2002 Peter Rühmkorf (Nachwuchspreis: Alexander Nitzberg)

2. 2004 Robert Gernhardt (Nachwuchspreis: Thomas Gsella)

3. 2006 Wolf Biermann (Nachwuchspreis: André Schinkel)

4. 2008 Barbara Köhler (ein Nachwuchspreis wurde nicht vergeben)

5. 2010 Wulf Kirsten (Nachwuchspreis: Christian Rosenau)

Alter von Preisträger und Nachwuchspreisträger zum Zeitpunkt der Preisverleihung (grob nach Geburtsjahr ohne Berücksichtigung des Datums gerechnet):

  • 2002: 73 / 33
  • 2004: 67 / 46
  • 2006: 70 / 34
  • 2008: 49 / –
  • 2010:  76 / 30
  • 2012:  32 / 51

Dieser Jahrgang hat also mit Abstand die jüngste Preisträgerin und den ältesten Nachwuchspreisträger. Wer Genaueres über die aktuelle Zusammensetzung der Jury weiß, kann sich ja melden. Transparenz heißt Glasnost.

Der typische Ringelnatzpreisträger ist männlich und um die 70. In zwei Ausreißerjahren kamen Frauen an die Reihe, die durchweg jünger bis viel jünger waren, 30, 40 Jahre jünger. Wenn ich das mit Paragraph 1 der Richtlinien zusammensehe, wurde vor 70, 80 Jahren eine starke Generation geboren, die bis heute Maßstäbe für die „Gegenwartslyrik“ setzt. Abgesehen von ein paar Frauen (eine Frauen- oder Jugendquote wollen wir nicht unterstellen). Vielleicht hat die Festjury ja auch die Schieflage bemerkt und zweimal korrigierend eingegriffen. Oder die variablen Juroren, Biermann und Kirsten („die aus dem Osten“) haben sich stark gemacht?

Wie auch immer: ich halte alle Preisträger für ehrenwert, aber die Jury insgesamt für eher mangelhaft unterrichtet über „Gegenwartslyrik“.  (Natürlich kann und muß Cuxhaven gar nicht ausgleichen, was die Republik nicht auf die Reihe kriegt).

Was diesen Jahrgang betrifft, sehe ich bei allem Respekt vor der Preisträgerin eine ganze Reihe jüngerer und auch älterer Lyrikerinnen und Lyriker, deren Beitrag zur Gegenwartslyrik deutlicher sichtbar ist. Und ich ziehe den Hut vor der Preisträgerin, die mit ihrer Wahl für den „Nachwuchspreis“ nicht zuletzt auf eine Schieflage des Preisbetriebs in Cuxhaven und um Cuxhaven herum aufmerksam macht. Und gratuliere beiden zu Ehre und Kohle, sowieso.

98. Parlandopark

29.01.12 // Eröffnung im Offenen

Der Parlandopark meldet sich zurück im neuen Jahr.

Nach einer etwas längeren Pause lädt der Parlandopark nun einmal im Monat zu Lesungen und Gesprächen.

Eröffnung im Offenen: Nachdem so lang offen war, ob und wie wir zurückkehren, soll auch der erste Abend die Möglichkeit geben, Neues und Fremdes einzubringen. Texte sind erwünscht, wir alle bringen Texte mit und wollen so auch Möglichkeiten für das Jahr 2012 auskundschaften.

Alle sind herzlich eingeladen, gelesen wird, solang die Kraft reicht, danach gefeiert oder geschwiegen.

Kommt zahlreich.**

Es grüßen
Simone Kornappel, Adrijana Bohocki, Steffen Popp und Hendrik Jackson

Studio 8 Grüntalerstr. 8, 13357 Berlin * Wedding S + U Gesundbrunnen
Sonntag, 29. Januar 2012 20:00 Uhr

97. Carl Weissner gestorben

Der Schriftsteller Carl Weissner, der durch seine Übersetzungen der Werke von Charles Bukowski und der Popsongtexte von Bob Dylan und Frank Zappa berühmt wurde, ist nach Informationen des „Mannheimer Morgen“ im Alter von 71 Jahren in Mannheim gestorben. Angehörige fanden Weissner heute Morgen tot in seiner Wohnung. Carl Weissner zählt zum kleinen Kreis von Übersetzern, die sich durch ihre außerordentliche Sprachsensibilität in der Literaturszene einen Namen machen konnten. / Mannheimer Morgen

(DIe Zeitung kündigt für morgen einen Nachruf an)

96. Liebesgedichte vom Land

Steinunn Sigurdardóttir. Die Autorin (Jahrgang 1950) betrat die literarische Bühne einst als Poetin; ihr lyrisches Debüt erschien, als sie neunzehn war. Nun gibt es – parallel zum jüngsten Prosawerk – erstmals einen kompletten Gedichtband der Isländerin auf Deutsch, «Sternenstaub auf den Fingerkuppen» (das Original von 2007 trägt den weniger kitschigen Titel «Ástarljód af landi», «Liebesgedichte vom Land»).

Die Poetin schreibt bald mit Pathos, bald mit Feingefühl, schreibt von Liebessehnen und unerfüllter Liebe, vom Glück der «Herbst-Liebe» und vom Zauber des Beginns. Unerträglich, notiert sie, sei die Vorstellung, «dass jeder Anfang ein Ende nimmt und das Ende des Kusses der Vorläufer eines Lebens ohne Küsse ist». Die Poetin wird ironisch. «An den Allmächtigen, der Liebhaber und Geliebte zuteilt // Bei allem Respekt, bedenke, / dass eine Geliebte / für einen jungen Mann nicht genug ist.» Eine ältere brauche er, eine, die ihm Gedichte zitiert und «die Seele mit dem Strich streichelt, / wie einem verwöhnten Kater», doch für den Abend bitte eine junge «mit blütenzarten Fingern». / Uwe Stolzmann, NZZ 25.1.

Steinunn Sigurdardóttir: Der gute Liebhaber. Roman. Aus dem Isländischen übersetzt von Coletta Bürling. Rowohlt, Reinbek 2011. 223 S., Fr. 27.50. – Sternenstaub auf den Fingerkuppen. Gedichte, isländisch – deutsch, übersetzt von Gert Kreutzer. Mit Aquarellen von Georg Gu∂ni. Kleinheinrich-Verlag, Münster 2011. 160 S., Fr. 48.–.

95. Füller statt Tastatur

Mamata Banerjee ist nicht nur Ministerpräsidentin (Chief Minister) des indischen Bundesstaates Westbengalen, sondern auch eine bekannte Dichterin. In einer Rede zur Eröffnung der Buchmesse Kolkata (Kalkutta) erklärte sie, warum sie weiterhin lieber mit Tinte schreibt. „Schriftsteller müssen es gleich aufschreiben, wenn sie eine Idee haben. Wenn sie eine Tastatur benutzen, geht der Rhythmus ihrer Gedichte verloren,“, sagte die 57jährige. / IBN live

94. Ringelnatz-Preis für Nora Gomringer

Die Lyrikerin Nora Gomringer erhält in diesem Jahr den Cuxhavener Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik. Er gilt mit 15 000 Euro als „eine der“ höchstdotierten Lyrik-Auszeichnungen in Deutschland. [Zum Vergleich: der Peter-Huchel-Preis, der sich gern als namhaftester Lyrikpreis anreden läßt, liegt bei 10.000].

Die Stadt Cuxhaven vergibt den Preis seit 2002 alle zwei Jahre. Bisherige Preisträger sind Peter Rühmkorf, Robert Gernhardt, Wolf Biermann, Barbara Köhler und Wulf Kirsten.

/ news.de

93. Metroman

Dieser deutsche Dichter französischer Sprache wird wohl noch lange eine Verlegenheit bleiben. Die Franzosen haben ihn nie als einen der Ihren anerkannt, trotz der Komplimente von Voltaire, Marmontel und anderen zu seinen Lebzeiten. Und in Deutschland ist er unbekannt geblieben, trotz wiederholter Versuche, ihn durch Übersetzungen zu popularisieren, wie unmittelbar nach seinem Tod, wie zur 200. und jetzt zur 300. Wiederkehr seines Geburtstags. Es scheint, als ob er mit Übersetzungen ins Deutsche nur immer ferner rückte und wir immer weniger verstehen, was diesen unermüdlichen Reime-Schmied, diesen frenetischen Metromanen, wie er sich selber nannte, bewegte. …

Gedichte müssen nicht immer als autonome Kunstwerke verstanden werden, schon gar nicht die rhetorisch wirkungsbezogenen Verse eines Autors, der selber hellsichtig von seiner tudesken und bizarren Muse sprach (‚ma muse tudesque et bizarre‘), von seinem ‚français barbare‘ und der sich lediglich etwas darauf zugutehielt, ‚frei von allen Abhängigkeiten‘ das auszusprechen, was er jeweils wollte.

Liest man heute seine Verse, die in den sechs Bänden ‚Oeuvres poétiques‘ der Preuß’schen Ausgabe von 1854 nicht weniger als 1600 Seiten umfassen, wird man viel Ödland durchmessen müssen, langweilige Reimerei im klassizistischen Stil, steifleinene Gedankenpoesie und langatmige Ergüsse, die häufig der kritischen Kontrolle ermangeln. Man spürt, dass Französisch nicht Friedrichs Muttersprache gewesen ist, sondern eine erlernte Bildungssprache, die er mit einem gewissen Respekt behandelte. / REINHART MEYER-KALKUS, SZ 21.1.

JÜRGEN OVERHOFF, VANESSA DE SENARCLENS (Hrsg.): An meinen Geist. Friedrich der Große in seiner Dichtung. Eine Anthologie. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2011. 336 Seiten, 24,90 Euro. 

 

92. Großschriftsteller

Zweifellos war Valéry, was man einen Großschriftsteller genannt hat, doch im Grunde geht die Charakterisierung an seinen Absichten vorbei. Die Literatur, schreibt er 1917, ‚muss auf einem noch nicht vorstellbaren Grad von Wissenschaftlichkeit ankommen und dann verschwinden‘.

Das ist starker Tobak. Man darf es als das Kunststück seines Lebens bezeichnen, dass es Valéry gelang, für solche Verhöhnungen der bürgerlichen Kunstreligion Respekt erworben zu haben. / RALF KONERSMANN, SZ 16.1.

DENIS BERTHOLET: Paul Valéry. Die Biographie. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs und Achim Russer. Mit einem Vorwort von Jürgen Schmidt-Radefeldt. Insel Verlag, Berlin 2011. 660 Seiten, 39,90 Euro.

91. Kein Themenjobber

Unwiderruflich vorbei ist jedenfalls die Zeit der zu nationalen Institutionen erhobenen «Grossschriftsteller» wie Thomas Mann. Heute geben, als Schrumpfform sozusagen, die fixen «Themenjobber» den Ton an, die sich als fluide Existenzen dorthin spülen lassen, wohin die medialen Gezeiten sie treiben. Zu ihnen gehört «da Schuh Froanz» (wie es in seinem Gedicht «Tod auf Bestellung» heisst) zu unserem Glück nicht. / Oliver Pfohlmann, NZZ 17.1.

Franz Schuh: Der Krückenkaktus. Erinnerungen an die Liebe, die Kunst und den Tod. Verlag Paul Zsolnay, Wien 2011. 255 S., Fr. 27.90.

90. Syntax

«Ich entdeckte eine einfache Wahrheit: Die Grammatik ist das Tor zur Literatur. Wenn du einen Text grammatikalisch analysierst, betrittst du das intime Labor eines Schriftstellers. Nur wer die Syntax beherrscht, der beherrscht auch das Wort»  / Jan Koneffke schreibt in der NZZ über den rumänischen Schriftsteller Ion Vianu, aus dessen Erinnerungen das Zitat stammt.

89. Berliner Journal

Sieglinde Geisel  über einen Auszug aus Frischs «Berliner Journal»:

Eine Zufallsbegegnung mit Wolf Biermann, noch vor dessen Ausbürgerung, ergibt ein funkelndes Kurzporträt: «Biermann redet unaufdringlich, sehr präsent und sensibel, dazwischen seine Kauz-Mienen, ein völlig unverschüchterter Mann, im Staat kaltgestellt, wie man weiss.» In einer späteren Notiz über die erneute Lektüre von Biermanns Werken kommt Frisch zum Schluss, dass diese sich von der Biografie des Autors nicht lösen lassen: «Wenn er in den Westen wechselte, gäbe es keinen Wolf Biermann mehr für alle Zeit.» / NZZ 21.1.